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Doris Freiin von Spättgen: Irrlicht - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorDoris Freiin von Spättgen
titleIrrlicht
publisherVerlag von Friedrich Rothbarth
addressLeipzig
senderwww.gaga.net
created20050816
projectid75af2c58
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Graf Ignaz Sumiersky legte das unscheinbare Blatt Papier – es war ein Briefbogen schlichtester Art – auf die Schreibtischplatte nieder und sah mehrere Minuten sinnend vor sich hin.

Der Name klang nicht übel.

»Job Christoph von der Thann.«

Aber man brauchte auch kein Schriftkenner zu sein, um sofort zu erraten, daß diese Unterschrift von einem Menschen stammte, dessen Wesen und Gewohnheiten von peinlichster Ordnungsliebe und Genauigkeit als bemerkenswerteste Charakterzüge durchsetzt schienen.

In klarster Perlschrift stand jedes einzelne Wort, korrekt in Form und Ausdrucksweise, nicht zuviel, nicht zuwenig gesagt, auf dem Papier.

Der Graf lächelte überlegen. Und dennoch leuchtete etwas aus den Zeilen heraus, was zu denken gab:

Der Schreiber war mittellos, ein brotsuchender, armer Kerl, vielleicht innerlich fiebernd, angstvoll erregt, die Hand gierig ausstreckend nach dem lockenden Köder. Und doch hatte Graf Sumierskys Brief ja nur eine kurze Anfrage bezweckt, ob jener Job Christoph von der Thann, als geprüfter und sprachkundiger Bibliothekar, dessen Fachkenntnisse von bewährter Seite empfohlen worden waren, ihm, dem Besitzer von Schloß Strelnow, einen Dienst zu leisten und für mehrere Wochen daselbst Aufenthalt zu nehmen gewillt sei.

Die Antwort lautete befriedigend. Weiteres nach mündlichem Übereinkommen.

Gut also! Graf Sumiersky trommelte etwas ungeduldig auf das grüne Tuch.

Was bot man solchem Manne? Ein paar blaue Lappen, je nachdem, wenn seine Bemühungen von Erfolg gekrönt waren.

Wirklich, man ist eigentlich viel zu nachlässig und lau in bezug auf Familienpapiere und wichtige Urkunden. Den Kuckuck hatte er sich jemals um das lederne Zeug in seinem Archiv gekümmert, wo seit Jahrzehnten alles vergilbte und vermoderte. Stammbaum! Lächerlich! Er kannte seine Ahnenreihe am Schnürchen, tadellos rein, durch Generationen, war sie geblieben, sonst hätte ihm damals der alte, stolze Jankowicz seine einzige Tochter auch nicht zur Frau gegeben. Ach ja, die himmelanstürmende, schöne Jugendzeit – wie schnell schien sie doch verrauscht. In wildestem Taumel lebte man darauflos, zahlte Tribute an Gesundheit, Nerven und Geld, bis dann plötzlich die Ernüchterung kam. Ernüchterung?! Pah – wer nennt es so? Die Duckmäuser, die Leute, die alle Weisheit und Vernunft mit Löffeln gefressen haben, drum aber doch Schafsköpfe sind. Er hatte sein Leben genossen und war deshalb kein Mummelgreis, keine Ruine geworden. Ja, und wenn's Glück ihm weiter hold blieb und dieser Maulwurf Job Christoph von der Thann, der sein Dasein mehr im Düstern von Staatsarchiven und geheimnisvollen Katakomben als unter dem Sonnenglanze der Lust und des Vergnügens verbrachte, ihn dabei unterstützte, dann mußte die häßliche Sorgenwolke, die ihm das Zukunftsbild seit einigen Wochen trübte, verschwinden.

