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Artur Landsberger: Haß - Kapitel 1
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typefiction
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titleHaß
publisherGeorg Müller
year1915
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Erster Teil

Erstes Kapitel.

Wie es im Juli neunzehnhundertundvierzehn in einem Schweizer Hotel aussah.

Es war einer der heißen Sommerabende in Luzern. Ende Juli neunzehnhundertundvierzehn.

Die Dinerstunde war vorüber.

Aus allen Hotels strömten die Gäste auf die Promenade.

Die Sprachen aller Herren Länder surrten durcheinander.

Am Straßenrand standen ein paar deutsche Touristen, rissen die Augen auf und bestaunten das glänzende Bild.

Von denen, die dies Bild stellten, schien sich keiner um den anderen zu kümmern. Jeder mied ängstlich den Schein, als achte er auf den anderen.

Aber wer genau hinsah, erkannte: die gleichgültige Geste war Verstellung. Jeder war interessiert und voll Neugier. Und dieser scheinbar ungezwungene Abendspaziergang war im Grunde nichts anderes als eine bewußte Schaustellung. Je zwangloser sich einer gab, um so gespreizter wirkte er.

Das wiederholte sich jedes Jahr, den ganzen Sommer über, Abend für Abend.

Ein-, zweimal ging man im gleichen Tempo, das keiner angab, und das doch jeder kannte, auf und ab. Die Herren im kurzen Smoking, den Strohhut im Genick, die Hände in den Taschen. Die Damen ohne Hut, das Diadem im Haar, kostbare Brillanten auf den Seidenschuhen, schwere Perlenschnüre unter dem Cape, das wie zufällig, raffiniert über die bloßen Schultern hing.

Wie auf ein Zeichen, das doch keiner gab, verschwand jetzt Gruppe nach Gruppe im Vorraum des Hotel National.

Der seit Wochen in aller Welt verkündete Concours dansant kam heute abend zum Austrag.

*

Der große Saal lag in einem Meer von Licht. In der Mitte war für die tanzenden Paare ein nicht eben breiter Raum gelassen. Unzählige kleine Tische bekränzten ihn, die bis an die bespiegelten Wände kreisförmig dicht beieinander standen.

An den Schmalseiten rechts und links war je ein bühnenartiger Aufbau. Auf dem einen spielte unter der beweglichen Leitung eines exotischen Maestro, in roten Fracks und schwarzen kurzen Seidenhosen, die berühmte Kapelle Cigellini; auf dem anderen saß hinter einem Tisch die Jury. Die Gattin eines Frankfurter Industriellen neben der Komtesse Ephrussi aus Paris; ein Berliner Assessor neben einem belgischen Baron; ein Wiener Sportsmann neben einem französischen Diplomaten.

Unten tanzten vier Paare um die Entscheidung.

An einem Tisch in der vordersten Reihe saß mit Bekannten der Staatsanwalt von Stoelping. Daneben stand der Kellner mit einer Magnumflasche Henckel trocken. Er öffnete, goß einen Schluck ins Glas, schnüffelte, verzog den Mund, kostete, schüttelte sich, sagte: » dégoutant!« und wandte sich ab.

»Nanu?« fragte Stoelping, »nach'm Proppen? Oder was is damit?«

» Mais non!« widersprach der Kellner – » pas du tout! Mais ...«

»Nun?« fragte der Staatsanwalt ungeduldig.

Der Kellner zog die Schultern hoch und sagte: » Pardon, Monsieur, c'est seulement le gout du vi de Champagne d' Allemagne, qui me frappe.«

Deutsche am Nebentisch, die Pommery Greno tranken und schlecht, aber ausschließlich Französisch sprachen, lachten spöttisch.

»Esel!« sagte Stoelping und nahm dem Kellner, der sich höflich verbeugte und erwiderte: » Je ne comprends pas, Monsieur!« die Flasche aus der Hand und goß selbst ein.

