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Kálmán Mikszáth: Der wundertätige Regenschirm - Kapitel 8
Quellenangabe
typenovelette
authorKoloman Mikszáth
titleDer wundertätige Regenschirm
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorMarie Kálmán
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071206
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Die habgierigen Gregorics.

Der Inhalt des Testamentes verbreitete sich alsbald in den vornehmen Lokalkreisen und erregte ungeheures Ärgernis in den einfachen, patriarchalischen Salons, wo über dem Piano aus Kirschenholz der »Ausfall Nikolaus Zrinys« hängt, und wo auf dem mit einem weißen Tuche bedeckten Tische als Zierde zwei leere Silberleuchter stehen, zwischen diesen ein aus Teplitz mitgebrachtes, riesiges Trinkglas mit den Abbildungen der Teplitzer Badegebäude und in diesem Glase ein duftender Fliederzweig. Ach, in diesen lieben, kleinen Salons kochten und gärten förmlich die Meinungen.

»Es ist doch entsetzlich, was der Gregorics gethan, zeitlebens ist er taktlos gewesen. Aber daß er noch nach seinem Tode ehrbare Damen so kompromittiert, die nun schon mit grauem Haar ihre Enkelkinder wiegen (die Hälfte derselben war in das Großmutterstadium eingetreten), das ist doch eine unerhörte Sache.« Die neun Frauen waren an einen moralischen Pranger gestellt. Die ganze Stadt sprach von ihnen, ihre Namen wanderten aus einem Munde in den andern, und wenn es Menschen gab, die Gregorics schalten, fanden sich auch solche, die folgendermaßen sprachen: »Am Ende, wer weiß, was zwischen ihnen bestanden! Gregorics muß in jungen Jahren ein großer Teufelskerl gewesen sein.«

Doch sogar diejenigen, welche Gregorics unbedingt verurteilten, zogen folgenden Schluß: »Irgend eine Freundschaft muß doch zwischen ihnen bestanden haben, daß er sich ihrer erinnert hat, aber das Verfahren ist keineswegs gentlemanlike, nicht einmal, wenn wir das Ärgste annehmen; in diesem Falle ist es sogar eine noch größere Taktlosigkeit.«

»Das ist ein Streich,« sagte der städtische Vicenotar Michael Vertany, »für den man ihn aus dem Kasino hinausballottieren sollte, das heißt, hätte sollen. Das heißt, man könnte ihn hinausballottieren, wenn er noch am Leben wäre. Ich schwöre bei Gott, wenn auf seinem Grabstein stehen wird, er sei ein Edelmann gewesen, will ich es mit meinem eigenen Taschenmesser abkratzen.«

Der Oberarchivar und gleichzeitige Feuerwehrkommandant, der in Ehrenangelegenheiten seit zwanzig Jahren als Sachverständiger arbeitete, faßte den Fall ganz anders auf.

»Das Ganze ist eine einfache Poltronerie. Was, die Frauen? Die Frauen zählen nur bis zu ihrem fünfunddreißigsten Jahre. Diese jedoch sind alle neun Matronen. Was schadet ihnen eine kleine Indiskretion oder eine kleine Verleumdung? Auf der rostigen Stahlklinge läßt der Hauch keinen Flecken mehr zurück. Auch die Raupen werden nur von jenen Bäumen abgeklaubt, auf welchen Blätter und Blüten sind, nicht wahr? oder welche noch Früchte tragen werden; auf dürren Bäumen läßt man sie sitzen. Doch fürwahr, Gregorics hat die Gatten beleidigt, er hat eine Feigheit begangen, denn es ist eine Poltronerie, wenn ein Mensch beleidigt, der nicht imstande ist, Genugtuung zu geben. Und Gregorics, ich getraue mich, es getrost auszusprechen, ist nicht satisfaktionsfähig. Und darin eben liegt der Fehler.«

Selbst die Brüder Gregorics trieben nach reiflicher Überlegung in der ganzen Stadt ihr Gespött mit den neun Flammen des Verstorbenen, worauf gleich den anderen Morgen Stefan Vozary, dessen Gemahlin auch unter den Legatären war, sich gar trotzig bei dem Notar einstellte und erklärte, daß seine Frau das Erbteil von zweitausend Gulden nicht annehme, da sie absolut kein Verhältnis mit dem unverschämten Gregorics gehabt. Als sich die Kunde davon in der Stadt verbreitete, kamen der Reihe nach die anderen Frauen zu Sztolarik und erklärten, daß auch sie die Erbschaft nicht annehmen wollten, denn auch sie hätten kein Verhältnis mit Gregorics gehabt. Herr Sztolarik hatte schon lange keinen ähnlichen Genuß gehabt, als an diesem Tage; denn der Anblick der runzlichen Mütterchen, wie sie noch einmal gezwungen waren, zahnlos, mit grauen Flechten, unter heftigem Erröten von ihrer Tugend zu reden, war wahrlich amüsant.

Aber noch amüsanter war dies für die Geschwister Gregorics; denn auf diese Weise blieben ihnen die dem Testamente beigeschlossenen zwanzig Tausender, das heißt mit Ausnahme von Zweien, denn die Akademie der Wissenschaft nahm die Summe an, obwohl auch sie gar kein Verhältnis mit dem Verstorbenen gehabt hatte. Denn die Akademie (das zehnte Mütterchen) ist nicht so verschämt, wie die andern neun waren.

Jedoch die Freude der Geschwister Gregorics verwandelte sich alsbald in Mißmut. Sie waren nicht imstande, die böhmische Besitzung aufzufinden. Herr Kaspar reiste nach Prag und forschte dort danach, doch vergeblich. Schon zu Hause fiel es ihnen auf, daß sie nirgends die geringste Spur von der böhmischen Herrschaft unter den Schriften gefunden: weder einen Kaufvertrag noch irgend einen Wirtschaftsbrief, den ein Wirtschaftsbeamter geschrieben.

Dies war unbegreiflich. Balthasar fluchte: »So was ist auf dieser Welt noch nicht vorgekommen.« Der Notar Sztolarik scherzte: »Das dumme Meer, welches Shakespeare nach Böhmen versetzte, muß Schuld tragen an der Konfusion, das mag die Gregorics-Besitzungen verschlungen haben.« Sie schäumten vor Wut, stampften, drohten dem Matykó und der Ancsura mit dem Kerker, wenn sie nicht gestehen wollten, wo die böhmischen Besitzungen lägen. Endlich bei der Nachlaßverhandlung wurden auch die zwei Dienstleute über diesen Punkt verhört: »Der Matykó muß es ja wissen, er hat doch seinen Herrn begleitet, so oft dieser auf seine böhmischen Besitzungen reiste.«

Matykó gestand dann auch, der Gottselige habe nur zu Hause die böhmische Reise ausgesprengt, eigentlich waren sie nur in Szegedin oder Klausenburg gewesen, wo der Knabe Georg eben studierte.

