Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle

Charles Dickens: Dombey und Sohn - Band 2 - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDombey und Sohn ? Band 2
publisherGutenberg-Verlag
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071026
projectid071392c1
Schließen

Navigation:

Zweiunddreißigstes Kapitel.

Der hölzerne Midshipman geht in die Brüche.

Der ehrliche Kapitän Cuttle versäumte, obgleich er schon Wochen in seinem befestigten Zufluchtsorte zugebracht hatte, keineswegs die klugen Vorsichtsmaßregeln gegen Überraschung, und ließ sich durch das Ausbleiben des Feindes nicht beirren. Er war der Ansicht, daß seine gegenwärtige Sicherheit viel zu tief und wunderbar sei, um für die Dauer bestehen zu können. Er wußte, daß der Wetterhahn selten nagelfest blieb, wenn der Wind aus einer ungünstigen Richtung blies, und war zu gut mit dem entschlossenen furchtlosen Charakter der Mrs. Mac Stinger bekannt, um daran zu zweifeln, daß diese heroische Dame nicht alle ihre Kräfte aufbieten werde, um ihn aufzufinden und wieder zu kapern. Zitternd unter dem Gewicht dieser Gründe, führte Kapitän Cuttle ein sehr stilles, zurückgezogenes Leben und ging selten anders als nach Einbruch der Dunkelheit aus. Selbst dann wagte er sich nur in die dunkelsten Straßen. Namentlich hütete er sich, an Sonntagen seine Wohnung zu verlassen, und bei jeder Gelegenheit, sowohl innerhalb wie außerhalb der Mauern seines Zufluchtsorte, mied er Weiberhüte, als würden sie von brüllenden Löwen getragen.

Der Kapitän ließ sich nie den Gedanken kommen, daß es, wofern Mrs. Mac Stinger ihn auf einem seiner Ausgänge ertappte, möglich sein könnte, ihr Widerstand zu bieten. Er fühlte, daß dieses nicht anging, und vergegenwärtigte sich sogar schon, wie er ganz zahm in eine Mietkutsche gepackt und nach seiner alten Wohnung abgeführt wurde. War er einmal dort eingemauert, so mußte er sich als verlorenen Mann betrachten. Sein Hut wurde in Beschlag gelegt, Mrs. Mac Stinger bewachte ihn Tag und Nacht, Vorwürfe fielen auf sein Haupt nieder vor der jungen Familie, und er selbst erschien als der schuldbeladene Gegenstand des Argwohns und Mißtrauens – in den Augen der Kinder als ein Werwolf, in denen der Mutter als ein entdeckter Verräter.

Der Kapitän wurde stets ganz kleinmütig, und der Schweiß brach ihm aus allen Poren, wenn er sich dieses düstere Bild seiner Einbildungskraft vergegenwärtigte. Das war in der Regel der Fall, ehe er nachts um der frischen Luft und der Bewegung willen sich aus dem Hause schlich. Im Gefühl der Gefahr, die ihn bedrohte, verabschiedete er sich bei solchen Anlässen von Rob mit der Feierlichkeit eines Mannes, der vielleicht nie wieder zurückkehrt. Er ermahnte ihn für den Fall seines plötzlichen zeitweiligen Verschwindens, auf den Pfaden der Tugend fortzuwandeln und die Messing-Instrumente blank zu erhalten.

Um übrigens keine Gelegenheit zu versäumen, sich für den schlimmsten Fall ein Mittel zu sichern, mit der äußern Welt in Verkehr zu treten, kam Kapitän Cuttle bald auf den glücklichen Gedanken, Rob, den Schleifer, über ein geheimes Signal zu belehren, wodurch dieser Anhänger ihm in der Stunde der Not seine Nähe und Treue bekunden konnte. Nach reiflicher Erwägung entschied er sich dafür, ihn die Melodie des Matrosenliedes: »Auf, Matrosen, die Anker gelichtet!« pfeifen zu lehren, und nachdem es Rob, der Schleifer, darin zu einer Vollkommenheit gebracht hatte, wie sie besser von einer Landratte nicht zu erwarten war, legte ihm sein Gebieter noch folgende geheimnisvolle Weisungen ans Herz:

»Jetzt halt bei, mein Junge! Wenn ich gefaßt werde –«

»Gefaßt, Kapitän?« unterbrach ihn Rob, seine runden Augen weit aufsperrend.

»Ah!« entgegnete Kapitän Cuttle geheimnisvoll, »wenn ich je fortgehe, in der Absicht, beim Nachtessen wieder da zu sein, und nicht wieder in Rufweite komme, so suchst du vierundzwanzig Stunden nach meinem Verschwinden Brig-Place auf und pfeifst dort in der Nähe meines alten Ankergrundes diese Melodie. Merke wohl, nicht als ob du etwas damit im Schild führst, sondern unter dem Anschein, als seiest du von ungefähr dahin getriftet. Gebe ich in der gleichen Weise Antwort, mein Junge, so stoppst du ab und kommst nach vierundzwanzig Stunden wieder; pfeife ich aber eine andere Melodie, so steuerst du aus und ein und wartest, bis ich dir weitere Signale zugehen lasse. Begreifst du diese Weisungen?«

»Wie soll ich denn aus- und einsteuern, Kapitän?« fragte Rob. »Auf dem Fahrwege?«

»Du bist mir ein pfiffiger Bursche«, rief der Kapitän, ihn finster ins Auge fassend, »der nicht einmal sein eigenes ABC versteht! Du gehst abwechselnd ein bißchen weg und kommst wieder zurück – begreifst du das?«

»Ja, Kapitän«, versetzte Rob.

»Gut also, mein Junge«, sagte der Kapitän in milderem Ton. »So wirst du es halten.«

Damit hierin ja kein Fehler vorgehe, ließ sich Kapitän Cuttle abends, nachdem der Laden geschlossen war, bisweilen herab, den Schleifer eine Probe des Patrouillenganges vornehmen zu lassen. Zu diesem Ende begab er sich in das Hinterstübchen, das die Wohnung einer vermeintlichen Mac Stinger vorstellen mußte, und faßte von dem Spionierloch aus, das er in die Mauer gebohrt hatte, das Benehmen seines Verbündeten sorgfältig ins Auge. Bei derartigen Gelegenheiten machte Rob, der Schleifer, seine Sache mit solcher Pünktlichkeit und Umsicht, daß ihm der Kapitän zu verschiedenen Zeiten als Zeichen seiner Zufriedenheit sieben Sechspencestücke schenkte. Anbei faßte allmählich in seinem Geiste die Ergebung eines Mannes Wurzel, der für den schlimmsten Fall seine Maßregeln getroffen und nichts versäumt hat, um sich gegen ein unvermeidliches Schicksal bestens zu verwahren.

Trotzdem hütete sich der Kapitän sorgfältig, das Schicksal herauszufordern, und er benahm sich um kein Haar waghalsiger, als zuvor. Zwar hielt er es für einen Anstands- und Ehrenpunkt, als Freund der Familie im allgemeinen Mr. Dombeys Trauung, von der ihm durch Mr. Perch Kunde zugegangen war, beizuwohnen und dem Bräutigam von der Emporkirche aus ein erfreutes, Beifall zollendes Gesicht zu zeigen. Aber er machte die Fahrt nach der Kirche in einer Mietkutsche, deren beide Blenden er niedergelassen hatte. Vielleicht würde er in seiner Furcht vor Mrs. Mac Stinger auch vor diesem Wagnis Anstand genommen haben. Aber da die erwähnte Dame unter die Gemeinde des ehrwürdigen Melchisedek gehörte, so war es sehr unwahrscheinlich, daß man ihrer in einem Gotteshause der bischöflichen Kirche begegnen könnte.

