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Heinrich Hoffmann: Handbüchlein für Wühler - Kapitel 1
Quellenangabe
typesatire
booktitleHumoristische Studien und Satiren
authorHeinrich Hoffmann
year1986
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14520-6
titleHandbüchlein für Wühler
pages193-197
created20020727
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1848
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Heinrich Hoffmann

Handbüchlein für Wühler

oder

kurzgefaßte Anleitung in wenigen Tagen

ein Volksmann zu werden

Von
Peter Struwwel
Demagog


An das deutsche Volk

Da! Hier nimm es! Ich habe dies kleine Büchlein geschrieben in dem bescheidenen Bewußtsein, dir damit einen ungeheuren Dienst zu leisten, und zwar einen doppelten; denn erstens können die, so dir gefallen wollen, daraus lernen, wie sie es zu machen haben. Gibt es doch allerlei Komplimentierbücher, und darunter auch welche für Hofschranzen, warum sollte es nicht an der Zeit sein, nun ein solches für Volksschranzen zu versuchen? Zweitens aber magst du selbst daraus erkennen, ob die, welche dir dienen wollen, es auch redlich meinen, und ob sie ihr Geschäft gründlich verstehen. Ich, der Verfasser, werde dir wohl schon bekannt sein. Vor ein paar Jahren trat ich als ein ungekämmter Junge unter deine kleinen Souveräne. Die Zeit fliegt mit Sturmeseile. Die organische Entwicklung ist ein Märchen. So grüße ich dich heute als dein Lehrer und Meister

Peter Struwwel, genannt Struwwelpeter,
Professor der Wühlerei und Demagog


Wer heutzutage sein täglich Brot verdient hat und meint, er habe genug verdient, der ist in einem sehr dichten Irrtume befangen. Er muß noch etwas anderes verdienen, nämlich die Volksgunst. Und das ist mitunter ein hart Stück Arbeit. Wenn einer einen hohen Berg besteigen will, so kommt er wohl am Ende auch hinauf, wenn er nur lustig zuklettert; aber sicherer, schneller, mit ganzen Sohlen und Kleidern und wohlbehaltenen Leibes freut sich derjenige des Gipfels, der klug genug eine genaue Situationskarte oder noch besser einen kundigen Wegweiser mitnahm. Die Volksgunst von heutzutage ist aber auch ein Berg, und der Weg hinauf nicht immer leicht. Da geht es durch das Dickicht der Volksversammlungen, über die Felsen der Rednerbühne, durch den Nebel der Fackelzüge und den Sumpf der Zweckessen. Und das Schlimmste ist, daß, wer einmal den rechten Weg verfehlt hat, oft seines Lebtags sich nicht wieder zurechtfinden wird. Als eine solche Situationskarte sollen nun diese Blätter dienen, einen kundigen Wegweiser sollen sie abgeben für den Argonauten, der nach dem goldenen Vließe der Popularität ausgehen will.

Vor allem aber muß in wissenschaftliche Klarheit gestellt werden, für wen eigentlich dieses irdische Vergötterungs-Handbuch bestimmt ist.

Das Geschlecht der Patrioten, Volksmänner, Volksfreunde (homo popularis) kann man in zwei große Klassen teilen. Die erste begreift die Urpatrioten, Naturpatrioten in sich (patriota naturalis). Für diese sind die hier gegebenen Vorschriften gar nicht bestimmt. Es sind diese Männer mit den Interessen des Volkes und des Vaterlandes so innig verwachsen, als ob ein Herzschlag beide belebe. Wie der Baum in der Erde, so wurzelt ein solcher Vaterlandsfreund im Volke. Es sind geborne Patrioten. Für diese bedarf es keines Lehrbuchs. Sie haben auch gar kein Verdienst ob ihres Patriotismus, sie können ja gar nicht anders, die Natur hat sie einmal so konstruiert. Viele von ihnen gelten auch nicht mehr viel, sie sind verbraucht und abgenutzt. Ein sehr kluger Kunstgriff der Patrioten von gestern ist es, jene alten greisen Freiheitskämpen zu verdächtigen, zu schmähen und herabzuziehen. Man springt wie der Blitz an ihre Stelle, gebärdet sich möglichst ungestüm und schreit: Viktoria!

Was hier gedruckt zu lesen ist, gilt vornehmlich zum Frommen der zweiten Klasse. Es sind dies die Kunstpatrioten (patriota arteficialis). Der Kunstpatriot wächst nicht wie der Naturpatriot im freien Felde, sondern gewissermaßen im Treibhaus, im Mistbeete der Kultur. Was bei diesem Instinkt ist, ist bei jenem Überlegung. Dieser kann nicht anders, jener will nicht anders. Jener treibt den Patriotismus wie eine Art Mathematik, dieser wie eine Art Naturpoesie. Nun frage ich, wem soll man mehr trauen, einem Rechenexempel oder einer lyrischen Phantasmagorie? Den Volksmännern vom neuesten Gepräge muß nun aber natürlich, da sie sich erst spät auf den Weg gemacht haben, daran gelegen sein, denselben möglichst rasch zurückzulegen. Für sie also ist dieser guide de voyageur bestimmt.

Es würde zu weit führen, mit der allgemeinen Beschreibung der Kunstpatrioten in noch genaueres Detail zu gehen; nur folgendes mag noch gemerkt werden. Man hat bis jetzt fünf Genera entdeckt:

  1. der eitle Kunstpatriot (patriota arteficialis vanus)
  2. der redelustige Kunstpatriot (patriota arteficialis loquax)
  3. der narrige Kunstpatriot (patriota arteficialis confusus sive scurra)
  4. der verschuldete Kunstpatriot (patriota arteficialis obaeratus sive lumbacivagabundus patrioticus)
  5. der rachelustige oder gekränkte Kunstpatriot (patriota arteficialis furiosus).

Genus l und 2 sind meist mehr oder weniger unschuldige Geschöpfe. Auch das dritte Genus bedarf keines Wegweisers; der verrückte, unklare Kunstpatriot steuert, wie es ihm einfällt, nach allen Richtungen der Windrose herum. Er ist aber deshalb wichtig, weil die Zahl groß ist, und er in Masse meistens von den andern benutzt wird. Den wahren Kern der ganzen Abteilung bildet Genus 4, welches meistens Kommunismus, Teilung, Ausgleichung des Kapitals und der Faulheit usw. predigt, und das Genus 5, welches als patriotischen Apparat den Terrorismus mit guillotierenden, strangulierenden und laternisierenden Reformationsvorschlägen zur Hand hat.

Jedem Kunstpatrioten, mag er der einen oder der andern Richtung angehören, wird es leicht sein, die in diesem Buche enthaltenen Vorschriften nach seinen besondren Zwecken zu benutzen. An einzelnen praktischen Winken soll es nicht fehlen.

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