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Emil Ertl: Im Haus zum Seidenbaum - Kapitel 1
Quellenangabe
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typefiction
authorEmil Ertl
titleIm Haus zum Seidenbaum
publisherDie Buchgemeinde/Berlin
year1928
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Vorwort

Wenn der Titel dieses Buches für einen Roman, der in unsern Tagen spielt, vielleicht etwas biedermeierisch anmutet, so mag er doch dadurch gerechtfertigt erscheinen, daß in den Menschen, von denen ich erzähle, noch heute ein Stück Überlieferung aus der »guten alten Zeit« steckt. Die Seidenweber vom Wiener »Schottenfeld« blicken auf eine Entwicklung von gut anderthalbhundert Jahren zurück, und wenn inzwischen auch längst größere oder ganzgroße Fabriksherren aus ihnen geworden sind, so hausen doch ihrer manche noch heute in den alten Häusern, von denen das Gewerbe einst seinen Ausgang genommen hat, und das eine oder andere von ihnen trägt noch heute, wenn schon nicht amtlich, so doch im Volksmund, seinen alten Hausnamen.

Noch heute steht irgendwo in jener Vorstadtgegend, in einem hinter Hausmauern vergrabenen Gartenwinkel, jener stattlich gewachsene »Seidenbaum«, der dem Geschäftshaus der Firma Hocheder und der vorliegenden Erzählung den Namen gegeben hat, und schmückt sich alljährlich mit frischem Grün und zahlreichen kleinen, feinen weißen Blütensternen. Denn er ist kein lebloser, glattgescheuerter Webebaum, wie der Weber Schinnerl eine Zeitlang glaubte, sondern ein wirklicher und lebendiger Baum, ein weißer Maulbeerbaum nämlich, Morus alba, aus der den Seidenraupen vortrefflich mundenden Gattung der Moraceen. Er ist so alt, daß er die Zeit noch miterlebt hat, wo die kleinen Meister am Handwebstuhl sitzend eigenhändig die Weberlade regierten und der noch durchweg handwerksmäßige Gewerbebetrieb eine Angelegenheit der ganzen mithelfenden Familie war. Und hereinragend in dieses vielgepriesene und vielgelästerte Jahrhundert, das sich nicht einmal mehr mit der Großindustrie begnügen will, sondern sie zu den Riesenmaßen der Weltindustrie emporzusteigern berufen scheint, wird jenes in unsern Himmelsstrichen nicht eben häufig anzutreffende Gewächs noch heute frommsinnig geschont und behütet und von Kindern und kleinen Leuten als eine Kuriosität bestaunt. Denn für die großenteils von der Seidenindustrie und ihren Hilfsgewerben lebenden Bewohner der ehemals »Schottischen Freigründe«, auf denen vor lauter Häusern beinahe nichts Grünes mehr Platz hat, bleibt es immer ein merkwürdiges Ereignis, gelegentlich einmal das frisch gepflückte Blatt eines richtigen »Seidenbaumes« zwischen den Fingern zu halten, von welchem die Sage geht, daß es das Lieblingsfutter jenes Wurmes sei, dem vieltausend gewerbfleißige Menschen ihren Unterhalt und manchmal auch einen recht ansehnlichen Wohlstand danken.

Was könnte der alte Maulbeerbaum in seiner Mauerecke nicht alles erzählen, wenn er reden könnte! Die Gabe der menschlichen Sprache ist ihm nicht verliehen, und doch ist er auch nicht gänzlich stumm, zum Wissenden spricht er manchmal in deutlich vernehmbaren Worten. Wenn der milde, von den Hängen des Wiener Waldes herniederstreichende Wind ihn bewegt, oder der rauhere, die Donau entlangfegende Sturm ihn schüttelt, dann klingt es bald wie ein trauliches Flüstern und Raunen, bald wieder wie ein ernstes Mahnen oder wildes Grollen aus seiner hochgewölbten Laubkrone. Aber nur wer sozusagen in seinem Schatten aufgewachsen ist, weiß die geheimen Geisterstimmen zu deuten. Und weil dieses bei mir ungefähr zutrifft, der ich der Sohn, Enkel und Urenkel einer alten, auf dem ehemaligen »Schottenfeld« angesessenen Weberfamilie bin, so versäumte ich keine Gelegenheit, meine Ohren zu spitzen, um von dem, was er zu berichten hat, soviel wie möglich zu erlauschen.