Der Kapitän war glücklich wieder nach Hause gekommen und fühlte seine neue Lebensweise fort, ohne daß von dem Feind eine unmittelbare Behelligung ausging, ausgenommen die tägliche Erscheinung von Weiberhüten auf der Straße. Aber jetzt begannen auch andere Gegenstände den Geist des Kapitäns zu bedrängen. Von Walters Schiff hatte man noch immer nichts gehört, und auch von dem alten Sol Gills lief keine Kunde ein.

Florence war nicht einmal von dem Verschwinden des alten Mannes unterrichtet, und dem Kapitän gebrach es an Mut, ihr die betreffende Mitteilung zu machen. In der Tat begannen seine Hoffnungen für den wackeren, hübschen, treuherzigen Jungen, den er nach seiner rauhen Art von Kindheit auf geliebt hatte, von Tag zu Tag mehr hinzuschwinden, weshalb schon der Gedanke an eine Rücksprache mit Florence ihm schmerzlich wurde. Freilich, wäre er der Überbringer guter Neuigkeiten gewesen, so würde er sich zu ihr Bahn gebrochen haben, trotz des neu herausgeputzten Hauses und der prächtigen Möbel, obschon ihm diese in Verbindung mit der Dame, die er in der Kirche gesehen, einen geheimen Schrecken einflößten. So aber umdüsterte ein schwarzer Horizont ihre gemeinschaftlichen Hoffnungen. Es kam dem Kapitän fast vor, als sei er für sie ein neuer Gegenstand des Unglücks und des Leides, so daß er sich vor einem Besuch bei Florence kaum weniger fürchtete, als vor dem Erscheinen der Mrs. Mac Stinger selbst.

Es war ein frostiger trüber Herbstabend, und Kapitän Cuttle hatte Feuer in dem kleinen Hinterstübchen anzünden lassen, das jetzt mehr als je wie die Kajüte eines Schiffes aussah. Der Regen fiel in Strömen nieder, und es stürmte sehr. Der Kapitän ging in dem windigen Dachstübchen, wo sein alter Freund zu schlafen pflegte, umher und stellte Witterungsbeobachtungen an. Aber das Herz erstarb ihm fast in seinem Innern, als er wahrnahm, wie wild und trostlos es draußen aussah. Zwar fiel es ihm nicht ein, das damalige Wetter mit dem Schicksal des armen Walter in Verbindung zu bringen, oder daran zu zweifeln, daß es längst mit ihm vorbei sein müsse, wenn die Vorsehung beschlossen habe, ihn durch Schiffbruch umkommen zu lassen. Jedoch unter dem äußeren Einflusse, wie verschieden er auch sein mochte von dem Hauptgegenstand seiner Gedanken, entsank dem Kapitän der Mut; und seine Hoffnungen erblichen, was auch weiseren Männern schon oft so ergangen ist und noch oft ergehen wird.

Das Gesicht gegen den scharfen Wind und den schräg einfallenden Regen kehrend, blickte Kapitän Cuttle nach der schweren Wolke hinauf, die schnell über das Labyrinth von Hausgiebeln hinflog, ohne auch nur eine Spur von Ermutigung darin zu finden. Die Aussicht in unmittelbarer Nähe war nicht besser. Zu seinen Füßen girrten in allerlei Teekisten und anderen rauhen Truhen die Tauben Robs, des Schleifers, gleich ebenso vielen aufspringenden unheimlichen Winden. Eine gichtbrüchige Windfahne, einen Midshipman mit dem Teleskop vor Augen darstellend, der vordem von der Straße aus sichtbar gewesen war, jetzt aber unter der Masse von Ziegeln verschwunden zu sein schien, ächzte und jammerte auf ihrem rostigen Stift, wie die pfeifenden Stöße, die den Midshipman umherdrehten und grausames Spiel mit ihm trieben. Auf der groben blauen Weste des Kapitäns standen die kalten Regentropfen gleich Stahlperlen, und er vermochte sich kaum zu halten vor dem steifen Nordwest, der gegen ihn andrängte, als habe er Lust, ihn über die Böschung aufs Pflaster hinunterzuwerfen. »Wenn an einem solchen Abend sich noch ein bißchen Hoffnung regt«, dachte der Kapitän, während er seinen Hut festhielt, »so ist sie sicherlich im Hause und nicht draußen«; er schüttelte daher verzagt den Kopf und ging hinunter, um nach ihr zu sehen.

Illustration

Er stieg langsam nach dem kleinen Hinterstübchen hinab, setzte sich in seinen gewöhnlichen Stuhl und suchte sie in den Flammen des Feuers; aber da war sie nicht, obschon das Feuer hell aufloderte. Dann nahm er Tabak, Dose und Pfeife heraus, um zu rauchen. Er suchte sie in der roten Glut des Pfeifenkopfs und in den Dampfwolken, die von seinen Lippen aufwirbelten. Aber auch hier wollte sich nicht einmal ein Atom von dem Rost des Hoffnungsankers zeigen. Er versuchte es mit einem Glas Grog; indessen die traurige Wahrheit lag auf dem Boden dieses Brunnens, und er konnte nicht damit fertig werden. Dann machte er einige Gänge durch den Laden und spähte nach der Hoffnung unter den Instrumenten. Doch sie arbeiteten hartnäckig, trotz aller Einreden, die er vorzubringen vermochte, für das fehlende Schiff nur Gissungen aus, die mit dem Grunde des einsamen Meeres endigten.

Der Wind brauste fort, und der Regen klatschte noch immer gegen die geschlossenen Läden. Der Kapitän legte vor dem hölzernen Midshipman auf dem Ladentisch bei und machte sich, während er mit seinem Ärmel die Uniform des kleinen Offiziers trocknete, Gedanken, wie alt dieser wohl sein möge – wie wenige Wechsel (kaum irgendeiner) seine Schiffskameradschaft betroffen habe – wie die Veränderungen sozusagen fast auf einen Tag zusammenfielen – und wie erschütternder Art sie gewesen. Die kleine Gesellschaft des Hinterstübchens war aufgelöst und weit und breit hin zerstreut. Es gab keine Zuhörerschaft mehr für die liebliche Peg, selbst wenn jemand da gewesen wäre, um das Lied zu singen. Der Kapitän fühlte nämlich die moralische Überzeugung, außer ihm sei niemand einer derartigen Aufgabe gewachsen, und unter obwaltenden Umständen befand er sich nicht in der Stimmung, es auch nur zu versuchen. Es gab kein heiteres Wal'r-Gesicht im Hause – hier führte der Kapitän für einen Augenblick seinen Ärmel von der Uniform des Midshipmans nach der eigenen Wange – die bekannte Perücke und die Knöpfe des alten Sol Gills gehörten der Vergangenheit an. Richard Whittington war auf den Kopf geschlagen, und jeder Plan, jeder Entwurf, der Bezug auf den Midshipman hatte, lag ohne Mast und Steuer triftig auf der endlosen Wasserfläche.