Ach, der Ränkeschmied Paul Gregorics! Wie hat er seine armen Verwandten angeführt!

Jetzt war es nicht mehr schwer zu erraten, was der alte Missethäter im Schilde geführt (aber selbst die Erde wird seine Gebeine auswerfen), weshalb er insgeheim seine sämtlichen Liegenschaften zu Geld gemacht hatte. Es ist klar, daß er den Preis des Wiener Hauses und des Landgutes dem Fratzen hatte zukommen lassen wollen.

Aber hatte er ihm das Geld auch faktisch übergeben? Er konnte doch wohl einem Gelbschnabel nicht Hunderttausende anvertraut haben. Wo aber hatte er es dann deponiert? wem übergeben? Das war das große Rätsel, dem die Gregorics' nachspürten. Der Notar, der zuletzt mit dem Verstorbenen gesprochen, behauptete, daß derselbe vor ihm nicht mit einer Silbe des Geldes Erwähnung gethan, Ancsura schwor auf Himmel und Erde, sie besitze keinen Heller, und war selbst erbittert, daß er sie mit leerer Hand zurückgelassen. Sie kann dem Gottseligen wahrlich nichts Gutes nachsagen. Er hat den armen Jungen unglücklich gemacht, indem er ihm alles freigebig gewährte, so lange er gelebt, und jetzt plötzlich versiegt die Quelle des Wohlstandes; aus dem jungen Herrn, dem man einen Mentor gehalten, wird ein stundengebender Student, wenn es überhaupt dazu kommt, denn es ist nicht sicher, ob sie fähig sein wird, ihn aus dem Einkommen des Hauses auf die Universität zu schicken.

»Ei nun,« meinte Sztolarik, »wenn es seine Absicht gewesen wäre, dem Knaben all sein Geld zu geben, hätte er es ihm doch ganz offen schenken dürfen, die Herren hätten nichts dagegen thun können. Ist es so oder nicht?«

Das war freilich wahr, und eben deshalb erschien die ganze Sache unerklärlich, rätselhaft. Das Wiener Haus hatte Gregorics für hundertachtzigtausend Gulden verkauft, das Privorecer Landgut für fünfundsiebzigtausend, was zusammen eine Viertelmillion beträgt. Herrgott, wo kann er die ungeheuere Summe hingethan haben? Wenn er sie zu Gold eingelöst, eingeschmolzen und seitdem mit Löffeln gegessen hätte, könnte er es doch nicht vergeudet haben. Doch Gregorics war sparsam, das Geld muß demnach irgendwo vorhanden sein. Jedoch wo? Man konnte verrückt werden über dieses Nachgrübeln.

Es schien zwar nicht wahrscheinlich, daß sich das Geld bei Ancsura oder dem Knaben befinde, oder bei Sztolarik, der Vormund des Georg Wibra geworden; jedoch die Brüder Gregorics entsagten dieser Möglichkeit nicht und mieteten Spione, die insgeheim auf die Ancsura acht haben und ihnen jedes fallengelassene Wort hinterbringen sollten, sowie sie auch in Pest einen geschickten Burschen fanden, welcher als Jurist dorthin geraten war, der mit Georg mittlerweile Freundschaft schloß und aus seiner Lebensweise und seinen Worten den wahren Thatbestand ableiten sollte.

Georg jedoch lebte ärmlich, hörte fleißig die Universitätsvorträge, wohnte in den »Sieben Eulen« und speiste in einem kleinen, billigen Wirtshause in der Malergasse, welches die Aufschrift »Zum ersten April« führte. Dieses kleine Gasthaus mit seinem Juristenpublikum war eine jener Specialitäten, welche das moderne Leben mit der ihm eigenen Gefräßigkeit verschlingt. Auf seine Speisekarte war ein wohlbeleibter Herr gemalt, der sich auf der Gasse mit einer magern Gestalt in ein Gespräch einläßt, und darunter stand folgender Dialog:

Herr Dünn: »Wo speisen Sie eigentlich, Herr Vetter, daß Sie so prächtig aussehen?«

Herr Dick: »Nun, hier im »Ersten April.«

Herr Dünn: »Ei, dann gehe ich auch dorthin!«

Nichtsdestoweniger wurde im »Ersten April« schlecht gekocht, und vielleicht war die Aufschrift »Zum ersten April« eben durch diesen Aufsitzer motiviert. Ja, die alten Wirte waren aufrichtig; sogar wenn sie logen, thaten sie dies auf eine so unschuldige Art, daß jeder den Betrug bemerken konnte.

Über Georgs tägliches Leben gelangten förmliche Bulletins an Herrn Kaspar: er frühstückt in einem Kaffeeschank, vormittags befindet er sich bei den Vorlesungen, zu Mittag speist er im »Ersten April,« in den Nachmittagsstunden kritzelt er in einer Advokaturskanzlei, des Abends genießt er ein Stückchen Speck oder Käse, das er beim Krämer kauft; dann studiert er bis nach Mitternacht. Jedermann liebt und rühmt ihn, er wird ein trefflicher Mann werden.

Der schlaue Kaspar Gregorics wünschte beinahe, die Viertelmillion möge sich bei Georg befinden, und derselbe möge mit der Zeit seine Tochter Minka heiraten, die sich gerade zur Knospe zu entwickeln begann – sie konnte ungefähr elf Jahre zählen.

Es war eine dumme Voraussetzung, daß sich das Geld bei Ancsura befinden könnte, es hätte sich doch in irgend etwas bei dem Knaben bemerkbar machen müssen. Ancsura vermietete das geerbte Haus, und aus dieser Miete schickte Herr Sztolarik Georg monatlich dreißig Gulden.

Die Geschwister Gregorics teilten unter sich die von den Frauen zurückgewiesenen achtzehntausend Gulden und die paar hundert, die aus der Versteigerung von Paul Gregorics' Möbeln und anderen beweglichen Gütern eingeflossen waren, doch vom übrigen Vermögen blieb jede Spur verloren. Die ganze Stadt zerbrach sich darüber den Kopf, und die Leute erdachten verschiedenen Unsinn. Sie erzählten sich, der Alte habe das Geld dem Klapka hingeschickt, und ihr werdet schon sehen – eines Tages bringt es Klapka in Gestalt von Bajonetten zurück. Sie plapperten auch solches Zeug: Paul Gregorics hätte irgendwo in den Lopataer Waldungen ein Feenschloß besessen, in dem er ein schönes Weib hütete. Und wenn auch er nicht imstande gewesen wäre, sein Vermögen zu Gold eingeschmolzen mit dem Eßlöffel aufzuessen, so könne es ein schönes Weib wahrlich sogar mit einem Kaffeelöffel in kurzer Zeit ausnippen.

