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Alphonse Daudet: Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
authorAlphonse Daudet
translatorA. Gerstmann
firstpub1872
year1913
publisherDer Gelbe Verlag Mundt und Blumtritt
addressDachau
titleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
pages5-216
created20061207
sendergerd.bouillon
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Alphonse Daudet

Die wunderbaren Abenteuer des
Tartarin von Tarascon

 

 

Der Gelbe Verlag
Mundt und Blumtritt
Dachau 1913


In Tarascon

En France, tout le monde
est un peu de Tarascon.

Der Garten des Baobab

Der erste Besuch, den ich Herrn Tartarin in Tarascon abstattete, war für mich ein Ereignis, das ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen werde. Es sind seitdem zwölf bis fünfzehn Jahre vergangen, aber ich erinnere mich an alles noch so genau, als wäre es gestern gewesen. Der unerschrockene Tartarin wohnte damals ziemlich am äußersten Ende der Stadt, im dritten Hause linker Hand an der Straße, die nach Avignon führt. –Es war eine hübsche, kleine tarasconische Villa mit einem Vorgarten, einem Balkon auf der Rückseite, mit sehr weißen Mauern und grünen Fensterläden. Auf der Treppenstufe vor dem Eingange lagerte gewöhnlich eine ganze Bande kleiner Savoyarden, die ihre Zeit mit Murmelspielen totschlugen, oder auch, wenn die Sonne gar zu heiß schien, die Köpfe auf ihre Kasten mit Stiefelwichse lehnten und sanft und selig schlummerten.

Von außen hatte das Haus also gar nichts so Absonderliches und Außergewöhnliches und nach diesem äußern Eindrucke würde man auch niemals auf die Vermutung gekommen sein, vor der Wohnung eines Helden zu stehen.

Wenn man das Haus aber betrat – Himmel und die Welt! Wie sah es da aus!

Vom Keller bis zum Boden hatte das ganze Gebäude etwas Großes, Mächtiges, Heroisches; sogar der Garten war davon angehaucht!

Solch einen Garten wie den Tartarins gibt es überhaupt nicht zum zweiten Male in ganz Europa. Da war nicht ein inländischer Baum, nicht eine einheimische Pflanze, da gab's nur exotische Gewächse, Gummibäume, Flaschenkürbisse, Baumwollenpflanzen, Kokospalmen, Magnolien, Bananen, Fächerpalmen, einen Baobab, Feigenbäume, Kakteen – man hätte meinen mögen, man befinde sich mitten in Afrika, was von Tarascon bekanntlich so ungefähr zehntausend Wegstunden entfernt ist. Alle diese Bäume und Sträucher waren selbstredend hier nicht in natürlicher Größe zu sehen – so waren die Kokospalmen z. B. nicht größer, als es gemeiniglich die roten Rüben zu sein pflegen, und der Baobab, der doch schon zu den Riesenbäumen zählt, ging bequem in einen Resedatopf; aber das ist doch schließlich gleichgültig und auch völlig nebensächlich. Für Tarascon war es so, wie es nun einmal war, jedenfalls sehr hübsch, und die Leute aus der Stadt, die an Sonn- und Feiertagen die Ehre hatten, Tartarins Baobab zu betrachten, waren stets des höchsten Lobes voll und traten dann befriedigt und bewundernd wieder den Heimweg an. Man kann sich nun einigermaßen vorstellen, welch tiefes Gefühl der Bewunderung und des Staunens mich erfüllte, als es mir zum ersten Male vergönnt war, diesen Wundergarten zu durchwandern. Und dennoch wurde dieses Gefühl noch gesteigert, als ich das Kabinett des Helden betrat.

Dieses Kabinett, eine der Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt, lag zum Garten hinaus; durch eine Glastüre genoß man den Anblick des Baobab.

Man denke sich einen ziemlich großen Raum, dessen Wände von oben bis unten mit Flinten und Säbeln bedeckt sind. Da sah man Waffen aller Zeiten und Länder, Karabiner, Rifles, Tromben, korsische Messer, Bowiemesser, Revolver, Dolche, malaiische Krise, karaibische Bogen, Speere, Totschläger, Keulen, mexikanische Lassos und viele andere ähnliche Dinge. Von oben fiel ein heller Sonnenstrahl auf alle die Waffen, so daß die Degenklingen und Gewehrläufe blitzten und blinkten und man eine Gänsehaut bekommen konnte; was einen jedoch wieder etwas beruhigte, war die Ordnung und Sauberkeit, die in diesem Privatzeughaus herrschte. Alles war geordnet und sorgsam geputzt, und etikettiert wie im Apothekerladen. Hier und da hing an einem Gegenstande ein kleiner Zettel, auf dem zu lesen war:

Vergiftete Pfeile! Nicht berühren!
Geladene Waffen! Vorsicht!

Wären derartige Warnungszettel nicht gewesen, man hätte sich nie und nimmer in diesen Raum gewagt.

Mitten im Kabinett stand ein kleiner Tisch. Auf ihm lagen eine Rumflasche, eine türkische Tabakspfeife, die »Reisen des Kapitän Cook«, die Cooperschen Romane, die Aimardschen Reiseschilderungen; dann viele Jagdbeschreibungen: Falkenjagden, Bärenjagden, Elefantenjagden usw. Vor dem Tischchen endlich saß ein Mann von vierzig bis fünfzig Jahren; er war klein, dick, untersetzt; sein Gesicht strotzte von Gesundheit, sein Bart war kurz, aber stark, seine Augen glühten und blitzten. Er saß in Hemdsärmeln da und trug wollenes Unterzeug; in der einen Hand hielt er ein Buch, mit der andern schwang er eine ungeheuer große Pfeife mit eisernem Deckel; er las irgend eine höchst wundersame Jagdgeschichte, hatte die Unterlippe vorgeschoben und machte ein schreckliches Gesicht, was seiner unscheinbaren Figur eines kleinen tarasconischen Rentiers denselben Anstrich ungefährlicher Wildheit gab, der im ganzen Hause herrschte.

Dieser Mann war Tartarin! Tartarin von Tarascon, der unerschrockene, der große, der unvergleichliche Tartarin von Tarascon!

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