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Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach: Der Säger - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMeistererzälungen
authorMarie von Ebner-Eschenbach
year1990
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1104-1
titleDer Säger
pages7-28
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1910
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Marie von Ebner-Eschenbach

Der Säger

Erzählung (1910)

Es war am Spätherbstabend nach einer sehr ermüdenden Treibjagd. Man saß schon lange gemächlich im Rauchsalon beim schwarzen Kaffee; den jungen Damen entschwand mehr und mehr die Hoffnung, daß es noch zu einem Tänzchen kommen werde. In schleppendem Tempo drehte sich die Unterhaltung um lauter rasche Dinge: Luftfahrzeuge, Autos, Rennpferde, und geriet endlich – wieso, hätte niemand sagen können – ins Gebiet des Übernatürlichen. Ahnungen, eingetroffene Prophezeiungen kamen an die Reihe; zuletzt tauchten sogar Gespenster auf.

Die Hausfrau zwang sich, ernst dreinzusehen: «Ach die! Von dem Glauben an die Gespenster hat mich schon meine alte Kinderfrau geheilt. Denn, sagte sie, nackt gehen sie nicht, und wer möchte ihnen Kleider machen?»

Einige lachten, andere meinten, das sei eben ein Kinderfrauenscherz, und damit ließe sich «so etwas» nicht abtun.

Ein langer, dürrer Staatsbeamter mit dem Profil einer Krähe faßte die Hausfrau, die bürgerlicher Abkunft war, scharf ins Auge und sprach belehrend: «Gespenstische Erscheinungen sind nichts mehr und nichts weniger als eine Tatsache. Familientraditionen uralter, erlauchter Geschlechter verbergen sie.»

Die liebenswürdige und geistreiche Frau verstand die Belehrung und erwiderte: «Ja, wenn ich nicht so skeptisch wäre! Vielleicht ließe ich dann gelten, daß Familientraditionen gute Bürgen sind. Übrigens – und das ist nun mein Ernst – wenn ein Mensch, Mann oder Frau, ein gebildeter, mutiger, wahrheitsliebender Mensch, der sehr gesund, der weder nervös noch ein Dichter ist, mir sagt: ‹Ich habe mit diesen meinen eigenen Augen ein Gespenst gesehen› – dann glaube ich an Gespenster.» Mit eigenen Augen – nein, dessen konnte sich niemand rühmen; aber der eine berief sich auf das unwidersprechliche Zeugnis eines weltberühmten Gelehrten, der andere hatte einen Freund, die Zuverlässigkeit selbst, der ihm ein Erlebnis mitgeteilt...

«Gilt nicht! Gilt nicht!» unterbrach ihn die Hausfrau. «ich habe meine Bedingung gestellt, und die muß aufs Jota erfüllt werden.»

Da erhob sich eine sonore Stimme. Sie gehörte dem Gutsbesitzer Josef von Justin, einem vierzigjährigen, kräftigen Manne mit dichtem Haar- und Bartwuchs, mit vollen, bräunlichroten Wangen. Wenn er eifrig sprach, schimmerten unter dem weichen Schnurrbart zwei Reihen makelloser Zähne wie hochpoliertes Elfenbein hervor, und von seinen Augen behauptete eine moderne Dichterin, ihr blaues Lachen sei entzückend.

«Gnädige Frau», sagte er, «Muß man das Gespenst durchaus mit eigenen Augen gesehen, darf man es nicht mit eigenen Ohren gehört haben?»

«Man darf. Ich hätte dagegen nichts einzuwenden.»

«Dann will also ich die Gespenstersache führen.»

«Sie, Herr von Justin? Sie ein Gespensterhörer?»

Nun lachten alle, nur er blieb ernst. «Ich, wie ich dasitze und wie Sie mich alle kennen – wahrheitsliebend bis zur Grobheit, nicht feige, nicht nervös, nicht ganz ungebildet...»

Einige höflich berichtigende «Oho!» ertönten; er ließ sich nicht unterbrechen.

«Und wirklich auch kein Dichter. Vater von fünf Kindern, so gesund, prosaisch und phantasielos wie ich selbst. Erscheine ich Ihnen glaubwürdig?»

«Unbedingt», war die allgemeine Meinung, und man wünschte seine Gespenstergeschichte zu hören.

«Nun denn», begann er, «ich war zwanzig Jahre alt...»

«Zwanzig Jahre? O je!»sprach ein junges Fräulein.

«Es ist lange her, meinen Sie, und Sie haben recht. Dennoch entsinne ich mich so genau, als hätte die Sache sich gestern begeben, jeder Einzelheit.»

«Er wird Ihnen auch keine ersparen», fiel seine kleine, behäbige Frau ein, die es schon überflüssig gefunden, daß er seine Kinder prosaisch und phantasielos genannt hatte. «Mein Mann ist kein Schwätzer; wenn er aber diese Geschichte zu erzählen anfängt, wird er sehr, sehr ausführlich, und da gibt es kein i, das um sein Tüpfelchen zu bitten brauchte.»

