Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle

Jens Peter Jacobsen: Sechs Novellen - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorJ. P. Jacobsen
titleSechs Novellen
publisherGustav Kiepenheuer
printrunViertes bis sechstes Tausend
editorErnst Ludwig Schellenberg
year1912
translatorM. von Borch
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060212
projectidec6ec9cf
Schließen

Navigation:

Vorwort

Als Jens Peter Jacobsen am 30. April 1885 mühsam den letzten, erlösenden Atemzug getan hatte, hinterließ er ein Werk von äußerlich geringem Umfange; zwei Romane, sechs Novellen und einige Gedichte. Denn er gehörte zu den wenigen, welche die Begnadung durch die Poesie nicht als einen zwangvollen Beruf betrachten, Bücher auf Bücher zu häufen. Frühzeitig schon dem Tode geweiht, schuf er langsam und still, ohne äußern Ehrgeiz. Wir wissen nur wenig von seinem Leben, denn er vermied es schamhaft, sein Werk in auffällige Beziehung zu seiner Persönlichkeit zu setzen. Er selbst schrieb: »Ich bin den 7. April 1847 in Thisted geboren; was Begebenheiten anlangt, so weiß ich mich wirklich an keine zu erinnern, die Interesse haben könnten und zu erwähnen wären; die hingegen, die nicht erwähnt werden können, sind natürlich interessant genug.« Schweigsam und vornehm ging er durchs Leben, und seine zarte, zitternde Seele verbarg er hinter Ironie oder eifriger Verfechtung des Atheismus. Sein Schaffen war kein seliger Überschwang; es bedeutete ihm ein herbes, ernstes Glück. Als ihm mit fünfundzwanzig Jahren seine erste Novelle »Mogens« gelungen war und ihm das Wundersame und so Seltene begegnete, anerkannt und gepriesen zu werden, konnte der Ruhm, der ihn so schnell erreicht hatte, ihn seiner Aufgabe nicht untreu machen. Den Beifall der Verständnisvollen nahm er mit ruhiger Freude auf; der Tadel hastiger, oberflächlicher Rezensenten berührte ihn kaum. Fremden Büchern war er ein strenger, fast unbeteiligter Kritiker.

»Da erkannte er das große Traurige, daß eine Seele stets allein ist. Eine Lüge jeder Glaube an Verschmelzung zwischen Seele und Seele. Nicht die Mutter, die uns auf den Schoß nahm, nicht ein Freund, nicht die Gattin, die an unserm Herzen ruhte« – dieseWorte aus »Niels Lyhne« sind auch Jacobsens schmerzhafte Erkenntnis. Ein Fremdling, ein einsam Wandelnder unter Menschen ging er dahin. Und so ließ er sein Werk reifen, stetig und verloren in sich selbst. Es gelang ihm, er selbst zu werden. Seine Sehnsucht galt allein dem Verborgenen, Unfaßlichen, für das er Wert und Bedeutung fand. Das Äußere verwirrte ihn wenig: er sah Deutschland und Italien, ohne irgendwelche Beeinflussung oder Erschütterung zu erfahren. Aber daheim, auf stillen Wegen, unter seinen geliebten Blumen lebte er sein reichstes Leben, sah er auf den Grund alles Seins wie durch einen tiefen, ungetrübten See ....

Und so war es ihm beschieden, das Neue zu geben, was wir in seinen Büchern bewundern. Er sah an den Dingen nur das, woran andere blind und taub vorübergehen. Das Kleinste erhob er zu bisher ungeahnter Bedeutung; denn er suchte und wählte nur, was er unbedingt brauchte. Die Natur setzte er in leiseste, innerste Beziehung zum Erleben und Fühlen seiner Personen. Und das eben ist es, was seine Bücher so tief und schwer und unvergeßlich macht. Die Komposition gilt ihm wenig; aber eine kleine, fast unscheinbare Szene wächst zu höherer Offenbarung heran, als es manche Kapitel getan hätten, die ein eifriger Systematiker vielleicht vermißt. Denn dieser menschenferne Träumer ist ein unerbittlicher Realist. Er schildert einen Menschen, eine Stube, einen Garten, daß wir gezwungen sind, sie nur so zu denken, wie es Jacobsen gewollt hat. Sein Stil ist so gesättigt und ganz erfüllt von seiner Art, daß eine einzige Seite schon eine unerschöpfliche Fülle neuer Werte in sich birgt und unergründlich süß ist wie ein Wald im ersten Lenzhauch.

Jacobsens Werk umspannt ganz das Leben und die Menschen. Denn er mühte sich, ein Gefühl nie so einfach zu nennen, wie es äußerlich sich darstellt. Er forschte nach dem Letzten, nach dem, was hinter den Dingen webt; nach den Gründen, aus deren verborgenem Dasein die Empfindungen entspringen und zu Taten werden. Und nun war es sein Bemühen, das zu erkennen und an sich selbst zu bewahrheiten, »daß es nur Einen besten Ausdruck gab, dem man mit Glück oder mit Fleiß mehr oder minder nahe kommen und den man wohl sogar ganz treffen konnte«. Er schuf nie für die Vielen. »Man nehme sein Publikum so fein, so scharf, so kühn, so phantasiereich und intelligent als man es kann und vermag, gerade wie man es kann und vermag, nicht geringer.« Aber die Wenigen, die das Verschwiegene und Neue seines Werkes erkannt haben, werden mit ihm leben müssen. Denn er lehrt sie, die Dinge in einer erhöhten Wirklichkeit zu betrachten; er sagt ihnen, daß eine Blüte mehr ist als eine Summe von Blättern, Farbe und Duft und daß des Menschen tiefstes Glück und reinstes Wesen in seiner Einsamkeit beschlossen liegt.

Weimar, Januar 1912.
Ernst Ludwig Schellenberg.

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >>