| type | fiction |
| author | Charles Dickens |
| title | Eine Geschichte von zwei Städten. |
| publisher | Gutenberg-Verlag, Hamburg |
| editor | Paul Th. Hoffmann |
| translator | Carl Kolb |
| corrector | reuters@abc.de |
| sender | www.gaga.net |
| created | 20060829 |
| projectid | add1f50d |
Nach »Klein Dorrit«, dem Roman, der sich ganz mit dem Privatleben befaßt, nämlich mit der Seele eines reinen Kindes und seiner armen Umwelt, ließ Dickens 1859 die Erzählung »Zwei Städte« (Tale of two cities) folgen, die der Geschichte große Gegenstände zum Hintergrund der Handlung hat. Die zwei Städte sind London und Paris im Zeitalter der französischen Revolution, und wie nun Dickens diese schicksalsschwere Epoche, erlebt durch einzelne Menschen, darstellt, wie er den Widerhall dieses elementaren Gesellschaftsereignisses in London und in seiner Umwelt wiedergibt, das zeugt von einer schlechterdings kaum zu überbietenden Meisterschaft. Darum gibt es viele Literaturkenner, die dieses Werk Dickens' als seine beste Leistung überhaupt ansprechen.
Das tragische »Muß« der Revolution, ihre furchtbare Notwendigkeit wird von Dickens mit tiefem historischen Verständnis in seiner Darstellung aufgezeigt. Wenn die geduldigen unterdrückten Volksmassen nirgends Recht finden können, weil die herrschende Klasse in bösestem Egoismus ihnen keinen Raum zum Atmen läßt, dann wiederholt sich im Wandel der Jahrhunderte immer wieder das Phänomen der gewaltsamen Umwälzung und Befreiung. Dann aber springt mit dem Genius der Freiheit auch der Dämon der Gier und die Bestie im Menschen aus der Volksseele hervor, und die Ideen der Gleichheit und der Brüderlichkeit können sich nicht sündlos halten von pöbelhafter Blutgier. Die Sünde der Reichen wird heimgesucht an deren unschuldigen Kindern, und aus eben jener Sünde der Reichen erwächst die Sünde der Armen in Formen furchtbarer Rache. Das Geschlecht der Evrémondes hat in frivoler Genußsucht entsetzlich an den Untergebenen gesündigt, und nun führt Dickens aus, wie die Strafe oder die Vergeltung deren schuldlose Nachfahren trifft. Dickens zeigt, welche verheerende Wendung die Revolution bei den rasenden Volksmassen nimmt. Er malt die furchtbaren Tage, da die Guillotine ihre Triumphe feiert; aber er zeigt auch dem Adel, dessen Sittenlosigkeit und Tyrannei zu alledem führte, seine Schuld, seine Riesenschuld. Er schildert zuständlich; er ist mit ganzem Herzen dabei, ohne einseitig Partei zu nehmen. Er ist Dichter und »steht auf einer höhern Warte, als auf der Zinne der Partei«. Er ist »dichterisch-objektiv«, und darum ergreift dieses Werk den Leser in so besonderem Maße, weil dieser dadurch unmittelbar in die Tragik des Menschenlebens geschichtlich großen Stils geführt wird. Der Roman bietet hier dasselbe Beste, was das Drama hervorragenden Formats zu bieten hat: die Frage an das Weltenschicksal, das Warum, das uns auf den »Brettern, die die Welt bedeuten«, erschüttert und erhebt. – Nur am Rande angemerkt sei auch hier wieder die meisterliche Zeichnung der lebensechten Figuren. – Dadurch, daß das Ganze durch die Bande der Liebe nach England hinüberspielt, erhalten wir zugleich ein eindrucksvolles Spiegelbild der französischen Revolution im englischen Geistes- und Kulturleben.
Bei diesem vorletzten Band der Dickens-Werke aus dem Gutenberg-Verlag hat ebenso wie bei dem letzten Bund, der die Weihnachtserzählungen bringt, Frau Clara Weinberg dem Herausgeber bei der Textrevision freundlichst mitgeholfen. P. Th. H.
Es war die beste und die schönste Zeit, ein Jahrhundert der Weisheit und des Unsinns, eine Epoche des Glaubens und des Unglaubens, eine Periode des Lichts und der Finsternis. Es war der Frühling der Hoffnung und der Winter des Verzweifelns. Wir hatten alles, wir hatten nichts vor uns; wir steuerten alle unmittelbar dem Himmel zu und auch alle unmittelbar in die entgegengesetzte Richtung – mit einem Wort, die Periode glich der unsrigen so wenig, daß ihre lärmendsten Tonangeber im Guten wie im Bösen nur den Superlativgrad des Vergleichens auf sie angewendet wissen wollten.
Auf dem Thron von England saß damals ein König mit einem mächtigen Kieferwerk und eine Königin mit einem einfachen Gesicht. Den Thron von Frankreich zierte ein Herrscherpaar von ganz den nämlichen Eigenschaften. Und in beiden Ländern erschien es der königlichen Umgebung, Mundschenk, Truchseß und so weiter, klarer als Kristall, daß im allgemeinen der Stand der Dinge geordnet sei für alle Zeiten.
Es war das Jahr unsere« Herrn Eintausendsiebenhundertundfünfundsiebenzig. England erfreute sich damals wie noch heute der Gnade geistiger Offenbarungen. Mrs. Southcott hatte eben ihren gebenedeiten fünfundzwanzigsten Geburtstag zurückgelegt, auf dessen erhabenes Herannahen ein prophetischer Leibgardist die Welt durch die Ankündigung hingewiesen hatte, man möge sich darauf gefaßt halten, daß London und Westminster von der Erde verschlungen werden würden. Sogar der Hahnengassengeist war erst seit einem Dutzend Jährchen zur Ruhe gebracht, nachdem er seine Botschaften in derselben Weise, wie seine übernatürlich unoriginellen Nachfolger erst im letztabgelaufenen Jahr noch getan, durch Klopfen kundgegeben hatte. Botschaften im irdischen Sinn des Wortes waren jüngst der englischen Krone und Nation von einem Kongreß britischer Untertanen in Amerika zugegangen und haben seltsamerweise einen weit wichtigeren Einfluß auf das menschliche Geschlecht geübt als alle Mitteilungen, die seitdem von der Sippe der Hahnengassengeister hervorgegackert worden sind.
Mit Frankreich, das, was geistige Dinge betrifft, im ganzen weit weniger begünstigt ist als sein Schwesterland mit dem Schild und dem Dreizack, ging es ungemein glatt und hurtig bergab, indem es Papiergeld machte und es verjubelte. Unter der Führung seiner christlichen Hirten vergnügte es sich nebenbei mit allerlei menschenfreundlichen Belustigungen, indem es zum Beispiel über einen jungen Menschen, der unter strömendem Regen zu Ehren einer fünfzig oder sechzig Schritt vor ihm vorübergehenden Mönchsprozession nicht in den Staub knien wollte, sein Urteil dahin aussprach, daß man ihm die Hände abhauen, die Junge herausreißen und seinen noch lebenden Leib verbrennen solle. Wohl möglich, daß um die Zeit, in der dieser arme Unglückliche seinen grausamen Tod erlitt, der Holzhauer Schicksal in den Wäldern Frankreichs oder Norwegens bereits die Bäume zum Fällen und für die Sägemühle bezeichnet hatte, deren Bretter zur Herstellung eines in der Geschichte mit Schrecken genannten beweglichen Gerüstes mit einem Sack und einem Beil dienen sollten. Möglich auch, daß in der Umgegend von Paris unter den rohen Schuppen der bäuerlichen Gehöfte von ländlichem Staub bespritzte, von Schweinen umschnüffelte und als Hühnersteigen dienende Karren standen, die der Bauer Tod sich schon vorgemerkt hatte, um das Futter der Revolution herbeizuführen. Jener Holzhauer und jener Bauer sind unablässig in Tätigkeit; aber sie arbeiten im stillen fort, und niemand hört ihren leisen Tritt. Um so besser, denn der Argwohn, daß sie wach seien, hätte für atheistisch und hochverräterisch gegolten.
In England konnte man sich auf Ordnung und öffentlichen Schutz nicht eben viel zugute tun. Verwegene Einbrüche durch bewaffnete Kerle und Beraubungen auf offener Straße kamen selbst in der Hauptstadt fast jede Nacht vor. Man warnte die Familien, nicht aufs Land zu ziehen, ohne daß sie vorher ihre Einrichtung in einem Speditionsgeschäft geborgen hatten. Der nächtliche Räuber war bei Tag ein Geschäftsmann in der Stadt, und wenn er von irgendeinem Gewerbsgenossen, den er in seiner Eigenschaft als »Kapitän« anhielt, erkannt und mit mißliebigen Vorstellungen behelligt wurde, so schoß er ihn ritterlich durch den Kopf und spornte sein Roß weiter. Der Postwagen wurde von sieben Räubern angefallen; der Führer schoß drei davon nieder, erlag aber selbst den andern vieren, »weil ihm die Munition ausgegangen war«, und nun erst konnte der Wagen mit Behaglichkeit geplündert werden. Der Lord-Mayor von London, diese hochmächtige Person, mußte auf dem Turnhamer Rasen einem einzelnen Straßenräuber standhalten und angesichts seines Gefolges seinen werten Leib von dem Galgenstrick ausplündern lassen. Gefangene in den Londoner Gefängnissen lieferten ihren Schließern förmliche Schlachten, und die Majestät des Gesetzes ließ sie mit Musketensalven zu Paaren treiben. In den Salons des Hofes stibitzten Diebe den vornehmen Herren Diamantenkreuze von den Hälsen weg. Musketiere zogen nach St. Giles, um nach Schleichwaren zu fahnden, und wurden von einem Pöbelhaufen, den sie ihrerseits in der gleichen Weise bearbeiteten, mit Schüssen empfangen. Das waren lauter Dinge, die man für nichts Außerordentliches ansah. Dabei hatte der Henker alle Hände voll zu tun, indem er das eine Mal die unterschiedlichen Verbrecher in langen Reihen aufknüpfte, ein andermal sein Amt Samstags an einem einzelnen Hauseinbrecher übte, der am Dienstag ergriffen worden war, heute in Newgate dem Dutzend nach Leuten die Hand brandmarkte. morgen vor dem Tor von Westminsterhall Flugschriften den Flammen übergab, und dann wieder einen trotzigen Mörder und einen armen Strauchdieb, der einem Bauernbuben ein Sechspencestück abgejagt hatte, in die Ewigkeit beförderte.
Alles dies und noch tausend ähnliche Dinge geschahen, begannen und endigten in dem lieben alten Jahr Eintausendsiebenhundertundfünfundsiebenzig. Und auf dem Schauplatz dieser Ereignisse traten, während der Holzhauer und der Bauer unbeachtet fortarbeiteten, jene beiden mächtigen Kieferwerke und jenes Paar einfacher schöner Frauengesichter geräuschvoll genug auf und behaupteten ihre göttlichen Rechte mit gewaltiger Hand. So führte das Jahr Eintausendsiebenhundertundfünfundsiebenzig ihre Majestäten sowohl wie die Myriaden kleiner Wesenheiten, darunter auch die Personen unserer Geschichte, dahin auf den vor ihnen liegenden Pfaden.
Es war die Doverstraße, die an einem Freitag des November spät abends vor der ersten der Personen lag, mit denen unsere Erzählung zu schaffen hat, und auf derselben Straße wackelte auch die Postkutsche von Dover Shooter's Hill hinan. Die Person stampfte gleich den übrigen Personen neben dem Wagen im Schlamm bergan – nicht weil den Umständen nach ein Spaziergang besonderes Vergnügen gewährte, sondern weil die Steigung so jäh, das Pferdegeschirr so lästig, der Schmutz so tief und die Kutsche so schwer war, daß die Rosse schon dreimal hatten halten müssen und außerdem einmal sogar die meuterische Absicht verraten hatten, mit Sack und Pack wieder nach Blackheath umzukehren. Doch kannten Zügel und Peitsche, Postknecht und Schaffner gemeinsam jenen Kriegsartikel, der die Annahme verbot, daß es mit Verstand begabte Tiere gäbe; und obgleich dieser Satz eher eine schonende Behandlung begründen sollte, hatte man doch durch die gegenwärtige erzielt, daß das Gespann kapitulierte und zu seiner Pflicht zurückkehrte.
Mit gesenkten Köpfen und zitternden Schweifen arbeiteten sich die Pferde durch den tiefen Straßenschlamm, indem sie zwischenhinein zappelten und strauchelten, als wolle bei ihnen alles aus den Gelenken gehen. Sooft der Kutscher sie mit einem behutsamen »Oha!« haltmachen ließ, schüttelte das nächste Handpferd ungestüm den Kopf und das dahinter befindliche Geschirr, gleichsam um mit ungewöhnlicher Emphase anzudeuten, daß die Kutsche da nicht hinaufzubringen sei. Und wenn das Roß in solcher Weise rasselte, fuhr der Passagier, wie ängstliche Reisende zu tun pflegen, zusammen und zeigte eine traurige Miene.
Auf allen Taleinschnitten lag ein qualmender Nebel, der sich in seiner Trübseligkeit bergan wälzte wie ein böser Geist, der Ruhe sucht, ohne sie finden zu können. Er war feucht und ungemein kalt und bewegte sich in langsam aufeinanderfolgenden kleinen Wellenzügen, denen eines faulen Seestriches nicht unähnlich, durch die Luft. Sein Gewölk ließ das Licht der Kutschenlaternen nur auf ein paar Schritte unterscheiden, und der Dampf der sich abmühenden Pferde ging darin auf, so daß man meinen konnte, die abgehetzten Tiere seien die Quelle des ganzen Nebelmeeres.
Außer den gedachten Reisenden schritten noch zwei andere neben der Kutsche her. Alle drei waren bis über die Ohren verhüllt und trugen Stulpenstiefel. Keiner davon hätte nach dem Augenschein sich ein Urteil über das Aussehen des andern bilden können, und jeder war gegen die Geistesaugen seiner beiden Mitpassagiere ebenso verhüllt wie gegen ihre leiblichen. In jenen Tagen hütete man sich wohl vor allzu schneller Vertraulichkeit, da jeder, dem man auf der Straße begegnete, ein Räuber oder der Verbündete von Räubern sein konnte. Mit Charakteren der letzteren Gattung traf man besonders leicht zusammen, denn jedes Posthaus, jede Schenke konnte jemanden aufweisen, der im Solde des »Kapitäns« stand, mochte es nun der Wirt selbst oder irgendein unscheinbarer Stallbediensteter sein. So dachte auch der Lenker der Doverpost an jenem Freitagabend des Novembers Siebzehnhundertfünfundsiebzig, während er, Shooters Hill hinanholpernd, in seinem Kasten hinten auf dem Wagen stand, sich die Füße klopfte und weder Auge noch Hand von der Truhe vor ihm verwandte, in der auf einem Unterbau von Stutzsäbeln ein geladener Musketon und sechs oder acht geladene Reiterpistolen lagen.
Die Doverpost befand sich wie gewöhnlich in der angenehmen Lage, daß der Wagenführer die Reisenden und jeder Reisende seine Mitpassagiere und den Wagenführer, kurz, einer den andern beargwöhnte und der Postillion sich auf niemand als auf seine Pferde verlassen mochte, obschon auch er, sofern das liebe Vieh in Frage kam, es mit gutem Gewissen auf beide Testamente hätte beschwören können, daß es nicht für eine solche Reise paßte.
»Oha!« rief der Postillion. »So recht. Jetzt nur noch einen Zug, und ihr seid droben. Hol' euch der Teufel dafür, denn ich habe Not genug gehabt, euch hinaufzubringen. – Joe!« »Holla!« entgegnete der Wagenführer. »Wieviel Uhr schätzt Ihr, Joe?« »Gut zehn Minuten über elf.« »Oh, Mord und Tod«, rief der Postknecht ärgerlich, »und noch nicht einmal auf dem Shooter. Zu – hü! Vorwärts mit euch!«
Das emphatische Pferd, das in einem Akt der entschlossensten Verneinung von der Peitsche erreicht worden war, fing wieder kräftig an zu klettern, und die drei andern Rosse folgten seinem Beispiel. Noch einmal arbeitete sich die Doverpost vorwärts, und die Stulpstiefel der Reisenden klatschten nebenher. Sie hatten mit dem Wagen haltgemacht und demselben treulich Gesellschaft geleistet. Wäre einem von den dreien der vermessene Gedanke gekommen, den andern den Vorschlag zu machen, sie wollten in Dunkel und Nebel ein wenig vorausgehen, so hätte er sich damit sicher der Gefahr ausgesetzt, auf der Stelle als Straßenräuber niedergeschossen zu werden.
Der letzte Anlauf brachte den Postwagen auf die Höhe des Berges. Die Pferde hielten wieder an, um sich zu verschnaufen, und der Wagenlenker stieg ab, um für die kommende Bergsenkung den Radschuh einzulegen und den Passagieren den Kutschenschlag zu öffnen.
»Pst, Joe!« sagte der Postillion in warnendem Ton, indem er von seinem Bock niederschaute.
»Was wißt Ihr, Tom?«
Beide lauschten.
»Ich höre ein Pferd uns nachtraben, Joe.«
»Und ich sag', es galoppiert, Tom«, versetzte der Wagenlenker, indem er seinen Schlag losließ und hurtig nach seinem Platz hinaufkletterte. »Meine Herren, in des Königs Namen, geschwind eingestiegen!«
Der für unsere Geschichte vorgemerkte Passagier stand eben auf dem Kutschentritt und wollte hinein; die beiden andern hielten sich dicht hinter ihm und waren im Begriff, ihm zu folgen. Der erstere blieb halb in, halb außer der Kutsche auf seinem Tritt, das andere Paar drunten auf der Straße. Sie alle blickten lauschenden Ohrs von dem Postillion auf den Wagenführer und von dem Wagenführer auf den Postillion. Beide gaben ihnen die Blicke zurück, und selbst das emphatische Pferd spitzte die Ohren und schaute rückwärts, ohne einen Widerspruch zu erheben.
Die Stille, die auf das Aufhören des Rädergerassels und Rossegestampfs folgte, machte das Schweigen der Nacht nur um so eindrucksvoller. Das Schnauben der Pferde teilte der Kutsche eine zitternde Bewegung mit, als befände sie sich in einem Zustand von Aufregung. Die Herzen der Passagiere klopften vielleicht hörbar laut. Jedenfalls erzählte die stille Pause sehr verständlich von Leuten, die außer Atem waren, aber gleichwohl keine Luft einzuziehen wagten und unter beschleunigtem Herzschlagen dessen harrten, was da kommen sollte.
Man hörte, daß ein Pferd in wütendem Galopp den Berg hinaufjagte.
»Oho!« brüllte der Wagenlenker, so laut er konnte, in die Nacht hinaus. »Ihr dort – halt! – oder ich gebe Feuer!«
Der Hufschlag hielt plötzlich inne, und mit Not kämpfte sich die Stimme eines Mannes durch den Nebel: Ist das die Dover-Post?«
»Was kümmert's Euch, wer wir sind?« entgegnete der Wagenlenker. »Wer seid Ihr?«
»Ich frage, ob dies die Dover-Post ist.«
»Wozu braucht Ihr dies zu wissen?«
»Ich will zu einem ihrer Passagiere.«
»Wie heißt der Passagier?«
»Mr. Jarvis Lorry.«
Der Reisende auf dem Tritt ließ sogleich merken, daß dies sein Name sei. Der Wagenlenker, der Postillion und die beiden andern Passagiere betrachteten ihn mißtrauisch.
»Bleibt, wo Ihr seid«, rief der Wagenlenker der Stimme im Nebel zu, »denn wenn mir aus Versehen etwas passiert, so könnt' ich's Eurer Lebtage nicht wieder gutmachen. Der Gentleman namens Lorry soll unumwunden antworten.«
»Was gibt's!« fragte darauf der Passagier mit leiser, unsicherer Stimme. »Wer will etwas von mir? Ist es Jerry?«
»Die Stimme dieses Jerry gefällt mir gar nicht, wenn er wirklich so heißt«, brummte der Wagenlenker vor sich hm. »Der Jerry ist heiserer, als mir lieb ist.«
»Ja, Mr. Lorry.«
»Was gibt's?«
»Man hat mich Euch mit einer Depesche nachgeschickt. Von T. und Co.«
»Ich kenne diesen Boten, Schaffner«, sagte Lorry, wieder auf die Straße hinaustretend, wobei ihm die beiden andern Passagiere, die nicht geschwind genug in die Kutsche kommen, den Schlag schließen und das Fenster aufziehen konnten, von hinten her hurtiger, als sich eben mit der Höflichkeit vertrug. Beihülfe leisteten. »Laßt ihn herankommen: es ist nichts Unrechtes.«
»Ich will's hoffen, bin aber noch nicht so fest überzeugt davon«, sprach der Wagenlenker rauh vor sich hin. »He, Ihr!«
»Nun, was soll's?« entgegnete Jerry, noch heiserer als zuvor.
»Reitet im Schritt heran – habt Ihr mich verstanden? Und wenn Ihr an Eurem Sattel Halfter habt, so kommt mir ihnen mit der Hand nicht zu nahe; denn ich habe verteufelt hurtig etwas versehen, und wenn es geschieht, so nimmt es die Form des Bleis an. So, jetzt laßt mich Euch mustern.«
Die Gestalt des Reiters kam langsam durch den wirbelnden Nebel gegen die Seite des Postwagens her, wo der Reisende stand. Dann machte der Fremde halt, blickte zu dem Schaffner auf und händigte dem Passagier ein Brieflein ein. Das Roß des Boten schnaubte mächtig, und Mann und Tier waren vom Huf bis zur Hutspitze mit Schmutz bespritzt.
»Schaffner«, sagte der Passagier im Tone ruhiger Geschäftszuversicht.
Der wachsame Schaffner, der die Rechte am Schaft, die Linke am Lauf seines Musketons hatte und kein Auge von dem Reiter verwandte, antwortete kurz:
»Sir!«
»Es ist nichts zu befürchten. Ich gehöre zu Tellsons Bank. Ihr müßt Tellsons Bank in London kennen. Ich reise in Geschäftsangelegenheiten nach Paris. Hier ein Krone Trinkgeld. Darf ich dies lesen?«
»So macht nur rasch, Sir.«
Er trat an die auf seiner Seite brennende Kutschenlaterne, öffnete das Schreiben und las – zuerst für sich, dann laut:
»›Wartet in Dover auf Mamsell.‹ Ihr seht, dies ist nicht lang, Schaffner. Jerry, sagt, meine Antwort darauf sei: Ins Leben zurückgerufen.«
Jerry richtete sich in seinem Sattel auf. »Das ist eine verwettert kuriose Antwort«, sagte er in seinem heisersten Tone.
»Richtet da« aus, und man wird daraus ersehen, daß ich den Brief erhalten habe, ohne daß ich Euch eine schriftliche Antwort mitgebe. Jetzt macht, daß Ihr wieder zurückkommt. Gute Nacht.«
Mit diesen Worten öffnete der Passagier den Wagenschlag und stieg ein. Diesmal halfen ihm seine Reisegefährten nicht, sondern taten, als ob sie schliefen, nachdem sie zuvor mit aller Behendigkeit Uhren und Börsen in ihren Stiefeln verborgen hatten. Ihr angeblicher Schlummer sollte sie wohl nur vor der Gefahr bewahren, zu einer andern Art von Tätlichkeit Anlaß zu geben.
Die Kutsche holperte wieder weiter, und da es jetzt bergab ging, wurde der Nebel immer dichter. Der Wagenführer legte den Musketon wieder in die Truhe, musterte ihren übrigen Inhalt, sah nach den Pistolen, die er noch als Zugabe in seinem Gürtel stecken hatte, und visitierte dann einen kleineren Behälter unter seinem Sitz, in dem sich einige« Schmiedegeräte, ein paar Fackeln und eine Zunderbüchse befanden. Er war nämlich mit solcher Sorgfalt ausgestattet worden, um für den hin und wieder vorkommenden Fall, daß die Kutschenlichter vom Sturm ausgeblasen würden, sich einschließen und unter Vermittlung von Stahl und Stein mit leidlicher Sicherheit und Gemächlichkeit, wenn's gut ging, binnen fünf Minuten ein Licht zustande bringen zu können.
»Tom!« flüsterte es über das Kutschendach herunter.
»He, Joe?«
»Habt Ihr gehört, was da ausgerichtet werden soll?«
»Ja, Joe.«
»Was denkt Ihr Euch dabei, Tom?«
»Nichts, Joe.«
»Wie das so seltsam zusammentrifft«, sagte der Schaffner vor sich hin. »Mir geht es gerade ebenso.«
Sobald Jerry sich in Nacht und Nebel allein sah, stieg er ab, nicht nur, um es seinem Pferd leichter zu machen, sondern auch um sich den Staub aus dem Gesicht zu wischen und aus seinem Hutstulp die angesammelte große Wassermenge zu schütteln. So stand er, die Zügel seines Tieres über den schwer besudelten Ärmel geschlungen, da, bis er von dem weiterrollenden Postwagen nichts mehr hörte und die Nacht wieder mäuschenstill geworden war. Dann wandte er sich, um zu Fuß bergab zu gehen.
»Nach dem Galopp von Temple Bar her mag ich mich deinen vier Beinen nicht mehr anvertrauen, alte Mähre, bis ich dich wieder in der Ebene habe«, sagte der heisere Bote, sein Tier betrachtend. »»Ins Leben zurückgerufen«. Das ist eine verteufelt kuriose Botschaft, und du könntest dich nicht auf viele dergleichen einlassen, Jerry. Laß dir sagen, Jerry, du kämest in eine verzweifelt schlechte Karriere, wenn das Ins-Leben-Zurückrufen zur Mode würde.«
Es ist eine wunderbare, des Nachdenkens werte Tatsache, daß jedes menschliche Wesen seiner Eigenart nach für andere zu einem tiefen Geheimnis wird. Wenn ich nachts in einer großen Stadt anlange, so erfüllt es mich mit hehren Gedanken, daß jedes von jenen dunkel aufeinander gehäuften Häusern sein eigenes Geheimnis einschließt und jedes klopfende Herz in den Hunderttausenden von menschlichen Wesen irgendeine heimliche, ihm besonders teure Vorstellung birgt. Selbst das Grausen, das uns der Tod einflößt, hat in diesem Umstand seinen Grund. Ich kann nicht mehr in dem mir teuer gewordenen Buche blättern und darf nicht hoffen, es mit der Zeit zu Ende zu lesen. Ich soll nicht mehr schauen in die Tiefen des unergründlichen Wassers, in dem ich, je nachdem es durch augenblickliche Lichter erhellt wurde, manchen weit unter der Oberfläche befindlichen Schatz erschaute. Das Schicksal wollte es, daß das Buch sich schloß und für immer mit einer unlöslichen Klammer versehen ward, nachdem ich kaum eine Seite gelesen hatte. Es war bestimmt, daß das Wasser den starren Banden ewigen Eises verfiel, als das Licht noch auf seiner Oberfläche spielte und ich in ahnungsloser Unwissenheit am Ufer stand. Mein Freund ist tot, mein Nachbar ist tot, meine Liebe, der Schatz meiner Seele, ist tot. Wir haben da die unerbittliche Fortdauer eines Geheimnisses, das stets in jeder Persönlichkeit war und das ich bis zum Ende meines Daseins in die meinige übertragen habe. Und gibt es wohl auf irgendeinem Friedhof dieser Stadt, den ich durchwandle, einen Schläfer, der unerforschlicher wäre, als es mir der innern Persönlichkeit nach ihre rührigen Bewohner sind oder ich es ihnen bin?
Was dieses natürliche, unveräußerliche Erbe betrifft, so besaß es der Bote auf seinem Roß ebensogut wie der König, der erste Staatsminister oder der reichste Kaufmann von London. Nicht anders erging es den drei im engen Raum einer holperigen alten Postkutsche eingeschlossenen Passagieren, die sich wechselseitig so vollkommene Geheimnisse waren, als führen sie stundenweit voneinander jeder in einer eigenen sechsspännigen Equipage.
Der Bote ritt in leichtem Trab wieder zurück und hielt dabei fleißig vor den Wirtshäusern, um sich einen Trunk zu holen, zeigte aber dabei eine entschiedene Neigung, nicht viel Worte zu verschwenden und den Hutrand über den Augen aufgestülpt zu tragen. Freilich hatte er Augen, denen eine solche Dekoration recht gut stand: denn sie waren dunkel auf der Oberfläche, ohne Tiefe in Form oder Farbe und viel zu nah beieinander, als fürchte jedes, über etwas ertappt zu werden, wenn sie nicht treu zusammenhielten. Sie hatten einen finstern Ausdruck, und der alte Hut saß über ihnen wie ein dreieckiger Spucknapf, während unter ihnen die Flügel der dicken, Kinn und Hals umhüllenden Halsbinde fast bis zu den Knien niederfielen. Wenn er zu einem Trunk haltmachte, drückte er, solange er mit der Rechten sich den Branntwein in die Kehle goß, mit der Linken seine Hülle nieder, zog sie aber, sobald er sich angefeuchtet hatte, augenblicklich wieder in die Höhe.
»Nein, Jerry, nein«, fuhr der Bote auf seinem Ritt in dem alten Thema fort, »das wäre nichts für dich, Jerry. Du bist ein ehrlicher Handwerksmann, Jerry, und dies paßt nicht in deinen Kram. Zurückgerufen –! Ei der Kuckuck, man sollte meinen, er sei ein Trinker gewesen.«
Der Auftrag verwirrte ihm den Sinn dermaßen, daß er mehrmal den Hut abnehmen mußte, um sich den Kopf zu kratzen. Sein Scheitel war elend kahl; sonst aber hatte er ein steifes schwarzes Haar, das sich überall borstig emporsträubte und fast bis zu seiner stumpfen Nase bergab wuchs. Der Kopf schien aus einer Schlosserwerkstatt zu kommen; denn er sah weit eher einer oben mit Spitzeisen geschirmten Mauer als einem natürlichen Schopf ähnlich, so daß der beste Laubfroschspringer es abgelehnt haben würde, über diesen allergefährlichsten Menschen von der Welt einen Satz zu machen.
Während er mit dem Auftrag, den er durch den Wächter im Portierstübchen neben der Haustür von Tellsons Bank bei Temple Bar an die vornehmeren Personen drinnen ausrichten zu lassen hatte, seines Weges trabte, nahmen die Schatten der Nacht für ihn lauter Gestalten an, die aus seiner Botschaft hervorzuquellen schienen, während sie für sein Roß Umrisse gewannen, die aus dessen Privatbesorgnissen entsprangen. Letztere mußten wohl sehr zahlreich sein: denn das Tier scheute vor jedem Schatten am Wege.
Wie lange holterte und polterte, rasselte und schulterte der Postwagen mit seinen drei unerforschlichen Personen im Innern auf dem langweiligen Weg dahin! Und wem enthüllten sich die Schatten der Nacht in den Formen, die die schimmernden Augen und die unsteten Gedanken an die Hand gaben?
Tellsons Bank kam dabei in dem Postwagen nicht zu kurz. Während der Bankpassagier, den einen Arm durch die Riemenschlinge gezogen, die das ihrige tat, um ihn vor einem Zusammenstoß mit dem Nachbar oder vor einem Wurf in die Ecke zu bewahren, wenn die Kutsche einen besonders schweren Stoß erlitt, mit halbgeschlossenen Augen auf seinem Sitze nickte, wurden für ihn die kleinen Kutschenfenster, die durch dieselben trüb hereinblinkenden Kutschenlichter und der mächtige Reisesack des gegenübersitzenden Passagiers zu einer Bank mit eifrigem Geschäftsbetrieb. Das Rasseln des Pferdegeschirrs war das Geklingel des Geldes, und in fünf Minuten wurden mehr Wechsel bezahlt, als Tellson trotz seiner ausgedehnten in- und ausländischen Geschäftsverbindungen in dreimal soviel Zeit auszuzahlen gewöhnt war. Dann taten sich Tellsons unterirdische feste Räume mit ihren wertvollen Schätzen und Geheimnissen, wie sie dem Passagier bekannt waren – und er wußte nicht wenig davon – vor ihm auf. Er ging, die großen Schlüssel und das matt brennende Licht in der Hand, darunter umher und fand alles so sicher und wohlverwahrt, so still und in Ordnung, wie er es zuletzt gesehen hatte.
Aber obschon die Bank unablässig in seiner Phantasie arbeitete und auch der Postwagen ihn stets in unklarer Weise, wie etwa ein Schmerz, wenn man ein Betäubungsmittel genommen hat, an seine Gegenwart erinnerte, so war doch auch noch ein anderer Gedankenstrom vorhanden, der ihm die ganze Nacht hindurch keine Ruhe ließ. Er befand sich auf dem Weg, jemanden aus dem Grabe herauszugraben.
Die Schatten der Nacht zeigten ihm allerdings unter der Menge der Gesichter, die sie ihm vorführten, das wahre der begrabenen Person nicht. Dafür aber vergegenwärtigten ihm alle die Umrisse eines Mannes von fünfundvierzig Jahren, die hauptsächlich durch den Ausdruck der Leidenschaften und ihres unheimlichen Wesens sich voneinander unterschieden. Stolz, Verachtung, Trotz, Starrsinn, Unterwürfigkeit und Jammern folgten der Reihe nach. Ebenso der Wechsel in den eingesunkenen, leichenfahlen Wangen und in den abgezehrten Körperformen. Das Gesicht blieb jedoch in der Hauptsache dasselbe, und jeder der Köpfe war vor der Zeit weiß geworden. Wohl hundertmal fragte der schlummernde Reisende dieses Gespenst:
»Wie lange schon begraben?«
Und jedesmal lautete die Antwort in der gleichen Weise:
»Fast achtzehn Jahre.«
»Habt Ihr alle Hoffnung aufgegeben, ausgegraben zu werden?«
»Längst.«
»Ihr wißt doch, daß Ihr ins Leben zurückgerufen seid?«
»So höre ich.«
»Ich hoffe, dies hat noch einen Wert für Euch?«
»Ich weiß darauf nichts zu sagen.«
»Soll ich sie Euch zeigen? Wollt Ihr mich zu ihr begleiten?«
Die Antworten auf diese Frage waren verschieden und widersprechend. Bisweilen lautete die gebrochene Erwiderung: »Halt! Es würde mich töten, wenn ich sie zu bald sähe.« Ein andermal wurde sie durch einen milden Tränenregen eingeleitet und klang: »Nehmt mich zu ihr.« Bisweilen folgte auf die Frage ein wirres Glotzen und die Entgegnung: »Ich kenne sie nicht – verstehe Euch nicht.«
Unter solchem eingebildeten Zwiegespräch konnte der Passagier in seiner Phantasie graben, graben und graben – jetzt mit einem Spaten, jetzt mit einem großen Schlüssel, oder wohl gar mit den Händen – um das unglückliche Wesen herauszuschaffen. Und war es endlich, Gesicht und Haare mit Erde beklebt, gehoben, so verfiel es plötzlich wieder zu Staub. Der Passagier konnte dann zusammenfahren und das Fenster niederdrücken, um sich durch den Regen und Nebel, die seine Wangen feuchteten, an die Wirklichkeit erinnern zu lassen.
Doch selbst wenn seine Augen sich für den Nebel und Regen, für den beweglichen Lichtstreifen auf der Straße und für die stoßweise weiter und weiter zurückweichenden Heckenpartien am Wege auftaten, pflegten die Nachtschatten außerhalb der Kutsche mit dem Gang der Nachtschatten im Innern wieder zusammenzutreffen. Da stand vielleicht das wirkliche Bankhaus bei Temple Bar, das wirkliche Geschäft des abgelaufenen Tages, der feste Kellerraum, der ihm nachgeschickte Eilbote und die Antwort, die er durch ihn zurücksagen ließ. Und mitten aus diesen Bildern trat dann wieder das gespenstige Gesicht hervor, das er abermals anredete:
»Wie lange schon begraben?«
»Fast achtzehn Jahr.«
»Ich hoffe, das Leben hat noch einen Wert für Euch.«
»Weiß nicht.«
Und er grub, grub, grub immerfort, bis ihn einer der Mitreisenden durch eine ungeduldige Bewegung mahnte, er solle das Fenster wieder aufziehen. Dann legte er seinen Arm aufs neue in die Lederschlinge und machte sich Gedanken über die beiden schlummernden Gestalten, bis zuletzt sein Geist wieder von ihnen abkam und abermals sich in die Bank und zu dem Grabe verirrte.
»Wie lange schon begraben?«
»Fast achtzehn Jahre.«
»Hattet Ihr alle Hoffnung aufgegeben, ausgegraben zu werden?«
»Längst.«
Diese Worte klangen noch so deutlich in seinen Ohren wie nur irgendein wirklich gesprochenes Wort, als der müde Reisende zu dem Bewußtsein erwachte, daß es Tag und die Schatten der Nacht dahin seien.
Er ließ das Fenster nieder und schaute nach der aufgehenden Sonne hinaus. Da war ein Strich umgepflügten Landes und der Pflug noch an derselben Stelle, wo man am Abend zuvor die Pferde ausgespannt hatte, auf dem Acker. Jenseits desselben sah man ein Buschwäldchen, in dem noch viele Blätter von brennendem Rot oder goldigem Gelb an den Zweigen zitterten. Die Erde war kalt und feucht, der Himmel aber klar, und die Sonne erhob sich in ruhiger Pracht.
»Achtzehn Jahre!« sagte der Passagier, zu der Sonne aufblickend. »Barmherziger Schöpfer des Tages! Achtzehn Jahre lang lebendig begraben zu sein!«
Als der Postwagen im Laufe des Vormittags glücklich Dover erreichte, öffnete wie gewöhnlich der Oberkellner des Royal-George-Hotel den Kutschenschlag. Er tat dies mit einem gewissen zeremoniösen Schnörkel; denn im Winter war eine Postreise von London her ein Unternehmen, zu dessen Vollbringung man einen wagehalsigen Reisenden wohl beglückwünschen konnte.
Diesmal galt der Glückwunsch nur einem einzigen Passagier; denn die zwei anderen hatten sich unterwegs an ihren Bestimmungsorten absetzen lassen. Das moderige Innere des Wagens mit seinem nassen, schmutzigen Stroh, dem widerlichen Geruch und seiner Dunkelheit nahm sich ungefähr wie ein großer Hundestall aus, während Mr. Lorry, der Passagier, als er sich aus dem Loch und aus den Strohfesseln herausschüttelte, in den dichten, zottigen Umhüllungen, den niederhängenden Hutkrempen und den schmutzbespritzten Beinen den dazu gehörigen Hund vorstellen konnte.
»Geht morgen ein Paketschiff nach Calais, Kellner?«
»Ja, Sir, wenn das Wetter hält und der Wind sich ordentlich macht. Die Flut wird nachmittags zwei Uhr der Ausfahrt zustatten kommen. Ein Bett, Sir?«
»Das werde ich heute nacht nicht brauchen. Doch wünsche ich ein Schlafzimmer zu haben. Schickt mir einen Barbier.«
»Und ein Frühstück, Sir? Ja, Sir. Hier hinauf, Sir, wenn's beliebt! Führt den Herrn ins Concord! Den Reisesack des Gentleman und heiß Wasser auf Concord! Zieht im Concord dem Gentleman die Stiefel ab! Ihr werdet ein schönes Seekohlenfeuer finden, Sir! Schickt den Barbier auf Concord! Hurtig da, auf Concord.«
Das Concordzimmer wurde immer den Postreisenden angewiesen und ließ in Anbetracht des Umstandes, daß die Postpassagiere vom Kopf bis zu den Füßen eingemummt anzukommen pflegten, die interessante Beobachtung machen, daß nur eine einzige Art von Menschen hineinzugehen schien, während doch die allerverschiedensten wieder herauskamen. Als daher zufällig ein anderer Kellner, zwei Portiers, mehrere Dienstmädchen und die Wirtin an unterschiedlichen Punkten des Weges zwischen dem Concord- und dem Kaffeezimmer einherschlenderten, sahen sie einen Gentleman von etwa sechzig in einem förmlichen, zwar ziemlich verbrauchten, aber doch gut erhaltenen, braunen Anzug mit breiten Ärmelaufschlägen und großen Taschen auftauchen, um unten sein Frühstück einzunehmen.
Selbigen Vormittag barg das Kaffeezimmer keinen anderen Gast als den Gentleman in Braun. Der Frühstückstisch war von dem Kamin gerückt, und als der Fremde in der vollen Beleuchtung des Feuers dasaß und der Bedienung harrte, verhielt er sich so regungslos, als sei er im Begriff, sich porträtieren zu lassen.
Die Hände auf die Knie gelegt, sah er sehr regelmäßig und exakt aus, und eine laute Uhr tickte in seiner Westentasche eine helltönende Predigt, als wolle sie ihre Würde und ihr hohes Alter zu dem Leichtsinn und der raschen Vergänglichkeit der lodernden Flamme in einen Gegensatz bringen. Er hatte einen hübschen Fuß und war ein bißchen eitel darauf, denn die braunen Strümpfe vom feinsten Gewebe lagen glatt und knapp an, und auch seine Schnallenschuhe nahmen sich trotz ihrer Einfachheit recht sauber aus. Eine flachsfarbige Stutzperücke mit kurzem krausem Haar, das jedoch eher aus Seiden- oder Glasfädchen als aus natürlichen Haaren zu bestehen schien, bedeckte seinen Kopf. Die Leinwand entsprach in Feinheit allerdings nicht den Strümpfen, war aber so weiß wie der Schaum der Wellen, die sich am nahen Ufer brachen, oder wie die von der Sonne beleuchteten Reusenpunkte weit draußen in der See. Ein an Ruhe gewöhntes Gesicht wurde unter der wunderlichen Perücke durch ein Paar feuchte klare Augen erhellt, mit denen ihr Eigentümer wohl manche Not gehabt haben mochte, bis sie im Lauf der Jahre an den zurückhaltenden und abgemessenen Ausdruck von Tellsons Bank gewöhnt waren. Auf seinen Wangen lag ein frisches Rot, und sein furchiges Antlitz trug nur wenige Spuren der Sorge. Nun, vielleicht hatten die unverheirateten Kontoristen in Tellsons Bank hauptsächlich mit den Sorgen anderer Leute, mit Sorgen zweiter Hand zu tun, die wahrscheinlich wie die Kleider aus zweiter Hand schneller ein Ende nehmen.
Um das Bild des Mannes, der einem Porträtmaler sitzt, vollständig zu machen, schlummerte Mr. Lorry endlich ein. Die Ankunft des Frühstücks weckte ihn wieder. Als er seinen Stuhl an den Tisch rückte, sagte er zu dem Kellner:
»Ich wünsche, daß Ihr Vorbereitungen trefft für die Aufnahme eines jungen Frauenzimmers, das heute noch hier anlangen wird. Sie fragt vielleicht nach Mr. Jarvis Lorry, vielleicht auch einfach nach einem Herrn von Tellsons Bank. Habt die Güte, mich von ihrer Ankunft in Kenntnis zu setzen.«
»Ja, Sir. Tellsons Bank in London, Sir?«
»Ja.«
»Ja, Sir. Die Herren Reisenden dieses Hauses beehren uns auf dem Hin- und Herweg von London nach Paris oft mit ihrem Besuch, Sir. Tellson und Kompanie lassen außerordentlich viel reisen, Sir.«
»Ja. Wir sind ebensogut ein französisches wie ein englisches Geschäftshaus.«
»Ja, Sir. Ihr selbst aber seid wohl an das Reisen nicht sehr gewöhnt, Sir?«
»In letzter Zeit nicht mehr. Es ist schon fünfzehn Jahre her, seit wir – seit ich – meine letzte Reise nach Frankreich machte.«
»Wirklich, Sir? Nun, damals war ich noch nicht im Hause; auch mein Chef noch nicht, Sir. Der George befand sich zu jener Zeit in andern Händen, Sir.«
»Ich glaube das gern.«
»Aber ich wollte eine schöne Wette darauf eingehen, Sir, daß ein Haus wie das von Tellson und Kompanie, ich will nicht sagen vor fünfzehn, sondern schon vor fünfzig Jahren florierte.«
»Ihr könnt die Zahl dreifach nehmen und hundertfünfzig sagen, ohne weit gegen die Wahrheit zu verstoßen.«
»Wirklich, Sir?«
Und Augen und Mund weit aufsperrend, trat der Kellner von dem Tisch zurück, warf seine Serviette vom rechten unter den linken Arm, nahm eine imposante Haltung an und betrachtete den Gast, während dieser aß und trank, wie von einem Wachturm oder einer Sternwarte aus, nach dem stereotypen Brauch der Kellner in allen Jahrhunderten.
Nach Beendigung des Frühstücks erhob sich Mr. Lorry, um einen Spaziergang am Ufer zu machen. Die kleine, schmale, winkelige Stadt Dover lag kaum beachtenswert an der Küste hin und verbarg wie eine Art Meeresanemone ihren Kopf in den Kalksteinklippen. Das Gestade war eine Wüste, in der Wasser und Steine sich untereinander tummelten; die See tat, was sie vermochte; und ihr Lieblingsgeschäft war Zerstören. Sie donnerte gegen die Stadt, donnerte gegen die Klippen und hauste wie toll an der Küste. Die Luft um die Häuser her hatte einen so starken Fischgeruch, daß man hätte meinen sollen, kranke Fische brauchten darin eine Luftkur, wie die kranken Menschen im Wasser drunten einer Seekur obzuliegen pflegten. In dem Hafen wurde etwas Fischerei betrieben; doch diente er noch weit mehr müßigen Spaziergängern zum Tummelplatz, die abends, namentlich um die Zeit der Fluthöhe, sich am Anblick des Meeres vergnügen wollten. Kleine Gewerbsleute ohne Geschäft kamen oft auf eine unerklärliche Weise zu großem Vermögen, und es war merkwürdig, daß in der ganzen Nachbarschaft niemand den Lampenanzünder ausstehen konnte.
Es wurde Nachmittag, und die Luft, die mitunter so klar gewesen, daß man die französische Küste sehen konnte, füllte sich aufs neue mit Dunst und Nebel. Auch Mr. Lorrys Gedanken schienen sich zu umwölken. Als er nach Einbruch der Dunkelheit neben dem Feuer des Kaffeezimmers saß, und wie am Morgen auf das Frühstück, so jetzt auf das Diner wartete, beschäftigte sich sein Geist emsig mit Graben, Graben und Graben in den glühroten Kohlen.
Eine Flasche guten Bordeaux' nach dem Essen konnte einem Kohlengräber bei so heißer Arbeit nicht schaden, indem sie höchstens dazu diente, ihm das Geschäft ein wenig zu verleiden. Mr. Lorry war schon geraume Zeit müßig gewesen und hatte eben mit einer so vollkommen befriedigten Miene, wie man sie nur bei einem ältlichen Gentleman mit frischer Gesichtsfarbe am Schluß einer Flasche finden kann, das letzte Glas voll eingeschenkt, als sich von der engen Straße her das Gerassel eines Wagens vernehmen ließ, der bald darauf in dem Wirtshaushof haltmachte.
Er stellte das Glas ungekostet wieder auf den Tisch und sagte zu sich selber:
»Dies ist die Mamsell.«
Einige Minuten später trat der Kellner ein, um zu melden, daß Miß Manette von London angelangt sei und sich darauf freue, den Gentleman von Tellson zu empfangen.«
»So bald?«
Miß Manette hatte unterwegs einige Erfrischungen zu sich genommen und brauchte für den Augenblick nichts, brannte aber vor Begier, den Gentleman von Tellson sogleich bei sich zu sehen, wofern es ihm gelegen und nicht unangenehm sei.
So blieb dem Gentleman von Tellson keine andere Wahl, als mit einer Miene stummer Verzweiflung sein Glas zu leeren, sein wunderliches Flachsperücklein zurechtzurücken und dem Kellner in Miß Manettes Zimmer zu folgen. Es war ein großes dunkles Gemach mit schwarzen Roßhaarmöbeln und schweren dunkelfarbigen Tischen, so, daß man an eine Trauerparade gemahnt wurde. Man hatte diesen Hausrat so lange geölt und geölt, bis die zwei hohen Lichter der mittleren Tafel auf jedem Tischblatt düster widerstrahlten, als seien sie tief in das schwarze Mahagoniholz eingesenkt und könne kein der Rede wertes Licht von ihnen erlangt werden, bevor sie ausgegraben wären.
Es war so dunkel, daß Mr. Lorry, der sich durch den abgenutzten türkischen Bodenteppich leiten ließ, schon glaubte, Miß Jeanette sei für einen Augenblick in das anstoßende Zimmer getreten. Als er aber die zwei hohen Kerzen hinter sich hatte, bemerkte er neben dem Tische zwischen diesem und dem Kamin, zu seinem Empfang bereit, eine junge Dame von nicht mehr als siebzehn in einem Reitkleid, die den Strohreisehut am Bande in der Hand hielt. Seine Augen ruhten auf einer kleinen, schmächtigen, hübschen Figur, einer Fülle goldenen Haars, einem Augenpaar, das dem seinigen mit fragenden Blicken begegnete, und einer Stirn, die die bei solcher Jugend und Glätte befremdliche Eigenschaft besaß, durch Heben und Zusammenziehen der Brauen eine Miene anzunehmen, die nicht gerade ein Ausdruck von Verwirrung, von Staunen, von Unruhe oder auch nur von gespannter Aufmerksamkeit genannt werden konnte, wohl aber etwas von allen diesen vier Eigenarten in sich faßte. Während nun seine Blicke auf diesem Bilde hafteten, fiel ihm plötzlich die lebhafte Ähnlichkeit mit einem Kinde auf, das er bei seiner Fahrt über eben diesen Dover-Kanal bei kaltem Hagelwetter und hochgehender See in den Armen gehabt hatte. Die Erinnerung war jedoch nur flüchtig und einem Hauch auf der Oberfläche des einzigen Pfeilerspiegels ähnlich, auf dessen Rahmen eine Spitalprozession von verkrüppelten und kopflosen schwarzen Genien einer Versammlung von schwarzen weiblichen Gottheiten in schwarzen Körben Früchte vom toten Meer darbrachten. Er machte Miß Manette eine förmliche Verbeugung.
»Ich bitte, nehmt Platz, Sir«, begann eine sehr helle und angenehme junge Stimme mit einem ganz leichten Anflug von ausländischem Akzent.
»Ich küß' Euch die Hand, Miß«, sagte Mr. Lorry mit den Manieren eines früheren Datums, während er nach einer abermaligen förmlichen Verbeugung seinen Sitz einnahm.
»Ich habe gestern von der Bank einen Brief erhalten, der von einer Neuigkeit oder einer Entdeckung spricht –«
»Das Wort ist nicht wesentlich. Miß; Ihr könnt es so oder so nennen.«
»Das kleine Eigentum meines Vaters betreffend, den ich nie sah und der schon lange tot ist.«
Mr. Lorry rückte auf seinem Stuhl und warf einen ängstlichen Blick auf die Spitalprozession der schwarzen Genien. Als ob sie für irgend jemand Hilfe bringen konnten in ihren abgeschmackten Körben!
»Es soll dadurch notwendig werden, daß ich nach Paris reise und daselbst gemeinschaftlich handle mit einem Herrn, der ausdrücklich wegen dieser Angelegenheit auch nach Paris geschickt worden sei.«
»Der bin ich.«
»Das habe ich erwartet, Sir.«
Sie machte einen Knix gegen ihn (damals knixten die jungen Frauenzimmer noch), um ihm damit zu verstehen zu geben, daß sie fühle, um wieviel älter und weiser er sei. Und er verbeugte sich abermals.
»Ich habe darauf der Bank geantwortet, Sir, wenn meinen sachverständigen freundlichen Beratern meine Reise nach Paris nötig erscheine, so werde ich als eine Waise, die keinen Verwandten hat, der sie begleiten kann, mich glücklich schätzen, diesem Auftrag unter dem Schutz des würdigen Herrn nachzukommen. Der Gentleman hatte zwar London schon verlassen; aber ich glaube, es ist ihm ein Bote nachgeschickt worden mit der Bitte, er möchte die Güte haben, mich hier zu erwarten.«
»Ich bin so glücklich gewesen, mit diesem Dienst betraut zu werden«, erwiderte Mr. Lorry. »Und noch glücklicher wird mich seine Ausführung machen.«
»Ich danke Euch, danke Euch von ganzem Herzen, Sir. Man hat mir in der Bank gesagt, der Herr werde mir die ganze Angelegenheit auseinandersetzen, und ich müsse mich darauf gefaßt machen, überraschende Dinge zu hören. Ich habe mein Bestes getan, um mich darauf vorzubereiten, und bin natürlich in hohem Grade auf Eure Mitteilungen gespannt.«
»Natürlich«, versetzte Mr. Lorry. »Ja – ich –«
Nach einer Pause fügte er, die Perücke gegen das Ohr rückend, bei:
»Es ist sehr schwer, den Anfang zu finden.«
Und so fing er lieber nicht an, begegnete aber in seiner Unschlüssigkeit ihrem Blicke. Die junge Stirn furchte sich zu jenem eigentümlichen Ausdruck, der zwar auffallend, aber doch hübsch und charakteristisch war; dabei erhob sie ihre Hand, als greife sie mit dieser unwillkürlichen Bewegung nach einem flüchtigen Schatten oder wolle ihn festhalten.
»Seid Ihr mir ganz fremd, Sir?«
»Bin ich's nicht?«
Mr. Lorry öffnete seine Hände und streckte sie mit einem beweisführenden Lächeln aus.
Die Linie zwischen den Brauen und unmittelbar über dem Mädchennäschen, die so zart und fein wie nur immer möglich war, wurde ausdrucksvoller, als sie nachdenkend sich auf den Stuhl niederließ, neben dem sie bisher gestanden hatte. Er verwandte keinen Blick von dem gedankenvollen Wesen, und sobald sie ihre Augen wieder erhob, fuhr er fort:
»Ich vermute, daß ich in Eurem Adoptivvaterland nichts Besseres tun kann, als wenn ich mich gegen Euch wie gegen eine junge englische Lady benehme, Miß Manette?«
»Wenn es Euch so beliebt, Sir.«
»Miß Manette, ich bin ein Geschäftsmann und als ein solcher beauftragt, ein Geschäft auszurichten. Diesem meinem Auftrag gegenüber braucht Ihr mich nicht anders zu betrachten, als ob ich eine sprechende Maschine sei – in der Tat, ich bin auch kaum etwas anderes. Mit Eurer Erlaubnis, Miß, will ich Euch die Geschichte eines unserer Kunden erzählen.«
»Geschichte?«
Er schien absichtlich das Wort, das sie wiederholt hatte, mißzuverstehen, indem er hastig fortfuhr:
»Ja, eines Kunden. Im Bankgeschäft nennen wir gewöhnlich diejenigen, die mit uns in Geldbeziehungen treten, unsere Kunden. Er war ein Herr aus Frankreich, ein Gelehrter, ein Mann von ausgedehnten Kenntnissen, ein Doktor.«
»Nicht aus Beauvais?«
»Nun ja, von Beavoais. Gleich Eurem Vater, dem Monsieur Manette, war der Herr aus Beauvais und wie Euer Vater auch in Paris sehr angesehen. Ich hatte die Ehre, ihn dort kennenzulernen. Unsere Beziehungen waren geschäftlicher, aber doch vertraulicher Art. Ich arbeitete damals in unserem französischen Haus und wäre nicht – oh! zwanzig Jahre.«
»Damals, Sir – darf ich fragen, was Ihr mit diesem damals meint?«
»Ich spreche von der Zeit vor zwanzig Jahren, Miß. Er heiratete – eine englische Dame –, und ich war einer der Administratoren. Seine Angelegenheiten befanden sich wie die vieler französischer Herren und Familien ganz in Tellsons Händen. So bin ich denn oder war ich in der einen oder anderen Weise Güterpfleger für viele unserer Kunden. Dies sind bloß geschäftliche Beziehungen, die mit besonderem Interesse, Gefühl und Freundschaft nichts zu schaffen haben. Ich übernahm im Laufe meines Geschäftslebens bald diesen bald jenen Dienst, geradeso wie ich im Laufe des Geschäftstages von einem unserer Kunden zum anderen übergehe. Kurz, ich habe keine Gefühle – bin eine bloße Maschine. Um fortzufahren –«
»Aber Eure Geschichte betrifft wohl meinen Vater, Sir, und ich fange an zu glauben« – die seltsam gefurchte Stirn war ihm mit großer Angelegentlichkeit zugewendet –, »daß Ihr es wart, der mich nach England brachte, als ich nach dem Tod meiner Mutter, die meinen Vater nur um zwei Jahre überlebte, verwaist in der Welt stand. Ja, ich bin fest überzeugt davon.«
Mr. Lorry ergriff die zögernde kleine Hand, die sich ihm vertrauensvoll genähert hatte, um die seinige zu ergreifen, und brachte sie mit einiger Förmlichkeit an seine Lippen. Dann führte er die junge Dame wieder nach ihrem Stuhl, stützte seine Linke auf die Lehne und benutzte seine Rechte abwechselnd, um sich das Kinn zu reiben, die Stutzperücke gegen das Ohr zu ziehen oder seinen Worten Nachdruck zu geben, während er auf das achtsam zu ihm aufschauende Gesichtchen niederblickte.
»Ja, ich war es, Miß Manette. Und Ihr werdet sehen, wie wahr ich eben von mir selbst gesprochen, als ich sagte, daß ich keine Gefühle habe und meine Beziehungen zu meinen Nebenmenschen bloß geschäftlicher Natur seien, wenn Ihr Euch vergegenwärtigt, daß ich Euch seitdem nie wieder gesehen habe. Nein, Ihr wart von jener Zeit an Tellsons Mündel, und ich hatte in anderen Geschäften des Hauses Tellson zu tun. Gefühle? Dafür finde ich weder Zeit noch Gelegenheit. Ich verbringe mein Leben damit, Miß, daß ich stets eine ungeheure finanzielle Waschanstalt im Gang halte.«
Nach dieser eigentümlichen Schilderung seines täglichen Geschäftslebens strich Mr. Lorry mit beiden Händen die flachsfarbige Perücke auf seinem Kopfe glatt (wohl ein unnötiges Bemühen, da ihre glänzende Oberfläche vorher schon nicht glatter hätte sein können) und nahm seine frühere Haltung wieder an.
»Wie Ihr bemerkt habt, Miß, paßt die seitherige Geschichte auf Euren bedauerten Vater; jetzt aber kommt der Unterschied. Wenn Euer Vater nicht gestorben wäre, als er – Ihr müßt nicht erschrecken. Warum fahrt Ihr so zusammen?«
Sie war wirklich zusammengefahren und faßte jetzt seinen Arm mit ihren beiden Händen.
»Ich bitte«, fuhr Mr. Lorry in beschwichtigendem Ton fort, indem er seine Linke von der Stuhllehne entfernte, um sie auf die flehenden Finger zu legen, die mit so heftigem Zittern seinen Arm umfaßt hielten – »ich bitte, bekämpft Eure Aufregung – eine Geschäftssache. Ich wollte sagen –«
Ihr Blick brachte ihn dermaßen außer Fassung, daß er innehielt, eine Abschweifung versuchte und dann von neuem anhub.
