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Wilhelm Hauff: Der Mann im Mond - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Band I
authorWilhelm Hauff
year1970
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05101-1
titleDer Mann im Mond
pages605-824
created20040623
sendergerd.bouillon
firstpub1826
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Das Ständchen

Dem Oberlieutenant von Schulderoff hatte die Demonstration seiner gnädigen Frau Mama zu wohl gefallen, als daß er sich durch den ersten, ziemlich bedeutenden Durchfall, den er überall lieber als vor Präsidents Haus erlebt hätte, abschrecken ließ.

Im Gegenteil, wenn er recht darüber nachsann, so schien ihm die Sache eine glücklichere Wendung genommen zu haben, als er dachte. Schon oft hatte er ja von dem zarten Mitleiden der Mädchen gelesen, und daß aus Mitleid leicht Liebe werde, hatte er an sich selbst erfahren. Einer seiner Kameraden hatte einen Hund gehabt, eine prachtvolle englische Dogge. Dieser war der Fuß abgeführt worden und wie es mit den Invaliden zu gehen pflegt, der Herr Bruder wollte Diana dem Schinder geben. Schulderoff aber bat, von Mitleiden ergriffen, um ihr Leben, erhielt sie als Geschenk und jetzt läuft sie auf allen vieren so gut als zuvor; ihr Herr aber liebt sie, wie man nur einen Hund lieben kann, und das alles aus Mitleiden! So konnte auch ihr Mitleiden bald in Liebe verwandelt werden. Daß sie aber Mitleiden fühle, war gar keine Frage. War sie nicht, als er die verdammte Mähre nicht mehr erreichen konnte, ganz bleich mit dem Kopf zum Fenster hinausgefahren, als wollte sie durch die Tafelscheiben brechen; hatte sie nicht seinem Roß mit einem Jammerblick nachgesehen, der ihm deutlich sagte, daß sie den innigsten Anteil an seiner Fatalität nehme?

Der erste Coup war solchergestalt unglücklich und dennoch glücklich ausgefallen; der zweite sollte um so brillanter werden. Mama hatte auf Nro. 2 im Eroberungsplan die ungemeine Nachtmusik mit den Regimentstrompetern angegeben, sie hatte ihm noch einmal eingeprägt, wie er sich dabei zu gebärden habe, und endlich schritt man an das große Werk.

Schulderoff hatte einige Kameraden, denen auch Rollen von diesem neuen Don Juan zugeteilt worden waren, in ein Weinhaus geführt, wo sie sich gütlich taten, bis der entscheidende Moment kam. Je näher es aber an zwölf Uhr ging, desto besorgter sahen sich die Freunde an, denn Schulderoff hatte, sie wußten nicht wie, einen kapitalen Hips bekommen, daß er allerlei tolles Zeug untereinander vorbrachte. Aber die Kälte draußen konnte ihn schon zur Besinnung bringen, man brach also Schlag zwölf Uhr auf, rief die Regimentsmusik aus einem Bierhaus, wo sie sich versammelt hatte, und fort ging es vor des Präsidenten Haus. Da man voraussetzen konnte, daß Ida schon sanft entschlafen sei, so wurde zum ersten Stück kein Adagio gewählt, sondern das rauschendste Fortissimo, das unter den Dragonern Tagwache oder Reveille genannt wurde, weil die achthundert Dragoner alle Morgen mit diesem Stück aus ihrem sanften Morgenschlummer trompetet wurden. Zu dieser Reveille setzten die zwanzig Trompeter ihre Hörner, Posaunen und Trompeten an, der Stabstrompeter, oder wie er sich lieber nennen ließ, Kapellmeister winkte und in rauschendem Geschmetter, als wollten sie den Jüngsten Tag anblasen, tönte die Reveille durch die stille Mitternacht zu dem einsamen Bettchen Idas und weckte sie aus süßen Träumen. Diese Art von Attension war ihr so ungewohnt, daß sie von Anfang glaubte, es brenne irgendwo im Städtchen, als sie aber nachher deutlich einige Walzer unterschied, so war kein Zweifel mehr, daß es eine Nachtmusik sei, die ihr gelte.