Aber aus all dem Gerede zog eine Thatsache die Aufmerksamkeit der Verwandten auf sich, nämlich diejenige, die vom Klempner kam, daß Paul Gregorics den Tag vor seinem Tode einen großen Kessel bei ihm kaufen ließ und diesen nicht bezahlte, weshalb er sich mit der Rechnung bei Herrn Kaspar einstellte.

Kaspar schlug sich an die Stirne. Tausend Donner, dieser Kessel war im Nachlaß nicht vorhanden.

Er durchsah das Versteigerungsprotokoll, wo die verkauften Gegenstände verzeichnet waren, aber kein Kessel befand sich unter denselben.

»Ich bin auf der Spur,« grinste Kaspar Gregorics. »Den Kessel hat mein vielgeliebtes Brüderchen nicht umsonst kaufen lassen. Wozu hatte er ihn also kaufen lassen? Um etwas hineinzulegen. Und dieses ›Etwas‹ ist das, was wir suchen.«

Er teilte seinen Verdacht Balthasar mit, Balthasar jauchzte vor Freude: »Dies ist Gottes Finger, Bruder! Jetzt glaube ich schon selbst, daß wir den Schatz finden werden. Paul hat den Kessel irgendwo vergraben, damit er uns das Geld entziehe, und es wäre ihm auch gelungen, wenn er nicht die Dummheit begangen hätte, den Preis des Kessels schuldig zu bleiben. Aber das ist ja eben das Glück bei solchen Dingen, daß der Missethäter irgendwo immer einen Fehler begeht.«

Der Klempner erinnerte sich, daß der Diener Matykó den Kessel ausgesucht und davongetragen hatte; Kaspar Gregorics lud deshalb eines Tages den Matykó ein, bewirtete ihn, gab ihm gut zu essen und zu trinken, fragte ihn über die letzten Tage des Verstorbenen freundlich aus und flocht den Kessel, dessen Preis jetzt der Klempner forderte, listig in das Gespräch ein.

»Nun, wie steht die Sache mit dem Kessel, mein Sohn Matykó? Sollte ihn wirklich dein Herr bestellt haben? Das ist beinahe unglaublich! Wozu hätte er ihn brauchen können? Ich fürchte, Matyko, du selbst hast einen Streich auf die Rechnung deines Herrn verübt.«

Eben nur das fehlte noch dem frommen Matykó, daß man seiner Ehre nahetrat, damit ward seine Zunge gelöst wie diejenige eines Stares. Er erzählte der Reihe nach alles, um seine Makellosigkeit zu beweisen; sein Herr habe ihm einen Tag vor seinem Tode befohlen: »Verschaffe mir schnell einen Kessel und zwei Maurer.« Er schaffte das Verlangte auch sogleich herbei. Dies geschah so gegen Abend. Den Kessel trug er in das Schlafzimmer seines Herrn, und zur selben Zeit ließ er auch die zwei Maurer hinein. Auch die zwei Maurer hatten den Kessel gesehen und können es bezeugen.«

»Ei nun,« sagte Herr Kasper heiter, »du bist ein glücklicher Mensch, Matykó. Wenn du Zeugen aufstellen kannst, dann ist ja alles gut, dann steht deine Ehre so rein da, wie frisch gemolkene Milch. Ich selbst ziehe meine Worte zurück. Ei, mein Söhnchen, es ist mir viel wert, daß du dich so schön aus der Affaire gezogen hast. Nun so trinke noch ein Gläschen von diesem Rotwein und sei nicht böse wegen meines unüberlegten Redens, denn siehst du, der Verdacht war begründet; den Kessel haben wir nirgends unter den Sachen gefunden und der Klempner fordert nichtsdestoweniger den Preis mit der Bemerkung, du habest den Kessel fortgetragen. Aber wo kann er denn nur eigentlich hingekommen sein?«

Matykó zuckte die Achseln.

»Das weiß Gott.«

»Und du hättest ihn seitdem nicht mehr gesehen?«

»Nein.«

»Und was ist aus den Maurern geworden? Was haben die Maurer gethan?«

»Ich weiß es nicht.«

Kaspar Gregorics lachte dem Matykó höhnisch in die Augen.

»Du bist ganz so wie der weiß nicht Hans' im Märchen, der sagte auch auf alles ›ich weiß es nicht‹ Natürlich weißt du auch von den zwei Zeugen nichts, die deine Unschuld in der Kesselangelegenhett beweisen sollen. Ja, mein Freund, dann bleibst du auch drin in der Sauce.«

»Aber ich kenne ja den einen!«

»Wie heißt er?«

»Ja, wenn ich seinen Namen wüßte!«

»Was kennst du denn an ihm?«

»Drei Härchen sind auf seiner Nase.«

»Unsinn! Und wenn er seitdem die drei Härchen abgeschnitten hat?«

»Auch dann erkenne ich seine Physiognomie, er sieht aus wie eine Eule.«

»Und wo hast du die zwei Maurer aufgelesen?«

»Sie haben die Mauern des Münsters ausgebessert, von dort habe ich sie gerufen.«

Kaspar Gregorics entnahm dem Kopfe des Matykó alles, was er darin wertvolles fand, und nun brannte ihm die Erde schon unter den Sohlen; er machte sich in aller Eile auf die Beine, um den Maurer in der ganzen Stadt zu suchen, der drei Härchen auf der Nase hatte.

Es war nicht schwer, über ihn Auskunft zu erhalten. Im ersten Maurerkreise antworteten ihm sofort drei, als er sich nach den drei Härchen erkundigte.

»Das kann nur der Andreas Prepelicza sein. Er ist es, dessen Schnurrbart sich den merkwürdigen Spaß erlaubt hat, auf seine Nasenspitze hinaufzuspazieren.«

Jetzt war es nur noch ein Kinderspiel, Prepelicza aufzufinden, jeder Maurer und jedes ziegelreichende Kind wußte es, daß er in der Stadt Pest baute. Irgendwo auf der Kerepeser Straße arbeitete er an einem großen Hause.

Herr Kaspar scheute wahrlich die Mühe nicht, sich sofort auf einen Wagen zu setzen, ohne Unterbrechung in die Hauptstadt zu fahren und dort Prepelicza unter den Slowaken aufzusuchen.

Derselbe ließ sich eben auf einem Aufzug in den dritten Stock hinaufziehen, als er ihn auffand. Dem Gregorics ward ganz kalt vor Schrecken. Herr Gott, wenn jetzt dieser Aufzug reißen würde!

»Holla, Prepelicza!« schrie er ihm nach. »Bleibt stehen! Eben Euch suche ich. Wir haben etwas miteinander zu reden.«

»Gut, gut,« antwortete der Maurer gleichmütig, den Ankömmling auf der Höhe betrachtend, »kommen Sie herauf, wenn Sie was zu reden haben.«

»Kommt herunter, die Sache ist dringend.«

»Schreien Sie herauf, ich höre es so auch.«

»Das kann nicht sein, wir müssen um jeden Preis unter vier Augen miteinander reden.«

»Ist es etwas Gutes oder Schlechtes?« frug neugierig Prepelicza aus der Höhe.

