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Michael Georg Conrad: Die gute Haut - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
booktitleLenzesfrische, Sturm und Drang
authorMichael Georg Conrad
year1996
publisherBuchendorfer Verlag
addressMünchen
isbn3-927984-55-8
titleDie gute Haut
pages145-152
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1890
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Michael Georg Conrad

Die gute Haut

(1890)

1.

So hatte ihn also seine Ahnung nicht betrogen, den braven Xaver Bernhuber. Im Gegenteil. Die Wirklichkeit übertraf seine schlimmsten Befürchtungen. So miserabel hat er sich's aus der Ferne selbst in den grauesten Stunden des Londoner Nebels nicht auszumalen vermocht.

Und so sehr er darunter litt, weil er sich nicht Rats wußte, es dünkte ihm unmöglich, die Schrecken seiner Heimkehr ins Elternhaus durch einen neuen Auszug in die Fremde aus seinem Leben zu verbannen. Darüber war nicht mehr wegzukommen. Das saß einmal fest in seinen Nerven.

Zudem, von allem übrigen abgesehen, sein Pate und ehemaliger Lehrherr war auch nicht der Mann, mit sich spaßen zu lassen, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt.

Die harte Nuß mußte auf alle Fälle geknackt werden.

Da gab's kein Davonlaufen.

Also so weit war er. Der Punkt stand fest. Hier lag sein Schicksal.

Die Heimat forderte ein schweres Opfer von ihm.

Fünf Jahre war Xaver in Frankreich, vier Jahre in England in verschiedenen Geschäften als Arbeiter tätig gewesen.

Als tüchtig gelernter Schuhmacher und anstelliger Kopf war es ihm ein leichtes, in allen möglichen Zweigen der Lederverarbeitung sich zurechtzufinden und sich als gewissenhafter Handwerker nützlich zu machen. Auch hatte er, sozusagen als Erbteil aus der Münchner Luft, Geschmack und künstlerischen Sinn überall zu erweisen vermocht, wo die Umstände ihm höhere, als die gewöhnlichen zünftigen Aufgaben stellten.

Mit kurzen Unterbrechungen hatte er in der Fremde immer Arbeit gefunden. Sein Lebensunterhalt war überall gesichert, zumal er äußerst bescheiden in seinen persönlichen Bedürfnissen geblieben war. Bald als eigentlicher Schuhmacher, bald als Sattler, bald als Säckler, einmal sogar in einem feinen alten Fabrikgeschäft für lederne Polstermöbel stand er in lohnender Arbeit.

In diesem Fabrikgeschäfte hat's ihm am besten gefallen, und es wäre für ihn Aussicht gewesen, hier immer höher zu kommen, hätte sich seine Fertigkeit im Zeichnen nicht als unzulänglich erwiesen. Diesem Mangel war leider in der Eile nicht abzuhelfen. Und als einmal eine Absatzkrise in Sicht war und zur Beschränkung der Produktion eine Anzahl fremder Arbeiter zur Entlassung ausgemustert wurde, befand er sich unter den Ausgemusterten. Er mußte sein Bündel schnüren. Der Abschied von dem schönen Geschäft wurde ihm sehr schwer.

Nicht ohne Bitternis gedachte er damals des langen Schulzwanges, den er als armer Junge sieben harte Jahre in der Volksschule der Vorstadt über sich hatte ergehen lassen müssen.