»Ich wollte sagen – wenn Monsieur Manette nicht gestorben, sondern nur plötzlich in aller Stille verschwunden und nach irgendeinem schrecklichen Platze entrückt worden wäre, den man wohl erraten, aber nicht ermitteln konnte; wenn er einen Feind gehabt hätte in einem Landsmann, dem ein Vorrecht zu Gebot stand, von dem zu meiner Zeit auch die kecksten Männer dort über dem Wasser drüben nur mit Flüstern sprachen – die Befugnis zum Beispiel, Förmlichkeiten auszufüllen, die irgend jemand für beliebige Zeit dem Vergessenwerden in einem Gefängnis überantworteten: wenn seine Gattin um Kunde von ihm sich vor König und Königin, Hof und Geistlichkeit in den Staub geworfen hätte, aber alles vergeblich – dann wäre die Geschichte Eures Vaters auch die jenes unglücklichen Mannes, des Doktor von Beauvais gewesen.«
»Ich bitte Euch flehentlich, mir alles zu sagen, Sir.«
»Es soll geschehen. Ich bin im Begriff. Könnt Ihr es ertragen?«
»Ich kann alles ertragen, nur nicht die Ungewißheit, in der Ihr mich schweben laßt.«
»Ihr sprecht gefaßt, und Ihr seid es wohl auch. Recht so.« Freilich schien er innerlich weniger befriedigt zu sein, als seine Worte ausdrückten. »Eine Geschäftssache. Betrachtet es als ein Geschäft, das abgetan werden muß. Wohlan, wenn die Frau dieses Doktors trotz ihres hohen Geistes und Mutes um dieses Umstandes willen so sehr gelitten hätte, daß sie noch vor der Geburt ihres Kindes« –
»Dieses Kind war eine Tochter, Sir.«
»Eine Tochter. Eine – eine – Geschäftsache – laßt Euch nicht beunruhigen, Miß. Wenn die arme Dame so furchtbar gelitten hätte, daß sie vor der Geburt ihres Kindes den Entschluß faßte, dem armen Wesen die Teilnahme an ihren eigenen Qualen zu ersparen, indem sie es in dem Glauben erzog, daß sein Vater tot sei – – Nein, kniet nicht nieder. Um Himmels willen, warum kniet Ihr denn vor mir?«
»Die Wahrheit. O mein lieber, guter, mitleidiger Herr, die Wahrheit!«
»Eine – eine Geschäftsache. Ihr bringt mich in Verwirrung, und wie kann ich ein Geschäft bereinigen, wenn mein Kopf nicht klar ist? Wir müssen uns zusammennehmen. Wenn Ihr nur so gut sein wolltet, mir zum Beispiel zu sagen, was neunmal neun Pence ausmacht, oder wie viele Schillinge man zu zwanzig Guineen braucht. Das wäre schon ermutigender und würde mich über den Zustand Eures Geistes beruhigen.«
Er führte sie sanft nach ihrem Stuhl; hier blieb sie, ohne auf seine Berufung unmittelbar zu antworten, so ruhig sitzen, und ihre Hände, die noch immer seinen Arm umfaßt hielten, zeigten gegen früher eine so augenfällig erhöhte Stetigkeit, daß er wieder ein Herz faßte.
»Recht so, recht so. Nur Mut. Geschäft – es handelt sich um ein Geschäft, um ein belangreiches Geschäft. Miß Manette, Eure Mutter hat es in der angeregten Weise mit Euch gehalten. Und als sie starb – ich glaube an gebrochenem Herzen, weil sie nie in dem fruchtlosen Forschen nach Eurem Vater innehielt –, konnte die von ihr zurückgelassene Waise zu einem blühend schönen, glücklichen Wesen heranwachsen, ohne daß die schwere Wolke der Ungewißheit, ob sich die Kräfte Eures Vaters im Kerker früh verzehrten oder eine Reihe von Jahren hinsiechten, Euer Dasein trübte.«
Während er diese Worte sprach, blickte er mit mitleidsvoller Bewunderung auf das wallende Goldhaar nieder, als komme es ihm vor, daß es sich bereits mit Grau zu mengen beginne.
»Ihr wißt, daß Eure Eltern kein großes Vermögen besaßen, und daß es Eurer Mutter und Euch gesichert worden ist. Etwas Neues, Gold oder sonstiges Eigentum betreffend, kann ich Euch also nicht mitteilen, wohl aber die Kunde –«
Er fühlte einen festeren Druck an seinem Handgelenk und hielt darum inne. Der Zug auf ihrer Stirn, der ihm schon so sehr aufgefallen war, hatte den Ausdruck des Schmerzes und Schreckens angenommen.
»Daß er – daß er aufgefunden worden ist. Er lebt. Daß er sich sehr verändert hat, ist freilich nur allzu wahrscheinlich; möglich, daß wir nur noch eine Ruine in ihm finden: doch wollen wir das Beste hoffen. Er lebt noch. Man hat Euren Vater nach dem Haus eines alten Dieners in Paris gebracht, und wir sind auf dem Wege zu ihm – ich, um seine Identität zu bestätigen, wenn ich kann. Ihr, um ihm durch Liebe und Kindesdienst das Leben ruhig und behaglich zu machen.«
Ein Schauder überströmte ihren Körper und ging von ihr aus auf ihn über. Vernehmlich zwar, aber mit leiser und angstvoller Stimme, als rede sie im Traum, sprach sie:
»Ich gehe hin, um seinen Geist zu sehen! Es wird sein Geist sein, nicht er.«
Mr. Lorry rieb ruhig die Hände, die seinen Arm festhielten.
»So, so. Jetzt wär' es heraus. Von dem Besten und dem Schlimmsten seid Ihr nunmehr unterrichtet. Ihr befindet Euch auf dem Weg zu dem armen, schwer mißhandelten Herrn; noch eine schöne Seereise und eine schöne Landreise, und Ihr werdet an seiner Seite sein.«
In demselben Ton, aber noch gedämpfter, fuhr sie fort:
»Ich bin frei, ich bin glücklich gewesen; und doch ist mir sein Geist nie nahe gekommen.«
»Noch eines«, sagte Mr. Lorry mit Nachdruck, als sehe er darin das beste Mittel, Aufmerksamkeit zu erzwingen; »er ist unter einem andern Namen aufgefunden worden. Sein eigener wurde entweder seitdem stets verheimlicht oder vergessen. Es wäre schlimmer als nutzlos, darüber Nachforschungen anzustellen – schlimmer als nutzlos, ausfindig machen zu wollen, ob er diese lange Reihe von Jahren übersehen oder absichtlich gefangen gehalten wurde. Solche Nachforschungen würden jetzt zu nichts Gutem führen, sondern im Gegenteil gefährlich werden. Besser, man schweigt ganz und gar über die Sache und schafft ihn, jedenfalls für eine Weile, fort aus Frankreich. Sogar ich vermeide es, davon zu reden, obschon mich meine Nationalität sicherstellt, und Tellsons nehmen sich in acht, trotz ihrer Bedeutung für den französischen Kredit. Ich trage keinen Fetzen Papier bei mir, der eine offene Beziehung darauf hätte. Es handelt sich ganz und gar um ein Dienstgeheimnis. Meine Beglaubigungs-, Einführungs- und Empfehlungsbriefe beschränken sich auf die paar Worte: ›Ins Leben zurückgerufen‹, und man kann unter ihnen alles verstehen. Doch was ist das? Sie hört mich nicht! Miß Manette!«
Sie saß vollkommen still und unbewegt unter seiner Hand und war nicht einmal gegen die Stuhllehne zurückgesunken, trotz des Zustandes von Bewußtlosigkeit, in dem sie sich befand. Ihre Augen standen offen und waren auf ihn gerichtet: auch schien der vorerwähnte Ausdruck mit dem Meißel oder dem Brandeisen in ihre Stirn eingegraben zu sein. Sie hielt seinen Arm so fest umschlungen, daß er sich, um ihr nicht weh zu tun, scheute, ihre Hände loszumachen, und in dieser Not rief er, ohne sich von der Stelle zu rühren, laut um Hilfe.
Eine wild aussehende Weibsperson – Mr. Lorry bemerkte sogar in seiner Aufregung, daß sie selbst bis auf die Haare ganz rot aussah, in eine merkwürdig knapp anliegende Tracht gekleidet war und eine höchst wundersame Haube von der Gestalt eines mächtigen hölzernen Grenadierkübels oder eines großen Stiltoner Käses auf dem Kopf hatte – kam als Vortrab des Wirtshausgesindes in das Zimmer gerannt und erledigte alsbald die Frage seines Gebanntseins an die arme junge Dame damit, daß sie ihm mit sehniger Faust einen Stoß vor die Brust versetzte, demzufolge er gegen die nächste Wand flog.
»Das muß wahrhaftig ein Mannsbild sein«, dachte der atemlose Mr. Lorry in seinem Innern, als er den Widerstand der Mauer fühlte.
»Was soll eure Gafferei da!« rief die Weibsperson, gegen die Gasthausdienerschaft gewandt. »Warum geht ihr nicht, um das Nötige zu holen, und steht her, um mich anzuglotzen? Ist denn so viel an mir zu sehen, he? Warum bringt ihr mir nichts? Gebt acht, ich mach' euch Beine, wenn nicht rasch Riechsalz, kalt Wasser und Weinessig herkommt. Nun, wird's bald?«
Es flog alle« auseinander, um die gewünschten Belebungsmittel herbeizuschaffen, nur die Frau legte in der Zwischenzeit die Ohnmächtige sanft auf das Sofa. Sie zeigte dabei viel Geschick und Zartheit, nannte sie ihr »Schätzchen«, ihr »Vögelchen« und streifte mit Sorgfalt und Stolz das goldne Haar aus dem Antlitz der Patientin gegen die Schultern zurück.
»Und Ihr, Brauner, da«, sagte sie, entrüstet sich gegen Mr. Lorry umwendend, »konntet Ihr dem armen Kind nicht sagen, was Ihr ihm zu sagen hattet, ohne es auf den Tod zu erschrecken? Schaut sie an mit ihrem hübschen, blassen Gesicht und ihren kalten Händen. Treiben es alle Bankiers so?«
Mr. Lorry war von dieser schwer zu beantwortenden Frage so übermäßig betroffen, daß er nur aus der Ferne mit viel schwächerer Sympathie und Zerknirschung zuzuschauen vermochte, während das Mannweib, nachdem es die Hausdienerschaft unter der geheimnisvollen Drohung verbannt hatte, sie etwas nicht namhaft Gemachtes wissen zu lassen, wenn sie gaffend stehenbleibe, ihren Pflegling allmählich zur Besinnung brachte und durch Schmeichelworte bewog, das haltlose Köpfchen auf ihre Schulter zu legen.
»Ich hoffe, es macht sich jetzt bei ihr«, sagte Mr. Lorry.
»Dann ist jedenfalls Euer brauner Rock unschuldig daran. Mein Herzkäferchen.«
»Ich hoffe«, bemerkte Mr. Lorry nach einer abermaligen Pause schwacher Sympathie und Zerknirschtheit, »daß Ihr Miß Manette nach Frankreich begleiten werdet?«
»Sehr wahrscheinlich«, versetzte die entschiedene Frau. »Wenn es mir je beschieden gewesen wäre, daß ich über das Salzwasser soll, meint Ihr, die Vorsehung hatte mir dann meine Bestimmung auf meiner Insel angewiesen?«
Abermals eine schwer zu beantwortende Frage, weshalb Mr. Jarvis Lorin sich zurückzog, um darüber nachzudenken.
Ein großes Weinfaß war auf die Straße gefallen und geborsten. Der Unfall hatte sich zugetragen, als man es abladen wollte; man konnte es nicht mehr halten. Durch die Gewalt des Anpralls sprangen die Reifen, und da lag es nun unmittelbar vor der Kellertüre wie eine Nußschale zerschellt auf den Steinen.
Wer in der Nähe war, gab seine Arbeit oder seinen Müßiggang auf und eilte nach der Stelle, um von dem Wein etwas abzufangen. Die rauhen, unregelmäßigen Pflastersteine, mit denen die Straße überall belegt war und die ausdrücklich dazu bestimmt zu sein schienen, die Annäherung aller lebenden Wesen zu lähmen, hatten die kostbare Flüssigkeit in kleine Lachen abgedämmt, die nach dem Maßstab ihrer Größe von lärmenden Banden umlagert wurden. Dort knieten einige Männer nieder, machten aus den aneinandergefügten beiden Händen Löffel und schlürften daraus, oder versuchten den Weibern, die sich über ihre Schultern niederbeugten, zu etwas zu verhelfen, ehe der Wein zwischen ihren Fingern durchgelaufen war. Hier brauchten Männer und Weiber alte Topfscherben als Trinknäpfe oder tauchten die Kopftücher der Frauen ein, um sie in den Mund der Kinder auszuringen. Die einen bauten kleine Schlammdämme, um den entströmenden Wein aufzuhalten, andere stürzten nach der Weisung von Leuten, die von den Fenstern aus zusahen, da und dorthin, um die Bächlein abzuschneiden, die eine neue Richtung einschlagen wollten, und wieder andere hielten sich an die mit Hefe gefärbten Faßdauben, deren vom Wein getränkte Teile sie mit besonderem Hochgenuß beleckten und sogar benagten. Man bedurfte keiner Rinnen, um den Wein abzulassen; aber gleichwohl verschwand er und mit ihm so viel Staub, daß kein Gassenkehrer sauberer hätte fegen können.
Während der Dauer dieses Weinspiels tönte helles Gelächter und der Schall fröhlicher Stimmen aus dem Mund von Männern, Weibern und Kindern durch die Straße. Es ging zwar ziemlich roh, aber auch spaßhaft genug her; denn rasch hatte sich geselliges Wesen und die augenfällige Neigung eines jeden, sich dem andern anzuschließen, entwickelt, so daß es namentlich unter den Glücklicheren oder Leichtherzigeren bald zu fröhlichen Umarmungen, wechselseitigen Toasten, Händedrücken und selbst zu lustigen Tänzen kam, zu denen man sich zu Dutzenden vereinigte. Die Demonstrationen hörten übrigens ebenso plötzlich wieder auf, wie sie begonnen hatten, sobald der Wein ausgeschlürft war und die rechenartig arbeitenden Finger jede Stelle, wo er besonders massenhaft gestanden, mit der Zeichnung eines Bratrostes versehen hatten. Der Holzspalter setzte die Säge, die er in dem Scheit hatte stecken lassen, wieder in Bewegung. Die Frau kehrte nach ihrem auf der Türschwelle abgesetzten Aschentopf zurück, mit dem sie an sich selbst oder an ihrem Kinde den Schmerz der durchfrorenen Finger und Zehen zu beschwichtigen versuchte; Männer mit nackten Armen, verfilzten Haaren und leichenfahlen Gesichtern, die aus Kellergeschossen an das winterliche Licht emporgekommen waren, verschwanden wieder in ihren Höhlen, und über den Schauplatz verbreitete sich ein Düster, das ihm weit natürlicher stand als der Sonnenschein.
Es war ein Rotwein gewesen und die Stelle, wo er ausgeflossen war, eine enge Straße der Vorstadt Saint Antoine in Paris. Er hatte auch viele Hände, viele Gesichter, manchen nackten Fuß und manchen Holzschuh gefärbt. Die Hände der Holzhacker ließen rote Fingerabdrücke an den Scheiten zurück, und die Stirn des Weibes mit dem Kind war von dem alten Lumpen befleckt, den sie sich wieder um den Kopf gewunden. Diejenigen, die sich an den Faßdauben erlabt hatten, zeigten ein getigertes Untergesicht, und ein auf diese Weise beschmierter, langer Spaßmacher, an dessen Kopfseite eine schmutzige, lange Zipfelmütze niederfiel, malte mit seinen in die trübe Weinhefe getauchten Fingern das Wort Blut an eine Wand.
Es sollte eine Zeit kommen, in der auch solcher Wein in den Straßen ausgegossen wurde und sein Rot viele Pflastersteine färbte.
Als nun auf Saint Antoine die Wolke wieder lagerte, die ein flüchtiger Sonnenblick von seinem Antlitz verdrängt hatte, trat abermals tiefe Finsternis ein; Kälte, Schmutz, Krankheit und Not waren die Kammerherrn des Heiligen – lauter mächtige Edle, namentlich der letztere. Abgezehrte Fabrikarbeiter standen fröstelnd an den Ecken, gingen in den Häusern aus und ein, schauten aus jedem Fenster und ließen ihre armseligen Fähnlein im Winde flattern. Die Fabrik, in der sie sich so heruntergearbeitet hatten, hatte nichts gemein mit jener fabelhaften Mühle, die alte Leute jung machte, sondern übte gerade die entgegengesetzte Wirkung aus. Die Kinder hatten alte Gesichter und tiefe Stimmen, und auf jedem derselben war mit stets erneuten, tiefen Furchen das Zeichen des Hungers eingegraben. Dies erschien als der vorherrschende Zug. Der Hunger sprach aus den hohen Häusern heraus in den armseligen Linnen, die an den ausgespannten Seilen hingen, und wurde mit Stroh und Lumpen, Holz und Papier in sie hineingeflickt. Hunger bedeutete jeder der kleinen Holzabschnitte, die unter der Säge des Holzhacker fielen. Hunger glotzte aus den rauchlosen Schornsteinen in die Tiefe und schoß aus der schmutzigen Straße auf, in deren Kehricht sich kein Abfall vom Essen befand. Hunger war die Inschrift der Bäckersimse, deutlich ausgedrückt in den kleinen Laiben und dem spärlichen Brotvorrat – die der Wurstläden, lesbar in den Präparaten aus krepierten Hunden, die zum Verkauf ausgeboten wurden. Der Hunger ließ seine dürren Knochen rasseln unter den in der gedrehten Walze röstenden Kastanien und zeigte sein Skelett auf jedem Teller mit schlechten, in einigen Tropfen widerstrebenden Öls gebratenen Kartoffeln.
Der Tummelplatz war in jeder Beziehung für ihn passend. Eine enge, krumme Straße voll Unflat und Gestank, die in die andern engen, krummen Straßen einmündete, alle bevölkert von Lumpen und Nachtmützen, alle riechend nach Lumpen und Nachtmützen, und in allen sichtbaren Dingen ein düsteres, brütendes Aussehen zeigend. In den abgezehrten Mienen der Menschen war da und dort noch so eine Art Raubtiergedanke von der Möglichkeit eines Widerstandes zu lesen. Wie gedrückt sie auch dahinschlichen, fehlte es ihnen doch nicht an Augen voll Feuer, an zusammengepreßten Lippen, blaß von dem, was sie unterdrückten, und an Stirnen, gefurcht nach Art des Stricks, den zu erdulden oder zu handhaben ihnen beschieden war. Die Geschäftschilde, deren es fast so viele gab wie Läden, zeigten lauter grauenhafte Schilderungen des Mangels. Der Rindvieh- und der Schweinemetzger hatten nur die magersten Fleischstücke, die Bäcker die kleinsten Laibe rauhen Brotes abbilden lassen. Die abgemalten Gäste in dem Schilde der Weinbuden krächzten in hohläugiger Vertraulichkeit über dem spärlich zugemessenen dünnen Wein oder Bier. Nichts war in einem ordentlichen Zustand dargestellt als das Arbeitsgerät und die Waffen; allerdings, die Messer und Äxte waren scharf, die Schmiedehämmer schwer und die Vorräte des Büchsenmachers mörderisch. Das lahmmachende Pflaster mit seinen vielen kleinen Schlamm- und Wasserpfützen hatte keine Trottoirs, sondern begann unmittelbar vor der Tür. Zur Schadloshaltung lief die Gosse durch die Mitte der Straße – das heißt, wenn sie überhaupt lief, und das geschah nur nach schweren Regengüssen, die dann auch gelegentlich durch ihre exzentrischen Kundgebungen die Häuser füllten. In weiten Zwischenräumen sah man quer über die Straßen je eine einzige schwerfällige Laterne an einem Seil und einem Klobenpfahl aufgehangen, und wenn sie dann nachts von dem Lampenwärter niedergelassen, angezündet und wieder aufgezogen wurde, pendelte über den Köpfen eine weit auseinandergezerrte Reihe von düster brennenden Dochten so krankhaft, als wären sie auf dem Meer. Und so konnte man es auch nennen; sie zitterten auf einem Meer, und Schiff und Mannschaft stand in Sturmesgefahr.
Denn es sollte eine Zeit eintreten, in der die hagern Vogelscheuchen jenes Stadtteils in ihrem Müßiggang und Hunger dem Lampenwärter so lang zugesehen hatten, daß ihnen der Gedanke kam, seine Methode zu verbessern und an jenen Seilen und Klobenpfählen Menschen in die Höhe zu ziehen, damit sie grell hineinleuchten möchten in die Nacht ihrer Lage. Aber die Stunde war noch nicht gekommen, und jeder Wind, der über Frankreich hinblies, schüttelte vergeblich die Lumpen der Vogelscheuchen; die Vögel mit ihrem schönen Gesang und Gefieder ließen sich nicht warnen.
Der Weinschank war ein Eckhaus von besserem Aussehen als die meisten anderen, und der Besitzer desselben stand in gelber Weste und grünen Beinkleidern vor der Tür und sah dem Kampf um den ausgelaufenen Wein zu. »Geht mich nichts an«, sagte er mit einem schließlichen Achselzucken. »Die Lieferung geschah auf Gefahr des Verkäufers; er mag für eine andere sorgen.«
Seine Augen fielen zufällig auf den langen Spaßmacher, als er mit seinem Witz die Wand bekleckste, und er rief ihm über die Straße hinüber zu:
»He, Gaspard, was macht Ihr da?«
Der Kerl schien in seinem Spaß, wie es bei Leuten seines Schlages gern der Fall ist, große Bedeutung zu sehen, verfehlte aber doch, wie es bei Leuten dieser Gattung gleichfalls oft zutrifft, vollständig seinen Zweck.
»Was soll das? Seid Ihr denn fürs Tollhaus reif?« sagte der Weinwirt, über die Straße hinübergehend und den Spaß mit einer Handvoll Gassenkot austilgend, den er aufnahm und darüber hinschmierte. »Warum schreibt Ihr das in offener Straße? Gibt es denn – hört Ihr – gibt es denn keinen andern Platz, um solche Worte hinzuschreiben?«
Während dieser Vorstellung ließ er, vielleicht zufällig, vielleicht auch nicht, seine reinlichere Hand in die Richtung von des Spaßmachers Herzen sinken. Dieser klopfte mit seiner eigenen darauf, tat einen hurtigen Sprung in die Höhe und nahm dann die Haltung eines phantastischen Tänzers an, schuppte sich seinen beschmutzten Schuh vom Fuß in die Hand, und streckte ihn aus ... Unter diesen Umständen erschien der Spaßmacher in einer außerordentlich, um nicht zu sagen wolfartig praktischen Rolle.
»Zieht ihn nur wieder an, zieht ihn an«, sagte der andere. »Bestellt Wein, Wein, und laßt's dabei bewenden.«
Nach diesem Rat wischte er sich ganz bedächtig seine beschmutzte Hand an dem Kleid des Spaßmachers ab, als sei dieser schuld gewesen an der Verunreinigung, kehrte nach seinem Haus zurück und trat in seine Weinstube.
Der Wirt war ein stiernackig, martialisch aussehender Mann von dreißig und mußte wohl von sehr hitziger Körperbeschaffenheit sein, da er trotz des bitter kalten Tages seinen Rock nicht auf dem Leib, sondern über die Schultern geschlenkert trug. Seine Hemdärmel waren aufgerollt und seine braunen Arme bis zum Ellbogen nackt. Auch hatte er keine andere Kopfbedeckung als sein kurzgeschnittenes, krauses, schwarzes Haar. Er selbst war ein dunkelfarbiger Mann mit grauen Augen und einer breiten, kühnen Nasenbrücke dazwischen. Im ganzen sah er gutlaunig, dabei aber auch unversöhnlich aus, und Entschiedenheit des Willens und des Entschlusses waren ihm auf die Stirne gezeichnet, Juan mußte sich wohl vorsehen, ihm entgegenzutreten, wenn er eine enge Steige mit einem Abgrund auf jeder Seite hinabstürmte, da diesen Mann nichts zum Ausweichen gebracht haben würde.
Als er hereinkam, saß seine Frau, Madame Defarge, hinter dem Zahltisch der Gaststube. Sie war eine stämmige Frau von dem Alter ihres Gatten und hatte ein wachsames Augenpaar, das selten auf etwas hinzuschauen schien. Ihre große Hand war mit schweren Ringen geschmückt, und ihr gesetztes, derbzügiges Gesicht verriet große Selbstbeherrschung. Überhaupt zeigte Madame Defarge etwas so Charakteristisches, daß man von ihr zum voraus sagen konnte, sie mache in den Rechnungen, denen sie vorstand, nicht leicht einen Verstoß zu ihrem Nachteil. Da sie sehr empfindlich gegen Kälte war, hatte sie sich in einen Pelz gehüllt und außerdem ein mächtiges, hellfarbiges Tuch um den Kopf gebunden, das jedoch nicht bis zu den großen Ohrenringen niederreichte. Ihr Strickzeug lag müßig vor ihr, da sie eben mit dem Ausstochern ihrer Zähne beschäftigt war, und in dieser Arbeit mußte ihre linke Hand den rechten Ellenbogen unterstützen. Als ihr Eheherr eintrat, sagte sie nichts, sondern hustete nur ganz leichthin. Dies mit dem Erheben ihrer dunkel gezeichneten Augenbrauen um die Breite einer Linie über ihren Zahnstocher deutete dem Gatten an, daß er gut tun werde, sich im Zimmer nach den Gästen umzusehen, da während seiner kurzen Abwesenheit neue Kundschaft eingetreten sei.
Der Weinwirt ließ seine Augen umherschweifen, bis sie auf einem ältlichen Herrn und einem jungen Frauenzimmer, die in einer Ecke saßen, haften blieben. Es war auch andere Gesellschaft da; ein Paar spielte Karten, ein anderes machte eine Dominopartie, und drei standen neben dem Schenktisch und schlürften sparsam den kleinen Rest ihres Weines. Als der Wirt hinter den Tisch trat, fiel ihm auf, daß der ältliche Herr mit einem Blick auf die junge Dame die Worte fallen ließ:
»Dies ist unser Mann.«
»Was Teufels wollt ihr in dieser Galeere da?« sagte Monsieur Defarge zu sich selbst; »ich kenne euch nicht.«
Er stellte sich an, als nehme er keine Notiz von den beiden Fremden, sondern ließ sich mit dem Kundentriumvirat, das neben dem Schenktisch trank, in ein Gespräch ein.
»Wie geht es, Jacques?« sagte einer von den dreien zu Monsieur Defarge. »Ist aller ausgeflossener Wein schon versorgt?«
»Bis auf den letzten Tropfen, Jacques«, antwortete Monsieur Defarge.
Nach diesem Austausch von Taufnamen hustete Madame Defarge, die noch immer ihre Zähne mit dem Stocher bearbeitete, wieder ein klein wenig und zog die Brauen um eine Linie höher.
»Es kommt nicht oft vor«, bemerkte der zweite von den dreien gegen Monsieur Defarge, »daß dieser Haufe unglücklichen Viehs Wein oder überhaupt etwas anderes zu kosten kriegt als Schwarzbrot und Tod. Ist es nicht so, Jacques?«
»Jawohl, Jacques«, entgegnete Monsieur Defarge.
Nach diesem abermaligen Taufnamenaustausch hustete Madame Defarge, die in gründlicher Fassung noch immer ihren Zahnstocher handhabte, abermals ein wenig und erhob die Brauen um die Breite einer weitern Linie.
Nun brachte der Letzte von den dreien sein Sprüchlein an, nachdem er zuvor sein leeres Trinkglas schmatzend auf den Tisch niedergesetzt hatte.
»Ah, um so schlimmer. Dieses arme Gesindel hat immer einen bitteren Mund und ein saures Leben, Jacques. Hab' ich nicht recht, Jacques?«
»Sicherlich, Jacques«, lautete Monsieur Defarges Erwiderung. Dieser dritte Taufnamenaustausch war kaum beendigt, als Madame Defarge ihren Zahnstocher beiseite steckte, die Augenbrauen scharf in die Höhe zog und leicht in ihrem Sitze raschelte.
»Halt, da; richtig«, murmelte der Ehemann. »Messieurs, meine Frau.«
Die drei Gäste nahmen vor Madame Defarge die Hüte ab und schwenkten sie achtungsvoll. Sie dankte für diese Huldigung durch eine Verbeugung des Kopfes und durch einen raschen Blick, den sie über das Kleeblatt hingleiten ließ. Dann schaute sie sich rasch, als geschehe es nur zufällig, in der Zechstube um und nahm endlich mit dem Anschein großer Ruhe und geistiger Fassung ihr Strickzeug auf, in das sie sich alsbald völlig vertieft hatte.
»Meine Herren«, sagte ihr Gatte, der sein helles Auge nicht von ihr verwandte, »guten Tag. Das Zimmer für einen ledigen Herrn, das ihr zu sehen wünschtet und nach dem ihr mich fragtet, eh' ich hinausging, ist im fünften Stock. Die Treppe dazu findet ihr dort links in dem kleinen Hof (er deutete die Richtung mit der Hand an) neben dem Fenster meiner Wirtschaft. Doch ich erinnere mich – einer von euch ist ja schon dagewesen und kann den Weg zeigen. Adieu, meine Herren.«
Sie zahlten ihren Wein und entfernten sich. Monsieur Defarges Augen hafteten noch immer auf der strickenden Frau, als der ältliche Herr aus seiner Ecke hervortrat und um geneigtes Gehör bat.
»Recht gern, Herr«, versetzte Monsieur Defarge und trat ruhig mit ihm unter die Tür.
Ihr Gespräch war sehr kurz, aber auch sehr entschieden. Schon bei den ersten Worten fuhr Monsieur Defarge zusammen und wurde sehr aufmerksam. Er hatte keine Minute zugehört, als er nickte und hinausging. Der Herr winkte dann dem jungen Frauenzimmer und verließ mit ihr gleichfalls das Zimmer. Madame Defarge strickte mit hurtigen Fingern und ruhigen Augenbrauen und sah nichts.
Mr. Jarvis Lorry und Miß Manette trafen, sobald sie die Tür der Weinstube hinter sich geschlossen, in der Flur, nach der eben zuvor das Kleeblatt gewiesen worden war, wieder mit Monsieur Defarge zusammen. Die Flur führte zu einem stinkenden, kleinen Hinterhof und war der allgemeine Zugang zu einer ansehnlichen Häusergruppe, die von einer großen Menschenmenge bewohnt wurde. In dem dunkeln, mit Backsteinen gepflasterten Vorplatz zu der finsteren Backsteintreppe ließ sich Monsieur Defarge vor dem Kind seines alten Herrn auf ein Knie nieder und führte ihre Hand an seine Lippen. Die Handlung war zart, wurde aber nichts weniger als zart ausgeführt, und unmittelbar darauf kam eine merkwürdige Veränderung über den Mann. Sein Gesicht zeigte keinen Frohsinn, keine Offenheit mehr und verriet jetzt einen heimlichen, finsteren, gefährlichen Mann.
»Es ist sehr hoch und der Zugang etwas beschwerlich. Besser, wir fangen langsam an.« So sprach Monsieur Defarge mit rauher Stimme zu Mr. Lorry, als sie die Treppe hinanzusteigen begannen.
»Ist er allein?« flüsterte dieser.
»Allein! Gott behüte, wer sollte bei ihm sein?« antwortete der andere ebenso leise.
»Er ist also immer einsam?«
»Ja.«
»Auf sein Verlangen?«
»Aus Notwendigkeit. Wie er war, als ich ihn sah, nachdem man mich aufgefunden und befragt hatte, ob ich ihn aufnehmen und auf meine Gefahr hin verschwiegen sein wolle, – wie er damals war, so ist er auch jetzt.«
»Wohl sehr verändert?«
»Verändert!«
Der Wirt hielt an, um mit seiner Hand gegen die Mauer zu schlagen und einen schweren Fluch vor sich hinzumurmeln. Keine unmittelbare Antwort hätte nur halb so nachdrücklich sein können. Mr. Lorry fühlte sich bedrückter und bedrückter, je höher er mit seinen beiden Begleitern hinaufkam.
Eine solche Treppe mit ihren Zugaben in den älteren, übervölkerten Stadtteilen von Paris würde schon heutzutage schlimm genug sein, war aber damals für nicht daran gewöhnte und nicht abgehärtete Sinne etwas Abscheuliches. Jede kleine Wohnung innerhalb der großen Kloake eines einzigen hohen Hauses, das heißt jede Stube, jede Räumlichkeit hinter der nach der gemeinsamen Treppe hinausführenden Tür setzte ihren Haufen Unrat, den Rest von dem, was nicht zu den Fenstern hinausgeworfen wurde, auf ihrem Vorplatz ab. Die nicht zu bewältigende, hoffnungslose Masse von Fäulnis, zu der in solcher Weise die Bedingungen gegeben waren, würde die Luft verpestet haben auch ohne die nicht greifbaren Verunreinigungen, die im Gefolge von Armut und Elend auftreten. Beide zusammen aber bildeten ein fast unerträgliches Gemenge. Durch eine solche Atmosphäre und über Haufen giftigen Abfalls führte der Weg. Die Unruhe des eigenen Geistes und die Aufregung des Mädchens, die sich mit jedem Augenblick steigerte, bewogen Mr. Jarvis Lorry zweimal, haltzumachen und auszuruhen. Dies geschah jedesmal vor einem kläglichen Fenstergitter, durch das jedes noch gesund gebliebene Lüftchen zu entweichen und alle verderbten, eklen Dünste einzudringen schienen. Durch die rostigen Eisenstäbe gewahrte man eher durch das Geruch- als durch das Gesichtsorgan die aufeinander hockenden Nachbarhäuser, unter denen, soweit man sehen konnte, nichts auf gesundes Leben und Streben deutete als die beiden hohen Türme der Kirche von Notre-Dame.
Endlich war die Höhe der Treppe erreicht, und sie machten zum drittenmal halt. Aber es führte eine steilere und engere Obertreppe noch weiter hinauf, bis man in das Dachgeschoß gelangte. Der Wirt, der immer vorausging und sich auf der Seite hielt, auf der sich Mr. Lorry befand, weil er vielleicht von der jungen Dame befragt zu werden fürchtete, wandte sich hier um, betastete sorgfältig die Taschen des über seinen Rücken hängenden Rockes und nahm einen Schlüssel heraus.
»Ist denn die Tür verschlossen, mein Freund?« fragte Mr. Lorry erstaunt.
»Ja«, lautete Monsieur Defarges grämliche Antwort.
»Ihr haltet es also für nötig, daß der unglückliche Mann so zurückgezogen lebe?«
»Ich halte es für nötig, den Schlüssel umzudrehen«, flüsterte ihm Monsieur Defarge mit gerunzelter Stirn ins Ohr.
»Warum?«
»Warum? Weil er so lang eingesperrt gelebt hat, daß er sich fürchten, rasend werden, sich selbst in Stücke reißen, sterben oder weiß Gott welchen Schaden nehmen würde, wenn ich seine Tür offen ließe.«
»Ist es möglich!« rief Mr. Lorry.
»Ob es möglich ist?« entgegnete Defarge mit Bitterkeit. »Jawohl. Wir leben in einer sauberen Welt, wo so etwas möglich ist und wo so viele andere Dinge möglich und nicht nur möglich sind, sondern wirklich geschehen – ja, seht Ihr, unter diesem Himmel, jeden Tag wirklich geschehen. Es lebe der Teufel! Laßt uns weitergehen.«
Dieses Zwiegespräch war in einem so leisen Geflüster abgehalten worden, daß keine Silbe davon das Ohr der jungen Dame erreichte. Jetzt aber zitterte sie unter einer so gewaltigen Aufregung, und ihr Gesicht zeigte einen Ausdruck von so tiefer Angst, vor allem aber von Furcht und Schrecken, daß Mr. Lorry sich für verpflichtet hielt, ein paar Worte der Ermutigung an sie zu richten.
»Mut, meine teure Miß! Mut! Geschäft! Das Schlimmste wird in einem Augenblick vorüber sein; es ist herum, sobald man die Schwelle überschritten hat. Dann beginnt all das Gute, das Ihr ihm bringt, aller Trost und alles Gluck, das Ihr ihm schaffen könnt. Erlaubt unserem guten Freund hier. Euch auf der andern Seite zu unterstützen. Recht so, Freund Defarge. Kommt jetzt. Geschäft, Geschäft!«
Sie stiegen langsam und leise vollends hinan. Die Treppe war kurz und das Ende bald erreicht. Da sie jedoch auf dem halben Wege einen Winkel machte, wurden sie plötzlich drei Männer gewahr, die neben der Tür die Köpfe zusammengesteckt hielten und augenscheinlich durch einige Risse oder Löcher der Mauer in das dahinter befindliche Gemach hineinsahen. Die nahen Fußtritte bewogen die drei sich aufzurichten und umzuwenden; es waren die Männer mit dem gleichen Vornamen, die unten Wein getrunken hatten.
»In der Überraschung Eures Besuches habe ich sie vergessen«, bemerkte Monsieur Defarge erklärend. »Geht jetzt, meine guten Kinder; wir haben ein Geschäft da.«
Die drei glitten vorüber und leise die Treppe hinab.
Da sich auf diesem Boden augenscheinlich keine andere Tür befand und der Wirt, sobald sie allein waren, geradewegs auf diese einzige zuging, so fragte ihn Mr. Lorry flüsternd, aber mit einigem Unwillen:
»Stellt Ihr denn Monsieur Manette zur Schau aus?«
»Ich zeige ihn auf diese Weise, wie Ihr's gesehen habt, einigen wenigen Auserwählten.«
»Ist dies recht?«
»Ich denke wohl.«
»Wer sind die wenigen? Wie wählt Ihr sie?«
»Ich sehe dabei auf reelle Männer meines Namens – Jacques ist mein Name –, von denen ich glaube, daß ihnen der Anblick gut tun werde. Genug – Ihr seid ein Engländer; das ist etwas anderes. Habt die Güte, einen Augenblick hier stehenzubleiben.«
Mit einer abwehrenden Gebärde beugte er sich nieder und schaute durch den Spalt in der Mauer, erhob den Kopf aber bald wieder und schlug zwei- oder dreimal gegen die Tür, augenscheinlich in keiner andern Absicht, als um Lärm zu machen. Ebenso rasselte er etlichemal mit dem Schlüssel über die Tür hin, ehe er diesen derb in das Schloß stieß und so geräuschvoll wie nur möglich darin umdrehte.
Die Tür ging unter seiner Hand langsam nach innen auf. Er sah hinein und sagte etwas. Eine schwache Stimme antwortete darauf. Es konnte beiderseits wenig mehr als eine Silbe gesprochen worden sein.
Monsieur Defarge schaute über die Schulter zurück und winkte seinen Begleitern, einzutreten. Mr. Lorry schlang seinen Arm um den Leib seiner Begleiterin und hielt sie fest; denn er fühlte, daß sie ohnmächtig werden wollte.
»Ein – ein – ein Geschäft, Geschäft!« drängte er, und auf seiner Wange zeigte sich ein Naß, das jedenfalls dort kein Geschäft hatte. »Kommt mit – kommt!«
»Ich fürchte mich«, entgegnete das Mädchen schaudernd.
»Vor was?«
»Vor ihm – vor meinem Vater.«
Durch Miß Manettes Zustand und das Winken des Führers in Verzweiflung gebracht, schlang er den Arm, der auf seiner Schulter zitterte, um seinen Hals, hob sie ein wenig empor und eilte mit ihr in das Gemach; dann setzte er sie unmittelbar hinter der Schwelle wieder ab, ohne die sich an ihn Anklammernde loszulassen.
Defarge nahm den Schlüssel wieder heraus, machte die Tür zu und schloß sie von innen ab, dann zog er den Schlüssel ab und behielt ihn in der Hand. Alles dies tat er methodisch und so geräuschvoll wie nur möglich. Endlich ging er gemessenen Schritts durch die Kammer nach dem Fenster hin, wo er haltmachte und sich umwandte.
Die Dachkammer hatte ursprünglich die Bestimmung, zur Aufbewahrung von Brennholz und dergleichen zu dienen, und bestand in einem düstern, dunklen Gelaß. Das Fenster im Dach war eigentlich eine Tür mit einem kleinen Kran darüber, um von der Straße aus Vorräte in die Höhe ziehen zu können, hatte keine Scheiben und bestand wie jede andere Tür von französischer Konstruktion aus zwei Flügeln. Um die Kälte abzuwehren, wäre der eine Flügel fest geschlossen und der andere nur ein wenig geöffnet; durch den schmalen Spalt aber drang das Licht nur so spärlich ein, daß man unmittelbar nach dem Eintreten nichts sehen konnte, und nur lange Gewohnheit vermochte irgend jemand in die Lage zu bringen, bei solcher Beleuchtung eine Arbeit vorzunehmen. Und doch wurde in diesem Dachraume gearbeitet. Den Rücken der Tür und das Gesicht dem Fenster zugewandt, vor dem der Wirt zusehend stand, saß ein weißhaariger Mann auf einer niedrigen Bank. Er hatte den Körper vorwärts gebeugt und machte eifrig Schuhe.
»Guten Tag!« sagte Monsieur Defarge, auf den über einen Schuh hingebeugten weißen Kopf niederblickend.
Der Kopf richtete sich für einen Augenblick auf, und eine sehr schwache Stimme, als komme sie au« weiter Ferne, antwortete auf den Gruß:
»Guten Tag!«
»Ich sehe, Ihr seid eifrig beim Geschäft?«
Nach einer langen Pause erhob sich der weiße Kopf abermals, und die Stimme versetzte:
»Ja – ich arbeite.«
Diesmal hatten auch ein Paar hohle Augen den Frager angeblickt, ehe sich das Gesicht wieder senkte.
Die Schwäche der Stimme war erschütternd mitleiderregend. Man konnte sie keine körperliche Schwäche nennen, obschon langer Kerker und schlechte Kost ohne Zweifel mit zu den Ursachen gehörten. Ihre bejammernswürdige Eigentümlichkeit bestand in dem Umstand, daß sie eine Frucht der Einsamkeit und des völligen Mangels an Übung war. Die Stimme klang wie das letzte matte Echo eines lange zuvor ins Weite gerufenen Tons und hatte das Leben, den Klang der menschlichen Stimme so ganz und gar verloren, daß sie auf die Sinne den Eindruck einer Farbe machte, die einmal schön war, jetzt aber zu einem matten Fleck verblichen ist. Sie klang so gedämpft und verfallen, daß sie unter dem Boden hervorzukommen schien, und deutete so ausdrucksvoll auf ein hoffnungsloses, verlorenes Wesens daß der Ton den Hörenden unwillkürlich an einen in der Wüste verirrten, verhungernden Reisenden erinnerte, der der Heimat und seinen Freunden noch ein Lebewohl zuruft, ehe er sich hinlegt, um zu sterben.
Einige Minuten stummer Arbeit waren vergangen, und die hohlen Augen hatten wieder aufgeblickt – nicht etwa aus Interesse oder Neugier, sondern vorläufig nur unter dem mechanischen Eindruck, daß die Stelle, wo der einzige zu ihrer Wahrnehmung gekommene Besuch stand, noch nicht leer sei.
»Ich möchte etwas mehr Licht einlassen«, sagte Defarge, der seinen Blick nicht von dem Schuhmacher verwandt hatte. »Könnt Ihr ein bißchen mehr Helle vertragen?«
Der Schuhmacher hielt in seiner Arbeit inne, schaute mit einer ausdruckslosen Miene des Horchen« bald rechts, bald links von sich auf den Boden und sah endlich zu dem Sprecher auf.
»Was habt Ihr gesagt?«
»Ob Ihr mehr Helle vertragen könnet?«
»Ich muß wohl, wenn Ihr sie hereinlaßt.«
Er legte einen blassen Schatten von Nachdruck auf das zweite Wort.
Die angelehnte Halbtür wurde ein wenig weiter geöffnet und vorderhand unter diesem Winkel befestigt. Ein breiter Lichtstreifen fiel in die Kammer und beleuchtete den ruhenden Arbeiter mit einem unvollendeten Schuh auf seinem Schoß. Sein Werkzeug und einige Stücke Leder lagen zu seinen Füßen und auf der Bank. Er hatte einen weißen, struppigen, aber nicht sehr langen Bart, ein hageres Gesicht und ungemein helle Augen. Letztere hätten in den tiefen Höhlen, dem welken Zug unter den noch immer dunkeln Augenbrauen und unter dem weißen Haar groß erscheinen müssen, wenn sie auch das Gegenteil gewesen wären. Bei ihrer natürlichen Größe aber hatten sie ein wahrhaft unheimliches Aussehen gewonnen. Das zerfetzte gelbe Hemd ließ die Brust offen und zeigte einen völlig maroden Körper. Er, sein altes Kanevaswams, seine losen Strümpfe und die übrigen Kleiderlumpen waren in der langen Abgeschiedenheit von Licht und Luft zu einem so gleichförmigen Pergamentgelb verblichen, daß man kaum einen Unterschied mehr entdecken konnte.
Er hatte seine Hand zwischen seine Augen und das Licht gebracht, und sogar die Knochen schienen durchsichtig zu sein. So saß er mit leerem Blicke da und ließ seine Arbeit ruhen. Er schaute nie auf die Gestalt vor ihm, ohne vorher rechts und links an sich niederzusehen, als habe er die Gewohnheit verlernt, den Ton mit einem Ort in Verbindung zu bringen: auch sprach er nie, ohne sich zuvor in dieser unsteten Weise zu ergehen, die ihn gelegentlich auch das Reden ganz und gar vergessen ließ.
»Werdet Ihr wohl heute noch dieses Paar Schuhe fertigbringen?« fragte Defarge, indem er Mr. Lorry winkte, näher zu treten.
»Was habt Ihr gesagt?«
»Ob Ihr Eure Schuhe heute noch fertigzubringen gedenkt.«
»Ich kann nicht sagen, ob ich's imstande bin. Vermutlich. Ich weiß es nicht.«
Die Frage erinnerte ihn jedoch an seine Arbeit, und er beugte sich wieder darüber hin.
Mr. Lorry trat schweigend vor und ließ die Tochter an der Tür zurück. Er mochte ein paar Minuten neben Defarge gestanden haben, als der Schuhmacher wieder aufschaute. Dieser zeigte kein Erstaunen über das Vorhandensein einer weiteren Person; aber die unsteten Finger seiner einen Hand verirrten sich, während er so aufblickte, zu seinen Lippen, die mit den Nägeln die blasse Bleifarbe teilten. Dann ließ er die Hand wieder auf seine Arbeit sinken und beugte sich abermals über den Schuh. Das Aufsehen und die Gebärde hatte nur einen Augenblick gedauert.
»Ihr seht. Ihr habt einen Besuch«, sagte Monsieur Defarge.
»Was habt Ihr gesagt?«
»Hier ist ein Besuch.«
Der Schuhmacher schaute wieder wie zuvor auf, ohne jedoch die Hand von seiner Arbeit zu entfernen.
»Gebt her«, sagte Defarge, »Hier ist ein Herr, ein Kenner von guten Schuhen, wenn er welche sieht. Zeigt ihm die Arbeit, die Ihr vor Euch habt. Nehmt, Monsieur.«
Mr. Lorry nahm den Schuh in sein« Hand.
»Sagt dem Herrn, was für ein Schuh dies ist und wer ihn gemacht hat.«
Es trat eine mehr als gewöhnlich lange Pause ein, bis der Schuhmacher endlich erwiderte:
»Ich vergaß, was Ihr mich fragtet. Was habt Ihr gesagt?«
»Ich sagte, ob Ihr nicht Monsieur darüber belehren wollet, was für ein Schuh dies sei.«
»Es ist ein Frauenzimmerschuh – ein Schuh zum Ausgehen für eine junge Dame. Ganz nach der gegenwärtigen Mode. Ich kenne zwar die Mode nicht aus eigener Anschauung, habe aber ein Muster in der Hand gehabt.«
Er blickte mit einem kleinen Anflug von Stolz auf seinen Schuh.
»Und wie heißt der Verfertiger?« fragte Defarge.
Da der alte Mann jetzt keine Arbeit zu halten hatte, so legte er zuerst die Knöchel seiner rechten Hand in die hohle Fläche der linken und dann die Knöchel der linken in die Fläche der rechten. Darauf fuhr er mit einer Hand über das bärtige Kinn. Dies trieb er eine Weile in regelmäßiger Abwechslung, ohne auch nur einen Augenblick auszusetzen. Die Aufgabe, ihn aus der Gedankenlosigkeit, in die er nach jeder seiner Reden versank, zu wecken, ließ sich mit den Belebungsversuchen an einem Ohnmächtigen oder mit der Bemühung vergleichen, den Geist eines rasch dahinsterbenden Menschen, von dem man noch eine Enthüllung wünscht, zurückzuhalten.
»Habt Ihr mich nach meinem Namen gefragt?«
»Jawohl.«
»Hundertundfünf, Nordturm.«
»Ist dies alles?«
»Hundertundfünf, Nordturm.«
Mit einem müden Ton, der weder ein Seufzen noch ein Stöhnen war, beugte er sich wieder vor, bis die Stille aufs neue unterbrochen wurde.
»Ihr seid kein Schuhmacher von Gewerbe?« sagte Mr. Lorry, ihn fest ansehend.
Die hohlen Augen richteten sich auf Defarge, als erwarteten sie von ihm die Beantwortung der Frage; da aber von dieser Seite her keine Hilfe kam, so suchten sie eine Weile den Boden und blieben endlich auf dem Frager haften.
»Ob ich ein Schuhmacher von Gewerbe sei? Nein, ich bin es nicht. Ich – ich habe es hier gelernt – aus mir selbst – ohne Lehrmeister. Ich bat um die Erlaubnis, mich –«
Er war aufs neue für einige Minuten weg und wiederholte während dieser Zeit die vorhin beschriebenen Gesten. Endlich kehrten seine Augen langsam zu dem Gesicht zurück, von dem sie abgeschweift waren, und ruhten darauf eine Weile, bis er zusammenfuhr und in der Art eines Schlafenden in dem Moment des Erwachens den unterbrochenen Gegenstand wiederaufnahm.
»Ich bat um die Erlaubnis, mich unterrichten zu dürfen, und erhielt sie auch lange Zeit nachher mit vieler Mühe. Seitdem habe ich immer Schuhe gemacht.«
Als er die Hand nach dem Schuh ausstreckte, der ihm abgenommen worden war, sagte Mr. Lorry, sein Gesicht unverwandt betrachtend:
»Monsieur Manette, erinnert Ihr Euch meiner nicht mehr?«
Der Schuh sank zu Boden, und der alte Mann starrte den Frager an.
»Monsieur Manette«, fuhr Mr. Lorry fort, indem er seine Hand auf Desarges Arm legte, »erinnert Ihr Euch nicht mehr dieses Mannes? Seht ihn an. Seht mich an. Entsinnt Ihr Euch nicht eines alten Bankiers, eines alten Geschäfts, eines alten Dieners und einer früheren Zeit, Monsieur Manette?«
Wahrend der vieljährige Gefangene dasaß und mit seinem starren Blicke bald Mr. Lorry, bald Defarge ansah, drängten sich allmählich in der Mitte der Stirne einige längst verwischte Spuren tätigen Verstandes durch die dichte Nebelhülle. Aber sie traten schnell wieder in den Schatten zurück, wurden schwächer und waren entschwunden. Jedoch sie waren wenigstens dagewesen. Und so genau wiederholte sich der Ausdruck auf dem Antlitz des schönen jungen Wesens, das an der Wand hin nach einer Stelle geschlichen war, von der aus es ihn sehen konnte, und wo es jetzt stand, die Hände anfangs nur in angstvoller Teilnahme, vielleicht wohl gar in der Absicht erhebend, ihn zurückzuhalten oder seinen Anblick auszuschließen, jetzt aber sie gegen ihn ausstreckend, zitternd vor Begier, das gespenstische Gesicht an die warme jungfräuliche Brust zu drücken und es durch Liebe dem Leben und der Hoffnung zurückzugeben – ich sage, der Ausdruck wiederholte sich, obschon in kräftigeren Zügen, so genau auf dem schönen jugendlichen Antlitz, daß es den Anschein gewann, als sei es wie ein bewegliches Licht von ihm auf sie übergegangen.
Bei ihm war es wieder dunkel geworden. Er betrachtete die beiden weniger und weniger achtsam. Seine Augen suchten in düsterer Zerstreutheit abermals den Boden und schauten aufs neue in der alten Weise umher. Endlich nahm er mit einem tiefen Seufzer den Schuh auf und arbeitete weiter.
»Habt Ihr ihn erkannt, Monsieur?« fragte Defarge flüsternd.
»Ja, für einen Augenblick. Anfangs hatte ich keine Hoffnung, aber ein einziger Augenblick zeigte mir unzweifelhaft das Gesicht, das mir früher gut bekannt war. Pst! Wir wollen uns ein wenig zurückziehen. Pst!«
Sie war von der Wand der Kammer weg- und der Bank nahegetreten, auf der er saß. Es lag etwas Unheimliches in dem Umstand, daß er, während er mit seiner Arbeit beschäftigt war, so gar keine Ahnung hatte von der Gestalt, die, wenn sie ihre Hand ausstreckte, ihn berühren konnte.
Kein Wort wurde gesprochen, kein Laut fiel; sie stand wie ein Gespenst an seiner Seite, und er arbeitete fort.
Endlich fügte sich's, daß er das Werkzeug in der Hand weglegen und die Zange nehmen mußte. Sie lag auf der andern Seite, nicht auf der, wo das Mädchen stand. Er hatte sie ergriffen und beugte sich wieder über seine Arbeit hin, als seine Augen den Schoß ihres Kleides bemerkten. Er richtete sich auf und sah ihr Gesicht. Die beiden Zuschauer wollten vorwärts eilen, aber sie winkte ihnen zurück. Sie fürchtete nicht, daß er sie mit der Zange beschädigen könnte; nur ihnen war nicht wohl zumute bei der Sache.
Er starrte sie mit einem besorgniserregenden Blick an, und nach einer Weile begannen seine Lippen einige Worte zu bilden, ohne jedoch Laute hervorzubringen. Endlich hörte man ihn während einer der Pausen zwischen seinen raschen und schweren Atemzügen sagen:
»Was ist das?«
Tränen entströmten ihren Augen, während sie ihre beiden Hände an die Lippen führte und ihm einen Kuß zuwarf. Dann drückte sie die Hände an die Brust, als wolle sie das welke Haupt hier zur Ruhe bringen.
»Ihr seid doch nicht des Schließers Tochter?«
»Nein«, seufzte das Mädchen.
»Wer seid Ihr?«
Der Kraft ihrer Stimme noch nicht trauend, setzte sie sich auf der Bank an seine Seite. Er wich zurück, aber sie legte ihre Hand auf seinen Arm. Ein seltsames Gefühl durchschauerte dabei seinen ganzen Körper; er legte sachte das Messer nieder und starrte sie an.
Sie hatte ihr goldiges Haar, das sie in langen Locken trug, rasch zurückgestrichen, so daß es über ihren Nacken niederfiel. Er brachte seine Hand allmählich näher und näher, faßte es an und betrachtete es. Dann aber wurde sein Geist plötzlich wieder irre, und er nahm mit einem abermaligen Seufzer aufs neue seine Arbeit auf.
Aber nicht für lange. Sie hatte seinen Arm losgelassen und die Hand auf seine Schulter gelegt. Nachdem er zweifelnd zwei- oder dreimal danach hingesehen, als wolle er sich überzeugen, daß sie wirklich daliege, schob er die Arbeit beiseite, griff nach seinem Hals und nahm von demselben eine geschwärzte Schnur, an der ein zusammengelegter Lappen befestigt war. Diesen breitete er sorgfältig auf seinem Knie auseinander und brachte ein kleines Löckchen hervor; es waren nur einige lange, goldige Haare, die er in irgendeiner alten Zeit wohl oft um seinen Finger gewunden hatte.
Er nahm ihr Haar wieder in seine Hand und betrachtete es aufmerksam.
»Es ist dasselbe. Wie kann dies sein? Wann war es? Wie war es?«
Die Furche auf seiner Stirn kehrte zurück, und er schien eines ähnlichen Ausdrucks auf der ihrigen sich bewußt zu werden. Er drehte sich voll gegen das Licht und sah sie an.
»Sie hatte ihr Haupt auf meine Schulter gelegt an jenem Abend, als ich hinausgerufen wurde – sie fürchtete sich, als ich ging, obschon ich unbesorgt war –, und als man mich nach dem Nordturm brachte, fand man dies auf meinem Ärmel. ›Ihr laßt sie mir doch? Sie können nichts dazu beitragen, daß ich mich körperlich den Kerkermauern entwinde, obschon sie mich ihnen vielleicht geistig entziehen.‹ Dies waren die Worte, die ich sagte. Ich erinnere mich ihrer recht wohl.«
Seine Lippen mußten oftmal ansetzen, bis sie diese Rede hervorbrachten. Nachdem er aber einmal die Worte gefunden hatte, kamen sie zwar langsam, aber doch zusammenhängend zur Äußerung.
»Wie war dies? – Bist du's gewesen?«
Abermals wollten die zwei Zuschauer sich ins Mittel legen, da er mit einer beängstigenden Hast sich zu ihr wandte. Sie aber rührte sich nicht unter seiner Hand, sondern sagte nur mit leiser Stimme:
»Ich bitte euch, meine guten Herrn, bleibt zurück – sprecht nicht, rührt euch nicht.«
»Horch!« rief er. »Wessen Stimme war dies?«
Bei diesem Ausruf ließen seine Hände sie los und fuhren nach dem weißen Haar, das sie wahnsinnig zerrauften. Doch auch diese Aufregung erstarb, wie alles in ihm erstorben war, sein Schuhmachen ausgenommen. Er faltete sein Päckchen wieder zusammen und versuchte, es in seiner Brust zu verbergen. Dabei sah er sie fortwährend an und schüttelte düster den Kopf.
»Nein, nein, nein: Ihr seid zu jung, zu blühend. Es kann nicht sein. Seht, was aus dem Gefangenen geworden ist. Dies sind nicht die Hände, die sie kannte. Dies Gesicht ist ihr fremd, und eine solche Stimme hat sie nie gehört. Nein, nein. Es sind Menschenalter, seit sie war – seit! er war – vor den langsamen Jahren des Nordturms. Wie heißt Ihr, mein zarter Engel?«
Den sanfteren Ton, das mildere Wesen mit Freude begrüßend, fiel die Tochter vor ihm auf die Knie nieder und legte bittend ihre Hände auf seine Brust.
»Oh, Herr, zu einer andern Zeit sollt Ihr erfahren, wie ich heiße, wer meine Mutter, wer mein Vater war, und wie ich nie etwas von ihrer schmerzlichen Geschichte erfahren habe. Jetzt aber, und hier, kann ich Euch dies nicht sagen. Nur eines jetzt und hier – ich bitte, rührt mich an und segnet mich. Küßt mich, küßt mich! O Himmel! o Himmel!«
Sein kalter weißer Kopf kam in Berührung mit ihrem wallenden Haar, das ihn wärmte, als sei es das Licht der Freiheit, das auf ihn niederschien.
»Wenn Ihr in meiner Stimme – ich weiß nicht, ob es so ist, aber ich hoffe es – wenn Ihr in meiner Stimme eine Ähnlichkeit mit einer andern erkennt, die früher wie süße Musik in Eurem Ohre klang, so weinet, weinet um sie! Wenn Ihr durch die Berührung meiner Haare an ein geliebtes Haupt erinnert werdet, das an Eurer Brust lag, als Ihr noch jung und frei waret, so weinet, weinet darum. Wenn Euch der Hinweis auf eine Heimat, in der Euch meine treuen Dienste zuteil werden sollen, eine andere ins Gedächtnis ruft, die längst verödet ist, während Euer armes Herz verschmachtete, so weint, weint um sie!«
Sie hielt seinen Hals inniger umschlungen und wiegte ihn an ihrer Brust wie ein Kind.
