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Anton Tschechow: Kleine Erz - Tsss! . . .
Quellenangabe
typenarrative
booktitleEin bekannter Herr
authorAnton Tschechow
translatorWladimir Czumikow
year1901
publisherEugen Diederichs
addressLeipzig
titleTsss! . . .
pages32-37
created20040715
sendergerd.bouillon
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Tsss! . . .

Iwan Jegorowitsch Krasnuchin, ein Journalist mittleren Ranges, kehrt spät in der Nacht heim, ernst und ungewöhnlich konzentriert. Er sieht aus, als erwarte er eine Haussuchung oder als gehe er mit Selbstmordgedanken um. Nachdem er in seinem Zimmer eine Zeitlang auf und abgegangen, bleibt er stehen, wühlt sein Haar auf und spricht im Tone des Laertes, der seine Schwester rächen will:

»Zerschlagen, müde an Leib und Seele, auf dem Herzen drückender Trübsinn, und mußt Dich dennoch hinsetzen und schreiben! Und das nennt man Leben?! Warum hat noch niemand den qualvollen Zwiespalt beschrieben, der einen Schriftsteller martert, wenn er traurig ist und dennoch die Menge amüsieren muß, oder wenn er lustig ist und auf Bestellung Thränen vergießen muß? Ich muß pikant, gleichgiltig-kühl, geistreich sein, aber stellen Sie sich vor, daß mich der Kummer drückt, oder daß ich, wollen wir sagen, krank bin, daß mein Kind mir stirbt, meine Frau niederkommt!«

Er spricht das alles, indem er die Fäuste ballt und die Augen rollen läßt . . . dann geht er ins Schlafzimmer und weckt seine Frau.

»Nadja«, sagt er, »ich setze mich jetzt an die Arbeit . . . Bitte, daß mich niemand stört. Man kann nicht schreiben, wenn die Kinder heulen und die Köchin schnarcht . . . Sorge auch, bitte, dafür, daß Thee und . . . sagen wir, Beefsteak da ist . . . Du weißt, ich kann ohne Thee nicht schreiben . . . Thee ist das einzige, was mich während der Arbeit aufrecht erhält.«

In sein Zimmer zurückgekehrt, nimmt er Rock, Weste und Stiefel ab. Diese Prozedur wird sehr langsam bewerkstelligt. Darauf verleiht er seinem Gesicht den Ausdruck gekränkter Unschuld und setzt sich an den Schreibtisch.

Auf dem Tisch giebt es nichts Zufälliges, Alltägliches, und jede kleinste Kleinigkeit trägt den Stempel einer reiflichen Überlegung und eines strengen Programms. Kleine Büsten und Photographien berühmter Schriftsteller, ein Haufen Manuskripte, der aufgeschlagene Band eines Musterkritikers, eine Hirnschale, die als Aschenbecher dient, ein Zeitungsblatt, nachlässig zusammengefaltet, aber so, daß man eine mit blauer Bleifeder umrandete Stelle sieht, neben welcher in großen Zügen die Randbemerkung »gemein« prangt. Daneben liegen ein Dutzend frischgespitzter Bleistifte und Federhalter mit neuen Federn, die offenbar der Möglichkeit vorbeugen sollen, daß irgend ein äußerer Einfluß oder Zufall, wie z. B. eine verdorbene Feder, auch nur auf eine Sekunde den freien schöpferischen Flug unterbreche . . .

Krasnuchin wirft sich auf die Lehne des Stuhls zurück und vertieft sich mit geschlossenen Augen in sein Thema. Er kann hören, wie seine Frau mit den Pantoffeln schlurft und die Späne für den Samowar schlägt. Sie ist noch nicht ganz wach, was man daraus schließen kann, daß der Samowardeckel und das Hackmesser ihr immerwährend aus den Händen fallen. Bald läßt sich das Summen des Samowars und das Knistern der Butter beim braten vernehmen. Die Frau hört mit dem Späneschlagen nicht auf und klappert immerfort mit der Ofenthür.

Plötzlich fährt Krasnuchin zusammen, öffnet erschrocken die Augen, und beginnt mit der Nase in der Luft umherzuschnuppern.

»Mein Gott, Ofendunst!« stöhnt er auf, die Stirne leidenvoll runzelnd. »Dunst! Dieses unerträgliche Weib hat sich die Aufgabe gestellt, mich zu vergiften. Nun sagt mir doch einer, wie ich unter solchen Umständen schreiben kann?!«

Er läuft in die Küche und läßt dort einen tragischen Monolog vom Stapel.

