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Gustav Falke: Herr Purtaller und seine Tochter - Kapitel 1
Quellenangabe
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authorGustav Falke
titleHerr Purtaller und seine Tochter
publisherK. Thienemanns Verlag
year1913
illstratorFranz Stassen
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Erstes Kapitel

Herr Purtaller machte drei seiner raschen, zappelnden Verbeugungen, bevor er sich auf den angebotenen Stuhl in Frau Köpkes Wohnstube niederließ; als er saß, verneigte er sich noch ein viertes Mal.

Frau Köpke, die breit und behaglich ihm gegenüber Platz genommen hatte, hielt eine nicht sehr saubere Visitenkarte zwischen ihren fleischigen Fingern. Eine leise Enttäuschung zeigte sich auf ihrem runden, gutmütigen Gesicht, während sie ihre hellen Augen zwischen der Karte und ihrem Besucher hin- und herwandern ließ.

»Hier steht ›Kand‹ vor Ihrem Namen. Heißen Sie so?« fragte sie.

Herr Purtaller konnte seine Heiterkeit nicht bezwingen.

»Das heißt Kandidat,« erwiderte er lächelnd. »Kandidat Purtaller.«

»So, so.«

»Ja. Ich bin nämlich von Haus aus Theologe.«

»So–o–.«

»Ja. Ich habe auch schon auf der Kanzel gestanden. Ja. Kennen Sie Harnack?

»Wie heißt der Mann?«

»Harnack, der berühmte Harnack.«

»So, den,« sagte Frau Köpke, obgleich sie keine Ahnung hatte, wer das sei.

»Ja, den. Ich besitze ein Buch von ihm, mit eigenhändiger Widmung.«

Herr Purtaller bemühte sich, von oben herab auf sein Gegenüber zu sehen: was sagst du nun?

»Wie interessant,« sagte Frau Köpke.

»Nicht wahr? Es ist ein Schatz für mich!« rief Herr Purtaller.

»Und warum sind Sie denn nicht auf der Kanzel geblieben?« fragte Frau Köpke.

»Ich eignete mich nicht zum Theologen. Ich war es nur meinem Vater zur Liebe geworden. Ich studierte dann Philologie, konnte aber nicht ausstudieren, weil mein Vater starb. So mußte ich mir mein Brot als Journalist suchen.«

»Ach,« sagte Frau Köpke bedauernd.

»Ja, in Merseburg; da schrieb ich die Theaterkritiken, und das war mein Unglück, grade das.«

»Das Theater war Ihr Unglück?«

»Ja, es wurde meine Leidenschaft, meine Liebe. Ich wollte selbst Theaterdirektor spielen, hatte auch bald eine kleine Truppe beieinander; aber nach einem halben Jahr brach alles zusammen. Und da sitz ich nun.«

Auf Frau Köpkes Gesicht zeigte sich ein leises Unbehagen.

Herr Purtaller bemerkte das.

»Ich weiß, das alles empfiehlt mich nicht sehr; aber ich erzähle es Ihnen, damit Sie wissen, mit wem Sie es zu tun haben. Ehrlich und offen, das ist mein Prinzip. Vertrauen gegen Vertrauen.«

»Und nun wollen Sie Stunden geben?«

»Ja, darum bin ich hier. Und ich glaube, mein Preis ist nicht zu hoch.«

»Nein, das ist er wohl nicht. Eine Mark die Stunde, nicht wahr, Herr Purtaller?«

»Eine Mark. Unter dem kann ich es nicht. Ich habe eine kranke Frau.«

Herr Purtaller legte sein Gesicht in schmerzliche Falten, und Frau Köpke schüttelte bedauernd den Kopf. Eigentlich war ihr Herr Purtaller nicht sehr sympathisch, aber er war billig, und studiert hatte er auch. Und er hatte ein Buch von dem berühmten Manne – wie hieß er doch gleich? Die Schullehrer nahmen drei Mark für die Arbeitsstunde. Jeden Tag drei Mark, das war ihr zu viel neben dem teuren Schulgeld. Da hatte sie durch die Zeitung gesucht und unter den vielen Offerten die Purtallers ausgewählt, weil sie die billigste war.

Herr Purtaller war der billigste, und er hatte eine kranke Frau. Beides machte Eindruck auf Frau Köpke. Sie ließ einen mitleidigen Blick über das magere, schlechtgekleidete Männchen gleiten; sein Kragen war schmutzig und sein schwarzer Rock glänzte speckig.

»Dann können wir es ja miteinander versuchen,« sagte sie, »dann will ich den Jungen mal holen.«

Sie ging an die Tür und rief hinaus:

»Max! Max. komm mal her!«

Ein zehnjähriger Junge von kräftigem, gesundem Aussehen erschien und machte schon in der Tür eine linkische Verbeugung vor Herrn Purtaller.

»Das ist dein Lehrer,« sagte Frau Köpke, »sei nun auch recht fleißig.«

Max versprach es und gab Herrn Purtaller ein wenig blöde die Hand.