»O mein Lieber, Guter, wenn meine Versicherung, daß Euer Jammer vorüber ist und daß ich hierher gekommen bin, um Euch fort, hinüber nach England zu nehmen, wo Ihr Frieden und Ruhe finden werdet – wenn diese Versicherung den Gedanken an Euer zugrunde gerichtetes nützliches Leben und an unser heimatliches Frankreich, das so schändlich an Euch gehandelt hat, in Euch wachruft, so weinet. Und wenn Ihr aus der Nennung meines Namens, aus dem Namen meines noch lebenden Vaters und dem meiner heimgegangenen Mutter erkennt, ich habe kniefällig einen verehrten Vater um Verzeihung zu bitten, weil ich mich nicht für ihn tagtäglich abmühte und um seinetwillen nachts die bittersten Tränen vergoß, weil die Liebe meiner armen Mutter mir seinen schrecklichen Zustand verborgen hatte, so weinet, weinet darüber. Ja, weint um sie – und um mich! Meine guten Herren, Gott sei Dank! Ich fühle diese heiligen Tränen auf meinem Antlitz, und sein Schluchzen schlägt gegen mein Herz. Oh, seht – danket, danket Gott statt unserer.«
Wiederfinden von Vater und Tochter.
Er war in ihre Arme und sein Haupt an ihre Brust gesunken – ein Anblick, so rührend und doch so schrecklich in dem Gedanken an die vorausgegangenen erschütternden Leiden, daß die beiden Zuschauer das Gesicht verhüllten.
Die Stille der Dachkammer erlitt keine Störung, und seine wogende Brust, sein erschütterter Körper hatte längst die Ruhe gefunden, die, ein Sinnbild des Menschenlebens, jedem Sturm folgt. Endlich kamen sie heran, um Vater und Tochter von dem Boden aufzuheben. Er war allmählich hingesunken und lag in der Ohnmacht der Erschöpfung da; sie hatte sich zu ihm niedergeworfen, damit ihr Arm ihm zum Kissen, ihr wallendes Haar zum Schirm gegen das Licht dienen möge.
»Man sollte ihn nicht weiter stören«, sagte sie, ihre Hand gegen Mr. Lorry erhebend, als sich dieser nach unterschiedlichen Schneuzversuchen zu ihnen niederbeugte, »sondern alles zur Abreise von Paris in einer Weise vorbereiten, daß man ihn von dieser Tür aus fortnehmen kann.«
»Aber bedenkt doch. Wird er eine solche Reise machen können?« fragte Mr. Lorry.
»Viel besser, denke ich, als wenn er länger in dieser für ihn so schrecklichen Stadt bleiben müßte.«
»Es ist wahr«, sagte Defarge, der neben dem Ohnmächtigen niedergekniet war. »Auch sprechen außerdem alle Gründe dafür, Monsieur Manette aus Frankreich fortzuschaffen. Soll ich einen Wagen und Postpferde bestellen?«
»Das ist ein Geschäft«, versetzte Mr. Lorry, der nicht lange brauchte, um sich wieder in sein methodisches Wesen zu finden, »und wo sich's um Geschäfte handelt, bin ich der Mann auf dem Platz.«
»Dann seid so gut, uns jetzt allein zu lassen«, drängte Miß Manette. »Ihr seht, wie ruhig er geworden ist, und habt wohl nichts mehr zu fürchten, wenn ich bei ihm bleibe. Warum auch? Wenn ihr die Tür abschließen wollt, um uns vor Störung zu bewahren, so zweifle ich nicht, daß ihr bei eurer Rückkehr ihn ebenso finden werdet, wie ihr ihn verlaßt. Jedenfalls will ich für ihn Sorge tragen, bis ihr wiederkommt, und dann werden wir ihn fortnehmen können.«
Sowohl Mr. Lorry als Defarge erhoben Einwände gegen diesen Vorschlag und wollten, daß wenigstens einer von ihnen bei ihr bleiben solle. Aber man hatte nicht nur einen Wagen und Pferde, sondern auch Reisepapiere zu besorgen. Die Zeit drängte, der Tag neigte sich zu Ende, und so kamen sie rasch zu der Übereinkunft, daß sie sich in die nötigen Geschäfte teilen und sich unverweilt an ihre Ausführung machen wollten.
Als nun die Dunkelheit einbrach, legte die Tochter an der Seite ihres Vaters das Haupt auf den harten Boden und wachte bei ihm. Es wurde immer dunkler, und sie beide lagen ruhig da, bis ein Lichtstrahl durch die Wundrisse blinkte.
Mr. Lorry und Monsieur Defarge hatten alles für die Reise vorbereitet und brachten außer einem Mantel und Schaltüchern auch Brot, Fleisch, Wein und heißen Kaffee mit. Monsieur Defarge stellte den Korb und die Laterne, die er bei sich hatte, auf die Schuhmacherbank – es war sonst außer dem Pritschenbett kein anderes Möbel mehr in der Kammer –, weckte den Gefangenen und half ihm unter Mr. Lorrys Beihilfe auf die Beine.
Kein menschlicher Verstand vermochte in der scheuen, leeren Verwunderung des Gesichtes die Geheimnisse seines Geistes zu lesen. Wußte er wohl, was vorgegangen? Erinnerte er sich dessen, was gesprochen worden? Hatte er eine Vorstellung davon, daß er frei war? Diese Fragen war kein Scharfsinn zu lösen imstande. Sie versuchten, mit ihm zu reden. Aber er war so verwirrt und konnte sich so wenig ins Antworten hineinfinden, daß sein Geisteszustand sie erschreckte und sie miteinander übereinkamen, ihn vorläufig nicht weiter zu behelligen. Er fuhr gelegentlich in einer eigentümlich wirren Weise, die man nie zuvor an ihm wahrgenommen, mit den Händen gegen den rasch vorgeschobenen Kopf, schien aber doch schon den bloßen Ton von seiner Tochter Stimme gern zu hören; denn er wandte sich demselben zu, sooft sie sprach.
In der unterwürfigen Weise eines Menschen, der durch langen Zwang zu gehorchen gewöhnt ist, aß und trank er, was man ihm vorsetzte, und legte den Mantel und die Schals um, die man ihm gab. Auch ließ er sichs gerne gefallen, daß seine Tochter ihren Arm in den seinigen legte. Er faßte dann ihre Hand mit den seinigen und hielt sie fest.
Sie begannen hinabzusteigen. Monsieur Defarge ging mit der Laterne voran, und Mr. Lorry bildete die Nachhut. Sie hatten auf der langen Haupttreppe noch nicht viele Stufen zurückgelegt, als er haltmachte und das Dach und die Wände anstarrte.
»Entsinnt Ihr Euch dieses Platzes, Vater? Ihr werdet Euch erinnern, daß Ihr hier heraufgekommen seid.«
»Was habt Ihr gesagt?«
Aber ehe sie ihre Frage wiederholen konnte, murmelte er eine Antwort, als ob es schon geschehen sei.
»Erinnern? Nein, ich erinnere mich nicht. Es ist schon gar so lange her.«
Es war klar, daß er nicht wußte, wie er aus seinem Gefängnis in dieses Haus gekommen war. Sie hörten ihn murmeln: »Hundertundfünf, Nordturm«, und wenn er umherschaute, sah er sich augenscheinlich nach den starken Festungsmauern um, die ihn so lange umschlossen hatten. Wie sie im Hof unten anlangten, änderte er instinktartig seinen Tritt in der Erwartung einer Zugbrücke, und als diese nicht kam und er dafür in der Straße draußen den harrenden Wagen sah, ließ er die Hand seiner Tochter fallen und fuhr wieder nach seinem Kopf.
Es war kein Gedränge um die Tür. An keinem der vielen Fenster ließ sich ein Menschengesicht blicken, und nicht einmal zufällig kam jemand durch die Straße. Es herrschte eine unnatürliche Stille und Verödung. Nur eine Person war um den Weg – Madame Defarge, die strickend an dem Türpfosten lehnte und nichts sah.
Der Gefangene war eingestiegen und seine Tochter ihm gefolgt. Als aber Mr. Lorry nachfolgen wollte, wurde er auf dem Tritt durch eine in kläglichem Ton vorgebrachte Frage angehalten, wo das Schuhmacherwerkzeug und die halbfertigen Schuhe seien, Madame Defarge rief ihrem Gatten zu, daß sie das Vermißte holen wolle, und hatte sich fortstrickend rasch im Dunkel des Hofes verloren, kam aber bald wieder zurück und langte Schuhe und Werkzeug in den Wagen hinein. Dann nahm sie ihren Posten wieder an der Tür, strickte und sah nichts.
Defarge lud den Koffer auf und gab das Zeichen: »Nach der Barriere!« Der Postillion knallte mit der Peitsche, und sie rasselten unter den mattblinkenden Straßenlaternen dahin.
Unter den Laternen hin – die in den besseren Straßen immer heller und in den schlechteren immer trüber brannten –, an den beleuchteten Läden, fröhlichen Menschenhaufen, lichtstrahlenden Kaffeehäusern und Theatertüren vorbei nach einem der Stadttore. Hier Soldaten mit Laternen vor dem Wachhause. »Eure Papiere, Reisende!« – »Bitte, Herr Offizier«, sagte Defarge, indem er ausstieg und den Mann ernst beiseite nahm, »dies sind die Papiere des weißhaarigen Herrn im Wagen. Man übergab sie mir mit ihm auf dem –«
Er dämpfte seine Stimme. Es fand nun ein hastiges Durcheinander unter den militärischen Laternen statt, und eine derselben drang an einem uniformierten Arm in den Wagen, um in dem weißhaarigen Herrn einen Anblick zu enthüllen, dem man nicht jeden Tag oder jede Nacht begegnete.
»Es ist gut. Vorwärts!« rief die Uniform.
»Adieu! Defarge.«
Und so ging es aus dem spärlicher und spärlicher werdenden Geflimmer der Laternen hinaus unter die Unzahl flimmernder Sterne.
Unter diesem Gewölbe mit seinen unbeweglichen ewigen Lichtern, von denen manche unserer kleinen Erde so fern sind, daß die Gelehrten uns versichern, es sei zweifelhaft, ob ihre Strahlen überhaupt schon als ein Punkt in dem Raum, in dem so viel Ringen und Leiden stattfindet, entdeckt seien – breiteten sich die Schatten der Nacht weit und dunkel hin. Während der ganzen kalten, ruhelosen Nachtfahrt bis zum dämmernden Morgen trieben sie wieder ihr Spiel mit Mr. Jarvis Lorry, der dem begraben gewesenen und nun ausgegrabenen Manne gegenübersaß, und flüsterten ihm, während er sich Gedanken über die vielleicht auf immer verlorenen und die vielleicht noch zu rettenden Geistesvermögen des Gefangenen machte, die alte Frage zu:
»Ich hoffe, es ist Euch lieb, wieder ins Leben zurückgerufen zu sein.«
Und die alte Antwort war: »Ich kann es nicht sagen.« Eine Geschichte von zwei Städten.
Tellsons Bank bei Temple Bar war schon im Jahr eintausendsiebenhundertachtzig ein altmodischer Platz, sehr klein, sehr dunkel, sehr häßlich und sehr unbequem. Man konnte sie aber auch einen altmodischen Platz mit Beziehung auf die moralische Eigentümlichkeit nennen, daß jeder der Geschäftsteilhaber stolz war auf das kleine Gebäude, stolz auf seine Dunkelheit, stolz auf sein garstiges Aussehen und stolz auf seine Unbequemlichkeit. Diese Eigenschaften schienen ihnen sogar hohe Vorzüge zu sein, denn sie lebten der zuversichtlichen Überzeugung, daß die Bank, wenn man weniger an ihr zu tadeln wüßte, auch weniger achtbar wäre. Dies war aber nicht bloß ein passiver Glaube, sondern eine aktive Waffe, die sie gern auf bequemer eingerichtete Geschäftshäuser schleuderten. Tellsons (sagten sie) brauchen keinen überflüssigen Raum, kein Licht, keine Verschönerung. Noakes & Komp. oder Gebrüder Snooks werden es nötig haben: aber Tellsons? Dem Himmel sei Dank, nein!
Jeder von den Geschäftsteilhabern würde seinen Sohn enterbt haben, wenn dieser an einen Umbau von Tellsons gedacht hätte. In der Beziehung erging es dem Hause gerade wie England, das sehr oft seine Söhne enterbte, weil sie Verbesserungen in Gesetzen und Bräuchen beantragten, die nichts weniger als löblich, aber ebendeshalb nur um so achtbarer waren.
So war es denn dahin gekommen, daß Tellsons die triumphierende Vervollkommnung der Unbequemlichkeit war. Nachdem man eine blödsinnig hartnäckige Tür knarrend gesprengt hatte, fiel man bei Tellsons ein paar Stufen hinab und kam in einem erbärmlichen Lädchen mit zwei kleinen Zahltischen wieder zur Besinnung, wo in den Händen der ältesten Männer der Wechsel eines Kunden wie im Wind zitterte, solange sie die Unterschrift an den schmutzigsten von allen Fenstern prüften, die von der Fleetstraße aus unter dem Einfluß eines stetigen Schlammregenbades standen und vor den eigenen eisernen Gittern und in dem tiefen Schatten von Temple Bar sich nur um so schmutziger ausnahmen. War jemand genötigt, geschäftehalber mit dem »Haus« zu verkehren, so wurde er an der, Hinterseite in eine Art Verbrecherzelle gesteckt, wo er über ein übel zugebrachtes Leben nachdenken konnte, bis das Haus, die Hände in den Taschen, erschien, in dem unheimlichen Zwielicht aber sich kaum erkennen ließ. Die Geldbehälter, die der Ein- oder Auszahlung dienten, bestanden aus alten hölzernen Schubladen, aus denen beim Herausziehen oder Zurückschieben das Wurmmehl einem in Nase und Kehle flog. Die Banknoten hatten einen modrigen Geruch, als seien sie im Begriff, rasch sich wieder in Lumpen zu zersetzen. Das anvertraute Silbergerät wurde unter die übrigen Schutzsafes gestellt und hatte da so eine ungeschliffene Kameradschaft, so daß es schon in einem oder zwei Tagen seine feine Politur verlor. Die Urkunden fanden ein Unterkommen in aus Küchen und Spülplätzen entstandenen Verließen, und ihre Pergamente verloren in der Bankhausluft vor Ärger all ihr Fett. Leichtere Faszikel mit Familienpapieren gingen die Treppe hinauf nach einem Barmakidenzimmer, in dem stets ein großer Speisetisch stand, aber nie etwas zum Speisen gereicht wurde; und es war in dem Jahr eintausendsiebenhundertachtzig noch nicht lange her, daß man die Familienbriefe, die der Engländer statt dem Notar dem Bankier zu übergeben pflegt, von dem Schrecken befreit hatte, durch die Fenster jenes Zimmers von den Köpfen angestarrt zu werden, die man mit der eines Abessiniers oder AschantiAfrikanische Volksstämme würdigen unsinnigen Roheit auf Temple Bar auszustellen gewohnt war.
Doch damals war das Zu-Tode-Bringen ein bei allen Geschäftszweigen und Berufsarten sehr beliebter Prozeß und also auch bei Tellsons. Der Tod ist das Heilmittel gegen alles; warum sollte ihn nicht die Gesetzgebung in dem gleichen Lichte betrachten? Demgemäß traf den Fälscher Todesstrafe, den unrechtmäßigen Eröffner von Briefen Todesstrafe, den armen Schelmen, der vierzig Schillinge und sechs Pence stahl, Todesstrafe, den Burschen, der an Tellsons Tür ein Pferd hielt und sich damit davonmachte, Todesstrafe, den Münzer eines falschen Schillings Todesstrafe; kurz auf drei Vierteln der Noten in der Tonleiter des Verbrechens stand der Tod. Nicht daß dadurch auch nur im mindesten vorbeugend gewirkt worden wäre – man könnte fast eher das Gegenteil behaupten; sondern das summarische Verfahren räumte für diese Welt mit den Angelegenheiten jedes einzelnen Falles auf; und es wurde später nicht nötig, sich weiter damit zu befassen. So waren auch in ihrer Zeit Tellsons gleich andern größeren Geschäftshäusern jener Periode schuld an so vielen Todesurteilen, daß das bißchen Licht des Erdgeschosses wahrscheinlich in einer ziemlich bedeutsamen Weise beeinträchtigt worden wäre, wenn man statt der Einzelabfertigung die um ihretwillen gefallenen Köpfe insgesamt über Temple Bar aufgepflanzt hätte.
In alle Arten von dunklen Kästen und Verschlägen eingeengt, führten bei Tellsons die ältesten Männer gravitätisch das Geschäft. Nahmen sie je einmal einen jungen Menschen in Tellsons Londoner Haus auf, so versteckten sie ihn irgendwo, bis er alt war. Sie verwahrten ihn, gleich dem Käse, an einem dunkeln Platz, bis er den vollkommenen Geschmack und Charakter von Tellsons angenommen hatte. Dann erst wurde es ihm gestattet, öffentlich in den Hosen und Gamaschen des Etablissements, über großen Büchern brütend, sich sehen zu lassen.
Außen vor Tellsons – aber ja nie innen ohne eine besondere Berufung – sah man regelmäßig einen Aushelfer, bald Pförtner, bald Bote, der als lebendiges Hausschild diente. Er fehlte nie während der Bürostunden, wenn er nicht etwa einen Auftrag zu besorgen hatte, und in diesem Falle wurde er durch seinen Sohn, einen abscheulichen Knirps von zwölf Jahren, der sein getreues Ebenbild war, vertreten. Die Leute waren der Meinung, Tellsons duldeten dieses Anhängsel um der Ehre des Hauses willen, weil man immer eine Person in dieser Eigenschaft geduldet hatte und im Laufe der Zeit die gegenwärtige auf den Posten geschwemmt worden war. Sie hieß Cruncher mit dem Geschlechtsnamen und hatte bei einem jugendlichen Anlaß, als sie durch einen Bevollmächtigten den Werken der Finsternis entsagte, in der östlichen Pfarrkirche von Houndsditch die weitere Benennung Jerry erhalten.
Der Schauplatz war Mr. Crunchers Privatwohnung in Hangingsword-Alley, Whitefriars. Die Zeit war halb acht Uhr an einem windigen Märzmorgen Anno Domini Siebzehnhundertachtzig (Mr. Cruncher selbst nannte das Jahr unseres Herrn Anna Domino, augenscheinlich unter dem Eindruck, daß die christliche Zeitrechnung sich von der Erfindung eines beliebten Volksspiels durch eine Dame herschreibe, die diesem ihren Namen beigelegt habe).
Mr. Crunchers Wohngelasse lagen in keiner durch gesunde Luft sich empfehlenden Gegend und waren nur zwei an der Zahl, selbst wenn man den mit einer einzigen Glasscheibe versehenen Alkoven mitrechnete. Doch sah es darin sehr anständig aus; denn trotz des windigen frühen Märzmorgens war die Stube, in der er noch zu Bette lag, bereits sauber gefegt, und über den wackligen Tannentisch, auf dem die Frühstückstassen standen, lag ein reinliches Tischtuch gebreitet.
Mr. Cruncher ruhte unter einer aus verschiedenfarbigen Fleckchen zusammengesetzten Decke wie ein Harlekin in seinem Heimwesen. Anfangs schlief er tief; aber allmählich begann er im Bett hin und her zu wogen, bis er mit seinem Spießhaar, das die Überzüge in Fetzen zu zerreißen drohte, über die Oberfläche auftauchte. Nachdem er soweit gekommen war, rief er in einem Tone, der grimmige Gereiztheit verriet:
»Alle Hagel, ist sie schon wieder dran!«
Eine Frauensperson von ordentlichem und emsigem Aussehen erhob sich in einer Ecke von ihren Knien, und zwar mit einer Hast und Ängstlichkeit, die andeutete, daß sie die gemeinte Person sei.
»Wie!« rief Mr. Cruncher, aus dem Bett heraus sich nach seinen Stiefeln umsehend, »bist du schon wieder dran, he?«
Nachdem er den Morgen mit diesem zweiten Gruß bewillkommt hatte, warf er als dritten der Frau einen Stiefel nach. Es war ein sehr schmutziger Stiefel, und wir können hier eine sonderbare Eigentümlichkeit aus Mr. Crunchers häuslicher Ordnung berühren, daß er nämlich, während er oft nach den Bürostunden mit sauberen Stiefeln nach Hause kam, nicht selten beim Aufstehen dieselben Stiefel beschmutzt fand.
»Nun«, rief Mr. Cruncher, nachdem er sein Ziel verfehlt hatte, mit einer Variation in seiner Apostrophe, »was tust du jetzt, du Ekel?«
»Ich habe nur mein Gebet gesprochen.«
»Gebet gesprochen – du bist mir ein sauberes Weibsstück! Was soll das heißen, daß du hinsackst und Rache gegen mich erbetest?«
»Ich habe nicht gegen dich Rache erbetet, sondern für dich gebetet!«
»Ist nicht wahr. Und wenn's auch wäre, so braucht man sich mit mir keine solche Freiheit zu nehmen. Hörst du, junger Jerry, deine Mutter ist eine feine Person und geht hin, um gegen deines Vaters Wohlfahrt zu beten. Ja, mein Sohn, du hast eine pflichtgetreue Mutter, du hast eine fromme Mutter, Junge – sie geht hin, sackt auf den Boden hin und betet, daß ihrem einzigen Kinde das Butterbrot aus dem Munde genommen werden möge!«
Der junge Herr Cruncher, der im Hemde dastand, nahm dies sehr übel und verbat sich, gegen seine Mutter gewandt, alles auf seine persönliche Verköstigung sich beziehende Gebet.
»Und was meinst du, du eingebildetes Weib«, fuhr Mr. Cruncher in nicht geahnter Inkonsequenz fort, »was wohl dein Gebet wert sein mag? Sag', wie hoch schlägst du dein Gebet an?«
»Es kommt nur aus dem Herzen, Jerry, und ist nicht mehr wert als dieses.«
»Nicht mehr wert als dieses?« wiederholte Mr. Cruncher. »Dann ist's mit seinem Wert nicht weit her. Wie dem übrigens sei, ich erkläre dir, daß nicht gegen mich gebetet werden soll. Ich kann das nicht brauchen für meine Haushaltung und will mich nicht durch deine Schleicherei unglücklich machen lassen. Wenn du einmal hinsacken willst, so tu es für deinen Mann und dein Kind und nicht gegen sie. Hätte ich nicht ein so unnatürliches Weib und dieser arme Knabe eine unnatürliche Mutter, so wär' mir sicherlich in der letzten Woche einiges Geld zugeflossen; statt dessen aber muß ich gegen mich beten, mich unterminieren und auf die schlimmste religiöse Weise zu Grunde richten lassen. Hol' mich der Henker!« sagte Mr. Cruncher, der diese ganze Zeit über mit Anlegen seiner Kleider beschäftigt gewesen war, »wenn ich nicht durch die Frömmigkeit und dies und jenes letzte Woche in so schlimmes Malheur hineingejagt worden bin, wie es nur je einem armen Teufel von einem ehrlichen Geschäftsmann zugestoßen ist! Junger Jerry, zieh dich an, Bursche, und hab' von Zeit zu Zeit, während ich meine Stiefel putze, ein wachsames Auge auf deine Mutter. Merkst du, daß sie wieder niedersacken will, so ruf mir; denn ich sage dir« – dies galt seinem Weibe – »ich leid's nicht, daß man mir immer so kommt. Ich werde so wacklig wie eine Mietkutsche, so schläfrig wie ein Murmeltier, und meine Glieder müssen dran, daß ich, wenn sie mir nicht so weh täten, nicht wüßte, ob sie mir oder jemandem anders gehören; und doch fährt bei alledem mein Portemonnaie nicht besser. Darum glaube ich, du hast von Morgen bis in die Nacht meinen Verdienst gehindert, so daß ich nicht vorwärtskommen kann. Nun, was sagst du jetzt, du Widerspruchsgeist?«
Unter weiter dazugefügten knurrenden Phrasen, als da waren: »Ah, ja. Du bist fromm. Du willst nicht gegen die Interessen deines Mannes und Kindes handeln – du natürlich nicht« und unterschiedlichen weiteren Geistesblitzen von dem schnurrenden Schleifstein seiner Entrüstung machte er sich ans Stiefelputzen und an die allgemeinen Vorbereitungen für sein Geschäft. Mittlerweile besorgte sein Sohn, dessen Kopf mit etwas feineren Spießen versehen war, und dessen junge Augen so nahe beieinander standen wie die seines Vaters, die ihm aufgetragene Wache über seine Mutter. Er ängstigte das arme Weib damit, daß er von Zeit zu Zeit aus dem Alkoven, wo er seine Toilette machte, mit dem Ruf herausfuhr: »Wollt Ihr wieder hinsacken, Mutter? – He, Vater!« und dann nach Erregung dieses falschen Lärms mit einem sehr unkindlichen Grinsen wieder hineinstürzte.
Mr. Cruncher war nicht in der besten Stimmung, als er sich endlich zum Frühstück niedersetzte. Das Gebet, das Mrs. Cruncher leise vor sich hin sprach, erregte bei ihm besonderen Anstoß.
»Nun, Ekel, was tust du? Schon wieder dabei?«
Sein Weib entgegnete, daß sie nur einen Segen gesprochen habe.
»Das läßt du mir bleiben!« rief Mr. Cruncher, indem er umherschaute, als erwarte er, daß unter der Wirksamkeit von seines Weibes Gebet der Laib vom Tische verschwinden werde. »Ich will nicht von Haus und Herd weggesegnet werden. Das segnet mir am Ende alle meine Lebensmittel vom Tisch. Ruhig also.«
Grämlich und mit ungemein roten Augen, als sei er die ganze Nacht auf und in einer Gesellschaft gewesen, in der es nichts weniger als gesellschaftlich zuging, würgte Jerry Cruncher sein Frühstück hinunter und brummte dazu wie nur irgendein vierfüßiger Menagerie-Insasse. Gegen neun Uhr glättete sich sein rauhborstiges Wesen. Er übertünchte sein natürliches Ich, so gut er konnte, mit einem Anstrich von Achtbarkeit und Geschäftseifer und trat seinen Tagesberuf an.
Man konnte diesen kaum ein Gewerbe nennen, obschon Mr. Cruncher es liebte, sich selbst als »ehrlichen Geschäftsmann« zu bezeichnen. Sein Geschäftsinventar bestand bloß in einem Schemel, gefertigt aus einem Stuhl, dessen zerbrochene Lehne abgesägt worden, und diesen hatte der junge Jerry jeden Morgen unter das zunächst an Temple Bar grenzende Bankhausfenster zu tragen, wo der Aushelfer mit ein paar Strohwischen als Zugabe, die er einem vorüberfahrenden Fuhrwerk ausraufte und mit denen er die Füße gegen Nässe und Kälte schützte, sein Standquartier aufschlug. Auf diesem seinem Posten war Mr. Cruncher der Fleetstraße und dem Temple so bekannt wie die Bar selbst und sah fast ebenso übel aus.
Um drei Viertel auf neun, also noch in guter Zeit, um vor den uralten Männern, wenn sie bei Tellsons eingingen, an den dreieckigen Hut zu greifen, bezog Jerry an jenem windigen Märzmorgen seinen Posten, und der junge Jerry nahm an seiner Seite seinen Stand, wenn er nicht gerade Streifzüge durch das Bar machte, um körperliche und geistige Verletzungen der wehtuendsten Art an vorübergehenden Knaben zu üben, die für seinen liebenswürdigen Zweck klein genug waren. Während Vater und Sohn, mit ihren Köpfen so nahe beieinander, wie bei jedem die Äugen standen, schweigend dem Morgentreiben in der Fleetstraße zusahen, nahmen sie sich bei ihrer großen Ähnlichkeit auf und nieder wie ein paar Affen aus. Auch geschah dem Vergleich kein Abtrag durch den Umstand, daß der reife Jerry stets Stroh zerbiß und ausspie, während die zwinkernden Augen des jugendlichen Jerry aufmerksam auf ihm hafteten wie auf irgend etwas in der Fleetstraße.
Der Kopf eines regelmäßigen Hausdienstboten von Tellfons Etablissement tauchte durch die Tür auf und entsandte das Schlagwort:
»Portier, herein!«
»Heda, Vater! Schon ein frühes Geschäft zum Anfang!«
Nachdem der junge Jerry seinen Vater auf diese Weise ermutigt hatte, nahm er Platz auf dem Schemel, der in dem von seinem Vater gekauten Stroh ihm anwartschaftliches Interesse bot, und machte sich Gedanken.
»Immer rostig! Seine Finger sind immer rostig!« murmelte der junge Jerry. »Wo bringt nur mein Vater all den Eisenrost her? Es gibt doch hier keinen!«
»Ihr seid ohne Zweifel gut in Old Bailey bekannt?« sagte einer der Ältesten im Bankbureau zu Jerry, dem Aushelfer.
»Ja, Sir«, entgegnete Jerry brummig, »ich kenne mich aus in der Balley.«
»Recht so. Und Ihr kennt auch Mr. Lorry?«
»Den Mr. Lorry, Sir, kenne ich viel besser als die Balley. Viel besser«, fuhr Jerry in der Art eines unfreiwilligen Zeugen fort, der in der fraglichen Anstalt vernommen wird, »als ich, der ich ein ehrlicher Geschäftsmann bin, mit der Balley bekannt zu werden wünsche.«
»Schön. Sucht die Tür auf, durch die man die Zeugen einläßt, und gebt dem Pförtner dieses Billett an Mr. Lorry. Man wird dann auch Euch einlassen.«
»In den Gerichtssaal, Sir?«
»In den Gerichtssaal.«
Mr. Crunchers Augen schienen noch enger zusammenzurücken und aneinander die Frage zu richten: »Was hältst du davon?«
»Muß ich im Gerichtssaal warten, Sir?« Diese Frage schien das Ergebnis der eben genannten Konferenz zu sein.
»Das sollt Ihr sogleich erfahren. Der Pförtner wird das Billett Mr. Lorry zufertigen, und Ihr macht Euch Mr. Lorry durch eine Gebärde bemerkbar, damit er weiß, wo Ihr steht. Dann habt Ihr weiter nichts zu tun, als dort zu warten, bis er Euch braucht.«
»Sonst nichts, Sir?« Mr. Cruncher sah schweigend zu, wie der alte Kontorist bedächtig daß Billett faltete und es überschrieb. Erst als endlich das Löschpapier zur Verwendung kam, erlaubte er sich die Bemerkung:
»Ich denke, man verhandelt diesen Morgen Fälschungen?«
»Hochverrat.«
»Darauf steht Vierteilen«, sagte Jerry. »Barbarisch!«
»So lautet das Gesetz«, entgegnete der alte Kontorist, erstaunt seine Brillengläser auf ihn richtend – »das Gesetz.«
»Es ist hart von dem Gesetz, einen Menschen so zuzurichten, denk ich. Es ist schon hart, einem das Leben zu nehmen, aber sehr hart, einen zu zerstückeln, Sir.«
»Durchaus nicht«, erwiderte der alte Kontorist. »Sprecht nicht uneben von dem Gesetz. Sorgt für Eure Brust und Eure Stimme, mein guter Freund, und laßt das Gesetz für sich selbst 'sorgen. Ich rate Euch dies wohlmeinend.«
»Es ist die Feuchtigkeit, die meiner Brust und meiner Stimme zusetzt«, sagte Jerry. »Ihr mögt selbst beurteilen, durch was für eine feuchte Hantierung ich meinen Unterhalt erwerben muß.«
»Na, schon gut, jeder muß sich auf seine eigene Art durch die Welt bringen. Bei dem einen ist der Weg feucht, beim andern trocken. Hier ist das Schreiben. Macht, daß Ihr weiter kommt.«
Jerry nahm das Billett und sagte mit weit weniger innerlicher Unterwürfigkeit, als er nach außen zur Schau stellte, zu sich selbst: »Jawohl, alter Knasterbart.« Dann machte er seinen Bückling, unterrichtete im Vorbeigehen seinen Sohn von dem ihm erteilten Auftrag und ging seines Weges.
Man hängte in jenen Tagen die Verbrecher zu Tyburn; die Straße von Newgate hatte also damals noch nicht die traurige Berühmtheit erlangt, die sie jetzt besitzt. Immerhin aber war das Gefängnis ein abscheulicher Platz, an dem Ausschweifungen und Schurkereien fast aller Art geübt und wo schlimme Krankheiten ausgebrütet wurden, die mit den Gefangenen in den Gerichtssaal kamen und bisweilen von dem Verbrecherverschlag aus geradewegs sogar auf den Lord Oberrichter zustürzten und ihn von der Bank herunterrissen. Mehr als einmal war es vorgekommen, daß der Richter in dem schwarzen Käppchen mit dem Urteilspruch über den Gefangenen selbst den Tod in sich aufnahm und sogar noch vor dem letzteren starb. Im übrigen stand die alte Balley weit und breit im Rufe als eine Art Totenwirtshaus, von dessen Hof her man unaufhörlich bleiche Reisende auf Karren die Fahrt in die andere Welt antreten sah. Sie war ferner berühmt wegen des Prangers, einer weisen Einrichtung, die eine Strafe auferlegte, deren Ausdehnung niemand voraussehen konnte– wegen des Stäupepfahls, einer andern alten, lieben Einrichtung, deren Wirksamkeit einen recht humanisierenden, beruhigenden Eindruck übte –, und endlich wegen ausgedehnter Verhandlungen in Blutgeld, eines weiteren Bruchstücks von der Weisheit unserer Vorfahren, das systematisch Anlaß zu den schrecklichsten wohlfeilen Verbrechen gab, die unter der Sonne begangen wurden. Mit einem Wort, das Old Bailey jener Zelt war eine bündige Veranschaulichung des Grundsatzes, daß, was immer ist, auch recht ist – eine faule Lehre, die freilich schnell mit allem fertig wird, leider aber auch die unbequeme Konsequenz in sich faßt, daß von allem je Gewesenen nichts unrecht gewesen sei.
Der Bote bahnte sich einen Weg durch die unsaubere Menge, die sich in Gruppen um diesen unheimlichen Platz gesammelt hatte, mit dem Geschick eines Mannes, der sicher zu gehen gewohnt ist, fand bald die Tür, die er suchte, auf und bot sein Billett durch eine Falle hinein. Denn damals mußten die Leute ebensogut zahlen, wenn sie das Spiel in Old Bailey, wie wenn sie das in Bedlam sehen wollten, nur mit dem Unterschied, daß das erstere viel höher zu stehen kam. Deshalb waren auch alle Türen von Old Bailey wohl gehütet, natürlich die menschenfreundlichen Türen ausgenommen, durch die die Verbrecher hineinkamen, und die immer weit offen standen.
Nach einigem Verzug knarrte die Tür ärgerlich in ihren Angeln, ging aber nur so weit auf, daß sich Mr. Jerry Cruncher mit knapper Not in den Gerichtssaal hineinzwängen konnte.
»Was geht vor?« fragte er flüsternd seinen Nachbar.
»Noch nichts.«
»Was kommt?«
»Der Hochverratsfall.«
»Bei dem sich's ums Vierteilen handelt, he?«
»Ja«, entgegnete der Nachbar im Vorgenuß der Szene; »er wird auf einer Schleife hinausgeführt und halb gehenkt; dann nimmt man ihn wieder herunter, läßt ihn zusehen, wie man ihm den Bauch aufschlitzt, seine Eingeweide herausnimmt und sie verbrennt, schlägt ihm dann den Kopf ab und zerhackt seinen Leib in vier Stücke. So lautet das Urteil.«
»Wenn er schuldig erfunden wird, wollt Ihr sagen«, bemerkte Jerry verklausulierend.
»Oh, sie sprechen ihn schon schuldig«, versetzte der Nachbar. »Dies darf Euch keine Sorge machen!«
Mr. Crunchers Aufmerksamkeit wurde jetzt durch den Portier in Anspruch genommen, den er mit dem Billett in der Hand auf Mr. Lorry zugehen sah. Letzterer saß an einem Tisch unter Herren in Perücken, nicht weit von einem beperückten Gentleman, dem Anwalt des Gefangenen, der einen großen Aktenstoß vor sich hatte, und fast unmittelbar einem anderen beperückten Herrn gegenüber, dessen ganze Geistestätigkeit, Mr. Cruncher mochte ihn ansehen, sooft er wollte, von der Decke des Gerichtssaales in Anspruch genommen zu werden schien. Es gelang Jerry, durch einige rauhe Hustenstöße, durch das Reiben seines Kinns und durch Winke mit der Hand die Aufmerksamkeit Mr. Lorrys auf sich zu ziehen, der aufgestanden war, um sich nach ihm umzusehen, seine Zeichen kopfnickend erwiderte und dann wieder Platz nahm.
»Was hat denn der mit dem Fall zu schaffen?« fragte der Mann, mit dem er früher gesprochen hatte.
»Will des Henkers sein, wenn ich's weiß.«
Das Eintreten des Richters und das darauf folgende Geräusch, bis das Gerichtspersonal wieder Platz genommen, unterbrach dieses Zwiegespräch. Fortan wurde der Gefangenenverschlag der Hauptanziehungspunkt. Zwei Gefängniswärter, die dort gestanden hatten, gingen hinaus, führten den Angeklagten herein und stellten ihn vor die Gerichtsschranke.
Alle Anwesenden, mit Ausnahme des beperückten Herrn, der die Saaldecke betrachtete, starrten ihn mit großen Augen an. Jeder menschliche Atem in dem Raume wogte ihm wie ein Meer, ein Wind oder ein Feuer zu. Begierige Gesichter drängten sich um Säulen und Ecken, um seiner ansichtig zu werden; Zuschauer in den hinteren Reihen standen auf, um ja kein Haar von ihm zu verlieren. Leute in dem Parterre des Saals legten ihre Hände auf die Schultern ihrer Vordermänner, um sich auf irgend jemandes Kosten zu dem Anblick zu verhelfen; man stand auf den Zehen, suchte die Unterstützung von Leisten und stemmte sich sogar in die Höhe, um jeden Zoll von ihm zu sehen. Unter den letzteren stand Jerry wie ein lebendiges Stückchen von der mit Spitzeisen bewaffneten Newgate-Mauer und strömte in die Richtung des Gefangenen (er hatte nämlich im Herweg seinen Schnabel angefeuchtet) seinen Bieratem aus, auf daß er Bekanntschaft mache mit den wogenden Dünsten anderen Biers, Branntweins, Tees, Kaffees und so weiter, die dem Gegenstand des gemeinsamen Interesses zufluteten und an den großen Fenstern hinter ihm sich in der Form eines unreinen Nebels und Regens brachen.
Der Zielpunkt alles dieses Gaffens und Starrens war ein wohlgewachsener, gutaussehender junger Mann von ungefähr fünfundzwanzig Jahren, mit sonnverbrannten Wangen und dunklen Augen, der den besseren Ständen angehörte. Er war einfach in Schwarz oder Dunkelgrau gekleidet, und sein dunkles Haar wurde mehr um der Bequemlichkeit als um der Zierde willen an der Hinterseite seines Kopfes durch ein Band zusammengehalten. Wie eine Erregung des Geistes sich durch jede Hülle des Körpers bemerklich macht, so erkannte man die Blässe, die seiner Lage natürlich war, durch das Braun der Wange, zum Beweis, daß die Seele kräftiger ist als die Sonne. Im übrigen zeigte er eine vollkommene Fassung: er verbeugte sich gegen den Richter und blieb ruhig stehen.
Das Interesse, mit dem dieser junge Mann angegafft und angeatmet wurde, gereichte der Menschheit nicht eben zur Ehre. Wäre er nicht von einem so schrecklichen Urteil bedroht worden und wäre die Aussicht vorhanden gewesen, daß er mit einem oder dem andern Teil des grausamen Verfahrens verschont bleiben könnte, so hätte seine Persönlichkeit bedeutend an Reiz verloren. Die Gestalt, die so schändlich zerstückt werden sollte, war eine Augenweide, das unsterbliche Geschöpf, dem eine so entsetzliche Schlachtbank bevorstand, ein Kitzel für die Empfindung. Welchen Anstrich auch die verschiedenen Zuschauer nach Maßgabe der Kraft und Kunst ihrer Selbsttäuschung ihrem Interesse an dem Schauspiel beilegen mochten, seiner Grundwesenheit nach war es blutdürstig.
Stille im Gerichtssaal! Charles Darnay hatte sich für »Nicht schuldig« gegen eine Anklage erklärt, die ihm unter endlosem Geklingel und Geklapper zur Last legte, er sei ein falscher Verräter gegen unseren durchlauchtigsten, hochmächtigsten, erhabenen und so fort Fürsten, unsern Herrn, den König, weil er bei verschiedenen Gelegenheiten und auf unterschiedliche Weise dem französischen König Ludwig Beistand geleistet habe in seinen Kriegen und so fort; und zwar durch Ab- und Zugehen zwischen den Domänen unseres besagten, hochmächtigsten, erhabenen und so fort und denen des besagten französischen Ludwig in der boshaften, falschen, verräterischen und anderweitig hochverdächtigen Absicht, dem besagten französischen Ludwig zu enthüllen, welche Streitkräfte unser besagter, durchlauchtigster, hochmächtigster, erhabener und so fort nach Kanada und Nordamerika zu senden sich anschicke. So viel wenigstens fand Jerry, dessen Kopf unter den juridischen Ausdrücken immer spießiger wurde, mit großer Selbstbefriedigung heraus, wie er denn auch auf Umwegen zu dem Verständnis kam, daß der vorbesagte und aber- und abermal vorbesagte Charles Darnay hier vor Gericht stand, daß die Jury beeidigt wurde und daß der Herr Staatsanwalt sich anschickte, seinen Vortrag zu halten.
Der Angeschuldigte wußte recht wohl, daß er von jedem der Anwesenden im Geiste bereits als gehangen, enthauptet und gevierteilt betrachtet wurde. Trotzdem zagte er nicht vor seiner Lage und nahm ebensowenig ein theatralisches Wesen an. Er verhielt sich ruhig und aufmerksam, folgte dem Gang der Verhandlungen mit ernster Teilnahme und stand, die Hände auf den Sims seines Verschlags gestützt, so gefaßt da, daß auch nicht ein Blättchen von den darauf liegenden Kräutern verrückt wurde. Durch den ganzen Gerichtssaal waren dergleichen medizinische Pflanzen, die man noch obendrein mit Essig besprengt hatte, als Vorbeugungsmittel gegen Gefängnisluft und Nervenfieber ausgestreut.
Zu den Häupten des Gefangenen befand sich ein Spiegel, der das Licht auf ihn niederwarf. Scharen von Unglücklichen und Verworfenen haben sich schon darin bespiegelt und sind ebenso von seiner Fläche weg wie überhaupt von der Erde verschwunden. Das Dock müßte zum entsetzlichsten Spukplatz werden, wenn jener Spiegel je die in ihm reflektierten Gestalten nach Art des Meeres, das eines Tages seine Toten wieder ausfolgen wird, wieder zurückgeben könnte. Ein flüchtiger Gedanke an die Schmach und Entehrung, die durch die künstliche Bestrahlung beabsichtigt wurde, schien dem Angeklagten durch den Sinn zu gehen; denn als er bei einer zufälligen Veränderung seiner Stellung den Lichtschein über sich bemerkte, überflog beim Aufschauen sein Antlitz ein tiefes Rot, und seine Rechte schob die Kräuter beiseite.
Bei dieser Bewegung drehte sich sein Gesicht zufällig nach links. Ungefähr in gleicher Höhe mit seinen Augen saßen in dem Winkel der Gerichtsbank zwei Personen, auf denen sein Inge alsbald haften blieb. Dies geschah so plötzlich und mit einer so merklichen Veränderung in seinem Wesen, daß alle bisher ihm zugewandten Blicke ihm jetzt in dieser Richtung folgten.
Die Zuschauer entdeckten in den beiden Personen ein junges Frauenzimmer von wenig mehr als zwanzig und einen Herrn, der unverkennbar ihr Vater war. Dieser fiel namentlich auf durch das schneeige Weiß seiner Haare und durch einen gewissen unbeschreiblichen Ausdruck von Spannung in seinem Gesicht, der weniger einem tatkräftigen Affekt, als einem in sich gekehrten Brüten zu entstammen schien. Wenn dieser Ausdruck auf ihm lagerte, so sah er sehr alt aus; wich er aber für einige Augenblicke, wie dies zum Beispiel eben jetzt geschah, als er mit seiner Tochter sprach, so zeigte er sich als einen schönen, noch in der Vollkraft des Lebens stehenden Mann.
Die neben ihm sitzende Tochter hatte ihre eine Hand in seinen gebogenen Arm und die andere auf die Rückenfläche dieses Armes gelegt, auch aus Furcht vor dem bevorstehenden Auftritt und in ihrem Mitleid für den Gefangenen sich dicht an ihn angeschmiegt. Auf ihrer Stirn sprach sich ein unnennbarer Schmerz und eine Teilnahme aus, die für nichts weiter einen Sinn hatte als für die Gefahr des Gefangenen. Diese Züge taten sich so mächtig und naturgetreu kund, daß die Gaffer, die kein Mitleid für den Angeklagten hatten, doch für sie einiges empfanden, und das Geflüster ging im Kreise herum: »Wer sind sie?«
Jerry, der Aushelfer, der sich nach seiner Art seine Gedanken gemacht und dabei eifrig den Rost von seinen Fingern gesaugt hatte, streckte seinen Hals aus, um zu hören, wer sie wären. Das Gedränge um ihn her hatte durch Weitergeben die Frage allmählich bis zu dem nächsten Gerichtsdiener gebracht, und in derselben Wellenbewegung war die Antwort langsam zurückgekommen, bis sie endlich auch an Jerry gelangte:
»Zeugen.«
»Für welche Partei?«
»Gegen.«
»Gegen wen?«
»Gegen den Gefangenen.«
Der Richter hatte seine Blicke die allgemeine Richtung einschlagen lassen, jetzt aber wieder zurückgerufen; er machte sich breit in seinem Sitz und sah ständig auf den Mann hin, dessen Leben in seiner Hand lag, während der Staatsanwalt sich erhob, um den Strick zu drehen, das Beil zu schleifen und die Nägel in das Schafott zu hämmern.
Der Staatsanwalt hatte den Geschworenen mitzuteilen, daß der Gefangene vor ihnen, obschon noch jung an Jahren, alt sei in den hochverräterischen Praktiken, durch die er sein Leben verwirkt habe. Seine Korrespondenz mit dem Feind des Landes stamme nicht bloß von heute oder gestern, ja, nicht bloß au« dem abgelaufenen oder dem vorletzten Jahre. Es sei gewiß, daß der Gefangene schon viel länger zwischen Frankreich und England Hin- und Herreisen gemacht habe in geheimen Angelegenheiten, über die er keine befriedigende Auskunft geben könne. Wenn es in der Natur verräterischer Schleichwege läge, zu einem Erfolg zu führen, was zum Glück nie der Fall sei, so wäre vielleicht die Schändlichkeit und Schuld seines Treibens unentdeckt geblieben. Die Vorsehung aber habe es einer Person, die erhaben sei über üblen Leumund und Menschenfurcht, ins Herz gegeben, den schlimmen Entwürfen des Gefangenen nachzuspüren und dieselben voll Entsetzen Seiner Majestät erstem Staatssekretär und einem höchstpreislichen geheimen Rat zu enthüllen. Dieser Vaterlandsfreund werde ihnen vorgestellt werden. Seine Stellung und sein Verhalten trage im ganzen den Charakter der Erhabenheit. Er sei des Gefangenen Freund gewesen; als er aber einmal in einer günstigen üblen Stunde dessen Ehrlosigkeit entdeckte, habe er beschlossen, den Verräter, dessen Freundschaft er nicht länger in seinem Busen tragen konnte, auf dem heiligen Altar des Vaterlandes zu opfern. Wenn in Britannien, wie es in dem alten Rom und Griechenland üblich gewesen, den Wohltätern des Landes Ehrensäulen errichtet würden, so hätte dieser treffliche Bürger zuverlässig den ersten Anspruch auf eine solche Auszeichnung. Da dies aber in England nicht Sitte sei, so werde er sie wahrscheinlich auch nicht erhalten.
Es sei von den Dichtern an verschiedenen Stellen, die, wie er wisse, die Geschworenen auswendig kennen (freilich war auf den Gesichtern der Geschworenen das Schuldbewußtsein ihres gründlichen Nichtwissens zu lesen), ausgesprochen worden, daß die Tugend in gewisser Art eine ansteckende Kraft besitze, besonders aber die leuchtende Tugend, die man Patriotismus oder Liebe zum Vaterland nenne. Das erhabene Beispiel dieses reinen und unanfechtbaren Zeugen für die Krone habe auch günstig auf den Diener des Gefangenen gewirkt und in ihm den ehrenvollen Entschluß geweckt, die Schubladen und Taschen seines Herrn zu untersuchen und seine Papiere zu unterschlagen. Er (der Staatsanwalt) sei zwar darauf gefaßt, daß man versuchen werde, diesen bewunderungswürdigen Diener etwas herabzuwürdigen. Ihm für seine Person aber sei im ganzen dieser Ehrenmann eine teurere Person als seine (des Staatsanwalts) Brüder und Schwestern, und er schätze ihn höher als seinen eigenen Vater und seine Mutter. Er könne daher mit Zuversicht die Geschworenen auffordern, das gleiche zu tun. Die Angaben dieser beiden Zeugen in Verbindung mit den von ihnen beigebrachten Dokumenten würden den Nachweis liefern, daß der Gefangene sich Listen über Seiner Majestät Streitkräfte und deren Verwendung zu Land und zur See verschafft habe, und es über allen Zweifel erheben, daß von ihm dauernd solche Mitteilungen an den Feind gemacht, worden seien. Zwar lasse sich in den besagten Listen nicht die Handschrift des Gefangenen erweisen: dies komme jedoch nicht in Betracht und spreche eher für die Anklage, sofern sich daraus nur die Schlauheit und Vorsicht des Verbrechers ergebe. Die Beweisführung werde bis auf fünf Jahre zurückgreifen und zeigen, daß der Gefangene sein verräterisches Treiben schon damals, einige Wochen vor der ersten Schlacht zwischen den britischen Truppen und den Amerikanern, geübt habe. Die Jury sei, wie er wisse, eine loyale und habe, wie ihr selbst bekannt sei, Pflichten der Verantwortlichkeit. Sie müsse also aus den angeführten Gründen den Gefangenen schuldig sprechen und, möge sie es gern tun oder nicht, mit ihm ein Ende machen. Die Geschworenen können nie wieder ihre Häupter auf ihre Kissen niederlegen, ja dürfen nicht einmal den Gedanken aufkommen lassen, zu dulden, daß ihre Weiber, ihre Kinder oder ihre ganze Verwandtschaft ihre Häupter auf Kissen niederlegen, bis der Kopf des Gefangenen gefallen sei. Er verlange diesen Kopf von ihnen, schloß der Staatsanwalt, im Namen alles nur Erdenklichen und kraft seiner feierlichen Versicherung, daß er den Angeklagten bereits für einen toten Mann ansehe.
Nachdem der Staatsanwalt seinen Vortrag geschlossen hatte, erhob sich in dem Gerichtssaal ein Summen, als umschwärme eine Wolke großer Schmeißfliegen den Gefangenen im Vorgefühl dessen, was er bald sein werde. Es legte sich wieder, und nun erschien der unanfechtbare, Zeuge in der Zeugenloge.
Der Herr General-Prokurator nahm sofort, an dem Faden seines Vorgängers weiter spinnend, den Patrioten, John Barsad, Gentleman, mit Namen, ins Verhör. Die Geschichte seiner reinen Seele war ganz so, wie sie der Herr Staatsanwalt, wenn sie je einen Fehler hatte, nur zu genau vorgetragen. Nachdem er sein edles Herz erleichtert, wollte er sich bescheiden wieder zurückziehen. Aber der beperückte Gentleman mit dem Aktenstoß vor sich, der in Mr. Lorrys Nähe saß, bat um die Erlaubnis, ein paar Fragen an ihn richten zu dürfen. Der Gentleman in der Perücke, Mr. Lorry gegenüber, machte noch immer seine Studien an der Saaldecke.
War er nicht selbst schon ein Spion gewesen? Nein, er wies eine so schnöde Verleumdung mit Verachtung zurück. Von was lebte er? Von seinem Vermögen. Wo hatte er dieses Vermögen? Er konnte sich dessen nicht genau erinnern. In was bestand es? Ging niemanden etwas an. Hatte er geerbt? Ja. Von wem? Von einem entfernten Verwandten. Sehr entfernt? Ziemlich. Noch nie im Gefängnis gewesen? Gewiß nicht. Auch nicht in Schuldenhaft? Sah nicht ein, wie dies hergehörte. Nie in Schuldenhaft? Schon wieder diese Frage. Nie? Ja. Wie oft? Zwei- oder dreimal. Nicht fünf- oder sechsmal? Vielleicht. Von welchem Beruf? Gentleman. Nie Fußtritte gekriegt? Kann sein. Oft? Nein. Nie, die Treppe hinuntergeworfen worden? Gewiß nicht: nur einmal am Anfang einer Treppe einen Stoß erhalten und dann von freien Stücken hinuntergefallen. Bei jener Gelegenheit einen Fußstoß erhalten wegen Betrugs beim Würfelspielen? Etwas Derartiges wurde durch den betrunkenen Lügner ausgesprengt, der ihn angegriffen, war aber nicht wahr. Konnte dies beschworen werden? Zuverlässig. Nie von Betrug im Spiel gelebt? Nie. Nicht vom Spiel gelebt? Nicht mehr als andere Gentlemen auch. Nie von dem Gefangenen Geld geborgt? Ja. Ihn immer wieder bezahlt? Nein. War nicht die vertraute Beziehung zu dem Gefangenen nur eine sehr entfernte und dem Gefangenen in Postkutschen, Gasthäusern und Paketschiffen aufgedrungen? Nein. Wahrscheinlich sah er die Listen bei dem Gefangenen? Gewiß. Wußte er nichts Weiteres von den Listen? Nein. Hatte er nicht etwa selbst sie ihm geliefert? Nein. Hoffte er durch sein Zeugnis etwas zu gewinnen? Nein. Nicht in regelmäßigem Sold und Dienst der Regierung, um Fallen zu legen? O Himmel, nein. Oder sonst etwas zu tun? O Himmel, nein. Konnte dies beschworen werden? Zehn- für einmal. Keine andern Beweggründe als Patriotismus? Durchaus keine.
Der tugendhafte Diener schwur sich mit großer Geschwindigkeit durch die ganze Verhandlung. Er war voll guten einfältigen Glaubens vor vier Jahren bei dem Gefangenen in Dienst getreten. Er hatte denselben an Bord des Calais-Paketschiffes gefragt, ob er nicht einen geschickten Burschen brauche, und der Gefangene ihn angenommen. Von einer Bitte an den Gefangenen, er möchte an dem geschickten Burschen ein Werk der Barmherzigkeit üben, war keine Rede gewesen; an etwas der Art hatte er nie gedacht. Er begann bald nachher Argwohn zu schöpfen gegen den Gefangenen und hatte ein wachsames Auge auf ihn. Wenn er auf Reisen die Kleider des Gefangenen besorgte, gab sich ihm oft und oft Gelegenheit, in dessen Taschen ähnliche Listen zu sehen. Die vorliegenden hatte er einer Schublade in dem Pult des Gefangenen entnommen. Sie waren nicht zuerst von ihm hineingelegt worden. Er konnte als Augenzeuge bekräftigen, daß der Gefangene gerade diese Listen französischen Herren in Calais und ähnliche Listen französischen Herren zu Calais und Boulogne gezeigt hatte. Er liebte sein Land, konnte dies nicht ertragen und machte Anzeige. Er hatte nie im Verdacht gestanden, eine silberne Teekanne gestohlen zu haben; er war wohl boshafterweise wegen eines silbernen Senftopfes verleumdet worden, aber es hatte sich herausgestellt, daß es nur ein plattierter gewesen. Den letzten Zeugen kannte er seit sieben oder acht Jahren, aber dies war nur ein Zusammentreffen. Er nannte es nicht ein merkwürdiges Zusammentreffen; denn beim Zusammentreffen findet meist diese Eigenschaft statt. Auch erschien es ihm nicht als ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß bei ihm gleichfalls wahrer Patriotismus der einzige Beweggrund sein sollte. Er war ein echter Brite und hoffte, daß es noch viele geben werde wie er.
Die Schmeißfliegen summten wieder, und der Herr Staatsanwalt rief Mr. Jarvis Lorry auf.
»Mr. Jarvis Lorry, seid Ihr Bureaubeamter in Tellsons Bank?«
»Habt Ihr nicht an einem gewissen Freitag im November des Jahres eintausendsiebenhundertundfünfundsiebenzig nachts den Postwagen zu einer Geschäftsreise von London nach Dover benutzt?«
»Ja.«
»Reisten noch andere Passagiere mit?«
»Zwei.«
»Sind sie nicht im Laufe der Nacht unterwegs ausgestiegen?«
»Ja.«
»Mr. Lorry, seht den Gefangenen an. War er einer von den beiden Passagieren?«
»Ich kann dies nicht behaupten.«
»Hat er Ähnlichkeit mit einem von jenen zwei Passagieren?«
»Beide waren so eingehüllt, die Nacht so dunkel und wir alle so zurückhaltend, daß ich auf die Frage keine Antwort zu geben weiß.«
»Mr. Lorry, betrachtet Euch den Gefangenen noch einmal. Denkt Euch ihn so eingehüllt, wie jene beiden Reisenden waren – liegt in seinem Körperbau und in seiner Haltung etwas, was es unwahrscheinlich macht, daß er einer davon gewesen sein könnte?«
»Nein.«
»Wollt Ihr darauf schwören, daß er keiner von ihnen gewesen?«
»Nein.«
»Aber Ihr könnt wenigstens sagen, es sei möglich, daß er einer davon war?«
»Ja, mit Ausnahme des mir noch erinnerlichen Umstandes, daß jene Männer sich gleich mir sehr vor Straßenräubern fürchteten; der Gefangene sieht nicht furchtsam aus.«
»Habt Ihr schon ein Bild der Furchtsamkeit gesehen, Mr, Lorry?«
»Jawohl.«
»Mr. Lorry, betrachtet Euch noch einmal den Gefangenen. Könnt Ihr Euch nicht erinnern, ihn je gesehen zu haben?«
»O ja.«
»Wann?«
»Ich kehrte einige Tage später von Frankreich zurück. Der Gefangene kam zu Calais an Bord des Paketschiffes, das mich mit heimnahm, und machte mit mir die Reise.«
»Um welche Zeit kam er an Bord?«
»Ein wenig nach Mitternacht.«
»Bei totenstiller Nacht also. War er der einzige Passagier, der zu dieser ungewöhnlichen Stunde an Bord kam?«
»Er war zufällig der einzige.«
»Kümmert Euch nicht darum, ob es Zufall war oder nicht, Mr. Lorry. Er war also der einzige Passagier, der mitten in der Nacht an Bord kam?«
»Reistet Ihr allein, Mr. Lorry, oder wäret Ihr in Gesellschaft?«
»Ich hatte zwei Reisebegleiter, eine Dame und einen Herrn. Sie sind hier.«
»Sie sind hier. Habt Ihr mit dem Gefangenen Unterhaltung gepflogen?«
»Kaum. Wir hatten stürmisches Wetter, und während der langen Dauer der rauhen Überfahrt lag ich fast unausgesetzt auf dem Sofa.«
»Miß Manette!«
Die junge Dame, der sich jetzt wie früher alle Augen zuwendeten, stand von ihrem Sitze auf; ihr Vater, der ihre Hand mit seinem Arme unterstützt hielt, tat das gleiche.
