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Emanuel Geibel: Gedichte - Omar
Quellenangabe
typeballad
booktitleDeutsche Balladen
authorEmanuel Geibel
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008501-2
titleOmar
pages310-312
created19990704
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Emanuel Geibel

Omar

                  Inmitten seiner Turbankrieger,
Die Stirne voll Gewitterschein,
Zog Omar, der Kalif, als Sieger
Ins Tor der Ptolemäer ein.
Umrauscht von Mekkas Halbmondbannern,
Ritt langsam er dahin im Zug,
Ihm folgte mit den Bogenspannern
Ein Negerschwarm, der Fackeln trug.

Sie zogen durch die öden Gassen,
Durch Siegestor und Säulengang,
Drin klirrend nur der Schritt der Massen,
Der Hengste Stampfen widerklang;
Schon lenkte zu den Porphyrstufen
Der alten Hofburg der Kalif,
Da warf vor seines Rosses Hufen
Ein Greis sich in den Staub und rief:

»O Herr, der Sieger warst du heute,
Und diese Stadt des Nils ist dein,
So nimm als reiche Schlachtenbeute
Ihr Gold und Erz und Elfenbein.
Die Türme stürz in Schutt zusammen,
Zerbrich den Bilderschmuck des Hains,
Die Tempel selber gib den Flammen!
Nur eins verschone, Herr, nur eins;

Sieh hin! Wo dort die Sphinxe grollen
Am Tor, die Hüter unsres Ruhms,
Da schläft in hunderttausend Rollen
Der Geisterhort des Altertums.
Was, seit der Erdkreis aufgerichtet,
In Tat und Wort sich offenbart,
Was je gedacht ward und gedichtet,
Dort liegt's der Nachwelt aufbewahrt.

O gib den Schatz, aus allen Reichen
Der Welt gehäuft mit treuem Fleiß,
Gib dies Vermächtnis ohnegleichen,
Der Menschheit Erbteil gib nicht preis!
Nein, heilig sei auch dir die Stätte,
Die jede Muse fromm geweiht,
Streck drüber deine Hand und rette
Der Zukunft die Vergangenheit!«

Doch Omar zieht die Stirn in Falten
Und spricht, indem sein Auge flammt:
»Ich bin genaht, Gericht zu halten,
Was drängst du, Tor, dich in mein Amt?
Hinweg, daß meines Zorns Geloder
Nicht dich samt deinen Rollen trifft!
Die Schätze, die du rühmst, sind Moder
Und was du Weisheit nennst, ist Gift.

Schon allzulang am unfruchtbaren
Vielwissen siecht die Welt erschlafft;
Der Staub von mehr als tausend Jahren
Liegt wie ein Alp auf jeder Kraft.
Des Lebens Baum ließ ab zu lauben,
Seit dran der Wurm des Zweifels zehrt:
Wo ist ein Herz noch, frisch zum Glauben!
Wo ist ein Arm noch, stark zum Schwert!

Daß endlich diese Dumpfheit ende,
Bin ich gesandt, vom Herrn ein Blitz.
Auf! Schleudert denn die Feuerbrände
In der verjährten Krankheit Sitz!
Und wenn, umwogt vom Flammenmeere,
Der aufgetürmte Wust zergeht,
Ruft: Gott ist groß! Ihm sei die Ehre!
Und Mahomed ist sein Prophet!«

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