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Heinrich Heine: Almansor - Kapitel 2
Quellenangabe
typetragedy
booktitleSämtliche Werke II
authorHeinrich Heine
year1969
publisherArtemis & Winkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05347-2
titleAlmansor
pages851-852
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1821
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Das Innere eines alten, verödeten Maurenschlosses. Durch die Seitenfenster fallen Strahlen der untergehenden Sonne. Almansor allein.

Almansor:
Es ist der alte, liebe Boden noch,
Der wohlbekannte, buntgestickte Teppich,
Worauf der Väter heil'ger Fuß gewandelt!
Jetzt nagen Würmer an den seidnen Blumen,
Als wären sie des Spaniers Bundgenossen.
Es sind die alten, treuen Säulen noch,
Des stolzen Hauses stolze Marmorstützen,
Woran ich oft mich angelehnt als Knabe.
Oh, hätten unsre Gomeles und Ganzuls,
Abenceragen und hochmüt'ge Zegris,
So treu wie diese Säulen hier, getragen
Den Königsthron im leuchtenden Alhambra!
Es sind die alten, guten Mauern noch,
Die glattgetäfelten, die hübsch bemalten,
Die stets dem müden Wandrer Obdach gaben!
Gastlich geblieben sind die guten Mauern,
Doch ihre Gäste sind nur Eul und Uhu. Er geht ans Fenster.
Still bleibt's! Nur du, o Sonne, hörtest mich;
Mitleidig schickst du mir die letzten Strahlen,
Und streust mir Licht auf meinen dunkeln Pfad!
Du, güt'ge Sonne, hör mein dankbar Wort:
Entflieh auch du nach Mauritaniens Küste,
Und nach Arabiens ewig heitrer Flur; –
Oh, fürchte Don Fernand und seine Räte,
Die Haß geschworen allem schönen Lichte;
Oh, fürchte Donna Isabell, die Stolze,
Die, im Gefunkel ihrer Diamanten,
Allein zu glänzen glaubt, wenn Nacht ringsum;
Oh, flieh auch du den schlimmen, span'schen Boden,
Wo schon gesunken deine Schwestersonne,
Die goldgetürmte, leuchtende Granada! Geht vom Fenster.
Beklommen ist mein Herz, als habe sich
Der untergehnden Sonne Flammenball
Auf diese arme, schwache Brust gewälzt.
Wie morsche, glühnde Asche ist mein Leib,
Und unter meinen Füßen wankt der Boden.
So heimisch ist mir hier, und doch so ängstlich!
Das Lüftchen, das mir lind die Wange kühlt,
Haucht Grüße mir aus längstverschollner Zeit.
In jener Schatten wechselnder Bewegung
Seh ich die Märchen meiner Kinderjahre;
Sie regen sich, und nicken mir, und lächeln
Mit klugen Mienen, und verwundern sich
Daß jetzt der alte Freund so bang, so fremd tut.
Dort schwankt hervor die liebe, tote Mutter,
Und schaut wehmütiglich besorgt, und weint,
Und winkt, und winkt mit ihrer weißen Hand.
Und auch den Vater seh ich dorten sitzen,
Auf grünem Sammetpolster, leise schlummernd.

Er steht sinnend. Es ist ganz dunkel geworden. Man sieht im Hintergrunde eine Gestalt, mit einer Fackel in der Hand, vorüberschreiten.

Welch Nebelbild kam dort vorbeigeflirrt?
War's nur ein Blendwerk, das mich toll umgaukelt?
War's nicht der alte Hassan, der dort ging?
Vielleicht liegt Hassans toter Leib im Grab,
Und nur sein Geist noch wandelt hier als Wächter
Der Burg, die er im Leben treu gehütet?
Es rauscht und rollet dumpf, und immer näher,
Als stiegen meine Väter aus den Gräbern,
Um mir zum Gruß die Knochenhand zu reichen,
Zum Willkommkuß die weißen, kalten Lippen –
Sie kommen schon – Eur Grüßen könnt mich töten –

Mehrere Mauren stürzen hervor mit blanken Säbeln.

Erster Maure:
Das könnte wohl geschehn!

Almansor zieht sein Schwert aus der Scheide:
So komm hervor,
Du wunderreiches, blankes Amulett,
Und schütze mich vor solchen schlimmen Geistern.

Zweiter Maure:
Wie kömmst du, Fremdling, hier in unsre Burg?

Almansor:
Ich geb die Frag zurück, die Burg ist mein,
Und dieser Anwalt Zeigt sein Schwert. soll mein gutes Recht,
Auf eure Haut, mit roten Zügen schreiben.