»Miß Manette, betrachtet den Gefangenen.«
Die Konfrontation mit der ernsten, schönen, von Mitleid ergriffenen Jungfrau wirkte auf den Angeschuldigten weit erschütternder als das Begafftwerden durch die Menge. Er stand gewissermaßen beiseite mit ihr am Rande seines Grabes, und all die Neugier der maulaufsperrenden Zuschauer vermochte ihn nicht so weit zu kräftigen, daß er auch in jenem Augenblick ganz ruhig blieb. Seine Rechte teilte hastig die Kräuter vor ihm ab in eingebildete Gartenblumenbeete, und die Anstrengung, die es ihn kostete, seinen Atem gleichmäßig zu erhalten, machte seine Lippen beben, aus denen mit dem nach dem Herzen jagenden Blutstrom alle Farbe entwichen war. Die Schmeißfliegen summten wieder laut.
»Miß Manette, habt Ihr den Gefangenen früher gesehen?«
»Ja, Sir.«
»Wo?«
»An Bord des eben besprochenen Paketschiffes, Sir, und bei demselben Anlaß.«
»Ihr seid die junge Dame, von der die Rede war?«
»Leider ja.«
Der klagende Ton des Mitleids erstarb unter der weniger musikalischen Stimme des Richters, der etwas rauh entgegnete:
»Antwortet einfach auf die Fragen, die man an Euch stellt, und macht keine Bemerkungen dazu.«
»Miß Manette, habt Ihr Euch während jener Fahrt über den Kanal mit dem Gefangenen unterhalten?«
»Ja, Sir.«
»Vergegenwärtigt Euch dies wieder.«
Inmitten der tiefen Stille begann sie, mit tonloser Stimme:
»Als der Gentleman an Bord kam –«
»Meint Ihr damit den Gefangenen?« fragte der Richter, die Stirn runzelnd.
»Dann nennt ihn auch so.«
»Als der Gefangene an Bord kam, bemerkte er, daß mein Vater« – sie richtete ihre Blicke liebevoll auf den an ihrer Seite Stehenden – »sehr erschöpft und leidend war. Sein Gesundheitszustand flößte mir so viel Besorgnis ein, daß ich es nicht wagte, ihn aus der freien Luft fortzunehmen, sondern auf dem Deck neben der Kajütentreppe für ihn ein Bett herrichtete, an dessen Seite ich Platz nahm, um ihm Handreichungen leisten zu können. In jener Nacht waren keine anderen Passagiere an Bord als wir vier. Der Gefangene war so freundlich, um die Erlaubnis zu bitten, mir raten zu dürfen, wie ich meinen Vater besser gegen Wind und Wetter schützen könne, als ich getan habe; denn ich hatte mich nicht darauf verstanden, wie der Wind nach unserer Ausfahrt aus dem Hafen wehen würde, und er beriet mich jetzt. Er äußerte große Teilnahme für den Zustand meines Vaters, und ich bin überzeugt, daß er sie auch fühlte. So begann unsere Unterhaltung.«
»Laßt mich Euch für einen Augenblick unterbrechen. Kam er allein an Bord?«
»Nein.«
»Wer war bei ihm?«
»Zwei französische Herren.«
»Haben sie miteinander gesprochen?«
»Sie sprachen miteinander bis zu dem Augenblick, als die französischen Herren wieder in ihr Boot steigen mußten.«
»Habt Ihr in ihren Händen keine Papiere bemerkt, die Ähnlichkeit hatten mit diesen Listen?«
»Von Papieren habe ich wohl etwas gesehen, kann aber nicht sagen, welcher Art Papiere es waren.«
»An Form und Umfang etwa wie diese?«
»Möglich, aber ich weiß es in der Tat nicht, obschon sie in meiner unmittelbaren Nähe miteinander flüsterten; denn sie standen auf dem Absatz der Kajütentreppe, um das Licht der dort hängenden Laterne benutzen zu können. Das Licht brannte trüb, und sie sprachen sehr leise, so daß ich nicht verstand, was sie sagten. Ich sah nur, daß sie sich mit den Papieren befaßten.«
»Nun Eure Unterhaltung mit dem Gefangenen, Miß Manette.«
»Der Gefangene war sehr offen und zutraulich gegen mich; ich schreibe dieses meiner hilflosen Lage zu; denn er benahm sich sehr teilnehmend und suchte meinem Vater nützlich zu werden. Ich hoffe«, fügte sie bei, indem sie in Tränen ausbrach, »ich lohne es ihm nicht damit, daß ich ihm heute zum Schaden rede.«
Gesumm von seiten der Schmeißfliegen.
»Miß Manette, wenn der Gefangene nicht recht gut einsieht, daß Ihr das Zeugnis, das Ihr abzugeben verpflichtet seid, geben müßt und unter keinen Umständen umgehen könnet, nur mit Widerwillen ablegt, so steht er in diesem Saale mit seiner Anschauungsweise vollkommen vereinzelt. Ich bitte, fahrt fort.«
»Er sagte mir, seine Reise betreffe eine sehr zarte und verfängliche Sache, die leicht Leute in Angelegenheiten bringen könnte; er reise deshalb unter einem angenommenen Namen. Dann teilte er mir weiter mit, sein Geschäft habe ihn für einige Tage nach Frankreich geführt und werde ihm für die nächste Zeit ein öfteres Hin- und Herreisen zwischen Frankreich und England auferlegen.«
»Hat er nichts von Amerika gesprochen, Miß Manette? Ihr müßt auf Einzelheiten eingehen.«
»Er versuchte mir verständlich zu machen, wie der Streit entstanden war, und sagte, soweit er die Sache beurteilen könne, habe England dabei unrecht und töricht gehandelt. Auch fügte er scherzend bei, daß vielleicht Georg Washington in der Geschichte einen fast ebenso großen Namen erringen werde wie Georg der Dritte. In dieser Äußerung lag jedoch nichts Verfängliches; er hatte sie lachend getan, und man sprach eben, um sich die Zeit zu vertreiben.«
Jeder starkmarkierte Gesichtsausdruck einer Hauptperson in einer hochinteressanten Szene, auf der viele Augen haften, wird unbewußt von den Zuschauern nachgeahmt. Als sie dieses Zeugnis ablegte, zeigte sich ein Zug schmerzlicher Angst und Spannung auf ihrer Stirn, und während der Pausen, die durch das Aufzeichnen ihrer Angaben durch den Richter veranlaßt wurden, suchte sie die Wirkung derselben in den Gesichtern der Advokaten für und wider den Angeklagten zu lesen. Wo man nun in dem Gerichtssaal hinsehen mochte, begegnete man bei den Zuschauern demselben Ausdruck, und zwar in einem so hohen Grade, daß die große Mehrheit der Stirnen nur Spiegel der Stirn der Zeugin zu sein schienen, als der Richter von seinem Notizblatte aufschaute, um bei der schrecklichen Ketzerei über Georg Washington grimmig umherzublicken.
Der Herr Staatsanwalt bedeutete jetzt dem Lord Oberrichter, daß es aus formellen Rücksichten und vorsichtshalber notwendig sein dürfte, auch den Vater der jungen Dame, den Doktor Manette, zu vernehmen. Er wurde aufgerufen.
»Doktor Manette, betrachtet den Gefangenen. Habt Ihr ihn schon einmal gesehen?«
»Ja, einmal. Er besuchte mich in London. Dies mag vor drei oder vierthalb Jahren geschehen sein.«
»Erkennt Ihr in ihm einen Mitreisenden an Bord des Paketschiffes, oder wißt Ihr etwas von seiner Unterhaltung mit Eurer Tochter?
»Weder das eine noch das andere, Sir.«
»Warum dies? War vielleicht ein besonderer Grund dafür vorhanden?«
»Ja«, lautete die leise Antwort.
»Ihr habt in Eurem Vaterland das Unglück gehabt, ohne Urteilspruch, ja, sogar ohne Anklage eine lange Gefangenschaft durchmachen zu müssen, Doktor Manette?«
Er entgegnete in einem Ton, der jedem zu Herzen ging:
»Eine lange Gefangenschaft.«
»Ihr waret nur kurz vor dem fraglichen Anlaß in Freiheit gesetzt worden?«
»So sagt man mir.«
»Ihr erinnert Euch dessen nicht selbst?«
»Nein. In meinem Geist ist eine Lücke – ich weiß nicht, von welcher Dauer – von der Zeit an, als ich in meiner Gefangenschaft mich mit Schuhmachen beschäftigte, bis zu dem Augenblick, in dem ich mich hier zu London unter der pflegenden Hand meiner Tochter wiederfand. Ich hatte mich bereits an sie gewöhnt, als es dem Allbarmherzigen gefiel, mir mein geistiges Vermögen zurückzugeben, obschon ich nicht sagen kann, wie dies zugegangen war. Der ganze Vorgang meines früheren Verkehrs mit ihr ist in Nacht gehüllt.«
Der Herr Staatsanwalt setzte sich nieder, und der Vater und die Tochter folgten seinem Beispiele.
Nun ergab sich in der Verhandlung ein eigentümlicher Umstand. Das Beweisobjekt war, darzutun, daß der Gefangene mit einem noch nicht ermittelten Genossen vor fünf Jahren in jener Novembernacht den Postwagen benutzt habe und unterwegs zum Schein an einem Orte ausgestiegen sei, an dem er nicht blieb, sondern von wo aus er um fünf oder sechs Wegstunden nach einem Garnison- und Werftenplatze zurückreiste, um daselbst sich auf Spionage zu legen. Ein Zeuge wurde vernommen, der in ihm die Person erkennen wollte, die er genau um jene Zeit in dem Kaffeezimmer eines Gasthauses jener Garnison- und Werftenstadt in Erwartung eines anderen gesehen hatte. Der Verteidiger nahm diesen Zeugen scharf ins Verhör, konnte aber nichts weiter aus ihm herausbringen, als daß der Gefangene ihm von keiner andern Gelegenheit her bekannt sei. Jetzt beschrieb der beperückte Gentleman, der der Saaldecke ein so großes Interesse abgewann, einige Worte auf ein Stückchen Papier, rollte es zusammen und warf es dem Anwalt des Gefangenen zu. Dieser benutzte die nächste Pause, um das Röllchen zu öffnen und betrachtete darauf den Angeklagten mit großer Aufmerksamkeit.
»Ihr behauptet also wiederholt, Ihr wisset gewiß, daß es der Gefangene gewesen sei?«
Der Zeuge wußte es gewiß.
»Habt Ihr nie jemand gesehen, der Ähnlichkeit mit dem Gefangenen hatte?«
Wenigstens keine so große Ähnlichkeit, daß sie ihn hätte tauschen können, meinte der Zeuge.
»So betrachtet Euch einmal diesen Gentleman, meinen gelehrten Freund«, er deutete auf den Herrn, der ihm das Papier« zugeworfen hatte – »und dann den Gefangenen. Was sagt Ihr jetzt? Sind sie einander nicht sehr ähnlich?«
Abgesehen von dem Umstand, daß der gelehrte Freund eine ziemlich vernachlässigte, wo nicht liederliche Außenseite hatte, fand zuverlässig eine so große Ähnlichkeit statt, daß sie nicht nur den Zeugen stutzig, machte, sondern auch allen Anwesenden auffiel. An den Lord Oberrichter erging nun das Ersuchen, er möchte dem gelehrten Freund befehlen, seine Perücke abzunehmen, was dann auch von seiten Seiner Gnaden, obschon in sehr ungnädiger Weise, geschah, und die Ähnlichkeit trat jetzt um so schlagender hervor. Der Lord Oberrichter fragte Mr. Stryver, den Verteidiger, ob sie etwa zunächst dem Mr. Carton (Name des gelehrten Freundes) wegen Hochverrats den Prozeß machen sollten; doch Mr. Stryver antwortete darauf dem gnädigen Herrn mit Nein: er beabsichtige bloß, den Zeugen zu fragen, ob ihm, was ihm einmal zugestoßen, nicht auch zum zweiten Male habe begegnen können – ob er so zuversichtlich aufgetreten wäre, wenn man diesen Beweis von Übereilung ihm früher vor Augen gestellt hätte, und so weiter. Die Folge davon war, daß diese Zeugenaussage wie ein irdener Topf zerschmettert und der Zeuge selbst, sofern er zu dem Prozeß in Beziehung kam, zu dem nutzlosen Gerümpel gestellt wurde.
Mr. Cruncher hatte in seiner Aufmerksamkeit für die Verhandlung ein ganzes Frühstück Rost aus seinen Fingern gesogen. Er verwandte kein Auge von Mr. Stryver, während dieser den Sachverhalt im Interesse des Gefangenen vor den Geschworenen wie einen vollständigen Anzug zurechtlegte. Er zeigte ihnen, daß der Patriot Barsad ein gedungener Spion und Verräter, ein keckstirniger Verkäufer von Blut und einer der größten Schurken sei, die je auf Erden umhergewandelt seien seit dem fluchwürdigen Judas, dem er sicherlich auch gleichsehe. Der tugendhafte Diener Cly sei sein Freund und ein seiner würdiger Gehilfe: diese beiden Fälscher, und meineidigen Wichte hätten sich den Gefangenen als ihr Opfer ausersehen, weil dieser, ein Mann von französischer Abkunft, in Familienangelegenheiten, die seine Anwesenheit jenseits des Kanals nötig machten, öfters Frankreich besuchte. Von diesen Angelegenheiten könne aus Rücksicht für andere, die ihm nahe und teuer seien, und wenn das Leben des Gefangenen davon abhänge, kein öffentlicher Gebrauch gemacht werden. Das Zeugnis, das man der jungen Dame abgerungen, von deren Kummer über diesen Zwang man sich habe überzeugen können, enthalte nichts als unschuldige Galanterien und Höflichkeitsbezeigungen, wie sie zwischen jungen Personen verschiedenen Geschlechts bei zufälliger Begegnung häufig vorkämen: nur die Hinweisung auf Georg Washington mache davon eine Ausnahme, aber der Inhalt jener Rede sei zu überspannt und unmöglich, als daß sie in einem andern Licht denn in dem eines ungereimten Scherzes aufgefaßt werden könne. Es wäre ein Makel für die Regierung, wenn sie in diesem Versuch, durch eine Einwirkung auf die niedrigsten nationalen Gehässigkeiten und Besorgnisse sich populär zu machen, unterläge, und deshalb habe der Herr Staatsanwalt den Fall möglichst schreiend darzustellen gesucht: gleichwohl liege gar nichts vor als die Aussagen feiler, ehrloser Zeugen, wie man sie in Prozessen ähnlicher Art zur Schande des Landes nur zu oft finde. Doch jetzt legte sich der gnädige Herr Oberrichter mit einer so gravitätischen Miene, als habe der Verteidiger mit der Hinweisung auf die englischen Staatsprozesse eine Unwahrheit gesprochen, ins Mittel und erklärte, er könne, solange er auf der Gerichtsbank sitze, solche Anspielungen nicht dulden.
Mr. Stryver rief nun seine wenigen Zeugen auf, und dann hatte Mr. Crunchers Aufmerksamkeit dem Herrn Staatsanwalt zu folgen, wie dieser an dem Anzug, den Mr. Stryver für die Geschworenen zurechtgelegt hatte, das Innere nach außen kehrte und dabei zeigte, daß Barsad und Cly hundertmal besser seien, als sie seiner Meinung nach gewesen, der Gefangene aber hundertmal schlechter. Zum Schlüsse kam der gnädige Herr Oberrichter selbst, wendete den Anzug noch einmal und kehrte die Außenseite wieder nach innen, im ganzen aber entschieden mit einer Zustutzung, daß er zu einem Leichengewand für den Gefangenen paßte.
Und nun traten die Geschworenen zur Erwägung zusammen, und die großen Fliegen schwärmten wieder.
Mr. Carton, der so lange in Bewunderung der Saaldecke dagesessen hatte, änderte selbst bei der jetzigen Aufregung weder seinen Platz noch seine Haltung. Während sein gelehrter Freund Mr. Stryver die Akten vor sich wieder übereinanderlegte, mit den ihm zunächst Stehenden flüsterte oder von Zeit zu Zeit einen ängstlichen Blick nach den Geschworenen hingleiten ließ – während die Zuschauer mehr oder weniger durcheinanderwogten und immer neue Gruppen bildeten – während selbst der Lord Oberlichter sich von seinem Sitz erhob und langsam unter dem Verdacht des Publikums, daß er sich in einem fieberischen Zustand befinde, auf der Plattform hin und her schritt – saß dieser einzige Mensch abgewandt da, den zerschlissenen Mantel nur halb an sich tragend, die zerknüllte Perücke in einer Weise auf dem Kopf, als sei sie nach dem Abnehmen ihm gefällig wieder hinaufgeflogen, die Hände in den Rocktaschen und die Augen wie im Laufe des ganzen Tages gegen die Decke gerichtet. Etwas besonders Unbekümmertes in seinem Wesen verlieh ihm nicht nur ein ziemlich unachtbares Äußeres, sondern beeinträchtigte auch die große Ähnlichkeit, die er ohne Frage mit dem Gefangenen hatte und die durch seinen augenblicklichen Ernst in dem Moment der Vergleichung sehr erhöht worden war, dermaßen, daß von den Zuschauern, die jetzt Notiz von ihm nahmen, viele unter sich bemerkten, sie hätten kaum geglaubt, daß sie einander glichen. Namentlich machte Mr. Cruncher diese Bemerkung gegen seinen nächsten Nachbar und fügte hinzu: »Ich wette eine halbe Guinee, daß man dem nie einen Prozeß anvertraut. Oder meint Ihr, er sehe danach aus, daß er Advokatenarbeit kriegen kann?«
Gleichwohl interessierte sich dieser Mr. Carton mehr für die Einzelheiten der Szene, als es den Anschein hatte; denn Miß Manette ließ jetzt ihr Haupt auf die Brust ihres Vaters sinken, und da er es zuerst bemerkte, so sagte er vernehmlich:
»Gerichtsdiener, seht nach der jungen Dame, und helft dem Gentleman, sie hinausbringen. Bemerkt Ihr nicht, daß sie umsinken will?«
Sobald sie entfernt war, gab sich viel Mitleid mit ihr und Teilnahme für ihren Vater kund. Nie Erinnerung an die Tage seiner Gefangenschaft hatten augenscheinlich einen sehr schmerzlichen Eindruck auf ihn gemacht. Als ihrer Erwähnung geschah, war seine Aufregung so augenfällig geworden und der düster brütende Ausdruck, der ihn so alt erscheinen ließ, einer schweren Wolke gleich, nicht mehr von seiner Stirn gewichen. Nach seinem Abgehen gaben die Geschworenen, die für eine kurze Weile zurückgetreten waren, durch den Obmann ihre Erklärung ab.
Sie waren nicht einig und wünschten, sich zurückzuziehen. Der Herr Oberrichter, den vielleicht noch der Georg Washington wurmte, zeigte einige Überraschung über ihre Unschlüssigkeit, genehmigte aber ihre Beratung hinter Wache und Riegel in Gnaden und zog sich selbst auch zurück. Die Verhandlung hatte den ganzen Tag gedauert, und im Saal wurden jetzt Lampen angezündet. Es verbreitete sich das Gerücht, daß die Geschworenen lange zu ihrer Beratung brauchen würden, weshalb die Zuschauer sich entfernten, um Erfrischungen einzunehmen. Der Gefangene ging nach dem, Hintergrund seines Verschlags und setzte sich nieder.
Mr. Lorry hatte die junge Dame und ihren Vater hinausbegleitet und kehrte jetzt wieder zurück. Er winkte Jerry, der bei dem geminderten Interesse der Szene leicht zu ihm gelangen konnte.
»Jerry, wenn Ihr essen wollt, so könnt Ihr es tun: aber bleibt in der Nähe. Ihr werdet schon hören, wenn die Geschworenen wieder eintreten. Findet Euch dann eiligst ein, denn ich wünsche, daß der Wahrspruch unverweilt an die Bank gelange. Ihr seid der flinkste Bote, den ich kenne, und werdet lange vor mir Temple Bar erreichen.«
Jerry hatte gerade genug Stirne, um sich daran klopfen zu können: er stieg also in Anerkennung des Auftrages und des ihn begleitenden Shillings hinauf. In demselben Augenblick kam Mr. Carton heran und berührte Mr. Lorry am Arme.
»Was macht die junge Dame?«
»Sie ist sehr erschüttert: ihr Vater aber tröstet sie, und außerhalb des Gerichtssaales fühlt sie sich besser.«
»Ich will dies dem Gefangenen sagen. Ihr wißt, für einen achtbaren Bankherrn, wie Ihr seid, würde es sich nicht schicken, wenn man Euch öffentlich mit ihm reden sähe.«
Nr. Lorry errötete, als fühle er sich schuldig, gerade selbst diesen Gedanken gehabt zu haben, und Mr. Carton ging nach der andern Seite der Schranke hinüber. Der Hauptausgang des Saales lag in derselben Richtung, und Jerry folgte ihm, ganz Auge und Ohr.
»Mr. Darnay.«
Der Gefangene kam sogleich in den Vordergrund.
»Ihr seid natürlich begierig, etwas von der Zeugin Miß Manette zu hören. Es wird mit ihr schon wieder recht werden. Ihr habt das Schlimmste von der Aufregung gesehen.«
»Es tut mir sehr leid, die Ursache gewesen zu sein. Könntet Ihr wohl in meinem Namen ihr dies sagen und ihr zugleich meinen wärmsten Dank ausdrücken?«
»Ja, das kann ich wohl und will es auch tun, wenn Ihr es verlangt.«
Mr. Cartons Wesen war so unbekümmert, daß es fast an Unverschämtheit grenzte. Er stand halb von dem Gefangenen abgewendet da und hatte seinen Ellenbogen auf die Schranke gestützt.
»Ich bitte Euch darum. Nehmt meinen herzlichen Dank dafür.«
»Welche Hoffnung habt Ihr, Mr. Darnay?« fragte Mr. Carton, noch immer halb abgewandt.
»Eine schlechte.«
»Das ist klug von Euch, denn der schlimme Ausgang hat eine große Wahrscheinlichkeit für sich. Doch meine ich, das Abtreten der Geschworenen sei ein günstiges Zeichen.«
Da ein Stehenbleiben in den Gängen des Saals nicht gestattet war, so hörte Jerry nichts weiter; er verließ sie, wie sie nebeneinander standen und von dem Spiegel oben zurückgestrahlt wurden, beide sich so ähnlich an Gestalt und so unähnlich im Wesen.
Anderthalb Stunden entschwanden schleppend in den von Dieben und Spitzbuben wimmelnden Gängen unten, obschon Hammelpastetchen und Ale mithalfen. Der heisere Bote hatte, nachdem er die ebengenannte Stärkung eingenommen, auf einer unbequemen Bank Platz gefunden und war eingeduselt, als auf einmal ein Lärm ihn wieder weckte und ein Menschenstrom, der die zum Gerichtssaale führenden Treppen hinanwogte, ihn mit sich fortriß.
»Jerry! Jerry!«
Mit diesem Rufe empfing ihn Mr. Lorry schon an der Tür.
»Hier, Sir. Das hat Gewalt gebraucht, um wieder hereinzukommen. Hier bin ich, Sir!«
Mr. Lorry händigte ihm durch das Gedränge ein Blatt Papier ein.
»Hurtig! Habt Ihr's?«
»Ja, Sir.«
Auf das Blatt war in Eile das Wort geschrieben: »Freigesprochen.«
»Wenn er mich heute wieder hätte ausrichten heißen: ›Ins Leben zurückgerufen‹«, murmelte Jerry, indem er sich umwandte, »so würde ich verstanden haben, was er diesmal damit sagen will.«
Er hatte keine Gelegenheit, noch etwas Weiteres zu sagen oder auch nur zu denken, bis er die alte Balley hinter sich hatte; denn die Menge strömte mit solcher Gewalt nach, daß sie ihn fast vom Boden aufhob. Das laute Summen fegte in die Straße hinaus, als ob die in ihrer Erwartung getäuschten Schmeißfliegen sich nach allen Richtungen zerstreuten, um ein anderes Aas zu suchen.
Aus den trübbeleuchteten Gängen des Gerichtshofes suchte der letzte Rest des menschlichen Bratens, der da den ganzen Tag über geschmort hatte, herauszukommen, als Doktor Manette, seine Tochter Lucie Manette, Mr. Lorry, der Verteidiger Mr. Stryver und dessen Adjunkt um den eben auf freien Fuß gesetzten Mr. Darnay herstanden und ihm zu seiner Bewahrung vor dem Tode Glück wünschten.
Es wäre auch bei weit hellerer Beleuchtung schwer gewesen, in Doktor Manette, seinem geistvollen Gesicht und seiner aufrechten Haltung den Schuhmacher aus dem Dachstübchen in Paris zu erkennen. Doch konnte niemand zweimal nach ihm Hinsehen, ohne es wieder und wieder zu tun, selbst wenn sich die Gelegenheit der Wahrnehmung auch nicht auf den wehmütigen Klang seiner leisen, ernsten Stimme und auf den Zug von Zerstreutheit ausdehnte, der in Anfällen ohne einen erkennbaren Grund sein Gesicht umwölkte. Während äußerliche Ursachen, sofern sie in Beziehung zu seinem nachhaltigen Wehe traten, wie zum Beispiel der Kriminalprozeß, stets diesen Zustand aus den Tiefen seiner Seele hervorriefen, konnte er auch von selbst entstehen und ein Düster über ihn hinbreiten, das für die mit seiner Geschichte nicht Bekannten so unbegreiflich war, als hätten sie in einer Sommersonne den Schatten der wirklichen, dreihundert Meilen entlegenen Bastille auf ihm bemerkt.
Nur seine Tochter vermochte dieses finstere Brüten aus seiner Seele zu bannen. Sie war der goldene Faden, der ihn mit einer Vergangenheit jenseits und einer Gegenwart diesseits seines Elends in Verbindung brachte, und der Ton ihrer Stimme, das Leuchten ihres Antlitzes oder die Berührung ihrer Hand übte fast immer einen sehr wohltätigen Einfluß auf ihn. Freilich, unfehlbar war dieser Einfluß nicht, denn sie konnte sich mancher Anlässe erinnern, bei denen er nichts ausrichtete; doch kamen solche Anwandelungen jetzt nur noch selten und in so leichtem Grade vor, daß sie dieselben für überwunden hielt.
Mr. Darnay hatte mit warmem Dank ihre Hand geküßt und dann sich an seinen Verteidiger gewendet, dem er gleichfalls aus tiefer Seele dankte. Mr. Stryver, ein Mann von wenig mehr als dreißig, obschon er um zwanzig Jahre älter aussah, war ein derber, stämmiger, lärmender, rotgesichtiger Mann, dem das Zartgefühl nicht eben viel zu schaffen machte, und er hatte eine Art an sich, moralisch und physisch sich in Gesellschaften und Unterhaltungen hineinzuschultern, die ihm beim Vorwärtskommen in der Welt nicht übel zustatten kam.
Er hatte noch seine Perücke auf und den Mantel an, als er sich neben seinem Klienten in einer Weise aufpflanzte, daß der unschuldige Mr. Lorry ganz aus der Gruppe hinausgeschultert wurde.
»Es freut mich, daß ich Euch mit Ehren davon gebracht habe, Mr. Darnay«, begann er. »Es war ein schändlicher und schamloser Versuch, der aber demungeachtet hätte gelingen können.«
»Ich bin Euch für mein Leben auf dessen ganze Dauer verpflichtet«, sagte der Klient, ihn bei der Hand nehmend.
»Ich habe mein Bestes für Euch getan, Mr. Darnay, und mein Bestes ist, glaube ich, so gut als das irgendeines andern Menschen.«
Da es jetzt irgend jemand oblag zu sagen: »Viel besser«, so übernahm Mr. Lorry diesen Dienst, vielleicht nicht ganz uneigennützig, sondern in der Absicht, sich wieder in die Gesellschaft hineinzubringen.
»Meint Ihr so?« versetzte Mr. Stryver. »Nun, Ihr seid den ganzen Tag zugegen gewesen und müßt es wissen. Schon als Geschäftsmann steht Euch ein Urteil zu.«
»Und als Geschäftsmann«, sagte Mr. Lorry, den der Rechtsgelehrte jetzt wieder in die Gruppe hinein-, wie zuvor hinausgeschultert hatte, »als Geschäftsmann ersuche ich Doktor Manette, diese Konferenz abzubrechen und uns alle nach Haus zu kommandieren. Miß Lucie sieht sehr übel aus, Mr. Darnay hat einen schrecklichen Tag gehabt, und auch wir sind erschöpft.«
»Ihr müßt nur von Euch selber sprechen, Mr. Lorry«, versetzte Stryver, »denn was mich betrifft, so habe ich noch die ganze Nacht durchzuarbeiten.«
»Ich spreche allerdings von mir selber«, antwortete Mr. Lorry, »und auch für Mr. Darnay und Miß Lucie und – glaubt Ihr nicht, Miß Lucie, daß ich von uns allen reden kann?«
Er brachte diese Frage mit besonderem Nachdruck vor und warf dabei einen Blick auf ihren Vater.
Das Gesicht des letzteren war gewissermaßen in der Anschauung von Mr. Darnay erstarrt; es lag ein Zug darauf, in welchem Abneigung, Mißtrauen und sogar Furcht sich zu mischen schien. Und während noch dieser befremdliche Ausdruck auf seiner Stirn lag, waren seine Gedanken weitergewandert.
»Vater«, sagte Lucie, ihre Hand sanft auf die seinige legend.
Er schüttelte langsam den Schatten ab und wandte sich ihr zu.
»Wollen wir nicht nach Hause gehen, Vater?«
Nach einem tiefen Atemzuge antwortete er mit Ja.
Die Freunde des losgesprochenen Angeklagten hatten sich unter dem falschen Eindruck zerstreut, zu dem er selbst Anlaß gegeben, daß er nicht noch am selben Abend auf freien Fuß gesetzt werden dürfte. Die Lichter in den Gängen waren meist erloschen, die eisernen Tore mit großem Lärm geschlossen worden, und der unheimliche Platz schien verödet, bis am andern Morgen das Interesse für Galgen, Pranger, Stäupepfahl und Brandeisen ihn aufs neue bevölkerte, Zwischen ihrem Vater und Mr. Darnay gehend, gelangte Lucie Manette ins Freie. Es wurde eine Mietkutsche angerufen, in der der Doktor mit seinem Kinde von hinnen fuhr.
Mr. Stryver war in dem Gang zurückgeblieben und schickte sich jetzt an, das Ankleidezimmer aufzusuchen. Eine weitere Person, die sich weder der Gruppe angeschlossen noch mit irgend jemand aus derselben ein Wort gewechselt, sondern im tiefsten Schatten des Ganges an der Wand gelehnt hatte, war schweigend den übrigen gefolgt und Zeuge gewesen, wie die Kutsche von dannen rasselte. Jetzt trat sie auf den Platz zu, wo Mr. Lorry und Mr. Darnay beisammenstanden.
»So, Mr. Lorry – können jetzt Geschäftsleute wieder mit Mr. Darnay sprechen?«
Bei Mr. Carton (er war es) hatte sich niemand für seine Beteiligung an dem Gange des Prozesses bedankt, ja, niemand von ihr auch nur etwas gewußt. Er war nicht mehr in seiner Dienstkleidung, und seine Außenseite wurde durch diesen Umstand sicherlich nicht gehoben.
»Ihr würdet lachen müssen, Mr. Darnay«, fuhr er fort, »wenn Ihr wüßtet, zu welchen Kämpfen es bisweilen in einem Geschäftsgeist kommt, wenn dieser zwischen einer Regung der Gutmütigkeit und dem Schein, den der Geschäftsmann wahren soll, in die Klemme kommt.«
Mr. Lorry errötete und entgegnete mit Wärme:
»Ihr habt dies früher schon angedeutet, Sir. Aber Geschäftsleute, die einem Hause dienen, sind nicht ihre eigenen Herren. Sie haben mehr an ihr Haus als an sich selbst zu denken.«
»Ich weiß das, ich weiß das«, versetzte Mr. Carton unbekümmert. »Ihr müßt nicht ärgerlich werden, Mr. Lorry. Ich zweifle nicht, daß Ihr so gut seid wie nur einer, vielleicht sogar besser.«
»Und in der Tat, Sir«, fuhr Mr. Lorry fort, ohne auf ihn zu achten, »ich weiß wahrhaftig nicht, was Euch die Sache angeht. Ihr werdet mir's zugut halten, wenn ich, der ich so viel älter bin als Sie, mir diese Bemerkung erlaube, denn ich sehe wirklich nicht ein, was Sie für ein Geschäft dabei haben.«
»Geschäft! Gott behüt' Euch – ich kein Geschäft!« sagte Mr. Carton.
»Es ist wirklich schade, daß Sie keines haben, Sir.«
»Kommt mir auch so vor.«
»Denn in diesem Falle würden Sie ihm vielleicht nachgehen«, fügte Mr. Lorry bei.
»Gott steh' Euch bei, nein, das tät' ich nicht«, sagte Mr. Carton.
»Wohlan, Sir«, rief Mr. Lorry, der ob der Gleichgültigkeit des andern ins Feuer geriet, »um ein Geschäft ist es etwas sehr Gutes, etwas sehr Achtbares. Und, Sir, wenn das Geschäft einem Zwang und Schweigen auferlegt oder andere artige Hindernisse bietet, so weiß ein hochherziger junger Gentleman wie Mr. Darnay diesem Umstande Rechnung zu tragen. Mr. Darnay, gute Nacht; Gott behüte Euch, Sir. Ich hoffe, daß mit diesem Tag ein Leben voll Glück und Wohlfahrt für Sie beginnt. – He, eine Sänfte hierher!«
Vielleicht ein wenig ärgerlich über sich selbst wie über den Advokaten, stürmte Mr. Lorry in seine Sänfte hinein und ließ sich zu Tellsons tragen. Carton, der nach Portwein roch und augenscheinlich nicht mehr ganz nüchtern war, lachte ihm nach und wandte sich gegen Darnay:
»Es ist ein seltsamer Zufall, daß wir beide, ich und Ihr, so zusammengeworfen wurden. Oder kommt es Euch nicht auch seltsam vor, daß Ihr in dieser Nacht allein mit Eurem Ebenbild hier auf dem Straßenpflaster steht?«
»Es ist mir noch immer«, erwiderte Charles Darnay, »als gehöre ich noch nicht dieser Welt an.«
»Das nimmt mich nicht wunder, sofern Ihr auf Eurem Weg nach der andern schon ziemlich vorgerückt wart. Eure Stimme klingt schwach.«
»Ich fange an zu fühlen, daß ich selbst auch schwach bin,«
»Dann, warum zum Teufel nehmt Ihr nichts zu Euch? Ich habe gespeist, während jene Hohlschädel miteinander in Erwägung nahmen, welcher Welt sie Euch zuweisen sollen, dieser oder einer andern. Ich will Euch nach einem Gasthaus in der Nähe führen, wo man trefflich bedient wird.«
Er nahm den Arm des anderen und führte ihn Ludgatehill hinab in die Fleetstraße und durch einen gedeckten Gang nach einem Wirtshause, wo ihnen sofort ein kleines Extrazimmer angewiesen wurde. Charles Darnay stärkte sich nun durch ein gutes einfaches Diner und ein Glas guten Weins, wahrend Carton mit seinem halbunverschämten Wesen am nämlichen Tisch hinter seiner eigenen Flasche Portwein ihm gegenüber Platz nahm.
»Fühlt Ihr jetzt, daß Ihr wieder dem irdischen System angehöret, Mr. Darnay?«
»In Beziehung auf Zeit und Ort bin ich noch schrecklich verwirrt: aber es hat sich schon so weit gebessert, daß ich dies fühle.«
»Das muß ein ungemeiner Trost sein.«
Er sprach dies mit Bitterkeit und füllte sein Glas wieder, das zu den großen gehörte.
»Was mich betrifft«, fuhr er fort, »so wünsche ich nichts sehnlicher, als zu vergessen, daß ich auch ein Glied dieses Systems bin; denn mir bietet es – etwa mit Ausnahme dieses Weines – nichts Gutes und ich ihm nichts. In dieser Beziehung sind wir einander ziemlich gleich. Indes fange ich an zu glauben, daß wir beide. Ihr und ich, in keiner Beziehung eine große Ähnlichkeit haben.«
Noch von der Aufregung des Tages verwirrt und seinem rohen Doppelgänger gegenüber sich wie in einem Traume befangen fühlend, wußte Charles Darnay nicht, wie er antworten sollte, weshalb er es lieber ganz unterließ.
»Ihr seid jetzt fertig mit Eurem Diner«, fuhr Carton fort. »Warum bringt Ihr nicht eine Gesundheit, einen Toast aus, Mr. Darnay?«
»Wessen Gesundheit – was für einen Toast?«
»Ei, er liegt Euch auf der Zungenspitze – es muß so sein: ich will darauf schwören.«
»Miß Manette also.«
»Ja, Miß Manette.«
Carton schleuderte, seinem trinkenden Gefährten voll ins Gesicht sehend, das geleerte Glas über seine Schultern gegen die Wand, wo es in hundert Stücke zersplitterte, rührte dann die Klingel und ließ sich ein anderes bringen.
»'s ist was drum, im Dunkeln einer schönen Dame in die Kutsche zu helfen, Mr. Darnay«, sagte er, sein neues Glas füllend.
Ein leichtes Stirnrunzeln und ein lakonisches Ja war die Antwort.
»'s ist was drum, von einer schönen jungen Dame bemitleidet und beweint zu werden. Wie fühlt man sich dabei? Verlohnt sich's, um der Gegenstand solcher Teilnahme und solchen Mitgefühls zu werden, der Mühe, einen Halsprozeß durchzumachen, Mr. Darnay?«
Abermals blieb Darnay die Antwort schuldig.
»Sie war ungemein erfreut über das, was ich ihr in Eurem Namen ausrichtete. Nicht daß sie dies äußerlich gezeigt hätte; aber ich vermute es.«
Diese Anspielung diente dazu, Darnay rechtzeitig daran zu erinnern, daß der widerwärtige Gefährte doch aus freien Stücken ihm in der Not des Tages Beistand geleistet hatte; er brachte deshalb das Gespräch auf diesen Gegenstand und drückte ihm seinen Dank aus.
»Ich verlange keinen Dank und verdiene auch keinen«, lautete die unbekümmerte Erwiderung. »Erstlich kostete mich's keine Mühe, und zweitens weiß ich nicht, warum ich's tat. Mr. Darnay, erlaubt mir eine Frage.«
»Recht gerne; es ist ein karger Lohn für Eure guten Dienste.«
»Glaubt Ihr, daß ich einen besonderen Gefallen an Euch finde?«
»In der Tat, Mr. Carton«, entgegnete der andere verblüfft, »ich habe mir diese Frage selbst noch nicht vorgelegt.«
»So tut es jetzt.«
»Ihr habt gehandelt, als ob es der Fall sei; und doch glaube ich nicht recht daran.«
»Ich auch nicht«, sagte Carton. »Ich fange an, eine sehr gute Meinung von Eurem Verstand zu gewinnen.«
»Es liegt jedoch, hoff' ich, nichts Arges darin«, fuhr Darnay fort, indem er sich erhob, um die Klingel zu ziehen, »wenn ich die Rechnung verlange, damit wir beide ohne Groll voneinander scheiden können.«
Carton entgegnete: »Nicht im geringsten«, und Darnay klingelte. – »Verlangt Ihr die ganze Rechnung?« fragte Carton – und fuhr auf das Ja des andern fort: »So bringt mir noch eine Pinte von diesem Wein, Kellner, und kommt um zehn Uhr zurück, um mich zu wecken.«
Nach Berichtigung der Rechnung erhob sich Charles Darnay und wünschte ihm gute Nacht. Ohne den Wunsch zu erwidern, stand Carton gleichfalls auf und sagte mit einem Anflug von Trotz oder Drohung:
»Noch ein letztes Wort, Mr. Darnay – haltet Ihr mich für betrunken?«
»Ich glaube, Ihr habt getrunken, Mr. Carton».«
»Glauben? Ihr wißt ja, daß ich getrunken habe.«
»Wenn Ihr es durchaus verlangt, so kann ich ja sagen, daß ich es weiß.«
»Und Ihr sollt nun auch erfahren, warum. Ich bin ein in seinen Hoffnungen getäuschtes Lasttier. Ich kümmere mich um keinen Menschen auf Erden, und kein Mensch auf Erden kümmert sich um mich.«
»Das ist sehr zu bedauern. Ihr hattet Eure Talente besser verwenden sollen.«
»Kann sein, Mr. Darnay; vielleicht auch nicht. Indes braucht Ihr Euch wegen Eures nüchternen Gesichtes nicht zu überheben; Ihr wißt nicht, was noch darüber kommen kann. Gute Nacht.«
Sobald dieses seltsame Wesen allein war, nahm es ein Licht auf, trat damit vor den Spiegel an der Wand und betrachtete sich dann aufs genaueste.
»Gefällt dir der Mensch so besonders?« murmelte er seinem Bilde zu. »Warum solltest du eine besondere Zuneigung zu einem Menschen haben, der dir ähnlich ist? Du weißt, du hast nichts Liebenswürdiges an dir. Ah, hol' dich der Henker, welche Veränderung hast du mit dir vorgenommen! Ein guter Grund, dich an einen Menschen zu halten, um stets vor Augen zu haben, wie tief du gesunken bist, und was du hättest sein können! Hättest du an seiner Stelle gestanden, hätten dich dann jene blauen Augen auch so angeblickt und das aufgeregte Gesicht so bemitleidet? Na, sprich's nur aus in einfachen Worten – du hassest diesen Kerl,«
Er erholte sich weiteren Trostes bei seiner Pinte Wein, die er in wenigen Minuten leerte; dann schlief er ein, den Kopf auf die Arme gesenkt und das Haar über den Tisch hinstrobelnd, während nach seiner Seite hin ein langes Leichentuch von der Kerze abtropfte.
Es war eine trinklustige Zeit, und die meisten Männer tranken. Seitdem ist es in dieser Beziehung so viel besser geworden, daß in unsern Tagen eine mäßige Angabe der Menge von Wein und Punsch, die einer im Laufe der Nacht zu sich nehmen durfte, ohne den Ruf eines vollkommenen Gentleman zu schädigen, als eine lächerliche Übertreibung erscheinen würde. Die Rechtsgelehrsamkeit blieb in ihrer Liebhaberei für den Bacchusdienst hinter keiner der übrigen gelehrten Berufsarten zurück, und auch Mr. Stryver, der sich bereits in eine schöne und einträgliche Praxis hineingeschultert hatte, stand in dieser Beziehung seinen Kollegen so wenig nach als in den trockenen Partien des juridischen Wettrennens.
Ein Liebling zu Old Bailey und sogar in den Sessionen, hatte Mr. Stryver vorsichtig angefangen, die niederen Sprossen der Leiter, auf der er hinanstieg, abzubrechen. Die Sessionen und Old Valley mußten namentlich jetzt die sehnsüchtigen Arme nach dem Liebling ausstrecken, und man konnte mit jedem Tag Mr. Stryvers rotem Gesicht begegnen, wie es aus dem Beet von Perücken, einer großen Sonnenblume ähnlich, die aus einem Garten voll grellfarbiger Kameraden dem Gestirn des Tages entgegenschoß, sich vor das Antlitz des Lord Oberrichters in dem Gerichtshof des Kings-Bench hinschulterte.
Seine Zunftgenossen wollten einmal die Wahrnehmung gemacht haben, Mr. Stryver sei zwar ein glatter, schnellfertiger, kühner und keine Skrupel kennender Mann; aber es fehle ihm doch an dem für einen Advokaten so wichtigen und notwendigen Geschick, aus einer Summe von Angaben das Wesentliche zusammenzufassen. In dieser Hinsicht hatte er sich jedoch merkwürdig vervollkommnet. Je mehr er ins Geschäft hineinkam, desto mehr schien sein Vermögen, aufs Mark einer Sache einzugehen, zuzunehmen, und wie spät er auch in die Nacht hinein mit Sydney Carton zechte, ging es bei ihm des andern Morgens doch wie am Schnürchen.
Sydney Carton, ein Faulpelz, von dem sich kein Mensch etwas versprach, war Stryvers großer Bundesgenosse. Was von den beiden zwischen Sankt Hilari und Michaelis zusammengetrunken wurde, hätte ein Kriegsschiff flottmachen können. Stryver hatte nie eine Verhandlung, ohne daß Carton mit den Händen in den Rocktaschen dabei war und die Decke des Gerichtssaals anstierte. Sie trennten sich selbst bei den Wander-Assisen nicht und hielten auch während dieser ihre gewöhnlichen Orgien bis tief in die Nacht hinein: ja, man sagte Carton sogar nach, daß man ihn gelegentlich bei hellem Tag unsteten Tritts und verstohlen wie einen ausschweifenden Kater nach Hause habe schleichen sehen. Endlich begann unter denen, die sich für die, Sache interessierten, die Ansicht in Umlauf zu kommen, Sydney Carton werde zwar nie einen Löwen geben, sei aber ein erstaunlich guter Schakal und leiste Mr. Stryver in dieser bescheidenen Eigenschaft Dienst und Folge.
»Zehn Uhr, Sir«, sagte der mit dem Wecken beauftragte Kellner. »Zehn Uhr, Sir.«
»Was gibt's?«
»Zehn Uhr, Sir.«
»Was meint Ihr damit? Zehn Uhr nachts?«
»Ja, Sir. Euer Ehren haben befohlen. Euch zu wecken.«
»Ah, ich erinnere mich. Gut; sehr gut.«
Nach einigen trägen Versuchen, wieder einzuschlafen, die der Kellner geschickt durch ein anhaltendes und fleißiges Schüren im Feuer bekämpfte, stand er auf, drückte sich den Hut auf den Kopf und ging fort. Er bog gegen den Temple hin ein und begab sich, nachdem er, um sich aufzufrischen, zweimal den Spazierweg an dem Kings-Bench abgeschritten hatte, nach Stryvers Wohnung.
Stryvers Schreiber, der den nächtlichen Konferenzen nie beiwohnte, war nach Hause gegangen, und der Prinzipal öffnete selbst die Tür. Letzterer hatte Pantoffeln und einen weiten Schlafrock an und trug größerer Bequemlichkeit halber kein Halstuch. Er hatte einen gewissen wilden, schlaffen, welken Zug um die Augen, den man bei allen Libertinen seiner Klasse wahrnimmt, und der sich von dem Porträt des Jeffrins abwärts unter verschiedenen künstlerischen Verhüllungen durch alle Porträte jener trinkseligen Periode verfolgen läßt.
»Du bist ein wenig spät gekommen, Memory«, sagte Stryver.
»Um die gewöhnliche Zeit; vielleicht ein Viertelstündchen später.«
Sie begaben sich in ein rauchbraunes, von einem lodernden Feuer erwärmtes Zimmer mit Büchersimsen und umhergestreuten Akten. Ein Kessel dampfte auf dem Feuer, und mitten in dem Aktenwust stand einladend ein Tisch mit einem reichlichen Vorrat von Wein, Branntwein, Rum, Zucker und Zitronen.
»Ich sehe, du führst schon deine Flasche, Sydney.«
»Ihrer zwei sogar, heute abend, denk' ich. Ich habe mit dem Klienten des Tags diniert, oder doch seinem Diner zugesehen – es kommt auf eins hinaus.«
»Das war ein feiner Zug, Sydney, den du für die Identifizierung einführtest. Wie bist du darauf gekommen? Wann fiel dir's ein?«
»Ich dachte, er sei ein ziemlich hübscher Bursche, und es kam mir dabei der Gedanke, ich könnte nahezu auch so ein Kerl sein, wenn ich nur ein bißchen Glück gehabt hätte.«
Mr. Stryver lachte, daß ihm der frühreife Bauch schütterte. »Du und dein Glück, Sydney! Komm – ans Werk, ans Werk.«
Mit ziemlich verdrießlicher Miene erleichterte sich der Schakal seines Anzugs, ging in ein anstoßendes Zimmer und kam mit einem großen Krug kalten Wassers, einem Becken und ein paar Handtüchern wieder zurück. Er tauchte letztere ins Wasser, wrang sie ein wenig aus, belegte sich damit den Kopf, daß er ganz abscheulich anzusehen war, nahm an dem Tisch Platz und sagte:
»So; jetzt bin ich bereit.«
»Heute nacht gibt's nicht viel zu kochen, Memory«, sagte Mr. Stryver heiter, während er sich unter seinen Papieren umsah.
»Wieviel?«
»Nur zwei Gänge.«
»Gib mir den schlimmsten zuerst.«
»Hier ist er, Sydney. Losgefeuert!«
Der Löwe machte sich's auf einem Sofa hinter dem Trinktisch bequem, während der Schakal an einem andern sich niederließ, der mit Papieren bestreut war, aber doch in handgerechter Nähe der Flaschen und Gläser stand. Beide langten nicht kärglich zu, doch jeder in einer andern Weise. Der Löwe war meist zurückgelehnt, hatte die Hände in der Hosentasche stecken und schaute ins Feuer oder kokettierte gelegentlich mit einem kleineren Aktenstück; der Schakal dagegen war bald mit den gefurchten Zügen gespannter Aufmerksamkeit so sehr in sein Geschäft vertieft, daß seine Augen nicht der nach dem Glas sich ausstreckenden Hand folgten und er oft lange umhertasten mußte, bis er es an die Lippen führen konnte. Zwei- oder dreimal wurde der Gegenstand der Beschäftigung so schwierig, daß der Schakal die gebieterische Notwendigkeit einsah, aufzustehen und seine Tücher frisch anzufeuchten. Von diesen Wallfahrten zum Krug und Becken kehrte er mit einem so merkwürdigen feuchten Kopfzierat zurück, daß keine Worte ihn zu beschreiben vermögen; er nahm sich darin um so komischer aus, als das ernste, nachdenkende Gesicht so schroff dagegen abstach.
Endlich hatte der Schakal einen soliden Imbiß für den Löwen beisammen und bot ihm denselben an. Der Löwe nahm ihn bedächtig und vorsichtig hin, traf da und dort eine Auswahl und machte seine Bemerkungen darüber, wobei der Schakal treulich Beihilfe leistete. Nachdem der Imbiß gehörig bearbeitet war, steckte der Löwe seine Hände wieder in die Hosentasche und legte sich nieder, um nachzudenken. Der Schakal bediente jetzt seine Kehle mit ordentlichen Zügen und seinen Kopf mit einer frischen Anfeuchtung, worauf er ein zweites Mahl zu sammeln sich anschickte. Dieses präsentierte er schließlich dem Löwen in der früheren Weise, und es wurde drei Uhr morgens, bis auch das zweite versorgt war.
»Und nun wir fertig sind, füllst du deinen Humpen mit Punsch, Sydney,« sagte Mr. Stryver.
Der Schakal nahm die Tücher von seinem dampfenden Kopf, schüttelte sich, gähnte, schauderte und tat, wie ihm geheißen worden.
»Du bist heute in der Sache jener Kronzeugen sehr gut gewesen, Sydney. Jede Frage hat verfangen.«
»Bin ich nicht immer gut?«
»Dem will ich nicht widersprechen. Doch warum bist du heute so rauhborstig? Hilf mit Punsch nach, daß du geschmeidiger wirst.«
Der Schakal ließ ein verwahrendes Grunzen vernehmen und gehorchte abermals.
»Der alte Sydney Carton von der alten Shrewsbury-Schule«, sagte Stryver, mit dem Kopfe nickend, als er die Gegenwart seines Gefährten mit dessen Vergangenheit verglich, »die alte Schaukel Sydney. In der einen Minute oben, in der andern drunten, in dem einen Augenblicke heiter, im andern verzweifelnd.«
»Ach«, entgegnete der andere seufzend, »freilich derselbe Sydney mit dem nämlichen Glück. Damals schon machte ich andern Knaben ihre Aufgaben und kam selten an die meinigen.«
»Und warum nicht?«
»Das weiß Gott. Ich glaube, es lag in meiner Natur.«
Er steckte die Hände in die Taschen, streckte die Füße vor sich aus und sah ins Feuer.
»Carton«, sagte sein Freund, sich mit einer eisenfresserischen Miene erhebend, als sei der Kaminrost die Esse, in der feste Entschlüsse geschmiedet würden, und als fordere es die Freundschaftspflicht von ihm, den alten Sydney Carton von der alten Shrewsbury-Schule hineinzuschultern. »Deine Natur ist und war immer eine lahme. Du bietest keine Willenskraft, keine Energie auf. Sieh mich an.«
»Pah, Possen!« entgegnete Sydney mit einem leichteren und gutmütigeren Lachen; »du wirst doch nicht moralisieren wollen?« »Wie hab' ich's gemacht um durchzugreifen?« sagte Stryver. »Und wie mach' ich's noch immer?«
»Ich denke, du bezahlst mich, daß ich dir helfe. Aber es ist in die Luft gesprochen, wenn du mir mit solchen Vorstellungen kommst. Was du von mir verlangst, das tu' ich. Du warst immer in der Vorderreihe und ich in der hintern.«
»Ich mußte in die Vorderreihe zu kommen suchen; wurde ich denn darin geboren?«
»Ich bin bei der Feierlichkeit nicht zugegen gewesen, möchte es aber fast glauben«, sagte Carton. Er lachte wieder, und sein Kamerad lachte mit.
»Vor Shrewsbury, in Shrewsbury und seit Shrewsbury«, fuhr Carton fort, »bist du immer vorn gewesen. Selbst als wir im Quartier latin miteinander Französisch, französisches Recht und anderes französisches Zeug studierten, aus dem wir nicht eben viel Gutes holten, warst du immer irgendwo, und ich immer nirgends.«
»An wem lag die Schuld?«
»Meiner Seele, ich weiß nicht, ob ich sie nicht dir zuschreiben muß. Du hast immer so für dich gedrängt, getrieben und geschultert, daß mir nichts übrig blieb als Rost und Ruhe, 's ist übrigens etwas Trübseliges, bei anbrechendem Tag von seiner Vergangenheit zu reden. Bring' mich in eine andere Stimmung, eh' ich gehe.«
»Wohlan denn, stoß' mit mir an – der schöne Zeuge!« sagte Stryver, ihm das Glas hinhaltend. »Bringt dich dies nicht in einen angenehmeren Humor?« Augenscheinlich nicht, denn er wurde immer düsterer.
»Schöner Zeuge«, brummte er, in sein Glas hineinsehend. »Ich habe den Tag über und heute nacht genug mit Zeugen zu schaffen gehabt. Wer ist dein schöner Zeuge?«
»Die malerische Doktorstochter, Miß Manette.«
»Die und schön?« '
»Ist sie's nicht?«
»Nein.«
»Ei, Mensch, was fällt dir ein? Sie war ja ein Gegenstand der Bewunderung für das ganze Gericht!«
»Zur Hölle mit der Bewunderung des ganzen Gerichts! Was versteht Old Balley von Schönheit? Sie war eine goldhaarige Puppe.«
»Laß dir was sagen, Sydney«, bemerkte Mr. Stryver, ihn scharf ansehend und mit der Hand langsam über sein blühendes Gesicht fahrend, »laß dir was sagen: es kam mir einmal vor, als sympathisiertest du mit der goldhaarigen Puppe. Hast du nicht im Augenblick bemerkt, was der goldhaarigen Puppe zustieß?«
»Was willst du damit? Wenn einem ein Mädel, sei's eine Puppe oder nicht, einen Schritt oder zwei vor der Nase in Ohnmacht fallen will, so sieht man dies ohne ein Perspektiv. Ich stoße mit dir an, stelle aber die Schönheit in Abrede. Und nun mag ich nicht mehr trinken; ich will zu Bett gehen.«
Als ihm sein Wirt nach der Treppe hinausleuchtete, schaute der Tag bereits frostig durch die matten Fensterscheiben herein. Draußen war die Luft kalt und traurig, der Himmel grau überlaufen, der Fluß trübe, und die ganze Umgebung nahm sich wie eine leblose Wüste aus. Im Morgenwind wirbelten Staubkreise dahin, als habe in der Ferne der Wüstensand sich erhoben und beginne mit seiner ersten Sprüh die Stadt zu überschütten.
Öd liegende Kräfte in seinem Innern und eine Öde rings um ihn her. Er blieb auf seinem Weg über eine stille Terrasse stehen und erschaute in der Wüste vor ihm für einen Augenblick eine Luftspiegelung von ehrenhaftem Streben, Selbstverleugnung und Beharrlichkeit. In der schönen Stadt, die als Fata Morgana vor ihm schwebte, gab es luftige Galerien, von denen Amoretten und Grazien auf ihn niederschauten, Gärten, in denen die Früchte des Lebens reiften, und Springquellen, die vor lauter Hoffnung funkelten. Einen Augenblick, und es war vorbei. Er stieg in einem Häuserbrunnen nach einer hohen Kammer hinan, warf sich angekleidet auf ein vernachlässigtes Bett und netzte das Kissen mit fruchtlosen Tränen.
Traurig ging die Sonne auf: aber sie erhob sich über keinen traurigeren Anblick als über den Mann von guten Anlagen und edlen Gefühlen, der seine Fähigkeiten nicht zu verwenden und sich selbst nicht zu helfen vermochte, sondern im Bewußtsein des auf ihm haftenden Moders sich darein ergab, vollends von ihm aufgezehrt zu werden.
Die ruhige Wohnung des Doktors Manette befand sich an der Ecke einer stillen Straße, nicht weit von Soho-Square. An einem schönen Sonntagnachmittag – es waren bereits die Wellen von vier Monaten über den Hochverratsprozeß dahingegangen und hatten ihn, sofern das öffentliche Interesse und die Erinnerung daran in Frage kam, weit in die hohe See entführt – wanderte Mr. Jarvis Lorry von seiner Wohnung in Klerkenwall aus durch die sonnigen Straßen, um bei dem Doktor zu speisen. Nach mehreren Rückfällen ausschließlicher Vertiefung ins Geschäft war Mr. Lorry endlich des Doktors Freund geworden, und die stille Straßenecke bildete den sonnigen Teil seines Lebens.
An dem gedachten schönen Sonntag wanderte Mr. Lorry aus drei Gewohnheitsgründen früh am Nachmittag Soho zu: erstlich weil er gerne an schönen Sonntagen vor dem Diner mit dem Doktor und Lucie einen Spaziergang zu machen pflegte; zweitens weil er an unschönen Sonntagen daran gewöhnt war, als Hausfreund mit ihnen zu plaudern, zu lesen, zum Fenster hinauszuschauen und so in der Regel den ganzen Tag hinzubringen: und drittens, weil er zufällig einige eigene schlaue Zweifel zu lösen hatte und ihm bekannt war, daß er in der Weise, wie man im Hause des Doktors lebte, wahrscheinlich dort am ehesten Zeit für diese Lösung fand.
Ein niedlicheres Eckhaus als das, in dem der Doktor wohnte, gab es in ganz London nicht. Es ging kein Weg da durch, und die Vorderfenster von des Doktors Wohnung beherrschten eine angenehme kleine Aussicht auf eine Straße, die so recht gemütlich abgeschieden aussah. Nördlich von dem Oxforder Wege standen damals noch nicht viele Häuser, und auf den jetzt verschwundenen Feldern sah man Waldbäume sich erheben, wilde Blumen aufschießen und den Weißdorn blühen. Eine Folge davon war, daß in Soho die Landluft in kräftigender Freiheit sich umtrieb und nicht in das Kirchspiel hineinschlich wie verirrte obdachlose Arme. Auch sah man manche südlich gelegene Mauer, an deren Spalieren zur geeigneten Jahreszeit Pfirsiche hingen.