»Etwas sehr Gutes.«

»Für mich gut?«

»Für Euch gut.«

»Nun, wenn es für mich gut ist, wird es auch am Abend gut sein, warten Sie damit bis zum Abend, dann komme ich hinunter, denn jetzt arbeite ich am obersten Fenster.«

»Seid vernünftig. Kommt sogleich herab, Prepelicza. Es wird Euch nicht gereuen.«

»Ei, ich weiß ja gar nicht, wer der Herr ist.«

»Nun, so werde ich es Euch gleich zu wissen thun.«

Und mit dem nächsten Aufzug schickte er dem Prepelicza eine knisternde Zehnguldennote in die Höhe. Einen Gulden erhielt derjenige, der sie hinauftrug.

Nach Empfang dieser Visitenkarte warf Prepelicza sofort den Hammer und die Kelle auf das Gerüst hin und ließ sich mit dem nächsten Aufzug zur Mutter Erde hinab, wo auch seit Moses und Christus noch fortwährend Wunder geschehen.

»Was befehlen Sie, Euer Gnaden?«

»Folgen Sie mir.«

»Bis in die Hölle hinein, Euer Gnaden.«

»Soweit gehen wir nicht,« sagte Kaspar Gregorics lächelnd.

Und wirklich führte er ihn nur in das Wirtshaus zum »Hahn,« wo er Wein bringen ließ und unter freundschaftlichem Anstoßen folgendermaßen zu ihm sprach: »Könnt Ihr reden, Prepelicza?«

Prepelicza überlegte, wovon eigentlich die Rede sein könne, sah lange und spähend in die kleinen stahlgrauen Augen des unbekannten Mannes, dann antwortete er vorsichtig: »Reden kann auch der Star, mein Herr.«

»Ich bin aus Neusohl.«

»Ei nun, dort wohnen brave Menschen. Wahrhaftig, mir kommt es vor, als hätte ich Euer Gnaden schon wo gesehen.«

»Das war' gewiß mein Bruder, den Ihr gesehen,« unterbrach ihn Gregorics schlau, »wißt Ihr, bei dem die geheimnisvolle Angelegenheit mit dem Kessel sich zutrug.«

»Mit dem Kessel! (Prepelicza ließ vor lauter Verwunderung den Mund offen.) Das war Ihr Bruder? So, jetzt verstehe ich. Das heißt ... (er kratzte sich verwirrt am Ohr), von welchem Kessel ist die Rede? Herr Gott, wenn ich jeden Kessel und jede Pfanne im Gedächtnis behalten möchte, die ich in meinem Leben gesehen.«

Gregorics war auf eine kleine Verstellung vorbereitet. Er beachtete sie deshalb gar nicht und bot dem Prepelicza eine Cigarre an, die dieser erst befeuchtete, damit sie langsamer brennen sollte; dann zündete er sie an und trommelte mit seinem großen eckigen Maurerbleistift gleichmütig aus den Tisch, wie ein Mensch, der zufällig darauf kommt, daß er etwas zu verkaufen hat, und fühlt, daß der richtige Käufer dafür da ist. Jetzt nur noch Phlegma, viel Phlegma, und der Preis der Ware wächst fabelhaft.

Sein Herz klopfte laut. Der weiße Hahn, der in einem Rahmen über dem grüngestrichenen Weintisch an der Wand hing, schien vor seinen flimmernden Augen lebendig zu werden und ab und zu seinen Ruf in das Gespräch hinein ertönen zu lassen: »Guten Tag, Andreas Prepelicza. Kikiriki! Du hast das Glück aufgefunden, Andreas Prepelicza!«

»Wie, Ihr wollt sagen, daß Ihr Euch an den Kessel nicht mehr erinnert, Prepelicza? Ei, ei, für einen so dummen Menschen haltet Ihr mich? Schau' ich denn so aus? Übrigens thut Ihr wohl daran, Prepelicza, ganz wohl. Ich würde vielleicht ebenso handeln. Aber nicht wahr, der Wein ist nicht schlecht? Er hat einen Faßgeruch? Ei, Potztausend, er kann doch keinen Bettgeruch haben. Bringe noch eine Flasche, Bursche, dann scher' dich zum Teufel, laß uns allein. Nun ja, wo sind wir geblieben? Richtig! Ihr habt vorhin gesagt, auch der Star könne reden. Es war ein kluges Wort, eine wahre Rede. Ihr seid ein vernünftiger Mann, Prepelicza. Ich sehe aus allem, daß ich auf meinen Mann gestoßen bin, und das liebe ich. Wir werden uns rasch verstehen. Nun ja, auch der Star kann reden, so habt Ihr es gemeint, aber nur, wenn man ihm die Zunge löst. Nun also, habt Ihr es nicht so gemeint?«

»Hm,« sagte der Maurer, und die drei Härchen auf seiner Nase bewegten sich, als er durch dieselbe einen tiefen Atemzug that.

»Ich weiß auch,« fuhr Kaspar Gregorys fort, »daß man die Zunge des Stares mit einem Messer zu lösen pflegt. Aber da Ihr kein Star seid, Prepelicza ...«

»Nein, nein,« stotterte Prepelicza verschämt.

»So löse ich anstatt mit dem Messer mit diesen zwei Banknoten Eure Zunge.« Und mit diesen Worten zog er zwei Hunderter aus seiner Brieftasche hervor und legte sie vor sich auf den Tisch hin.

Die Augen des Maurers hasteten gierig auf den zwei Papierstücken voll Wunderreiz, an den zwei nackten Jungen am Rande, von denen der eine eine Weizengarbe, der andere ein Buch in der Hand hält. Die Augen fielen dem Prepelicza beinahe aus dem Kopfe vor lauter Schauen, aber er bemeisterte sich und sprach mit heiserer, dumpfer Stimme: »Der Kessel war sehr schwer ... furchtbar schwer war der Kessel.«

Es fiel ihm nichts anderes ein, trotzdem er nach Worten suchte, während er immerfort die Banknoten betrachtete und diese lieben Kinderchen auf den Banknoten. Er hat auch sechs Stück zu Hause, aber die sind nicht so lieb.