Während der Kapitän mit trostlosem Gesicht sich in solchen Gedanken erging und teils in der liebevollen Zärtlichkeit alter Bekanntschaft, teils in der Zerstreutheit seines Geistes an dem Midshipman polierte, jagte ein Klopfen an die Ladentür Rob, dem Schleifer, einen mächtigen Schrecken ein. Dieser saß nämlich auf dem Ladentisch, verwandte keines seiner großen Augen von dem Gesicht des Kapitäns und überlegte schon hundertmal in seinem Innern, ob wohl sein Gebieter einen Mord verübt, daß er ein so böses Gewissen habe und alle Augenblicke Reißaus nehme.

»Was ist das?« fragte Kapitän Cuttle leise.

»Es klopft jemand, Kapitän«, antwortete Rob, der Schleifer.

Mit scheuer, schuldbewußter Miene schlich der Kapitän auf den Zehen in das kleine Hinterstübchen und schloß sich ein. Rob, der die Tür öffnete, hatte im Sinne, auf der Schwelle den Besuch wie ein Kriminalkommissar zu behandeln, falls sich dieser in weiblicher Verkleidung zeigte. Aber der Besuch gehörte seinem Äußern nach dem männlichen Geschlecht an, und da Cuttles Weisungen sich nur auf Weiber bezogen, so riß er die Tür auf und ließ den Gast eintreten, der seinerseits nicht zögerte und überfroh war, aus dem Regen zu kommen.

»Jedenfalls wieder Arbeit für Burgeß und Co.«, sagte der Besuch, der mit kläglicher Miene abwärts auf seine durchnäßten und mit Kot bespritzten Schuhe sah. »O, wie geht es Euch, Mr. Gills?«

Diese Begrüßung galt dem Kapitän, der tat, als komme er ganz zufällig aus dem Hinterstübchen heraus, obschon dieses Anstellen so erkünstelt war, daß man es auf den ersten Blick durchschauen konnte.

»Danke«, fuhr der Gentleman in demselben Atem fort, »ich bin in der Tat ganz wohl. Mein Name ist Toots – Mister Toots.«

Der Kapitän erinnerte sich, den jungen Herrn bei der Hochzeit gesehen zu haben, und machte eine Verbeugung. Mr. Toots antwortete mit einem Kichern, und da er sich, wie gewöhnlich, in großer Verlegenheit befand, so atmete er tief auf und schüttelte dem Kapitän geraume Zeit die Hand, um sodann in Ermangelung eines anderen Auskunftsmittels in der herzlichsten Weise mit Rob, dem Schleifer, dasselbe Manöver vorzunehmen.

»Wenn Ihr nichts dagegen habt, so möchte ich gern ein Wörtchen mit Euch sprechen, Mr. Gills«, sagte endlich Toots mit überraschender Geistesgegenwart. »Ihr wißt, ich meine wegen Miß D.D.M.«

Mit entsprechender geheimnisvoller Würde schwenkte der Kapitän seinen Haken nach dem Hinterstübchen, wohin ihm Mr. Toots folgte.

»O, ich muß Euch um Verzeihung bitten«, fuhr Mr. Toots fort und blickte, sobald er auf dem für ihn neben den Kamin gerückten Stuhl Platz genommen, zu Kapitän Cuttles Gesicht auf. »Ihr werdet wohl den Preishahn nicht kennen, Mr. Gills – oder?«

»Den Preishahn?« versetzte der Kapitän.

»Ja, den Preishahn«, sagte Mr. Toots.

Der Kapitän schüttelte den Kopf, und Mr. Toots setzte nun auseinander, daß er auf die berühmte öffentliche Person anspiele, die sich und sein Vaterland in dem Kampf gegen den Nobby aus Shropshire mit Lorbeeren bedeckt habe. Aber diese Mitteilung schien den Kapitän nicht sonderlich aufzuklären.

»Weil er draußen ist, meine ich«, sagte Mr. Toots. »Doch es ist von keinem Belang, obschon er vielleicht tüchtig durchnäßt wird.«

»Ich kann ihm augenblicklich das Signal zugehen lassen«, versetzte der Kapitän.

»Recht; wenn Ihr so gut sein wollt, so kann er bei Eurem jungen Mann im Laden draußen bleiben«, kicherte Mr. Toots. »Es wäre mir lieb; denn Ihr müßt wissen, daß er sich leicht beleidigt fühlt, und die Nässe könnte seinem Urstoff nachteilig werden. Ich will ihn hereinrufen, Mr. Gills.«

Mit diesen Worten kehrte Mr. Toots nach der Ladentür zurück und entsandte in die Nacht hinaus ein eigentümliches Pfeifen, worauf ein stoischer Gentleman mit zottigem, weißem Überrock, einem flachrandigen Hut, sehr kurzem Haar, zerbeulter Nase und einem beträchtlichen Strich kahlen und unfruchtbaren Bodens hinter jedem Ohr eintrat.

»Setzt Euch, Preishahn«, sagte Mr. Toots.

Der schmiegsame Preishahn spuckte einige Grashalme aus, an denen er sich eben geletzt hatte, und versah sich aus dem Büschelchen, das er in der Hand trug, mit neuem Vorrat.

»Ist da nichts zum Wärmen zur Hand?« fragte der Prelshahn im allgemeinen. »Es ist eine schwere Sudelnacht für einen Mann, der von seiner Stellung leben muß.«

Kapitän Cuttle brachte ein Glas Rum herbei, das der Preishahn mit zurückgeworfenem Kopf wie in ein Faß leerte, nachdem er zuvor den kurzen Trinkspruch hingeworfen hatte: »Eure Gesundheit!« Mr. Toots und der Kapitän kehrten alsdann wieder nach dem Hinterstübchen zurück, wo sie abermals vor dem Feuer Platz nahmen.

»Mr. Gills –«, begann Mr. Toots.

»Halt da!« versetzte der Kapitän. »Mein Name ist Cuttle.«

Mr. Toots zeigte ein sehr verwirrtes Gesicht, während der Kapitän gravitätisch fortfuhr:

»Kapt'n Cuttle ist mein Name, England ist mein Vaterland, dies hier ist mein Aufenthalt und schütz' uns Gottes Vaterhand – Hiob«, fügte der Kapitän als Hinweisung auf seine Autorität bei.

»Aber könnte ich denn nicht Mr. Gills sehen?« fragte Mr. Toots; »denn – –«

»Wenn Ihr Sol Gills sehen könntet, junger Mann«, versetzte der Kapitän mit Nachdruck, indem er seine schwere Hand auf das Knie seines Gefährten legte – »wohlgemerkt, den alten Sol – mit leiblichen Augen – und wie Ihr so dasitzt – so würdet Ihr mir willkommener sein, als ein Wind vom Stern her einem von Windstille betroffenen Schiff. Aber Ihr könnt Sol Gills nicht sehen. Und warum könnt Ihr ihn nicht sehen?« fragte der Kapitän, der aus dem Gesicht des jungen Gentleman entnahm, daß er einen tiefen Eindruck auf diesen machte. »Weil er unsichtbar ist.«

Mr. Toots wollte in seiner Aufregung eben erwidern, daß es nicht von Belang sei, besann sich aber eines Besseren und sagte:

»Gott behüte mich!«

»Jener Mann«, fuhr Kapitän Cuttle fort, »hat vermöge eines Schreibens mir die Obhut über alles hier vertraut. Aber obschon er mir fast wie ein geschworener Bruder war, weiß ich doch nicht, wohin oder warum er gegangen ist. Tat er es, um seinen Neffen zu suchen, oder weil es nicht ganz richtig in seinem Kopf stand – das ist für mich ein ebenso großes Rätsel wie für Euch. Eines Morgens um Tagesanbruch machte er sich über Bord – ohne Wellenschlag, ohne Plätschern«, sagte der Kapitän. »Ich habe hoch und nieder nach ihm durchsucht, aber von Stund' an weder etwas von ihm sehen noch hören können.«

»Ach du mein Himmel, und Miß Dombey weiß nicht –« begann Mr. Toots.