Während die Paare noch um die Entscheidung tanzten, kam aus dem Grill Room eine Gesellschaft von Engländern, meist Herren, für die in dem vollen Saal kein Platz mehr war. Sie schlenderten, unbekümmert um die tanzenden Paare, die Hände in den Taschen, quer durch den Saal; der Direktor und sämtliche Kellner ließen ihre Tische im Stich und mühten sich um die englischen Gäste.

So eng an sich schon der zum Tanzen freie Raum war – die Engländer wichen nicht. Und so schob man ihnen vor die vorderste Tischreihe Stühle, auf die sie sich, ohne Rücksicht auf die Tänzer und die Gäste, die hinter ihnen saßen, die Beine in den Saal gestreckt, hinrekelten.

Ein paar Engländer traten sogar an den Tisch, an dem die Französisch sprechenden Deutschen seit über einer Stunde beim Champagner saßen und sagten, ohne sich zu verbeugen oder zu entschuldigen: »Der Tisch gehört uns!« worauf die Herren und Damen aufsprangen, auf englisch um Entschuldigung baten und ihren Champagner im Stiche ließen.

Aber der eroberte Tisch reichte nicht aus.

»Ranschieben!« befahl einer der Engländer mit einem Blick an den Nebentisch und trat, da der Kellner zögerte, selbst an den Tisch heran, an dem Stoelping mit seinen Freunden saß.

»Der Tisch ist für uns reserviert,« sagte er und wiederholte es laut; erst einmal, dann, als Stoelping sich umwandte und gleichgültig sagte: »Ich verstehe Sie nicht,« noch ein zweites Mal.

Stoelping rief den Kellner heran: »Sagen Sie dem Herrn, er befinde sich in der deutschen Schweiz, wenn er also etwas von mir will, so soll er gefälligst Deutsch mit mir reden.«

Einen Augenblick stutzte der Engländer. Das hatte ihm ein German denn doch noch nicht geboten. Schließlich aber ging er, die Hände in den Hosentaschen, auf Stoelping zu und sagte: »Wuollen Sie aufstehen. Diese Tisch gehören mir.«

Stoelping richtete seine Augen so intensiv auf die Hosentaschen des Engländers, daß der unwillkürlich seine Hände herauszog; dann erst sagte Stoelping: »Wie wollen Sie beweisen, daß der Tisch Ihnen gehört?«

»Wueill das ist selbstverständlich, wuenn wir kommen auf die Kontinent, daß man uns gibt seinen Platz, wuann wir wuollen sitzen.«

Der Maître d'hôtel, der hinzukam, erst Englisch, dann aber, als ihn Stoelping anfuhr: »Reden Sie Deutsch!« Französisch sprach, legte sich sofort für den Engländer ins Mittel: »Die ersten Reihen sind stets für unsere englischen Gäste reserviert.«

»Und weshalb, wenn man fragen darf?«

Der Maître d'hôtel dachte einen Augenblick nach; dann sagte er, nicht ohne leichten Spott: »Einfach, weil die deutschen Gäste noch nie dagegen protestiert haben.«

»Aha!« rief Stoelping. »Nun, dann wenden Sie sich gefälligst an einen der anderen Tische. Wir protestieren nämlich.«

Und in der Tat machte der Maître d'hôtel eine kurze Verbeugung und verschwand.

»Diese verfluchte deutsche Bescheidenheit!« wetterte Stoelping. Aber seine junge Frau erwiderte, als sich die Engländer gerade mit einer Selbstverständlichkeit, die einfach nicht zu überbieten war, an dem eroberten Tisch niederließen: »Das ist nicht mehr bescheiden, das ist dumm! Ich wenigstens schäme mich

»Besser, man ist mehr wert als man scheint,« erwiderte ein Herr an Stoelpings Tisch, »als umgekehrt.«

»Gewiß!« bestätigte Stoelping. »Aber etwas mehr Selbstbewußtsein gerade dem Auslande gegenüber würde uns schon nichts schaden.«

