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Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach: Marie von Ebner-Eschenbach: Gedichte - Die Erdbeerfrau
Quellenangabe
typepoem
booktitleVom goldnen Überfluss
authorMarie von Ebner-Eschenbach
year1906
publisherR. Voigtländers Verlag
addressLeipzig
titleDie Erdbeerfrau
pages184-188
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Marie von Ebner-Eschenbach

Die Erdbeerfrau

                      »A loadi's Erdbeer-Jahr, natürli, gel'?
Am Benno-Tag, der Frost, der hat's dawischt!« –
sprach sie mich an und lächelte dazu
mit welkem Mund und wasserblauen Augen,
so harmlos wie ein Kind, die dürre Alte.
    »Recht schlimm für uns, und schlimmer noch für Euch,«
erwidert' ich, »Ihr kommt um den Verdienst,
den besten wohl im Sommer.«
                                                  »Ich? No wiss'ns,
geit's ihrer weni, wern's halt besser zahlt
die Erdbeer, gar die schöni, aus'm G'stoan,
wie ebba selli da!«
                                Sie rückt hinweg
den Deckel ihres Korbs, und drinnen lagen
auf Tannenreislein und auf frischen Blättern
Erdbeeren, duftend und so purpurrot,
daß schon ihr Anblick eine Labung war.
Der Alten bot er wahren Hochgenuß:
»Die wachs'n auf'n Stauf'n, in die Schlucht'n,«
sagt sie und hebt voll Finderstolz ihr Körbchen.
    Ich hätte seinen Inhalt gern erworben;
er war verkauft. Vom Berge kam die Frau
nach langem Tagewerk, war hungrig jetzt,
ein wenig müd' und sehnte sich nach Hause.
»Es warten Eurer,« meint' ich, »Eure Kinder
und kleine Enkel dort.«
                                      »Auf mi' wart koa's,
i bin alloa,« gab sie zerstreut zurück,
und mit der Rechten ihre Augen deckend,
blickt' in die Sonne sie, die goldig flutend
soeben hinter Bergeshöh'n versank.
    »Da schaug'ns hin, zum Zwisl schaug'ns hin,
da bin i morg'n um die Zeit scho g'west.
Gon Ab'nd hoaßt's zur Alm no auffikrabin,
im Heubüh drob'n schlaft ma woltern guat,
und fruh um zwoa geht's ani scho' in d' Staud'n.«
    Und wieder lag auf ihrem greisen Antlitz
das Kinderlächeln, das mich gleich bezwang,
als sie nun sprach von ihren Wanderungen
im Morgendämmer und beim Sonnenaufgang,
durch Waldesdunkel, durch das Felsgeklüft,
und drob so Müdigkeit vergaß wie Hunger.
Ein Jäger nur erzählt mit solcher Freude
von seinen Abenteuern auf der Pirsch,
wie von den ihren sie »beim Erber'-Brocken«.
    Mit stillem Neide horcht' ich. Aus der Not
nicht eine Tugend nur, auch Glück zu machen,
das ist die allerhöchste Lebenskunst.
Ihr freilich mag sie leicht geworden sein,
der schlichten, alten Freundin der Natur,
in diesem Dasein, halb im Traum geführt,
dem Kampf der Welt entrückt, von Leiden frei.
    »G'sund bin i, Gott sei Dank!« schloß sie vergnügt
und zwinkert' nach den glutumsäumten Bergen
voll Liebe hin, »und hon aa' koani Sorg'n.«
»Im Sommer, doch wie sieht's im Winter aus?«
»Mit Gottes Gnad', an diem, a bissel wiescht,
ma hofft halt immer, daß bal' Frühling wird.
An Oaschicks bringt ihm scho' so kloanweis furt.«
»Das ist der Trost der Einsamen,« sagt ich,
»Wie Ihr es seid und wohl von jeher war't?«