Graf Ignaz verließ den Sitz und reckte seine hohe, sehnige Gestalt, die noch eine gewisse Elastizität und Straffheit zeigte. Nur das kurzgehaltene, graumelierte Haar und unzählige Fältchen im fast lederbraunen Gesicht ließen ihn wohl älter erscheinen, als der Gothaer verriet. Auffallend waren seine von buschigen, pechschwarzen Brauen überwölbten Augen, die bei jeder Erregung, je nach Gefühlsausbrüchen, nicht nur den Ausdruck, sondern auch die Farbe zu wechseln schienen.

In seiner noch heute schmerzlich betrauerten Jugendzeit war Graf Ignaz ein gefährlicher Herzensbrecher gewesen, der auch während seines zwölfjährigen Ehestandes der früh verstorbenen Gattin manche bittere Stunde bereitet hatte.

Die gute, sanfte Raineria! Ja, ja, dachte er sinnend. Sie war schön, auffallend schön, aber oft ein wenig eng in ihren Ansichten gewesen. Mein Himmel, über die Stränge schlagen tat doch ein jeder einmal bei Gelegenheit. Vielleicht war's zu ihrem Glück, daß sie so früh vom Schauplatz irdischen Jammers abgerufen worden; sie beide hätten auf die Dauer wohl kaum mehr zueinander gepaßt!–

Langsam im Zimmer auf und nieder wandelnd, sandte der Graf die Blicke zu dem anmutigen Frauenbildnis, das über seinem Schreibtisch hing, hinauf.

Es kamen ihm heute so allerlei seltsame Gedanken, die die alten Zeiten wieder lebendig in seinem Geist auftauchen ließen.

Seine Diplomatenlaufbahn hatte ihm damals ein reizvolles Feld der Tätigkeit eröffnet. Wien, Madrid, Paris – stets ein neues Bild, und wenngleich auch Schwiegervater Jankowicz nach dem Tode der Tochter nur reichliche Erziehungsgelder für die beiden Enkelkinder zahlte, so war doch zu jener bewegten Zeit für ihn selbst ein Glücksfall eingetreten, der in feiner Eigenart ans Romantische streifte.

Ein achtzigjähriger, als halbverrückter Sonderling bekannter Sumiersky war in irgendeinem, kleinen russisch-polnischen Nest an der litauischen Grenze plötzlich gestorben. Da weder Kinder, Enkel noch Angehörige vorhanden waren, die sich um die Bestattung des Greises bekümmerten und seine anscheinend wertlose Hinterlassenschaft in Empfang genommen hätten, so waren des Alten Habseligkeiten von seiten des Gerichts versiegelt und versteigert worden. Der Erlös der schlichten Möbel sollte wenigstens die Beerdigungskosten decken. Zur allgemeinen Überraschung fanden sich jedoch im Geheimfach eines wackeligen Pultes, wohlgeordnet, goldsichere Staatspapiere und Pfandbriefe, die ein Kapital von einer viertel Million Rubel darstellten.

Als Graf Ignaz Sumiersky, der gerade auf seinem Posten als Legationsrat in Paris weilte, und dessen Adresse die Behörde jener kleinen Stadt nach vieler Mühe ausfindig gemacht hatte, diese seltsame Kunde erhielt, entsandte er postwendend ein notariell beglaubigtes Aktenstück dorthin, worin sein Verwandtschaftsgrad zu dem Verstorbenen sonnenklar zutage trat. Letzterer erwies sich als der Vetter seines eigenen Großvaters, und da die wenigen noch lebenden Sumierskys einer Nebenlinie angehörten, so schien es natürlich zweifellos, daß er, Ignaz Sumiersky, der einzige und rechtmäßige Erbe des Vermögens sei. Nach kaum drei Monaten war er auch schon in dessen Besitz.

Eine viertel Million Rubel! Graf Ignaz konnte dieses Sümmchen im Augenblick gerade gebrauchen; kostete sein Leben, seine gesellschaftliche Stellung in Paris doch Unsummen, zumal er mit Bestimmtheit darauf rechnete, den Gesandtenposten in einer Residenz zu erhalten. Da hieß es plötzlich, Graf Sumiersky wolle sich ins Privatleben und auf sein in der Provinz Posen gelegenes Gut zurückziehen.