«Um so besser», sagte die Hausfrau, «die Ausführlichkeit wird das Unheimliche etwas mildern.» «Wie schon gesagt», nahm Justin wieder das Wort, «ich war zwanzig Jahre alt und hatte meine Maturitätsprüfung gut bestanden. Es gelingt manchem Mittelmäßigen nur deshalb, weil ihn kein himmelstürmendes Talent, das nach Ausübung lechzt, im Lernen behindert. Im Herbste sollte ich – mein Vormund befahl's, und ich wünschte es – die Universität Bonn beziehen, vorher jedoch acht Tage auf dem Gute meiner Großtante im nördlichen Mähren zubringen. Die Ferienzeit verrann mit entsetzlicher Schnelligkeit; ich hatte sie auf großen und kleinen Bergtouren in unseren Alpenländern verbummelt. Es war dort so schön, und ich konnte mich reicht losreißen und verschob, verschob die Heimkehr immer wieder, bis für meinen Besuch bei der Tante nur drei Tage übrigblieben. Vorwürfe über meine Unpünktlichkeit brauchte ich von ihr nicht zu besorgen. Sie war ein grandioses altes Fräulein, gescheit, mutig und klar, jeder Art Sentimentalität abhold und vollkommen anspruchslos. Ich verdankte ihr viel, hatte, früh verwaist, meine Kindheit unter ihrer Obhut verlebt, nie besondere Zärtlichkeit, aber immer treue Sorgfalt von ihr erfahren. Nie hat ein Wort aus ihrem Munde mich zur Dankbarkeit gegen sie ermahnt; sie hat mich nie zu einer Rücksichtnahme aufgefordert und Entschuldigungen nahezu gehaßt. Dessen konnte ich gewiß sein, wenn ich geschrieben hätte: ‹Verzeihe, daß ich nicht pünktlich komme›, würde sie geantwortet haben: ‹Mache keine Geschichten und komm, wenn und wann du willst.› So traf ich denn mit dem glorreichsten Gewissen, aber nicht eben rosig gelaunt, aus dem märchenhaft schönen Hochgebirge in der unwirtlichen Gegend meines engsten Vaterlandes ein.

Das burgartige Schlößchen der Großtante lag auf dem Plateau einer steilen Anhöhe, die im Volksmunde der Zuckerhut hieß, von der letzten Eisenbahnstation fünfzehn Kilometer entfernt. Eine armselige Station, auf der ich vom Bahnbeamten erstaunt empfangen wurde. Was – was? Da sei ich nun doch! Man erwarte mich wohl nicht mehr auf dem Schlößchen. Alle die Tage hatten sie von dort einen Wagen geschickt, um mich abzuholen. Heute zum ersten Male keinen.

Da hieß es denn im nächsten Dorfe ein Fuhrwerk auftreiben, das mich und meine Reiseeffekten zum Transport übernähme, und das war nicht leicht, gelang aber endlich doch. Fragt mich nur nicht wie! Die Pferde meines Wagenlenkers erwiesen sich als eingefleischte Schrittgeher. Wir kamen auf den elenden Wegen kaum vom Flecke. Um so mehr beeilte sich die Dunkelheit, an dem verwünschten naßkalten Abend hereinzubrechen. Ich geriet in höchst gereizte Stimmung und ärgerte mich über alles, was mir gerade einfiel. Zum Beispiel, daß ich mich, statt zwischen elenden Sturzfeldern einherzukutschieren, im Ampezzotal befinden könnte oder daß es eigentlich nichts so Tyrannisches gebe wie die anspruchslosen Großtanten mit dem moralischen Zwang, den sie auf feinfühlende Großneffen ausüben. Widerstrebend nur gab ich zu, daß meiner daheim doch auch manches Angenehme warte: der Einzug in meine lieben, trauten Zimmer, das Wiedersehen mit einstigen Spielgefährten aus dem Dorfe, mit den alten Dienern, in erster Reihe unter ihnen mit Rudosch, dem seltsamen, dem armen Rudosch!

Wir langten bei Nacht und Nebel am Fuße des Zuckerhutes an, und wenn mein Koffer nicht gewesen wäre, so hätte ich den Fuhrmann jetzt schon verabschiedet und den Aufstieg per pedes unternommen. Aber ich rief die heilige Geduld an und blieb sitzen. Erst als wir das Plateau erreicht hatten, auf dem, von einer Mauer umgeben, das Schlößchen steht, sprang ich aus dem Wagen, lief auf das Tor zu und vollführte einen Höllenlärm mit dem eisernen Klopfer.

Nach wenigen Minuten kam der dicke Türhüter laut brummend aus seiner Klause angestapft, wußte trotz der Finsternis sogleich, mit wem er's zu tun hatte, und öffnete. Auch der noch dickere Schloßwärter (alle Diener in diesem Hause wurden dick) kam herangerollt, leuchtete mir mit seiner Laterne ins Gesicht und mißbilligte, daß ich mich mit solchem Spektakel und so spät einfände. Das ganze Haus schlafe schon. Natürlich, die alte Turmuhr zeigte eben mit mühsam holpernden Schlägen zehneinhalb Uhr an, und um zehn hatte jedermann die Ruhe zu suchen; ob er sie fand oder nicht, war seine Sache.