»Nun, was giebt's, Prepelicza?« fragte Gregorics verwundert. »Ihr schweigt noch immer?«

»Ein großer Stein möchte auf mein Gewissen fallen, wenn ich reden würde,« seufzte der Maurer, »ein sehr großer Stein. Vielleicht würde ich es gar nicht ertragen können.«

»Unsinn! Redet keine Albernheiten. Stein ist Stein. Euer ganzes Leben lang arbeitet Ihr mit Steinen, und jetzt fangt Ihr an zu jammern, daß ein Stein Eure Seele bedrücken wird. Nun, so schleppt ihn! Ihr verlangt doch wohl nicht, daß ich Euch zweihundert Gulden gebe und anstatt eines Steines ein warmes Brot auf die Seele lege? Seid kein Kind, Prepelicza!«

Prepelicza lächelte hierauf, streckte jedoch demonstrativ seine schmutzigen roten Hände nach rückwärts, als Zeichen, daß er das Geld nicht berühren wolle.

»Ist es Euch vielleicht zu wenig?«

Er antwortete nicht eine Silbe, starrte vor sich hin und zerzauste sich das Haar: er sah so einem kranken Kakadu ähnlich. Nach einer Weile leerte er sein Glas bis zum Grunde und stellte es so energisch auf den Tisch, daß der Fuß sogleich abbrach.

»Eine Niederträchtigkeit!« rief er erbittert aus. »Die Ehre eines armen Mannes ist zweihundert Gulden wert. Und Gott hat uns doch gleich erschaffen. Mir hat er dieselbe Ehre gegeben wie dem Bischof oder dem Baron von Radvany. Aber der Herr taxiert die meinige doch nur auf zweihundert Gulden. Schande und Spott.«

Auf diesen Trumpf spielte Gregorics seinen Trumpf aus.

»Nun gut, Prepelicza. Deshalb müßt Ihr ja noch nicht gleich böse sein. Wenn Eure Ehre so teuer ist, werde ich eine wohlfeilere suchen. (Und damit steckte er die beiden Hunderter in seine Hosentasche zurück.) Ich werde Euern Kameraden, den andern Maurer, aufsuchen.«

Er nahm sein Taschenmesser heraus und klingelte damit an die Flasche.

»Zahlen!«

Prepelicza lachte auf.

»Nun, nun! Soll denn ein armer Mensch schon gar nicht einmal mehr reden dürfen? Freilich werden Sie den andern aufsuchen. Und der ist kein so ehrlicher Mensch wie ich. Freilich, freilich. (Verdrießlich kratzte er sich das Genick, welches ein böses Geschwür verunstaltete.) Gut denn ... Legen Euer Gnaden noch einen Fünfziger dazu, und ich erzähle alles.«

»In Gottes Namen! Wir sind handelseinig.«

Prepelicza erzählte nun ausführlich die Begebenheiten jener Nacht, wie sie den Kessel durch den Garten in ein kleines Häuschen getragen hatten.

»In den Libanon,« lispelte Herr Kaspar voll Wonne, und sogar sein Schopf triefte vor Schweiß. »In das Häuschen des Fratzen.«

Er erzählte alles, wie er eines Abends mit seinem Gefährten hingekommen, wie sie den Kessel in das kleine Haus getragen, wie Paul Gregorics dort Wache gestanden, bis sie den Kessel in die Zwischenwand eingemauert hatten. Herr Kaspar stellte inzwischen erregte Fragen an ihn.

»War der Kessel schwer?«

»Furchtbar schwer.«

»Hat es niemand gesehen, als Ihr ihn durch den Hof getragen?«

»Nicht eine Seele. Jeder schlief im Hause.«

Er verschlang mit Genuß jedes Wort des Maurers, seine Lunge erweiterte sich, seine Augen blitzten, seine Gedanken schweiften in die Zukunft voraus, wo er sich als reichen Mann, als den Herrn unermeßlicher Schätze sah – vielleicht kann er noch einmal sogar die Baronie kaufen. Baron Kaspar Gregorics! hm, das klingt gar nicht übel. Und die Minka wird Baronesse. Der Esel, der Paul, wußte sein Vermögen nicht zu genießen. Er mußte viel Geld angehäuft haben, sehr viel. Er war doch so sparsam.

»Was hat Euch mein Bruder gegeben?«

»Je fünfzig Gulden.«

»Ganz recht, sehr recht.«

Ein Stein ist ihm beinahe vom Herzen gefallen, daß Paul ihnen nur je fünfzig Gulden gegeben hat. Er hatte zu fürchten begonnen, sein Bruder könnte ihnen auch Tausende für das Schweigen hingeworfen haben. Es hätte ihn gekränkt –, das wäre doch jetzt sein Schaden gewesen, denn der Libanon mußte ihm angehören, er mußte sein Eigentum werden, um jeden Preis, samt Kessel und allem. Gleich morgen wird er ihn vom Vormunde kaufen. Und er schwelgte im voraus in dem Gedanken, wie Balthasar und Frau Panyoki von ihm angeführt werden würden.

So rasch als möglich erschien er wieder in Neusohl und stieg gar nicht vor seinem Hause ab, sondern fuhr geradeswegs zu Sztolarik mit dem Antrag, er wäre geneigt, den Libanon zu kaufen.

So nannte man die Kurie des verstorbenen Geistlichen, welche Paul Gregorics der Witwe des Pfarrers für Georg Wibra abgekauft hatte. Der gottselige ehrwürdige Herr konnte keine einzige Rede von der Kanzel herabhalten, ohne darin die Cedern des Libanon zu erwähnen, und als er das kleine Ackerstück sich einwirtschaftete, versuchte er auch im Garten zwischen den Apfelbäumen Cedern zu ziehen; jedoch der zahme Boden von Neusohl widersetzte sich, erstickte sie, gab ihnen keine Nahrung, und die gottlosen Neusohler benannten das liebe kleine Gut aus lauter Spott den Libanon. Herr Sztolarik zeigte nicht das geringste Erstaunen.

»Den Libanon wollen Sie kaufen? Ein hübscher Obstgarten und trägt schön ein. Auch heuer hat ein vornehmer Wiener Hotelier die sämtlichen Äpfel angekauft, Sie würden staunen, zu welchem Preis. Aber wie kommen Sie darauf, den Libanon zu kaufen?«

»Ich habe die Absicht, dort ein Haus zu bauen, ein größeres Haus.«

»Hm, diese Art von Verkauf hat immer seine Schwierigkeiten,« sagte Sztolarik kalt, »der Eigentümer ist minderjährig und die Sache mit viel Geschreibsel an den Waisenrat verbunden. Ich lasse die Dinge lieber so, wie sie sind. Heute oder morgen ist der Junge fertig, großjährig, dann soll er mit seinen sieben Zwetschken machen, was er kann. Er könnte mir noch Vorwürfe machen. Nein, nein, Herr Gregorics, ich lasse mich in diese Angelegenheit nicht ein. Für den Jungen besitzt am Ende diese kleine Hütte mit den zwei Joch den praetium affectonis, dort hat er gespielt, dort seine Kinderjahre verbracht.«

»Doch wenn ich es sehr gut bezahle!« warf Herr Gregorics aufgeregt ein.

Herr Sztolarik wurde neugierig.