Warum? Keiner wußte etwas Bestimmtes darüber zu sagen. Man munkelte natürlich von politischen Intrigen; einerseits habe er die Interessen seiner Landsleute zu scharf vertreten, anderseits sich Indiskretionen zuschulden kommen lassen. Einige behaupteten auch, die Millionenerbschaft sei bereits verpufft – kurz, Ignaz Sumiersky hatte es nie verstanden, sich Freunde zu erwerben, und so trauerte niemand seinem Scheiden nach.

Darüber waren nun vierzehn Jahre hingegangen, in denen der Gutsherr von Strelnow gar viel von seinen hochgeschraubten Ansprüchen und vornehmen Gewohnheiten, indes nur blutwenig von seinen schroffen, empfindsame Gemüter oft verletzenden Charaktereigenschaften abgelegt hatte. Sowohl von Polen als auch von den deutschen Nachbarn seiner scharfen Zunge und seiner krassen Ichsucht wegen tunlich gemieden, hauste er nun auf seiner Wasserburg, einem von breiten Wallgräben umgebenen, einstmals gewiß feudalen, jetzt dem sichtbaren Verfall entgegengehenden Schlosse.

Der Besitz war allerdings schön und auch gewinnbringend; da sich der Graf jedoch nicht für Landwirtschaft interessierte und die Bewirtschaftung seinen Beamten überließ, sogar über jeden braunen Lappen, der für künstlichen Dünger und sonstige Verbesserungen verausgabt werden mußte, schimpfte, so hätte Strelnow im Laufe der Jahre bei weitem höhere Erträge liefern müssen, als es geschah.

Nur zwei Dinge gab es, die für Graf Ignaz einen Reiz besaßen: das war das Spiel und sein Viererzug Trakehner Rappen.

Drinnen in der Kreisstadt, wo die Gutsherren an jedem Sonnabend zusammenkamen, wurde nach Erledigung der Geschäfte meist eine »harmlose« kleine Bank gelegt. Dann mochte wohl oft die zweite oder dritte Morgenstunde schon geschlagen haben, wenn das elegante Strelnower Viergespann im gestreckten Galopp über das holperige Straßenpflaster sauste und der offene Jagdwagen mit Graf Ignaz als leichtes Spielzeug hinterdrein flog.

Man erzählte sich, er erfreue sich eines fabelhaften Kartenglückes, und galt als der beste Quinzespieler weit und breit; von Verlusten sprach er indes niemals, und so wäre das wirkliche Ergebnis kaum festzustellen gewesen.

Im Strelnower Schloß ging seit Jahren stets alles im nämlichen Gleise und Schlendrian fort.

Einerseits nach altvornehmem Zuschnitt: abends sieben Uhr die Hauptmahlzeit, wozu der Graf im Gesellschaftsrock oder Frack, seine Tochter im Abendkleid erschien; anderseits mußte man das Innere, die Ausstattung der Gastzimmer, die Küchenräume und Dieneranzüge nicht schärfer ins Auge fassen; es fehlte ja auch überall der wachsame Blick einer leitenden Herrin. Der junge Koch lungerte meist, nachdem seine Arbeit am Herd getan, mit schmieriger weißer Jacke vor der Hintertür oder spielte Ziehharmonika, wozu die lustigen Boschas und Marinkas fröhlich tanzten, daß die bunten Röcke und seidenen Schürzen nur so flogen, als ob es auf der Welt keine andere Arbeit gäbe.

Dem Strelnower, wie Graf Ignaz im Volksmunde hieß, war das alles einerlei.

Gäste kamen höchst selten, und wenn solche erschienen, wurde von der Hausordnung nicht abgewichen. Der Tisch war immer gut und reichlich besetzt.