In der früheren Tageszeit hatte die Ecke eine prächtige Sommerbeleuchtung, aber wenn die Straßen heiß wurden, trat sie in den Schatten, doch nicht so sehr, daß man nicht darüber Hinaus in ein Lichtmeer hätte schauen können. Es war ein kühles Plätzchen, gesetzt, aber doch zugleich heiter, ein wundervoller Platz für Widerhalle und ein wahrer Sicherheitshafen gegen die tobenden Wogen in den Straßen.
An einem solchen Ankerplatz konnte man mit Recht eine ruhige Barke erwarten, und sie war auch vorhanden. Der Doktor bewohnte zwei Stockwerke eines großen stillen Hauses, in dem den Tag über angeblich mehrere Berufsarten verfolgt wurden, obschon man nur wenig davon hörte, und nachts alles ausgeflogen zu sein schien. In einem Gebäude an der Hinterseite, zu dem man über einen Hof mußte, wo die grünen Blätter einer Platane im Wind rauschten, wurde, wie es den Anschein hatte, Kirchenorgelbau betrieben und Silberschmelz gefertigt, ferner Gold geschlagen von einem geheimnisvollen Riesen, der mit einem goldenen Arme durch die Vordermauer durchgefahren war, als habe er sich selbst so kostbar zerklopft und drohe allen Besuchern mit einer ähnlichen Umwandlung. Doch sah oder hörte man nur wenig von diesen Gewerben, ebensowenig wie von dem einsamen Mietsmann, der eine Treppe hoch wohnte, oder von dem blödsichtigen Kutschenstaffierer, der unten sein Kontor haben sollte. Hin und wieder legte wohl ein einzelner Arbeiter seinen Rock an und kam durch die Halle, sah sich zufälligerweise ein Fremder darin um, vernahm man über den Hof herüber ein fernes Klimpern oder hörte man einen Puff des goldenen Riesen. Dies waren jedoch nur Ausnahmen, die zur Bestätigung der Regel dienten, daß auf der Platane hinter dem Haus das Volk der Sperlinge und an der Ecke vor demselben das Echo unbestrittene Herrschaft übte, vom Sonntagmorgen an bis zum Samstagabend.
Doktor Manette empfing hier die Patienten, die ihm sein alter Ruf oder die Wiederbelebung desselben durch die umlaufenden Gerüchte über seine Schicksale zuführte. Sein Wissen, seine Aufmerksamkeit und sein Geschick in Durchführung sinnreicher Versuche führte ihm auch in anderer Beziehung einige Kundschaft zu, so daß er bald verdiente, was er brauchte.
Von alledem hatte Mr. Jarvis Lorry Kunde, und seine Gedanken waren eben damit beschäftigt, als er an dem schönen Sonntagnachmittag die Klingel vor der Tür des stillen Eckhauses anzog.
»Doktor Manette zu Hause?«
Wurde zurückerwartet.
»Miß Proß zu Hause?«
Möglich; doch wußte das Stubenmädchen nicht im voraus, ob Miß Proß den Tatbestand zuzugeben oder abzuleugnen geneigt war.
»Ich bin selbst hier zu Haus und werde hinaufgehen«, sagte Mr. Lorry.
Obschon die Tochter des Doktors nichts von ihrem Geburtslande gesehen hatte, schien doch das Geschick, aus wenigem viel zu machen – ein ebenso angenehmer wie nützlicher Zug im Charakter der Französinnen – mit der Luft ihr angeflogen zu sein. Das Möbelwerk wurde bei all seiner Einfachheit sehr gehoben durch unterschiedliche kleine Verzierungen, die nur durch die geschmackvolle Anordnung Wert erhielten und einen recht angenehmen Eindruck machten. Die Aufstellung der Gegenstände in den Zimmern, vom größten an bis zum kleinsten, die Verteilung der Farben und die zierliche Abwechslung, die eine geschickte Hand, ein klares Auge und ein feiner Sinn durch den Gegensatz selbst mit Kleinigkeiten zu erzielen gewußt hatten, wirkten so gewinnend und verdankten dem Geist der Ordnerin ein so eigentümliches Gepräge, daß sogar die Stühle und die Tische unsern Freund Lorry, wie er umherschauend dastand, mit einem Anflug von jenem ihm mit der Zeit so geläufig gewordenen Gesichtsausdruck zu fragen schienen, wie es ihm hier gefalle.
Es waren drei ineinandergehende Zimmer auf dem Boden, und ihre Türen standen offen, damit die Luft frei durchstreichen konnte. Mr. Lorry trat von dem einen ins andere und machte sich lächelnd Gedanken über die Ähnlichkeit, die er in allem um ihn her mit Miß Manette zu finden glaubte. Das erste Zimmer war das beste; in ihm befanden sich Luciens Vögel, ihre Blumen und Bücher, ihr Schreibpult und Arbeitstisch und ein Kistchen mit Wasserfarben. Das zweite diente dem Doktor als Ordinationszimmer und wurde außerdem zum Speisen benutzt. In dem dritten, in welches die rauschende Platane ihre zitternden Schatten warf, stand das Bett des Doktors,, und dort in einer Ecke die nicht mehr gebrauchte Schuhmacherbank mit dem Handwerkszeug, gerade so wie wir sie im fünften Stock jenes unheimlichen Hauses neben dem Weinschank in der Vorstadt Saint Antoine zu Paris gesehen haben.
»Es wundert mich«, sagte Mr. Lorry, davor stehenbleibend, »daß er diesen Mahner an seine Leiden beibehält.«
»Was ist da zu verwundern?« lautete eine Frage, die so plötzlich sein Ohr traf, daß er darob zusammenfuhr.
Sie ging von Miß Proß aus, der wildaussehenden und selbst bis auf die Haare roten Weibsperson mit der kräftigen Hand, deren Bekanntschaft er ursprünglich zu Dover im Hotel König Georg gemacht und seitdem weiter ausgebildet hatte.
»Ich meinte«, begann Mr. Lorry.
»Pah, wer wird meinen«, unterbrach ihn Miß Proß, und Mr. Lorry enthielt sich einer weiteren Kundgebung.
»Wie geht's Euch?« fragte sodann die Dame in einem scharfen Tone, zugleich aber mit einem Beiklang, der andeutete, daß sie keinen Groll gegen ihn hege.
»Ziemlich gut; ich danke Euch«, antwortete Mr. Lorry bescheiden. »Und wie befindet Ihr Euch?«
»Kann's nicht rühmen«, versetzte Miß Proß.
»Wirklich?«
»Jawohl!« erwiderte Miß Proß. »Ich bin sehr in Not wegen meinem Täubchen.«
»Wirklich?«
»Um's Himmels willen, sagt doch einmal etwas anderes als 'wirklich', oder Ihr bringt mich damit unter den Boden«, entgegnete Miß Proß kurz angebunden.
»In der Tat also?« sagte Mr. Lorry, um seine Sache besser zu machen.
»In der Tat ist schlimm genug, aber ich will mir's gefallen lassen«, versetzte Miß Proß. »Ja, ich bin sehr bekümmert.«
»Darf ich um den Grund fragen?«
»Ich brauche nicht die Dutzende von Leuten hier, die meines Täubchens gar nicht würdig sind, aber gleichwohl herkommen, um nach ihm zu sehen«, sagte Miß Proß.
»Finden sich denn so viele in dieser Absicht ein?«
»Hunderte«, sagte Miß Proß.
Die Dame hatte die Eigenheit, der man auch sonst häufig genug begegnet, daß sie eine ursprüngliche Behauptung, wenn man sie in Zweifel zog, erst recht übertrieb.
»Du mein Himmel!« rief Mr. Lorry, der nichts Besseres darauf zu erwidern wußte.
»Ich lebte von ihrem zehnten Jahre an bei dem Herzblättchen – oder vielmehr, das Herzblättchen hat so lang bei mir gelebt und mich dafür bezahlt, was sie sicherlich – Ihr könnt einen Eid darauf ablegen – nun und nimmermehr hätte tun sollen, wenn ich in der Lage gewesen wäre, sie und mich auch so fortzubringen. Und das ist in der Tat sehr hart«, sagte Miß Proß.
Mr. Lorry, der nicht recht darüber ins klare kommen konnte, was sehr hart war, schüttelte den Kopf, indem er sich dieses wichtigen Teils seines Ichs sozusagen als eines Feenmantels bediente, der überall paßte.
»Stets tauchen Leute aller Art auf, die meines Täubchen« durchaus nicht würdig sind«, sagte Miß Proß. »Als Ihr damit anfingt–«
»Ich hätte damit angefangen, Miß Proß?«
»Etwa nicht? Wer hat denn ihren Vater wieder unter die Lebendigen gebracht?«
»Oh! Wenn dies der Anfang ist –« sagte Mr. Lorry.
»Es war doch nicht das Ende, schätz' ich. Ich sage, als Ihr damit anfingt, war es schon hart genug. Nicht daß ich etwas anderes gegen ihn auszusetzen hätte, als daß er eine solche Tochter nicht verdient, und dies ist keine üble Nachrede, denn es stand nicht zu erwarten, daß irgendein Mensch wert sein konnte, ihr Vater zu heißen. Aber zwei- und dreimal hart ist's, daß nach ihm, dem ich noch hätte vergeben können, ganze Schwärme von Leuten hierherkamen, um mir die Liebe meines Täubchens zu entziehen.«
Mr. Lorry wußte, daß Miß Proß sehr eifersüchtig war, hatte aber auch unter der rauhen Oberfläche eines von jenen uneigennützigen Geschöpfen kennengelernt, die man nur bei dem Frauengeschlecht findet, und die sich freiwillig aus lauterer Anhänglichkeit und Liebe sklavisch fesseln an die Jugend, die für sie entschwunden ist, an die Schönheit, die sie nie besaßen, an Vollkommenheiten, die zu erringen sie nie so glücklich waren, und an glänzende Hoffnungen, die nie den düstern Pfad ihres eigenen Lebens erhellten. Er kannte die Welt hinreichend, um zu wissen, daß nichts über den treuen Dienst des Herzens geht, und da ihm derselbe hier so rein und fleckenlos entgegentrat, so zollte er ihm auch eine so hohe Verehrung, daß er in der Vergeltungsstufenleiter, die er in seinem Innern sich ausdachte – wir alle entwerfen uns solche Skalen –, Miß Proß den niederen Engeln viel näher stellte als viele durch Natur und Kunst unendlich mehr begünstigte Damen, die ein Konto bei Tellsons hatten.
»Es hat nur einen einzigen Mann gegeben, und außer ihm gibt's keinen mehr, der meines Täubchens würdig gewesen wäre«, sagte Miß Proß; »ich meine damit meinen Bruder Salomon und beklage nur, daß ihm ein Unglück passiert ist.«
Auch in diesem Punkt hatte Mr. Lorry durch Erkundigungen über Miß Proß' persönliche Geschichte die Tatsache ermittelt, daß ihr Bruder Salomon ein herzloser Wicht war, der sie durch törichte Spekulationen um ihr ganzes Vermögen gebracht und ohne Gewissensbisse für immer der Armut preisgegeben hatte. Der treue Glaube der Miß Proß an Salomon aber, der nur durch das kleine Ungeschick einen leichten Abtrag erlitten, erschien in Mr. Lorrys Augen als ein ernster Umstand und trug nicht wenig dazu bei, seine gute Meinung von ihr zu erhöhen.
»Da wir im Augenblick allein und beide Geschäftsleute sind«, sagte er, als sie in das erste Zimmer zurückgekehrt waren und sich freundschaftlich einander gegenübergesetzt hatten, »so erlaubt Ihr mir wohl eine Frage: kommt der Doktor, wenn er mit Lucie spricht, nie auf die Zeit seiner Schuhmacherei zu reden?«
»Nie!«
»Und doch behält er jene Bank und das Handwerkszeug bei sich?«
»Ja«, entgegnete Miß Proß, den Kopf schüttelnd: »aber aus seinem Schweigen folgt noch nicht, daß er sich nicht in Gedanken damit zu schaffen macht.«
»Glaubt Ihr, daß er oft daran zurückdenkt?«
»Ja«, sagte Miß Proß.
»Und bildet Ihr Euch ein –« begann Mr. Lorry aufs neue, wurde aber hastig von Miß Proß unterbrochen. »Ich bilde mir nie etwas ein – habe keine Einbildungskraft.« »Ich lasse mich zurechtweisen. Vermutet Ihr –so weit kommt's doch hin und wieder bei Euch, daß Ihr vermutet?«
»Bisweilen«, sagte Miß Proß.
»Vermutet Ihr also«, fuhr Mr. Lorry mit einem heitern Zwinkern seines hellen Auges fort, wahrend er sie zugleich freundlich ansah, »daß Doktor Manette aus dieser langen Zeit sich die Erinnerung an die Ursache seiner Unterdrückung bewahrt oder wohl gar den Namen seines Bedrückers behalten hat?«
»Ich vermute hierüber nichts, als was mir mein Täubchen sagt.«
»Das wäre?«
»Sie glaubt, daß dies wirklich der Fall ist.«
»Seid nicht ungehalten, daß ich alle diese Fragen an Euch richte, denn ich bin nur ein einfältiger Geschäftsmann, und Ihr seid eine Geschäftsfrau.«
»Auch einfältig?« fragte Miß Proß heiter.
Mr. Lorry, der gern das bescheidene Beiwort weggewünscht hätte, entgegnete:
»Nein, nein: gewiß nicht. Um auf die Sache zurückzukommen – ist es nicht merkwürdig, daß Doktor Manette, von dem wir alle vollkommen überzeugt sind, daß er kein Verbrechen begangen haben kann, nie auf diesen Punkt eingeht? Ich will nicht sagen, gegen mich, obschon er viele Jahre vorher zu mir in Geschäftsbeziehung stand und wir jetzt sehr vertraut miteinander sind, sondern gegen seine schöne Tochter, die er so innig liebt und die auch ihm so innig zugetan ist? Glaubt mir, Miß Proß, ich habe diesen Gegenstand nicht aus Neugierde, sondern aus eifriger Teilnahme in Anregung gebracht.«
»Wohlan«, sagte Miß Proß, durch den Ton besänftigt, in dem diese Verwahrung vorgebracht wurde, »er fürchtet sich vor der ganzen Sache.«
»Er fürchtet sich?«
»Der Grund davon ist einfach genug, sollt' ich denken«, sagte Miß Proß. »Es ist eine schreckliche Erinnerung, und außerdem ging der Verlust seiner selbst daraus hervor. Da er nicht weiß, wie er seinen Verstand verlor und wie er wieder zu sich kam, so mag er wohl in Angst leben, er könnte wieder irre werden. Schon dieser Umstand, denk' ich, könnte ausreichen, um die Sache zu einer gar nicht angenehmen zu machen.«
Mr. Lorry hatte keine so tiefe Bemerkung erwartet.
»Ihr habt recht«, sagte er, »es ist ein schrecklicher Gedanke. Doch bin ich ein wenig zweifelhaft, Miß Proß, ob es für Doktor Manette auch gut sei, daß er ihn so in sich verschlossen trägt. Und wirklich ist das Bedenken und die Unruhe, die dieser Umstand bisweilen in mir erregt, der Anlaß zu unserm gegenwärtigen vertraulichen Gespräch.«
»Das läßt sich nicht ändern«, sagte Miß Proß mit Kopfschütteln. »Wenn man diese Saite berührt, so hört man nichts als Mißklang, und es ist am besten, man läßt ihn gehen; mit einem Wort, das muß man tun, mag man wollen oder nicht. Bisweilen steht er mitten in der Nacht auf, und wir hören dann, wie er über unsern Häuptern in seinem Zimmer auf und ab, auf und ab geht. Mein Täubchen hat herausgebracht, daß dann sein Geist in dem alten Gefängnis umherwandelt. Sie eilt zu ihm hinauf, und sie gehen dann miteinander auf und ab, auf und ab, bis er ruhig geworden ist. Aber er läßt nie ein Wort über die wahre Ursache gegen sie fallen, und sie findet es als das beste, wenn sie nichts davon gegen ihn berührt. So wandeln sie denn schweigend im Zimmer auf und ab, auf und ab, bis ihre Liebe und ihre Gesellschaft ihn wieder zu sich gebracht hat.«
Miß Proß hatte zwar geleugnet, daß sie Einbildungskraft besitze; doch lag in der Wiederholung der Phrase »auf und ab« eine Auffassung der Pein, eintönig stets von demselben traurigen Gedanken verfolgt zu werden, die bewies, daß doch etwas von diesem Vermögen in ihr lebte.
Wie bereits bemerkt wurde, war die Ecke wegen ihres Widerhalls merkwürdig: er hatte eben jetzt den Tritt kommender Füße so volltönig eingeführt, daß es den Anschein gewann, als seien sie durch die bloße Erwähnung des Aufundabwandelns in Bewegung gesetzt worden.
»Da sind sie!« sagte Miß Proß, indem sie aufstand, um die Unterhaltung abzubrechen, »und nun werben wir gar bald Hunderte von Leuten hier haben.«
Die Ecke hatte so besondere akustische Eigentümlichkeiten, war sozusagen das leibhaftige Ohr eines Platzes, daß Mr. Lorry, als er an dem offenen Fenster stand und nach dem Vater und der Tochter aussah, deren Schritte er bereits hörte, sich einbildete, sie würden gar nie kommen. Nicht nur erstarb das Echo, als seine Tritte vorüber, sondern man hörte auch statt ihrer den Widerhall anderer Tritte, die nie kamen und die plötzlich verstummten, wenn man sie in unmittelbarster Nähe zu haben meinte. Gleichwohl kamen Vater und Tochter endlich doch, und Miß Proß stand an der Haustür bereit, um sie zu empfangen.
Trotz ihres abenteuerlichen roten Äußeren bot doch Miß Proß einen erquicklichen Anblick, als sie ihrem die Treppe heraufsteigenden Liebling den Hut abnahm, mit den Zipfeln ihres Taschentuch« darüber hinstrich, den Staub abblies, den Mantel in die zum Ablegen gerechten Falten brachte und ihr das reiche Haar mit soviel Stolz glättete, wie es nur die schönste und eitelste der Frauen mit ihrem eigenen tun konnte. Auch ihr Liebling bot einen erfreulichen Anblick, indem er die treue Pflegerin umarmte, ihr dankte und durchaus nicht haben wollte, daß man sich um ihretwillen so viel Mühe gebe – letzteres natürlich nur im Scherz, da sonst Miß Proß sich ernstlich beleidigt gefühlt hätte und in ihr Zimmer zurückgegangen wäre, um zu weinen. Nicht minder bot der Doktor einen wohltuenden Anblick, als er Miß Proß erklärte, daß sie Lucie verwöhne, aber in den Ton, mit dem er dies sagte, und in die Blicke, mit denen er die beiden betrachtete, ebensoviel Verhätschelndes legte wie Miß Proß, wenn sie sich Mühe gab. Und endlich war auch Mr. Lorry lieblich anzusehen, wie er unter seiner kleinen Perücke all dies strahlend beobachtete und seinen Junggesellensternen dankte, daß sie ihm am Abend seines Lebens nach einer Heimat geleuchtet hatten. Aber es kamen keine Hunderte von Leuten, um sich dieses Anblicks zu erfreuen, und Miß Lorry sah sich vergeblich um, wann einmal diese Prophezeiung der Miß Proß in Erfüllung gehen würde.
Dinerzeit, und noch keine Hunderte von Leuten.
Zur Führung des kleinen Haushalts verwaltete Miß Proß die unteren Regionen und benahm sich dabei stets außerordentlich gut. Ihre Diners waren zwar sehr bescheiden in Qualität, aber trefflich gekocht und in ihrer halb englischen, halb französischen Anordnung so zierlich und appetitlich serviert, daß man sich's nicht besser wünschen konnte. Miß Proß, die sich in ihrer Freundschaft durchaus praktisch erwies, hatte nämlich Soho und seine ganze Umgegend durchstöbert, bis es ihr gelungen war, einen oder den andern verarmten Franzosen aufzufinden, den sie durch Schillinge und Halbkronen verführte, sie in die Geheimnisse der französischen Küche einzuweihen. Von diesen heruntergekommenen Söhnen und Töchtern Galliens hatte sie sich so wunderbare Kunststücke angeeignet, daß die Magd und die Ausläuferin, die den Stab des Hausgesindes bildeten, sie für eine Zauberin oder gar für Aschenbrödels Patin ansahen, die sich ein Huhn, ein Kaninchen oder ein paar Sorten Gemüse aus dem Garten holen lassen durfte, um sie in alles Beliebige umzuwandeln.
An den Sonntagen speiste Miß Proß mit am Tische des Doktors, an Werktagen aber ließ sie sich's nicht nehmen, ihre Mahlzeiten zu unbekannten Stunden entweder in den unteren Regionen oder auf ihrem im zweiten Stock gelegenen Stübchen (ein blautapeziertes Gelaß, zu dem niemand als das Täubchen Zutritt hatte) zu versorgen. Bei dem gegenwärtigen Anlaß verlief auch das Diner gar gemütlich und im Einklang mit Täubchens lieblichem Gesicht und dessen lieblichem Bemühen, Miß Proß zu gefallen, die darob ganz strahlend wurde.
Es war ein schwüler Tag, und Lucie machte deshalb nach dem Essen den Vorschlag, den Wein draußen in freier Luft unter der Platane zu genießen. Da sich nun alles nach ihr richtete und um sie drehte, so begab man sich nach der Platane hinunter, und sie selbst trug Mr. Lorry die Flasche nach. Sie hatte sich nämlich schon vor einiger Zeit zu Mr. Lorrys Mundschenk ernannt, und während man unter der Platane plauderte, sorgte sie dafür, daß sein Glas nicht leer wurde.
Dennoch wollten die Hunderte von Leuten noch immer nicht kommen. Wahrend sie unter der Platane saßen, stellte sich zwar Mr. Darnay ein; aber das war nur einer.
Doktor Manette empfing ihn freundlich, und Lucie tat desgleichen; Miß Proß dagegen wurde plötzlich von einem Reißen im Kopf und im Leibe befallen und kehrte in das Haus zurück. Sie war diesem Übel nicht selten ausgesetzt und bezeichnete es in der vertraulichen Unterhaltung als »ihre Umstände«.
Der Doktor war in seiner besten Stimmung und sah ganz besonders jugendlich aus. In solchen Zeiten fiel die Ähnlichkeit zwischen ihm und ihr namentlich in die Augen, und es gewährte einen Genuß, sie bis in die einzelnen Züge zu verfolgen, während beide nebeneinander saßen, sie an seine Schulter gelehnt und er den Arm auf die Lehne seines Stuhles stützend.
Er hatte den ganzen Tag über viele Gegenstände mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit gesprochen.
»Erlaubt mir die Frage, Doktor Manette«, sagte Mr. Darnay, während sie unter der Platane saßen, in natürlicher Anknüpfung an das eben behandelte Gesprächsthema, das sich um die alten Gebäude von London drehte, »ob Sie viel von dem Tower gesehen haben?«
»Ich bin mit Lurie schon dort gewesen, aber nur gelegentlich. Wir haben soviel davon gesehen, um daraus den Schluß zu ziehen, daß er reich an Interesse ist, weiter nicht.«
»Auch ich war dort, wie Sie sich erinnern werden«, versetzte Darnay mit einem Lächeln, obschon zugleich ein unmutiges Rot leicht über sein Antlitz glitt, »freilich in einer Eigenschaft, die mir keine Gelegenheit gab, viele Wahrnehmungen zu machen. Indes wurde mir während meines dortigen Aufenthalts eine merkwürdige Geschichte erzählt.«
»Und die war?« fragte Lucie.
»Bei Gelegenheit vorzunehmender Veränderungen stießen die Werkleute auf einen alten Kerker, der vor vielen Jahren gebaut und vergessen worden war. In seinem Innern konnte man auf jedem Mauerstein von den Gefangenen eingegrabene Inschriften lesen – Daten, Namen, Klagen und Gebete. Auf einen Eckstein in einem Mauerwinkel hatte ein Gefangener, der wahrscheinlich hingerichtet wurde, als letzte Arbeit drei Buchstaben eingeritzt. Der Ausführung sah man die Flüchtigkeit, die unstete Hand und das dürftige Werkzeug an. Anfangs hatte man gelesen: D. I. C.; bei sorgfältigerer Untersuchung aber erkannte man in dem letzten Buchstaben ein G. Da man von einem Gefangenen, dessen Namen diese Anfangsbuchstaben hatte, nichts wußte, so erschöpfte man sich in allerlei Mutmaßungen, bis endlich jemand auf die Ansicht kam, daß man hier keine Initialen, sondern das Wort Dig (grabe) vor sich habe. Sofort wurde der Boden unter der Inschrift bedächtig untersucht, und man fand richtig unter einem Stein, einem Ziegel oder einem Pflasterbruchstück die Asche von Papier, gemischt mit der eines kleinen Lederfutterals oder eines Beutels. Was der Gefangene geschrieben, wird nie mehr ans Licht kommen; aber geschrieben hatte er etwas und es versteckt, damit es von seinem Schließer nicht aufgefunden würde.«
»Mein Vater!« rief Lucie, »Du bist unwohl!«
Er war plötzlich aufgefahren und hatte die Hand an seinen Kopf gelegt. Sein Blick und sein ganzes Wesen beunruhigte sie alle.
»Nein, mein Kind, nicht unwohl. Es sind große Regentropfen gefallen, und sie haben mich erschreckt. Laßt uns lieber hineingehen.«
Er hatte sich schnell wieder gefaßt. Der Regen fiel wirklich in großen Tropfen, und er zeigte sie auf der Rückenfläche seiner Hand. Über die Entdeckung aber, von der die Rede gewesen, verlor er kein Wort, und während sie ins Haus hineingingen, machte Mr. Lorry geschäftsmäßiges Auge die Wahrnehmung, oder glaubte wenigstens sie gemacht zu haben, daß auf dem Gesicht des Doktors, als er sich gegen Charles Darnay hinwandte, jener eigentümliche Ausdruck zu bemerken war, mit dem er in den Gängen des Gerichtshauses nach ihm hingesehen hatte.
Dies war jedoch nur so flüchtig gewesen, daß Mr. Lorry die Verläßlichkeit seines Geschäftsauges fast bezweifelte. Der Arm des goldenen Riesen in der Halle erschien nicht ruhiger als der Doktor, der, während er unter demselben haltmachte, die Bemerkung hinwarf, daß er gegen kleine Erschütterungen noch nicht gehörig gestählt sei, vielleicht es auch nie werde, und der Regen habe ihn wirklich erschreckt.
Teezeit. Miß Proß bereitete den Tee unter einer abermaligen Wiederkehr ihrer Umstände; aber noch immer keine Hunderte von Leuten. Mr. Carton hatte sich eingefunden; doch machte er erst zwei.
Der Abend war so übermäßig schwül, daß sie vor Hitze fast verschmachteten, obschon die Türen und Fenster offen standen. Nachdem der Teetisch abgeräumt war, traten sie an eines der Fenster und schauten in die düstere Dämmerung hinaus, Lucie saß neben ihrem Vater, Darnay neben Lucie, und Carton lehnte sich auf den Sims. Die Vorhänge waren lang und weiß, und einige von den Windstößen, die in die Ecke hereinwirbelten, hatten sie an die Decke hinaufgerissen, daß sie wehten wie Gespensterflügel.
»Noch immer fallen die Tropfen spärlich, groß und schwer«, sagte Doktor Manette. »Es kommt langsam.«
»Aber sicher«, bemerkte Carton.
Sie sprachen leise, wie wartende Leute gewöhnlich zu tun pflegen, namentlich wenn sie in einem dunklen Zimmer sitzen und des Blitzstrahls harren.
In den Straßen wurde es sehr rührig, und Leute eilten, um sich vor dem Losbrechen des Gewitters ein Unterkommen zu suchen. Die durch ihren Widerhall so merkwürdige Ecke führte wohl das Echo von kommenden und gehenden Fußtritten her, aber keine Fußtritte.
»Eine Menge Volks und doch eine solche Abgeschiedenheit«, sagte Darnay, nachdem sie eine Weile gehorcht hatten.
»Ist dies nicht eindrucksvoll, Mr. Darnay?« fragte Lucie. »Hin und wieder habe ich den ganzen Abend hier gesessen, bis ich mir einbildete – aber heute, wo alles so schwarz und feierlich ist, macht sogar der Schatten einer törichten Vorstellung mich schaudern –«
»So wollen wir mitschaudern. Dürfen wir wissen, was Ihnen Ihre Phantasie vorführte?«
»Es wird Ihnen wohl als nichts erscheinen. Ich glaube, solche Grillen machen nur im Augenblick ihres Entstehens einen Eindruck; er läßt sich nicht übertragen. Ich habe bisweilen in den Abendstunden allein hier gesessen und habe gelauscht, bis es mir vorkam, die Echos, die ich vernähme, seien der Widerhall aller der Fußtritte, die bestimmt sind, uns in unserm Leben zu begegnen.«
»Wenn dies zur Wirklichkeit würde, müßte es eines Tages in unserm Leben ein starkes Gedränge geben«, fiel Sydney Carton in seiner mürrischen Weise ein.
Die Tritte hörten nicht auf und wurden immer schneller und schneller. Die Ecke echote und echote wider von Schritten, einige, wie es schien, unter den Fenstern, andere im Zimmer, die einen kommend, die andern gehend, die einen innehaltend, die andern ganz aufhörend – alles dies in den fernen Straßen, ohne daß man eines Menschen ansichtig wurde.
»Ist die Gesamtheit dieser Fußtritte für uns alle bestimmt oder werden wir uns darin teilen müssen, Miß Manette?«
»Ich weiß es nicht, Mr. Darnay. Ich sagte Ihnen ja, es sei eine törichte Vorstellung; aber Sie haben sie wissen wollen. Als ich mich in sie hineinträumte, war ich allein, und ich bildete mir ein, es seien die Fußtritte von Menschen, die in mein und meines Vaters Leben hereinkämen.«
»Ich nehme sie für das meinige in Anspruch«, sagte Carton, »und ich stelle keine Fragen und mache keine Bedingungen. Da kommt eine schwere Menge auf uns herunter, Miß Manette, und ich sehe sie – ein Leuchten des Blitzes.« Letztere Worte fügte er nach einem heftigen Blitzstrahl hinzu, bei dessen Licht man ihn, auf den Fenstersims gelehnt, hatte sehen können.
»Und ich höre sie«, fuhr er fort, als das Rollen des Donners aufhörte. »Da kommen sie, rasch, wild und wütend.«
Er hatte damit das Ungestüm des Regens versinnbildlichen wollen, der jetzt so übermächtig geworden war, daß man keine Stimme mehr hören konnte. Die Regengüsse wurden von unablässigem Blitzen und Donnergekrach begleitet und ließen erst nach, als gegen Mitternacht der Mond aufging.
Die große Glocke von Saint Paul rief eben ein Uhr in die geklärte Luft hinaus, als Mr. Lorry, von dem hochgestiefelten, mit einer Laterne versehenen Jerry begleitet, den Rückweg nach Klerkenwall antrat. Zwischen dem letzteren Platze und Soho gab es einige kaum besuchte Wegstriche, und Mr. Lorry, der allen Respekt vor Räubern hatte, mietete Jerry regelmäßig für diesen Abendgang, obschon dieser sonst seinen Dienst gut um ein paar Stunden früher erfüllen durfte.
»Was ist das für eine Nacht gewesen, Jerry«, sagte Mr. Lorry. »Fast eine Nacht wie die, die die Toten wieder aus den Gräbern ruft.«
»Eine solche Nacht habe ich nie erlebt, Herr, und ich hoffe sie auch nicht wieder zu erleben«, entgegnete Jerry.
»Gute Nacht, Mr. Carton«, sagte der Geschäftsmann. »Gute Nacht, Mr. Darnay. Werden wir wohl je miteinander wieder eine solche Nacht erleben?«
Vielleicht. Vielleicht sehen sie auch das schwere Menschengedränge stürmend und tobend auf sich niederkommen.
Monseigneur, einer der Mächtigen bei Hof, hielt zu Paris in seinem prachtvollen Palast seinen vierzehntägigen Empfang. Monseigneur befand sich in seinem innern Zimmer, dem Heiligtum der Heiligtümer, zu dem von den äußern her der Schwarm andächtiger Verehrer wallfahrtet. Monseigneur war im Begriff, Schokolade zu trinken. Monseigneur konnte ungeheuer viel schlucken, und einige mißgünstige Geister sagten ihm nach, er werde bald sogar mit ganz Frankreich fertig werden; aber die Morgenschokolade brachte Monseigneur nicht durch seinen Schlund hinunter ohne die Beihilfe von vier starken Männern, den Koch nicht mitgerechnet.
Ja. Vier Männer waren dazu nötig, alle vier funkelnd von prächtiger Vergoldung, und der oberste darunter wäre außerstande gewesen, ohne ein paar goldene Uhren in der Tasche, die mit der edlen, reinen, von Monseigneur aufgebrachten Mode wetteiferten, die glückliche Schokolade zu Monseigneurs Lippen zu führen. Ein Lakai brachte die Schokoladekanne in die hochheilige Gegenwart; ein zweiter schlug und quirlte die Schokolade mit dem kleinen Instrument, das er für diesen Zweck mit sich führte; ein dritter präsentierte das begünstigte Tellertuch, und ein vierter, der mit den zwei Uhren, schenkte die Schokolade ein. Es war unmöglich für Monseigneur, einen dieser Schokoladebeamten zu missen und sein Haupt hochzutragen unter dem bewundernden Himmel; ein schwerer Flecken hätte seinen Wappenschild betroffen, wenn seine Schokolade unedel nur von drei Mann wäre serviert worden; von nur zweien hätte Monseigneur den Tod gehabt.
Monseigneur war die letzte Nacht bei einem kleinen Souper gewesen, bei welchem die Komödie und die große Oper ihre zauberhaften Vertreter hatte. Der gnädige Herr liebte es, an solchen kleinen Abendpartien mit hinreißender Gesellschaft teilzunehmen, und war überhaupt so artig und für Eindrücke empfänglich, daß ihm unter den ermüdenden Stoffen der Staatsangelegenheiten und Staatsgeheimnisse die Komödie und die große Oper weit höher standen als die Not von ganz Frankreich. Ein glücklicher Umstand für das letztere, wie überhaupt für alle in derselben Weise begünstigten Länder! – Zum Beispiel auch für England in den unvergeßlichen Tagen des fröhlichen Stuart, der es verkaufte.
Monseigneur hatte eine wahrhaft adlige Idee vom öffentlichen Geschäftsgang im allgemeinen, indem er wollte, daß alles seinen eigenen Weg gehe; in Beziehung auf öffentliche Geschäfte im besonderen aber hegte er die gleichfalls echt adelige Idee, daß alles jenen Weg gehen müsse, der zur Vergrößerung seiner Macht und seines Vermögens beitrug. Eine weitere von seinen echt adeligen Ideen war, daß die Welt im allgemeinen sowohl wie im besonderen nur seinem Wohlergehen zu dienen habe. Sein Wahlspruch lautete nur mit einer unbedeutenden Variante für das persönliche Hauptwort im Original: »Die Erde und ihre Fülle sind mein, sagt Monseigneur«.
Monseigneur hatte indes allmählich die Entdeckung gemacht, daß sich in seine Angelegenheiten, die eigenen sowohl wie die öffentlichen, auch gemeine Verlegenheiten einschlichen, und sich deshalb mit einem Generalpächter zu verbünden genötigt gesehen; denn was die öffentlichen Finanzen betraf, so konnte er nicht alles und alles damit machen und mußte sie deshalb jemand überlassen, der dies besser verstand; bei der Rücksicht auf die Privatfinanzen dagegen erschien der Umstand maßgebend, daß Generalpächter reich waren und Monseigneur nach Generationen des Luxus und der Verschwendung arm zu werden begann. Monseigneur hatte daher seine Schwester, als es noch rechte Zeit war, den Schleier, dieses wohlfeilste Gewand, das sie tragen konnte, abzuwehren, aus dem Kloster geholt, um mit diesem Preis einen sehr reichen Generalpächter, der arm an Familie war, zu beglücken. Besagter Generalpächter, der stets einen passenden Stock mit goldenem Knopf bei sich führte, befand sich eben unter der Gesellschaft in den Vorzimmern, hochgefeiert von der ganzen Menschheit, mit Ausnahme der höheren Menschheit von Monseigneurs Blut, das einschließlich seiner eigenen Frau mit der stolzesten Verachtung auf ihn niederschaute.
Der Generalpächter war ein Mann, der etwas ausgeben konnte. Dreißig Rosse standen in seinen Ställen, vierundzwanzig männliche Dienstleute saßen in seinen Hallen, und sechs Wärterinnen bedienten seine Gemahlin. Als ein Mann, von dem man annahm, sein ganzes Geschäft bestehe im Zugreifen und Plündern, wo es nur immer etwas gab, war der Generalpächter, welchen Einfluß auch seine ehelichen Beziehungen auf die gesellschaftliche Moral üben mochten, wenigstens die größte Realität unter den Personen, die an jenem Tage im Palast von Monseigneur ihre Aufwartung machten.
Denn die Gemächer, wie schön sie sich auch ausnahmen und in dem Geschmack und der Kunstfertigkeit jener Zeit prunkten, waren in Wirklichkeit wenigstens keine gesunde Realität, und wenn man sie mit den Vogelscheuchen in Lumpen und Nachtkappen anderswo – nicht einmal weit davon, denn von den Wachtürmen der Notre-Dame-Kirche aus konnte man in gleichen Abständen die Gegensätze überschauen – verglich, so boten sie, falls im Hause von Monseigneur jemand sich damit abgeben mochte, sogar den Anblick einer recht unbehaglichen Realität. Offiziere vom Heer ohne militärische Kenntnisse, Flottenoffiziere ohne eine Vorstellung von einem Schiffe, Zivilbeamte ohne einen Begriff vom öffentlichen Dienst, keckstirnige Geistliche von der schlimmsten weltlichen Welt mit sinnlichen Augen, frechen Zungen und noch frecheren Sitten, alle insgesamt für ihre Berufszweige unpassend, trieben sich zu Dutzend und Dutzenden in den Vorzimmern herum und wurden fett im Genusse aller einträglichen Stellen, die ihnen zufielen, bloß weil sie zum Kreise von Monseigneur gehörten. Ferner sah man viele, die nicht unmittelbar zu Monseigneur oder dem Staate, gleichwohl aber auch nicht zu irgend etwas Realem oder einem Leben in Beziehung standen, das seine irdischen Zwecke auf einem offenen, geraden Wege anstrebt. Ärzte, die reich geworden waren von leckeren Heilmitteln gegen eingebildete, nie vorhanden gewesene Krankheiten, lächelten ihren kurfähigen Patienten in Monseigneurs Antichambres zu. Projektmacher, die aller Art Rezepte erfunden hatten gegen die kleinen, dem Staate anhaftenden Schäden, aber keines, durch das im Ernst auch nur eine einzige Sünde ausgerottet worden wäre, schütteten ihr zur Verzweiflung bringendes Gefasel in jedes Ohr, dessen sie bei Monseigneurs Empfang habhaft werden konnten. Ungläubige Philosophen, die die Welt mit Worten ummodelten und aus Kartenblättern babylonische Türme zur Erstürmung des Himmels bauten, unterhielten sich in der wundervollen Versammlung bei Monseigneur mit ungläubigen Chemikern, die ein Auge auf die Umwandlung der Metalle hatten. Feine Herren, die ihre vorzügliche Bildung schon in jener denkwürdigen Zeit, wie noch heute, durch ihre völlige Gleichgültigkeit gegen alles kundgaben, was sonst naturgemäß das menschliche Interesse anspricht, trugen einen Zustand der musterhaftesten Langeweile im Palast Monseigneurs zur Schau. Diese verschiedenen Notabilitäten aus der feinen Welt von Paris hatten ein so eigentümliches Familienleben hinter sich, daß es die Spione unter den versammelten Anhängern Monseigneurs, aus denen wohl eine gute Hälfte dieser hochgebildeten Gesellschaft bestand, schwer gefunden haben würden, unter den Engeln dieser Sphäre auch nur ein einziges weibliches Wesen zu entdecken, das durch ihr Aussehen und Benehmen hätte merken lassen, daß es eine Mutter sei. In der Tat war eine solche Stellung in der Frauenwelt, mit Ausnahme des bloßen Akts, ein lustiges Geschöpf ins Leben einzuführen – und dieser geht noch nicht weit, um den Namen einer Mutter zu etwas Reellem zu machen – dem vornehmen Kreise etwas ganz Unbekanntes. Bauernweiber blieben bei ihren ungeleckten Kindern und zogen sie groß; bezaubernde Großmütter aber von sechzig kleideten sich und machten Abendpartien mit wie in ihrem zwanzigsten Jahr.
Die höchste Unrealität entstellte jedes Menschenwesen in der bunten Mischung, die Monseigneur ihre Aufwartung machte. In dem äußersten Zimmer befand sich ein halbes Dutzend exzeptioneller Personen, die seit ein paar Jahren sich mit der unbestimmten Ahnung trugen, daß der Gang der Dinge im allgemeinen doch nicht der rechte sei. Um in einer hoffnungsvollen Weise ihn zu bessern, hatte sich die Hälfte dieses halben Dutzends zu der phantastischen Sekte der Konvulsionäre geschlagen, und sie gingen eben mit sich zu Rat, ob sie nicht auf der Stelle schäumen, toben, brüllen und in epileptische Zuckungen verfallen sollten, um so als Richtschnur für Monseigneur einen höchst verständlichen Fingerzeig für die Zukunft zu geben. Die übrigen drei neben diesen Derwischen waren zu einer andern Sekte übergegangen, die die Welt durch einen Gallimathias über »das Zentrum der Wahrheit« zu bessern beabsichtigte, indem sie behauptete, die Menschheit sei (was allerdings keines Beweises bedurfte) aus diesem Zentrum gewichen, aber noch nicht über die Peripherie hinausgelangt letzteres müsse man verhindern oder wohl durch die Zurückführung nach dem Mittelpunkt erwirken durch Fasten und Geisterseherei. Natürlich fand unter diesen ein starrer Verkehr mit Geistern statt, der für die Welt wunderbar viel Gutes wirkte, obschon es leider nie bekannt geworden ist.
Einen Trost bot wenigstens die Gesellschaft in Monseigneurs prächtigem Palast – man sah überall eine vollkommen tadellose Kleidung. Hätte es sich nur beweisen lassen, daß der Tag des Gerichts bloß ein großer Galatag, sei, so würde hier gewiß männiglich als für alle Ewigkeit fehlerfrei erfunden worden sein. Das Gekräusel, Gepuder und Aufsteifen des Haars, die seine künstlich erhaltene und aufgefrischte Gesichtsfarbe, die ritterlich anzusehenden Degen und die Ehren, die man dem Geruchssinn erwies, mußten zuverlässig alles für immer und immer im besten Gang erhalten. Die feinen Herren von der ausgesuchtesten Bildung trugen kleine Gehänge, die klimperten, wenn ihre Inhaber erschöpft sich vorüber bewegten; die goldenen Fesseln klangen wie kostbare Glöcklein, und dieses Klingen bildete in Verbindung mit dem Rauschen von Seide, Perkal und seiner Leinwand in der Luft ein Fächeln, das Saint Antoine und seinen verzehrenden Hunger weit von hinnen scheuchte.
Der Putz war der einzige unfehlbare Talisman und Zauber, um alle Dinge an ihrem Platz zu erhalten. Jedermann war für einen Ball in Kostüme gekleidet, der nie aufhören sollte. Von dem Palast der Tuilerien an durch Monseigneur und den ganzen Hof, durch die Kammern, die Gerichtsbehörden und die ganze Gesellschaft (die Vogelscheuchen ausgenommen) lief der kostümierte Ball hinab bis zum Scharfrichter, der zur Aufrechterhaltung des Zaubers »frisiert und gepudert, in goldgesticktem Rock; Tanzschuhen und weißseidenen Strümpfen« seinen Dienst versehen mußte. Vor Galgen und Rad – das Beil war eine Seltenheit – hatte Monsieur Paris, wie die Hauptstadt von ihren untergeordneten Kollegen nach bischöflichem Vorgang betitelt wurde, in seiner gewähltesten Gala den Vorsitz. Und wer von der Gesellschaft aus Monseigneurs Empfangszimmern in dem Jahre unseres Herrn Siebzehnhundertachtzig konnte möglicherweise zweifeln, daß je ein System ein Ende nehmen konnte, das seine Wurzel in einem frisierten, gepuderten und goldbetreßten Henker mit Tanzschuhen und weißseidenen Strümpfen hatte!
Nachdem Monseigneur seine vier Mann ihrer Bürde entledigt und seine Schokolade eingenommen hatte, ließ er die Tür des Heiligtums der Heiligtümer öffnen und trat hinaus. Welche Unterwürfigkeit jetzt, welches Katzenbuckeln und Wedeln, welche Kriecherei und Wegwerfung! Da beugte man sich körperlich und geistig in einer Ausdehnung, daß nichts mehr für den Himmel übrigblieb – dies vielleicht einer der Gründe, warum ihn die Verehrer Monseigneurs nie behelligten.
Dahin ein Versprechen, dorthin ein Lächeln entsendend, hier einem glücklichen Sklaven ein Wort zuflüsternd, dort einem andern mit der Hand zuwinkend, schritt Monseigneur leutselig durch die Salons bis in die entfernte Region des Zentrums der Wahrheit. Dort wandte er sich, kehrte zurück, erreichte im Laufe der Zeit abermals das Heiligtum mit den dienenden Schokoladegeistern, ließ die Türen schließen und wurde nicht mehr gesehen.
Die Schaustellung war vorüber, das Fächeln in der Luft wurde zu einem kleinen Sturm, und die kostbaren Glöcklein klingelten die Treppen hinunter. Bald war von dem ganzen Gedränge nur noch eine einzige Person übrig, die, den Hut unter dem Arme und die Schnupftabakdose in der Hand, an den Spiegeln vorbei langsam gleichfalls sich nach dem Ausgang hin bewegte.
»Hole dich der Teufel!« sagte die also beschriebene Persönlichkeit, indem sie an der letzten Tür haltmachte und sich gegen das Heiligtum umdrehte. Zugleich schüttelte sie den Schnupftabak von ihren Fingern, als sei er der Staub ihrer Füße, und schritt ruhig die Treppe hinab.
Die Person war ein Mann von ungefähr sechzig, schön gekleidet, von stolzem Wesen und mit einem Gesicht, das einer seinen Maske glich. Ein Gesicht von durchscheinender Nässe, jeder Zug darin klar bestimmt, und nur ein einziger markierter Ausdruck auf demselben. Die sonst schön geformte Nase war an der Spitze der Nasenlöcher etwas eingedrückt, und in diese beiden Gruben schien das einzige Wandelbare, das in dem Gesicht je bemerklich wurde, sich geflüchtet zu haben. Sie wechselten nämlich bisweilen die Farbe und zeigten gelegentlich eine Ausdehnung und ein Zusammenziehen, als ob sie leicht pulsierten: dadurch verliehen sie den Zügen einen Ausdruck von Tücke und Grausamkeit. Bei aufmerksamer Prüfung konnte man wahrnehmen, wie zu Herstellung dieses Ausdrucks namentlich auch der Umstand mitwirkte, daß die Linien des Mundes und der Augenkreise viel zu dünn und wagerecht waren; gleichwohl konnte nach dem Gesamteindruck das Gesicht als schön und merkwürdig bezeichnet werden.
Der Inhaber desselben ging die Treppe nach dem Hofe hinunter, stieg in seinen Wagen und fuhr von hinnen. Bei dem Empfang hatten nur wenige mit ihm gesprochen: er war beiseite gestanden, und Monseigneur hätte wohl in seinem Benehmen gegen ihn ein wenig wärmer sein können. Den Umständen nach schien es ihm ein angenehmes Schauspiel zu gewähren, wie das gemeine Volk vor seinen Pferden auseinanderstob und oft kaum dem Niedergetretenwerden entrann. Der Kutscher hieb auf seine Tiere los, als, griffe er einen Feind an; aber die wütende Rücksichtslosigkeit des Dieners brachte nicht die mindeste Veränderung hervor in dem Gesicht oder an den Lippen seines Herrn. Bisweilen wurde selbst in jener tauben Stadt und in jener stummen Zeit die Klage laut, daß in den engen Straßen ohne Seitenwege für die Fußgänger der wilde adelige Brauch des raschen Fahrens das gemeine Volk gefährde und oft in barbarischer Weise verstümmele; aber wenige kümmerten sich darum so viel, um zum zweitenmal daran zu denken, und so überließ man es auch hier wie in allem andern der Kanaille, sich aus ihrer Bedrängnis zu helfen, so gut sie konnte.
In tollem Rasseln und einer unmenschlichen Unbekümmertheit, die man in unsern Tagen unbegreiflich fände, jagte der Wagen durch die Straßen und um die Ecken, während die Weiber schreiend davor ausrissen und Männer gegenseitig sich oder Kinder aus dem Wege zerrten. Endlich fegte er um einen Eckbrunnen; eines der Räder hüpfte leicht auf, und alsbald brach aus vielen Kehlen ein lautes Geschrei los, vor dem die Rosse stampfend und ausschlagend stehenblieben.
Ohne die letztere Unbequemlichkeit würde der Wagen wahrscheinlich nicht haltgemacht haben. Wagen fuhren so oft weiter und ließen Verwundete hinter sich – warum auch nicht? Aber der erschreckte Kammerdiener war hurtig abgestiegen, und zwanzig Hände hatten die Pferde bei den Zügeln gefaßt.
»Was hat's gegeben?« fragte Monsieur, ruhig hinausschauend. Ein großer Mann mit einer Nachtmütze hatte unter den Pferdehufen hervor ein Bündel hervorgelangt und auf die Brunnenfliesen gelegt: er kniete davor im Schlamm und in der Nässe und heulte darüber wie ein wildes Tier.
»Verzeihung, Monsieur le Marquis«, sagte ein zerlumpter, unterwürfiger Mann, »es ist ein Kind.«
»Warum macht der Mann diesen abscheulichen Lärm? Ist es sein Kind?«
»Entschuldigt, Monsieur le Marquis – leider – ja.«
Der Brunnen stand etwas an der Seite, denn die Straße mündete hier in einen Platz ein, der seine zehn oder zwölf Schritte im Geviert maß. Als der große Mann plötzlich vom Boden aufsprang und auf den Wagen zugelaufen kam, fuhr Monsieur le Marquis für einen Augenblick mit der Hand an seinen Degenknopf.
»Umgebracht!« schrie der Mann in wilder Verzweiflung, aus hohlen Augen zu ihm hinstarrend und die Hände über dem Kopf zusammenschlagend. »Tot!«
Die Leute drängten sich näher heran und schauten auf Monsieur le Marquis. Und in den vielen Augen, die auf ihm hafteten, gab sich nur der Ausdruck der Hast und der Aufmerksamkeit kund; nirgends ein Zeichen von Drohung oder Zorn. Auch wurde nicht gesprochen; nach dem ersten Schrei war das Volk verstummt. Die Stimme des unterwürfigen Mannes, der geantwortet hatte, klang matt und zahm in ihrer äußersten Untertänigkeit. Monsieur le Marquis ließ die Blicke über die Menge hingleiten, als bestände sie nur aus Ratten, die aus ihren Löchern hervorgekommen wären.
Er nahm seine Börse heraus.
»Es ist außerordentlich«, sagte er, »daß die Leute so wenig auf sich selbst und ihre Kinder achtgeben. Eines oder das andere von euch ist einem immer im Weg. Wie weiß ich, ob nicht meine Pferde Schaden genommen haben? Sieh nach. Gib ihm dies.«
Er warf dem Kammerdiener ein Goldstück zu, und alle Köpfe streckten sich vorwärts, um es allen Augen möglich zu machen, zu sehen, wo es niederfiel. Abermals rief der große Mann in einem unbeschreiblichen Ton: »Tot!« Er wurde angehalten durch einen rasch herbeikommenden andern Mann, dem der Haufe Platz machte. Als der unglückliche Vater ihn erkannte, fiel er ihm um den Hals, weinte und schluchzte und deutete nach dem Brunnen, wo einige Weiber sich über dem regungslosen Bündel niederbeugten und sorgsam sich damit zu schaffen machten. Auch sie verhielten sich so still wie die Männer.
»Ich weiß alles, weiß alles«, sagte der letzte Ankömmling. »Sei ein Mann, Gaspard. Für die arme kleine Puppe da ist es besser, so zu sterben, als zu leben. Sie ging ohne Schmerz aus der Welt: hätte sie auch nur eine Stunde glücklich in ihr leben können?«
»Ah, Ihr seid ein Philosoph«, sagte der Marquis lächelnd. »Wie heißt Ihr?«
»Defarge.«
»Euer Gewerbe?«
»Weinhändler.«
»Lest dies auf, Philosoph und Weinhändler«, sagte der Marquis, indem er auch ihm ein Goldstück hinwarf, »und tut Euch damit gütlich. Wie steht's mit den Pferden – alles in Ordnung?«
Ohne die Menge eines weiteren Blicks zu würdigen, lehnte sich Monsieur le Marquis auf seinen Sitz zurück und wollte eben mit der Miene eines Mannes, der zufällig etwas zerbrochen und als zahlungsfähige Person den Preis dafür erlegt hat, von hinnen fahren, als seine Ruhe plötzlich durch ein Geldstück zerstört wurde, das in den Wagen hineinflog und klingend zu Boden fiel.
»Halt!« sagte Monsieur le Marquis. »Haltet die Pferde! Wer hat geworfen?««
Er blickte nach der Stelle zurück, wo einen Augenblick vorher Defarge, der Weinhändler, gestanden hatte, sah aber nur noch den unglücklichen Vater, der, das Antlitz im Staub, am Boden lag, und neben ihm die Gestalt eines braunen stämmigen Weibes, das ihr Strickzeug in der Hand hatte.
»Ihr Hundepack!« sagte der Marquis ruhig und mit unverändertem Gesichtsausdruck, die bekannten Stellen an seiner Nase ausgenommen, wie gern würde ich über jeden von euch wegfahren, um euch von der Erde zu vertilgen. Wüßte ich, welcher Schuft in den Wagen geworfen, und hätte ich ihn nahe genug, so ließe ich ihn unter die Räder schleudern.«
Die Lage des Volkes war so gedrückt, und es hatte so viel von dem erleben müssen, was ein solcher Mann innerhalb und außerhalb des Gesetzes mit ihm anfangen durfte, daß keine Stimme, keine Hand, ja, nicht einmal ein Auge sich erhob. Unter den Männern wenigstens nicht. Nur das Weib mit dem Strickzeug warf einen festen Blick auf den Marquis. Es war aber unter seiner Würde, dies zu bemerken, sein Auge glitt verächtlich hin über sie und über die andern Ratten: dann lehnte er sich wieder in seinen Sitz zurück und gab Befehl weiterzufahren.
E« wurde weitergefahren, und andere Karossen kamen in rascher Folge vorbeigesaust: der Minister, der Staatsprojektenmacher, der Generalpächter, der Doktor, der Advokat, der Geistliche, die große Oper, die Komödie, kurz, der ganze Kostümball in seinem bunten Durcheinander wirbelte vorbei. Die Ratten krochen aus ihren Löchern und sahen stundenlang zu; Soldaten und Polizeidiener gingen oft zwischen ihnen und dem Schauspiel hin und her und bildeten Schranken, hinter die die Ratten zurückmußten. Der Vater hatte längst sein Bündel aufgenommen und ein Versteck dafür gesucht, während die Weiber, die das Bündel gepflegt hatten, als es auf den Brunnenfliesen lag, noch dasaßen und dem Rinnen des Wassers und dem Rollen des Kostümballs zusahen; auch jene Frau, die mit ihrem Strickzeug dagestanden, strickte fort mit der Beharrlichkeit einer Nonne. Das Wasser des Brunnens lief fort, der rasche Fluß lief weiter, der Tag verlief in den Abend, so viel Leben der Stadt verlief nach der Regel, daß Ebbe und Flut auf niemand warten, im Tod, die Ratten schliefen wieder dicht beisammen in ihren dunklen Löchern, für den Kostümball waren die Souperlichter angezündet, und alles verlief im alten Gange.
Eine schöne Landschaft und das Getreide darauf am Reifen, aber nicht im Überfluß gebaut. Striche mageren Roggens, wo Hafer hätte stehen sollen, Streifen ärmlicher Bohnen und Erbsen oder rauhen Gemüses statt des Weizens. Auch in der seelenlosen Natur wie in den Männern und Weibern, die sie pflegten, die vorherrschende Neigung, nur ungern zu vegetieren, ein kleinmütiger Hang, zu verzagen und hinzuwelken.
Monsieur le Marquis schleppte sich in seinem von vier Postpferden und zwei Postknechten geführten Reisewagen, der wohl hätte leichter sein können, einen steilen Berg hinan. Das Rot auf dem Gesicht von Monsieur le Marquis tat seiner hohen Bildung keinen Abtrag; es kam nicht von innen, sondern wurde durch einen äußerlichen Umstand veranlaßt, über den er keine Gewalt hatte – durch die untergehende Sonne.
Die Strahlen der letzteren trafen den Reisewagen, als dieser die Höhe des Berges erreicht hatte, mit so vollem Glanz, daß sein Insasse in Purpur getaucht zu sein schien. »Es wird bald vorüber sein«, sagte Monsieur le Marquis, seine Hände ansehend.
In der Tat stand die Sonne schon so tief, daß sie im nächsten Augenblick untergehen konnte. Als dem Rad der schwere Hemmschuh angepaßt wurde und der Wagen mit einem Brandgeruch und in einer Wolke von Staub bergab rutschte, schwand die purpurne Glut rasch dahin; die Sonne und der Marquis gingen zusammen hinunter, und beim Abnehmen des Radschuhs war auch kein Hauch von Rot mehr vorhanden.
Dagegen war noch da eine unebene Landschaft, schön und offen, ein kleines Dorf am Fuße des Berges, jenseits wieder eine Anhöhe, ein Kirchturm, eine Windmühle, ein Forst für die Jagd und ein Felsen mit einer Feste darauf, die als Gefängnis diente. Der Marquis überschaute diese im Abendschatten mehr und mehr sich verdüsternden Gegenstände mit der Miene eines Mannes, der sich seinem Heimwesen nähert.
Da« Dorf hatte seine einzige ärmliche Straße mit einem ärmlichen Brauhaus«, einer ärmlichen Gerberei, einer ärmlichen Schenke, einem ärmlichen Poststall, einem ärmlichen Brunnen, kurz, lauter ärmlichen Zugehörnissen. Aber auch die Bevölkerung war arm, und viele von den Einwohnern saßen vor den Türen und schnitzelten Zwiebel oder etwas Ähnliches zum Nachtessen, während andere an dem Brunnen standen und Blätter, Gras und sonstige kleine Erderzeugnisse wuschen, die sich essen ließen. Auch fehlte es nicht an ausdrucksvollen Zeichen über den Grund ihrer Verarmung, denn feierliche Inschriften, die anzeigten, daß man hier die Staatssteuer, die Kirchensteuer, die grundherrliche Steuer, den Gemeindeschaden und die Akzise einziehe, waren in so reichlicher Anzahl vorhanden, daß man sich nur wundern mußte, wenn das Dörflein überhaupt noch unverschluckt dastand.
Auch einige Kinder ließen sich blicken, aber keine Hunde. Was die Männer und Weiber betraf, so hatten sie in Beziehung auf ihre Erdenverhältnisse eine geringe Wahl – entweder drunten im Dörflein hinter der Mühle ein Leben für Hungersterben, oder droben auf dem Felsen im Gefängnis Haft und Tod.