»Was nennen Sie gut? Was beabsichtigen Sie dafür zu geben?«

»Nun, ich gebe dafür –« und da befiel ihn plötzlich ein erstickender Husten, er wurde rot wie Purpur – »ich gebe fünfzehntausend Gulden.«

»Hm, das ist eine nette Summe. Paul Gregorics hat es für fünftausend Gulden von der Pfarrerswitwe erstanden. Der Grund beträgt zwei Joch und liegt ziemlich außerhalb des Marktes, der Klafter ist kaum mehr wert als drei Gulden. Den Wert des Häuschens können wir auf zweitausend festsetzen, aber das ist schon das Maximum –, Utcumque –, sagte Sztolarik laut, »das Anerbieten ist nicht ungünstig. Im Gegenteil ... Also, wissen Sie was, Herr Gregorics,« setzte er mit plötzlichem Entschluß hinzu, »ich gehe auf die Sache ein im Interesse des Jungen, doch vorerst will ich ihm noch schreiben und auch mit seiner Mutter reden.«

»Doch mir ist die Sache dringend.«

»So schreibe ich dem Jungen noch heute.«

Herr Gregorics wollte die Angelegenheit nicht weiter forcieren, um keinen Verdacht zu erwecken. Er ging nach Hause, und den dritten Tag schickte er Herrn Sztolarik ein kleines Fäßchen Tokaier von den Weinen des Paul Gregorics, in die sich die Geschwister geteilt hatten, und ließ gleichzeitig fragen, ob noch keine Antwort von Budapest gekommen sei.

Herr Sztolarik ließ sagen, er erwarte die Antwort stündlich und danke für die wertvolle Sendung; er sagte auch dem Kellermeister des Herrn Gregorics, der den Wein hingetragen hatte, er hoffe, alles werde glatt ablaufen. Ob der Wein glatt ablaufen werde oder etwas anderes, das wußte der Kellermeister nicht.

Kaum war der Kellermeister fortgegangen, so kam der Brief an (Georg willigte in den Verkauf ein); Sztolarik wollte eben seinen Adjunkten mit der Nachricht zu Kaspar schicken, als sich die Kanzleithür öffnete und der beliebte Balthasar Gregorics eintrat, schnaufend wie eine übermästete Gans; man sah ihm an, daß er eilig gekommen war.

»Belieben Platz zu nehmen, Herr Gregorics. Was haben Sie uns Gutes gebracht?«

»Viel, viel Banknötchen habe ich gebracht!« keuchte er, nicht einmal verschnaufend.

»Nun, das können wir eben brauchen.«

»Ich will das kleine Gütchen des Waisenkindchens kaufen, den Libanon.«

Herr Balthasar war bekannt wegen seiner honigsüßen Redeweise.

»Den Libanon?« rief Herr Sztolarik erstaunt und brummte das weitere in sich: »Was zum Teufel ist in diese gefahren?« Dann antwortete er laut: »Vielleicht für Ihren Bruder?«

»Nein, nein, ich kaufe es für mich. Es ist ein sehr gut gelegenes Gütchen, hübsch, angenehm, und diese herrliche Aussicht, diese prächtigen Apfelbäumchen.«

»Sehr sonderbar –, wahrlich sonderbar.«

»Warum sollte es denn so sonderbar sein?« fragte Herr Balthasar betroffen.

»Weil eben jetzt ein anderer Käufer dafür da ist.«

»Ach Pappenstiel! Wir überlassen es ihm nicht. Die Verwandten stehen doch näher. Und dann gebe ich auch mehr dafür als der andere ...«

»Das glaube ich schwerlich,« meinte der Vormund, »der bisherige Käufer bietet fünfzehntausend Gulden.«

Balthasar verzog nicht einmal die Augenbrauen.

»Es thut nichts. Ich gebe zwanzigtausend dafür.«

Erst später fiel es ihm ein, daß es freilich nicht einmal fünfzehntausend wert ist, und er wandte sich mit unruhiger Neugierde an den Vormund.

»Er bietet fünfzehntausend Gulden? Wer kann der verrückte Kerl sein?«

»Nun, das ist niemand anders, als der Bruder des Herrn Gregorics, der Kaspar.«

Als ob man einen Stier mit der Fleischeraxt auf die Stirn geschlagen hätte, so wankte Herr Balthasar bei diesem Namen und sank totenbleich auf einen Stuhl.

Seine Lippen bewegten sich, doch kein Ton wurde hörbar, Sztolarik glaubte, ein Schlaganfall habe den alten Herrn getroffen, und er rannte, angstvoll um Hilfe rufend, hinaus, um Wasser zu holen. Doch als er mit der Köchin zurückkehrte, die in ihrem Schrecken auch den Nudelteig mit hineinbrachte, war Herr Balthasar schon zu sich gekommen und begann sich zu entschuldigen.

»Ein Schwindel hat mich erfaßt, ich habe oft solche Anfälle, ich bin schon alt, und der menschliche Organismus ist unvollkommen ... Übrigens kehren wir zu unserm Gegenstand zurück, nun jawohl, ich will zwanzigtausend Gulden für den Libanon geben und kann sie auch jetzt gleich auszahlen.«

Sztolarik dachte nach.

»Ja, das geht nicht so rasch. Erst ist die Einwilligung des Waisenrates nötig. Heute noch werde ich den vormundschaftlichen Bericht unterbreiten.«

Er unterbreitete ihn auch noch an demselben Tage (sein Mündel macht ja einen wahren Treffer) und dachte unterdessen fortwährend nach, weshalb eigentlich die Brüder Gregorics sich um den Libanon rissen. Es muß seine Ursache haben. Wer weiß, ob in dem Schoße des Libanon nicht eine Goldader steckt. Am Ende ist dies nicht unmöglich. Die Könige aus dem Arpádhaus haben ja auch zuerst hier herumgewühlt und nicht in Schemnitz.

Er beschloß auch, gleich morgen seinen Verdacht dem pensionierten Bergingenieur Stephan Drotler mitzuteilen; der ist ein so großer Gelehrter, daß er, sobald er seinen Bohrer in die Erde versenkt, ohne Zweifel sofort im reinen darüber ist, was in ihr steckt.

Doch bevor er noch den Ingenieur aufsuchen konnte, kam Kaspar Gregorics den nächsten Tag, um sich zu erkundigen, ob schon der Brief angekommen sei. Sztolarik geriet einigermaßen in Verlegenheit.

»Der Brief ist angekommen ... ja, ja, der Brief ist angekommen, aber auch etwas anderes hat sich zugetragen. Ein neuer Käufer hat sich gefunden, der zwanzigtausend Gulden für den Libanon verspricht.«

Das war ein förmlicher Blitzschlag für Herrn Kaspar.