Es war kalt, sie hüllte sich fröstelnd wieder in ihre seidene Decke und dachte unter den lockenden Tönen nach, ob wohl Martiniz auf so unzarte Weise ihr eine Aufmerksamkeit erweisen wolle? nein, der Unglückliche mußte ja der Zeit nach jetzt in der Kirche sein; und er, der sich in allem so zartfühlend, so sinnig bewies, er konnte nicht diese Trompeten zu Organen wählen, um seine Empfindungen auszudrücken; in Walzerchen und Polonäschen, in diesem rauhtönenden Deideldum und Schnirkeldum, konnte Emil seine Liebe nicht ausdrücken.

Jetzt schwieg die Musik, sie hörte Stimmen auf der Straße.

Die Offiziere hatten Schulderoff in den Schein einer Straßenlaterne an eine Mauer gelehnt. Verabredeterweise fingen sie nach dem dritten Walzer an: »Herr Bruder! Schulderoff! wo steckst du denn? ich glaube, die Liebe hat den armen Kerl ganz voll gemacht!«

»Ach Kameraden, mir ist so weh, so weh«, stammelte der begeisterte Liebhaber, dem nur noch ein Teil seiner Rolle beifiel und zwar gerade der Teil, welchen er in seiner jetzigen Lage mit großer Wahrheit spielte, »blast, blast«, rief er dann, und focht mit den Armen in der Luft, »blast, o wären das die schwedischen Hörner und ging's von hier gerade ins Feld des Todes.«

»Wie der Herr Lieutenant befehlen«, antwortete der Stabstrompeter, »frischauf, Nro. 62 die Galoppade!« Und jetzt ging der Tanz von neuem los, daß alle Hunde in der Nachbarschaft laut wurden und die Nachbarn sich beklagten, daß man ihre Nachtruhe störe. Ida war kein Wörtchen des Gespräches entgangen, und sie schämte sich ordentlich, dem Herrn von Schulderoff, der ihr gerade nicht von der empfehlendsten Seite bekannt war, diese Musik zu verdanken. Es schlug ein Uhr, als die Künstler abzogen und von Idas Augen war aller Schlaf gewichen. Sie warf sich hin und her, aber es wollte ihr nicht gelingen, den mohnbekränzten Gott, den Schulderoff so unzarterweise verscheucht hatte, zurückzurufen. Sie ging noch einmal die Bilder dieses Abends und der letzten Tage durch; durfte sie auch mit Recht hoffen, daß sie ihm nicht gleichgültig –

Der Ball? es ist wahr, er hatte immer nach ihr gesehen, aber das bewies nur, daß auch sie immer nach ihm gesehen hatte; konnte ihm nicht ihr wiederholtes Hinsehen aufgefallen sein, konnte er nicht deswegen so oft nach ihr gesehen haben? – Bei dem Souper, ja da war er hinter ihr gestanden, hatte, als sie anstießen auf Liebe und Freude, tief geseufzt, aber durfte sie dies auch auf sich beziehen? konnte ihn, der so unglücklich schien, nicht so manches seufzen machen? – Nachher bei dem Kotillon, ja er errötete, als sie ihn zum Tanz aufzog, aber etwa nur wegen ihr? nicht weil sie die einzige war, die es wagte, ihn aufzuziehen? – Heute abend, als er beim Tee neben ihr gesessen, da hatte er oft sonderbare Winke ihr zugeflüstert: einmal, als man ihn fragte, was ihm an der hiesigen Gegend so anziehend sei, hatte er ihre Hand unter dem Tische gefaßt, sie gedrückt und ihr zugeflüstert: »Ich weiß wohl, darf es aber nicht sagen.« Was konnte er damit gemeint haben? Es war wohl bloße Galanterie gegen sie, als Dame des Hauses.