Als die Frau ihm nach einiger Zeit, vorsichtig auf den Fußspitzen gehend, ein Glas Thee bringt, sitzt er wie vordem zurückgelehnt, mit geschlossenen Augen, in sein Thema versunken. Er rührt sich nicht, trommelt leise mit zwei Fingern auf der Stirn und thut, als fühle er die Anwesenheit der Frau nicht . . . Sein Gesicht trägt wie vordem den Ausdruck gekränkter Unschuld.

Wie ein junges Mädchen, dem man einen teuren Fächer geschenkt hat, ziert er sich und kokettiert lange mit sich selbst, ehe er sich entschließt, den Titel niederzuschreiben . . . Er drückt sich die Schläfen, krümmt sich und zieht die Beine unterm Stuhl ein, als habe er Schmerzen, oder nimmt eine süß hingegossene Pose an, wie ein Kater auf dem Sofa . . . Endlich streckt er, nicht ohne Schwanken, die Hand nach dem Tintenfaß aus und macht mit einem Gesichtsausdruck, als unterzeichnete er ein Todesurteil, die Überschrift . . .

»Mama, gieb mir Wasser!« hört er die Stimme seines Sohnes.

»Tsss!« macht die Mutter. »Papa schreibt! Tsss . . .«

Papa schreibt schnell, in fliegender Hast, ohne Korrekturen und Pausen, so daß er kaum die Seiten wenden kann. Die Büsten und Portraits der berühmten Schriftsteller sehen auf seine schnell über das Papier laufende Feder herab und scheinen zu denken: ›Hast Du Bruder Dich aber gut eingefuchst!‹

»Tsss!« macht die Feder.

»Tsss!« machen die Schriftsteller, wenn Krasnuchins Knie an den Tisch stößt und sie mit dem Tisch zusammen erzittern.

Plötzlich richtet Krasnuchin sich auf, legt die Feder hin und horcht . . . Er vernimmt ein gleichmäßiges monotones Flüstern . . . Hinter der Wand, in dem Zimmer nebenan, betet sein Mieter Foma Nikolajewitsch.

»Hören Sie!« schreit Krasnuchin. »Können Sie nicht gefälligst etwas leiser beten? Sie stören mich beim Schreiben!«

»Entschuldigen Sie . . .« antwortet schüchtern Foma Nikolajewitsch.

»Tsss!«

Nachdem er fünf Seiten geschrieben, reckt Krasnuchin sich und sieht nach der Uhr.

»Mein Gott, schon drei Uhr!« stöhnt er auf. »Die Menschen schlafen, und ich . . . ich allein muß arbeiten!«

Müde, zerschlagen, das Haupt auf der Seite, geht er in das Schlafzimmer, weckt seine Frau und sagt mit schwacher Stimme:

»Nadja, gieb mir noch Thee! Ich bin . . . erschöpft!«

Er schreibt bis vier Uhr und er würde gerne noch bis sechs schreiben, wenn das Thema nicht versiegt wäre. Das Kokettieren und die Ziererei vor sich selbst und vor den unbelebten Gegenständen, sicher vor jedem indiskreten beobachtenden Auge, der Despotismus und die Tyrannei in einem kleinen Ameisenhaufen, den das Schicksal unter seine Gewalt gestellt hat, bilden das Salz und den Honig seiner Existenz.

Und wie wenig ähnelt dieser Despot hier zu Hause jenem kleinen, demütigen, wortlosen und unbegabten Menschlein, das wir gewohnt sind, in den Redaktionen zu sehen!

»Ich bin so überanstrengt, daß ich kaum einschlafen werde . . .« sagt er, als er sich schlafen legt. »Unsere Arbeit, diese verfluchte, undankbare Zwangsarbeit ermüdet nicht so sehr den Körper, als die Seele . . . Ich müßte Bromkali einnehmen . . . Ja, Gott sieht es, wenn nicht die Familie wäre, würde ich diese Arbeit aufgeben . . . Auf Bestellung schreiben! Das ist fürchterlich!«

Er schläft bis zwölf oder bis ein Uhr mittags, und er schläft fest und gesund . . . O, wie würde er noch ganz anders schlafen, was würde er für Träume sehen, wenn er ein bekannter Schriftsteller, Redakteur oder auch nur Verleger werden könnte!

»Er hat die ganze Nacht durch geschrieben!« flüstert die Frau und macht ein erschrockenes Gesicht, »Tsss!«

Niemand darf weder sprechen, noch gehen, noch irgend ein Geräusch machen. Sein Schlaf ist ein Heiligtum, für dessen Entweihung der Schuldige grausam bestraft würde!

›Tsss!‹ schwirrt es durch die Wohnung.

›Tsss!‹

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