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Johann Wolfgang von Goethe: Johann Wolfgang Goethe: Gedichte - Weissagungen des Bakis
Quellenangabe
typepoem
booktitleGedichte, I. Theil
authorWolfgang von Goethe
yearca. 1885
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleWeissagungen des Bakis
pages172-175
created20040416
sendergerd.bouillon
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Weissagungen des Bakis.

Seltsam ist Propheten Lied,
Doppelt seltsam, was geschieht.

1.

                  Wahnsinn ruft man dem Calchas, und Wahnsinn ruft man Cassandren,
    Eh' man nach Ilion zog, wenn man von Ilion kommt.
Wer kann hören das Morgen und Uebermorgen? Nicht Einer!
    Denn was gestern und eh'gestern gesprochen – wer hört's?

2.

Lang und schmal ist ein Weg. Sobald du ihn gehest, so wird er
    Breiter; aber du ziehst Schlangengewinde dir nach.
Bist du an's Ende gekommen, so werde der schreckliche Knoten
    Dir zur Blume, und du gieb sie dem Ganzen dahin.

3.

Nicht Zukünftiges nur verkündet Bakis, auch jetzt noch
    Still Verborgenes zeigt er als ein Kundiger an.
Wünschelruthen sind hier, sie zeigen am Stamm nicht die Schätze,
    Nur in der füllenden Hand regt sich das magische Reis.

4.

Wenn sich der Hals des Schwanes verkürzt und mit Menschengesichte
    Sich der prophetische Gast über den Spiegel bestrebt;
Läßt den silbernen Schleier die Schöne dem Nachen entfallen,
    Ziehen dem Schwimmenden gleich goldene Ströme sich nach.

5.

Zweie seh' ich! den Großen! ich seh' den Größern! Die Beiden
    Reiben mit feindlicher Kraft Einer den Andern sich auf.
Hier ist Felsen und Land und dort sind Felsen und Wellen!
    Welcher der Größere sei, redet die Parze nur aus.

6.

Kommt ein wandernder Fürst auf kalter Schwelle zu schlafen,
    Schlinge Ceres den Kranz stille verflechtend um ihn;
Dann verstummen die Hunde; es wird ein Geier ihn wecken,
    Und ein thätiges Volk freut sich des neuen Geschicks.

7.

Sieben gehn verhüllt, und Sieben mit offnem Gesichte.
    Jene fürchtet das Volk, fürchten die Großen der Welt;
Aber die Andern sind's, die Verräther! von Keinem erforschet;
    Denn ihr eigen Gesicht birget als Maske den Schalk.

8.

Gestern war es noch nicht, und weder heute noch morgen
    Wird es, und jeder verspricht Nachbarn und Freunden es schon;
Ja, er verspricht es den Feinden. So edel gehn wir in's Neue
    Säclum hinüber, und leer bleibet die Hand und der Mund.

9.

Mäuse laufen zusammen auf offnem Markte; der Wandrer
    Kommt auf hölzernem Fuß vierfach und klappernd heran.
Fliegen die Tauben der Saat in gleichem Momente vorüber:
    Dann ist, Tola, das Glück unter der Erde dir hold.

10.

Einsam schmückt sich zu Hause mit Gold und Seide die Jungfrau;
    Nicht vom Spielgel belehrt, fühlt sie das schickliche Kleid.
Tritt sie hervor, so gleicht sie der Magd; nur Einer von Allen
    Kennt sie; es zeiget sein Aug' ihr das vollendete Bild.

11.

Ja, vom Jupiter rollt ihr, mächtig strömende Fluthen,
    Ueber Ufer und Damm, Felder und Gärten mit fort.
Einen seh' ich! Er sitzt und harfenirt der Verwüstung;
    Aber der reißende Strom nimmt auch die Lieder hinweg.

12.

Mächtig bist du! gebildet zugleich, und Alles verneigt sich,
    Wenn du mit herrlichem Zug über den Markt dich bewegst.
Endlich ist er vorüber. Da lispelt fragend ein Jeder:
    War denn Gerechtigkeit auch in der Tugenden Zug?

13.

Mauern seh' ich gestürzt, und Mauern seh' ich errichtet,
    Hier Gefangene, dort auch der Gefangenen viel.
Ist vielleicht nur die Welt ein großer Kerker? und frei ist
    Wohl der Tolle, der sich Ketten zu Kränzen erkiest.

14.

aß mich ruhen, ich schlafe. –»Ich aber wache.« – Mit nichten!–
    »Träumst du?« – Ich werde geliebt! –»Freilich, du redest im Traum!« –
Wachender, sage, was hast du? – »Da sieh nur alle die Schätze!« –
    Sehen soll ich? Ein Schatz, wird er mit Augen gesehn?

15.

Schlüssel liegen im Buche zerstreut, das Räthsel zu lösen:
    Denn der prophetische Geist ruft den Verständigen an.
Jene nenn' ich die Klügsten, die leicht sich vom Tage belehren
    Lassen; es bringt wohl der Tag Räthsel und Lösung zugleich.

16.