Durch einen Vorreiter und das Knallen der Peitschen angekündigt, die wie hurtige Schlangen über den Köpfen der Postknechte durch die Abendluft zuckten, fuhr Monsieur le Marquis, wie von Furien begleitet, mit seinem Reisewagen vor dem Tor des Posthofes an. Dieser befand sich in der Nähe des Brunnens, und die Bauernweiber unterbrachen ihre Arbeit, um nach ihm hinzusehen. Auch er schaute zu ihnen hinüber und bemerkte auf allen Gesichtern das Gepräge jener Magerkeit, durch die die Franzosen auf ein Jahrhundert hindurch sprichwörtlich geworden sind.
Monsieur le Marquis warf eben seine Blicke auf die unterwürfigen Gestalten, die sich vor ihm beugten, wie er selbst bei Hof vor Monseigneur sich gebeugt hatte, nur mit dem Unterschied, daß jene bloß zu leiden, aber keine Gnaden auszuteilen hatten – als sich ein grauköpfiger Knecht der Gruppe anschloß.
»Bring' mir jenen Kerl her«, sagte der Marquis zu dem Vorreiter.
Der Kerl wurde, die Mütze in der Hand, hergebracht, und die andern Kerle schlössen sich ihm an, um zu sehen und zu hören, in der Art, wie's die Leute auch an den Pariser Brunnen zu halten pflegten.
»Ich kam auf dem Herweg an dir vorbei?«
»Monseigneur, es ist wahr; ich hatte auf der Straße die Ehre der Begegnung.«
»Beim Bergauffahren und auf der Höhe des Berges?«
»Ja, Monseigneur.«
»Nach was hast du so aufmerksam geschaut?« »Monseigneur, ich schaute nach dem Manne.«
Er beugte sich ein wenig und deutete mit seiner zerlumpten Mütze unter den Wagen. Alle seine Kameraden beugten sich gleichfalls, um unter den Wagen zu sehen.
»Welchen Mann, Schwein? Und warum schautest du nach ihm?«
»Verzeihung, Monseigneur, er hing in der Kette des Radschuhs.«
»Wer?« fragte der Reisende.
»Monseigneur, der Mann.«
»Hole der Teufel alle diese Dummköpfe! Hast du keinen Namen für diesen Mann? Du kennst alle Leute in der ganzen Gegend. Wer war er?«
»Monseigneur halten zu Gnaden, er war nicht aus der Gegend. Ich hab' ihn Tag meines Lebens nicht gesehen.«
»Und er hing in der Kette – erdrosselt?«
»Mit Eurer Gnaden Erlaubnis, das war eben das Wunder, Monseigneur. Sein Kopf hing über – so!«
Er wandte sich seitwärts gegen den Wagen und kehrte sich zurück, das Gesicht himmelwärts gedreht und den Kopf niederhängend; dann richtete er sich wieder auf, fuchtelte mit seiner Mütze und machte eine Verbeugung.
»Wie sah er aus?«
»Monseigneur, er war weißer als ein Müller. Ganz mit Staub bedeckt, weiß wie ein Gespenst und so lang wie ein Gespenst.«
Die Beschreibung machte ungemeines Aufsehen unter dem kleinen Haufen; aber aller Augen schauten auf Monsieur le Marquis. Vielleicht um zu sehen, ob er nicht ein Gespenst auf seinem Gewissen hatte.
»Das hast du wahrhaftig gut gemacht«, sagte der Marquis, der sich glücklicherweise besann, daß ein solcher Wurm ihn nicht aufbringen konnte; »du siehst, wie ein Dieb meinen Wagen begleitet, tust aber dein großes Maul nicht auf. Pah! Schafft ihn beiseite, Monsieur Gabelle.«
Monsieur Gabelle war der Postmeister und nebenbei Einzieher einer der verschiedenen Steuersorten. Er war mit großer Diensteifrigkeit herausgekommen, um an dem Verhör mitzuhelfen, und hatte in amtlicher Weise den zu Verhörenden am Wamsärmel festgehalten.
»Fort setzt!« sagte Monsieur Gabelle.
»Versichert Euch des Fremden, wenn er im Dorf eine Nachtherberge sucht, und überzeugt Euch, ob sein Gewerbe ein ehrliches ist, Gabelle.«
»Monseigneur, es ist mir ungemein schmeichelhaft, dero Befehle ausführen zu dürfen.«
»Ist er davongelaufen, Kerl? Wo ist der verfluchte Hund?«
Der verfluchte Hund stak bereits mit einem halben Dutzend besonderer Freunde unter dem Wagen und deutete mit seiner blauen Mütze auf die Kette. Ein anderes halbes Dutzend besonderer Freunde holte ihn geschickt wieder hervor und präsentierte ihn atemlos dem Herrn Marquis.
»Ist der Mann davongelaufen, Schafskopf, als man den Radschuh brauchte?«
»Monseigneur, er stürzte sich den Berghang hinunter, den Kopf voran, wie man tut, wenn man sich in den Fluß wirft.«
»Sorgt für die Sache, Gabelle. Vorwärts!«
Das Halbdutzend stak noch gleich Schafen zwischen den Rädern und sah nach der Kette; die Räder aber drehten sich so plötzlich, daß sie von Glück sagen konnten, wenn sie ihre Haut und ihre Knochen retteten. Außerdem hatten sie freilich sehr wenig zu retten, da es ihnen sonst kaum so gut gelungen wäre.
Der rasche Anlauf, den der Wagen vom Dorf aus genommen hatte, wurde bald gehemmt durch die jenseits gelegene steile Anhöhe. Die Bewegung ging allmählich in Schritt über, und der Wagen pendelte und holperte zwischen den vielen süßen Düften der Sommernacht bergan. Die Postknechte, die jetzt statt der Furien von tausend sommerfadigen Schnaken umkreist wurden, flochten ruhig die zerfaserten Endschlingen ihrer Peitschen wieder zusammen; der Kammerdiener ging neben den Pferden her, und den Vorreiter hörte man aus grauer Ferne voraustraben.
An der steilsten Stelle der Anhöhe befand sich ein kleiner Friedhof mit einem Kreuz und einem neuen großen Christusbild daran. Es war eine ärmliche Bildhauerarbeit, ausgeführt von einem ungeübten Dorfschnitzer; aber er hatte sein Werk nach dem Leben ausgeführt – nach seinem eigenen vielleicht – denn die Figur war schrecklich mager und abgezehrt.
Vor diesem traurigen Sinnbild einer Not, die seit lange immer größer wurde und den höchsten Grad noch nicht erreicht hatte, kniete ein Weib. Sie wandte sich um, als der Wagen auf sie zukam, stand rasch auf und trat an den Kutschenschlag.
»Sind Sie es, Monseigneur? Monseigneur, eine Bitte.«
Mit einem Ausruf der Ungeduld, aber unverändertem Gesicht sah Monseigneur hinaus.
»Was ist schon wieder? Was soll's? Immer Bitten!«
»Monseigneur, um des barmherzigen Gottes willen, mein Mann, der Waldhüter –«
»Was ist mit deinem Mann, dem Waldhüter? Immer dasselbe mit euch Leuten. Er kann wohl nicht zahlen?«
»Er hat alles bezahlt, Monseigneur. Er ist tot.«
»Nun, dann hat er Ruhe. Kann ich ihn dir zurückgeben?«
»Leider nein, Monseigneur. Aber er liegt dort unter einem Häuflein armseligen Grases.«
»Was weiter?«
»Monseigneur, der Häuflein armseligen Grases sind so viele.«
»Nun, und dann?«
Sie sah alt aus, obschon sie jung war. Ihr Benehmen verriet den tiefsten Kummer. Sie schlug wiederholt mit wildem Schmerz ihre dürren, dickadrigen Hände zusammen und legte dann eine derselben auf den Kutschenschlag – zart und liebkosend, als sei er eine Menschenbrust, von der sich Gefühl für die flehentliche Berührung erwarten ließ.
»Monseigneur, hört mich! Monseigneur, hört meine Bitte! Mein Mann ist aus Mangel gestorben; so viele sterben aus Not, und noch viele werden vor Mangel zugrunde gehen.«
»Was willst du von mir? Kann ich sie füttern?«
»Monseigneur, das weiß der liebe Gott; aber ich verlange dies nicht. Meine Bitte beschränkt sich nur darauf, daß ein Stückchen Stein oder Holz mit meines Mannes Namen darauf an die Stelle gesetzt werde, wo er liegt. Der Platz wird sonst bald vergessen und nicht mehr aufzufinden sein, wenn ich gestorben bin an derselben Krankheit und ich gleichfalls mein Bett finden soll unter einem Häuflein ärmlichen Grases. Monseigneur, es sind ihrer so viele; sie vermehren sich so schnell; es gibt so viel Not. Monseigneur! Monseigneur!«
Der Kammerdiener schob sie von dem Schlag zurück: der Wagen war in einen raschen Trab übergegangen, und die Postknechte trieben vorwärts, daß sie bald zurückblieb. Monseigneur aber verminderte, wieder von den Furien begleitet, rasch den Abstand von einer oder zwei Wegstunden, der ihn noch von seinem Schlosse trennte.
Die süßen Düfte der Sommernacht verbreiteten sich über alles um ihn her und umhüllten auch unparteiisch wie der fallende Regen die staubige, zerlumpte, von Arbeit erschöpfte Gruppe an dem nicht fern gelegenen Brunnen, der der Knecht unter Beihilfe der blauen Mütze, ohne die er nichts war, eines breiten feinen gespenstischen Mann beschrieb, solange sie zuhören wollte. Da sie jedoch endlich auch dieses satt bekam, so verschwand allmählich einer nach dem andern, und aus den kleinen Fenstern begannen Lichter zu flimmern, die, als die Fenster wieder dunkel wurden und mehr Sterne herauskamen, statt ausgelöscht zu werden, an den Himmel hinaufgeschossen zu sein schienen.
Um diese Zeit breitete sich der Schatten eines großen Hauses mit hohem Dach und vielen breitkronigen Bäumen über den Marquis. Und der Schatten wurde gegen das Licht einer Fackel vertauscht, als sein Wagen haltmachte und das Portal seines Schlosses für ihn geöffnet wurde.
»Ich erwarte Monsieur Charles; ist er aus England angelangt?«
»Noch nicht, Monseigneur.«
Das Schloß des Monsieur le Marquis war ein großer schwerfälliger Bau, mit einem großen steinbepflasterten Hof davor und zwei mächtigen Steintreppen, die sich an eine steinerne Terrasse von dem Hauptportal anschlossen. Eine steinerne Schicht überall, mit schweren Steinbalustraden, steinernen Urnen, steinernen Blumen, steinernen Menschengesichtern und steinernen Löwenköpfen überall, als sei sie vor zwei Jahrhunderten unmittelbar nach dem Fertigwerden vom Haupt der Meduse bestrahlt worden.
Vor der breiten Flucht der niedrigen Treppen stieg Monsieur le Marquis aus dem Wagen; die Fackel ging ihm voran und störte die Dunkelheit hinreichend, um einer Eule in dem Dach des mächtigen, hinter den Bäumen steckenden Marstalls eine laute Gegenvorstellung zu entlocken. Alles andere war so ruhig, daß die treppauf getragene Fackel und die Fackel, die man unter dem Portal hielt, brannten, als seien sie nicht in freier Luft, sondern in einem abgesperrten Prunksaal. Außer der Stimme der Eule ließ sich kein weiterer Laut vernehmen als das Plätschern einer Fontäne in ihrem steinernen Becken; denn es war eine von jenen dunkeln Nächten, die ihren Atem stundenlang anhalten und dann zu einem tiefen Seufzer ausholen, um unmittelbar darauf abermals atemlos zu werden.
Das Portal schlug hinter ihm zu, und Monsieur le Marquis schritt durch eine Halle, die grimmig starrte von alten Sauspießen, Hirschfängern und Weidmessern, noch grimmiger aber von gewissen schweren Reitgerten und Reitpeitschen, deren Gewicht mancher Bauer vor seinem Hingang zu seinem Wohltäter Tod bitter empfunden hatte, wenn sein Herr zornig war.
Die größern Gelasse vermeidend, die dunkel und während der Nacht geschlossen waren, folgte Monsieur le Marquis seinem Fackelträger eine Treppe hinan nach einer Tür zu einem Korridor. Sie ging auf und gestattete ihm den Zugang zu seiner gewöhnlichen Wohnung, die aus drei Gemächern, seinem Schlafzimmer und zwei andern bestand. Hochgewölbte Räume mit kalten Böden, die mit Teppichen belegt waren, große Feuerböcke auf den Herden für das Brennholz im Winter und aller Luxus, der für den Prunk eines Marquis in einem an Luxus gewöhnten Lande und Zeitalter paßten. Die Mode des vorletzten Ludwig, von der Linie, die nicht zu unterbrechen war – des vierzehnten Ludwig – zeichnete sich durch ihr reiches Möbelwerk aus, in das jedoch Abwechslung kam durch viele Gegenstände, die dazu dienten, alle Blätter aus der Geschichte Frankreichs zu illustrieren.
Im dritten Gemache, einem runden Zimmer in einem der vier löschhutbedachten Türme des Schlosses, stand für zwei eine Soupertafel gedeckt. Es war ein kleines hohes Zimmer mit weit offenem Fenster und geschlossenen Jalousien, so daß die Nacht nur in schmalen, schwarzen Horizontallinien, abwechselnd mit den breiten Linien von Steinfarbe, hereinschien.
»Mein Neffe«, sagte der Marquis mit einem Blick auf die Vorbereitungen zum Nachtessen, »ist, wie ich höre, noch nicht angekommen.«
»Nein; man hatte ihn mit Monseigneur erwartet.«
»Ah; es ist nicht wahrscheinlich, daß er heute noch eintreffen wird. Doch laß den Tisch immerhin, wie er ist; ich werde in einer Viertelstunde bereit sein.« Nach einer Viertelstunde war Monseigneur bereit und setzte sich zu seinem reichen, gewählten Mahle nieder. Sein Stuhl stand dem Fenster gegenüber. Er hatte sich Suppe geschöpft und wollte eben sein Glas Bordeaux an die Lippen führen, als er es wieder niedersetzte.
»Was ist das?« fragte er ruhig, aufmerksam auf die Horizontallinien von Schwarz und Steinfarbe schauend.
»Monseigneur, was?«
»Vor dem Laden draußen. Öffnet die Jalousien.«
Es geschah.
»Nun?«
»Monseigneur, es ist nichts. Ich kann nichts wahrnehmen als die Bäume und die Nacht.«
Der Diener, der sprach, hatte die Läden weit aufgeworfen und in die leere Finsternis hinausgeschaut; er stand jetzt mit dieser Leere im Hintergrund da und harrte weiterer Befehle.
»Gut«, sagte der durch nichts zu störende Gebieter. »Du magst wieder schließen.«
Auch dies geschah, und der Marquis setzte sein Nachtessen fort. Er mochte etwa zur Hälfte fertig sein, als er wieder mit seinem Glas in der Hand anhielt. Er hörte Rädergerassel, das rasch immer naher kam und zuletzt vor dem Schloß haltmachte.
»Fragt, wer angekommen ist.«
Es war der Neffe von Monseigneur. Der Marquis hatte früh am Nachmittag nur einen Vorsprung von ein paar Wegstunden vor ihm; wie scharf aber auch der Neffe fuhr, war es ihm doch nicht gelungen, Monseigneur einzuholen. In den Posthäusern hörte er, daß sein Onkel schon dagewesen sei.
Man solle ihm sagen, sagte Monseigneur, daß das Nachtessen seiner harre und er gebeten würde, hereinzukommen. Nach einer Weile trat er ein. Es war der Mann, den man in England als Charles Darnay kannte.
Monseigneur empfing ihn auf höfliche Weise, ohne ihm jedoch die Hand zu reichen.
»Du hast gestern Paris verlassen?« sagte der Neffe zu Monseigneur, als er seinen Sitz am Tische einnahm.
»Ja. Und du?«
»Ich komme direkt.«
»Von London?«
»Ja.«
»Du hast lange gebraucht zu deinem Kommen«, sagte der Marquis mit einem Lächeln.
»Im Gegenteil, ich komme direkt.«
»Entschuldige, ich meine nicht die Zeit, die du zur Reise brauchtest; es währte so lange, bis du dich zu der Reise entschlossest.«
»Ich wurde abgehalten durch –« der Neffe zögerte einen Augenblick mit seiner Antwort – »verschiedene Geschäfte.«
»Ohne Zweifel«, sagte der höfliche Onkel.
Solange das Diner dauerte, fiel kein weiteres Wort zwischen ihnen; als sie aber nach dem Kaffee allein beisammen saßen, begann der Neffe, der nach dem Onkel hinsah und den Augen des maskenähnlichen schönen Gesichts begegnete, die Unterhaltung.
»Wie du dir denken kannst, bin ich zurückgekommen, um den Zweck zu verfolgen, der mich fortführte, Er brachte mich an große und unerwartete Gefahr; aber es ist ein heiliges Ziel, und wenn es mich das Leben gekostet hätte, so würde ich mich, hoffe ich, wie ein Mann in den Tod gefunden haben.«
»Nicht in den Tod«, sagte der Onkel; »es ist nicht notwendig, zu sagen, in den Tod.«
»Ich zweifle«, entgegnete der Neffe, »ob du es für der Mühe wert gehalten haben würdest, mich zurückzuhalten, wenn es mich wirklich bis an den äußersten Rand des Grabes geführt hätte.«
Die Nasengruben und das Längerwerden der feinen geraden Linien in dem grausamen Gesicht sahen bei diesen Worten unheilverkündend aus. – Der Onkel machte eine anmutige Gebärde des Protestes, die aber so augenfällig das Ergebnis der feinen Bildung war, daß sie nicht beruhigte.
»In der Tat«, fuhr der Neffe fort, »soviel ich in Erfahrung brachte, hast du ausdrücklich darauf hingearbeitet, daß die verdächtigen Umstände, die gegen mich sprachen, noch verdächtiger erschienen.«
»Nein, nein, nein«, sagte der Onkel scherzhaft.
»Wie dem übrigens sein mag«, fuhr der Neffe fort, indem er den Marquis mit tiefem Mißtrauen betrachtete, »ich weiß, daß deine Diplomatik mir durch alle Mittel Einhalt tun und in der Wahl derselben kein Bedenken zeigen würde.«
»Mein Freund, ich hab' dir dies im voraus erklärt«, sagte der Onkel mit einem seinen Pulsieren der zwei Gruben. »Habe die Güte, dich zu erinnern, daß ich längst dir dies selbst gesagt habe.«
»Ich erinnere mich.«
»Danke schön«, sagte der Marquis in sehr süßem Ton.
Der Ton klang noch eine Weile in der Luft, fast wie der eines musikalischen Instruments.
»In Wirklichkeit«, fuhr der Neffe fort, »es ist nur dein schlimmes und mein gutes Glück, was mich hier vor einem französischen Gefängnis bewahrt hat.«
»Ich verstehe das nicht ganz«, versetzte der Onkel, seinen Kaffee schlürfend. »Darf ich um eine Erklärung bitten?«
»Ich glaube, wenn du nicht bei Hof in Ungnade wärest, und nicht schon seit Jahren dich diese Wolke umschattete, so würde längst ein lettre de cachet mich für unbestimmte Zeit nach irgendeiner Festung geschickt haben.«
»Es ist möglich«, sagte der Onkel mit großer Ruhe. »Um der Ehre der Familie willen hätte ich mich wohl entschließen können, dich bis zu dieser Ausdehnung zu inkommodieren. Ich bitte, entschuldige mich.«
»Ich bemerke, daß zum Glück der vorgestrige Empfangstag wie gewöhnlich ein kalter war«, entgegnete der Neffe.
»Ich würde nicht sagen, zum Glück«, erwiderte der Onkel mit größter Höflichkeit, »denn ich wüßte dies nicht so gewiß. Eine gute Gelegenheit zum Nachdenken, unterstützt von den Vorteilen der Einsamkeit, dürfte auf dein Schicksal einen weit günstigeren Einfluß üben, als dies dein sonstiges Handeln tun kann. Doch es ist nutzlos, diese Frage zu verhandeln. Ich bin, wie du sagst, im Nachteil. Jene kleinen Korrektionsmittel, die milden Stützpunkte der Macht und Ehre von Familien, die geringen Gunstbezeugungen, die dir so ungelegen kommen könnten, sind jetzt nur noch durch Einfluß und Zudringlichkeit zu erwirken. So viele suchen darum nach, und sie werden verhältnismäßig so wenigen erteilt. Früher war es anders, aber in allen solchen Dingen hat sich Frankreich sehr verschlechtert. Unsere Vorfahren besaßen vor nicht gar langer Zeit, dem Pöbel ihrer Umgebung gegenüber, das Recht über Leben und Tod. Von diesem Zimmer sind viele solche Galgenstricke hinausgeschleppt worden, um gehangen zu werden, und wir selbst können uns noch erinnern, daß in dem nächsten Gemach, meinem Schlafzimmer, ein Kerl auf der Stelle erdolcht wurde, weil er ein unverschämtes Zartgefühl zur Schau stellte in Beziehung auf seine Tochter – seine Tochter! Wir haben viele Vorrechte verloren: eine neue Philosophie ist in die Mode gekommen, und die Behauptung unserer Stellung könnte heutzutage – ich gehe nicht so weit, zu sagen, ›würde‹, sondern nur ›könnte‹ – uns in ernstliche Angelegenheit bringen. Alles sehr schlimm, sehr schlimm!«
Der Marquis nahm eine gebildete kleine Prise Tabak und schüttelte den Kopf, mit ziemlicher Eleganz an einem Lande verzweifelnd, das ihm diese großen Mittel der Wiedergeburt vorenthielt.
»Wir haben sowohl in alten Zeiten wie in der neuen unsere Stellung in einer Weise behauptet«, versetzte der Neffe düster, »daß ich glaube, unser Name ist mehr verabscheut als irgendeiner in Frankreich.«
»Wollen wir dies hoffen«, sagte der Onkel. »Verabscheuung der Hochgestellten ist die unwillkürliche Huldigung der Niedrigen.«
»In der ganzen Gegend ringsumher«, fuhr der Neffe in dem früheren Tone fort, »gibt es kein Gesicht, das mit Achtung zu mir aufblickt: ich begegne in den Mienen nur dem finstern Ausdruck der Furcht und der Sklaverei.«
»Ein Kompliment für die Größe der Familie«, sagte der Marquis, »verdient durch die Art, wie die Familie ihre Größe gewahrt hat. Ha!«
Und er nahm wieder eine ganz kleine Prise und legte leicht die Beine übereinander. Aber als der Neffe, einen Ellenbogen auf den Tisch gestützt, gedankenvoll und niedergeschlagen die Augen mit der Hand bedeckte, schaute die schöne Maske seitwärts mit einer stärkeren Konzentration von Strenge, Verschlossenheit und Abneigung nach ihm hin, als sich mit der vorgeschützten Gleichgültigkeit ihres Trägers vereinbaren ließ.
»Druck ist die einzige nachhaltige Philosophie«, bemerkte der Marquis. »Der finstere Ausdruck der Furcht und Sklaverei, mein Freund, macht, daß diese Hunde der Peitsche gehorsam bleiben, solange dieses Dach« – er sah danach aufwärts – »den Himmel ausschließt.«
Das dauerte vielleicht nicht so lange, als der Marquis meinte. Hätte man ihm in jener Nacht ein Bild seines Schlosses zeigen können, wie es nur einige Jahre später aussah, und wie fünfzig ähnliche Schlösser gleichfalls nach der kurzen Frist von einigen Jahren aussahen, so würde er wohl in den gespenstischen, verkohlten, ausgeraubten Trümmern sein Eigentum nicht wiedererkannt haben. Und was das gerühmte Dach betraf, so hätte er wohl gefunden, daß es in einer Neuen Art den Himmel ausschloß, nämlich für immer vor den Blicken der Körper, die mit seinem Blei durchschossen wurden, aus den Läufen von hunderttausend Musketen.
»Inzwischen«, sagte der Marquis, »werde ich für die Ehre und Ruhe der Familie sorgen, wenn du es nicht tun willst. Doch du wirst müde sein. Wollen wir die Unterhaltung für heute abbrechen?«
»Nur noch einen Augenblick.«
»Eine Stunde, wenn's beliebt.«
»Wir haben unrecht getan«, versetzte der Neffe, »und ernten jetzt die Früchte unseres Unrechts.«
»Wir haben unrecht getan?« wiederholte der Marquis mit einem fragenden Lächeln, indem er fein zuerst auf seinen Neffen, dann auf sich deutete.
»Unsere Familie, unsere ehrenwerte Familie, deren Ehre uns beiden in so verschiedener Weise am Herzen liegt. Sogar in meines Vaters Zeit übten wir eine Welt voll Unrecht und schädigten jedes menschliche Wesen, wer es auch sein mochte, das uns in unserem willkürlichen Treiben störte. Doch warum spreche ich von der Zeit meines Vaters, da sie auch die deinige ist? Kann ich meines Vaters Zwillingsbruder, Miterben und nächsten Nachfolger von ihm selbst trennen?«
»Der Tod hat das getan«, sagte der Marquis.
»Und mich hat er an ein System gefesselt«, erwiderte der Neffe, »das mir schrecklich ist wegen seiner Unmacht und seiner Verantwortlichkeit. Ich suchte die letzte Bitte von den Lippen meiner teuren Mutter zu erfüllen und dem letzten Blick aus ihren lieben Augen zu gehorchen, die mir flehentlich Erbarmen und Güte anempfahlen. Vergeblich marterte ich mich ab, die Macht dazu und Beistand zu gewinnen.«
»Wenn du diese bei mir suchst, mein Neffe«, sagte der Marquis, indem er mit seinem Zeigefinger dessen Brust berührte – sie standen jetzt bei dem Herd – »so sei versichert, daß deine Mühe stets vergeblich sein wird.«
Jede feine gerade Linie in dem klaren Weiß seines Gesichts war grausam, verschmitzt und unheimlich zusammengezogen, während er so, die Tabaksdose in der Hand, seinem Neffen gegenüberstand. Und abermals berührte er dessen Brust, als sei sein Finger die feine Spitze eines Dolches, die er mit aller Höflichkeit ihm ins Herz zu drücken Lust hatte.
»Mein Freund«, sagte er, »ich werde das System, in dem ich gelebt habe, verfolgen, bis ich tot bin.«
Nach diesen Worten nahm er eine kulminierende Prise und steckte die Dose in seine Tasche.
»Besser, ein vernünftiges Wesen zu sein«, fügte er hinzu, nachdem er die kleine Klingel auf dem Tisch geläutet hatte, »und sich in seine natürliche Bestimmung zu fügen. Aber ich sehe, du bist verloren, Monsieur Charles.«
»Dieses Eigentum und Frankreich sind allerdings für mich verloren«, sagte der Neffe traurig. »Ich verzichte darauf.«
»Gehört beides dir, daß du darauf verzichten könntest? Auf Frankreich meinetwegen, aber auf dieses Eigentum? Es ist kaum des Erwähnens wert, aber gehört es noch dir?«
»Die Worte, die ich brauchte, haben nicht den Sinn, als ob ich Anspruch darauf erhübe. Wenn es morgen von dir auf mich überginge –«
»Ich bin so eitel, zu hoffen, daß dies nicht wahrscheinlich ist.«
»Oder in zwanzig Jahren erst –«
»Du erweisest mir zu viel Ehre«, sagte der Marquis; »doch gefällt mir diese Annahme besser.«
»So würde ich ihm entsagen und irgendwo anders mein Leben durchzubringen suchen. Der Verzicht würde mir nicht schwer. Was ist es auch anders als eine Wildnis voll Elend und Ruin.«
»Ha!« sagte der Marquis, in dem prunkvollen Zimmer umherschauend.
»Hier macht es sich wohl schön genug für das Auge; aber in seiner Ganzheit unter freiem Himmel und im Lichte des Tages betrachtet, ist es ein zusammenbröckelnder Bau von Verschwendung, schlechter Verwaltung, Erpressung, Schulden, Verpfändung, Druck, Hunger, Blöße und Leiden.«
»Ha!« wiederholte der Marquis mit selbstzufriedener Miene.
»Wenn es je mein wird, so soll es in Hände kommen, die besser geeignet sind, es – wenn dies je möglich ist – allmählich von dem Druck zu befreien, der darauf lastet. Die nächste Generation des unglücklichen Volkes, das an die Scholle geheftet ist und erduldet hat, was man nur erdulden kann, kriegt es dann vielleicht besser. Ich vermag nichts; denn es liegt ein Fluch darauf wie auf dem ganzen Lande.«
»Und du?« sagte der Onkel. »Verzeihe mir meine Neugierde. – Hoffst du bei deiner neuen Philosophie auch standesgemäß leben zu können?«
»Ich werde tun, was andere meiner Landsleute, vielleicht der höchste Adel darunter, auch werden tun müssen – arbeiten.«
»In England zum Beispiel?«
»Ja. In diesem Lande ist die Familienehre sicher vor mir. Der Familienname kann durch mich nicht zu Schaden kommen, denn ich führe dort einen andern.« Auf den Ruf der Klingel waren in dem anstoßenden Schlafzimmer die Lichter angezündet worden, deren Helle durch die Verbindungstür hereindrang. Der Marquis schaute in diese Richtung und hörte auf den Tritt des sich entfernenden Kammerdieners.
»Ich habe bereits gesagt, daß ich fühle, wie sehr ich dir für mein dortiges Fortkommen verpflichtet bin. Im übrigen ist es ein Asyl für mich.«
»Die prahlerischen Engländer sagen, es sei ein Asyl für viele. Du kennst einen Landsmann, der dort auch ein Asyl gefunden hat – einen Doktor?«
»Ja.«
»Mit einer Tochter?«
»Ja.«
»Ja«, sagte der Marquis. »Du bist müde. Gute Nacht!«
Während er in der höflichsten Weise das Haupt verbeugte, lag in seinem lächelnden Gesicht ein Heimlichtun, und er übertrug auch in seine Worte den Ausdruck des Geheimnisses, so daß die Augen und Ohren seines Neffen notwendig Notiz davon nehmen mußten. Zu gleicher Zeit krümmten sich die feinen geraden Linien der Augenlider, die dünnen geraden Lippen und die Marken der Nase mit einem Sarkasmus, der das Gesicht eigentlich teuflisch schön erscheinen ließ.
»Ja«, wiederholte der Marquis. »Ein Doktor mit einer Tochter. Ja, so beginnt die neue Philosophie! Du bist müde. Gute Nacht!«
Es würde ebensoviel genützt haben, eines der steinernen Gesichter außerhalb des Schlosses, zu fragen, wie in dem seinen Auskunft zu suchen. Der Neffe forschte vergeblich darin, als er sich nach der Tür hin bewegte.
»Gute Nacht!« sagte der Onkel. »Ich habe das Vergnügen, dich morgen früh wiederzusehen. Angenehme Ruhe! Leuchtet meinem Herrn Neffen nach seinem Zimmer! – Und verbrennt meinetwegen meinen Herrn Neffen in seinem Bett«, fügte er vor sich hin hinzu, ehe er abermals die Klingel rührte und damit den Kammerdiener nach seinem Schlafgemach beschied.
Der Kammerdiener kam und ging. Monsieur le Marquis spazierte in seinem weiten Schlafrock auf und ab, um sich in jener heißen, stillen Nacht ordentlich für den Schlaf vorzubereiten. Seine weichen Pantoffeln machten, während er umherwandelte, kein Geräusch auf dem Boden; er bewegte sich dahin wie ein veredelter Tiger und nahm sich dabei aus wie irgendein verzauberter Marquis von der schlechten, reuelosen Sorte im Märchen, der eben seine periodische Umwandlung in die Gestalt des gedachten Untiers antreten will oder beendigt hat.
Er durchschritt sein üppiges Schlafgemach von einem Ende bis zum andern und beschäftigte sich mit den Eingebungen seiner kürzlichen Reise, die ungebeten sich seinem Geiste vergegenwärtigten – mit dem langsamen Berganfahren abends, mit der untergehenden Sonne, dem Hinabfahren, der Mühle, dem Gefängnis auf dem Felsen, dem Dörflein im Tal, den Bauern am Brunnen und dem Knecht, der mit seiner blauen Mütze nach der Kette unter dem Wagen deutete. Der Brunnen erinnerte ihn an den zu Paris, auf dessen Fliesen das kleine Bündel lag, an die Weiber, die sich darüberhin beugten, und an den großen Mann mit den gerungenen Händen der »tot!« rief.
»Ich bin jetzt abgekühlt«, sagte Monsieur le Marquis, »und kann zu Bett gehen.«
Auf dem großen Herd blieb nur ein einziges Licht brennen. Er ließ die dünnen Gazevorhänge um sich her niederfallen und hörte, als er sich zum Schlafen anschickte, die Nacht mit einem langen Seufzer ihr Schweigen brechen.
Die steinernen Gesichter an den Außenmauern starrten blind drei schwerfällige Stunden in die Nacht hinaus. Drei schleppende Stunden rasselten die Pferde in den Ställen an ihren Krippen; die Hunde bellten, und die Eule machte einen Lärm, der nur sehr wenig Ähnlichkeit mit dem Geräusch hatte, den die Dichter konventionell den Eulen zuzuschreiben pflegen. Es ist überhaupt der hartnäckige Brauch solcher Geschöpfe, kaum je das zu sagen, was man ihnen auf die Zunge legt.
Drei schleppende Stunden starrten die steinernen Gesichter des Schlosses, Löwen sowohl wie Menschen, blind in die Nacht hinaus. Tiefes Dunkel lag auf der ganzen Landschaft; das tiefe Dunkel verstärkte noch die eigene Stille damit, daß es den Staub auf allen Wegen zur Ruhe brachte. Mit dem Friedhof war es soweit gekommen, daß seine kleinen Häuflein ärmlichen Grases sich nicht mehr unterscheiden ließen und die Figur hätte vom Kreuz heruntersteigen können, ohne daß man es merkte. Durch das ganze Dorf lagen die Steuereinnehmer und die Besteuerten in tiefem Schlaf. Träumend vielleicht von Banketten, wie der Hungernde so gern tut, und von Ruhe und Bequemlichkeit, wie man dies von dem gehetzten Sklaven und dem Jochochsen erwarten kann, schliefen die ausgemergelten Einwohner gesund; sie wurden genährt und fühlten sich frei.
Drei dunkle Stunden lief der Brunnen im Dorf ungesehen und ungehört, und die Fontäne im Schloß plätscherte ungesehen und ungehört – beide verrinnend wie die Minuten, die aus dem Born der Zeit fielen. Dann begannen die grauen Wasser beider im Lichte ein gespenstisches Aussehen anzunehmen, und die Augen der Steingesichter an dem Schloß taten sich auf.
Heller und Heller, bis endlich die Sonne die Wipfel der stillen Bäume berührte und ihren Strahlenglanz über den Berg ausgoß. In der Glut schienen die Wasser der Schloßfontäne sich in Blut zu verwandeln und die steinernen Gesichter purpurn sich zu röten. Laut und lebhaft klang der Gesang der Vögel, und auf dem verwitterten Sims vor dem großen Fenster des Schlafzimmers von Monsieur le Marquis sang ein kleines Vögelchen mit Macht sein süßestes Lied. Darüber schien das nächste Steingesicht erstaunt die Augen aufzureißen und mit offenem Munde und niedergelassener Kinnlade sich zu entsetzen. Die Sonne war voll aufgegangen, und im Dorfe wurde es lebendig. Die Fenster taten sich auf, wurmstichige Türen wurden entriegelt, und fröstelnd kamen Leute heraus in die noch kühle, frische Luft. Dann begann die selten erleichterte Mühe des Tages unter der Dorfeinwohnerschaft. Einige an den Brunnen, andere aufs Feld hinaus: Männer und Weiber hier, um zu graben und zu schaufeln, Männer und Weiber dort, um nach dem ärmlichen Vieh zu sehen und knöcherne Kühe hinauszutreiben auf eine Weide, wie sie sich eben an den Wegrainen finden ließ. In der Kirche und vor dem Kreuz eine oder zwei kniende Gestalten, und dem Gebet der letzteren zuhörend die Leitkuh, die in dem Unkraut um das Kreuz her ein Frühstück zusammenzubringen suchte.
Das Schloß erwachte, wie es seiner Würde ziemte, später; aber es erwachte allmählich und sicher. Zuerst röteten sich die einsamen Sauspieße und Weidmesser wie vor alters und blitzten dann blank im Morgensonnenschein. Dann gingen Türen und Fenster auf; die Pferde in den Ställen sahen über ihre Schultern nach dem Licht und der Frische zurück, die zur Tür hereinströmten; Blätter funkelten und rauschten vor den eisernen Fenstergittern; Hunde zerrten mit Ungestüm an ihren Ketten und wollten losgelassen werden.
Alle diese unbedeutenden Vorkommnisse gehörten dem Schlendrian des Lebens und dem wiederkehrenden Morgen an. Aber doch wohl nicht auch das Läuten der großen Glocke auf dem Schloß, das Aufundabrennen auf den Treppen, das Dahinhuschen von Personen auf der Terrasse, das Stiefeln und Stampfen da, dort und überall, oder das hurtige Satteln von Pferden und das Fortreiten?
Welche Winde brachten Kunde von dieser Hast an den grauhaarigen Knecht, der schon jenseits des Dorfes auf der Höhe an der Arbeit war, und dessen Mittagsmahl – es war leicht genug; eine Krähe hätte es forttragen können – in einem Bündel auf dem Steinhaufen neben ihm lag? Hatten die Vögel einige Körnchen davon ins Weite getragen und nach Art ihres zufälligen Aussäens eines über ihm niederfallen lassen? Sei dem, wie ihm wolle, der Knecht jagte an jenem frühen Morgen, als gelte es sein Leben, knietief im Staub den Berg hinab und hielt nicht inne, bis er den Brunnen erreicht hatte.
Die ganze Dorfeinwohnerschaft war um den Brunnen versammelt; sie standen in ihrer gedrückten Weise umher und flüsterten miteinander, zeigten aber keine andere Erregung als die einer mürrischen Neugier und Überraschung. Die Leitkühe, die man hastig hereingebracht und an den nächsten besten Haltpfählen angebunden hatte, guckten dumm zu oder legten sich nieder und zerkauten nochmals das ärmliche Futter, das sie bei ihrem unterbrochenen Schleudergang abgemäht hatten. Einige Leute aus dem Schloß, einige aus dem Posthaus und sämtliche Steuerbeamte waren mehr oder weniger bewaffnet und drängten sich nach der andern Seite der kleinen Straße zusammen. Bereits war der Knecht in die Mitte einer Gruppe von fünfzig besonderen Freunden gedrungen und zerschlug sich mit seiner blauen Mütze die Brust. Was hatte alles dies zu bedeuten, und warum warf Monsieur Gabelle sich so hurtig hinter einem Bedienten aufs Pferd, um, das Tier doppelt belastend und gleichsam eine neue Auflage von Bürgers Lenore bildend, im Galopp dahingetragen zu werden?
Es bedeutete, daß droben im Schloß ein steinernes Gesicht weiter war.
Die Gorgone hatte in der Nacht das Schloß wieder betrachtet und das noch fehlende steinerne Gesicht hinzugefügt – das steinerne Gesicht, auf das es schon seit zweihundert Jahren gewartet.
Es lag auf dem Kissen von Monsieur le Marquis. Es glich einer schönen Maske, die plötzlich aufgeschreckt, erzürnt und versteinert wurde. Im Herzen der damit in Verbindung stehenden steinernen Figur steckte ein Messer. Um das Heft desselben war ein Papierstreifen gerollt und auf diesen gekritzelt:
»Im Galopp mit ihm zu Grabe! Dies von Jacques.«
Noch mehr Monate waren zu der Zahl zwölf gekommen und verronnen, und Mr. Charles Darnay wirkte in England als ein höherer Lehrer der französischen Sprache und Literatur. In unsern Tagen würde man ihn Professor genannt haben: damals aber war er eben Privatlehrer. Er hielt Jünglingen, die Zeit und Interesse für das Studium einer lebendigen Sprache hatten, die durch die ganze Welt gesprochen wurde, Vorlesungen und brachte ihnen Geschmack bei für die wissenschaftlichen und poetischen Werke der Franzosen; auch konnte er in gutem Englisch darüber schreiben und sie gut ins Englische übersetzen. Solche Lehrer waren in jener Zeit nicht häufig; denn gewesene Prinzen und künftige Könige hatten sich noch nicht dem Lehrfach zugewendet, wie denn auch noch kein zugrundegerichteter Adel aus Tellsons Büchern gestrichen wurde, nachdem seine Mitglieder Köche oder Zimmerleute geworden waren. Der junge Mr. Darnay wurde bald als Lehrer, der seinen Schülern den Lehrstoff gut und angenehm beizubringen verstand, und als Übersetzer, der nicht bloß mit einer Wörterbuchsprachkenntnis arbeitete, bekannt und unterstützt. Er war außerdem ein gründlicher Kenner der Verhältnisse seines Vaterlandes, die immer interessanter wurden, und so gelang es ihm denn, sich durch seine Beharrlichkeit und seinen unermüdlichen Fleiß ein gutes Auskommen zu verschaffen.
Er hatte von London nicht erwartet, daß er auf einem Pflaster von Gold wandeln oder in einem Rosenbett ruhen dürfe, denn mit solchen hochfliegenden Erwartungen würde er es nie vorwärts gebracht haben. Er war auf Arbeit gefaßt gewesen, die er fand und aufs beste ausnützte. Hierin bestand sein Auskommen.
Einen gewissen Teil seiner Zeit verbrachte er in Cambridge, wo er den Studenten Vorlesungen hielt, als eine Art geduldeter Schmuggler, der einen Schleichhandel trieb mit europäischen Sprachen, statt durch das Zollhaus Griechisch und Lateinisch einzuführen; seine übrige Zeit verlebte er in London.
Nun ist von den Tagen an, als es immer Sommer in Eden war, bis zu denen, in denen es in den tieferen Breiten fast immer wintert, die Welt des Mannes unabänderlich denselben Weg gegangen, den auch Charles Darnay ging – dem Weibe nach.
Er hatte Lucie Manette geliebt von der Stunde seiner Gefahr an. Nie war ihm ein Ton so süß und so lieb vorgekommen wie der Ton ihrer mitleidvollen Stimme; nie hatte er ein so zartes, schönes Gesicht gesehen wie das ihrige, als sie ihm gegenüberstand an dem Grabe, das für ihn bereits offen dalag. Doch war von ihm der Gegenstand noch nie berührt worden. Der Mord in dem verlassenen Schlosse weit weg jenseits der wogenden Wellen und der langen, staubigen Straßen – in dem steinernen Schloß, das selbst zu einem bloßen nebligen Traum geworden – hatte vor einem Jahr stattgefunden, er aber seitdem nie, auch nicht durch eine Silbe, ihr den Zustand seines Herzens geoffenbart.
Daß er sich nicht ohne gute Gründe dessen enthielt, wußte er. Es war wieder ein Sommertag, als er, von seiner Kollegiumsbeschäftigung spät in London angelangt, um die ruhige Ecke in Soho einbog mit der Absicht, eine Gelegenheit herbeizuführen, um Doktor Manette sein Inneres zu erschließen. Es war abends um die Zeit, von der er wußte, daß sich Lucie mit Miß Proß außer dem Hause befand.
Der Doktor saß eben lesend in seinem Armstuhl am Fenster. Er war allmählich wieder in den Besitz der Tatkraft gelangt, die ihn unter seinen früheren Leiden aufrechterhalten, aber auch diese um so schmerzlicher für ihn gemacht hatte. Man konnte ihn jetzt einen sehr tatkräftigen Mann mit ehernem Willen und fester Ausdauer nennen. In seiner wiedergewonnenen Energie zeigte sich indes bisweilen etwas Unstetes, Raschaufzuckendes, wie sich dies im Anfange auch bei seinen andern wiedererwachenden Fähigkeiten kundgetan hatte; allerdings bemerkte man es nie oft, und in letzter Zeit war es immer seltener und seltener geworden.
Er studierte viel, schlief wenig, konnte große Anstrengung mit Leichtigkeit ertragen und war dabei heiter und zufrieden. Als Charles Darnay bei ihm eintrat, legte er sein Buch beiseite und bot ihm die Hand.
»Charles Darnay! Ich freue mich, Sie zu sehen. Wir haben Sie schon vor drei oder vier Tagen zurückerwartet. Mr. Stryver und Sydney Carton waren gestern hier, und beide erklärten, Sie übertreiben die Pünktlichkeit.«
»Ich bin ihnen sehr verbunden für ihr Interesse an der Sache«, versetzte er mit einiger Kälte für die Angezogenen, aber dafür mit desto mehr Wärme gegen den Doktor. »Miß Manette –«
»Ist wohl«, sagte der Doktor, ihm ins Wort fallend, »und Ihre Rückkehr wird uns allen Freude machen. Sie ist in Haushaltungsangelegenheiten ausgegangen, wird aber bald wieder hier sein.«
»Doktor Manette, ich weiß, daß sie abwesend ist, und wollte diese Gelegenheit benutzen, mit Ihnen zu sprechen.«
Es folgte ein Schweigen der Verlegenheit.
»Ja?« »ersetzte endlich der Doktor mit sichtlichem Zwange. »So bringen Sie Ihren Stuhl her und reden Sie.«
Mr. Darnay willfahrte in Beziehung auf den Stuhl, schien aber das Reden weniger leicht zu finden.
»Ich habe seit anderthalb Jahren das Glück gehabt, Doktor Manette«, begann er zuletzt, »hier so vertraut angesehen zu werden, daß ich hoffe, der Gegenstand, der mir auf dem Herzen liegt, werde –«
Er schwieg, denn der Doktor streckte seine Hand aus, um ihm Einhalt zu tun. Nachdem dieser eine Weile in seiner Gebärde verharrt und dann die Hand wieder zurückgezogen hatte, fragte er:
»Ist Lucie der Gegenstand?«
»Ja.«
»Es kommt mir zu jeder Zeit schwer an, über sie zu sprechen: besonders schmerzlich aber wird mir's, wenn ich von ihr reden hören soll in dem Tone, dessen Sie sich eben bedienten, Charles Darnay.«
»Es ist der Ton heißer Verehrung, treuer Huldigung und wahrer Liebe, Doktor Manette«, versetzte der andere ehrerbietig.
Abermals eine Pause der Verlegenheit, ehe der Doktor erwiderte:
»Ich glaube es. Ich lasse Ihnen Gerechtigkeit widerfahren, ich glaube es.«
Sein Zwang war so augenfällig, und man sah so klar, wie er aus der Abgeneigtheit, diesen Gegenstand zu berühren, hervorging, daß Charles Darnay zögerte.
»Soll ich fortfahren, Sir?«
Abermalige Pause.
»Ja; fahren Sie fort.«
»Sie werden sich wohl denken, was ich sagen will, obgleich Sie nicht wissen können, mit welchem Ernst ich es sage, und wie tief ich es fühle, wenn Sie nicht mein innerstes Herz und die Hoffnungen und Befürchtungen kennen, mit denen es sich schon so lange trägt. Mein teurer Doktor Manette, ich liebe Ihre Tochter warm, innig, uneigennützig und hingebend. Wenn es je Liebe in der Welt gab, so liebe ich sie. Sie haben selbst geliebt; lassen Sie Ihre alte Liebe für mich das Wort nehmen.«
Der Doktor saß mit abgewendetem Gesicht da und hielt die Augen auf den Boden geheftet. Bei den letzten Worten streckte er hastig seine Hand wieder aus und rief:
»Nicht so, Herr; lassen Sie das. Ich beschwöre Sie, rufen Sie mir nicht dies in Erinnerung.«
Sein Ausruf trug so unverkennbar den Charakter eines wahren Schmerzes, daß er Charles Darnay noch lange nachher in den Ohren klang. Er bewegte die ausgestreckte Hand und schien damit Darnay anzuflehen, daß er innehalten möchte. Wenigstens deutete sich letzterer die Sache so und blieb still.
»Ich bitte Sie um Verzeihung«, sagte der Doktor nach einer Weile in gedämpftem Ton. »Ich zweifle nicht daran, daß Sie Lucie lieben. Dies mag Sie zufriedenstellen.«
Er drehte sich auf seinem Sitz gegen ihn hin, ohne ihn jedoch anzusehen oder die Augen aufzuschlagen. Sein Kinn ruhte auf der unterstützenden Hand, und das weiße Haar überschattete sein Gesicht.
»Haben Sie mit Lucie gesprochen?«
»Nein.«
»Ihr geschrieben?«
»Nie.«
»Es wäre unedel, wenn ich mir den Anschein geben wollte, als fühle ich nicht, daß Ihre Selbstverleugnung in den Rücksichten für ihren Vater begründet ist. Der Vater dankt Ihnen.«
Er bot seine Hand an, aber seine Augen folgten ihr nicht.
»Ich weiß –« sagte Darnan achtungsvoll – »wie sollte es mir, der ich euch Tag für Tag zusammen gesehen habe, Doktor Manette, entgangen sein, daß zwischen Ihnen und Miß Manette eine so ungewöhnliche, so rührende und ganz den Umstanden angemessene Zuneigung besteht, wie man sie selbst in der Zärtlichkeit zwischen einem Vater und einem Kinde nur selten findet. Ich weiß, Doktor Manette – wie sollte ich es nicht wissen –, daß ihr Herz Ihnen die volle Innigkeit und das Vertrauen des Kindes, gemischt mit der Liebe und dem Pflichtgefühl der zur Jungfrau herangewachsenen Tochter, bewahrt hat. Ich weiß, daß sie jetzt, nachdem ihre Kindheit des Vaters beraubt war, sich Ihnen widmet mit der warmen Glut und Beständigkeit ihres reiferen Alters und Charakters, vereint mit der Zutraulichkeit und Liebe jener früheren Zeit, in der sie den Vater missen mußte. Ich weiß vollkommen wohl, daß Sie, wenn Sie aus einer andern Welt zu ihr zurückgekehrt wären, in ihren Augen keine heiligere Glorie hätten tragen können, als die ist, in welcher sie Sie stets erblickt. Ich weiß, daß, wenn sie sich an Sie anklammert, die Arme des Kindes, der Jungfrau und des Weibes zugleich Ihren Nacken umfangen halten. Ich weiß, daß in ihrer Liebe zu Ihnen sie ihre Mutter sieht und liebt, wie diese in ihrem Alter war – daß sie Sie sieht und liebt als einen Mann in meinem Alter – daß sie die Mutter mit ihrem gebrochenen Herzen liebt und Ihnen liebend folgt durch Ihre schrecklichen Prüfungen bis zu Ihrer glücklichen Erlösung. Ich habe all dies in meinem Innern geschaut Tag und Nacht, seit ich Sie in Ihrem Heimwesen kennenlernte.«
Ihr Vater saß stumm da, das Antlitz niedergebeugt. Sein Atem ging ein wenig schneller, aber er unterdrückte alle weiteren Zeichen der Aufregung.
»Mein teurer Doktor Manette, ich wußte dies immer, sah Sie beide stets in diesem geheiligten Lichte und habe deshalb an mich gehalten – an mich gehalten, solange die Mannesnatur es vermochte. Ich fühlte, und fühle es auch jetzt, daß ein Einmengen meiner Liebe – der meinigen sogar –als eine Berührung Ihrer Liebe mit etwas Unheiligerem erscheint. Aber ich liebe sie. Der Himmel ist mein Zeuge, daß ich sie liebe.«
»Ich glaube es«, entgegnete ihr Vater traurig. »Es ist mir schon früher so vorgekommen. Ich glaube es.«
»Aber glauben Sie ja nicht«, sagte Darnay, an dessen Ohr der wehmütige Ton der Stimme wie ein Vorwurf schlug, »daß mir ernst sein könnte mit dem, was ich jetzt sage, wenn in dem für mich überglücklichen Fall, daß sie mein Weib werden wollte, nur entfernt an eine Trennung zwischen Ihnen gedacht werden müßte. Abgesehen davon, daß ich weiß, wie wenig Hoffnung mir dann bliebe, müßte es mir auch in dem Lichte einer Schändlichkeit erscheinen. Wenn der Gedanke an eine solche Möglichkeit, selbst für noch so ferne Zeit, je in dem verborgensten Winkel meines Herzens geweilt hätte oder darin überhaupt Eingang zu finden vermöchte, so könnte ich nicht jetzt diese geehrte Hand berühren.«
Und er legte bei diesen Worten die seinige auf die des Doktors.
»Nein, mein teurer Doktor Manette. Wie Sie ein freiwilliger Verbannter aus Frankreich; wie Sie aus der Heimat vertrieben durch ihre Zerrüttung, ihre Bedrückung und ihr Elend; wie Sie meinen Unterhalt und eine glücklichere Zukunft von der eigenen Anstrengung erwartend, sehne ich mich nur danach, Ihrem Glücksstern zu folgen, Leben und Herd mit Ihnen zu teilen und Ihnen treu zu sein bis in den Tod. Ich will Lucien von ihrem Vorrecht, Ihr Kind, Ihre Gefährtin und Freundin zu sein, nichts entziehen: aber zu Hilfe kommen möchte ich ihr dabei und sie noch inniger an Sie heften, wenn dies anders möglich ist.«
Seine Hand ruhte noch immer auf der ihres Vaters. Nachdem letzterer für einen Augenblick, aber nicht kalt, die Berührung erwidert hatte, stützte er die Hände auf die Stuhllehne und blickte zum erstenmal seit dem Beginn der Besprechung auf. In seinem Gesicht zeigte sich ein Kampf – ein Kampf, begleitet von jenem gelegentlichen Ausdruck, der so leicht in düsteren Zweifel und Furcht überging.
»Sie sprechen so gefühlvoll und männlich, Charles Darnay, daß ich Ihnen aus voller Seele danke und auch Ihnen mein ganzes Herz oder doch fast mein ganzes Herz aufschließen will. Haben Sie Grund zu glauben, daß Lucie Sie liebt?«
»Nein. Bis jetzt nicht.«
»Ist es der unmittelbare Zweck dieses Vertrauens, darüber mit meinem Vorwissen Gewißheit zu erhalten?«
»Nicht gerade. Ich erwarte dies vor Wochen noch nicht zu erfahren, obschon ich meine Hoffnungsfülle, sei sie nun eine begründete oder nicht, mir bewahren möchte.«
»Verlangen Sie Unterstützung von mir?«
»Nein, Sir, obschon ich es für möglich gehalten habe, es dürfte in Ihrer Macht liegen, mich zu leiten, wenn es Ihnen passend erscheinen sollte.«
»So erwarten Sie wohl eine Zusage?« »Ja.«
»Des Inhalts?«
»Ich begreife wohl, daß ich ohne Sie keine Hoffnung haben kann. Auch ist mir klar, daß ich in Miß Manettes unschuldigem Herzen, selbst wenn sie mein Bild darin trüge, obschon ich nicht so anmaßend bin, dies zu vermuten, keinen Platz zu behaupten vermöchte im Widerspruch mit ihrer Liebe zu ihrem Vater.«
»Wenn dies der Fall ist, sehen Sie wohl, was anderweitig daraus folgen müßte?«
»Ich begreife nicht minder, daß ein Wort aus dem Munde ihres Vaters zugunsten eines Bewerbers bei ihr mehr Gewicht hätte als die ganze übrige Welt. Aus diesem Grunde, Doktor Manette«, fügte Darnay bescheiden, aber mit Festigkeit bei, »möchte ich um dieses Fürwort nicht bitten, und wenn mein Leben daran hinge.«
»Ich traue Ihnen dies zu. Charles Darnay, Geheimnisse entstehen aus inniger Liebe ebensogut wie aus weiter Spaltung; im ersteren Falle sind sie gar zart und verfänglich und schwer zu ergründen. Meine Tochter Lucie ist in dieser Beziehung ein solches Geheimnis für mich; ich habe keine Vermutung über den Zustand ihres Herzens.«
»Darf ich fragen, Sir, ob Sie glauben, es –«
Da er zögerte, so ergänzte ihr Vater den Satz.
»Es bemühe sich ein anderer Freier um sie?«
»Das ist ist's, was ich sagen wollte.«
Nach einigem Nachdenken erwiderte der Doktor:
»Sie haben Mr. Carton selbst hier gesehen. Auch Mr. Stryver kommt gelegentlich her. Wenn es der Fall wäre, so könnte nur einer von diesen zweien in Frage kommen.«
»Oder beide«, sagte Darnay.
»Ich hatte nicht an beide gedacht und halte es auch nicht für wahrscheinlich. Sie verlangen eine Zusage von mir. Sprechen Sie, worin soll sie bestehen?«
»Wenn Miß Manette je von freien Stücken sich mit einem ähnlichen Vertrauen an Sie wendet, wie ich es heute zu tun gewagt habe, so bitte ich Sie, mir meine heutigen Worte und Ihren Glauben daran zu bezeugen. Ich hoffe, Sie haben eine so gute Meinung von mir, daß Sie Ihren Einfluß nicht gegen mich geltend machen werden, und will daher nichts mehr zu meinen Gunsten sagen. Um dies allein bitte ich: Sie haben ein unbezweifeltes Recht, mir eine Gegenbedingung zu stellen, und ich werde sie unverweilt erfüllen.«
»Sie haben mein Versprechen ohne Bedingung«, sagte der Doktor. »Ich glaube, daß Ihre Absichten so rein und treu sind, wie Sie sie darstellen. Auch glaube ich, daß Sie das Band zwischen mir und meinem andern mir viel teureren Ich erhalten und nicht geschwächt zu sehen wünschen. Wenn sie mir einmal erklärt, daß Sie ein wesentliches Erfordernis sind zu ihrem vollkommenen Glück, so werde ich sie Ihnen nicht versagen. Sollten auch, Charles Darnay –« Der junge Mann hatte dankbar seine Hand ergriffen. Ihre Hände waren vereinigt, während der Doktor fortfuhr –
»Sollten auch Meinungen, Gründe oder Besorgnisse irgendwelcher Art, aus alter oder neuer Zeit, gegen den Mann sprechen, den sie wirklich liebt – vorausgesetzt, daß ihm dabei keine persönliche Verantwortlichkeit zur Last fällt –, so mögen sie um ihretwillen vergessen sein. Sie ist mir alles – ist mir mehr als meine Leiden, mehr als das erlittene Unrecht, mehr als – Pah! das ist eitles Gerede.«
Die Art, wie er plötzlich abbrach, und der starre Blick, der auch noch nachher anhielt, war so befremdlich, daß Darnay fühlte, wie seine eigene Hand in der des Doktors kalt wurde, als dieser sie langsam los- und fallen ließ.
»Sie haben mir etwas sagen wollen«, begann Doktor Manette wieder, und ein Lächeln zog über sein Gesicht. »Was war es doch?«
Der junge Mann wußte nicht, was er antworten sollte, bis ihm einfiel, daß er von einer Bedingung gesprochen hatte. Mit erleichtertem Herzen griff er auf diesen Umstand zurück und entgegnete:
»Ihr Vertrauen verdient auch von meiner Seite vertrauensvolles Entgegenkommen. Sie werden sich erinnern, daß mein gegenwärtiger Name nicht der wahre, obschon nur eine leichte Abänderung von dem meiner Mutter ist. Ich wünsche Ihnen hierüber und über den Grund meines Aufenthaltes in England eine Erklärung zu geben.«
»Halt!« sagte der Doktor von Beauvais.
»Es drängt mich dazu, denn ich möchte Ihr Vertrauen besser verdienen und kein Geheimnis vor Ihnen haben.«
»Halt!«
Der Doktor hielt für einen Moment die Hände vor seine Ohren und legte sie dann auf Darnays Lippen.
