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Charlotte Niese: Die Geschichte von einem, der nichts durfte - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorCharlotte Niese
booktitleMeisterwerke neuerer Novellistik - Fünfter Band
titleDie Geschichte von einem, der nichts durfte
publisherMax Hesses Verlag
seriesMeisterwerke neuerer Novellistik
volumeFünfter Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081022
projectid13aa15d5
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Charlotte Niese

Die Geschichte von einem, der nichts durfte

Die Kleinstädter nannten den alten Grafen den Herrn Darfich. Und der Name war auch sehr bezeichnend, denn wie ein schüchternes Fragezeichen ging der alte Herr durch die Straßen des Städtchens; vorsichtig und mit leisem Tritt schlängelte er sich an den Häusern entlang, und wem er begegnete, dem wich er in weitem Bogen aus. Nicht, wie man anfangs geglaubt hatte, aus Hochmut, sondern aus reiner Bescheidenheit. Dadurch zeichnen sich ja nun die deutschen Grafen gewöhnlich nicht gerade aus; er bildete aber eine Ausnahme von der Regel, ohne daß ihm die Menschen dafür dankbar waren. So ist es immer: die größten Verdienste werden nicht belohnt. Übrigens wäre der alte Graf auch sehr erstaunt gewesen, für irgend etwas Anerkennung zu finden, denn er war nie in seinem Leben gelobt oder belohnt worden. Man erzählte sich, daß er in seiner Jugend nur mit großer Mühe soviel gelernt habe, daß er ein kleines Hofamt bekleiden konnte, und seine Kenntnisse waren immer in sehr bescheidnen Grenzen geblieben. Es gab Leute, die behaupteten, er stünde mit der deutschen Orthographie auf gespanntem Fuße, und, was für einen Grafen ein Kapitalverbrechen war, er verstünde kein Französisch. Jedenfalls versäumte er es, seine Unterhaltung durch Einstreuen kleiner französischer Sätze anmutiger zu machen, was man von einem gewesenen Höfling doch verlangen konnte, und wenn er Fremdwörter gebrauchte, so wandte er sie fast immer verkehrt an. Das war aber entschieden ein Zeichen von Unbildung. Alle die Grafen und Barone, die in der kleinen Stadt auf ihren Lorbeeren ruhten, sagten, man könne mit dem Grafen Darfich nicht umgehen, und die andern Leute sprachen es ihnen nach. So kam es, daß der arme Graf fast gar keinen Umgang hatte, und daß ihm seine große Bescheidenheit, die ihm seinen Beinamen eingetragen hatte, auch nichts half. Und er sprach doch so gern, er hätte doch auch gern in der Weinstube gesessen und mit den Herren über die Tagesfragen geschwatzt: ob der König von Dänemark nach Holstein kommen würde oder nicht, und ob die Gräfin Danner in seiner Begleitung sein oder ob sie zu Hause bleiben würde. Über diese Sachen hätte unser Graf ebensogut reden können wie seine Standesgenossen. Weil aber kein Mensch ihn nach seiner Meinung fragte, so sah er ein, daß er sich an andrer Stelle Freunde suchen müsse, wenn er welche haben wollte. Und so kam denn die Freundschaft mit Krischan.

Man kann nicht behaupten, daß Krischan zur Aristokratie des Städtchens gehört hätte. Er war in seinem Privatverhältnis Kutscher beim Posthalter, roch sehr nach Pferden, und der Gebrauch eines Taschentuchs war ihm fremd geblieben. Aber er hatte ein gutes Herz und empfand Mitleid mit dem alten einsamen Grafen. Die Bekanntschaft der beiden in ihren Lebensstellungen so verschiednen Männer hatte die Gemahlin des Grafen, die Frau Gräfin vermittelt. Denn zu einer Frau hatte es Darfich doch gebracht, allerdings zu seinem eignen, großen Erstaunen. Denn er wußte bis auf den heutigen Tag nicht, wie er zu der langen, hagern, sehr hochmütigen und energischen Lebensgefährtin gekommen war, die sein kleines Vermögen verwaltete und ihm mitunter Taschengeld gab. Das Wundern half aber gar nichts, die Frau Gräfin war nun einmal seine natürliche Leiterin geworden, und da sie sich nur sehr selten um ihren Gatten bekümmerte, so konnte man diese Ehe eine sehr glückliche nennen. Wie war es aber denn gekommen, daß die Gräfin ihrem Gemahl einen Freund in Gestalt von Krischan verschafft hatte? Nun, das war so gekommen.