»Unmöglich,« stotterte er, »doch wohl nicht der Balthasar?«

»Ja eben der Balthasar.«

Kaspar Gregorics kam in Wut, fluchte wie ein Kutscher, seine Lippen zitterten vor Erregung, und mit seinem Stocke herumfuchtelnd (denn das Gespräch trug sich auf dem Gange zu), schlug er einen Blumentopf der gnädigen Frau von Sztolarik herab, in dem ein selten schönes Hyazinthenexemplar prankte.

»Ah, der Spitzbube ... der Spitzbube.« zischte er zwischen den Zähnen. Und dann stierte er beinahe eine Viertelstunde lang vor sich hin in die Luft, während er kaum hörbar grübelte: »Wie konnte er es erfahren haben? Unbegreiflich!«

Und doch war die Sache sehr einfach. Der fromme Prepelicza erfuhr sehr leicht von den nach Neusohl zuständigen Arbeitern, daß noch mehr Geschwister des Paul Gregorics, bei dem sie den Kessel vermauert hatten, am Leben seien. Wenn nun das Geheimnis für den einen zweihundertfünfzig Gulden wert war, wird wahrscheinlich der andere auch etwas dafür geben; infolgedessen setzte sich Michael Prepelicza auf die Eisenbahn, um Herrn Balthasar in Neusohl aufzusuchen. Darin liegt durchaus nichts Unbegreifliches, außer man hält es für unbegreiflich, daß Michael Prepelicza kein dummer Mensch ist.

»O der Spitzbube, der Spitzbube,« wiederholte er immer leidenschaftlicher. »Es soll ihm nicht gehören, nun gerade nicht. Ich kaufe den Libanon. Ich gebe fünfundzwanzigtausend Gulden für den Libanon.«

Herr Sztolarik lächelte, verbeugte sich und rieb sich die Hände.

»Wer mehr giebt, dem wird es gehören. Wenn es mein Besitz wäre, würde ich bei den fünfzehntausend Gulden von neulich bleiben. Das Wort eines Mannes ist fest wie Eisen. Doch das Gut gehört einem Kinde, und die Interessen eines Kindes dürfen nicht erdrückt werden, nicht einmal mit solchem Eisen ... finden Sie nicht, Herr Gregorics, daß dies ein sehr schöner Ausspruch von mir ist?«

Kaspar Gregorys sah die Schönheit des Spruches ein und nahm wieder und immer wieder dem Sztolarik das Wort ab, daß er das Gut ihm ablassen werde, und entfernte sich demnach förmlich mit Eisen beschlagen.

Doch was half ihm das? Herr Sztolarik begegnete noch denselben Abend Balthasar Gregorics im Kasino und machte durchaus kein Geheimnis daraus, daß Herr Kaspar ihn heute neuerdings aufgesucht und wieder fünftausend Gulden mehr für den Libanon geboten habe als er.

Herr Balthasar kam diesmal durchaus nicht aus der Fassung.

»So sollen es denn dreißigtausend Gulden sein.«

Dieses närrische Überbieten dauerte tagelang fort, so daß die ganze Stadt aufmerksam wurde, ob wohl die Brüder Gregorics verrückt geworden seien oder ob die Sache einen andern Haken habe.

Kaspar kam und bot zweiunddreißigtausend Gulden, dies erfuhr wieder Balthasar und überbot ihn mit dreitausend Gulden und so weiter, weiter, daß den Menschen schon die Haare gen Himmel standen bei diesem entsetzlichen Wetteifern. Der Präsident des Waisenrates verzögerte absichtlich die Verkaufslicenz: »Der Wert der Besitzung soll wachsen, er soll nur wachsen!«

Und er wuchs auch, bis zu fünfzigtausend Gulden. So viel hatte Balthasar Gregorys schon geboten und weiß Gott, wo die verrückten Brüder stehen bleiben werden. Es war dies um so befremdender, als der Bergingenieur Drotler, der infolge der aufgetauchten Umstände im Auftrage Sztolariks Bohrungen angestellt hatte, rundweg erklärte, er könne darauf schwören, daß im Schoße der Neusohler Erde keine Unze Gold sich befinde, ausgenommen vielleicht diejenige, die man in Frauenzähnen dorthin vergraben hatte.

»Aber wer weiß, ob keine Steinkohle unter dem Libanon ist?«

»Auch die ist dort nicht zu finden.«

»Dann muß jemand die Brüder Gregorics zum Narren gehalten haben.«

Gleichviel, was sie auch treibt! Das eine ist sicher, daß dem Knaben Georg ein großes Glück widerfährt, daß der Vormund ausnützen muß bis zum letzten Tropfen. Die Trauben werden auch erst dann in den Träber geworfen, wenn sie schon gar keinen Saft mehr enthalten, wer hat je gehört, daß man sie fortwirft, wenn sie noch von selbst tropfen? So ließ denn Herr Sztolarik die Brüder wetteifern. Das Manneswort ist zwar Eisen, aber vor dem Golde muß auch das Eisen die Segel streichen. Und hier wahrlich floß das Gold.

Er wartete eben darauf, wie die fünfzigtausend Gulden von Balthasar mit zweiundfünfzigtausend überboten werden würden, als plötzlich eine überraschende Wendung eintrat. Kaspar hatte einen Einfall. (Kaspar war um vieles gescheiter und schlauer als der andere Bruder.)

Dem Kaspar fiel es nämlich auf, daß sich Frau von Panyoki, seine Schwester, nicht rührte. Woher kommt das, was hat das zu bedeuten? Nun, dies ist nur so möglich, daß Frau von Panyoki nichts über die Sache weiß, und daß Michael Prepelicza ihr das Geheimnis nicht verkauft hat. Prepelicza verriet auch damit, daß er ein sehr kluger Mann sei. Denn wenn er das Geheimnis auch der Frau von Panyoki verkauft haben würde, hätte er seine Rolle endgültig ausgespielt, so jedoch, wenn die zwei Brüder sich den Inhalt des Kessels aneigneten, würden sie seine beständigen Steuerzahler bleiben, damit er der Dritten nichts sagen sollte.

Nachdem Kaspar Gregorics sich dies in seinem Geiste zurechtgelegt hatte, begann er es für einen großen Unsinn zu halten, daß sie beide der ganzen Welt zum Gelächter ihr Vermögen dem illegitimen Fratzen für den Libanon hinwarfen und damit auch den Verdacht ihrer Schwester erweckten. Das eine steht fest, welcher von ihnen auch den Libanon erkauft, so wird ihm der andere wegen des Kessels Verdruß bereiten. Wäre es nicht weit billiger und zweckmäßiger, wenn sie den Libanon gemeinsam ankauften, die schatzbergende Mauer gemeinsam abtrügen und, die Zunge des Prepelicza im Zaum haltend, ganz still die Schätze des gottseligen Paul einsteckten? Nun wahrlich, dies wäre hundertmal vernünftiger ...