»Sagen Sie mir's, wenn ich Sie darum frage, nicht jetzt. Wenn Ihre Bewerbung zu etwas führt und Lucie Sie liebt, so sollen Sie an Ihrem Hochzeitsmorgen mir darüber Mitteilung machen. Versprechen Sie dies?«
»Recht gern.«
»Geben Sie mir Ihre Hand. Sie muß demnächst nach Haus kommen, und es ist besser, daß sie uns heute abend nicht beisammen sieht. Gehen Sie. Gott behüte Sie!«
Es war schon dunkel, als Charles Darnay sich entfernte; und es war eine Stunde später und noch dunkler, als Lucie nach Hause kam. Sie eilte allein in das Zimmer, denn Miß Proß war nach ihrer Kammer hinaufgegangen, und wunderte sich nicht wenig, ihres Vaters Lesestuhl leer zu finden.
»Vater!« rief sie ihm. »Lieber Vater!«
Keine Antwort; aber sie hörte ein dumpfes Hämmern aus der Schlafkammer. Sie eilte rasch durch das dazwischen liegende Gemach und sah zu der Tür hinein, kam aber entsetzt wieder zurückgelaufen und rief vor sich hin:
»Was soll ich tun! Was soll ich tun!«
Die Ungewißheit währte jedoch nur einen Augenblick. Sie kehrte zurück, klopfte an die Tür und rief ihm leise zu. Auf den Ton ihrer Stimme ließ das Gehämmer nach; er kam sogleich zu ihr heraus, und sie gingen geraume Zeit miteinander auf und ab.
Selbige Nacht kam sie noch aus ihrem Bett wieder herunter, um nach ihm zu sehen. Er schlief tief. Sein Schuhmacherhandwerkszeug und die alte unbeendigte Arbeit lag da wie gewöhnlich.
»Sydney«, sagte Mr. Stryver in derselben Nacht oder vielmehr am Morgen zu seinem Schakal, »misch noch eine Schüssel Punsch; ich habe dir etwas zu sagen.«
Sydney hatte in dieser Nacht, in der Nacht vorher und so viele Nächte nacheinander doppelt ins Geschirr müssen, um vor dem Eintritt der langen Vakanz unter Mr. Stryvers Papieren wacker aufzuräumen. Die Lichtung war endlich bewerkstelligt, was Stryver an Rückständen hatte, schön eingebracht und alles vom Halse geschafft, bis der November mit seinen atmosphärischen und juristischen Nebeln kam und wieder die Mühle mit Korn versah.
Die scharfe Anstrengung hatte Sydney weder lebhafter noch nüchterner gemacht. Es waren sogar feuchte Extrahandtücher nötig gewesen, um ihn durch die Nacht zu schleppen, wie denn auch eine entsprechende Extraquantität Wein den Tüchern vorausging; so befand er sich denn in einem sehr schadhaften Zustand, als er seinen Turban herabriß und in das Becken warf, in dem er ihn während der letzten sechs Stunden zeitweilig annetzte.
»Bist du an der andern Schüssel Punsch?« fragte Stryver, noch stattlicher von dem Sofa aus, auf dem er rücklings lag, sich umsehend, während er die Hände in der Hosentasche stecken hatte.
»Ja.«
»Nun, so sieh her. Ich will dir etwas sagen, über das du dich wundern wirst; und du denkst vielleicht darüber, ich sei doch nicht ganz der schlaue Kerl, für den du mich hieltest. Ich habe im Sinn zu heiraten.«
»Ist dir's Ernst?«
»Ja. Und nicht nach Geld. Was sagst du jetzt?«
»Ich fühle mich nicht aufgelegt, viel zu sagen. Wer ist sie?«
»Rate.«
»Kenn' ich sie?«
»Rate.«
»'s ist mir nicht ums Raten zu tun um fünf Uhr morgens, wenn mir das Hirn im Kopfe siedet und brät. Wenn du willst, daß ich raten soll, so mußt du mich zum Mittagessen einladen.«
»Wohlan denn, so will ich dir's sagen«, entgegnete Stryver, langsam sich zu einer sitzenden Haltung aufrichtend. »Sydney, ich verzweifle schier daran, mich dir verständlich zu machen, weil du ein so gar unempfindlicher Hund bist.«
»Und du«, erwiderte Sydney, geschäftig den Punsch rührend, »bist ein so empfindsamer und poetischer Geist.«
»Na«, sagte Stryver mit lärmendem Lachen, »ich hoffe, ich kenne mich zu gut, als daß ich Anspruch darauf erheben sollte, die Seele der Romantik zu sein; aber ein feinerer Kerl als du bin ich doch.«
»Du willst damit sagen, daß du mehr Glück hast.«
»Nein, das nicht. Ich meine, ich sei ein Mann von mehr – von mehr –«
»Sag' Galanterie, weil du eben daran bist«, half ihm Carton fort.
»Gut, ich will sagen Galanterie. Damit meine ich«, fuhr Stryver fort, indem er sich gegen seinen mit dem Punsch beschäftigten Freund aufspielte, »ich bin ein Mann, der sich's mehr angelegen sein läßt, sich angenehm zu machen – der sich mehr Mühe gibt, den Angenehmen zu spielen – und der besser weiß als du, wie man in Damengesellschaft sich benehmen muß, um angenehm zu erscheinen.«
»Weiter«, sagte Sydney Carton.
»Nein, ehe ich fortfahre, muß ich dir meine Herzensmeinung sagen«, entgegnete Stryver, in seiner polternden Weise den Kopf schüttelnd. »Du bist so viel wie ich – vielleicht mehr als ich in Doktor Manettes Haus gewesen. Wahrhaftig, ich habe mich dort geschämt über dein mürrisches Wesen. Du bist dort immer still und so verdrossen gewesen, daß ich, auf Leben und Seele, mich für dich schämen mußte.
»Es käme einem Advokaten von deiner Praxis wohl zustatten, wenn er sich über etwas schämen lernte«, entgegnete Sydney; »du bist mir daher zu Dank verpflichtet.«
»Nein, so kommst du mir nicht los«, erwiderte Stryver, die Antwort gegen ihn hinschulternd. »Es ist meine Pflicht, dir zu sagen, Sydney – und ich sage dir's ine Gesicht zu deinem Besten – daß du ein verteufelt unmanierlicher Bursche bist in derartiger Gesellschaft. Du bist ein unangenehmer Kerl.«
Sydney trank ein Glas von dem Punsche, den er gemacht hatte, und lachte.
»Sieh mich an«, sagte Stryver, sich breit machend. »Ich habe weniger nötig als du, mich angenehm zu machen, weil ich in unabhängigeren Verhältnissen lebe. Warum tu' ich's gleichwohl?«
»Ich habe bis jetzt nie etwas davon bemerkt«, brummte Carton.
»Ich tu' es, weil es politisch ist. Ich tu' es aus Grundsatz. Und sieh' mich an – ich bring' es vorwärts.«
»Aber in deinen Mitteilungen über deine Ehestandsgelüste kommst du nicht vorwärts«, versetzte Carton mit unbekümmerter Miene: »ich wünschte, du hieltest dich an diesen Punkt. Was mich betrifft wirst du denn nie begreifen, daß ich unverbesserlich bin?«
Er stellte diese Frage mit einer Miene der Verachtung.
»Und was hast du von deinem Unverbesserlichsein?« lautete die in nicht sehr besänftigendem Ton abgegebene Erwiderung seines Freundes.
»Was ich davon habe? Nichts – wie überhaupt von meinem Sein«, sagte Carton. »Nun, wer ist die Glückliche?«
»Wohlan, die Nennung des Namens darf dich nicht bestürzt machen, Sydney«, entgegnete Mr. Stryver, der ihn mit dem prunkhaften Anschein von Freundlichkeit auf die Enthüllung, die ihm auf der Zunge schwebte, vorbereiten wollte, »weil ich weiß, daß deine Reden nicht immer ernst gemeint sind, und wenn es auch der Fall wäre, so läge nichts daran. Ich schicke diese kleine Einleitung voraus, weil du einmal von der jungen Dame geringschätzig gesprochen hast.«
»Ich?«
»Ja: und zwar hier in diesem Zimmer.«
Sydney Carton sah zuerst den Punsch und dann seinen artigen Freund an; dann trank er den Punsch und betrachtete den artigen Freund aufs neue.
»Du hast die junge Dame eine goldhaarige Puppe genannt. Die junge Dame ist Miß Manette. Wenn du ein Mensch wärest, dem man in solchen Dingen nur ein bißchen Empfindung oder Zartgefühl zutrauen dürfte, Sydney, so könnte ich mich durch jene Äußerung beleidigt fühlen; aber du bist nicht urteilsfähig in diesem Punkte. Es fehlt dir dafür ganz und gar der Sinn, und wenn ich an jenen Ausdruck zurückdenke, so kann ich mich darüber ebensowenig ärgern, als wenn einer ein Gemälde von mir tadelte, der nichts von Gemälden versteht, oder wenn einer gegen ein Musikstück von mir etwas aussetzte, dem es an musikalischem Gehör gebricht.«
Sydney Carton trank den Punsch sehr schnell hinunter, Glas auf Glas, und sah dabei seinen Freund an.
»Nun weißt du alles, Sydney«, sagte Mr. Stryver. »Ich mache mir nichts aus dem Vermögen. Sie ist ein scharmantes Geschöpf, und ich habe mich entschlossen, nach Neigung zu heiraten. Im ganzen kann ich, denke ich, eine Neigungsheirat wohl erschwingen. Sie erhält in mir einen Mann, der in ziemlich geordneten Verhältnissen lebt und sich immer besser macht – einen Mann von Distinktion. Es ist eine gute Partie für sie; aber sie verdient eine gute Partie. Bist du nicht erstaunt?«
Carton trank noch immer den Punsch und versetzte:
»Warum soll ich erstaunt sein?«
»Die Wahl hat deinen Beifall?«
Carton, der forttrank, erwiderte:
»Warum sollte ich ihr nicht Beifall zollen?«
»Nun, du nimmst die Sache leichter auf, als ich vermutete«, sagte sein Freund Stryver, »und bist in Beziehung auf mich weniger geldsüchtig, als ich dachte, obschon du natürlich in der langen Zeit unserer Bekanntschaft dich überzeugt haben mußt, daß dein alter Stubenbursche ein Mann von ziemlich festem Willen ist. Ja, Sydney, ich habe meine bisherige Lebensweise mit dem ewigen Einerlei satt, und es erscheint mir als ein angenehmer Gedanke, eine Heimat zu haben, in die man sich zurückziehen kann, sobald man Lust dazu hat – andernfalls kann man ja wegbleiben. Auch fühle ich, daß Miß Manette sich in jeder Stellung gut ausnehmen, somit auch mir immer Ehre machen wird. Ich bin daher entschlossen. Und nun, Sydney, alter Knabe, möchte ich noch ein Wörtchen über deine Aussichten mit dir reden. Du mußt selbst gestehen, du bist auf einem schlimmen Wege – in der Tat, auf einem sehr schlimmen Wege. Du weißt den Wert des Geldes nicht zu schätzen, lebst, als ob du nicht umzubringen seist, und wirst eines Tages arm und krank liegen bleiben. Du solltest wahrhaftig an eine Pflegerin denken.«
Die protzige Gönnermiene, mit der er dies sprach, ließ ihn zweimal so groß und viermal so anstößig erscheinen.
»Laß dir daher empfehlen«, fuhr Stryver fort, »der Sache ins Gesicht zu schauen. Ich habe dies in meiner Art getan, tu' du es in der deinigen. Heirate. Sorg' dir für eine Person, die auf dich acht gibt. Sage mir nicht, du findest keinen Gefallen an weiblicher Gesellschaft und habest kein Verständnis, keinen Takt dafür. Sorg' für jemand. Sieh dich nach einer achtbaren Frauensperson mit einigem Vermögen um, etwa nach einer, die eine Wirtschaft hat oder Zimmer vermietet und heirate sie rundweg zum Schutz für einen regnerischen Tag. Das paßt für dich. Überleg' dir`s, Sydney.«
»Ich will`s überlegen«, sagte Sydney.
Nachdem Mr. Stryver mit sich über den hochherzigen Entschluß einig geworden war, des Doktors Tochter zu einer guten Partie zu verhelfen, nahm er sich vor, sie von ihrem Glück zu unterrichten, noch ehe er London verließ, um die lange Vakanz anzutreten. Einige geistige Debatten über den Punkt zeitigten in ihm die Ansicht, daß er ebensogut die Präliminarien als bereits abgetan betrachten könne; es lasse sich dann ganz nach Muße die Übereinkunft treffen, ob er ihr seine Hand eine oder zwei Wochen vor dem Michaelitermin oder in der kleinen Weihnachtsvakanz zwischen diesem und Sankt Hilari geben solle.
Was die starke Seite dieses Prozesses betraf, so bezweifelte er sie keinen Augenblick, sondern sah klar, welcher Wahrspruch erfolgen mußte. Der Jury vorgeführt mit seinen substantiellen weltlichen Gründen – die einzigen Gründe, die er je der Beachtung würdig gehalten – war es ein so einfacher Fall, daß sich kein schwacher Punkt darin finden ließ. Er trat selbst für den Kläger auf; seinem Anzeigenbeweise war so wenig anzuhaben, daß der Anwalt für die Verklagte sein Konzept wegwarf, und die Jury hielt es nicht einmal für der Mühe wert, auch nur beiseite zu treten und die Sache in Erwägung zu ziehen. Nachdem der Prozeß in solcher Weise durchgefochten war, stand in Stryver C. J. die Überzeugung fest, daß es keinen einfacheren Fall geben könne.
Demgemäß weihte Mr. Stryver die lange Vakanz mit einer förmlichen Einladung ein, Miß Manette nach den Anlagen von Vauxhall mitzunehmen; da dies abgelehnt wurde, so kam Ranclagh in Vorschlag, und als unerklärlicherweise auch daraus nichts wurde, fand er es für gebührend, sich in Soho zu präsentieren und dort seiner edlen Gesinnung Ausdruck zu geben.
Nach Soho also schulterte vom Temple aus Mr. Stryver seinen Weg, während auf der langen Vakanz noch die frische Blume ihrer Kindheit lag. Jedermann, der ihn schon auf der Dunstan-Seite von Templebar sah mit seinen nach Soho hinübergreifenden Projekten, mußte sich wundern über seine Sicherheit und die Stärke, denn die Knospen seiner Entwürfe kamen auf dem ganzen Wege in dem Beiseitestoßen aller schwächeren Leute zum Aufblühen.
Sein Weg führte ihn an Tellsons vorbei. Er hatte hier nicht nur Bankgelder liegen, sondern wußte auch, daß Mr. Lorry ein intimer Freund der Familie Manette war. Mr. Stryver nahm daraus Anlaß, in das Haus zu treten und Mr. Lorry zu eröffnen, welcher glänzende Horizont sich über Soho auftun solle. Er drückte die knarrende Tür auf, stolperte die zwei Treppen hinab, kam an den zwei alten Kassierern vorbei und schulterte sich in das moderige Hinterstübchen, wo Mr. Lorry vor großen Büchern mit Linien für Zahlen saß. Das Fenster hatte eiserne Gitter, als habe man es gleichfalls für Zahlen liniiert und als sei alles unter den Wolken nur eine Summe.
»Holla!« rief Mr. Stryver. »Wie geht's Euch? Ich hoffe, Ihr seid wohl?«
Stryver hatte die großartige Eigentümlichkeit, daß er für jeden Platz oder Raum zu groß zu sein schien. Er war für Tellsons so viel zu groß, daß die alten Kontoristen in den fernen Ecken mit protestierenden Mienen aufschauten, als würden sie von ihm an die Wand gedrückt. Das Haus selbst, das in fernster Perspektive gravitätisch die Zeitung las, beugte sich mißvergnügt, als habe Stryvers Kopf sich in seiner verantwortlichen Weste gefangen.
Der höfliche Mr. Lorry versetzte in einem Musterton von Stimme, den er unter solchen Umständen männiglich angeraten haben würde:
»Wie befinden Sie sich, Mr. Stryver? Wie geht es Ihnen, Sir?«
Und sie drückten sich die Hände. Es lag in der Art des Händedrucks bei Tellsons etwas Eigentümliches, das sich an jedem Kontoristen einem Kunden gegenüber bemerklich machte, als wenn das Haus die Luft beherrsche. Mr. Lorry vollzog seinen Händedruck in einer selbstverleugnenden Weise wie ein Mann, der ihn für Tellson und Co. abgibt.
»Kann ich etwas für Sie tun, Mr. Stryver?« fragte Mr. Lorry mit einer Geschäftsmiene.
»Nein, ich danke Ihnen. Mein Besuch ist privat und gilt Ihnen, Mr. Lorry. Ich bin gekommen, um ein Wörtchen mit Ihnen zu sprechen.«
»Ah, in der Tat!« sagte Mr. Lorry, sein Ohr senkend, während sein Auge nach dem Haus in der Perspektive hinschweifte.
»Ich bin im Begriff«, fuhr Mr. Stryver fort, indem er zutraulich seine Arme auf das Pult stützte (es schien nur zur Hälfte Raum für ihn zu haben, obschon es ein großes Doppelpult war), »ich bin im Begriff, Ihrer angenehmen kleinen Freundin, Miß Manette, einen Heiratsantrag zu machen, Mr. Lorry.«
»Ach herrje!« rief Mr. Lorry, sich das Kinn reibend und seinen Besuch zweifelhaft ansehend.
»Ach herrje, Sir?« wiederholte Stryver, zurücktretend. »Warum ach herrje? Wie muß ich Ihre Meinung verstehen, Mr. Lorry?«
»Meine Meinung?« antwortete der Geschäftsmann. »Sie ist natürlich nur freundschaftlich und anerkennungsvoll – es macht Ihnen alle Ehre und – kurz, meine Meinung ist ganz, wie Sie sie nur wünschen könnten. Aber in der Tat, Sie wissen, Mr. Stryver –« Mr. Lorry hielt inne und schüttelte in ganz eigentümlicher Weise den Kopf, als müsse er gegen seinen Willen innerlich beifügen – »Sie wissen, es spricht so allerlei gegen Sie.«
»Na«, sagte Stryver, indem er mit seiner streitsüchtigen Hand auf das Pult schlug, die Augen weiter aufsperrte und tief Atem holte, »wenn ich Sie verstehe, Mr. Lorry, so will ich mich hängen lassen.«
Mr. Lorry zupfte über den Ohren an seiner Stutzperücke, als könne er dadurch das Verständnis erleichtern, und nagte dann an der Fahne seiner Feder.
»Zum Teufel, Sir«, sagte Stryver, ihn mit großen Augen ansehend, »bin ich nicht eine annehmbare Partie?«
»O du meine Güte, ja. O ja. Sie sind annehmbar«, versetzte Mr. Lorry. »Wenn irgend jemand, so sind Sie annehmbar.«
»Lebe ich nicht in guten Verhältnissen?«
»Oh, wenn Sie das meinen, ja, Sie leben in guten Verhältnissen«, sagte Mr. Lorry.
»Und kann ich's nicht immer weiter bringen?«
»Was dies betrifft«, entgegnete Mr. Lorry erfreut, ein weiteres Zugeständnis machen zu können, »Sie wissen, daß dies niemand in Zweifel zieht.«
»Nun denn, was auf Erden wollen Sie mit Ihrem Herrje sagen, Mr. Lorry?« fragte Stryver in merklicher Verblüfftheit.
»Ich – ich – Sind Sie im Begriff, eben jetzt zu ihr zu gehen?« erwiderte Mr. Lorry.
»Geradeswegs!« sagte Stryver mit einem Faustschlag auf das Pult.
»Das täte ich nicht, wenn ich an Ihrer Stelle wäre.«
»Warum nicht?« fragte Stryver. »Ich habe Sie in der Klemme«, fügte er bei, forensisch den Zeigefinger schüttelnd. »Sie sind ein Geschäftsmann und müssen als solcher Gründe anzugeben wissen. Nennen Sie mir Ihren Grund. Warum würden Sie nicht hingehen?«
»Weil ich einen solchen Schritt nicht tun möchte«, versetzte Mr. Lorry, »wenn ich nicht Anhaltspunkte für die Vermutung hätte, daß meine Werbung erfolgreich sein werde.«
»Hol' mich der Henker, das überbietet alles«, rief Stryver.
Mr. Lorry blickte zuerst nach dem fernen Haus hin und dann auf den beleidigten Stryver.
»Sitzt da ein Geschäftsmann – ein Mann von Jahren – ein Mann von Erfahrung – sitzt in einer Bank«, sagte Stryver, »und nachdem ich ihm drei Hauptgründe für den besten Erfolg namhaft gemacht habe, fragt er nach den Anhaltspunkten dafür. Fragt danach und hat noch den Kopf zwischen den Schultern!«
Mr. Stryver betonte diese Eigentümlichkeit mit einem Nachdruck, als wäre die Frage unendlich weniger merkwürdig gewesen, wenn dem Frager der Kopf zu den Füßen gelegen hätte.
»Wenn ich von Erfolg spreche, so habe ich den Erfolg bei der jungen Dame im Auge, und wenn ich von Gründen und Anhaltspunkten rede, so meine ich damit solche, die auf die junge Dame Eindruck machen. Die junge Dame, mein guter Herr«, sagte Mr. Lorry, Stryver sanft auf den Arm klopfend, »die junge Dame. Die junge Dame geht vor allem.«
»Ihr wollt mir also zu verstehen geben, Mr. Lorry«, entgegnete Stryver, sich mit den Ellenbogen breit machend, »daß Sie von der fraglichen Dame die wohlerwogene Meinung hegen, sie sei eine zimperliche Närrin?«
»Das nicht gerade. Doch möchte ich Ihnen erklären, Mr. Stryver«, sagte Mr. Lorry errötend, »daß ich von niemand, wer es auch sei, ein achtungswidriges Wort über diese junge Dame anhören will. Und wenn mir ein Mann bekannt wäre – ich hoffe, es ist nie der Fall – von so roher Gesittung und so übermütigem Charakter, daß er sich nicht zu enthalten vermöchte, an diesem Pulte achtungswidrig von dieser jungen Dame zu sprechen, so sollte nicht einmal Tellsons mich hindern, ihm tüchtig meine Meinung zu sagen.«
Die Notwendigkeit, seinem Unmut nur in gedämpftem Ton Luft zu machen, hatte Mr. Stryvers Blutgefäße für den Fall wirklichen Zorns in einen gefährlichen Zustand versetzt; aber auch Mr. Lorrys Adern befanden sich, trotz ihrer sonstigen methodischen Blutströmung, nun die Reihe des Zürnens an ihm war, in nicht geringerer Aufregung.
»Das ist's, was ich Ihnen bemerken wollte, Sir«, sagte Mr. Lorry. »Es ist mir lieb, wenn Sie mich verstanden haben.«
Mr. Stryver saugte eine Weile an dem Ende eines Lineals und zischte dann durch die Zähne eine Arie, die ihm wahrscheinlich Zahnweh machte. Endlich unterbrach er das peinliche Schweigen durch die Worte:
»Dies ist mir etwas Neues, Mr. Lorry. Sie raten mir also mit Bedacht, nicht nach Soho zu gehen und meine Hand anzubieten – die Hand Stryvers, eines Advokaten vor dem Kingsbench?«
»Sie wünschen meinen Rat zu hören, Mr. Stryver?«
»Ja.«
»Sehr gut. Sie sollen ihn haben. Meine Meinung ist von Ihnen vollkommen richtig gedeutet worden.«
»Dann kann ich weiter nichts sagen«, entgegnete Stryver mit einem erkünstelten Lachen, »als daß dies alles überbietet – ha, ha! – die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft.«
»Verstehen Sie mich wohl«, fuhr Mr. Lorry fort. »Als Geschäftsmann steht mir keine Befugnis zu, etwas über diese Angelegenheit zu sagen, denn als Geschäftsmann weiß ich nichts von ihr. Aber ich habe gesprochen als ein alter Mann, der Miß Manette auf seinen Armen getragen hat, und als ein treuer Freund des Hauses, der mit ganzer Seele an Miß Manette und ihrem Vater hängt. Sie werden sich erinnern, daß ich Ihr Vertrauen nicht gesucht habe. Meinen Sie nicht, daß ich recht haben könnte?«
»Gewiß nicht«, versetzte Stryver pfeifend. »Doch freilich, wer kann bei Dritten für gesunden Menschenverstand stehen? Nur selber ist der Mann. Ich vermute diesen gesunden Verstand in einer gewissen Region, Sie vermuten dort zimperlichen Butterbrotunsinn. 's ist mir neu – aber vielleicht haben Sie recht.«
»Was ich vermute, Mr. Stryver, habe ich auch zu prädizieren das Recht. Und verstehen Sie mich wohl, Sir«, fügte Mr. Lorry abermals errötend bei, »ich dulde nicht – selbst hier bei Tellsons nicht –, daß irgend jemand meine Worte nach seinem Sinn verdrehe.«
»Ah, ich bitte um Verzeihung«, sagte Stryver.
»Schon gut; ich danke Ihnen. Aber was ich noch bemerken wollte, Mr. Stryver – es könnte Ihnen peinlich sein, wenn Sie finden müßten, daß Sie im Irrtum gewesen; ebenso peinlich dürfte Doktor Manette die Aufgabe fallen, gegen Sie rund heraus zu sprechen; und am allerpeinlichsten möchte wohl Miß Manette eine offene Erklärung werden. Sie wissen, daß ich so glücklich bin, mich der Ehre eines vertrauten Umgangs mit der Familie zu erfreuen. Wenn's Ihnen genehm ist – Sie sollen dabei gar nicht zur Sprache kommen und in keiner Weise kompromittiert werden, – so will ich es auf mich nehmen, meinen Rat zu verbessern, indem ich in dieser Richtung einige Beobachtungen anstelle. Sollten Sie mit dem Ergebnis derselben nicht zufrieden sein, so steht es Ihnen immer frei, selbst zu untersuchen, ob ich richtig gesehen habe; sind Sie aber befriedigt – mag es nun hinauslaufen, auf was es will –, so bleibt beiden Partien erspart, was man sich gern ersparen möchte. Was sagen Sie dazu?«
»Wie lange müßte ich dann noch in London bleiben?«
»Oh, es handelt sich nur um einige Stunden. Ich kann heute abend nach Soho gehen und Sie dann in Ihrer Wohnung aufsuchen.«
»Dann sag' ich ja«, versetzte Stryver. »Jetzt möcht' ich doch nicht hin, denn wenn's vielleicht so steht, so bin ich nicht mehr so erpicht auf die Sache. Ich sage ja und erwarte Sie heute abend. Guten Morgen.«
Dann wandte sich Mr. Stryver und stürmte durch die Bank hinaus, so daß die zwei alten Kontoristen sich mit aller Macht hinter ihren Ladentischen halten mußten, um von dem Luftstrom nicht umgeblasen zu werden. Das Publikum sah diese ehrwürdigen, schwächlichen Gestalten stets im Akt der Verbeugung, und man glaubte allgemein, wenn sie einen Kunden hinauskomplimentiert hätten, setzten sie in dem leeren Bureau ihre Bücklinge fort, um gleich für einen andern Ankömmling bereit zu sein.
Der Advokat war schlau genug, zu ahnen, daß der Bankier in Kundgebung seiner Ansicht nicht so weit gegangen wäre, wenn ihn nicht eine moralische Überzeugung dabei geleitet hätte. Obschon er nicht auf das Schlucken einer so großen Pille vorbereitet gewesen, würgte er sie dennoch hinunter. »Und nun«, sagte Mr. Stryver, als er sie endlich drunten hatte, indem er seinen forensischen Zeigefinger nach dem Temple im allgemeinen schüttelte, »werde ich mich am besten aus der Sache herauswinden, wenn ich euch alle auf den Holzweg setze.«
Das war ein Stückchen von der Kunst eines Old-Bailey-Taktikers, und er fand in diesem Gedanken eine große Erleichterung. »Du sollst mich nicht durch einen Korb blamieren, junges Frauenzimmer«, sagte Mr. Stryver. »Dafür will ich sorgen.«
Als daher Mr. Lorry spät abends gegen zehn Uhr bei Mr. Stryver einsprach, stak dieser in einer Menge von absichtlich umhergestreuten Büchern und Akten und schien den Gegenstand vom Morgen ganz vergessen zu haben. Er tat sogar erstaunt über Mr. Lorrys Besuch und benahm sich überhaupt zerstreut und wie ein Mann, der sich im Drange seiner Geschäfte kaum zu helfen weiß. »Nun«, sagte der gutmütige Sendling, nachdem er eine volle halbe Stunde vergeblich versucht hatte, dem verfänglichen Punkte beizukommen, »ich bin in Soho gewesen.«
»In Soho?« wiederholte Mr. Stryver kalt. »Ah, freilich – an was denke ich doch!«
»Und es ist mir jetzt nicht mehr zweifelhaft«, fuhr Mr. Lorry fort, »daß ich in unserer kürzlichen Unterhaltung recht hatte. Meine Ansicht hat sich bestätigt, und ich wiederhole meinen Rat.«
»Ich versichere Ihnen«, versetzte Mr. Stryver in der freundlichsten Weise, »daß mir dies leid tut um Ihret- und um des armen Vaters willen. Ich weiß, dies muß immer ein peinlicher Gegenstand sein für die Familie; sprechen wir daher lieber nicht mehr davon.«
»Ich verstehe Sie nicht«, sagte Mr. Lorry.
»Kann mir's denken«, entgegnete Mr. Stryver, indem er gleichsam in geschmeidiger Abfertigung den Kopf schüttelte: »doch es liegt nichts daran.«
»Ei ja, es liegt etwas daran«, drängte Mr. Lorry.
»Nein, ich versichere Ihnen, es liegt nichts daran. Wenn ich Verstand suchte, wo keiner ist, und einen löblichen Ehrgeiz voraussetzte, wo dieser fehlt, so war ich eben in einem Irrtum, über den ich mich jetzt erhaben fühle; das hat nichts geschadet. Junge Frauenzimmer haben schon oft ähnliche Torheiten begangen und sie später in Armut und Dunkelheit bereuen müssen. Von einem uneigennützigen Standpunkte aus tut es mir leid, daß die Sache zerfiel, weil sie für andere in weltlicher Beziehung eine Wohltat gewesen wäre; wenn ich sie aber in Beziehung auf mein Ich betrachte, so kann ich mich nur freuen, daß nichts aus ihr wurde, da ich in weltlicher Beziehung sehr schlecht dabei gefahren wäre; es ist kaum nötig, zu sagen, daß ich damit nichts gewinnen konnte. Doch es hat nichts geschadet. Ich habe dem jungen Frauenzimmer keinen Antrag gestellt, und unter uns, nach weiterer Erwägung glaube ich kaum, daß ich mich je soweit bloßgestellt hätte. Mr. Lorry, niemand vermag die zimperlichen Schwindeleien leerköpfiger Mädchen im Zaum zu halten; wer dies zu können vermeint, wird sich immer getäuscht finden. Doch ich bitte, nichts weiter davon. Ich sage Ihnen, um anderer willen tut es mir leid, aber für mich selbst bin ich froh darüber. Und ich bin Ihnen in der Tat sehr verbunden für Ihren Rat wie auch für Ihre Gefälligkeit, für mich auf den Busch zu klopfen. Sie kennen das junge Frauenzimmer besser als ich; Sie hatten recht – es wäre nichts gewesen.«
Mr. Lorry war entsetzt und sah ganz dumm Mr. Stryver an, während dieser, als er ihn nach der Tür hinschulterte, einen wahren Regen von Großmut, Nachsicht und Wohlwollen auf sein irrendes Haupt niederschauern ließ.
»Nehmen Sie's von der besten Seite, mein lieber Herr«, sagte Mr. Stryver. »Sprechen Sie nicht mehr davon, und ich danke Ihnen nochmal, daß Sie mir gestattet haben, Sie auszuholen. Gute Nacht!«
Mr. Lorry stand in der Nacht draußen, ohne zu wissen, wie es zugegangen war. Mr. Stryver lag rücklings auf seinem Sofa und blinzelte nach der Decke hin.
Wenn Sydney Carton je irgendwo leuchtete, so leuchtete er gewiß nie in dem Hause des Doktors Manette. Er war im Laufe eines vollen Jahres oft dort gewesen und hatte sich stets nur als denselben verdrossenen, mürrischen Bummler erwiesen. Wenn es ihm ums Reden zu tun war, so sprach er gut; aber das Licht seines Innern drang nur selten durch die Wolke der Trägheit, die ihn mit so verhängnisvollem Düster umschattete.
Und doch kümmerte er sich um die Straßen, die jenes Haus umgaben, und die stummen Steine ihres Pflasters. Manche Nacht war er unstet und unglücklich daran auf- und abgewandelt, wenn der Wein nicht als flüchtiger Erfreuer auf ihn gewirkt hatte; an manchem traurigen Frühmorgen sah man seine einsame Gestalt dort lungern und lungern, wenn die ersten Strahlen der Sonne die architektonische Schönheit der fernen Kirchtürme und Prachtbauten hervorhoben, wie vielleicht der stille Morgen ein Gefühl für bessere Dinge, die sonst vergessen und unerreichbar waren, in seinem Geiste wachrief. Letzter Zeit hatte das vernachlässigte Bett in dem Tempelhof ihn spärlicher als je gesehen, und oft war er, nachdem er sich nur für ein paar Minuten darauf hingeworfen, wieder aufgestanden, um jene Ecke zu umspuken.
An einem Tage im August – denn Mr. Stryver hatte, nachdem er seinen Schakal unterrichtet, daß er sich in der Heiratsangelegenheit eines Besseren besonnen habe, sein Zartgefühl nach Devonshire geführt, und der Anblick und der Wohlgeruch der Blumen in den Citystraßen boten einiges Gute selbst dem Schlimmsten, einige Gesundheit auch dem Kranken, und ein bißchen Jugend selbst dem Ältesten – betraten Sydneys Füße wieder dasselbe Pflaster. Sie irrten anfangs unschlüssig umher, bis sie allmählich von einem Gedanken belebt wurden, und in der Ausarbeitung dieses Gedankens trugen sie ihn nach der Tür des Doktors hin.
Man wies ihn die Treppe hinauf, und er fand Lucie bei ihrer Arbeit allein. Es war ihr in seiner Nähe nie recht behaglich gewesen, und sie empfing ihn mit einiger Verlegenheit, als er neben ihrem Tisch Platz nahm. Wie sie jedoch bei dem Austausch der gewöhnlichen ersten Gemeinplätze ihm ins Gesicht sah, bemerkte sie eine Veränderung darin.
»Ich fürchte, Sie sind nicht wohl, Mr. Carton.«
»Nein. Aber das Leben, das ich führe, Miß Manette, ist der Gesundheit eben nicht förderlich. Was ist auch von oder bei solchen Wüstlingen zu erwarten?«
»Ist es nicht – verzeihen Sie mir, aber die Frage liegt mir schon auf den Lippen – ist es nicht schade, daß Sie nicht einen besseren Wandel führen?«
»Gott weiß, es ist eine Schmach.«
»Warum werden Sie nicht anders?«
Als sie teilnehmend nach ihm hinsah, wurde sie durch den Anblick von Tränen in seinem Auge wehmütig überrascht. Auch in seiner Stimme waren Tränen, während er antwortete:
»Es ist zu spät. Von einem Besserwerden ist keine Rede mehr. Aber schlechter wird's werden, und ich werde noch tiefer sinken.«
Er stützte den Ellbogen auf den Tisch und bedeckte die Augen mit seiner Hand. Der Tisch zitterte in dem Schweigen, das nun folgte.
Sie hatte ihn nie in einer so weichen Stimmung gesehen und kam darüber sehr in Not. Er bemerkte dies, ohne daß er sie ansah, und sagte:
»Ich bitte, verzeihen Sie mir, Miß Manette. Ich breche zusammen unter dem Gewicht dessen, was ich Ihnen sagen möchte. Wollen Sie mich anhören?«
»Wenn es Sie erleichtert, ja. Wie sehr würde ich mich freuen, Mr. Carton, wenn ich Sie dadurch glücklicher machen könnte.«
»Gott segne Sie für Ihr zartes Mitleid.«
Nach einer kleinen Weile enthüllte er sein Gesicht und fuhr mit festerer Stimme fort:
»Scheuen Sie sich nicht, mich anzuhören, und schrecken Sie nicht zurück vor meinen Worten. Ich gleiche einem Menschen, der jung gestorben ist. Mein ganzes Leben kann als gewesen betrachtet weiden.«
»Nein, Mr. Carton. Ich bin überzeugt, daß der beste Teil davon noch vorhanden ist. Gewiß, Sie können Ihrer selbst noch viel, viel würdiger werden.«
»Sagten Sie Ihrer, Miß Manette – und obschon ich das besser weiß, obschon ich das Geheimnis meines elenden Herzens besser kenne –, so werde ich es Ihnen nie vergessen.«
Sie wurde blaß und zitterte. Er kam ihr zu Hilfe mit seiner starren Verzweiflung an sich selbst, die dem Gespräch einen von jedem anderen so verschiedenen Charakter verlieh.
»Wenn es möglich gewesen wäre, daß Sie die Liebe des Mannes hätten erwidern können, den Sie vor sich sehen – eines armseligen, mißbrauchten, dem Trunk ergebenen Geschöpfs, wie Sie es vor sich sehen – so würde er doch selbst am Tag und in der Stunde seines Glücks sich bewußt geblieben sein, daß er nur Elend, Leid und Reue über Sie bringen könnte – daß er Sie entehren und mit sich in den Staub ziehen würde. Ich weiß wohl, daß Sie kein zarteres Gefühl für mich hegen können und verlange es auch nicht; ja, ich danke sogar Gott dafür, daß es nicht sein kann.«
»Kann ich nicht auch sonst zu Ihrer Rettung beitragen, Mr. Carton? Kann ich – ich bitte nochmals um Verzeihung – Sie nicht zurückrufen auf einen besseren Weg? Sollte es mir denn in keiner Weise möglich sein, Ihr Vertrauen zu vergelten? Ich weiß, es ist ein Vertrauen«, fügte sie nach einigem Stocken bescheiden und mit Tränen im Auge hinzu – »ich weiß, Sie würden dies zu niemand anders sagen. Kann ich es nicht zu Ihrem eigenen Besten wenden, Mr. Carton?«
Er schüttelte den Kopf.
»Nein. Nein, Miß Manette, es ist nicht mehr möglich. Wenn Sie mir noch ein wenig weiter zuhören wollen, so ist alles geschehen, was Sie je für mich tun können. Ich wünsche, Sie mögen wissen, daß Sie der letzte Traum meiner Seele gewesen sind. Trotz meiner Herabwürdigung bin ich doch nicht so ganz verkommen gewesen, daß nicht Ihr und Ihres Vaters Anblick, desgleichen der Anblick einer Heimat, wie sie durch Sie geworden ist, alte Schatten, die ich längst vergangen geglaubt, wieder in mir wachgerufen hätte. Seit ich Sie kennenlernte, quälte mich eine Reue, die mir sonst als eine Unmöglichkeit erschienen wäre, und ich hörte in mir alte flüsternde Stimmen mich aufwärts drängen, die ich für auf immer verstummt hielt. Es kamen mir längst entschwundene Gedanken von neuem Streben, einem neuen Anfang – von einem Abschütteln der Trägheit und Sinnlichkeit – von einer Wiederaufnahme des aufgegebenen Kampfes. Ein Traum, alles ein Traum, der mit nichts endet und den Schläfer läßt, wo er sich niederlegte; aber ich möchte, daß Sie wissen, daß Sie ihn eingeflößt haben!«
»Ist nichts davon zurückgeblieben? O Mr. Carton, besinnen Sie sich! Versuchen Sie es noch einmal!«
»Nein, Miß Manette; ich habe dabei stets empfunden, welch ein unwürdiges Geschöpf ich bin. Und doch gab ich der Schwäche nach, und sie hat noch immer Macht über mich, zu wünschen, daß Sie erfahren möchten, mit welcher plötzlichen Gewalt Sie den Aschenhaufen, der ich bin, in helle Lohe umgewandelt haben – freilich nur in ein Feuer, das seiner Wesenheit nach von der meinigen unzertrennlich war und nicht zünden, nicht leuchten, kurz, keinen Dienst leisten, sondern nur müßig brennen konnte.«
»Wenn es mein Mißgeschick wollte, Mr. Carton, daß ich Sie noch unglücklicher machen mußte, als Sie waren, ehe Sie mich kennenlernten –«
»Sprechen Sie nicht so, Miß Manette, denn wenn es überhaupt noch möglich gewesen wäre, so würden Sie mich gerettet haben. Sie werden nie die Ursache sein, wenn es mit mir noch schlimmer geht.«
»Wenn Ihr Seelenzustand, wie Sie mir ihn schildern, doch einigermaßen einem Einfluß von meiner Seite zuzuschreiben ist, wäre dieser Einfluß – ich weiß nicht, ob ich mich recht klar machen kann – nicht dahin zu wenden, daß er Ihnen von Nutzen würde? Besitze ich gar keine Macht, die Ihnen nützen könnte?«
»Ich bin hergekommen, Miß Manette, um das Beste, dessen ich noch fähig bin, zu verwirklichen. Lassen Sie mich durch den Rest meines verfehlten Lebens die Erinnerung tragen, daß als letztes Aufflackern ich Ihnen mein Herz aufgeschlossen habe, und daß damals noch etwas in mir war, was Sie beklagen und bemitleiden konnten.«
»Ach, ich bitte Sie wieder und wieder aufs flehentlichste und aus dem Grund meiner Seele, glauben Sie mir, Sie sind noch besserer Dinge fähig.«
»Muten Sie mir keinen solchen Glauben zu. Miß Manette. Ich habe mich geprüft und weiß es besser. Doch ich betrübe Sie und will deshalb ein Ende machen. Darf ich, wenn ich mir diesen Tag wieder vergegenwärtige, die Überzeugung in mir tragen, das letzte Vertrauen meines Lebens ruhe nur in Ihrer reinen, unschuldigen Brust und werde nie von jemand geteilt werden?«
»Wenn Ihnen dies ein Trost ist, so nehmen Sie meine Versicherung.«
»Auch nicht von dem teuersten Wesen, das das Schicksal Ihnen zuführt?«
»Mr. Carton«, versetzte sie nach einer Pause voll Aufregung, »das Geheimnis betrifft Sie, nicht mich, und ich verspreche Ihnen, es zu achten.«
»Ich danke Ihnen. Noch einmal Gottes Segen über Sie.«
Er drückte ihre Hand an seine Lippen und ging nach der Tür.
»Sorgen Sie nicht, Miß Manette, daß ich je auch nur mit dem flüchtigsten Wort auf dieses Gespräch zurückkommen werde. Es soll nie wieder von mir berührt werden. Wenn ich tot wäre, so könnte es nicht sicherer bewahrt sein. Noch in meiner Sterbestunde soll mir die eine heilige Erinnerung vorschweben – ich werde Sie dankbar dafür segnen –, daß meine letzten Bekenntnisse über mich Ihnen gemacht wurden und daß mein Name, mein Elend und meine Verirrungen Ihnen zu Herzen gingen. Möge es sonst leicht und glücklich sein!«
Er war so ganz anders, als er sich bisher je gezeigt hatte, und der Gedanke, wieviel er verschleudert und wieviel er jeden Tag unterdrückt und verdorben hatte, erfüllte Lucie Manette mit solcher Wehmut, daß sie, als er dastand und nach ihr zurückschaute, helle Tränen vergoß.
»Trösten Sie sich«, sagte er; »ich bin eines solchen Gefühls nicht wert, Miß Manette. Noch eine Stunde oder zwei, und die gemeinen Kameradschaften und Angewöhnungen, an denen ich hänge, obschon ich sie verachte, werden bewirken, daß ich solche Tränen noch weniger verdiene als der nächste beste Elende, der sich über die Straße schleppt. Trösten Sie sich! Aber in meinem Innern werde ich gegen Sie stets sein, was ich jetzt bin, obschon mein Äußeres sich darstellen wird, wie Sie es bisher gesehen haben. Glauben Sie mir dies; außer dieser Bitte liegt mir nur noch eine am Herzen.«
»Ich will Ihnen glauben, Mr. Carton.«
»Also meine letzte. Habe ich diese noch vorgebracht, so will ich Sie von einem Gast befreien, mit dem Sie, wie ich wohl weiß, nichts gemein haben und der durch eine unüberspringbare Kluft von Ihnen getrennt ist. Ich weiß, es ist nutzlos, es zu sagen, aber es drängt sich mir aus der Seele hervor. Für Sie und jeden, der Ihnen teuer ist, könnte ich alles tun. Wäre meine Laufbahn von besserer Art, so daß sie mir Gelegenheiten böte, Opfer zu bringen, so wollte ich sie mit Freuden benützen, für Sie und Ihre Lieben. Versuchen Sie in ruhigen Stunden sich daran zu erinnern, daß dies mein heißer, aufrichtiger Ernst ist. Die Zeit wird kommen, vielleicht bald kommen, die Ihnen neue Bande bringt – Bande, die Sie noch stärker und zärtlicher an die Heimat fesseln, der Sie zur Zierde gereichen – die heiligsten Bande, die das Glück Ihres Lebens ausmachen. O Miß Manette, wenn das kleine Ebenbild von dem Angesicht eines glücklichen Vaters zu Ihnen aufblickt, wenn Sie Ihre eigene Schönheit in dem Sprößling zu Ihren Füßen neu aufblühen sehen, so denken Sie hin und wieder daran, daß es einen Menschen gibt, der bereitwillig sein Leben hingäbe, um ein Leben, das Sie liebt, an Ihrer Seite zu erhalten.«
Er sagte »Lebewohl!«, sagte »Ein letztes Gott behüt!« und verließ sie.
Wenn Mr. Jeremias Cruncher mit seinem greulichen Zwerge neben sich in der Fleetstraße auf seinem Schemel saß, so sah er jeden Tag eine Menge der verschiedensten Gegenstände vor seinen Augen vorüberziehen. Und wer konnte auch irgendwo in der Fleetstraße während der geschäftigen Stunden des Tages seinen Platz haben, ohne stetig von zwei endlosen Prozessionen geblendet und betäubt zu werden, von denen eine westwärts der Sonne nach und die andere ostwärts der Sonne entgegenzog?
Seinen Strohhalm im Munde, betrachtete Mr. Cruncher die beiden Ströme gleich dem heidnischen Bauern, der vor Jahrhunderten die Obliegenheit hatte, einen Strom zu überwachen, nur mit dem Unterschiede, daß Jerry sich keine Aussicht machte, seine beiden je versiegen zu sehen. Es wäre dies auch keineswegs eine hoffnungsvolle Erwartung gewesen, sofern ein kleiner Teil seines Einkommens darin bestand, daß er furchtsame Weiber, meist schmuck herausgeputzte Personen, die die Hälfte des Lebens bereits hinter sich hatten, von der Tellsonschen Seite nach dem andern Ufer hinüberlotste. So kurz auch ein solcher Verkehr in dem einzelnen Falle war, versäumte doch Nr. Cruncher nie, sich für die Dame in einem Grade zu interessieren, daß er gegen sie den lebhaften Wunsch ausdrückte, es möchte ihm die Ehre zuteil werden, auf ihre Gesundheit zu trinken. Und mit den Gaben, die ihm zur Erfüllung dieser wohlwollenden Absicht gereicht wurden, verstärkte er, wie wir eben bemerkten, seine Finanzen.
Es gab eine Zeit, in der an einem öffentlichen Platze ein Dichter auf einem Schemel saß und angesichts der Menschen sich seine Gedanken machte. Mr. Cruncher saß auch an öffentlichem Platze auf einem Schemel; da er aber kein Dichter war, so dachte er so wenig wie möglich und schaute nur umher.
So war er auch zu einer Zeit beschäftigt, als die Menschenmassen spärlicher, der verspäteten Damen immer weniger wurden und seine Angelegenheiten sich im allgemeinen auf so wenig prosperierendem Fuße befanden, daß in seiner Brust der lebhafte Verdacht erwachte, Mrs. Cruncher müsse wieder aufs entschiedenste hingefallen sein. Da fügte sich's denn, daß ein ungewöhnliches Gedränge nach Westen, das sich die Fleetstraße herunter bewegte, seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Seine Blicke in diese Richtung entsendend, machte er die Wahrnehmung, daß eine Art Leichenzug einherkam, und daß der Lärm, der ihn begleitete, von protestierenden Volksmassen herrührte.
»Junger Jerry«, sagte Mr. Cruncher, sich an seinen Sprößling wendend, »'s ist eine Leiche.«
»Hurra, Vater!« rief der junge Jerry.
Der junge Gentleman stieß diesen jubelnden Ton mit geheimnisvoller Bedeutung aus; der alte aber nahm ihn so übel, daß er die Gelegenheit ersah, dem wackern Jüngling eine Ohrfeige zu geben.
»Was soll das heißen? Warum krakeelst du so, und was willst du deinem Vater damit sagen, du junger Rüpel? Der Bub wird mir allmählich zuviel«, sagte Mr. Cruncher, ihn vom Kopfe bis zu den Füßen betrachtend. »Ja, wohl da – Hurra! Laß mich das nicht wieder hören, oder du sollst's zu fühlen kriegen. Hast du mich verstanden?«
»Ich hab's nicht bös gemeint«, versicherte der junge Jerry, den getroffenen Teil reibend.
»Das will ich hoffen, denn mit deinen Tücken kämst du mir übel an«, sagte Mr. Cruncher. »Da, steig' auf diesen Sitz hinauf und schau' mir nach den Leuten.«
Sein Sohn gehorchte. Das Gewühl kam näher. Man lärmte und zischte um einen unscheinbaren Trauerwagen und um eine unscheinbare Trauerkutsche her, in der nur ein einziger Leidtragender mit den für die Würde seiner Stellung unerläßlich scheinenden, schwarzen Florbehängen saß. Die Stellung gefiel ihm übrigens, wie man wohl sehen könnte, nicht sonderlich: denn es sammelte sich um die Kutsche immer mehr Pöbel, der Grimassen gegen ihn schnitt, spottete, zischte und ihm nebst vielen andern Komplimenten, die zu zahlreich und saftig für die Wiederholung sind, unablässig den Ehrentitel »Spion« zurief.
Leichenbegängnisse hatten für Mr. Cruncher stets eine merkwürdige Anziehungskraft besessen: er strengte immer alle seine Sinne an und geriet in Aufregung, wenn ein Leichenzug an Tellsons vorbeikam. Die Aufregung war natürlich um so größer, wenn ei von einem ungewöhnlichen Gefolge begleitet wurde, und unser Ehrenmann fragte daher den ersten besten, der gegen ihn anrannte:
»Was gibt's da, Bruder? Was treibt man?«
»Ich weiß nicht«, versetzte der Mann. »Y-ha! Spion!«
Er fragte einen andern: »Wer ist's?«
»Weiß nicht«, entgegnete der Gefragte, schlug aber gleichwohl die Hände zusammen und schrie aus Leibeskräften: »Y-ha! Spion! Y-ha! Spion!«
Endlich kugelte einer, der besser über das Nähere des Vorgangs unterrichtet war, gegen ihn an, und von diesem erfuhr Mr. Cruncher, daß das Leichenbegängnis einem gewissen Robert Cly galt.
»War der ein Spion?« fragte Cruncher.
»Old-Bailey-Spion«, erwiderte der Auskunftgeber. »Joho! Y-ha! Old-Bailey-Spi-i-on!«
»Der Tausend, ja«, rief Jerry, sich der Gerichtsverhandlung erinnernd, der er beigewohnt hatte. »Ich hab' ihn gesehen. Er ist also tot?«
»Tot wie eine Hammelkeule«, entgegnete der andere, »und kann nicht tot genug sein. Holt sie heraus da! Spione! Heraus mit ihnen! Spione!«
Diese Idee erschien bei der vorherrschenden Abwesenheit einer Idee überhaupt so annehmbar, daß die Menge sie mit Begier aufgriff: sie wiederholte das »Heraus!« so laut und bedrängte die beiden Fuhrwerke so sehr, daß sie nicht mehr weiter konnten. Man riß den Kutschenschlag auf, der einzige Leidtragende fiel von selbst heraus und befand sich für einen Augenblick in den Händen des Pöbels: er war jedoch so hurtig und wußte seine Zeit so gut zu benutzen, daß er im nächsten Augenblicke schon eine Nebenstraße hinaufeilte, nachdem er seinen Mantel, seinen Hut, seinen langen Hutflor, das weiße Taschentuch und anderes symbolisches Trauerzubehör im Stiche gelassen hatte.
Das Volk riß diese Hinterlassenschaft in Stücke und streute sie mit wilder Lust weit und breit umher, während die Gewerbsleute hastig ihre Buden schlössen; denn in jenen Zeiten war ein Pöbelhaufen ein gefürchtetes Ungeheuer und durch nichts zu halten. Man hatte sich bereits bis zum Öffnen des Wagens und Herunternehmen des Sarges verstiegen, als mit einem Male ein genialerer Geist den Vorschlag machte, man solle den Leichnam unter schallendem Jubel an den Ort seiner Bestimmung bringen. Praktische Andeutungen waten gewiß sehr am Platze, und so fand auch diese eine beifällige Aufnahme. Im Nu hatten acht Mann das Innere und ein Dutzend das Äußere der Kutsche eingenommen, während sich so viele, als nur immer hinaufgingen, auf das Dach des Leichenwagens setzten. Unter den erstgenannten Freiwilligen befand sich Jerry Cruncher selbst, der seinen spießigen Kopf bescheiden gegen eine Wahrnehmung von Tellsons aus in der hintersten Ecke der Trauerkutsche schützte.
Die diensttuenden Leichenbesorger erhoben zwar einige Einwendungen gegen diesen Wechsel in der Zeremonie, bestanden aber nicht lange darauf, denn der Fluß lag in beunruhigender Nähe, und einige Stimmen ließen die Andeutung fallen, daß ein kaltes Bad ein sehr wirksames Mittel sei, um widerspenstige Personen zur Vernunft zu bringen. Der umgemodelte Zug brach auf mit einem kutschierenden Schornsteinfeger auf dem Bock des Leichenwagens, während der Kutscher überwachend ihm zur Seite saß; in gleicher Weise vertrat den Dienst der Leitung ein von dem ordentlichen Kutscher unterstützter Pastetenbäcker auf der Trauerkutsche. Ein Bärenführer, damals ein populärer Straßencharakter, wurde, noch eh' der Zug den Strand erreicht hatte, als Zierobjekt in den öffentlichen Dienst gepreßt, und der Bär, der schwarz und sehr schäbig war, verlieh dem Teile der Prozession, in dem er marschierte, ein echtes und gerechtes Leichenbestattungsaussehen.
So ging unter Biertrinken, Tabakrauchen, Brüllen und karikierten Trauergebärden der unordentliche Zug seines Weges, bei jedem Schritte Zuwachs aufnehmend, während vor ihm her überall die Läden sich schlossen. Sein Bestimmungsort war die alte Sankt-Pankraz-Kirche, weit draußen in den Feldern. Man langte im Laufe der Zeit dort an; die Menge stürmte in den Kirchhof hinein und besorgte in ihrer Art und zu ihrer vollkommenen Zufriedenheit die Beerdigung des verstorbenen Robert Cly.
Nachdem der Tote bestattet war, sah sich die Masse genötigt, sich nach einem andern Zeitvertreib umzusehen, weshalb ein anderer genialer Geist (oder vielleicht der frühere) auf den Einfall kam, Leute, die zufällig vorübergingen, als Old-Bailey-Spione zu bezeichnen und die Volksrache auf sie zu lenken. Demgemäß wurden einige Dutzend harmloser Personen, die vielleicht in ihrem ganzen Leben Old Bailey nie gesehen hatten, hin und her gezerrt und mißhandelt. Der Übergang zu dem Spaße des Fenstereinwerfens und dann zum Plündern der Wirtshäuser war leicht und natürlich. Als endlich nach Ablauf mehrerer Stunden etliche Gartenhäuschen in Trümmern lagen und zur Bewaffnung der kriegerisch gesinnten Gemüter unterschiedliche Hofumzäunungen eingerissen waren, verbreitete sich das Gerücht von der Ankunft der Garden. Vor dieser bedrohlichen Kunde schmolz der Haufen allmählich zusammen. Vielleicht kamen die Garden, vielleicht auch nicht: genug, der Auflauf nahm das gewöhnliche Ende.
Mr. Cruncher hatte sich an den Schlußbelustigungen nicht beteiligt, sondern war auf dem Kirchhofe zurückgeblieben, um mit den Leichenbestattern sich zu unterhalten und ihnen sein Beileid auszudrücken. Der Platz übte einen beruhigenden Einfluß auf ihn. Er besorgte sich aus der nahen Schenke eine Pfeife, rauchte wacker drauf los, sah zu dem Gitter hinein und betrachtete sich wohlbedächtig die Stelle.
»Jerry«, sagte Mr. Cruncher, sich selbst anredend, »du siehst, daß man heute den Cly dort begraben hat, und du weißt aus eigener Anschauung, daß er ein junger, gutgebauter Bursche war.«
Nachdem er seine Pfeife ausgeraucht und noch eine Weile länger seinen Gedanken Gehör geschenkt hatte, trat er den Heimweg an, um vor der Schlußstunde sich wieder auf seinem Posten bei Tellsons zu zeigen. Ob seine Betrachtung über Sterblichkeit eine schlimme Einwirkung auf seine Leber geübt oder ob er vorher schon sich nicht recht wohl gefühlt hatte – vielleicht wollte er auch nur einem ausgezeichneten Mann eine kleine Aufmerksamkeit erweisen; kurz, er machte unterwegs einen kleinen Besuch bei seinem ärztlichen Ratgeber, einem Chirurgen von hohem Ruf.
Der junge Jerry tröstete mit pflichtschuldiger Teilnahme seinen Vater und meldete, daß in seiner Abwesenheit kein Geschäft vorgekommen sei. Die Bank wurde geschlossen: die alten Kontoristen kamen heraus; es wurde die gewöhnliche Wache bestellt, und Mr. Cruncher begab sich mit seinem Sohn nach Hause zum Tee.
»Ich weiß jetzt, wo es steckt«, sagte Mr. Cruncher beim Eintreten zu seiner Frau. »Wenn mir, einem ehrlichen Geschäftsmann, heute nacht mein Ausgang mißglückt, so kann ich überzeugt sein, daß du gegen mich gebetet hast, und ich werde dich dafür so gut bearbeiten, als ob ich mit eigenen Augen zugesehen hätte.«
Die verzagte Mrs. Cruncher schüttelte den Kopf.
»Was, das tust du angesichts meiner?« rief Cruncher mit den Zeichen unwilliger Besorgnis.
»Ich sage ja nichts.«
»Gut: aber du sollst auch nichts denken. Du könntest mir ebensogut umfallen wie denken: denn das eine wie das andere geht gegen »mich. Ich sag' dir, laß es bleiben.«
»Ja, Jerry.«
»Ja, Jerry«, wiederholte Mr. Cruncher, sich zum Tee niedersetzend. »Es ist mir ernst, und darum kein Wort mehr. Du hast Ursache, zu sagen: Ja, Jerry.«
Mr. Cruncher hatte keine besondere Absicht bei dieser zänkischen Bekräftigung, sondern bediente sich ihrer nur, um, wie dies häufig von den Leuten geschieht, im allgemeinen eine ironische Unzufriedenheit kundzugeben. ,
»Du mit deinem ‹Ja, Jerry›«, sagte Mr. Cruncher indem er ein Stück aus seinem Butterbrot biß. »Ah, ich kann mir's denken – glaub's wohl.«
»Du gehst heute nacht aus?« fragte sein anständiges Weib, als er abermals einen Biß tat.
»Ja.«
»Darf ich mitgehen, Vater?« fragte sein Sohn hastig.