Erster Maure:
Ei! ei! wenn unser Anwalt Einspruch tut,
Ist seine Zunge nicht von Holz; fürwahr,
Metallvoll klirret seine Eisenstimme.

Sie fechten.

Erster Maure:
Ei! ei! dein Anwalt kommt ja recht in Hitze,
Und seine Rede sprühet Feuerfunken.

Almansor:
Schweig nur, in deinem Blut soll er sie löschen.

Dritter Maure:
Der Spaß geht bald zu End, ergib dich uns.

Hassan, in der linken Hand eine Fackel, in der rechten ein Säbel, stürzt wild herbei.

Hassan:
Ho! ho! habt ihr den Alten ganz vergessen?
Blutrache, wißt ihr ja, ist mein Gewerbe,
Und mir gehört der dort, ich muß ihn töten.

Er ficht mit dem schon ermatteten Almansor; wie er ihn eben niederhauen will, erblickt er das Gesicht desselben beim Scheine der Fackel, und erschüttert stürzt er zu Almansors Füßen.

Allah! Es ist Almansor ben Abdullah!

Almansor:
Das bin ich noch, und du bist Hassan noch;
Steh auf du treuer Diener meines Hauses.
Ein nächtig Blendwerk hat uns hier verwirrt,
Und bald wär mir die Vaterburg zum Grab,
Die alte Wiege mir zum Sarg geworden.

Erster Maure:
Du schienest Spanier durch Barett und Mantel,
Und unser Säbel nur bewillkommt Spanier.

Hassan steht langsam auf und spricht mit strengem Tone:
Almansor ben Abdullah! steh mir Rede:
Wie kömmt dein Leib in diese span'sche Tracht?
Wer hat das edle Berberroß behängt,
Mit dieser gleißend farb'gen Schlangenhaut?
Wirf ab die gift'ge Hülle, Sohn Abdullahs,
Tritt auf das Haupt der Schlange, edles Roß!

Almansor lächelnd:
Du bist der alte Eifrer Hassan noch,
Und klebst noch fest an Farben und an Formen.
Die Schlangenhaut, die schützet wider Schlangen;
So wie die Wolfsfellhülle schützt das Lamm,
Das, wehrlos fromm, die Waldungen durchstreift.
Trotz Hut und Mantel bin ich doch ein Moslem,
Denn in der Brust hier trag ich meinen Turban.

Hassan:
Gelobt sei Allah! Allah sei gelobt!
Legt euch zur Ruhe, Brüder, ich will wachen;
Verjüngt hat plötzlich sich der alte Hassan.

Die Mauren gehn ab.

Almansor:
Wer sind die Männer, die du Brüder nanntest?

Hassan:
Es sind die Reste jener treuen Diener,
Die Allah noch in diesem Land besitzt.
Ach! ihre Zahl ist g'ring, und täglich schmilzt sie;
Derweil die Zahl der Schelme täglich anschwillt.

Almansor:
Wie tief bist du gesunken! O Granada!

Hassan:
Wohl sinken muß die Stadt, wo Doppelfeinde,
Wo drinnen Zwietracht, draußen Arglist, wüten.
Oh! Fluch der Nacht, wo diese Weiberarglist
Mit Männerhabsucht süß gebuhlt; oh! Fluch
Der Nacht, wo das Verderben von Granada,
In solcher Glutumarmung, ward beraten;
Oh! Fluch der Nacht, wo einst ins Brautbett stieg
Don Ferdinand zu Donna Isabella!
Wo solches Paar der Zwietracht Funken schürt,
Da flackert bald in Flammen auf das Haus.
Nicht durch den Speer des kräftigen Leoners,
Nicht durch des stolzen Aragoniers Lanze,
Nicht durch das Schwert kastil'scher Ritterschaft –
Nur durch Granada selber fiel Granada!
Wenn der Erzeuger meuchelt seine Kinder,
Die wehrlos eignen Kinder in der Wiege,
Und wenn der Sohn die frevelhafte Rechte
Entgegenballt dem heil'gen Haupt des Vaters,
Und wenn der Bruder, auf des Bruders Leiche,
Des Thrones blut'ge Stufen frech erklimmt,
Und wenn des Reiches pflichtvergeßne Großen
Ehrlos der Fahne ihres Erbfeinds folgen:
Dann fliehn mit schamverhüllten Angesichtern
Die Engel, die der Hauptstadt Tore hüten,
Und siegreich ziehen ein der Feinde Scharen.