Schelmchen Ida wußte es wohl, was es war, aber sie belog sich selbst, um immer wieder aufs neue zu zweifeln und zu hoffen. Sie lächelte sich selbst aus über ihren Zweifel; nein, der Hofrat muß mir beichten, sagte sie zu sich und klopfte auf die seidene Decke, der muß beichten; hat er doch so geheimnisvoll getan, als habe der Graf sein ganzes Herz gegen ihn ausgeschüttet, da will ich schon erfahren, ob er mich lie–

Einige rasche, volle Griffe auf einer Gitarre unterbrachen ihr Selbstgespräch; sie setzte sich im Bettchen auf, sie lauschte; ein süßes, melancholisches Adagio wurde gespielt; Ida hatte selbst etwas weniges klimpern gelernt, sie kannte hinlänglich die Schwierigkeit dieses Instruments, wenn es ohne Begleitung der Stimme oder eines andern Instruments die Gefühle in wohlgerundeten vollen Sätzen ausdrücken sollte; aber so hatte sie dieses Instrument nie spielen gehört. Es graute ihr vor diesen fließenden Läufen, wenn sie daran dachte, wie schwer sie seien, und diese vollen runden Klänge, diese melodischen Klagen, die den ärmlichen sechs Saiten entlockt wurden! Wer konnte nur in Freilingen so hinreißend, so süß spielen? Sie huschte schnell in die Pantöffelchen, zog die seidene Mantille um und schlich sich ans Fenster; sollte Mart–

Ja, weiß Gott! seine Zimmer waren noch hell erleuchtet, die Gardinen waren herabgelassen, aber deutlich konnte sie den Schatten eines an den Fenstern auf und ab Wandelnden erspähen. Es war Martiniz; und jetzt gewann sein Spiel erst volle Bedeutung, jetzt verstand sie seine flüsternden Klagen, seine sehnenden Übergänge, die süße Melancholie seiner Moll-Akkorde. Er schwieg, er stand, sie sah deutlich seinen Schatten, er stand ihr gegenüber am Fenster. Ein bedeutungsvolles Vorspiel begann: o wenn er auch singen könnte, wie köstlich, wie wunderschön wäre es, dachte Ida, hüllte sich tiefer in ihr Mäntelchen und setzte sich ans Fenster; ihr Herzchen pochte voll Erwartung. – Er sang, eine tiefe, volle, klare Männerstimme trug eines jener polnischen Nationallieder vor, wie sie schon mehrere gehört hatte, und die jedes fühlende Herz durch ihre Innigkeit, durch ihre sanften Klagen so tief ansprechen; er sang, sie verstand kein Silbchen von den polnischen Wörtern, aber dennoch faßte sie den Sinn so gut als irgendeine polnische Schöne; ach, es waren ja die Töne, die man auf der ganzen Erde versteht, die Klagen der Liebe, die sich nach dem geliebten Gegenstande sehnt, die um Erwiderung fleht, die ihren Schmerz in den flüsternden Tönen der Wehmut ausweint. Tränen stürzten dem liebenden Mädchen aus den Augen, sie schlich sich zurück zu ihrem einsamen Lager, Emils Töne begleiteten sie. Die geheimnisvolle Stille der Nacht, das rätselhafte Leiden des interessanten, unglücklichen Mannes, sein Liebe atmender Gesang, der ja ihr allein in der schweigenden Mitternacht galt, dies alles erfüllte sie mit einer nie gekannten Sehnsucht, es war ein unaussprechliches aber süßes Gefühl der Wehmut und des Glückes; ja sie war geliebt; diese liebewarmen Töne wisperten es ihr in die Seele, sie war geliebt, wahr und innig, wie auch sie liebte; sie preßte ihre weichen Händchen auf das lautpochende Herz, auf die entfesselte Brust, wo es siedete und brannte, als habe das dunkle Feuerauge des Geliebten das wallende Blut wie dürren Zunder angezündet. Verschämt, als könne er durch die finstere Nacht, durch ihre dichten Jalousien zu ihr herübersehen, verhüllte sie das pochende Herzchen, zog die Decke bis an den Mund herauf, preßte die Äuglein zu und flüsterte hinüber in die weichen Töne seiner Laute noch ein herzliches: »Schlaf wohl!«

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