Die Frau Gräfin fuhr öfters aus und benutzte dazu den zweitbesten Wagen des Posthalters. Die beste Kutsche, die erst zwanzig Jahre alt sein sollte, fuhr der Posthalter selbst; die zweite, von deren Alter nicht gesprochen wurde, war Krischans Domäne, und wenn er oben auf dem Kutschbock saß, kam er sich sehr stattlich vor. Er trug dann seinen besten braunen Düffelrock, auch im Sommer, eine Pelzkappe mit Schirm und ein rotes Tuch um den Hals. Er fand sich selbst wunderhübsch in dieser Kleidung, und wenn er vor dem Häuschen hielt, wo Graf und Gräfin Darfich wohnten, dann kam der Graf bald heraus und sah ihn voller Bewundrung an.

Die ersten Male, als Krischan vor der Tür hielt, hatte sich der Graf damit begnügt, auf der Bank vor dem Hause zu sitzen und unverwandt die Kutsche und ihren Lenker anzustarren, bis seine Frau aus der Tür kam und einsteigen wollte. Dann mußte Darfich den Wagenschlag aufreißen, was manchmal nicht ganz leicht war, und nach vollbrachter Tat seiner Gattin beim Einsteigen helfen. Der Wagentritt war hoch und die Tür eng; da dauerte es also eine ganze Weile, bis sich die Gräfin auf dem Vordersitz zurecht gesetzt, sich in ihre Decke gewickelt und das Riechfläschchen in die Hand genommen hatte. Endlich war alles in Ordnung, und wenn der Graf den Schlag so zugeworfen hatte, daß er nicht sofort wieder aufsprang, dann durfte Krischan hü! rufen und mit der Peitsche knallen. Die Pferde zogen allmählich an, und die Kutsche rollte langsam davon, wahrend der Graf noch lange vor der Haustür stehen blieb und dem Gefährt nachblickte.

So war es die ersten Male gewesen. Allmählich aber überwand der Graf seine angeborne Schüchternheit und begann mit Krischan zu sprechen, wenn dieser vor der Tür hielt. »Krischan,« sagte er eines Tags, als dieser schon eine Zeitlang gewartet hatte; »Krischan, weiß Er, ob ich mit darf?«

Der Kutscher schüttelte den Kopf. »Ick glöw nich, Herr Graf. Wat Ehr Fru is, de mag dat nich.«

Der Graf seufzte. »Ich liebe sonst das Ausfahren, und im Wagen ist Platz!«

»Das woll!« Krischan verzog ein wenig sein allezeit ernsthaftes Gesicht und besann sich auf einen Rest Hochdeutsch, der noch irgendwo in seinem Gehirn saß. »Das woll; wenn ich abers Ihnen wär', dann würd' ich liebers zu Hause bleiben!«

»Warum?« fragte der Graf. Krischan aber antwortete nicht und knotete an seiner Peitsche. Erst nach einer Weile sagte er: »Sie is swer ausn Wagen zu kriegen, weil die Tür ein büschen eng is. Muß allens von rückwärts gehen, und sie peddt ümmer mitn Fuß an die Trittens vorbei, weil daß sie von hinten nich sehen kann. Die Badientens von die Güters, wo wir Besuch machen, die haben da ordentlich Arbeit von!«

»Ich mag aber gern fahren,« sagte der Graf bekümmert. »Früher, als ich noch ein Knabe war und auf dem Gute meines Vaters lebte, da –« » Monsieur le comte!« rief plötzlich eine scharfe Stimme hinter ihm, und der Graf fuhr zusammen. In der Tür stand die Frau Gräfin und hinter ihr das Mädchen, fast in Reisedecken vergraben. Beide Damen sahen den armen Darfich so entrüstet an, daß er eiligst an den Wagenschlag stürzte und ihn mit der Kraft der Verzweiflung aufriß.