»Nun, ich frage Euch als einen Menschen von Gefühl«, unterbrach ihn der Kapitän mit gedämpfter Stimme, »warum sollte sie es auch wissen? Warum es ihr früher kundtun, als bis es einmal nicht mehr zu verheimlichen ist? Das süße Geschöpf hing an dem alten Sol Gills mit einer Liebe, einer Freundlichkeit, einer – doch was nützt es, wenn ich alles dies ausführe! Ihr kennt sie?«

»Ich sollte es meinen«, kicherte Mr. Toots mit einem schuldbewußten Erröten, das sich über sein ganzes Gesicht breitete. »Dann brauche ich Euch nur zu bemerken«, sagte der Kapitän, »daß Ihr einen Engel kennt und von einem Engel bevorrechtet seid.«

Mr. Toots ergriff augenblicklich die Hand des Kapitäns und bat ihn um seine Freundschaft.

»Ich gebe Euch mein Ehrenwort«, sagte Mr. Toots angelegentlich, »daß ich es als eine große Gunst betrachten würde, wenn Ihr näher mit mir bekannt werden wolltet. Es wäre mir sehr lieb, mich Eures Umgangs weiter erfreuen zu dürfen, Kapitän, denn es fehlt mir in der Tat an einem Freund. Der kleine Dombey war bei den alten Blimbers mein Freund und wäre es noch, wenn er nicht im Grabe läge. Der Preishahn«, fuhr Mr. Toots in schüchternem Flüstern fort – »ist wohl ganz recht – bewundernswürdig in seiner Art – vielleicht der schärfste Mann von der Welt. Jeder sagt, es gebe nichts, dem er nicht gewachsen sei – aber ich weiß nicht – er ist doch nicht alles. Ja, Kapitän, sie ist ein Engel. Wenn es irgendwo einen Engel gibt, so ist er in Miß Dombey zu finden. Das habe ich immer gesagt. Und eben deshalb«, fügte Mr. Toots bei, »werde ich es Euch sehr Dank wissen, wenn Ihr meine Bekanntschaft fördern wolltet.«

Kapitän Cuttle nahm diesen Antrag in höflicher Weise entgegen, ohne sich jedoch durch die Annahme desselben eine Blöße zu geben, indem er nur bemerkte:

»Ja, ja, mein Junge. Wir wollen sehen – wir wollen sehen.«

Dann erinnerte er Mr. Toots an den augenblicklichen Zweck seiner Sendung durch die Frage, welchem Umstand er die Ehre seines Besuchs zu danken habe.

»Die Sache verhält sich so«, antwortete Mr. Toots, »daß ich eben von dem jungen Frauenzimmer komme – nicht von Miß Dombey, müßt Ihr wissen, sondern von Susanne.«

Der Kapitän nickte mit ernstem Ausdruck, als wolle er andeuten, daß er vor dieser Person die größte Achtung habe.

»Und ich will Euch sagen, wie das kam«, fuhr Mr. Toots fort. »Ihr wißt, ich mache bisweilen Miß Dombey meinen Besuch. Wohlgemerkt, ich gehe nicht ausdrücklich deshalb hin, sondern nur, weil ich sehr oft in die Gegend komme. Und bin ich einmal in der Nähe – nun, so spreche ich auch vor.«

»Natürlich«, bemerkte der Kapitän.

»Ja«, versetzte Mr. Toots. »So war ich heute nachmittag dort. Auf Ehre, ich glaube nicht, daß man sich eine Vorstellung machen kann, wie so ganz engelgleich Miß Dombey sich heute nachmittag ausnahm.«

Kapitän Cuttle antwortete mit einem Ruck seines Kopfes, der ausdrückte, andern Leuten dürfte dies schwer werden, ihm aber nicht.

»Als ich wieder herauskam«, sagte Mr. Toots, »führte mich das junge Frauenzimmer in der unerwartetsten Weise in die Speisekammer.«

Dem Kapitän schien für den Augenblick ein derartiges Benehmen anstößig zu sein; denn er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und musterte Mr. Toots mit mißtrauischem, wo nicht mit drohendem Blick.

»Da zog sie nun diese Zeitung hervor«, sagte Mr. Toots. »Sie teilte mir mit, sie habe diese den ganzen Tag vor Miß Dombey verborgen, weil über eine Person etwas darin stehe, die ihr und Miß Dombey wohl bekannt sei; und dann las sie mir die Stelle vor. Gut also. Dann sagte sie – wartet ein wenig – was war es doch, was sie zu mir sagte?«

Mr. Toots, der sich alle Mühe gab, alle seine Geisteskräfte der gedachten Frage zuzuwenden, begegnete jetzt zufällig den Augen des Kapitäns und wurde durch dessen strengen Ausdruck so verwirrt, daß es ihn nur eine um so peinlichere Anstrengung kostete, den Faden des beabsichtigten Vortrags wieder aufzufinden.

»O!« rief Mr. Toots nach langem Besinnen. »O ja! Sie sagte, sie hoffe, daß doch noch die Möglichkeit einer Unwahrheit dieses Berichtes vorhanden sei. Da sie nun nicht wohl selbst herauskommen könne, ohne daß es Miß Dombey auffalle, so solle ich zu Mr. Solomon Gills, dem Instrumentenmacher, einem Onkel des betreffenden Menschen, der in dieser Straße wohne, gehen und ihn fragen, ob er der Nachricht Glauben schenke oder ob er nichts in der City gehört habe. Sie sagte, wenn er nicht mit mir darüber sprechen könne, sei ohne Zweifel Kapitän Cuttle in der Lage. Beiläufig«, setzte Mr. Toots hinzu, als sei er eben auf diese Entdeckung gekommen, »Ihr – Ihr werdet wissen –«

Der Kapitän schaute nach der Zeitung in der Hand des jungen Gentleman hin und atmete schwer.

»Der Grund nun«, fuhr Mr. Toots fort, »warum ich so spät komme, liegt darin, daß ich zuerst bis Finchley hinauf mußte, um von der ungemein schönen Vogelmiere, die dort wächst, einigen Vorrat für Miß Dombeys Vogel zu holen. Dann bin ich sogleich hiehergeeilt. Ihr habt ohne Zweifel die Zeitung zu Gesicht bekommen?«

Der Kapitän, der sich wohl vor dem Zeitungslesen hütete, aus Furcht, es könnte ihm sein von Mrs. Stingers eingerücktes volles Signalement vor Augen kommen, schüttelte den Kopf.

»Soll ich Euch die Stelle vorlesen?« fragte Mr. Toots.

Der Kapitän machte ein Zeichen der Bejahung, und Mr. Toots las aus den Schiffsnachrichten, wie folgt:

»›Southampton. Die Barke Defiance, Kommandeur Henry James, ist heute mit einer Ladung von Zucker, Kaffee und Rum in unserm Hafen eingelaufen. Sie meldet, daß ste am sechsten Tag nach ihrer Abfahrt von Jamaica unter – dieser und dieser Breite, Ihr kennt das ja« – sagte Mr. Toots, nachdem er mit den Zahlen einen schwachen Anlauf genommen, ohne übrigens mit ihnen fertig zu werden.