»Er ist ein gutes Kind,« sagte die Mutter, »und ist auch ganz fleißig. Bloß mit dem alten Französisch und dem Rechnen will es nicht so. Und wenn er Ostern mit in die Quinta will, muß er sich noch recht anstrengen, sagt der Herr Lehrer.«

»Ostern kommt er in die Quinta, verlassen Sie sich darauf,« sagte Herr Purtaller mit einer Bestimmtheit, die jeden Zweifel ausschloß.

»Das wäre ja schön.«

»Er muß!« eiferte Herr Purtaller. »Und er kann, ich sehe es ihm an.«

Er hatte sich erhoben, sichtlich froh, daß er die Stelle erhalten hatte. Er verabredete die tägliche Stunde, ließ sich Maxens Bücher zeigen, war sehr aufgeräumt, lächelte viel und sprach mit der Wichtigkeit eines Mannes, der sich auf verantwortungsvollem Posten weiß.

»Wie er sich freut, der arme Schlucker,« dachte Frau Köpke.

»Trinken Sie ein Glas Wein, Herr –?«

Sie suchte nach seinem Titel.

»Kandidat, Kandidat Purtaller,« half er verständnisvoll aus.

»Für Titel habe ich immer ein schwaches Gedächtnis gehabt,« entschuldigte sich Frau Köpke.

»O bitte, bitte,« sagte Herr Purtaller.

Frau Köpke entnahm dem Eckschrank ein Glas, holte eine Flasche vom Büfett, hielt sie gegen das Licht, ob auch noch etwas darin sei, und schenkte dann Herrn Purtaller ein.

»Auf Ihr Wohl,« sagte er, und machte eine theatralische Verbeugung.

Max hatte sich in die Fensternische zurückgezogen und folgte von dort aus aufmerksam den Bewegungen seines neuen Lehrers.

Der Herr Kandidat hatte sein Glas in einem Zuge geleert und stellte es mit einer Verbeugung gegen Frau Köpke wieder auf den Tisch.

»Darf ich noch einmal einschenken, Herr Kandidat?«

»O, aber nein, sehr liebenswürdig!«

Er machte einige schwache Bemühungen es zu verhindern, ließ es aber doch geschehen, daß Frau Köpke ihm auch den Rest der Flasche in das Glas goß.

Max lächelte ironisch, als Herr Purtaller mit zusammmengekniffenen Augen zum zweitenmal das Glas leerte, und als er nach dem letzten Schluck ein wenig mit der Zunge ausleckte.

Als die Tür sich hinter Herrn Purtaller schloß, ahmte Max dessen Verbeugungen mit grotesker Übertreibung nach.

»Laß das!« sagte Frau Köpke verweisend. »Er ist jetzt dein Lehrer, du sollst nun Respekt vor ihm haben.«

Max sah sie ungläubig an, wagte aber nicht zu widersprechen.

»Wenn er dich in die Quinta bringt, hat er seine Mark ehrlich verdient,« fuhr Frau Köpke fort. »Du weißt, daß dein Vater sich mit dir gequält hat.«

Frau Köpke war seit einem halben Jahr Witwe. Ihr Mann hatte sie nach kurzer Krankheit mit zwei Kindern zurückgelassen, mit dem zehnjährigen Max und der dreizehnjährigen Hanna. Er hatte einen gutgehenden Handel mit alten Fellen betrieben. Es hatte sich ein Käufer für das Geschäft gefunden, und Frau Köpke war froh, dieser Sorge ledig zu sein. Ein kleiner Teil des Warenbestandes lagerte noch auf der Diele. Das ganze Haus war seit Jahren mit dem strengen, beizenden Geruch alter Felle geschwängert. Frau Köpke und die Kinder waren daran gewöhnt, und sie trugen diesen Duft in ihren Kleidern mit auf die Straße.

Man hatte Frau Köpke zugeredet, das alte Haus zu verkaufen und draußen vor dem Tor in heiterer und gesunder Gegend ein kleineres, freundliches Häuschen zu erwerben. Doch sie hatte sich nicht entschließen können, die liebgewordenen Räume zu verlassen; sehr zum Ärger Hannas, die lieber nach Rosen und Nelken geduftet hätte, als nach alten Fellen. Max aber war mit der Mutter für das Wohnenbleiben; des längeren Schulweges wegen, der ihn zum frühen Aufstehen nötigen würde. Er war ein kleiner Langschläfer, und es kostete immer einige Mühe, ihn aus dem Bett zu kriegen. Als Herr Köpke noch lebte, sputete er sich morgens beim Aufstehen und kam rechtzeitig an den Frühstückstisch; seitdem aber die väterliche Zucht von ihm genommen war, hatte er sich einer läßlichen Lebensweise ergeben, deren Folgen sich auch in der Schule bald bemerkbar machten. Frau Köpke sah mit Bedauern, daß ihr hoffnungsvoller Sprößling Rückschritte machte, und hatte nicht die Macht, sie aufzuhalten. Ihre beweglichen Klagen konnten wohl Maxens Fleiß zeitweilig etwas anspornen, aber seiner Schwäche im Französischen nicht aufhelfen. Das sollte nun Herrn Purtallers Aufgabe sein.

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