Was hatte ihm diese endlose Schulzeit eingebracht? Neben den vielen praktisch überhaupt nicht verwertbaren Geschichten und Sprüchen aus der Bibel, dem Katechismus, den Heiligen- und Fürstenlegenden, neben den zusammenhangslosen Kenntnisfetzen aus Natur- und Weltgeschichte und Geographie in lauter öden Namen, Zahlen und Phrasen hat sie ihm nicht einmal so viel Zeichenfertigkeit verschafft, daß er ohne äußerste Mühe und mit sicherem Ergebnis auf der Grundlage der Schule hätte weiterlernen können. Zum Glück hatte er eine natürlich geschickte Hand und ein gutes Auge, sonst wäre das Resultat noch elender gewesen. Aber was half ihm später der Jammer über die Schulstümperei, die die kostbarste Jugendzeit mit unnützem Kram vertrödelt und gerade jene Unterrichtsfächer, die für das Arbeiterleben die wichtigsten sind, am schlechtesten betreibt? Er fluchte wohl über die blinde Ergebenheit seines Vaters, der in allem im Althergebrachten und Unzulänglichen gehorsam stecken blieb und in allen Notlagen, die meist die Folgen einer blinden Ergebenheit waren, sich und die Seinen mit der Redensart trösten wollte: »Es muß halt so sein.«

Mußte es wirklich so sein? Waren keine Mittel ausfindig zu machen, dem armen Jungen eine bessere Schulung angedeihen zu lassen?

Das war das einzige Mal, daß Xaver bittere Not in der Fremde litt, Not des Leibes und der Seele, als er, der unermüdliche, strebsam Arbeiter, wegen nicht genügender Fähigkeit aus jenem alten englischen Geschäfte für lederne Polstermöbel entlassen wurde. Da fühlte er sich schmachvoll an die Luft gesetzt. Und es war die längste Arbeitspause, die er nun über sich ergehen lassen mußte. Um sie abzukürzen und in der Riesenstadt nicht in der Untätigkeit zu verkommen, nahm er schließlich die gemeinsten Handarbeiterdienste an, die sich gerade boten.

Nach neunjährigem Wandern und Kämpfen im Auslande sollte er sich endlich zur Heimkehr entschließen. Es ginge daheim nicht mehr ohne ihn, ließ ihm der Vater schreiben. Und merkwürdigerweise drängte auch sein Pate und ehemaliger Lehrherr. Er schickte ihm sogar das Reisegeld.

Xaver verhehlte sich's nicht, daß ihm dieser Schritt nach rückwärts in keiner Weise erwünscht war.

Wie er die Sache in seinen Gedanken wenden und drehen mochte, es sah nicht viel Gutes heraus. Je mehr er sie erwog, desto größer wurde sein Unbehagen.

Nein, das Wiedersehen daheim, in der Münchner Vorstadt, und am Ende gar das Wiedereinleben in die alten, engen, schlechten Verhältnisse stimmte nicht zu dem Plan, den er sich von seiner Zukunft gemacht. Sehnsucht hatte er, ehrlich gestanden, niemals empfunden, keinerlei Heimweh, zuweilen eine Art Neugier und den Wunsch, die Leute daheim einmal, wie vom Himmel geschneit, plötzlich zu überraschen. Aber dann kehrtum und fort! Hinaus aus der heimatlichen Hoffnungslosigkeit!

Er war ja doch auch über alles Sonstige hinausgewachsen in der langen Zeit.

Auch seine Genossen, und es war manch ein welterfahrener, kenntnisreicher Mann darunter, rieten ihm ab. Er solle sich doch nicht von dem Alten zum Narren halten lassen! Was Vaterland! Was Geburtshaus! Nichts als Larifari für den modernen Arbeiter. Der nehme sein Vaterland an der Schuhsohle mit, und wo es ihm gut gehe, da soll er sein Zelt aufschlagen, und wenn's ihm schlecht gehe, auf, in die weite Welt hinaus, so weit die Beine tragen!

Xaver hörte diesen großsprecherischen Reden freilich nicht mit begeistertem Einverständnis zu. Er kannte seine Natur. Auf die Weltstürmerei war sie gerade nicht angelegt. Kein Heldenfeuer lohte in seiner Brust, ihm den Kampf ums Dasein in lockender Verklärung zu zeigen. Er hatte in seiner Jugend zu viel Not erlebt und zu viel unüberwindbares Elend gesehen.