»– – Breite«, wiederholte Toots mit einem verlegenen Blick auf den Kapitän, »und Länge so und so von einer Windstille befallen wurde. Bei dieser Gelegenheit bemerkte der Ausluger eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang einige Schifftrümmer, die in der Entfernung von nicht ganz einer halben Seemeile schwammen. Das Wetter war klar, und da die Barke ruhig lag, so wurde ein Boot ausgehißt und Befehl erteilt, von dem Wrack Kenntnis zu nehmen. Es bestand nur noch aus einigen großen Spieren und einem Teil des Haupttakelwerks einer englischen Brigg von ungefähr fünfhundert Tonnen Last nebst einem Teil des Stern, auf dem die Worte und Buchstaben ›Sohn und E–‹ noch deutlich zu lesen waren. Auf den schwimmenden Trümmern zeigte sich keine Spur von toten Menschen. Das Log der Defiance gibt an, daß in der Nacht eine Brise aufsprang und von dem Wrack nichts weiter gesehen wurde. Es kann jetzt keinem Zweifel mehr unterliegen, daß alle Mutmaßungen übel das vermißte Schiff ›Sohn und Erbe‹, ausgefahren aus dem Hafen von London und nach Barbados bestimmt, als erledigt anzusehen sind, daß besagtes Schiff bei dem letzten Orkan zugrunde ging und daß die gesamte an Bord befindliche Mannschaft ein Raub der Wellen wurde.«

Wie jeder Mensch, hatte auch Kapitän Cuttle nicht gewußt, wie viel Hoffnung trotz aller ungünstigen Verhältnisse ihm übrig geblieben war, bis ihr dieser Todesstoß versetzt wurde. Während diese Notiz vorgelesen wurde und auch noch einige Minuten nachher saß er da wie verstört, seinen Blick auf den bescheidenen Mr. Toots heftend; dann erhob er sich plötzlich, setzte den Hut, den er zu Ehren seines Besuchs auf den Tisch gelegt hatte, auf den Kopf, wandte sich ab und beugte sein Gesicht auf den Kaminmantel nieder.

Illustration

»O, auf mein Ehrenwort«, rief Mr. Toots, dessen empfindsames Herz sich von dem Anblick der tiefen Betrübnis, die der Kapitän so unerwartet zeigte, tief ergriffen fühlte, »es ist doch eine gar schlimme Sache um die Welt. Immer stirbt jemand oder bereitet andern Leid. Wahrhaftig, wenn ich das gewußt hätte, würde ich mich nicht so danach gesehnt haben, in mein Eigentum zu kommen. Ich habe nie eine solche Welt gesehen; sie ist bei weitem ärger, als die bei Blimber.«

Kapitän Cuttle gab, ohne seine Stellung zu ändern, Mr. Toots durch ein Zeichen zu verstehen, daß er sich nicht an ihn kehren möchte. Dann wandte er sich, den Glanzhut bis auf die Ohren niedergedrückt, um und fuhr mit der Hand über sein braunes Gesicht.

»Wal'r, mein lieber Junge«, sagte der Kapitän, »lebe wohl! Ich habe dich geliebt, als du ein Kind, ein Knabe und ein Jüngling warst«, fuhr er fort und schaute dabei in das Feuer. »Er gehörte mir nicht an durch die Bande des Fleisches und Blutes – ich habe kein Kind gezeugt – aber bei dem Verlust Wal'rs fühle ich etwas von dem, was ein Vater empfindet, der einen Sohn verliert. Und warum?« fuhr der Kapitän fort. »Weil es sich hier nicht um einen einzigen Verlust handelt, sondern um ein ganzes Dutzend. Wo ist der kleine Schuljunge mit dem frischen Gesicht und den Locken, der in diesem Stübchen hier die ganze Woche über so lustig war, wie eine Spieluhr? Mit Wal'r untergegangen. Wo ist der prächtige Junge, den nichts ermüden und erschöpfen konnte, dessen Auge, wenn man ihn mit der Herzensfreude aufzog, so hell glänzte und dessen Gesicht so glühend errötete, daß es eine Lust war, es mit anzusehen? Mit Wal'r untergegangen. Wo ist der feurige Geist des Jünglings, der es nicht ertragen konnte, wenn der alte Mann nur eine Minute kleinmütig war, und sich nie um sich selbst kümmerte? Mit Wal'r untergegangen. Es ist nicht ein einziger Wal'r, sondern es waren ihrer ein ganzes Dutzend, die ich kannte und liebte, und alle hielten sich an seinem Halse fest, als er in den Wellen versank. Ach, sie leben noch immer in meinem Herzen!«

Mr. Toots blieb schweigend sitzen und faltete die Zeitung auf seinem Knie so klein wie möglich zusammen.

»Und Sol Gills«, sagte der Kapitän, ins Feuer schauend, »armer, deines Neffen beraubter alter Sol – wo bist du hingekommen! Du wurdest meiner Obhut anvertraut; denn seine letzten Worte waren: ›Habt acht auf meinen Onkel‹ Was ist dir wohl zugestoßen, seit du gingst und Ned Cuttle im Stich ließest, und wie soll ich deinetwegen mich verantworten, wenn er jetzt auf mich niederschaut? Sol Gills, Sol Gills«, fügte der Kapitän mit langsamem Kopfschütteln hinzu, »wenn du jetzt fern von der Heimat diese Zeitung zu Gesicht bekommst und niemanden, der Wal'r kannte, in der Nähe hast, daß er dir ein Wort des Trostes spende, so wird die Nachricht wohl wie eine Breitseitensalve auf dich wirken, und es muß mit dir hinuntergehen, den Schnabel voran!«

Mit einem schweren Seufzer wandte sich der Kapitän wieder an Mr. Toots, der Anwesenheit dieses Gentleman jetzt eine bewußte Aufmerksamkeit schenkend.

»Mein Junge«, sagte der Kapitän, »Ihr müßt dem jungen Frauenzimmer mitteilen, daß diese unglückliche Neuigkeit leider nur zu wahr ist. Ihr seht, über solche Dinge schreibt man keine Romane. Es ist im Schiffslog eingetragen, und ein zuverlässigeres Buch gibt es auf der ganzen Welt nicht. Morgen früh will ich einen Ausgang machen und Nachforschungen anstellen«, fuhr er fort, »obschon ich voraussehe, daß sie zu nichts führen werden. Es ist auch nicht möglich. Wenn Ihr morgen vormittag vorsprechen wollt, so sollt Ihr erfahren, was ich gehört habe. Aber sagt nur dem jungen Frauenzimmer von dem Kapt'n Cuttle, daß es vorbei sei. Vorbei!«

Und der Kapitän holte mit seinem Haken den Glanzhut herab, langte aus der Krone sein Schnupftuch heraus, wischte sich verzweifelnd seinen grauen Kopf und warf das Tuch mit der Gleichgültigkeit des höchsten Kleinmuts wieder hinein.

»O, ich versichere Euch«, sagte Mr. Toots, »es tut mir in der Tat schrecklich leid. Ihr dürft mir auf mein Wort glauben, obschon ich mit dem betreffenden Menschen nicht bekannt war. Glaubt Ihr, Miß Dombey werde darüber sehr betrübt sein, Kapitän Gills – Mr. Cuttle, wollte ich sagen?«

»Aber Gott behüte Euch«, entgegnete der Kapitän wie in einem Anflug von Mitleid mit Mr. Toots' Unschuld. »Als sie noch nicht größer als so war, hatten sie einander schon so lieb wie ein Paar junge Tauben.«

»Was Ihr da sagt!« versetzte Mr. Toots mit erheblich länger werdendem Gesicht.