»Die Bande da unten« (er meinte damit die Dienerschaft) »frißt mich ja förmlich auf!« brummte er oft grollend; desungeachtet hatte die Mamsell volle Freiheit, und der Schloßherr dachte keineswegs daran, seine Tochter zu veranlassen, sich doch einmal etwas um das Hauswesen zu bekümmern.

Solche Zumutung hätte seinen Anschauungen über die Stellung einer vornehmen Frau glatt widersprochen. Vielleicht tat er auch gut daran, denn Raineria hatte keine blasse Ahnung davon, Dienstboten anzuleiten, Wirtschaftsbücher und Rechnungen in Ordnung zu halten.

Ihr ganzes Auftreten wie ihre Erscheinung kennzeichneten so vollkommen die Dame, daß sie ein derartiges Ansinnen wohl nur als Scherz belächelt hätte. Wenn sie des Abends, von ihrer Zofe tadellos frisiert und nach modernstem Schnitt gekleidet, in den Saal trat, wo Papa bereits ihrer harrte, so huschte oft ein Zug innerer Genugtuung um Graf Ignaz' Lippen, und leise lächelnd sagte er sich immer wieder: »Das Mädel hat der Mutter Schönheit, aber meinen Verstand und meine Haltung geerbt! Donnerwetter, für dies Kind muß was Rechtes herbeigeschafft werden!«

Bis zum achtzehnten Jahre war Raineria im Kloster Sacre-cœur zu Preßbaum verblieben, wo nach der Mutter Tode ihre Erziehung geleitet und vollendet wurde. Darauf hatte sie der Vater noch für einige Jahre zu den österreichischen Verwandten Jankowicz gegeben, wo eine dem Hof nahestehende Tante dem jungen Mädchen den letzten gesellschaftlichen Schliff zuteil werden und es Faschingsfreuden genießen ließ.

Nach vielem Sträuben und weidlicher Überwindung war darauf die Zweiundzwanzigjährige endlich in das ihr völlig fremd gewordene Vaterhaus heimgekehrt.

Stephan, der um zwei Jahre jüngere Bruder, hatte es aber doch endlich erreicht, der Schwester selbstherrlichen, etwas störrischen Sinn umzustimmen schien er doch der einzige Mensch, dessen Rat sie befolgte. Alle nur denkbaren Gründe wurden seinerseits vorgebracht: der Vater bedürfe einer Stütze und Aufheiterung, das Haus einer Frau, und er selbst, wenn er zu den Ferien käme, einer anregenden Gesellschaft.

Jetzt lachte Raineria oft verächtlich über Stephans Worte, und das Herz quoll ihr über in Bitterkeit und Grimm.

Gab es denn nicht Tage, an denen sie den Vater nur zu den Mahlzeiten sah? Und da war er einsilbig, mürrisch oder voller Widerspruch – die Folgen durchspielter Nächte. Nein, nach Strelnow paßte Raineria mit ihrem lebensdurstigen Herzen, mit ihrer Seele voller Hoffnungen und Träume nicht. Warum hatte das Schicksal sie zu solch trübseligem Dasein verdammt? Warum blieb sie? Pflichten? – Pah! Besaß sie nicht das Muttererbteil an Geld, das sie unabhängig machte? Aber wenn man dem Vater davon sprach, dann lächelte er so verächtlich und überlegen, und eine dicke Zornesader schwoll ihm dabei über der Stirn. Er bezahlte ihre Rechnungen, murrte auch nicht, wenn sie oft etwas höher ausfielen, doch sonst blieb sie abhängig wie ein Kind.

War dagegen Stephan in Strelnow, wie gerade jetzt zu den Osterferien, dann hatte das Leben für Raineria wohl einen gewissen Reiz.

Die Geschwister machten weite Spaziergänge miteinander, spielten Tennis oder fuhren in die Nachbarschaft. Allein, mit Bangigkeit sah sie seinem baldigen Scheiden und der dann wieder gähnenden Einsamkeit entgegen.

* * *

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