»Wir sind eine junge Nation,« erwiderte der. »Daher diese gewisse Scheu vor allem Fremden. Schon bei der nächsten Generation wird das anders sein.«

»Wir wollen's hoffen!« stimmte Stoelping bei, und seine Frau sah ihn an und sagte: »Unser Junge – da kannst du dich darauf verlassen, wenn der später einmal in die Lage käme, der bliebe den Engländern die Antwort nicht schuldig!«

Stoelping erhob sein Glas: »Also auf unseren Jungen! Morgen wird er vier Jahre!«

Und sie stießen an und tranken auf das Wohl Willi von Stoelpings.

Inzwischen war der Grand Concours, den, wie schon der Name verriet, deutsche Damen und Herren veranstaltet hatten, zur Entscheidung herangereift.

Die Komtesse Ephrussi wollte den ersten Preis einem deutschen Paare zusprechen, das unter großem Beifall eine selbstkomponierte Mazurka getanzt hatte. Auch der belgische Baron und der französische Diplomat waren der Ansicht.

»Aber na,« sagte der Wiener Sportsmann, »der Straußsche Walzer, den die Baronin Springer mit dem Grafen Metternich getanzt hat, ist doch weit herziger als die deutsche Mazurka.«

»An sich schon,« erwiderte die Gattin des Frankfurter Industriellen – und der Berliner Assessor stimmte ihr bei – »aber weder die deutsche Mazurka, noch der Wiener Walzer reichen an den Tango und die Maxice Brésilienne der Madame Amély und des Serben Dimitrow« – an dem in diesem Augenblick die Augen vieler deutschen Frauen hingen – »heran.«

Da sich die Jury nicht einigen konnte, so appellierte man an das Publikum, und da die Deutschen in der Mehrzahl waren, so wunderte sich niemand, daß der erste Preis dem Serben und seiner Begleiterin zuerkannt wurde.

Der Assessor verkündete das Ergebnis.

»Ich freue mich,« sagte er, und er sprach ein gutes Französisch, »namens der Jury den ersten Preis dem Monsieur George Dimitrow und seiner ausgezeichneten Partnerin zusprechen zu dürfen.«

Den zweiten Preis erhielt das Wiener, den dritten das deutsche Paar.

Und der Assessor fuhr – was der eine und andere wohl wenig am Platze, die meisten aber klug und sinnig fanden – fort: »Mögen derartige Veranstaltungen dazu beitragen, die internationalen gesellschaftlichen Beziehungen immer fester zu gestalten. Kein Zweifel, daß gerade in den letzten Jahren auf seiten Frankreichs und Deutschlands hier merkbare Fortschritte zu verzeichnen sind. Der gesellschaftliche Verkehr schafft über den Tag hinaus Beziehungen, deren Pflege bereits heute zur Beseitigung falscher Vorurteile geführt hat. Bei aller Verschiedenheit des Blutes – in der Sehnsucht nach fortschreitender menschlicher Gesittung begegnet sich die deutsche Volksseele mit der Frankreichs wie mit der keines anderen Volkes. Es bedarf nur des Vertrauens und des Willens, und die Verständigung ist vollzogen, die Europa, wie der ganzen Welt, die Kultur, den Frieden und die Gesittung bringt. Auf deutscher Seite lebt dieser Wille und dies Vertrauen. Ich fasse den Dank für die bereitwillige Unterstützung, die unsere Veranstaltung hauptsächlich von französischer Seite empfangen hat, in den Ruf zusammen: Frankreich, es lebe hoch!«

»Vive la France!« dröhnte es durch den Saal. Und stehend hörten alle die laut gesungene, von der Musik begleitete Marseillaise an.

Dann trat der französische Diplomat vor und dankte namens der französischen Gäste dem deutschen Assessor.