» Oui Madame!« sagte er dabei, atemlos vor Schreck. Das war der einzige französische Satz, den er sprechen konnte, und mehr wurde auch nicht von ihm verlangt. Die Gräfin stieg nun mit den schon erwähnten Schwierigkeiten ein. Als aber Krischan mit ihr davonfuhr, hatte sie ihren Gatten schon wieder gänzlich vergessen und sah sich nicht ein einziges Mal nach ihm um. Er aber stand noch lange und sah dem Wagen nach.

Auf diese Weise wurden der Graf und Krischan allmählich Freunde. »Weiß Er, ob ich mitdarf?« Diese Frage mußte der Kutscher noch oft mit seinem: »Ick glöw nich!« beantworten, und an diesen Anfang knüpfte sich bald eine längere oder kürzere Unterhaltung, je nachdem die Gräfin den Kutscher warten ließ.

Bald aber schien es, als wenn die behagliche Ruhe Krischans dem Grafen etwas mehr Selbständigkeit gäbe. Eines Tages erschien er in der Remise des Posthalters und saß lange auf einer Deichsel, während Krischan die Wagen reinigte. Er sah dieser Arbeit mit so viel Vergnügen zu, daß der Knecht eine Art Rührung über den vornehmen Mann empfand und gegen ihn etwas mitteilsamer wurde.

»He hett nix to dohn und en gräsliche Fru!« sagte er nachher zu seinem Herrn, dem Posthalter. »Is en beten verdreiht; he duert mi abers!«

»Denn vertell em man en beten und lett em sitten, wo he sitt!« erwiderte der Posthalter, und seit der Zeit hatte der Graf eine Heimstätte gefunden. In der dunkelsten Remisenecke stand eine kleine Bank; auf der saß er wohl stundenlang und beobachtete die verschiednen Hantierungen seines Freundes. Krischan gehörte nicht zu den schnellsten Arbeitern, und so dauerte es oft sehr lange, ehe alle Wagen der Remise gereinigt waren. Der Graf ging aber erst weg, wenn die Arbeit getan war. Hin und wieder tat er wohl auch eine schüchterne Handreichung, wobei er dann regelmäßig: »Darf ich!« sagte. Aber er durfte nich. »O jemineh!« rief Krischan dann, gutmütig erschrocken. »So was geht nich, Herr Graf! Da sind Sie zu fein zu; einen leibhaftigen Grafen kann ich nich mitn Stalleimer in Hand sehen!«

Dann seufzte der Graf und setzte den Eimer wieder hin. »Nein, ich darf wohl nicht – das ist gegen jede Kontenance. Ich weiß!« Und dann setzte er sich wieder auf seinen dunklen Platz und betrachtete seine feingepflegten Hände.

»Ich habe nie etwas gedurft!« sagte er noch einmal, und Krischan nickte gemütlich.

»Ja, ja, das is nu nich anders. Wer will sin fien, de mutt liden Pien! Ein Grafen is kein gewöhnlichen Menschen, der allens darf! Der muß bloß fein sein un muß den Kopp hoch tragen und muß bannig stolz sein, sonsten is er kein ordentlichen Graf! Wenn Sie ein büschen aufstehn wollten, wär's gut, denn ich muß das Eck mal ausfegen!«

In den ersten Monaten seiner Bekanntschaft mit Krischan sprach der Graf wenig und begnügte sich mit dem Zusehen. Allmählich aber wurde er zutraulicher, und wenn es ihn auch betrübte, niemals selbst etwas tun zu dürfen, so fand er sich doch in die Rolle des müßigen Zuschauers. Er war es in seinem Leben ja auch nicht anders gewohnt gewesen.