»Sie waren ganz füreinander geschaffen«, fuhr der Kapitän traurig fort. »Aber was will das jetzt besagen!«

»Auf Ehre«, rief Mr. Toots, mit einem eigentümlichen Gemisch von linkischem Kichern und Aufregung herausplatzend, »jetzt tut es mir um so mehr leid. Ihr müßt wissen, Kapitän Gills, ich – bete Miß Dombey eigentlich an; – ich – bin wahrhaftig ganz krank vor Liebe zu ihr;« die Art, wie sich dieses Geständnis dem unglücklichen Mr. Toots entrang, bekundete das Ungestüm seiner Gefühle; »aber wozu nützte es, solche Empfindungen gegen sie zu hegen, wenn ich nicht schmerzlichen Anteil nähme an ihrer Betrübnis, was auch die Ursache davon sein mag? Ihr wißt, meine Neigung ist nicht selbstsüchtig«, fuhr Mr. Toots mit dem Vertrauen fort, das Kapitän Cuttle durch die unverhohlene Äußerung seiner Gefühle in ihm geweckt hatte, »sondern von der Art, Kapitän Gills, daß mir auf der ganzen Welt nichts Entzückenderes begegnen könnte, als wenn ich um Miß Dombeys willen überrannt – oder – oder – niedergetreten – oder von einem hohen Platz heruntergeworfen – oder sonst mit etwas Ähnlichem heimgesucht würde.«

Mr. Toots sprach alles das mit gedämpfter Stimme, um zu verhindern, daß seine Worte das eifersüchtige Ohr des Preishahns erreichten, der keinen großen Gefallen fand an den zarteren Regungen der menschlichen Natur. Die Anstrengung wie auch die Innigkeit seiner Gefühle hatte ihm das Rot bis in die Ohren hinausgejagt, und er bot deshalb in den Augen des Kapitän Cuttle ein so ansprechendes Schauspiel von uneigennütziger Liebe dar, daß ihn dieser gute Gentleman tröstend auf den Rücken klopfte und wohlgemut sein hieß.

»Danke Euch, Kapitän Gills«, versetzte Mr. Toots. »Es ist sehr freundlich von Euch, daß Ihr in Eurer eigenen Trauer so sprecht, und ich bin Euch sehr verbunden dafür. Wie ich Euch schon früher sagte, ich bedarf in der Tat eines Freundes, und es würde mich freuen, wenn Ihr mich mit Eurer Bekanntschaft beehren wolltet. Obgleich es mir ganz gut geht«, fuhr Mr. Toots mit Nachdruck fort, »so könnt Ihr Euch gar nicht denken, was ich für ein unglückliches Tier bin. Der große Haufen – Ihr wißt es ja – hält mich für glücklich, wenn er mich mit dem Preishahn und ähnlichen ausgezeichneten Persönlichkeiten umgehen sieht. Aber ich bin elend. Ich leide um Miß Dombeys willen, Kapitän Gills. Es schmeckt mir kein Essen, ich habe keine Freude mehr an meinem Schneider, und wenn ich allein bin, muß ich oft weinen. Ich versichere Euch, es wird mir ein Trost sein, wenn ich morgen und noch oft und oft zu Euch kommen kann.«

Mit diesen Worten drückte Mr. Toots dem Kapitän die Hand, um sodann jene Spuren der Aufregung, die sich in der Schnelligkeit verwischen ließen, vor dem durchbohrenden Blicke des Preishahns zu verbergen und sich diesem trefflichen Gentleman in dem Laden wieder anzuschließen. Der Preishahn, der auf die Erhaltung seines Übergewichts eifersüchtig war, faßte den Kapitän Cuttle nicht aufs freundlichste ins Auge, als sich dieser von Mr. Toots verabschiedete, folgte übrigens seinem Gönner, ohne anderweitig seinen Groll zu bekunden. Der Kapitän blieb mit seinem Leid zurück, während Rob, der Schleifer, sich überglücklich fühlte, weil er die Ehre gehabt hatte, den Besieger des Nobby aus Shropshire fast eine halbe Stunde lang zu beaugenscheinigen.

Rob schlief schon lang in seinem Bett unter dem Ladentisch, während der Kapitän noch immer am Feuer saß, bis dieses zuletzt ausging, so daß er unter einer Flut von fruchtlosen Gedanken an Walter und den alten Sol nur noch die rostigen Kaminstangen ansehen konnte. Der Rückzug nach der windigen Kammer unter dem Dache des Hauses brache ihm keine Ruhe, und er stand am andern Morgen bekümmert und unerfrischt wieder auf.

Sobald die Geschäftslokale der City geöffnet wurden, verfügte sich der Kapitän nach dem Kontor von Dombey und Sohn. An jenem Morgen blieben die Fenster des Midshipman geschlossen. Der Weisung des Kapitäns gemäß nahm Rob, der Schleifer, die Läden nicht ab, und das Haus glich einem Hause des Todes.

Zufällig langte mit Kapitän Cuttle auch Mr. Carker an der Tür an. Der erstere erwiderte die Begrüßung des Geschäftsführers mit ernstem Schweigen und erlaubte sich, jenem nach dessen Zimmer zu folgen.

»Das ist eine schlimme Geschichte, Kapitän Cuttle«, begann Mr. Carker, mit dem Hut auf dem Kopf seine gewöhnliche Stellung vor dem Kamin einnehmend.

»Ihr habt die Nachricht erhalten, die gestern im Druck ausgegeben wurde, Sir?« fragte der Kapitän.

»Ja«, sagte Mr. Carker; »sie ist bei uns eingegangen. Ein ganz genauer Bericht. Die Versicherungsgesellschaft erleidet beträchtlichen Verlust. Wir sind sehr bekümmert wegen dieses Vorfalls. Doch da ist nicht zu helfen. So geht es im Leben.«

Mr. Carker beschnitt sich mit einem Federmesser die Nägel und lächelte dem Kapitän zu, der an der Tür stand und ihn ansah.

»Es tut mir ungemein leid um den armen Gay und um die Mannschaft«, fuhr Carker fort. »Wie ich höre, waren einige von unsern besten Leuten darunter. So geht es leider immer. Noch dazu viele Familienväter. Es liegt ein Trost in dem Gedanken, daß der arme Gay keine Familie hinterließ, Kapitän Cuttle.«

Der Kapitän rieb sich das Kinn und schaute den Geschäftsführer an. Dieser blickte nach den ungeöffneten Briefen, die auf dem Tisch lagen, und nahm eine Zeitung auf.

»Kann ich noch etwas Weiteres für Euch tun, Kapitän Cuttle?« fragte er, von dem Zeitungsblatte aufschauend und einen lächelnden, ausdrucksvollen Blick nach der Tür werfend.

»Ich wünschte, Sir, Ihr könntet mich über etwas beruhigen, das mir schwer auf dem Herzen liegt«, versetzte der Kapitän.