Kaspar versöhnte sich also eines schönen Tages mit Balthasar, und Herr Sztolarik verwunderte sich gar sehr, als am darauffolgenden Tage Balthasar bei ihm erschien und erklärte, er nehme sein Wort in betreff des Libanon zurück, er habe sich die Sache überlegt, eins darüber geschlafen, auch seine Rechnung aufgestellt, und er sehe ein, er sei keine fünfzigtausend Gulden wert.

»Das thut nichts,« antwortete Herr Sztolarik, »Kaspar Gregorics wird es schon für achtundvierzigtausend kaufen.«

Er konnte kaum erwarten, mit ihm zusammenzutreffen, um ihn sofort zum Abschluß des Vertrages aufzufordern. Doch Herr Kaspar zuckte die Achseln.

»Es war ein Unsinn von mir,« sagte er nachlässig. »Wie ein böser Traum ist es mir aus dem Kopfe entschwunden. Ich danke Ihnen, lieber Herr Sztolarik, daß Sie mich nicht gleich bei meinem Worte genommen, aber jetzt lasse ich mich nicht mehr darauf ein. Zum Teufel, für achtundvierzigtausend Gulden läßt sich ja beinahe ein Herrensitz ankaufen.«

Der Vormund verzweifelte. Er glaubte, die Sache mit dem Anspannen der Saiten selbst verdorben zu haben, er fühlte, die ganze Stadt werde über sein ungeschicktes Verfahren lachen und Georg ihn einst mit Vorwürfen überhäufen. Er rannte deshalb zu Herrn Balthasar und bot ihm den Libanon für fünfundvierzigtausend Gulden an. Balthasar antwortete kurz, indem er sein Doppelkinn kratzte: »Hält mich denn der Herr für einen Narren?«

Von Balthasar rannte er atemlos zu Kaspar: »Nun meinetwegen behalten Sie den Libanon für vierzig.«

Kaspar schüttelte gelassen den Kopf.

»Ich habe doch keinen Stechapfel gegessen.«

Und jetzt begann die Licitation von vorne, aber nun nach abwärts, er bot ihnen den Libanon für fünfunddreißig, dreißig, fünfundzwanzigtausend Gulden an, bis er ihn endlich nach langem Hin- und Herhandeln ihnen für fünfzehntausend Gulden an den Hals schwatzte. Gemeinsam kauften sie ihn an, und gemeinsam ließen sie ihn auf ihre Namen in das Grundbuch eintragen.

Denselben Tag, an dem sie von dem Vormunde den Schlüssel des Häuschens übernommen hatten, sperrten sie sich beide darin ein und trugen Hacken unter ihren Mänteln mit sich, wie das bei späteren Zeugenaussagen ans Tageslicht kam; es ist natürlich, daß sie gleich damals die den Kessel bergende Mauer demolierten, doch was sie in dem Kessel aufgefunden, das konnte nie mit Sicherheit festgestellt werden, obzwar eben das die Hauptfrage des Prozesses Gregorics bildete, der dem Neusohler königlichen Gerichtshof ein Jahrzehnt lang zu schaffen gab.

Der Prozeß begann nämlich auf folgende Art: Michael Prepelicza erschien nach ein paar Monaten bei den Brüdern Gregorics und forderte sein Teil von dem hervorgegrabenen Schatze mit der Drohung, im entgegengesetzten Falle alles der Frau Panyoki zu erzählen.

Die Brüder Gregorics gerieten in Wut, als sie ihn erblickten.

»Du hast uns betrogen, Spitzbube. Du selber warst der Spießgeselle des toten Räubers, der uns nach seinem Tode zu Gunsten seines Bastards plündern wollte. Für teures Geld wollte er uns seine Hütte anhängen. Deshalb habt Ihr altes Eisen und Nägel in den Kessel gelegt. Gut, daß du gekommen bist. Gleich wirst du dein Teil vom Schatze herausbekommen!«

Und hiermit hoben sie jeder einen Knüttel in die Höhe und piff, paff, prügelten sie den frommen Prepelicza derart, daß dieser sofort zum Arzt rannte, er möge eine Landkarte von den seinen Rücken durchschneidenden blauen Linien aufnehmen; dann lief er zum Winkeladvokaten Johann Krelics, damit er eine wunderschöne Klageschrift beim König selbst in Wien gegen die Brüder Gregorics einreiche, die sich erdreisteten, einen ausgedienten Korporal aus dem Este-Regiment so zu schänden. (Wenn sich der König nicht schämt – bemerkte Prepelicza bei dem Advokaten – ich schäme mich durchaus nicht, denn sie waren zwei gegen mich.) Als dritte Heimzahlung mietete er auf der Stelle einen Bauernwagen (denn er konnte mit seinen zerschlagenen Gliedern nicht zu Fuße wandern), ließ sich nach Barecska fahren, wo Frau Panyoki wohnte, und erzählte ihr alles ganz aufrichtig, alles vom Anfang bis zu Ende.

Daher datierte dann der Riesenprozeß Gregorics', in dem Frau Panyoki als Klägerin auftrat und ganz Oberungarn während mehr als zehn Jahren beschäftigte. Eine Legion Zeugen mußte verhört werden, und die Akten wuchsen mit der Zeit bis zu einem Gewicht von dreiundsiebzig Pfund an. Frau Panyoki wies die Existenz und das Vermauern des Kessels, sowie die böse Absicht ihrer Brüder nach (mehr konnte sie nicht erzielen), die Brüder Gregorics und ihre Advokaten diskutierten über die Betrügerei des Verstorbenen, der Nägel und altes Eisen in den Kessel gelegt, um sie zu Narren zu halten und auszuplündern.

Da der Tote weder Advokaten noch Protektion besaß, blieb endlich doch nur er in der Patsche. Es ist auch wahrscheinlich, daß er es war, der sich den bösen Scherz mit den Nägeln und dem alten Eisen erlaubt hatte; er hinterließ ihnen diese Erbschaft, indem er listig den verhängnisvollen Prozeß voraus erdachte, der erst dann sein Ende erreichte, als es schon ganz gleich war, wer ihn gewann, wer ihn verlor, da keinem von ihnen mehr etwas geblieben war: diese dreiundsiebzig Pfund Papier und fünf bis sechs Advokaten hatten ihr ganzes Vermögen verschlungen.

Die Gregorics' starben der Reihe nach alle in Armut. Auch ihr Andenken verblaßte immer mehr, nur die Advokaten erwähnten manchesmal den Paul Gregorics: »Ei, das war ein Mann von seltenem Verstande!«

Aber wo sein Vermögen hingekommen, das konnte niemand erraten. Und doch war es dagewesen, es war bedeutend gewesen, aber seine Spur verschwand, ohne daß es jemand angehört hätte.

Aber doch! Die Sagen hatten es geerbt. Die verfügten frei darüber, verminderten es, vermehrten es, thaten es her und thaten es hin, ganz nach ihrem Belieben.

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