Die beiden Damen nahmen meine Bagage in Empfang; ich verabschiedete den verschlafenen Kutscher und die schlafenden Pferde, und der Burgfrieden umfing mich. Wir überschritten den geräumigen Hof, stiegen die Stufen, die zur Torhalle führen, hinauf. Der Schloßwärter zündete die Ampel an und schickte den Pförtner in die Küche, um ein Abendessen für mich zu besorgen. Die Halle ist ein länglicher, gewölbter Raum, von dem aus eine Treppe in das obere Geschoß emporsteigt. Rechts und links führt je eine Tür in die Zimmer des Hochparterres. Die meinen lagen rechts, und vor dem Eingang zu ihnen blieb ich stehen. Der Schloßwärter hatte aber die gegenüberliegende Tür geöffnet und forderte mich auf, in eines der Fremdenzimmer einzutreten.

‹Warum dahin? Warum denn nicht in meine alten Zimmer?›

Ja, das ginge nicht – ja

Ob jemand anders drin wohne, ob sie ausgeräumt wären?

‹Gott behüte – das nicht – ja!›

‹Warum also, warum?› fragte ich nochmals. Und er näherte sich und erwiderte zögernd:

‹Sie hätten keine Ruhe – ja!›

‹Vor wem oder vor was keine Ruhe? Habt Ihr am Ende Ungeziefer drin?›

Nun hatte ich's verschüttet mit dem guten Kiwala, ihn tief gekränkt in seiner Schloßwärterehre. Er setzte seine trotzige Miene auf und fragte herausfordernd:

‹Ungeziefer? Wie meinen?›

‹Ich meine, daß ich in meine Zimmer will›, sagte ich, ging auf die Tür zu, fand sie verschlossen, ärgerte mich und rief: ‹Sperren Sie auf! Sperren Sie sogleich auf!›

Er, ohne Widerrede, plötzlich verstummt, wie immer, wenn er sich bis aufs Blut beleidigt fühlte, holte das Schlüsselbund herbei und hatte eben meinen Befehl ausgeführt, als der Pförtner mit dem Abendessen aus der Küche kam. Mitten in der Halle blieb er stehen und fragte ganz erschrocken: ‹Herr Jesus, wohin denn?›

Der auch? Hatten mich die Herren definitiv ausquartiert? Da mußte ich doch sehen, was es gäbe, zog mein Feuerzeug hervor, machte Licht und trat ins Zimmer. Ich fand die Leuchter an ihrem gewohnten Platz auf dem Schreibtisch neben der Tür, setzte eine der Kerzen nach der anderen in Brand, sah mich um, ging in das anstoßende Schlafgemach, fand alles unverändert und überall die Spuren von Kiwalas bewährtem Reinlichkeitsinn.

Die Diener waren mir gefolgt, der eine schweigend und grollend, der andere bleich und verstört. Auf dem Servierbrett in seinen zitternden Händen klirrten Glas und Geschirr.

Nun machten sie sich an die Arbeit, brachten meine Sachen herein, bestellten den Waschtisch und das Bett. Ich hätte den gekränkten Kiwala gern wieder gut gemacht und suchte ihn in ein Gespräch zu ziehen, während er meinen Koffer auspackte, erkundigte mich nach dem Befinden seiner Frau, seiner Kinder, bekam aber nur einsilbige Antworten; und als ich endlich fragte: ‹Wie geht's meinem Rudosch? War er fleißig, hat er wieder eine Überraschung für mich bereit?›, verzog Kiwala nur den Mund und wechselte mit dem Pförtner einen bedeutungsvollen Blick.

‹Wie geht's meinem Rudosch?› wiederholte ich.

Abermaliges Achselzucken; dann kam es zögernd heraus: ‹Ja, wer weiß, wie's dem geht.›

‹Wieso? Reden Sie doch! Warum weiß man's nicht?›

‹Ja – weil er tot ist, ja.›

‹Tot?... Mein lieber Rudosch gestorben! Wann gestorben?›

‹Im Dezember wird's ein Jahr.›

‹Woran gestorben? Wie gestorben?›

‹Im Rausch. Erfroren auf dem Wege aus dem Wirtshaus. Ja. Im Wald, ja.›

‹Wo im Wald?›

‹Unter den Buchen, wo's zu den Fichten geht, haben sie ihn gefunden.›

‹Und ich wußte nichts, und man hat es mir nicht geschrieben?›

Dem Herrn Vormund hatte man's geschrieben, und er, in seiner unüberwindlichen Scheu vor der Mitteilung einer unangenehmen Nachricht, verschwieg es mir.

Die beiden Diener hatten ihres Amtes gewaltet, ich entließ sie, und sie empfahlen sich.

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