Was die Zeitungen über Deutschland schrieben, gewährte kein reizendes Bild. Nicht bloß die sozialdemokratischen, die er manchmal von er manchmal von einem Kollegen in London zugesteckt erhielt, auch die bürgerlichen englischen Blätter zeigten die Entwicklung des Reiches in einem sehr trüben Licht. Es wurde einem eiskalt, wenn man gewisse Geschichten las. Die ewigen Verfolgungen, Unterdrückungen, Verhetzungen, Ausweisungen, das zweierlei Maß für Reich und Arm, für Militär und Zivil und so vieles andere, was sich erst aus der Ferne unbefangen beurteilen läßt – nein, je weiter davon, desto besser.

Besonders ein älterer Genosse riet ihm heftig ab: »Nur nicht ins Deutsche Reich zurück, wer einmal die freie Luft Englands geatmet hat. Von dem wahrhaften alten Deutschtum, das wir in Erinnerung haben, lebt in dem preußischen Militärstaat blutwenig, viel mehr davon findet man noch in England und Holland. Im Reich Bismarcks und seiner Ausnahmegesetze kann kein klassenbewußter Arbeiter schnaufen, geschweige sich als ganzer Mensch fühlen. Er wird ausspioniert, verfolgt, gehetzt, sobald er eine selbständige Meinung von sich gibt, die den anderen nicht in ihren Kram paßt. Er hat keine frohe Stunde mehr. Kummer und Ärger sein Leben lang. Nein, das tut nicht gut. Schreiben Sie Ihren Leuten ab. Die sind neun Jahre ohne Sie zurecht gekommen, und nun sollen Sie sich opfern und den Nothelfer machen? Ich an Ihrer Stelle würde mir den Luxus schenken. Was wollen Sie denn in Deutschland anfangen? Da braucht man Soldaten, keine Arbeiter. Der Soldat frißt dem Arbeiter das Brot weg. Zu Reichtum werden Sie da drüben nicht kommen, zu Rang und Stellung auch nicht -«

Diese spöttische Wendung verdarb ein wenig die Wirkung der langen Rede. Xaver empfand sie beinahe wie eine persönliche Kränkung. Zwischen dem getretenen und verachteten Hungerleider und dem reichen Protzen gab's wohl auch im Deutschen Reich noch eine Stufenleiter, wo ein ehrlicher Kerl Platz suchen konnte, ohne verrückt zu sein.

Ein anderer Genosse, ein Norddeutscher, ein verkrachter Studierter, der in England den ganzen Buchgelehrtenwahn über Bord geworfen und als tüchtiger Praktiker das Leben von vorn angegriffen hatte, bemerkte zu Xavers Heimkehrschmerzen: »Nee, Männeken, det überlegen Sie sich wohl mit 'n Kopp und mit die Beene. Nach Deutschland? Fauler Zauber. Det is schon dem ollen Humboldt klar jeworden, der uns Jelehrten den weisen Spruch hinterlassen hat: ›In Deutschland gehören netto zwei Jahrhunderte dazu, eine Dummheit abzuschaffen, eins, um sie einzusehen, und eins, um sie zu beseitigen.‹ Nee, mein Jutester, wollen Sie mir nicht glauben, so tun sie dem Onkel Humboldt den Jefallen, der war wirklicher Jeheimrat und Professor und kannte den Rummel. Und seit Humboldts Zeiten sind die Dummheiten erst recht üppig jewachsen im Reich, det is das wahre jelobte Land dafür.«

»Eigentlich bin ich geborener Bayer!« warf Xaver mit komischem Berichtigungseifer dazwischen.

