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Salomon Geßner: Evander und Alcimna - Kapitel 3
Quellenangabe
typedrama
booktitleSchriften IV. Theil
authorSalomon Geßner
firstpub1762
year1976
noteFaksimile-Druck der Ausgabe von 1762
publisherGeorg Olms Verlag
addressHildesheim - New York
isbn3-487-06005-1
titleEvander und Alcimna
pages3-93
created20060226
sendergerd.bouillon
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Zweyter Aufzug.

Erster Auftritt.

In der Entfernung sieht man Zelten unter den Bæumen.

Pyrhus, Arates.

Pyrhus. Wie sehr bin ich ungedultig, meinen Sohn zu sehen. Die Jahre der Gefahr sind nun vorbey. Achtzehn Jahre, so befahl das Orakel, soll ich ihn unbekannt bey den Hirten lassen. Und dies ist nun der achtzehnde Fryhling, seit dem ich ihn versandt habe, ein junges Kind, schœn, wie man die Liebes-Gœtter mahlt. Ich hoffe, an ihm einen Sohn zu finden, der die sanften Eindryke von Tugend und Billigkeit unverderbt behalten hat.

Arates. Ich selbst bin ungedultig, unsern Prinzen zu sehen. Wie sehr sind wir glyklich, wenn wir beyde unsre Kinder in erwynschtem Zustand finden! Ich habe, du weist es, auf Eingeben eines Traumes, meine Tochter in diese Gegenden gebracht; es ist nun sechszehn Jahre. Da ich, ehe ich mit dir zu Schiffe gieng, meinen Haus-Gœttern opferte, da gaben sie mir ein zweytes Gesicht, das meinem Hause Freude vorher verkyndigt.

Pyrhus. Die Gœtter geben, daß alles beglykt sey! Zwar vielleicht wird er ungern diese Ruhe in dem Schoosse der einfæltigen Natur, und diese stillen Schatten verlassen. Die Eindryke, die diese Anmuths-volle Gegend auf mich macht, sind so lieblich, daß es scheint, meine Seele empfind es, daß der Aufenthalt bey der einfæltigen schœnen Natur unserm Wesen der angemessenste und zutræglichste sey; sie empfindet hier dasjenige, was man empfindet, wenn man nach langer beschwerlicher Entfernung den væterlichen Boden wieder findet.

Arates. In der That, unsre Lebens-Art ist so sehr von der ersten Einfalt unterschieden, und hat so viel fremdes an sich genommen, daß es wunderbare Eindryke auf den machen muß, der mit einmal in dieselbe hineingefyhrt wird, und nicht von seiner ersten Jugend an, jene edle Einfalt verkennen gelernt hat.

Pyrhus. Es ist nun schon eine Stunde, daß ich ihn erwarte; dort kœmmt jemand durchs Gebysche, ein schœner Jyngling; so schœn, daß in mir der Wunsch entsteht, daß der mein Sohn seyn mœchte. Er kœmmt gerade auf uns zu.

Zweyter Auftritt.

Evander, die vorigen.

Evander. Seyd mir gegryßt, meine Herren!

Pyrhus. Sey uns gegryßt, junger Hirt! Fyhret dich Neugierde oder Geschæfte zu uns?

Evander. Ja nun, es ist uns immer etwas wunderbares, Leuthe aus den Stædten zu sehen. Aber sagt mir, ihr Herren, seyd ihr nicht mit dem Fyrsten aus Zirta hieher gekommen, der gestern an unserm Ufer gelandet hat?

Arates. Ja.

Pyrhus. Gewiß, du willst deine schlechte Lebens-Art verlassen, und mit uns nach der Stadt gehen?

Evander. Ich? Ha! Ha! Das laß ich wol bleiben. Ich war als kleiner Knabe nur einmal in der Stadt, in Delphos. Ich war erstaunt yber alles, was ich da sah; aber ich mœchte doch unsre schœne Gegend nicht an die Stadt vertauschen, wo man so viele Strassen vorbey laufen muß, um in das freye Feld zu sehen.

Pyrhus. Du bist einfæltig; du wirst dich leicht daran gewœhnen.