»Nein, du darfst nicht. Ich gehe fischen, wie deine Mutter weiß. Ja, das ist der Zweck meines Ausgangs. Fischen.«
»Dein Fischzeug ist ziemlich rostig, nicht wahr, Vater?«
»Das kann dir gleichgültig sein.«
»Bringst du auch Fische nach Hause, Vater?«
»Wenn's nicht geschieht, wird's morgen schmale Kost geben«, versetzte der Ehrenmann mit Kopfschütteln. »Du hast doch jetzt genug gefragt. Ich werde erst ausgehen, nachdem du längst im Bett bist.«
Er beschäftigte sich für den Rest des Abends damit, daß er ein äußerst wachsames Auge auf Mrs. Cruncher hielt und sie durch stetiges Zanken hinderte, auch nur in Gedanken zu seinem Nachteil zu beten. In dieser Absicht drängte er auch seinen Sohn, seine Mutter stets im Atem zu halten, und die unglückliche Frau hatte schwer darunter zu leiden; denn Mr. Cruncher zog lieber jede Kleinigkeit an den Haaren herbei, um ihr Vorwürfe zu machen, als daß er ihr nur einen Augenblick Zeit zum Nachdenken gelassen hätte. Selbst der frömmsten Person wäre es unmöglich gewesen, der Wirksamkeit eines ehrlichen Gebetes tiefere Anerkennung zu zollen, als durch dieses Mißtrauen gegen das arme Weib geschah. Geradeso sieht man oft entschiedene Gespensterleugner durch eine Geistergeschichte in Zittern geraten.
»Und wohlgemerkt, keine Possen morgen«, sagte Mr. Cruncher. »Wenn es mir als einem ehrlichen Geschäftsmann gelingt, eine Hammelkeule oder zwei heimzubringen, so laß mich nicht hören, daß du nichts davon anrühren, sondern bei deinem Brot bleiben wollest. Und wenn ich als ehrlicher Geschäftsmann imstande bin, mir ein bißchen Bier kommen zu lassen, so schwatze mir nicht von Wasser. Wer in Rom ist, muß tun, wie man in Rom tut. Und tust du's nicht, so wird dir Rom sauber über den Kopf fahren. Ich bin dein Rom, das weißt du.«
Und dann begann er wieder zu brummen:
»Kommst mir da immer mit deinem abgesonderten Essen und Trinken! Ich möchte nur wissen, wie du hier zu Essen und Trinken kommen wolltest mit deinem heuchlerischen Wesen und deinem gefühllosen Benehmen. Schau deinen Buben an – gehört er nicht dir? Er ist so dünn wie ein Span. Du willst dich eine Mutter nennen und weißt nicht einmal, daß es die erste Pflicht einer Mutter ist, ihr Kind zum Wachsen zu bringen.«
Dies berührte bei dem jungen Jerry eine zarte Seite. Er beschwor seine Mutter, ihre erste Pflicht zu erfüllen und, was sie auch sonst darüber vernachlässigen mochte, besonders die Vollziehung der mütterlichen Pflicht sich angelegen sein zu lassen, auf die der Vater so liebevoll und fein hingedeutet hatte. So entschwand der Abend ln der Familie Cruncher, bis endlich der junge Jerry die Weisung erhielt, zu Bett zu gehen. An seine Mutter wurde der gleiche Befehl erlassen, dem sie demütig gehorchte. Mr. Cruncher kürzte sich die früheren Stunden der Nacht durch Pfeiferauchen und trat seinen Ausflug erst gegen ein Uhr an. Um diese kleinzahlige gespenstische Stunde erhob er sich von seinem Stuhl, zog einen Schlüssel aus der Tasche, öffnete einen Schrein und holte einen Sack, ein Brecheisen von anständiger Größe, ein Seil, eine Kette und anderes derartiges Fischgerät heraus. Nachdem er diese Gegenstände geschickt bei sich versteckt hatte, warf er Mrs. Cruncher einen trotzigen Abschiedsblick zu und ging hinaus.
Der junge Jerry, der nur so getan hatte, als kleide er sich aus, war im Nu wieder aus seinem Bett und hinter dem Vater her. Im Schutz der Dunkelheit folgte er ihm zur Stube hinaus, die Treppe hinunter, in den Hof und auf die Straße. Wegen des Wiedernachhausekommens war ihm nicht bange, denn die Tür stand um der vielen Mietleute willen die ganze Nacht durch offen.
Von dem löblichen Ehrgeiz getrieben, die Kunst und das Geheimnis von seines Vaters ehrlichem Gewerbe zu studieren, ließ der junge Jerry, der sich so nahe, wie seine Augen beieinander standen, an die Häuser und Mauern hielt, seinen geehrten Erzeuger nicht aus dem Auge. Der geehrte Erzeuger steuerte nordwärts und war noch nicht weit gegangen, als sich ihm ein anderer Nachtgeselle anschloß, mit dem er gemeinschaftlich weitertrabte.
Nach einer halbstündigen Wanderung waren sie außer dem Bereiche neugieriger Lampen und der noch neugierigeren Nachtwächter draußen auf einsamer Landstraße. Hier wurde noch ein dritter Fischer aufgelesen, und zwar so in aller Stille, daß der junge Jerry, wenn er abergläubisch gewesen wäre, wohl hätte auf den Gedanken kommen können, daß der zweite Genosse der edlen Kunst sich plötzlich verdoppelt habe.
Die drei gingen weiter, und der junge Jerry folgte ihnen, bis sie unter einer Wegböschung haltmachten, auf der ein niedriges Backsteingemäuer mit einem eisernen Geländer bemerklich wurde. In dem Schatten der Böschung und des Gemäuers stahlen sie sich von der Straße ab, eine Sackgasse hinauf, die durch die acht bis zehn Fuß hohe Mauer begrenzt wurde. Der junge Jerry kauerte in einer Ecke nieder und schaute die Gasse hinauf. Der erste Gegenstand, dessen er ansichtig wurde, war sein geehrter Erzeuger, dessen Umrisse scharf gegen einen wässerigen, umwölkten Mond abstachen, wie derselbe hurtig ein eisernes Gittertor hinankletterte. Er war bald hinüber: darauf folgte der Zweite und dann der Dritte. Sie alle langten weich auf dem Boden hinter dem Gitter an und blieben eine Weile liegen, vielleicht, um zu horchen. Dann krochen sie auf Händen und Füßen weiter.
Jetzt war an dem jungen Jerry die Reihe, sich dem Gitter zu nähern, er tat dies mit verhaltenem Atem. Er duckte sich dort wieder in eine Ecke, sah hinein und bemerkte, daß die drei Fischer in dem hohen Grase weiterkrochen. Und alle die Grabsteine – es war ein großer Kirchhof – schienen wie weiße Gespenster zuzuschauen, und der Kirchturm selbst sah darein wie der Geist eines ungeheuren Riesen. Sie krochen nicht weit, sondern machten bald halt und richteten sich auf. Dann begannen sie zu fischen.
Anfangs fischten sie mit einem Spaten. Dann gewann es den Anschein, als setze der geehrte Erzeuger ein Instrument von der Gestalt eines großen Korkziehers an. Welcher Art indes die Werkzeuge sein mochten, die Leute arbeiteten mit allem Eifer, bis der schauerliche Schlag der Kirchenuhr den jungen Jerry so erschreckte, daß er mit einem Haar, so steif wie das seines Vaters, von dannen floh.
Aber der lang gehegte Wunsch, von diesen Dingen mehr zu erfahren, hielt ihn nicht nur in seinem Lauf an, sondern lockte ihn sogar wieder zurück. Sie fischten noch beharrlich fort, als er zum zweitenmal zum Gitter hineinsah, schienen aber jetzt etwas an der Angel zu haben. Es ging an ein Schrauben; von unten ließ sich ein ächzender Ton vernehmen, und die schattigen Gestalten strengten sich an, als höben sie eine schwere Last. Allmählich brach sich diese Last durch die Erde und kam an die Oberfläche. Der junge Jerry wußte recht gut, was jetzt kommen mußte; aber als er es wirklich sah und dabei bemerkte, wie sein Vater sich anschickte, es mit dem Stemmeisen aufzubrechen, wandelte ihn bei dem Anblick eine solche Angst an, daß er wieder Reißaus nahm und nicht eher haltmachte, bis er eine schöne Strecke Wegs hinter sich hatte.
Er würde auch dann noch nicht angehalten haben, wenn ihm nicht der Atem ausgegangen wäre; denn sein Rennen war eine Art Wettlauf mit Gespenstern, denen er aus dem Weg zu kommen zitterte. Es war ihm, als habe er gesehen, wie der Sarg ihm nachkam; er stellte sich vor, als hüpfe derselbe hinter ihm her, gerade auf seinem schmäleren Ende sich bewegend und stets auf dem Punkt, ihn einzuholen und an seiner Seite weiterzuhüpfen, vielleicht gar ihn am Arm zu nehmen – kurz, es war ein fürchterlicher Verfolger. Dazu noch ein inkonsequenter, überall gegenwärtiger Dämon; denn da der Spuk die ganze Nacht hinter ihm mit Schrecken erfüllte, so stürzte er in die Straße hinaus, um die dunklen Alleen zu vermeiden, fürchtend, das Gespenst möchte wie ein wassersüchtiger Papierdrache ohne Schwanz und Flügel hinter den Bäumen hervor auf ihn zukommen. Auch in den Torwegen versteckte es sich, rieb seine schrecklichen Schultern an den Türpfosten und zog sie, als lache es, bis an die Ohren hinauf. Es versteckte sich im Schatten der Straße und blieb tückisch auf dem Rücken liegen, um ihm ein Bein zu stellen. Und diese ganze Zeit über hüpfte es ohne Unterlaß hart hinter ihm drein, so daß Jerry junior, als er endlich zu Hause anlangte, halbtot zu sein meinte. Ja, selbst da wollte es noch nicht von ihm ablassen, sondern es folgte ihm mit einem Gepolter auf jeder Stufe die Treppe hinauf, stieg mit ihm ins Bett hinein und plumpste schwer und tot ihm auf die Brust, bis er endlich einschlief.
Aus diesem angstvollen Schlummer wurde der junge Jerry in seinem Alkoven nach Tagesanbruch und vor Sonnenaufgang durch die Anwesenheit seines Vaters in dem Familienzimmer geweckt. Diesem mußte etwas nicht nach Wunsche gegangen sein; so schloß wenigstens der junge Jerry aus dem Umstand, daß der Alte Mrs. Cruncher an den Ohren hatte und ihr den Hinterkopf an dem Kopfbrett ihres Bettes zerbeulte.
»Ich hab' dir's gesagt, ich wolle«, sagte Mr. Cruncher; »und jetzt hast du's.«
»Jerry, Jerry, Jerry«, rief sein Weib flehentlich.
»Du hast ein Aber gegen den Profit des Geschäfts«, sagte Jerry, »und darunter haben ich und meine Kameraden zu leiden. Du sollst ehren und gehorchen – warum zum Teufel tust du's nicht?«
»Ich gebe mir ja alle Mühe, eine gute Frau zu sein«, versicherte die Arme unter Tränen.
»Ist man eine gute Frau, wenn man sich dem Geschäfte des Mannes widersetzt? Heißt es den Mann ehren, wenn man sein Gewerbe verachtet? Heißt es dem Manne gehorchen, wenn man ihm den Gehorsam verweigert in der Lebensfrage seines Geschäftes?«
»Du hast also wieder zu dem schrecklichen Gewerbe gegriffen, Jerry?«
»Für dich ist es genug«, versetzte Mr. Cruncher, »das Weib eines ehrlichen Geschäftsmanns zu sein, und du hast nicht nötig, deinen Weiberkopf mit Berechnungen anzustrengen, wenn er einem Beruf nachgeht oder nicht. Ein Weib, das ehrt und gehorcht, läßt ihn gewähren. Du willst eine fromme Frau sein? Wenn die religiösen so sind, so will ich lieber eine unreligiöse. Du hast so wenig ein natürliches Gefühl für deine Pflicht, als es dieses Themsebett da für einen Pfahl hat, und sie muß deshalb gleichermaßen in dich hineingeschlagen werden.«
Der Streit wurde mit gedämpfter Stimme geführt und endigte damit, daß der ehrliche Geschäftsmann die kotigen Stiefel vom Fuß schleuderte und der Länge nach sich auf den Boden legte. Nachdem sein Sohn einen scheuen Blick nach ihm, wie er so rücklings dalag mit den rostigen Händen als Kissen unter dem Kopfe, hingeworfen hatte, legte auch er sich wieder und schlief aufs neue ein.
Zum Frühstück gab es keinen Fisch und auch nicht viel anderes. Mr. Cruncher war verstimmt und mißmutig und hielt stets einen eisernen Topfdeckel in der Nähe als Korrektionsgeschoß für Mrs. Cruncher, im Falle sie Miene machte, ihren Morgensegen zu sprechen oder zu denken. Zu der gewohnten Stunde hatte er sich gewaschen und gekämmt und machte sich mit seinem Sohne auf den Weg, um seinen vorweisbaren Beruf anzutreten.
Der junge Jerry, der mit seinem Schemel unter dem Arm neben seinem Vater in dem Gedränge der sonnigen Fleetstraße dahinschritt, war ein ganz anderer junger Jerry als in der letzten Nacht, solange er durch Einsamkeit und Dunkel vor seinem schrecklichen Verfolger her nach Hause lief. Sein Geist hatte sich mit dem Tage aufgefrischt, und die Nebel waren mit der Nacht vergangen, eine Eigentümlichkeit, in der er an jenem schönen Morgen viele seinesgleichen hatte, in der Fleetstraße sowohl wie in der Stadt London überhaupt. »Vater«, sagte der junge Jerry unterwegs, indem er zugleich Sorge trug, sich auf Armeslänge fernzuhalten und den Schemel zwischen sich und den Alten zu bringen, »was ist ein Auferstehungsmann?«
Mr. Cruncher blieb wie auf das Pflaster gebannt stehen, ehe er antwortete:
»Wie soll ich dies wissen?«
»Ich dachte, du wüßtest alles, Vater«, lautete die arglose Erwiderung des Knaben.
»Hm! Nun«, entgegnete Mr. Cruncher, den Weg wieder aufnehmend und den Hut lüpfend, um seinen Spießen freies Spiel zu lassen, »er ist ein Geschäftsmann.«
»Und was erwirbt er?« fragte der schlaue junge Jerry.
»Was er erwirbt?« versetzte Mr. Cruncher nach einigem Besinnen. »Er handelt mit wissenschaftlichen Gegenständen.«
»Nicht wahr, mit Leichnamen, Vater?« fragte der aufgeweckte Knabe.
»Ich glaube, es ist etwas der Art«, antwortete Mr. Cruncher.
»Oh, Vater, ich möchte wohl auch ein Auferstehungsmann werden, wenn ich einmal groß bin.«
Mr. Cruncher fühlte sich beruhigt, schüttelte aber doch bedenklich und moralisierend den Kopf.
»Es hängt davon ab, wie du deine Talente entwickelst. Laß dir's angelegen sein, deine Talente auszubilden, und sprich von solchen Dingen gegen niemand mehr, als gerade notwendig ist; denn vorderhand kann man noch nicht wissen, für was du mit der Zeit passen magst.«
Als der junge Jerry, in solcher Weise ermutigt, einige Schritte vorausging, um den Schemel in den Schatten der Bar aufzustellen, fügte Mr. Cruncher für sich selbst hinzu:
»Jerry, ehrlicher Geschäftsmann, es ist Hoffnung vorhanden, daß der Knabe noch ein Segen für dich und ein Ersatz werden wird für seine Mutter!«
Es gab früher als gewöhnlich Gäste in Monsieur Defarges Weinstube. Schon morgens um sechs Uhr hatten bleiche Gesichter, die durch die vergitterten Fenster hineinschauten, drinnen andere Gesichter bemerkt, die sich über ihre Weingläser niederbeugten. Selbst in den besten Zeiten verkaufte Monsieur Defarge nur sehr dünnen Wein, aber er schien eben jetzt ganz ungewöhnlich dünn zu sein. Ein saurer Wein obendrein, oder ein sauer machender, denn er übte auf die Stimmung der Trinker einen gar trüben Einfluß. Keine lebhafte barchanalische Flamme loderte aus der gepreßten Traube des Monsieur Defarge, sondern ein glostendes Feuer, das im verborgenen brannte, lag in ihrer Hefe verborgen. Es war der dritte Morgen dieser Frühtrunke in Monsieur Defarges Weinstube. Sie hatten am Montag begonnen, und heute war es Mittwoch. Man konnte es übrigens eher ein Morgenbrüten nennen als ein Trinken; denn seit die Tür geöffnet worden, hatten viele Leute zugehört, geflüstert und waren wieder fortgeschlichen, die, selbst wenn es ihren Seelen gegolten, keine Münze auf den Zahltisch hätten legen können. Sie waren jedoch in der Stube ebenso angesehen, wie wenn sie über ganze Fässer Wein zu verfügen vermocht hätten, und man sah sie von Sitz zu Sitz, von einer Ecke zur andern gleiten, wie sie mit gierigen Blicken statt des Trunks die Reden einsogen.
Ungeachtet des außerordentlichen Zulaufs von Gästen war der Inhaber des Weinschanks nicht sichtbar. Er wurde auch nicht vermißt; denn niemand von denen, die über die Schwellen schritten, sah sich nach ihm um oder fragte nach ihm. Niemand wunderte sich, daß nur Madame Defarge die Abgabe des Weines von ihrem Sitze aus überwachte, mit einem Teller voll Kleingeld vor sich, auf dem das ursprüngliche Gepräge so entstellt und abgerieben war wie auf der menschlichen Scheidemünze, aus deren zerlumpten Taschen es gekommen war.
Ein zurückhaltendes Interesse und eine vorherrschende Geistesabwesenheit wurde vielleicht bemerkt von den Spionen, die in die Weinstube hineinschauten; denn ihre Blicke reichen überall hin nach Hoch und Nieder, von dem Palaste des Königs an bis zu dem Kerker des Verbrechers. Die Spielkarten lagen müßig, Dominospieler bauten in Gedanken mit den Steinen Türme, Trinker zeichneten mit dem verschütteten Wein Figuren auf den Tisch, ja, sogar Madame Defarge stocherte mit ihrem Zahnstocher in dem Muster auf ihrem Ärmel und achtete nur auf etwas Unsichtbares und Unhörbares in weiter Ferne.
Saint Antoine verblieb in dieser eigentümlichen Weinlaune bis zum Mittag. Es war um die zwölfte Stunde, als zwei staubige Männer durch die Gassen der Vorstadt unter den Laternen vorbeikamen. In dem einen erkennen wir Monsieur Defarge, in dem andern einen Straßensteinschläger mit einer blauen Mütze. Voll Staub und Durst traten sie in die Weinstube. Ihre Ankunft hatte in der Brust von Saint Antoine eine Art Feuer angezündet, das, je weiter sie kamen, mehr und mehr um sich griff und an den meisten Türen und Fenstern in den Gesichtern flackernd hervorloderte. Aber niemand war ihnen gefolgt, und niemand ließ ein Wort verlauten, als sie in die Weinstube traten, obschon jedes Auge sich ihnen zuwandte.
»Guten Tag, meine Herren«, sagte Monsieur Defarge.
Dies war, scheint es, ein Signal, das allen die Zunge löste, denn es entlockte die Antwort im Chor: »Guten Tag.«
»Es ist schlimmes Wetter, meine Herren«, sagte Defarge den Kopf schüttelnd.
Hierauf sah jeder seinen Nachbar an; dann schlugen alle ihre Augen nieder und blieben stumm sitzen. Ein einziger machte davon eine Ausnahme; er stand auf und verließ das Zimmer.
»Frau«, sagte Defarge laut, sich an Madame Defarge wendend, »ich bin eine schöne Strecke gereist mit diesem wackeren Knecht, der Jacques heißt. Ich traf ihn zufällig anderthalb Tagmärsche von Paris. Er ist ein guter Mensch, dieser Knecht Jacques. Gib ihm zu trinken, Frau.«
Ein zweiter Mann stand auf und ging hinaus. Madame Defarge setzte dem Knecht namens Jacques Wein vor, worauf dieser gegen die Gesellschaft seine blaue Mütze lüftete und trank. Er zog aus der Brust seiner Bluse ein Stück rauhen, schwarzen Brotes heraus, brach sich in Zwischenräumen einen Bissen und kaute und trank in der Nähe von Madame Defarges Zahltisch. Ein Dritter stand auf und ging hinaus.
Defarge labte sich mit einem Schlucke Wein, genoß indes weniger, als es dem Fremden gereicht worden, da ihm als dem Hausherrn das Getränk keine Seltenheit war; dann blieb er wartend stehen, bis der Mann vom Lande seinen Imbiß gegessen hatte. Er sah von den Anwesenden niemand an, und auch von diesen hatte niemand ein Auge für ihn, nicht einmal Madame Defarge, die eifrig in ihrem Stricken fortfuhr.
»Seid Ihr fertig mit Eurem Mahle, Freund?« fragte er, nachdem er dem Fremden gehörig Zeit gelassen hatte.
»Ja; ich danke Euch.«
»So kommt. Ihr sollt das Gemach sehen, das Ihr, wie ich Euch sagte, haben könnt. Es wird Euch gewiß gut gefallen.«
Aus der Weinstube auf die Straße, von der Straße in den Hof, von dem Hofe eine steile Treppe hinan, von der Treppe in ein Dachstübchen – früher das Dachstübchen, in dem ein weißhaariger Mann auf einer niedrigen Bank vorwärts gebeugt saß und Schuhe anfertigte.
Es war kein weißhaariger Mann mehr da, wohl aber harrten darin die drei, die einzeln die Schenkstube verlassen hatten. Und zwischen ihnen und dem in weiter Ferne sich befindenden grauhaarigen Manne bestand das einzige kleine Verbindungsglied, daß sie ihn einmal durch die Risse in der Mauer gesehen hatten.
Defarge schloß sorgfältig die Tür und begann mit gedämpfter Stimme:
»Jacques Eins, Jacques Zwei, Jacques Drei, dies ist der Zeuge, der mir, dem Jacques Vier, infolge der Verabredung, entgegengekommen ist. Er wird euch alles sagen. Sprecht, Jacques Fünf.«
Der Knecht, der seine blaue Mütze in der Hand hatte, wischte sich die braune Stirn damit und sagte:
»Wo soll ich anfangen, Herr?«
»Fangt von vorn an«, lautete Monsieur Defarges nicht unvernünftige Erwiderung.
»Gut, ihr Herren«, begann der Knecht: »ich sah ihn, laufenden Sommer ist's ein Jahr, unter der Kutsche des Marquis, wie er in der Kette hing. Schaut, wie das war. Ich hatte meiner Arbeit den Rücken gekehrt, die Sonne ging unter, die Kutsche des Marquis fuhr langsam bergan, und er hing in der Kette – so.«
Und der Knecht machte wieder das alte Kunststück, in dem er es seitdem zu einer großen Vollkommenheit gebracht haben mußte, da es während eines ganzen Jahres die unfehlbare und unentbehrliche Unterhaltungszuflucht seines Dorfes gewesen war.
Jacques Eins fiel ein und fragte, ob er den Mann je zuvor gesehen habe.
»Nie«, antwortete der Knecht, indem er wieder eine lotrechte Stellung annahm.
Jacques Drei wollte wissen, wie er ihn nachher wiedererkannt habe.
»An seiner langen Gestalt«, versetzte der Knecht halblaut, indem er den Finger an seine Nase legte. »Als Monsieur le Marquis an jenem Abend zu mir sagte: ›Sag', wie er aussah‹, gab ich ihm zur Antwort: ›Lang wie ein Gespenst‹«
»Ihr hättet sagen sollen, klein wie ein Zwerg«, bemerkte Jacques Zwei.
»Was wußte ich? Die Tat war damals noch nicht geschehen, und er hatte mich nicht zu seinem Vertrauten gemacht. Auch muß ich bemerken, daß ich selbst unter den obwaltenden Verhältnissen nicht mein Zeugnis anbot. Monsieur le Marquis deutet mit dem Finger auf mich, während ich neben unserem kleinen Brunnen stehe, und sagt: ›Bringt mir diesen Schurken her.‹ Wahrhaftig, meine Herren, ich hab' nicht aus freien Stücken gezeugt.«
»Es ist so, Jacques«, bemerkte Defarge halblaut gegen den Mann, der ihn unterbrochen hatte. »Weiter.«
»Gut«, sagte der Knecht mit geheimnisvoller Miene. »Der lange Mensch verschwindet und wird gesucht – wie viele Monate? Neun, zehn, elf?«
»Was liegt an der Zahl?« versetzte Defarge. »Er war gut verborgen, wurde aber zuletzt unglücklicherweise aufgefunden. Fahrt fort.«
»Ich bin wieder an dem Bergabhang bei meinem Steinhaufen, und die Sonne ist wieder am Untergehen. Ich nehme mein Werkzeug zusammen, um nach dem Dorfe und in mein Häuschen zurückzukehren, das schon im Dunkeln liegt. Wie ich meine Augen aufrichte, seh' ich über den Berg her sechs Soldaten kommen. In ihrer Mitte geht ein Mann, dem die Arme an die Seiten gebunden sind – so.«
Mit Hilfe der unentbehrlichen Mütze stellte er einen Menschen dar, dem mit auf dem Rücken zugeknoteten Stricken die Ellenbogen an den Brustkorb befestigt sind.
»Ich trete von meinem Steinhaufen zurück, meine Herren, um die Soldaten und ihren Gefangenen vorbeikommen zu sehen ('s ist ein einsamer Weg, wo alles, was vorkommt, sich des Sehens verlohnt). Wie sie näher kommen, bemerke ich anfangs weiter nichts, als daß es sechs Soldaten sind mit einem gebundenen langen Mann; sie kommen meinem Auge fast schwarz vor, mit Ausnahme der Seite, wo die Sonne untergeht und wo sie einen roten Schein haben. Gut, meine Herren; ich sah, daß ihre langen Schatten über der Wegböschung weg sich an der entfernteren Berganhöhe abmalen und wie die Schatten von Riesen erscheinen. Ferner bemerke ich, daß sie mit Staub bedeckt sind und daß jeder ihrer Schritte, wie sie tramp, tramp einherkommen, neuen Staub aufwühlt. Aber sobald sie mir ganz nahe gekommen sind, erkenne ich den langen Mann, und er erkennt mich. Ach, wie gern wär' er wohl wieder über den Abhang hinuntergekugelt wie an dem Abend, als ich ihm fast an demselben Platz zum erstenmal begegnete.«
Er beschrieb es, als ob sie dort wären, und es war sichtbar, daß er es lebhaft vor Augen hatte; vielleicht war ihm in seinem Leben nicht viel zu Gesicht gekommen.
»Ich lasse die Soldaten nicht merken, daß ich den langen Mann kenne; und auch er gibt kein Zeichen, daß er mich erkannt hat; wir aber verständigen uns durch die Augen. ›Vorwärts!‹ sagt der Führer der Abteilung und deutet auf das Dorf; ›macht, daß er zu seinem Grabe kommt.‹ Und sie treiben ihn schneller an. Ich folge. Seine Arme sind geschwollen wegen der festen Bande; seine hölzernen Schuhe sind plump und schwer, so daß er kaum gehen kann. Weil es nun nicht recht vorwärts will, so helfen sie mit den Gewehren nach – so.«
Er veranschaulichte das Vorwärtstreiben des Gefangenen durch Stöße mit den Musketenkolben.
»Während sie gleich wettrennenden Tollhäuslern den Berg hinabrasen, fällt er. Sie heben ihn wieder auf und lachen. Sein mit Staub bedecktes Gesicht blutet; aber er kann nicht danach hinlangen, und sie lachen wieder darüber. Sie bringen ihn nach dem Dorf; das ganze Dorf läuft zusammen, um ihn zu sehen. Man führt ihn an der Mühle vorbei und nach dem Gefängnis hinauf. Das ganze Dorf sieht, wie in der dunklen Nacht das Gefängnistor sich auftut und ihn verschlingt – so.«
Er öffnete den Mund, so weit er konnte, und ließ ihn mit einem klappenden Ton der Zähne wieder zuschnappen. Als Defarge bemerkte, daß der Mann nicht Lust hatte, den gemachten Eindruck durch ein abermaliges Öffnen zu beeinträchtigen, so sagte er zu ihm: »Fahrt fort, Jacques.«
»Das ganze Dorf«, fuhr der Knecht mit gedämpfter Stimme fort, während er zugleich sich auf die Fußspitzen stellte, »zieht sich zurück; das ganze Dorf flüstert bei dem Brunnen; das ganze Dorf schläft; das ganze Dorf träumt von dem Unglücklichen, der auf dem Felsen hinter Schloß und Riegel sitzt und nur wieder aus dem Gefängnis herauskommen soll, um zu sterben. Am Morgen nehme ich mein Werkzeug auf die Schulter und meinen Bissen Schwarzbrot in die Tasche, um ihn unterwegs zu essen, und mache auf meinem Gang zur Arbeit einen Umweg nach dem Gefängnis. Da sehe ich ihn hoch oben hinter dem Gitter eines eisernen Käfigs blutig und staubig wie gestern hervorschauen. Er hat keine Hand frei, um mir zuzuwinken. Ich wage es nicht, ihn anzurufen, und er betrachtet mich mit Augen wie ein toter Mann.«
Defarge und die drei warfen einander finstere Blicke zu. Ihre Mienen waren unheimlich, zurückhaltend und rachgierig, während sie der Geschichte des Landmanns zuhörten; auch ließ sich in ihrer Haltung etwas Gebieterisches nicht verkennen. Sie nahmen sich wie ein roher Gerichtshof aus. Jacques Eins und Zwei saßen auf dem alten Lotterbett und hatten das Kinn auf die Hand gestützt, während ihre Augen unverwandt auf dem Knecht hafteten. Jacques Drei, der ebenso aufmerksam war, stützte sich hinter ihnen auf das eine Knie und fuhr ohne Unterlaß mit der Hand über die in Aufregung spielenden Muskeln seiner Lippen und Nase. Defarge stand zwischen ihnen und dem Erzähler, dem er seinen Platz im Licht des Fensters angewiesen, und ließ seine Blicke von ihm auf die drei und von den dreien wieder auf ihn zurückgleiten.
»Weiter, Jacques«, sagte Defarge.
»Er bleibt einige Tage droben in seinem Käfig. Das Dorf schaut nur verstohlen zu ihm hinauf, denn es fürchtet sich. Aber es betrachtet immer aus der Ferne das Gefängnis auf dem Felsen, und abends, wenn es sich nach vollbrachtem Tagewerk zum Plaudern am Brunnen versammelt, wenden sich alle Augen dem Gefängnis zu. Früher pflegten sie sich auf das Posthaus zu richten, jetzt aber ist der Fels ihr Ziel. Sie flüstern sich am Brunnen zu, obgleich der Mann zum Tode verurteilt sei, werde er doch nicht hingerichtet werden; sie sagen, es seien in Paris Bittschriften eingereicht worden, die auseinandersetzten, der Tod seines Kindes habe ihn geisteskrank gemacht; sie sagen, der König selbst habe eine solche Bittschrift in Empfang genommen. Was weiß ich? Es ist möglich. Vielleicht ja, vielleicht auch nicht.«
»So hört denn, Jacques«, fiel ihm stummer Eins dieses Namens ins Wort. »Eine Bittschrift ist dem König und der Königin wirklich überreicht worden. Wir alle, die wir hier zugegen sind, mit alleiniger Ausnahme von Euch, haben gesehen, wie der König sie in Empfang nahm, als er mit der Königin an seiner Seite durch die Straßen fuhr. Defarge, den Ihr hier seht, war es, der unter Lebensgefahr mit der Schrift in der Hand vor die Pferde hintrat.«
»Und hört weiter, Jacques«, sagte die kniende Nummer Drei mit erstaunlich gieriger Miene, als hungere sie nach etwas, was weder Speise noch Trank war, die Finger wieder und wieder über die Lippen hinführend, »die Garde, Reiter und Fußgänger umgaben den Bittsteller und mißhandelten ihn mit Schlägen. Hört Ihr's?«
»Jawohl, ihr Herren.«
»Fahrt fort«, sagte Defarge.
»Andererseits munkelt man am Brunnen davon«, fuhr der Landmann fort, »er sei in unsere Gegend gebracht worden, um hier den Tod zu erleiden, und er werde ganz gewiß hingerichtet werden. Ja, man will sogar wissen, weil er Monseigneur umgebracht habe und Monseigneur der Vater seiner Leibeigenen sei, so werde ihn der Tod des Vatermörders treffen. Ein alter Mann sagt am Brunnen, man gebe ihm das Messer in die rechte Hand, haue sie ihm ab und verbrenne sie vor seinen Augen; dann reiße man Löcher in seine Arme, in seine Brust, in seine Beine und gieße kochendes Öl, geschmolzenes Blei, heißes Harz, Wachs und brennenden Schwefel hinein; endlich reiße man ihm mit vier starken Pferden Glied für Glied aus dem Leibe. Der alte Mann sagt, all dies sei wirklich einem Gefangenen geschehen, der einen Versuch auf das Leben des verstorbenen Königs Ludwig des Fünfzehnten machte. Aber wie kann ich wissen, ob er nicht lügt? Ich bin kein Studierter.«
»Hört mich noch einmal an, Jacques«, sagte der Mann mit der unruhigen Hand und der gierigen Miene. »Der Name jenes Gefangenen war Jacques Damíens, und der ganze Vorgang fand bei hellem Tage auf der offenen Straße dieser Stadt Paris statt. Und nichts war merkwürdiger in dem ungeheuren Zusammenlauf der Zuschauer als die Menge von hohen und vornehmen Damen, die kein Auge wandten von dem Schauspiel, solange es dauerte; es wurde nämlich bis in die Nacht hinein verlängert, und der Unglückliche hatte schon zwei Beine und einen Arm verloren, als er immer noch atmete. Dies ist geschehen – na, wie alt seid Ihr?«
»Fünfunddreißig«, sagte der Knecht, der wie ein Sechziger aussah.
»Es ist also geschehen, wie Ihr schon über zehn Jahre alt waret. Ihr hättet es selbst noch mit ansehen können.«
»Genug«, sagte Defarge mit grämlicher Ungeduld. »Lang lebe der Teufel! Macht weiter.«
»Nun, die einen munkeln dies, die andern das; sie sprechen von nichts anderem, und selbst der Brunnen scheint in diesen Ton einzufallen. Endlich einmal Sonntags nachts, während das ganze Dorf im Schlaf liegt, kommen Soldaten den Schlangenweg vom Gefängnis herunter, und ihre Schüsse hallen von den Steinen der nahen Straße wieder. Werkleute graben, Werkleute hämmern, die Soldaten lachen und singen, und am Morgen steht neben dem Brunnen ein vierzig Fuß hoher Galgen und vergiftet das Wasser.«
Der Knecht sah eher durch die Decke hindurch als nach ihr hinauf und machte ein Zeichen, als sehe er den Galgen irgendwo am Himmel.
»Alle Arbeit bleibt liegen, alles versammelt sich da, niemand führt die Kühe aus, die Kühe sind da wie alles andere. Um Mittag Trommelwirbel. Soldaten sind während der Nacht ins Gefängnis marschiert, und er kommt in der Mitte vieler Soldaten. Er ist gebunden wie früher, und in seinem Munde steckt ein Knebel, der so fest und in einer Art angebracht ist, daß es fast aussieht, als ob er lache.« Er erläuterte dies damit, daß er mit den Daumen die Mundwinkel bis zu den Ohren zurückzog. »An dem obern Teil des Galgens ist das Messer mit der Klinge aufwärts und der Spitze in der Luft befestigt. Da hängt man ihn vierzig Fuß hoch und läßt ihn hängen und das Wasser vergiften.«
Sie sahen einander an, während er seine blaue Mütze zum Abwischen des Schweißes benutzte, den ihm die Erinnerung an das Schauspiel ausgetrieben hatte.
»Es ist schrecklich, meine Herren. Wie können die Weiber und die Kinder Wasser holen? Wer kann abends unter einem solchen Schatten plaudern? Darunter, habe ich gesagt? Als ich am letzten Montag um Sonnenuntergang das Dorf verließ und von dem Berge aus zurückschaute, fiel der Schatten quer über die Kirche hin, über die Mühle, an dem Gefängnis vorbei, und schien sich über die ganze Erde zu erstrecken, bis dahin, meine Herren, wo das Himmelsgewölbe ist.«
Der Hungrige nagte, während er die andern drei ansah, an einem von seinen Fingern, und die Finger zitterten unter der dem Manne innewohnenden Gier.
»Das ist alles, meine Herren. Ich verließ, wie mir angedeutet worden war, um Sonnenuntergang das Dorf und wanderte selbige Nacht und den halben andern Tag fort, bis ich, wie die Verabredung lautete, diesen Kameraden traf. Mit ihm reiste ich weiter, bald zu Fuß, bald fahrend, den Rest des gestrigen Tages und die ganze Nacht durch. Und nun seht ihr mich.«
Nach einem düsteren Schweigen sagte der erste Jacques:
»Gut: Ihr habt treu gehandelt und erzählt. Wollt Ihr vor der Tür draußen ein bißchen auf uns warten?«
»Recht gern«, versetzte der Knecht.
Defarge führte ihn an den Anfang der Treppe, hieß ihn dort niedersitzen und kehrte zurück. Als er wieder in dem Dachstübchen anlangte, waren die drei aufgestanden und steckten die Köpfe zusammen.
»Wie meinst du, Jacques?« fragte Nummer Eins. »Einzutragen?«
»Einzutragen als zum Untergang verurteilt«, versetzte Defarge.
»Großartig!« krächzte der Mann mit dem Hunger.
»Das Schloß und das ganze Geschlecht?« fragte der Erste.
»Schloß und Geschlecht«, entgegnete Defarge. »Vernichtung.«
Der hungrige Mann wiederholte mit entzücktem Krächzen sein »Großartig« und begann an einem andern Finger zu nagen.
»Seid Ihr gewiß«, fragte Jacques Zwei den Defarge, »daß uns aus der Art, wie das Register geführt wird, keine Verlegenheit erwachsen kann? Ohne Zweifel ist es sicher, da es außer uns niemand zu entziffern imstande ist: aber werden wir immer in der Lage sein, es zu tun – oder, wie ich vielmehr sagen sollte, wird sie es immer können?«
»Jacques«, entgegnete Defarge, sich hoch aufrichtend, »wenn es meine Frau auf sich nehmen wollte, das Register nur in ihrem Gedächtnis zu führen, so würde kein Wort, keine Silbe davon verlorengehen; gestrickt aber mit ihren eigenen Maschen und ihren symbolischen Zeichen; ist es ihr stets so klar wie die Sonne. Ihr könnt euch auf Madame Defarge verlassen, für die elendeste Memme, die da lebt, wäre es viel leichter, sich aus dem Buch der Lebendigen zu streichen, als nur einen Buchstaben seines Namens oder seiner Verbrechen aus Madame Defarges gestricktem Register zu tilgen.«
Es folgte darauf ein Gemurmel des Beifalls und des Vertrauens; dann stellte der hungrige Mann die Frage:
»Soll dieser Bauer bald wieder zurückgeschickt werden? Ich hoffe es. Er ist sehr einfältig; könnte er nicht gefährlich werden?«
»Er weiß nichts«, sagte Defarge, »wenigstens nichts weiter, als was ihn leicht an einen Galgen von derselben Höhe bringen könnte. Ich nehm' ihn auf mich: laßt ihn bei mir bleiben. Ich will für ihn sorgen und ihm seinen Weg anweisen. Er wünscht die vornehme Welt zu sehen, den König, die Königin, den Hof; so mag er am Sonntag seinen Willen haben.«
»Wie?« rief der Mann mit dem Hunger, die Augen weit aufreißend. »Ist es ein gutes Zeichen, daß er das Königtum und den Adel zu sehen wünscht?«
»Jacques«, sagte Defarge, »bist du klug, so zeigst du einer Katze Milch, wenn du willst, daß sie danach dürsten soll. Bist du klug, so zeigst du einem Hunde seine natürliche Beute, wenn du willst, daß er sie eines Tages erjage.«
Weiter wurde nichts gesprochen, und man riet nun dem Knecht, den man bereits schlafend auf der obersten Treppenstufe fand, daß er ein wenig der Ruhe pflegen solle. Dazu war nicht viel Überredens notwendig; er schlief bald ein.
Für einen derartigen Sklaven aus der Provinz mochte es in Paris leicht schlimmere Quartiere geben als Defarges Weinhaus. Mit Ausnahme einer geheimnisvollen Furcht vor Madame, die ihm keine Ruhe ließ, verbrachte er sein neues Leben recht angenehm. Aber Madame saß den ganzen Tag an ihrem Zahltisch und achtete so merkwürdig wenig auf ihn, ja sie schien so fest entschlossen zu sein, nicht bemerken zu wollen, wie sein Dasein doch keine so ganz oberflächliche Bedeutung habe, daß er in seinen Holzschuhen zitterte, sooft sein Auge auf sie fiel. Denn er machte sich immer Gedanken darüber, wie unmöglich es sei, vorauszusehen, was die Frau zunächst sich herausnehmen werde, und fühlte die Überzeugung, wenn sie sich's in ihren bunt geschmückten Kopf setzen sollte, zu behaupten, sie sei Zeuge gewesen, wie er einen Mord begangen und hintendrein seinem Opfer die Haut abgezogen habe, so müsse sie unfehlbar ihren Zweck erreichen bis zum vollen Ende des Spiels.
Als daher der Sonntag kam, war der Knecht, obschon er das Gegenteil behauptete, gar nicht erfreut über die Kunde, daß Madame und Monsieur ihn selbst nach Versailles begleiten wollten. Ein anderer verwirrender Umstand war, daß Madame auf dem ganzen Wege in dem offenen Wagen strickte, und am meisten brachte ihn in Verlegenheit, daß sie nachmittags, als sie auf die Kutsche des Königs und der Königin wartete, in dem Menschengewühl keinen Augenblick ihr Strickzeug aus der Hand legte.
»Ihr arbeitet recht fleißig, Madame«, sagte ein Mann in ihrer Nähe.
»Ja«, antwortete Madame Defarge: »ich habe viel zu tun.«
»Allerlei.«
»Zum Beispiel?«
»Zum Beispiel«, erwiderte Madame Defarge schnell besonnen, »Leichentücher.«
Der Mann suchte, sobald es tunlich war, weiter von ihr wegzukommen, und der Knecht fächelte sich mit seiner blauen Mütze, da ihm die Luft gewaltig schwül und dunstig vorkam. Es bedurfte eines Königs und einer Königin, um ihn wieder aufzufrischen, und zum Glück brauchte er auf diese Stärkung nicht mehr lange zu warten. Der breitgesichtige König kam mit der schönen Königin in einer vergoldeten Kutsche angefahren, begleitet von den hellscheinenden Trabanten des Hofes, einem flimmernden Schwarme von lachenden Frauen und feinen Herren. Und von den Juwelen und Seidenstoffen, von dem Puder und der Pracht, von den stolzen Gestalten und den verächtlich umherblickenden schönen Gesichtern beiderlei Geschlechts schöpfte der Knecht in vollen Zügen bis zur Trunkenheit, so daß er, als hätte er nie von der damaligen Allgegenwart der Jacques' gehört, aus Leibeskräften rief: »Lang lebe der König! Lang lebe die Königin! Lang lebe alles und jedermann!« Dann kamen die Gärten, die Hofräume, Terrassen, Fontänen, grüne Dämme, wieder König und Königin, abermals glänzende Trabanten, noch mehr »Lang leben sie alle«, bis er absolut weinte vor Rührung. Während dieses ganzen Schauspiels, das etwa drei Stunden anhielt, hatte er im Schreien, Weinen und Gerührtsein viele Kameraden, und Defarge hielt ihn die ganze Zeit über am Kragen, als wolle er ihn abhalten, auf die Gegenstände seiner kurzen Verehrung loszustürzen und sie in Stücke zu reißen.
»Bravo!« sagte Defarge, nach dem Schluß der Szene ihm mit einer Gönnermiene auf den Rücken klopfend; »Ihr seid ein guter Bursch.«
Der Knecht kam nun wieder zu sich und kraute sich bedenklich den Kopf, ob er nicht mit seinen letzten Demonstrationen einen Fehlgriff getan habe. Doch nein.
»Ihr seid ein Kerl, wie wir ihn brauchen«, flüsterte ihm Defarge ins Ohr. »Ihr laßt diese Toren glauben, daß es immer so fort gehen werde. Dies macht sie um so unverschämter und führt desto schneller ihr Ende herbei.«
»Ei, das ist wahr«, entgegnete der Knecht nachdenklich.
»Das Narrenvolk weiß nichts. Während sie den Atem in Euch und Hunderten Euresgleichen geringer anschlagen als den ihrer Pferde und Hunde und ihm gern für alle Zeiten den Garaus machen möchten, erfahren sie doch nur, was dieser Atem ihnen sagt. Mögen sie immerhin noch eine Weile in ihrer Täuschung erhalten bleiben; man kann es hierin nicht zu arg machen.«
Madame sah mit hochmütiger Miene nach ihrem Klienten hin und nickte bestätigend.
»Was Euch betrifft«, sagte sie, »so könnt Ihr wahrscheinlich schreien und Tränen vergießen bei allem, wenn es nur prunkt und Lärm macht. Sprecht, ist es nicht so?«
»In der Tat, Madame, ich glaube es. Es ist mir für den Augenblick so.«
»Wenn man Euch einen Haufen Puppen zeigte und Ihr die Aufgabe hättet, zu Eurem Nutz und Frommen sie zu zerreißen und zu verderben, so würdet Ihr wohl mit den am reichsten und buntest gekleideten den Anfang machen. Sprecht, ist's nicht so?«
»Wahrhaftig, ja, Madame.«
»Ja. Und wenn man Euch einen Schwarm Vögel wiese, die nicht fliegen können, und Euch erlaubte, ihnen zu Eurem Nutz und Frommen die Federn auszuraufen, so würdet zuerst Ihr nach denen mit dem schönsten Gefieder greifen. Ist's nicht so?«
»Jawohl, Madame.«
»Ihr habt heute die Puppen und die Vögel gesehen«, sagte Madame Defarge, nach der Stelle zurückdeutend, wo der Zug zuletzt sich bewegt hatte. »Gehen wir jetzt nach Hause.«
Madame Defarge und ihr Herr Gemahl kehrten traulich miteinander in den Schoß von Saint Antoine zurück, während ein Fleck in einer blauen Mütze durch Dunkelheit und Staub die ermüdende Allee neben der Straße sich hinunterbewegte und langsam in die Kompaßrichtung strebte, wo das Schloß des jetzt in seinem Grabe liegenden Monsieur le Marquis auf das Flüstern der Bäume lauschte. Die steinernen Gesichter hatten nunmehr so reichlich Muße, den Bäumen und dem Brunnen zuzuhören, daß die Dorfvogelscheuchen, die bei ihrem Spähen auf eßbares Grün oder brennbares abgestorbenes Reis sich in die Nähe des steinernen Hofes und der Terrassentreppe verirrten, in ihrer ausgehungerten Einbildungskraft auf den Gedanken kamen, die Gesichter seien anders geworden. In dem Dorfe erhielt sich noch ein Gerücht – freilich nur schwach und abnehmend wie die Einwohnerschaft selbst –, die Gesichter haben, als das Messer gestoßen wurde, den Ausdruck des Stolzes in den von Zorn und Schmerz umgewandelt, und als die baumelnde Gestalt vierzig Fuß hoch über dem Brunnen hing, sei abermals eine Veränderung vorgegangen, denn sie trügen von da an und für immer die grausame Miene gesättigter Rache. Auf dem steinernen Gesicht über dem großen Fenster des Schlafgemaches, wo der Mord geschah, zeigten sich in der gemeißelten Nase zwei feine Grübchen, die jedermann erkennen konnte, vorher aber nie jemand gesehen hatte; und wenn bei seltenen Gelegenheiten zwei oder drei zerlumpte Bauern aus dem Haufen der andern auftauchten, um einen hastigen Blick nach dem versteinerten Monsieur le Marquis zu werfen, so konnte keiner auch nur eine Minute mit dem mageren Finger danach hindeuten, ohne daß die übrigen auseinanderstoben, um unter Moos und Gebüsch sich zu bergen wie die Hasen, die freilich, glücklicher als sie, da auch ihre Nahrung fanden.
Schloß und Hütte, Steingesicht und baumelnde Gestalt, der rote Fleck auf dem Steinboden und das reine Wasser in dem Dorfbrunnen, Tausende von Morgen Landes, eine ganze Provinz von Frankreich, ja sogar ganz Frankreich lag unter dem Nachthimmel zu einer schwachen haarbreiten Linie konzentriert. So liegt eine ganze Welt mit ihrer Größe und Kleinheit in dem flimmernden Punkt eines Sterns. Und da bloßes menschliches Wissen einen Lichtstrahl zu spalten und die Art seiner Zusammensetzung zu zergliedern vermag, so liest wohl ein höherer Verstand in dem schwachen Widerschein dieser unserer Erde jeden Gedanken und jede Tat, jede Tugend und jedes Laster in den Seelen der darauf lebenden verantwortlichen Geschöpfe.
Die Defarges, Mann und Frau, kamen unter dem Schein der Sterne in einem holpernden Fiaker zu dem Tor jenes Teils von Paris, nach dem natürlich ihre Reise ging. Wie gewöhnlich mußte vor dem Wachhaus der Barriere haltgemacht werden, und die gewöhnlichen Laternen kamen zu der gewöhnlichen Untersuchung aus dem Wachhaus heraus. Monsieur Defarge stieg aus. Er kannte ein paar von den Soldaten und einen von der Polizei. Mit letzterem stand er auf sehr vertrautem Fuße, weshalb er ihn aufs freundschaftlichste grüßte.
Saint Antoine hatte die Defarges mit seinen mächtigen Schwingen wieder umfangen, und sie suchten, da sie an der Grenzscheide des Heiligen ausgestiegen waren, zu Fuß ihren Weg durch den schwarzen Kot und den Unrat der Straßen. Da sagte Madame Defarge zu ihrem Mann:
»Rede, mein Freund; was hat Jacques von der Polizei dir mitgeteilt?«
»Heute sehr wenig, aber doch alles, was er weiß. Es ist wieder ein Spion für unsern Stadtteil aufgestellt worden. Vielleicht sind's ihrer viel mehr, aber er hat nur von diesem einen Kenntnis.«
»Wirklich?« versetzte Madame Defarge mit kalter Geschäftsmiene, die Augenbrauen in die Höhe ziehend. »Dann ist's nötig, ihn einzutragen. Wie heißt der Mann?«
»Er ist ein Engländer.«
»Um so besser. Sein Name?«
»Barsad«, sagte Defarge, indem er durch die Aussprache ihn zu einem französischen machte; doch hatte er sich's so angelegen sein lassen, ihn genau zu erfahren, daß in den Buchstaben kein Irrtum obwalten konnte.
»Barsad«, wiederholte Madame. »Gut. Taufname?«
»John.«
»John Barsad«, murmelte Madame ein paarmal vor sich hin. »Gut. Weiß man, wie er aussieht?«
»Alter ungefähr vierzig Jahre, Höhe fünf Fuß neun Zoll, schwarzes Haar, dunkle Hautfarbe, im allgemeinen ein ziemlich hübsches Gesicht, schwarze Augen, schmales, langes, bleiches Antlitz, Adlernase, aber nicht geradstehend, sondern eigentümlich gegen die linke Wange hin geneigt, daher ein unheimlicher Ausdruck.«
»Meiner Treu, das ist ein Porträt!« sagte Madame lachend. »Er soll morgen eingetragen werden.«
Sie hatten das Weinhaus erreicht, das, weil es bereits Mitternacht war, geschlossen war. Madame nahm drinnen ihren Posten alsbald an dem Pult ein, zählte die kleine Münze, die in ihrer Abwesenheit eingegangen, untersuchte die Vorräte, ging die Einträge im Buch durch, machte selbst weitere, befragte den Kellner über alles mögliche und ließ ihn endlich zu Bett gehen. Dann leerte sie den Inhalt der Geldschüssel zum zweitenmal aus und begann denselben, zu sicherer Aufbewahrung für die Nacht, partienweise in ihr Taschentuch zu knüpfen, so daß dadurch eine Kette getrennter Knoten gebildet wurde. Diese ganze Zeit über ging Defarge mit der Pfeife im Munde auf und ab und sah mit wohlgefälliger Bewunderung zu, ohne sich einzumengen. Ein solches Aufundabwandeln war überhaupt sein ganzer Lebensgang.
Die Nacht war heiß, und in der dumpfen, von einer ekelhaften Nachbarschaft umgebenen Weinstube roch es nicht am besten. Monsieur Defarges Geruchssinn gehörte zwar nicht zu den feinen, aber der Wein dünstete viel schärfer aus als sonst, und ebenso kam es ihm bei dem Rum, dem Anis und dem Branntwein vor. Er schnüffelte über das Gemisch dieser Gerüche, als er die ausgerauchte Pfeife weglegte.
»Du bist erschöpft«, sagte Madame, von ihren Geldknoten aufschauend. »Es riecht wie sonst auch.«
»Ich bin allerdings etwas müde«, räumte der Gatte ein.
»Und etwas niedergedrückt dazu«, sagte Madame, deren scharfes Auge nie so sehr in Anspruch genommen war, daß es nicht einige Blicke für ihn hätte erübrigen können. »Oh, die Männer, die Männer!«
»Aber meine Liebe«, begann Defarge.
»Nun, meine Liebe«, wiederholte Madame mit entschiedenem Kopfnicken – »was soll meine Liebe? Du bist heute nacht sehr kleinmütig, mein Bester.«
»Nun ja«, sagte Defarge, als ob ein Gedanke sich von seiner Brust losrisse, »es ist in der Tat eine lange Zeit.«
»Ja, wohl eine lange Zeit«, versetzte seine Frau. »Und wenn es keine lange Zeit wäre? Rache und Vergeltung wollen Zeit haben; das ist die Regel.«
»Der Blitz, der auf einen Menschen niederfährt, braucht nicht lange«, sagte Defarge.
»Aber wie lange braucht's«, fragte Madame ruhig, »um den Blitz vorzubereiten? Sag' mir dies.«
Defarge richtete gedankenvoll den Kopf auf, als ob auch in diesem etwas brüte.
»Es ist für ein Erdbeben keine lange Frist nötig«, sagte Madame, »eine Stadt zu zerstören. Wohlan, so sag' mir, wie lang das Erdbeben braucht, bis es zum Losbrechen fertig ist.«
»Vermutlich lange«, sagte Defarge.
»Aber wenn es einmal so weit ist, so kracht es und mahlt alles in Trümmer. In der Zwischenzeit schafft es vorbereitend, ohne daß man etwas davon hört oder sieht. Dies ist ein Trost für dich; halt ihn fest.«
Sie knüpfte mit flammendem Aug' einen Knoten, als ob sie einen Feind erdroßle.
»Ich sage dir«, fuhr Madame fort und streckte pathetisch die Hand aus, »daß es, wenn es auch lange braucht, doch schon auf dem Wege ist und kommen wird. Ich sage dir, es weicht nicht zurück und macht keinen Augenblick halt. Ich sage dir, es rückt ohne Unterlaß näher. Sieh umher und betrachte dir das Leben aller, die wir kennen, die Gesichter aller unserer Bekannten – merke auf die Wut und die Unzufriedenheit, worin die Jacquerie mit jeder Stunde sich mehr befestigt. Könnten solche Zustände bleiben? Pah! wie närrisch du mir vorkommst.«
»Mein braves Weib«, erwiderte Defarge, der gesenkten Hauptes und mit auf dem Rücken verschlungenen Händen dastand, einem gelehrigen Schüler gleich, der seinem Katecheten aufmerksames Gehör schenkt, »ich beanstande von alledem nichts. Aber es hat schon so lange gedauert, und so mag es wohl kommen – du weißt wohl, Frau, wie leicht dies möglich ist –, daß wir's nicht mehr erleben.«
»Nun – und was dann?« fragte Madame, abermals einen Knoten drehend, als gelte es, einen neuen Feind zu erwürgen.
»Dann sehen wir eben den Triumph der Sache nicht«, antwortete Defarge mit einem halb kläglichen, halb apologetischen Achselzucken.
»So haben wir doch mitgeholfen«, sagte Madame, wieder mit dem Arme fuchtelnd. »Nichts, was wir tun, wird umsonst gewesen sein. Doch glaube ich aus voller Seele, wir können den Triumph noch mit ansehen. Und wenn es auch nicht sein sollte, und ich wüßte dies gewiß, so zeige man mir den Hals eines Aristokraten und Tyrannen, und ich will –«
Madame biß jetzt die Zähne zusammen und drehte einen wahrhaft schrecklichen Knoten.
»Halt!« rief Defarge, ein wenig errötend, da ihn die Worte seiner Ehehälfte wie ein Vorwurf der Feigheit trafen, »auch ich werde mich durch nichts zurückschrecken lassen.«
»Ja; aber es ist eine Schwäche von dir, daß man dir zuweilen dein Opfer und die Gelegenheit zeigen muß, um deinen Mut aufrecht zu halten. Sei ein Mann auch ohne dies. Wenn die Zeit kommt, kannst du einen Tiger und einen Teufel loslassen, aber so lange mußt du warten und Tiger und Teufel an der Kette halten – nicht zeigen, aber immer dafür vorbereitet sein.«
Madame verstärkte den Schluß dieses Stückchens Rat damit, daß sie mit ihrer Geldkette auf den kleinen Zahltisch schlug, als klopfe sie jemand das Gehirn heraus; dann nahm sie mit ruhiger Miene das Schnupftuch unter den Arm und bemerkte, es sei Zeit zum Schlafengehen.
Am nächsten Mittag sah man die merkwürdige Frau wieder in der Weinstube, mit emsigem Stricken beschäftigt, auf ihrem gewöhnlichen Platz. Eine Rose lag neben ihr, und wenn sie hin und wieder nach der Blume hinsah, so geschah es ohne einen Wechsel in ihrer gedankenvollen Miene. Einige Gäste saßen oder standen mit oder ohne Trunk umher. Es war ein sehr heißer Tag, und Scharen von Fliegen, die ihre neugierigen und gewagten Forschungen auf alle die klebrigen kleinen Gläser in der Nähe von Madame ausdehnten, fielen tot zu Boden. Ihr Untergang machte keinen Eindruck auf die außen herumspazierenden Fliegen, die in der gelassensten Weise auf sie niederschauten, als seien sie selbst Elefanten oder sonst etwas ebenso Verschiedenes, bis sie von dem gleichen Schicksal ereilt wurden. Merkwürdig, was für ein kopfloses Volk die Fliegen sind! – Vielleicht dachten sie bei Hofe ebenso an jenem heißen Sommertage.
Eine durch die Tür eintretende Gestalt warf einen Schatten auf Madame Defarge; ohne hinzusehen, fühlte sie, daß dies ein neuer Gast war. Sie legte ihr Strickzeug nieder und steckte die Rose in ihren Kopfputz, ehe sie umschaute.
Es war seltsam. Sobald Madame Defarge die Rose aufgenommen hatte, hörten die Gäste auf zu sprechen und verloren sich allmählich aus der Weinstube.
»Guten Tag, Madame«, grüßte der neue Ankömmling.
»Guten Tag, Monsieur.«
Dies sprach sie laut, dann aber fügte sie innerlich hinzu, während sie wieder nach ihrem Strickzeug griff: »Ha, guten Tag. Alter ungefähr vierzig, Höhe fünf Fuß neun Zoll, schwarzes Haar, im allgemeinen ein ziemlich hübsches Gesicht, dunkle Hautfarbe, schwarze Augen, schmales, langes, bleiches Antlitz, Adlernase, aber nicht geradstehend, sondern eigentümlich gegen di