Auch Vergangenes zeigt euch Bakis; denn selbst das Vergangne
    Ruht, verblendete Welt, oft als ein Räthsel vor dir.
Wer das Vergangene kennte, der wüßte das Künftige; Beides
    Schließt an Heute sich rein als ein Vollendetes an.

17.

Thun die Himmel sich auf und regnen, so träufelt das Wasser
    Ueber Felsen und Gras, Mauern und Bäume zugleich.
Kehret die Sonne zurück, so verdampfet vom Steine die Wohlthat:
    Nur das Lebendige hält Gabe der Göttlichen fest.

18.

Sag', was zählst du? – »Ich zähle, damit ich die Zehne begreife,
    Dann ein anderes Zehn, Hundert und Tausend hernach.« –
Näher kommst du dazu, sobald du mir folgest. – »Und wie denn?« –
    Sage zur Zehne: Sei Zehn! Dann sind die Tausende dein.

19.

Hast du die Welle gesehen die über das Ufer einher schlug?
    Siehe die zweite, sie kommt! rollet sich sprühend schon aus!
Gleich erhebt sich die dritte! Fürwahr, du erwartest vergebens,
    Daß die letzte sich heut ruhig zu Füßen dir legt.

20.

Einem möcht' ich gefallen! so denkt das Mädchen; den Zweiten
    Find' ich edel und gut, aber er reizet mich nicht.
Wäre der Dritte gewiß, so wäre mir dieser der Liebste.
    Ach, daß der Unbestand immer das Lieblichste bleibt!

21.

Blaß erscheinest du mir, und todt dem Auge. Wie rufst du
    Aus der innern Kraft heiliges Leben empor?
»Wär' ich dem Auge vollendet, so könntest du ruhig genießen;
    Nur der Mangel erhebt über dich selbst dich hinweg.«

22.

Zweimal färbt sich das Haar; zuerst aus dem Blonden in's Braune,
    Bis das Braune sodann silbergediegen sich zeigt.
Halb errathe das Räthsel! so ist die andere Hälfte
    Völlig dir zu Gebot, daß du die erste bezwingst.

23.

Was erschrickst du? –»Hinweg, hinweg mit diesen Gespenstern!
    Zeige die Blume mir doch, zeig' mir ein Menschengesicht!«
Ja, nun seh' ich die Blumen, ich sehe die Menschengesichter. –
    Aber ich sehe dich nun selbst als betrognes Gespenst.

24.

Einer rollet daher; es stehen ruhig die Neune:
    Nach vollendetem Lauf liegen die Viere gestreckt.
Helden finden es schön, gewaltsam treffend zu wirken;
    Denn es vermag nur ein Gott Kegel und Kugel zu sein.

25.

Wie viel Aepfel verlangst du für diese Blüthen? – »Ein Tausend;
    Denn der Blüthen sind wohl zwanzig der Tausende hier.
Und von Zwanzig nur Einen, das find' ich billig.« – Du bist schon
    Glücklich, wenn du dereinst Einen von Tausend behältst.

26.

Sprich, wie werd' ich die Sperlinge los? so sagte der Gärtner:
    Und die Raupen dazu, ferner das Käfergeschlecht.
Maulwurf, Erdfloh, Wespe, die Würmer, das Teufelsgezüchte? –
    »Laß sie nur Alle, so frißt Einer den Anderen auf.«

27.

Klingeln hör' ich: es sind die lustigen Schlittengeläute.
    Wie sich die Thorheit doch selbst in der Kälte noch rührt!
»Klingeln hörst du? Mich däucht, es ist die eigene Kappe,
    Die sich am Ofen dir leis' um die Ohren bewegt.«

28.

Seht den Vogel! er fliegt von einem Baume zum andern,
    Nascht mit geschäftigem Pick unter den Früchten umher.
Frag' ihn, er plappert auch wohl, und wird dir offen versichern,
    Daß er der hehren Natur herrliche Tiefen erpickt.

29.

Eines kenn' ich verehrt, ja angebetet zu Fuße;
    Auf die Scheitel gestellt, wird es von Jedem verflucht.
Eines kenn' ich, und fest bedruckt es zufrieden die Lippe;
    Doch in dem zweiten Moment ist es der Abscheu der Welt.

30.

Dieses ist es, das Höchste, zu gleicher Zeit das Gemeinste:
    Nun das Schönste, sogleich auch das Abscheulichste nun.
Nur im Schlürfen genieße du das, und koste nicht tiefer;
    Unter dem reizenden Schaum sinket die Neige zu Grund.

31.

Ein beweglicher Körper erfreut mich, ewig gewendet
    Erst nach Norden, und dann ernst nach der Tiefe hinab.
Doch ein andrer gefällt mir nicht so; er gehorchet den Winden
    Und sein ganzes Talent lös't sich in Bücklingen auf.

32.

Ewig wird er euch sein der Eine, der sich in Viele
    Theilt, und Einer jedoch ewig der Einzige bleibt.
Findet in Einem die Vielen, empfindet die Vielen, wie Einen;
    Und ihr hab den Beginn, habet das Ende der Kunst.
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