Krischan seinerseits begann für den stillen, allzeit freundlichen Herrn ein gewisses Wohlwollen zu empfinden und sich in der Remise nach ihm umzusehen. Auch freute er sich, wenn er mit seiner Kutsche vor der Tür des Grafen halten konnte, obgleich ihm die beständige Frage des letztern: »Weiß Er, ob ich mit darf?« nachgerade leid tat.

»Ich will Sie mal was sagen, Herr Graf,« sagte er eines Tages vertraulich zu ihm, als dieser wieder beim Wagenspülen zusah, »da is ganz gewiß kein Pläsier bei, mit die Frau Gräfin zu fahren. Sie is ganz un gar nich mein Gesmack, wenn Sie es nich für ungut nehmen wollen, und ich weiß, daß die meisten Leute ihr nich leiden mögen. Was Trinkgeld is, weiß sie ganz und gar nich, und die Wagens hat sie noch alle nich bezahlt, was doch unrecht is. Und wenn der Posthalter Ihnen nich so gern leiden möcht, denn könnt Frau Gräfin lange lauern, bis daß sie wieder ausfahren könnt. Nix für ungut, Herr Graf; ich mein man bloß!«

Ob der Graf diesen überraschend langen Redefluß von Krischan ganz verstand, war nicht zu bemerken. Er sagte: »Darf ich?« und setzte sich dann nieder. Krischan erwartete auch keine Antwort. Er hatte eben im drittbesten Wagen ein leeres Mäusenest gefunden und betrachtete die Überbleibsel eines friedlichen Familienglückes mit nachdenklicher Miene. Daher achtete er auch nicht auf den Grafen, der nach einigem Räuspern zu sprechen begann, weil ihm diese Achtlosigkeit Mut gab.

»Ich wollte sie auch eigentlich nicht heiraten,« sagte er; »aber die Mama wünschte es. Die Partie war standesgemäß. Auf dem Gute meines ältesten Bruders diente ein kleines Hausmädchen –« er stockte und sah vor sich nieder.

Krischan hatte aber nur das letzte Wort gehört und nickte zerstreut. »Hausmädgen! O, die können nüdlich sein!«

»Ich wollte sie heiraten,« begann der Graf wieder, und Krischan ließ die große Wagenbürste, die er in der Hand hielt, beinahe fallen.

»O du mein Heiland, wie konnten Sie doch man bloß an so was denken, Herr Graf! Sie und ein Hausmädgen – das durften Sie doch nich!«

»Nein, ich durfte es nicht!« sagte der Graf, mit dem Ausdruck gänzlicher Hoffnungslosigkeit. »Alles, was ich wollte, das durfte ich nicht. Ich wollte so gern Landmann werden, aber die Mama sagte, ich dürfe nicht Verwalter oder Inspektor werden, und mir selbst ein kleines Gut zu kaufen, dazu hatte ich kein Geld.«

»Was Ihr Mutter war, die is ein vernünftige Frau gewesen,« bemerkte Krischan. Er bürstete jetzt eifrig die schadhafte Polsterung der drittbesten Kutsche, und eine Wolke von Staub umgab ihn. Der Graf hustete unwillkürlich, dann fuhr er fort: »Die Mama sagte, der König müsse für mich sorgen, weil ich aus so vornehmer Familie sei. Da bin ich denn an den Hof gekommen.«

»Is das, wo der König wohnt?« fragte Krischan, und als der Graf nickte, lächelte Krischan wohlwollend: »So is recht! Son feinen Mann gehört in den König sein Sloß!«

»Aber die Herrschaften mochten mich doch nicht besonders gern,« erwiderte der Graf zögernd. »Ich kann keine Konversation machen, und sie sagten, ich hätte nicht Verstand genug, mein Amt weiter zu verwalten!«

»Da hört nu doch allens auf!« rief Krischan entrüstet. »Kein Verstand genug? Du liebe Zeit, was doch allens von'n Minschen heut verlangt wird! Wenn ein ein Graf is, denn braucht er doch auch nich noch Verstand zu haben; das is doch warraftigen Gott nich nötig!«