»Jeborener oder unjeborener, mit Jot oder Ypsilon, mit die Extrawurst is auch 'rum. Respekt vor Bayern und seinem echten Bier, aber bleiben Sie man mal schön ruhig bei uns in London, bei Porter und Ale, und werden Sie nich' gleich sentimental, wenn Muttern daheim was Menschliches passiert, oder die jeliebte Schwester graue Haare, aber keenen Mann kriegt, der sie unter die Haube bringt, oder der werte Herr Papa sich ins Privatleben des Armenhauses zurückzieht, um dort mit Ehren seine Altersrente zu verzehren – Nee, pfeifen Sie einen Yankeedoodl auf die janze deitsche blümerante Familienromantik, aber derbe. Sie bleiben hier, Sie sind ja ein janz netter Mensch, trotz Ihrem Bayern, und damit basta.«

*

Aber es half nichts. Er blieb nicht.

Es kamen neue Briefe, die ihm das Blut erhitzten. Die Briefe vom Paten in Sonderheit. Die quollen über von Vorstellungen, Bitten und Verheißungen. Er konnte es zuerst gar nicht fassen. So viel Wärme des Familiensinns und der persönlichen Teilnahme hatte er ihm nie zugetraut. Aber da stand's schwarz auf weiß. Die Postanweisung auf das Reisegeld lag daneben.

Und da konnte Xaver auch kein Barbar sein. Und er grübelte und empfindelte so lange, bis er die innigen Verwandtschaftsgefühle wieder in seiner Brust entdeckte. Er fühlte wahrhaftig, wie die Bande des Blutes, die ihn an die alte Heimat und an das trostlos armselige Elternhaus fesselten, wieder straffer wurden.

Darüber half die radikalste Redensart seiner neumodischen Genossen nicht hinweg.

Zwar, diese Empfindung war immer mit dabei, daß in diesen neun Jahren manche ererbte Anschauung verblaßt und vertrocknet war, manche alte Lebensansicht, die daheim wie Gold gegolten, Glanz und Schimmer verloren hatte. Allein – trotzdem. Seine Natur hatte keine Ruhe mehr. Sogar das Gewissen raunte ihm zu, daß es jetzt oder nie die Erfüllung kindlicher Pflichten gelte. Ja, daß er sich seinem Paten gegenüber in alter und neuer Dankesschuld befinde.

Und Lene, die stolze Meisterstochter? Nun, der konnte sich Xaver als weitgereister Mann nach neun Jahren auch wieder einmal vorstellen. Das würde gar nicht so übel sein. Er hatte sich sicher nicht zu seinem Nachteil verändert. Viel feiner wär's freilich noch, wenn sie ihn hier in seiner Londoner Umgebung sehen könnte, als daheim, im Rahmen seiner elterlichen Armut –

Ja, darauf kams jetzt vor allem an, die Probe auf die Wahrheit aller dieser traurigen Berichte zu machen, die aus dem Elternhause kamen. Mit seinen eigenen Händen mußte er diese bösen Zustände greifen, sozusagen, an seinem eigenen Leibe mußte er sie erleben.

Sonst gab's keine klare Rechnung. Auch nicht zwischen seiner Person und seinen Geschwistern und Verwandten. Er mußte endgültig wissen, was sie ihm und er ihnen noch sein konnte. Neun Jahre! Zeit genug, daß sich alles durch die Haut durch veränderte. Da reichte kein Schreiben aus. Im unmittelbaren persönlichen Zusammensein konnte nur Klarheit kommen.

Recht betrachtet, war also diese Heimreise eine Bilanz der Kraft. Diesen Vergleich hatte der norddeutsche Genosse gemacht und damit den Gesichtspunkt gefunden, von dem aus Xavers Abgang von England noch die annehmbarste Rechtfertigung hatte.

»Die Schuppen werden Ihnen bald von den Augen fallen. Staunen werden Sie, was Sie in diesen neun Jahren weg- und zugelernt haben in der Schule des fremden Lebens, einfach staunen. Und die daheim, auf ihren alten Eselsbänken, dito. Glück zur Fahrt!«

Und er kehrte England mit sehr gemischten Gefühlen den Rücken – aber der Entschluß war unerschütterlich. Wie ihm die Sinne scharf, das Herz fest geworden, das hatte sich jetzt zu erweisen.

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