Gutmütig, heit'ren Spotts zuckt sie die Achseln
ob meines Irrtums. »Na, von jeher nit,
i hon amal a schön's A'wes'n g'heit,
an braven Mo', fünf Kinder – ja amal!«
»Fünf Kinder? Hab' und Gut? Und steht allein
und arm jetzt in der Welt?... Wie ging das zu?«
»No, schiefri ebba. 's Unglück hat uns hoamg'sucht,
verbrunnen san mer aa',« gab sie zur Antwort
und schien zu denken: »Ei, was kümmert's dich?«
Doch mählich eines Bessern sich besinnend,
hob, leise seufzend, sie von neuem an:
»Vor dreizehn Jahren, – warten's – na, vor achtzehn,
ja wirkli, achtzehn – wie die Zeit vergeht!
da is bei uns das großi Feuer g'west.
In d' Tenna ei'gschlag'n hat der Blitz von Himmi –
und voll mit Troad wie's war, so is verbrunnen,
und aa der Mo', sex Küh', zwoa Kinder, all's
verbrunna.«
                    »Wie? Verbrannt?!«
                                                      »Ja, ja, verbrennt.
Mi selba hat der Nachbar no am Zopf,
der damal armsdick war – wer möcht' dees glaub'n? –
herauszerrt aus die licht'rloh'n Flammen.
Die Gloabiger hon si' den Grund biholten,
und wiar i gang'n, wiar i g'stand'n bin,
so bin i von der Brandg'stätt weiterzog'n.«
    »Mit Euren Kindern?«
                                          »Jo, mit denen drei,
die übri blieb'n san, zwoa Diendln und
an kloan'n Bueb'n,« entgegnet sie gelassen.
    »Und dann? Wie habt Ihr dann Euch fortgeholfen?«
    Sie hob den Kopf empor: »No, ehrli halt.
Viel g'arbeit, viel, und aa' a biß'l bet',
a biß'l nur, denn damaln, wissen's Frau,
da war i bös mit unsern lieben Herrgott,
und bin's aa' blieben no a lange Weil',
denn oans vo meini Diendln is schlecht g'rat'n
und leit da drauß'n  v o r  der Kirchhofmauer,
i mach en Umweg, mueß i dort vorbi.«
    »Die Zweite aber? – Die?«
                                                »Die hat an Bauern,
in Hammerau, an reich'n, is versorgt.«
    »Und sorgt für ihre Mutter, will ich hoffen.«
    »Für mi? Was denken's denn? Sie hat den Mo',
hat ihm ins Haus koan roti Heller bracht
und wird aa' koanen 'naustrag'n – dees hoff' i!«
    »Und euer Sohn?«
                                  »Seidat war'r, Schandarm...
i sag, er war, jetzunder is er tot,
erschoss'n von die Pascher an der Grenz'.
In letzten Hirgscht hon i die Nachricht kriegt.«
    Sie sprach es langsam, leise, unbewegt,
sann noch ein Weilchen; wie ein Lichtstrahl flog's
erhellend freudig über ihr Gesicht.
»Der is mit mir gar oft in d' Erdbeer' ganga,
wier a Bua no wa und später aa',
der hat die Berg so guot gekennt, wiar i.«
    Sie blickte in die Weite, ganz verklärt
vom sanften Glück des lieblichsten Erinnerns
und wandt' zum Gehen sich mit kurzen Gruß.
Da plötzlich hielt sie an. Die lichten Augen
erglänzten wild und stoben Zornesfunken.
An uns vorbeigeschritten kam ein Knabe,
der in der Hand ein Schüss'lein voll mit Beeren,
armsel'gen, halbgereiften, trug. – »Du Lump,«
rief ihm die Alte zu, »kannst's nit derwart'n,
daß d' Erber' rot wer'n, muaßt di greani rupf'n?«
    Mit hocherhobner Faust bedroht sie ihn,
und ein gewaltig Fluchwort flog ihm nach,
als schleunig er und still die Flucht ergriff.
Dann aber ganz erregt vor Schmerz und Grimm
sprach sie: »Dees is mei' allerirgster Kumma,
wenn's d' Erber' brock'n u'reif und kloanleizi,
ma mirkt's ja deutli, 's tuat der Pflanzen weh.
Sie wehrt sie drum, was sie nur ko', die Armi,
just wier a Mutta um ihr liebis Kind,
do' wenn die Frucht recht zeiti wor'n is,
geits 's geduldi her; no jo, sie hat
das ihre redli' to', und denkt ihm halt:
Jetz' werst der endli aa dein Frieden gunna.«
    Da stockte sie und sah mich fragend an,
bestürzt beinah ob dieser Worte Sinn,
der dämmernd nur ihr zu Bewußtsein kam.
    »Wo wohnen's?« sprach sie hastig. »In Sankt Zeno.«
    »Da kimm i lei' an nächst'n Sunnta hin,
und Erber' bring ich Ihna, solchi haben's
no niemal koana gsegn. Bfüt' Ihna Gott!«

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