Der Graf lächelte ein wenig über den Zorn seines Freundes, und doch schien er ihm wohlzutun. Er setzte sich förmlich etwas fester auf die Holzbank und blickte freier um sich. »Hier ist es sehr gemütlich!« sagte er, »darf ich jeden Tag wiederkommen?«

Mit dieser Frage beschloß er jedesmal seine Unterhaltung mit Krischan und versank dann hinterher in ein stundenlanges Schweigen. Auch heute sagte er nichts mehr, und als er nach einer Weile ging, begab sich Krischan zu seinem Posthalter. »Herr,« sagte er, »de ohl Graf hätt mi hüt wat vertellt. Verdreiht is he, abers watt sin Fru is, da hett he keen schuld an, de is em opsnackt worrn!«

»Dat hebb ick mi all dacht!« murmelte der Posthalter. Er stopfte sich gerade seine kurze Pfeife und besorgte dies Geschäft mit großem Ernst. Dann hob er den Kopf. »Hör, Krischan, lat den ohl Mann man ganz geruhig in de Remis sitten und stör em nich. Und wenn he döstig Durstig. utseiht, denn hal em en Glas Beer!«

»Ick hebb em seggt, dat de Fru Gräfin de Wagens nich betahlt!« bemerkte Krischan befriedigt.

Aber der Posthalter nahm die brennende Pfeife aus dem Munde: »Wat schall dat bedüden? Da kann he doch nix vör. Lat em tofreden, un wenn se wedder schickt, denn spann den drüttbesten Wagen an!«

»De stött bannig!« lachte Krischan, und dann schwieg er für den Rest des Tages.

So war es gekommen, daß der Graf Darfich, der in seinem ganzen Leben eigentlich niemals etwas gedurft hatte, nun doch eine Stätte gefunden hatte, wo er freundlich aufgenommen wurde. Seine Standesgenossen vergaßen ihn und seinen Beinamen, und selbst die andern Kleinstädter erkannten ihn kaum, wenn er schüchternen Schrittes die Straße hinabging, um sich in die Wagenremise zu begeben.

Es ist wohl möglich, daß seine Frau hin und wieder ein Paar Worte mit ihm wechselte; sie verkehrte aber so eifrig mit einigen auf dem Lande wohnenden Verwandten, daß sie ihren Gatten fast ganz darüber vergaß. Das war wenigstens die Ansicht derer, die das sonderbare Paar noch hin und wieder beobachteten.

Nach einigen Jahren gehörte der Graf so vollständig zum Inventar der Wagenremise, daß er an allem, was in ihr geschah, den lebhaftesten Anteil nahm, so viel, als er überhaupt zeigen konnte. Heute war nun ein großer Tag, denn der Posthalter hatte sich zum Ankauf eines neuen Wagens entschlossen! Es war allerdings keine Kutsche, sondern ein schwarzlackierter Leichenwagen, der auf dem Ehrenplatze in der Remise stand; aber gerade dieser hatte der kleinen Stadt gefehlt, und der Posthalter hoffte mit ihm ein gutes Geschäft zu machen. Er selbst stand, die kleine Pfeife im Munde und die Hände in den Taschen, behaglich lächelnd vor seinem neuen Erwerb, und neben ihm standen mehrere seiner Freunde. Denn in der kleinen Stadt war selbst der Ankauf eines Leichenwagens etwas Erfreuliches. Da stand der verantwortliche Schriftleiter, Verleger und Drucker des städtischen Wochenblattes, der schon im Geiste einen Artikel über diese »Errungenschaft der Neuzeit« schrieb, da stand ein älterer Arzt, dem die schnellere Beförderung seiner Patienten nach dem Kirchhofe auch Freude zu machen schien; und in der dunkeln Ecke befand sich natürlich auch der Graf. Mit andächtigem Entzücken hingen seine Augen an dem kohlschwarzen Gefährt, das durchdringend nach Lack duftete.