Der Ertrag meiner Neugierde, meines Wissensdranges, meiner Feinhörigkeit, oder wie man es sonst nennen mag, ist in diesem Roman und in drei andern, die ihm bereits früher vorausgegangen sind, niedergelegt. Sie bilden ein jeder für sich ein abgeschlossenes Ganzes und doch, zur Tetralogie zusammengefaßt, wieder eine untrennbare Einheit. Denn in den Einzelschicksalen von vier verschiedenen Generationen der Weberfamilien vom Wiener »Schottenfeld« spiegeln sie das politische, wirtschaftliche, soziale und völkische Leben Deutsch-Österreichs in vier hervorstechenden Zeitabschnitten wider und stellen damit zugleich den wesentlichen Entwicklungsgang seiner Gesittung dar, vom Beginn des neunzehnten Jahrhunderts bis in unsere Tage.

Wer sich mit diesen vier Büchern nachdenklichen Gemüts beschäftigt, der wird die im ganzen so wenig gekannte Geschichte des seit dem Erlöschen der römisch-deutschen Kaiserwürde (1806) vom Brudervolk abgesplitterten deutsch-österreichischen Volkszweiges in ihren wichtigsten Stufen vor sich aufleben sehen und dessen Heimkehr ins Reich als eine durch den Zerfall der alten Monarchie gebotene organische Notwendigkeit empfinden. Er wird auch das wahre Wesen des Österreichers, der dank einem abgeleierten Geschmuse nur zu oft als müßiger Genießer gewertet wird, besser würdigen lernen, seine Tüchtigkeit, seinen Fleiß, seine Beharrlichkeit schätzen und über die Fülle von Lebenskraft sich freuen, die das arbeitsame Wiener Bürgertum in den letzten hundert Jahren bewährt hat und noch heute bewährt. Und er wird endlich die technischen Fortschritte, die das gesamte Leben in diesem verhältnismäßig kurzen Zeitraum gründlicher umgestaltet haben, als ein vorausgegangenes Jahrtausend es vermochte, an der Hand der Veränderungen innerhalb eines bestimmten Industriezweiges als eine Entwicklung begreifen, in der es kein Zurück gibt, und die Gegenwart nicht unnütz schmälen, sondern als ein Feld betrachten, das bestellt werden muß.

Wie traut behaglich nimmt sich im ersten Bande dieser meiner Romanreihe das Leben der wackeren Seidenweber noch aus, trotzdem »Die Leute vom Blauen Guguckshaus« unter dem Einbruch der Franzosen in Wien (1809) leiden und Bürgerssöhne die Schlacht bei Aspern mitkämpfen. Noch wird das Gewerbe, das einen goldenen Boden hat, rein handwerksmäßig betrieben, urväterliches Einvernehmen besteht zwischen Meister und Gesellen, und so fleißig beide die Weberschemel treten, die ohne Hast hinfließende Zeit schließt darum eine gewisse Gemächlichkeit des Daseins keineswegs aus. Noch fühlt der Bürger sich als Untertan, überläßt die politischen Sorgen den Behörden und verlegt sich höchstens aufs Schimpfen. Eine nationale Sorge gibt es in jener Zeit des zentralistischen Absolutismus für das Deutschtum überhaupt noch nicht. Dem Bonaparte gegenüber fühlen sich alle Staatsangehörigen gleicherweise als Österreicher.

Schon das Sturmjahr 1848, in welchem der zweite Roman »Freiheit, die ich meine« spielt, zerstört diese Idylle. Der Kampf des Handwebestuhls mit dem mechanischen Kraftstuhl setzt ein, die feindselige Maschine beginnt die Werkstatt zur Fabrik, den Handwerksmeister zum Fabriksherrn umzuwandeln. Der neue Stand des Fabriksarbeiters schreibt die Unzufriedenheit auf seine Fahne, die Gegensätze zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber wirken sich politisch aus, und fast plötzlich gibt es eine soziale Frage. Und auch eine nationale Frage gibt es jetzt plötzlich; denn sobald der erste Freiheitstaumel und Verbrüderungsrausch verraucht ist, bleibt die verfassungsmäßige Parlamentsmehrheit zurück, die naturgemäß slawisch sein muß. Gar bald wird sie dahinterkommen, wie einträglich es sei, das Deutschtum niederzustimmen!