»So?« rief der Geschäftsführer. »Und worin besteht das? Ich muß Euch bitten, Kapitän Cuttle, Euer Anliegen schnell vorzubringen, wenn Ihr so gut sein wollt. Ich habe viel zu tun.«

»Ja, schaut, Sir«, entgegnete der Kapitän, einen Schritt näher kommend. »Ehe mein Freund Walter diese unglückselige Reise antrat – –«

»Ei, ei, Kapitän Cuttle«, fiel ihm der Geschäftsführer lächelnd ins Wort, »sprecht nicht in solcher Weise von unglückseligen Reisen. Wir haben hier nichts mit unglückseligen Reisen zu schaffen, mein guter Freund. Ihr müßt mit Eurer Tagesration schon sehr früh angefangen haben, Kapitän, wenn Ihr Euch nicht erinnert, daß mit allen Reisen Gefahr verbunden ist, sei es zu Wasser oder zu Land. Ihr beunruhigt Euch doch nicht mit der Mutmaßung, der Junge, wie heißt er doch, sei in dem schlechten Wetter umgekommen, das in diesen Geschäftslokalen um ihn zusammengeblasen wurde – oder? Pfui, Kapitän! Schlaf und Sodawasser sind die besten Heilmittel für derartige Beunruhigungen.«

»Mein Junge«, entgegnete der Kapitän langsam – »Ihr seid jedenfalls noch sehr jung gegen mich, und ich bitte daher nicht um Verzeihung, daß mir dieses Wort entschlüpfte – wenn Ihr bei dieser Sache einen Spaß findet, so seid Ihr nicht der Gentleman, für den ich Euch hielt. Und wenn Ihr nicht der Gentleman seid, für den ich Euch hielt, so mag ich wohl Ursache haben, unruhig zu sein. Nun, dies ist schon so, wie es ist, Mr. Carker. – Ehe der arme Bursche seiner Weisung gemäß abfuhr, sagte er mir, er wisse wohl, daß man bei dieser Versendung nicht sein Bestes oder eine Beförderung im Auge habe. Ich glaubte, er habe hierin unrecht, und sagte es ihm auch. Um mich nun persönlich zu überzeugen, bin ich, während gerade Euer Chef abwesend war, hierher gekommen, um Euch in höflicher Art ein paar Fragen vorzulegen. Ihr habt mir darauf unverhohlen geantwortet. Es ist jetzt freilich alles vorüber, und wo nicht mehr zu helfen ist, muß man sich eben zufriedengeben – Ihr seid ein belesener Mann, und wenn Ihr in dem Buch, wo es steht, nachsehen wollt, so knickt ein Ohr hinein; – aber es würde mir das Gemüt doch sehr erleichtern, wenn ich, mit einem Wort, noch einmal erführe, daß ich nicht im Irrtum war, daß ich meine Pflicht nicht verabsäumte, als ich dem alten Mann vorenthielt, was mir Wal'r sagte, und daß der Wind gut in sein Segel blies, als er die Fahrt nach Barbadoes Hafen antrat. Mr. Carker«, fuhr der Kapitän in der Gutmütigkeit seines Wesens fort, »als ich zum letztenmal hier war, hat alles ganz angenehm zwischen uns gestanden. Wenn es meinerseits diesen Morgen wegen des armen Jungen nicht ganz so ist und ich gegen eine Bemerkung von Euch, die mir nicht gefiel, unwillig wurde, so ist mein Name Ed'ard Cuttle, und ich bitte Euch um Verzeihung.«

»Kapitän Cuttle«, erwiderte der Geschäftsführer mit aller möglichen Höflichkeit, »ich muß Euch bitten, mir eine Gunst zu erweisen.«

»Und die bestünde, Sir?« fragte der Kapitän.

»Darin, daß Ihr die Güte habt, Euch zu entfernen«, erwiderte der Geschäftsführer, seinen Arm ausstreckend, »und Euer Kauderwelsch anderswo anzubringen.«

Jeder Knauf im Gesicht des Kapitäns wurde weiß vor Erstaunen und Entrüstung. Sogar der rote Streifen auf seiner Stirne verblich wie ein Regenbogen unter sich auftürmenden Wolken.

»Ich will Euch was sagen, Kapitän Cuttle«, fuhr der Geschäftsführer fort, indem er seinen Zeigefinger nach ihm hinschüttelte und, obschon noch immer in liebenswürdigem Lächeln, alle seine Zähne wies, »ich war zu mild gegen Euch, als Ihr das letztemal hierher kamet. Ihr gehört zu einem hinterlistigen und kühnen Menschenschlag. Ich hatte Nachsicht mit Euch, mein guter Kapitän, weil ich dem Jungen, wie heißt er doch, die Schmach ersparen wollte, daß er Hals über Kopf aus dem Haus geworfen wurde. Das ist einmal, aber nur ein einziges Mal geschehen. Jetzt macht, daß Ihr fortkommt, mein Freund.«

Der Kapitän blieb sprachlos an den Boden gewurzelt stehen.

»Seid ein verständiger Mensch und geht«, sagte der lächelnde Geschäftsführer, indem er seine Frackschöße aufnahm und mit gespreizten Beinen auf dem Teppich vor dem Kamin sich aufpflanzte. »Laßt es nicht darauf ankommen, daß man Euch hinausschafft oder zu sonstigen gewaltsamen Maßregeln seine Zuflucht nimmt. Wäre Mr. Dombey hier, Kapitän, so könntet Ihr vielleicht in schimpflicherer Weise abziehen müssen. Ich sage daher nur – geht!«

Der Kapitän, der seine schwere Hand auf die Brust legte, um sich durch einen tiefen Atemzug zu unterstützen, betrachtete Mr. Carker vom Kopf bis zu den Füßen und sah sich in dem kleinen Zimmer um, als begreife er nicht recht, wo oder in wessen Gesellschaft er sich befinde.

»Ihr seid schlau, Kapitän Cuttle«, fuhr Carker mit der leichten, lebhaften Freimütigkeit eines Mannes fort, der die Welt zu gut kennt, um sich durch die Entdeckung eines Mißverhaltens aufbringen zu lassen, wenn es nicht eben ihn selbst betrifft, »aber doch nicht schlau genug, als daß man Euch nicht einigermaßen auf den Grund sehen könnte – weder Ihr, noch Euer abwesender Freund. Was habt Ihr mit Eurem abwesenden Freunde angefangen, he?«

Der Kapitän legte wieder seine Hand auf die Brust, atmete aufs neue tief und beschwor sich selbst »beizuhalten«. Dies geschah jedoch nur in einem Flüstern.

»Ihr heckt hübsche kleine Anschläge aus, haltet hübsche kleine Beratungen, macht hübsche kleine Bestellungen und empfangt auch hübsche kleine Besuche, Kapitän – he?« sagte Carker, seine Stirne runzelnd, aber nichtsdestoweniger alle seine Zähne zeigend, »Und dann die Kühnheit hintendrein, hierherzukommen! Das verträgt sich schlecht mit Eurer Klugheit! Verschwörer, Gewährer von Unterschlüpfen und Ausreißer sollten dies besser verstehen. Wollt Ihr mir jetzt den Gefallen erweisen, Euch zu entfernen?«

»Mein Junge«, keuchte der Kapitän in erstickter, bebender Stimme und mit einem eigentümlichen Zucken in seiner gewichtigen Faust, »ich hätte Euch noch allerlei zu sagen, weiß aber im Augenblick nicht recht, wo die Worte untergestaut sind. Nach meiner Gissung ist mein junger Freund Wal'r erst gestern abend ertrunken, und seht Ihr, das greift mich an. Aber wir werden schon wieder einmal zusammenkommen, mein Junge«, fügte der Kapitän bei, indem er seinen Haken ausstreckte, »wenn uns Gott das Leben schenkt.«

»Dies wäre in der Tat nichts weniger als klug von Euch, mein guter Freund«, erwiderte der Geschäftsführer mit demselben Freimut; »denn ich sage Euch im voraus, und Ihr mögt Euch darauf verlassen, daß ich dann Eure Schliche aufdecken und Euch bloßstellen werde. Ich maße mir nicht an, ein moralischerer Mann sein zu wollen, als meine Nebenmenschen, mein guter Kapitän. Aber das Vertrauen dieses Hauses oder eines Angehörigen dieses Hauses soll nicht mißbraucht werden, solange ich Augen und Ohren habe. Guten Tag!« fügte Mr. Carker hinzu und nickte mit dem Kopf.