Der Posthalter schlug ihm gutmütig auf die Schulter. »Nu, Herr Graf, wenn ich mit diesen Wagen Ihre Frau abholen laß, denn sagen Sie nich zu Krischan: Weiß Er, ob ich mit darf?«

Die andern lachten, aber der Graf sah den Sprecher zweifelnd an. Es dauerte immer eine Zeit, bis er den harmlosesten Witz verstanden hatte, und für den eben geäußerten hatte er gar kein Verständnis.

»Ob ich wohl einmal mit diesem schönen Wagen fahren darf?« äußerte er schüchtern.

»Nu natürlich!« rief der Posthalter, herzhaft lachend, und: »Ganz gewiß!« versicherte der Doktor.

Da setzte sich der Graf wieder auf seine kleine Bank, und seine Augen glänzten vor Freude. Die andern sahen einander spöttisch an, bloß Krischan, der etwas abseits stand, lachte nicht. Er kannte seinen Freund jetzt zu genau. Er wußte, daß der Graf nur glücklich war, weil er zum ersten Male in seinem Leben etwas durfte.

In den folgenden Monaten hatte der Graf wenig Interesse an den Kutschen des Posthalters. Nur die Fahrten des Leichenwagens beschäftigten ihn, und Krischan, dem die Leitung dieses Gefährts anvertraut war, mußte ihm haarklein erzählen, wen er damit befördert hatte. Es war gerade eine ungesunde Zeit, und der Posthalter machte wirklich ein gutes Geschäft mit dem neuen Wagen. Auch in die Umgegend, auf die Güter und Dörfer wurde er verlangt, und Krischan hatte viel zu tun. Dann berichtete er dem Grafen in seiner einsilbigen Weise, wo er gewesen war, wen er gefahren hatte, und der Graf hörte aufmerksam zu. Zum Schluß fragte er regelmäßig: »Nicht wahr, ich darf doch auch mit dem Wagen fahren?« – eine Frage, die ihm von Krischan und vom Posthalter regelmäßig aufs eifrigste bejaht wurde. Und weil diese Frage so häufig wiederkehrte und beiden trotz ihrer Gutmütigkeit doch lächerlich wurde, so nannten sie im Scherz den Leichenwagen »den Grafen sein Wagen«.

Der nächste Frühling brachte einige kalte Tage, in denen die Ärzte des Städtchens viel zu tun hatten. Als an einem regnerischen Morgen der Posthalter vor seiner Tür stand, kam der Besitzer und Drucker des Wochenblattes vorüber. Er trug ein Päckchen unter dem Arm, und sein Gesicht sah sehr zufrieden aus. »Zweihundert Todesanzeigen hab' ich drucken müssen!« – so redete er den Posthalter an. Der rauchte noch ein Weilchen weiter, dann fragte er schläfrig: »Wer is nu an die Reihe?«

»Na, das weißt du nicht? Der alte Graf, der immer bei dir und bei Krischan herumsaß, der ist gestern gestorben. Plötzlich und unerwartet, steht in der Anzeige, und die tiefgebeugte Witwe hat's unterzeichnet. Willst eine haben?«

Der Posthalter hatte die Pfeife aus dem Wunde genommen und sah unverwandt in den grauen Himmel. »Nee!« sagte er, und wandte sich kurz ab.

In der Remise spülte Krischan den Wagen, als sein Herr an ihn herantrat. »Krischan,« sagte er, »uns ohl Graf is dod!«

Der Knecht hielt in der Arbeit inne. »O – Herr!« rief er. Dann riß er unwillkürlich seine Mütze vom Kopfe und blickte unverwandt in die dunkle Ecke, wo sein Freund zu sitzen pflegte. Auch der Posthalter sah hin, und beide sprachen kein Wort.

Nach einer Stunde stand der Posthalter in seinem besten schwarzen Rock vor der tiefgebeugten Witwe. Sie saß, in Trauergewänder gehüllt, in einem mit altem Gerät und alten Bildern vollgepfropften Zimmer und sah den Eintretenden eiskalt an. »Sie wünschen?« fragte sie, und richtete ihre magere Gestalt steif in die Höhe.