»Wir werden uns freuen,« sagte er in seiner Muttersprache, obschon er fließend Deutsch sprach, »wenn sich die Wünsche, die wir soeben hören durften, erfüllen sollten. Wir haben unseren deutschen Nachbarn die Achtung nie versagt, die ihr geistiges Streben, und ihre wirtschaftlichen Erfolge wie jedem, so auch uns, abnötigen.«

Doch es schien, daß seine Augen trübe blickten, als seinem Rufe: »Vive ...« nach dem er unwillkürlich eine Pause machte, mit gedämpfter Stimme das Wort »... l'AIIemagne!« folgte.

Und als die deutsche Nationalhymne gesungen wurde, fiel es nicht weiter auf, daß ein paar Engländer sitzen blieben, andere, die neben Stoelping saßen, erst aufstanden, als der ihnen die Stühle wegzuziehen drohte.

Maestro Cigellini hatte den Taktstock noch nicht aus der Hand gelegt, als ein Engländer auf den Stuhl sprang, das Maul aufriß und »Rule Britannia!« in den Saal brüllte.

Der Ruf fand lauten Widerhall, und als die englische Nationalhymne einsetzte, schien es, als hätte sich die Zahl der Stimmen verzehnfacht. Die Deutschen am Nebentisch sangen mit einer Selbstverständlichkeit mit, als wenn sie mit Themsewasser getauft wären.

Überhaupt hatte man von diesem Augenblick an – ohne daß man recht wußte, woran es lag – das Gefühl, als befände man sich in einer spezifisch englischen Gesellschaft. Dabei waren nach Stoelpings Schätzung mehr als die Hälfte aller Gäste Deutsche und nur jeder Zehnte etwa ein Engländer.

Und doch hörte und sah man sie jetzt überall. Wie auf ein Zeichen, das doch niemand gab, spielte Maestro Cigellini jetzt nur noch englische Melodien. Tanzten zuvor alle Nationen durcheinander, so sah man jetzt nur noch den steifen Engländer die eckige Miß durch den Saal schieben.

Sie gaben die Pausen an, verfügten über Öffnen und Schließen von Türen und Fenstern, ließen Tische entfernen und umstellen – kurzum, sie führten sich auf, als wenn außer ihnen überhaupt niemand im Saale wäre. Und alle anderen fanden sich mit der Rolle des Zuschauers ab, wie mit etwas Selbstverständlichem.

»Wenn ich dafür nur eine Erklärung hätte,« sagte Stoelping, der kopfschüttelnd die Vorgänge in dem Saal verfolgte.

Und als ihn seine Frau fragte: »Wofür?« wies er auf die tanzenden Paare, auf die Kapelle und die vorderen Tische und sagte wütend: »Für diesen englischen Bluff!«

Dann rief er den Kellner, der sich indessen taub stellte und nur noch auf » waiter« reagierte, zahlte, verabschiedete sich, nahm seine Frau unter den Arm und stand auf.

Über die Beine der Engländer, die den schmalen Gang zwischen den Tischen sperrten und sich erst rührten, als er nach fruchtlosem Bitten kräftig zutrat, kamen Stoelpings in die Mitte des Saales – gerade als der Direktor mit rotem Kopf hereinstürzte und einem paar Engländer, die ihm am nächsten standen, irgendeine Mitteilung machte.

Stoelping hörte nur noch, wie er ganz entsetzt und zitternd sagte: »Ist das nicht furchtbar?«

Aber die Engländer verzogen keine Miene. Gleichgültig und gelangweilt sagte der eine: »Gott, ja.«

Und ein anderer meinte: »Das kann ja ein unterhaltsamer Sommer werden.«

Nur einer schien von der Nachricht berührt; er kniff die Augen zusammen, schob das Maul breit, zog die Hände aus den Taschen und sagte: »Womöglich fallen da diesen Sommer die Rennen in Ascot aus.«

Und für einen Augenblick schien es, als wenn in sämtliche Kerle so etwas wie Leben kam.