Der dritte Band, der mit 1866 einsetzt und seine Handlung vorwiegend um die Wirtschaftskrise von 1873 gruppiert, zeigt die nationale Zersetzung um so mehr im Fortschreiten, als die zur Großindustrie angewachsenen Webereibetriebe sich genötigt sehen, die eigentliche Herstellung der Ware mehr und mehr aus der Großstadt in die Provinz zu verlegen. Da hierfür hauptsächlich Gegenden mit halb- oder reinslawischer Arbeiterbevölkerung in Betracht kommen, so kreuzt sich im Roman »Auf der Wegwacht« das soziale mit dem völkischen Zerwürfnis. Dennoch glaubt das Deutschtum noch felsenfest an den dauernden Bestand der alten vielsprachigen Monarchie und erblickt nach wie vor seine Sendung darin, ihre näheren und ferneren Teile mit seinem Geist, seiner Arbeit, seinem Kapital zu durchdringen. Noch der Schluß des Buches versinnbildlicht in den Erlebnissen einer aus zahlreichen tüchtigen Mitgliedern bestehenden deutschen Bürgersfamilie den Gedanken der Kulturaufgabe, die dem deutschen Volksstamm im alten Habsburgerreich zu erfüllen oblag. Die ahnungslose Zuversicht, mit der er sich dieser Aufgabe nach bis knapp vor dem unvorhergesehenen Zusammenbruch hingab, sollte bitter enttäuscht werden.

Hier setzt nun, bald nach dem Umsturz und dem Zerfall der Monarchie, der Roman »Im Haus zum Seidenbaum« ein, der die Tetralogie endgültig abschließt. Ihn zu schreiben war mir um so mehr Bedürfnis, je entschiedener die Ausblicke, welche der Schluß des Wegwacht-Romans eröffnete, von der Weltgeschichte verleugnet wurden. Auf den Inhalt des vorliegenden Landes näher einzugehen, erübrigt sich; er mag für sich selbst sprechen. Nur so viel sei bemerkt, daß in ihm wie in den vorhergehenden Bänden die öffentlichen Zustände und Ereignisse selbstverständlich nicht den Hauptgegenstand der Darstellung bilden, sondern gleichsam bloß den Hintergrund, von dem die mehr aus Wahrheit als aus Erfindung gewobene dichterische Handlung sich abhebt, oder, um einen andern Vergleich zu gebrauchen, den Rahmen, der das Zeitgemälde umspannt. Denn überall handelt es sich weder um Haupt- und Staatsaktionen noch war es mir darum zu tun, Geschichtsromane in dem Sinne zu schreiben, daß die Handlung von geschichtlich bezeichneten Persönlichkeiten getragen würde. Es lag mir daran, lebendige Menschen und deren Schicksale in Lebensfülle und darum auch in der Wirklichkeit einer deutlich umschriebenen Zeit und Umgebung darzustellen, und zwar bodenständige Menschen, die tüchtige bürgerliche Arbeit leisten.

Sonach beruht es durchaus auf bewußtem künstlerischen Willen, wenn meine Wiener Romane sich nicht in den mehr oder minder international gerichteten, sozusagen heimatlosen Gesellschaftsschichten bewegen, deren es in Wien so gut gibt wie in jeder andern Großstadt. Sie haben nichts mit den nach ästhetischen oder amourösen Sensationen lüsternen Salons der Dame von Welt zu tun, nichts mit den Kreisen, denen Lebensgenuß, sei es in gewöhnlicherem, sei es in geschmackvollerem Zuschnitt, den wesentlichen Inhalt des Daseins bedeutet. Sie sind wienerisch in jedem Sinne, nur freilich nicht in dem jener balzenden Verzückung, die sich, sobald der Name Wien nur genannt wird, ungefähr in der bis zur Ermüdung abgebrauchten Formel: »... Strauß und Lanner ... schöne Frauen ... Burgtheater ...« erschöpft. Sie erzählen vom arbeitenden Volk und wenden sich ans arbeitende Volk. Denn immer hat es der eingebornen Neigung meiner Kunst besser entsprochen, die Tätigen, die schlichte Werte schaffen, bei ihren Sorgen und Mühen teilnehmend zu begleiten, als eine spielerische Gefährtin der Überfeinerten und Überflüssigen abzugeben.

Warum hätte ich es ihr verwehren sollen, dieser Neigung nachzugeben? Im Vogelhaus des Herrn gibt's ein Gezwitscher mannigfacher Art, das Gefieder der Gimpel, Kanarien und Drosseln, die sich darin tummeln, spielt in allen Farben, nicht jedem Kostgänger an dem mit Nektar und Ambrosia gefüllten Futternäpfchen der poetischen Inspiration ist der Schnabel gleich gewachsen. Singe jeder, wie es ihm gegeben, ich tue dasselbe. Und mir will es nun einmal scheinen, als verdiente gerade in unsern Tagen das verschollene Wort aus dem Staube wieder hervorgeholt zu werden, wonach es zu den vornehmsten Aufgaben der Dichtung gehöre, das Volk bei seiner Arbeit aufzusuchen.

Emil Ertl.

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