Kapitän Cuttle faßte Mr. Carker fest ins Auge – ein Blick, der ebenso fest von dem Geschäftsführer erwidert wurde – und verließ das Bureau. Mr. Carker dagegen blieb mit gespreizten Beinen vor dem Feuer stehen, so ruhig und selbstgefällig, als ob seine Seele nicht mehr Flecken zeige, als das reine Weiß seiner Wäsche und seine glatte, weiche Haut.

Als der Kapitän durch das äußere Kontor ging, schaute er nach dem Pulte hin, wo sonst der arme Walter zu arbeiten pflegte. Es saß jetzt ein anderer Junge dort mit einem Gesicht, fast so frisch und hoffnungsvoll, wie das seine, als sie in dem kleinen Hinterstübchen die berühmte vorletzte Flasche des alten Madeira anbrachen. Die Gedankenkette, die sich knüpfte, kam dem Kapitän sehr zustatten: denn sie milderte seinen Zorn und trieb ihm Tränen in die Augen.

In dem Bereich des hölzernen Midshipman wieder angelangt, setzte sich der Kapitän in eine Ecke des dunkeln Ladens nieder, und so groß auch seine Entrüstung war, konnte sie doch vor seinem Kummer nicht recht aufkommen. Die Leidenschaftlichkeit schien nicht nur das Andenken an den Toten zu kränken, sondern auch beim Hinblick auf diesen den Todesstoß zu erhalten und in nichts zu zerfallen. Was waren auch alle lebenden Schurken und Lügner der Welt im Vergleich mit der Ehrlichkeit und Treue eines einzigen toten Freundes?

In diesem Gemütszustand wollte dem ehrlichen Kapitän außer dem Unglück, das Walter betroffen, nichts klar werden, als daß mit dem jungen Freund fast seine ganze eigene Welt in den Wellen versunken sei. Wenn er sich mitunter schwere Vorwürfe machte, daß er je auf Walters unschuldige Täuschung eingegangen sei, dachte er wenigstens ebenso oft an den Mr. Carker, den keine Woge zurückbringen konnte, an den Mr. Dombey, der für ihn nun außer dem Bereich aller menschlichen Hilfe zu liegen schien, an die »Herzensfreude«, die ihm fortan für immer fernbleiben sollte, und an die liebliche Peg, dieses gut gebaute und schmuck aufgetakelte Liebchen, das auf ein Riff gelaufen und in bloße Reimbalken und Planken zerschellt war. Der Kapitän saß in dem dunkeln Laden, wo er, ohne an die ihm selbst widerfahrene Kränkung zu denken, solchen Vorstellungen nachging, und schaute dabei mit trauernden Blicken auf den Boden, als sehe er in Wirklichkeit die Trümmer an sich vorbeischwimmen.

Trotzdem vergaß er nicht, dem Andenken Walters diejenigen gebührenden Achtungsbeweise darzubringen, die in seiner Macht lagen. Er raffte sich auf, weckte Rob, den Schleifer, der in dem unnatürlichen Dämmerlicht fest schlief, und machte sich, den Hausschlüssel in der Tasche, mit dem erwähnten Diener auf den Weg nach einer von jenen bequemen und die schönste Auswahl darbietenden Trödelbuden im Ostende Londons, um dort ohne Verzug zwei Traueranzüge zu kaufen – einen für Rob, den Schleifer. Dieser Anzug war übrigens unglücklicherweise viel zu klein; und einen für sich selbst, der bei weitem zu groß war. Ferner versah er Rob mit jener um ihrer Symmetrie und Brauchbarkeit willen so sehr beliebten Hutart, die unter dem Namen »Südwester« ein glückliches Mittelglied bildet zwischen der Kopfbedeckung eines Matrosen und der eines Kohlenträgers, demnach in dem Geschäft des Instrumentenhandels als eine außerordentliche Neuigkeit zu betrachten war. Diese Anzüge paßten der Erklärung des Verkäufers nach so herrlich, wie dies nur durch ein seltenes Zusammentreffen von günstigen Umständen möglich wurde, und mit ihrem Schnitt war seit Menschengedenken nichts zu vergleichen. Darein hüllten sich ohne Zögern der Kapitän und Rob, in ihrem neuen Putz ein Schauspiel darbietend, das die Bewunderung aller Zuschauer auf sich zog.

In solcher Weise war der Kapitän verändert, als Mr. Toots seinen zweiten Besuch machte.

»Ich bin für den Augenblick ganz niedergeschlagen, mein Junge«, sagte der Kapitän, »und kann nur bestätigen, daß die Neuigkeiten sehr schlimm sind. Bedeutet dem Mädchen, sie möge die Nachricht ihrer jungen Lady beizubringen suchen, und sagt ihr, sie beide sollen nicht mehr an mich denken – das heißt, wohlverstanden – nicht, daß ich nicht an sie denken wolle, wenn die Nacht kommt auf den Flügeln des Orkans und die Wellen sich berghoch auftürmen. Schlagt dies im Doktor Watts nach, Bruder, und wenn Ihr gefunden habt, so biegt ein Ohr ein.«

Der Kapitän behielt sich vor, die Freundschaftserbietungen des jungen Gentleman in nähere Erwägung zu ziehen, und so wurde Mr. Toots entlassen. Der wackere Mann fühlte sich in der Tat so niedergeschlagen, daß er halb und halb beschloß, von Stund' an keine weitere Vorsichtsmaßregel zur Abwehr eines Überfalls der Mrs. Mac Stinger zu beobachten, sondern sich dem Zufall zu überlassen und gelassen hinzunehmen, was da kommen möge. Mit Einbruch der Nacht trat aber auch eine bessere Stimmung ein, und er sprach mit Rob, dem Schleifer, dessen Achtsamkeit und Treue er gelegentlich lobte, viel über Walter. Rob errötete nicht über das ihm von dem Kapitän gespendete Lob, sondern sah seinen Gebieter nur mit großen Augen an, schneuzte sich in geheuchelter Teilnahme und stellte sich ganz fromm an, indem er wie ein echter junger Spion mit vielversprechender Arglist tat, als bewahre er jedes gesprochene Wort wie einen teuren Schatz in seinem Innern.

Rob war in sein Bett gekrochen und lag schon in tiefem Schlaf. Der Kapitän putzte das Licht, setzte seine Brille auf – er meinte, das gehöre zum Instrumentenhandel, obschon seine Augen so gut waren, wie die eines Sperbers – und schlug im Gebetbuch die Begräbnisgebete auf. So las er denn in dem kleinen Hinterstübchen leise vor sich hin, machte hin und wieder halt, um sich die Augen zu wischen, und übergab im Geiste treuer Einfalt Walters Leiche der Tiefe.

 Kapitel 2 >>