Aber der Posthalter war keine ängstliche Natur. »Ich wollt man nach die Beerdigung fragen. Was mein neuen Wagen is, der soll zu rechten Zeit hier sein, und ich will selbstens fahren. Sonstens tue ich das nich; hier abers wullt ich es, und weil ich Krischan doch auch nich um das Vergnügen bringen will, soll er bei mich aufn Bock sitzen – als Badienter!«

Die Gräfin war langsam aufgestanden. »Mein Vetter, der Baron Schlieffen, wird die Beisetzung meines unvergeßlichen Gemahls besorgen,« sagte sie hochmütig. »Für Ihr Anerbieten danke ich Ihnen, Herr Posthalter; es kommt aber ein Wagen vom Gute des Barons, der die sterbliche Hülle des Grafen in das Erbbegräbnis fährt. Sie brauchen sich also nicht zu bemühen!«

Dann machte sie eine entlassende Handbewegung, der Posthalter aber rührte sich nicht. »Da hatte mein Krischan doch recht. Er sagt zu mich: rsaquo;Passen Sie man auf, wenn uns ohl Graf dod is, denn darf er nich auf unsern Leichenwagen fahren. Allens, was er in sein Leben gewollt hat, das hat er nich gedurft.rlsaquo; So sagt mein Krischan, und ich seh, daß er Ihnen gut beurteilt hat. Mit den Erbbegräbnis is mich das nu einerlei. Vor meinswegen kann der Graf in son alt muchelige modrig Kapelle kommen, denn wenn der Mensch tot is, denn is ihn das einerlei, wo er zu liegen kommt. Abers wenn ich Ihnen wär, Fru Gräfin, denn legt ich ihm hier aufn Kirchhof, mitten zwischen die andern Menschen. Da scheint die Sonne, und da singen die Vögelns, und Krischan und ich kommen da später doch auch hin. Und ich glaub', in sein irdischen Leben is er doch am liebsten bei uns in die Wagenremise gewesen. Abers wie ich vordem sagte, wenn Sie ein Platz für ihn in son alt Erbbegräbnis haben, denn will ich Sie da nich in stören. Krischan und ich, wir wullen ihm abers fahren, wie weit es auch is, das haben wir ihn versprochen, zu oft und zu oft, da kann ich nich von abgehen. Und wenn Sie mich Sperrenzien machen, Fru Gräfin, denn komme ich mit die Rechnungen von all Ihr Spazierenfährten, wo Sie mir nie und nümmer bezahlt haben und doch so großartig tun, als müßt das so sein. Und den Herrn Baron Schlieffen kenn ich auch. Der hat was anders zu tun, als Ihre Schuldens zu bezahlen und mag das Geld lieber in seine Tasche stecken, als in andere Leute ihr. Und heute nachmittag krieg ich Bescheid!«

Die Frau Gräfin war eine Zeitlang ohnmächtig nach dieser Rede. Sie kam aber wieder zu sich, und der Posthalter und sein Krischan bekamen ihren Willen. Sie durften nicht allein den Grafen mit dem schönen Leichenwagen zur letzten Ruhestätte fahren, diese befand sich auch auf dem Kirchhofe der kleinen Stadt.

Es stellte sich nämlich heraus, daß im Schlieffenschen Erbbegräbnis nur noch ein einziger Platz für einen Verwandten frei war. Da beschloß die Gräfin, diesen Platz doch lieber für sich zu behalten und ihren Gatten in der gemischten Gesellschaft zu lassen, in der er sich die letzten Jahre seines Lebens so wohl befunden hatte.

So ist es gekommen, daß über dem Grabe des Grafen dieselben Vögel singen, wie über dem Grabe Krischans. Beide Grabstätten liegen nahe zusammen, und beide sind sehr verwildert. Denn der Posthalter, der für beide sorgte, ist nun auch schon in jenes Land hinübergegangen, wo selbst ein Graf tun darf, was er will.