Aber als sein Nachbar die Schultern in die Höhe zog und spöttisch, fast verächtlich sagte: »Ich bitt' Sie, wegen eines europäischen Krieges?« da kehrten sie in ihre alte Haltung und Teilnahmlosigkeit zurück. Und als gar einer äußerte: »Im schlimmsten Falle werfen wir ein englisches Korps auf den Kontinent, dann wird Deutschland schon Ruhe geben,« war das Thema erschöpft; sie traten an ein paar Engländerinnen heran, schoben den Kopf ein wenig nach vorn, sagten: » Please!« und tanzten, indem sie wieder vom Wetter sprachen, durch den Saal.

Der Direktor war sprachlos, sperrte Augen und Mund auf, staunte und sah ihnen nach.

»Was ist?« fragte Stoelping, der nur ein paar Worte aufgefangen hatte, – und trat an den Direktor heran.

Der sah ihn gar nicht.

»Aber Willi,« vermittelte Frau Stoelping spöttisch und wies auf den Direktor, der regungslos dastand und seine Augen förmlich in die tanzenden Engländer bohrte – »siehst du denn nicht, der Herr Direktor hat vor lauter Ehrfurcht die Sprache verloren, der Ärmste! Vor allem mußt du Englisch mit ihm reden. Er versteht nicht Deutsch.«

»Ihr Hunde!« brüllte plötzlich der Direktor.

In dem Lärm des Orchesters ging der Ruf verloren. Nur Stoelpings hörten ihn und sahen, wie der Direktor wütend die Fäuste ballte und Miene machte, sich auf ein paar tanzende Engländer zu stürzen.

»Na,« meinte Stoelping, »die Sprache scheint er ja wiedergefunden zu haben. Zu seinem Glück sogar die deutsche.«

Er fiel ihm möglichst unauffällig in die Arme und fragte: »Was ist Ihnen denn?«

Der Direktor hatte sich wieder in der Gewalt.

»Hier, lesen Sie!« – sagte er und reichte Stoelping ein Telegramm, das er zusammengeknittert in der Hand hielt.

Stoelping entfaltete es und las:

»Berlin.

Der Kaiser hat als Antwort auf die seit Wochen im Gange befindliche Mobilmachung der gesamten russischen Streitkräfte soeben, 3 Uhr 15 Minuten, die Mobilmachung des gesamten deutschen Heeres sowie der Marine verfügt. Das bedeutet den Krieg, auch wenn die stündlich zu erwartende formelle Kriegserklärung noch nicht erfolgt ist.

Über Metz wird gemeldet, daß französische Truppen die lothringische Grenze bereits überschritten haben.

Der Brüsseler Korrespondent der Kölnischen Zeitung drahtet, daß alle Anzeichen auf den bewaffneten Anschluß Englands an Frankreich und Rußland deuten.«

Stoelping, der mit seiner Frau und dem Direktor jetzt mitten im Saal unter lachenden und geputzten Menschen stand, die nach englischen Songs Walzer tanzten, war im ersten Augenblick wie betäubt. Aber er faßte sich schnell. Einen Blick auf den Direktor, der ihm ernst zunickte, dann nahm er die Hand seiner Frau, drückte sie an sich, sagte: »Komm, Ella!« und ging, den Arm um sie gelegt, mit festem Schritt durch den Saal, schob die tanzenden Paare beiseite, bestieg die Estrade, auf der sich noch vor einer halben Stunde Deutsche und Franzosen auf der Grundlage des Tango und der Marire verbrüdert hatten, trat an die Brüstung und rief mit einer Stimme, die alles im Saal übertönte: » Ruhe!«

Dem Maestro Cigellini fiel der Taktstock aus der Hand; die Bogen, die eben noch weich die Saiten der Violinen und Bratschen strichen, standen still, die Flötisten hielten mit aufgeblasenen Backen die Luft an, die tanzenden Paare blieben, ohne sich loszulassen, im Tanzschritt stehen; wer sprach, brach mitten im Wort die Rede ab – wie wenn ein Blitz in den Saal gefahren wäre, stand alles Leben, das eben noch so geräuschvoll wogte, plötzlich still.