Almansor:
Ich denke noch des unheilschwanger Tags;
Ich stand am Tor des Schlosses unten, plötzlich
Sprengt rasch einher, auf schwarzem Roß, ein Reiter.
Wild, und verstörten Blicks, und atemlos
Fragt er nach Vater. Schnell die Trepp hinauf –
Und in des Vaters offne Arme sank er.
Da sah ich erst, es war der gute Ali –

Hassan bitter:
Der gute Ali!

Almansor:
»Ali, sprich, was bringst du?«
Sprach schnell mein Vater. – Oh, da stürzten Bäche
Blutdunkler Tränen über Alis Wangen,
Und schluchzend sprach er: »In Granada haben
Don Ferdinand und Isabell den Einzug
Gehalten, unterm Schalle der Drommeten,
Und König Boabdil hat ihnen knieend
Die Schlüssel überreicht auf goldnem Becken,
Und auf Alhambras Turm steht aufgepflanzt
Kastiliens Fahne und Mendozas Kreuz.«

Hassan hält sich die Augen zu:
Oh! eine Gnade nur verlang ich, Allah!
Lösch aus in meinem Hirn dies Bild des Greuels!

Almansor:
Noch schwebt mir's vor, wie dieser Botschaft Blitz
In jedem Mund die Zunge kalt gelähmt.
Bleich, stumm und stieren Blickes stand mein Vater,
Die Arme hingen lang und schlaff herab,
Die Kniee schlotterten, und wie er hinsank,
Erhub sich Weiberjammer und Geheul.

Hassan:
Lösch aus in meinem Hirn dies Bild des Greuels!

Almansor:
Da schloß mich an sein Herz der gute Ali;
Hielt mir besorgt die nassen Augen zu,
Um mir des Jammers Anblick zu verbergen,
Und zog mich fort, und hub mich auf sein Roß –

Hassan bitter lächelnd:
Und trug dich fort nach seinem hübschen Schloß,
Wo dich empfing die liebliche Zuleima,
Und dir die Träne aus dem Aug gelächelt,
Vielleicht geküßt –

Almansor:
Du boshaft saurer Hassan!
Vergiß nicht, daß ich noch ein Knabe war.
Auch irrst du dich, Zuleimas Augenstrahlen
Vermochten's nicht mein nasses Aug zu trocknen.
Ich stahl mich heimlich fort aus Alis Schloß,
Und war in wen'gen Stunden hier zurück.
Hier auf dem Boden wälzte sich mein Vater,
Sein Kleid zerrissen, Asche auf dem Haupt,
Und wildzerrauft des Bartes weiße Locken.
Hier neben ihm lag weinend meine Mutter,
Mitsamt den Dienerinnen schwarz verschleiert.
Und wenn es still ward, und nur eine Stimme
Aufseufzend rief das Wort »Granada!« so
Ergoß sich doppelt laut die alte Klage.

Hassan weinend:
Versieget nie, ihr ew'gen Tränenquellen!

Almansor:
Sieh nicht so kläglich aus, du alter Hassan.
Weit besser kleidet dich der Löwentrotz,
Mit dem du, harnischglänzend, waffenklirrend,
Zu uns Erstaunten tratest in den Saal.
Ich seh dich noch, wie du zum Vater sprachest:
»Ich kann nicht länger dienen dir, Abdullah,
Dieweil mein Gott jetzt seines Knechts bedarf.«
Und festen Gangs verließest du das Schloß,
Und seit der Zeit sah ich dich niemals wieder.

Hassan:
Zu jenen Kämpfern hatt ich mich gesellt,
Die ins Gebürge, auf die kalten Höhn,
Mit ihren heißen Herzen sich geflüchtet.
So wie der Schnee dort oben nimmer schwindet,
So schwand auch nie die Glut in unsrer Brust;
Wie jene Berge nie und nimmer wanken,
So wankte nimmer unsre Glaubenstreue;
Und wie von jenen Bergen Felsenblöcke
Öfters herunterrollen, allzerschmetternd,
So stürzten wir von jenen Höhen oft,
Zermalmend, auf das Christenvolk im Tal;
Und wenn sie sterbend röchelten, die Buben,
Wenn ferne wimmerten die Trauerglocken,
Und Angstgesänge dumpf dazwischen schollen,
Dann klang's in unsre Ohren süß wie Wollust.

Doch hat solch blutigen Besuch erwidert
Unlängst Graf Aquilar mit seinen Rittern.
Der hat zum letzten Tanz uns aufgespielt;
Und beim Geschmetter gellender Trompeten,
Bei der Kanonen dumpfem Paukenschalle,
Beim Kehrausfiedeln kastilian'scher Klingen,
Und bei der Kugeln lustig hellem Pfeifen,
Flog jählings mancher Maure in den Himmel,
Und wen'ge nur entrannen wir dem Tanzplatz.