»Deutsche Frauen und Männer!« begann Stoelping – und alle staunten. »In dem Augenblick, in dem wir dulci jubilo beim Klange englischer Weisen beim Weine sitzen, macht Deutschland mobil, um sich gegen seine Feinde, die es von Ost und West und vom Meere her bedrohen, zu verteidigen!«

Alles verstand plötzlich Deutsch. Selbst die Engländer begriffen die Situation. Ein Tumult brach los. Alles sprang auf und schrie erregt durcheinander.

Und Stoelping fuhr fort: »Wir fürchten nichts! denn wir vertrauen auf Gott, unsere Kraft und unsere gerechte Sache! In diesem Augenblick kann es für uns Deutsche, die der Zufall hier zusammengeführt hat, nur einen Gedanken geben: unsere Pflicht erfüllen gegenüber dem Vaterlande! Diese Pflicht wird den einen hierhin, den anderen dorthin stellen; aber unserer aller Herzen schlagen in dieser Stunde zusammen: Hoch unser geliebtes Vaterland! Hoch unser Kaiser!«

Alle Deutschen hatten sich um die Estrade geschart, hatten Stoelpings Worte immer wieder bejubelt, hatten Tücher geschwenkt und mit erhobenen Armen in den Ruf eingestimmt.

Maestro Cigellini, der sich nicht schnell genug in die neue Situation fand, wurde von dem Direktor sanft beiseite gedrückt. Der Direktor selbst ergriff den Taktstock, und »Deutschland, Deutschland über alles!« brauste aus Hunderten von deutschen Kehlen durch den Saal.

Von den Engländern und Franzosen war nichts mehr zu sehen. Das Auftreten Stoelpings und der plötzliche Zusammenschluß aller Deutschen war ihnen in die Glieder gefahren. Das hatten sie nicht für möglich gehalten! Das war ja gerade, als wenn der Teufel in diese sonst so zahmen Deutschen gefahren wäre; die man bisher kaum bemerkt, jedenfalls nie beachtet hatte.

Die schienen plötzlich wie umgewandelt, unberechenbar und in ihrer Begeisterung zu allem fähig. Dem setzte man sich nicht aus und zog sich zurück, überließ ihnen das Feld, auf dem man eben noch unbeschränkt und unbestritten geherrscht hatte.

An der Saaltür sah Stoelping, wie der Kellner, der noch vor einer Stunde deutsche Gäste von ihren Plätzen verdrängt hatte, um englischen Platz zu schaffen, jetzt mit verächtlicher Geste das Trinkgeld zur Seite schob, das auf einem der »tables tenues pour les hôtes Anglais« neben dem Gelde für die verzehrten Speisen und Getränke lag.

»Sind Sie denn Deutscher?« fragte ihn Stoelping.

»Zu Befehl!« erwiderte der, »Gott sei Dank!« stand stramm, streckte die Brust heraus und legte die, Hände an die Hosennaht. Heut nacht noch fahre ich zu meinem Regiment. Deibel ja! man hatte da draußen in all den Jahren ja schon beinahe vergessen, wo man hingehörte. Aber nun weiß man's wieder!«

»Bravo!« rief Stoelping – »ja, es war Zeit, daß man sich auf sich selbst besann. Ich bin auch Soldat« – und er streckte ihm die Hand hin – »nun heißt's: Kopf hoch, Kamerad!« –

Die Heimkehr war jetzt der einzige Gedanke, der alle bewegte.

Auf der Estrade stand, von jungen Deutschen umringt, der Direktor. Er war in lebhaftem Gespräch mit einem älteren Herrn. Stoelping erkannte: es war derselbe, der bei Beginn des Abends mit seiner Familie neben ihm gesessen, Französisch gesprochen und bei Herannahen der Engländer unter Entschuldigungen seinen Tisch geräumt hatte.