Doch sprich, Almansor, wie erging es euch?
Mit jenen Freunden floh ich jüngst hierher,
Und fand nur öde Säle, und betrübt
Sahn auf mich nieder diese kahlen Wände,
Und traur'ge Ahnung gab das traur'ge Schloß.

Almansor:
Verlange nicht ein Klagelied, laß schlummern
Die lieben Toten und Almansors Schmerzen.
Du sahst ja damals, wie auf schwarzem Roß
Der gute Ali hergebracht das Unglück.
Nie kommt das Unglück ohne sein Gefolge!
Tagtäglich kamen aus Granada schlimmre
Botschaften her; und wie der Wandrer schnell
Sich mit dem Antlitz auf den Boden wirft,
Wenn ihm entgegenweht der glühnde Samum,
So stürzten wir oft weinend hin zur Erde
Daß uns der Kunden gift'ger Hauch nicht töte.
Bald hörten wir vom Abfall unsrer Priester,
Der Morabiten und der Alfaquis; –

Hassan:
Gibt's irgendwo 'nen Glauben zu verschachern,
So sind zuerst die Pfaffen bei der Hand.

Almansor:
Bald hörten wir daß auch der große Zegri,
In feiger Todesangst, das Kreuz umklammert;
Daß vieles Volk dem Beispiel Großer folgte,
Und Tausende ihr Haupt zur Taufe beugten; –

Hassan:
Der neue Himmel lockt viel alte Sünder.

Almansor:
Wir hörten daß der furchtbare Ximenes,
Inmitten auf dem Markte, zu Granada –
Mir starrt die Zung im Munde – den Koran
In eines Scheiterhaufens Flamme warf!

Hassan:
Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher
Verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.

Almansor:
Am Ende kam die allerschlimmste Botschaft: Stockt.
Daß auch der gute Ali Christ geworden. Pause.
Da quoll kein Tropfen aus des Vaters Augen,
Kein Klagelaut entstahl sich seinem Mund,
Kein Haar entraufte er dem greisen Haupte; –
Nur seine Antlitzmuskeln zuckten krampfhaft,
Und wildverzerrt, und schneidend brach hervor
Aus seiner Brust ein gellendes Gelächter.
Und wie ich mich mit leisem Weinen nahte,
Ergriff's wie Wahnsinnwut den armen Vater.
Er zog den Dolch und nannt mich »Schlangenbrut«
Und wollt mir schon die Brust durchstoßen – plötzlich
Zog sich's wie sanfter Schmerz um seine Lippen.
»Du, Knabe, sollst die Schuld nicht büßen«, sprach er,
Und wankte fort nach seiner stillen Kammer.
Dort saß er schweigend, ohne Speis und Trank,
Drei Tage lang. Doch wie er da hervorkam,
Schien er wie umgewandelt. Ruhig war er,
Befahl den Knechten: all sein Hab und Gut
Auf Maultier' und auf Wagen aufzuladen;
Befahl den Weibern: uns mit Wein und Brot,
Für eine lange Reise zu versorgen.
Als das geschehn, nahm er in seine Arme,
Und trug es selbst, das allerbeste Kleinod
Die Rolle der Gesetze Mahomets,
Dieselben alten, heil'gen Pergamente,
Die einst die Väter mitgebracht nach Spanien.
Und so verließen wir der Heimat Fluren,
Und zogen fort, halb zaudernd und halb eilig,
Als wenn es unsichtbar, mit weichen Armen
Und schmelzend lieber Stimm, uns rückwärts zöge,
Und dennoch Wolfsgeheul uns vorwärts triebe.
Als wär's ein Mutterkuß beim letzten Scheiden,
So sogen wir begierig ein den Duft
Der span'schen Myrten- und Zitronenwälder;
Derweil die Bäume klagend uns umrauschten,
Wehmütig süß die Lüfte uns umspielten,
Und traur'ge Vöglein, wie zum Lebewohl,
Uns stumme Wandrer stumm umflatterten.

Hassan:
Ihr hieltet fest in euren treuen Händen
Den besten Wanderstab, der Väter Glauben.

Almansor:
Wo Tariks Fuß zuerst dies Land betrat,
Setzten wir schleunig über nach Marokko,
Wohin die Besten unsres Volkes flohn.
Doch als wir landeten, erblich die Mutter,
Und legte still ins Grab ihr müdes Haupt.

Hassan:
Von rauher Hand versetzt in fremden Boden,
Hat welken müssen solche zarte Lilie.

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