Es war derselbe! Aber wie anders sah er jetzt aus! Er hatte nichts mehr von jener ängstlich schüchternen Bescheidenheit. Der ganze Kerl hatte etwas Bestimmtes, Straffes bekommen! Als wenn er sagen wollte: »Jetzt gilt's! Wir können auch anders!« So stand er da und redete auf den Direktor ein.

Der Direktor trat vor und verkündete: »Meine Herrschaften!«

»Deutsche!« tönte es ihm von allen Seiten entgegen.

»Deutsche!« wiederholte der Direktor. »Wir alle haben den Wunsch, so schnell wie möglich in die Heimat zu kommen.«

Stürmisch stimmten alle zu.

»Einer unserer Gäste« – der alte Herr war jetzt zur Seite getreten, so daß man ihn nicht sehen konnte, – »hat soeben erwirkt, daß morgen im Laufe des Vormittags drei Extrazüge ausschließlich für heimkehrende Deutsche von Luzern bis zur deutschen Grenze fahren. Der Herr trägt die Beförderungskosten für Unbemittelte und sorgt auch für deren unentgeltliche Weiterreise von der Grenze aus in den Heimats- resp. Garnisonsort. Näheres wird heute nacht an den Anschlagsäulen bekanntgegeben.«

Stoelping ging auf den alten Herrn zu und stellte sich vor; der Herr nannte seinen Namen; er hieß Frank.

»Ihr Plan,« sagte Stoelping, »und vor allem Ihre schnelle Entschlußfähigkeit sind bewundernswert.«

»Woher wissen Sie, daß ich es bin?« fragte Frank erstaunt.

»Ich sehe es!« erwiderte Stoelping.

»Nun, dann leugne ich nicht; denn einem preußischen Staatsanwalt muß man ja wohl die Wahrheit sagen. Mir scheint für, den Augenblick diese Heimbeförderung allerdings das Wichtigste. Ich bedaure nur, daß ich nicht in Paris oder London bin; denken Sie, was man da jetzt durch Energie und schnellen Entschluß Gutes wirken könnte. In 12 Stunden kommt vermutlich kein Wehrpflichtiger mehr über die Grenze. Aber es gibt auch hier genug zu tun. Wenn Sie Zeit haben, Herr von Stoelping, bitte ich Sie, mir zu helfen.«

»Ich täte es gern. Aber als Rittmeister der Reserve muß ich in die Front,« erwiderte Stoelping und stellte seine Frau vor.

Frank reichte ihr die Hand und sagte: »Da gratulier' ich Ihnen, gnädige Frau. Das Glück kann ich meiner Frau leider nicht bieten.« Und stolz fügte er hinzu: »Aber mein Sohn geht mit!«

Dann stellte er seine Frau und seinen Sohn vor und ging mit ihnen und Stoelpings aus dem Saal.

Im Vestibül saßen die Engländer an kleinen Tischen und spielten Bridge.

Die Haupttore zum See standen offen.

Franks und Stoelpings traten hinaus.

Nach dem heißen Tage stieg frische Luft von den Bergen. Über dem blauen See hing die Nacht. Kuhglocken irgendwo. Und hin und wieder das Plätschern von ziehenden Schwänen.

In dieser Stunde war alles bei Gott.

Frau Frank hing am Arme ihres einzigen Sohnes. Tränen standen in ihren Augen. Sie drückte die Hand ihres Mannes und sagte sanft: »Unser Junge!«

Frau Stoelping schmiegte sich fest an ihren Mann. Der schlang den Arm um sie, holte tief Atem und fand das Wort, das alle erlöste: »Gott mit uns!«

Wie ein Gebet klang es; und sie wiederholten es alle: »Gott mit uns!«

Am nächsten Tage reisten sie ab.

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