Evander. Ich wyrde mich schwerlich daran gewœhnen, unter Leuthen zu wohnen, die ganz andre Sitten haben, als wir. Sie lachen yber uns Leuthe, die so einfæltig sind; aber wir sind doch immer eben so glyklich, wie sie; sie haben so viele Geschæfte, um es zu seyn; wir nicht; wir sind zufrieden mit dem, was wir haben; wir arbeiten geruhig unser Feld, und pflegen unsre Herden, und das lohnen sie uns mit Ueberfluß. Sie heissen unsern Yberfluß zwar Armuth; aber sie sind wunderlich. Nein, in die Stadt mœchte ich wol nicht gern wieder gehen. Als ich da war, da stand ich da, und gafte die grossen Hæuser an, die gross sind wie Berge, und doch sind die Leuthe aus der Stadt meist kleiner, als wir sind; da lachten die Leuthe meiner, die bey mir vorybergiengen; noch mehr, wenn ich sie das und jenes fragte. Du junger Hirt, sagte einer, kannst du auch singen? Ja, sagt' ich, ich kann singen; und da hub ich mein bestes Lied an, daß es weit umher ertœnte; da sammelten sie sich um mich her, und spotteten meiner, und ich singe doch gut; das gestehen mir alle Hirten. Auch die Mædchens da sind unfreundlich; wenn ich sie freundlich gryßte, dann giengen sie bey mir voryber, als sæhen sie mich nicht; wie man bey einem Stein vorybergeht, der an der Strasse ligt; und sie sind doch lange nicht so gesund und schœn, wie unsre Mædchen sind.

Pyrhus. Aber wenn du mich liebtest, wie ich dich liebe, dann wyrdest du mir gerne folgen.

Evander. Ich liebte dich, so bald ich dich sah. Aber sollt ich meinen alten Vater, den ich auch liebe, hylflos zuryklassen, und mit dir nach der Stadt gehn? Mein Vater hat mit zærtlicher Sorgfalt meine Jugend gepflegt, sollt ich nicht mit dankbarer Sorgfalt sein Alter pflegen. Bleibet ihr bey uns, ihr Herren, ihr sollt das Beste haben, das unsre Bæume und unsre Herde geben. Aber ihr machet mich so vieles Schwazen, und indeß sagt ihr mir nicht, wo ich den Fyrsten finde.

Arates. Aber sag uns: Was sind deine Geschæfte?

Evander. Mein Vater sendet mich zu ihm, ich soll ihm diese Frychte bringen; ich mußte sie von den Bæumen brechen, die er vor achtzehn Jahren gepflanzt hat; in dem Fryhling, sagt' er, da ich ein Jahr alt war. Sie sind reif, und syß wie Honig. Wo werd ich ihn finden?

Pyrhus. Gœtter! so alt ist mein Sohn! Sein Pfleg-Vater myßte die Bæume gepflanzt haben in eben dem Fryhling, da ihm das Kind ybergeben ward. Arates! ô wenn er es selbst wære!

Arates. Deine Muthmassung hat Wahrscheinlichkeit. Welch andrer Hirt sollte dir Frychte senden?

Evander. Aber sagt mir doch endlich einmal, wo ich den Fyrsten finde. Ich muß gehen, ich habe noch vieles zu thun bey der Herde und im Baum-Garten, und mein Mædchen erwartet mich am Bach.

Pyrhus. So wisse denn, Jyngling! daß ich es bin, den du suchest.

Evander. Du bist der Fyrst aus Krissa?

Pyrhus. Ja, ich bin es selbst; aber wo ist dein Vater, und wie heisst er?

Evander. Mein Vater wohnt dort hinterm Hain, und heisst Lamon.

Pyrhus. (Zum Arates.) O mein Freund! Ich kann mich kaum enthalten, ihn zu umarmen. Auch der Name seines Vaters trift ein.

Arates. Bald zweifle ich selbst nicht mehr.

Evander. Ha! Da kœmmt mein Vater selbst.

Dritter Auftritt.

Lamon, ein Bedienter des Pyrhus, die vorigen.

Bedienter zum Pyrhus. Mein Herr! Das ist der Mann, dem vor achtzehn Jahren dein Sohn anvertraut worden.

Pyrhus. So seyd ihr es, mein Freund! dem vor achtzehn Jahren ein junges Kind ybergeben worden?

Lamon. Ja, mein Herr! Ich bins; und dieser Jyngling ist es, der euch die Frychte yberbracht hat. Sie sind von den Bæumen, die ich in dem Fryhling gepflanzt habe, da mir das Kind ybergeben ward; und das ist die verschlossene Schrift, die man mir mit ihm ybergab.

Evander. Gœtter! Was hœr ich?

Pyrhus. Es ist untryglich wahr, umarme mich, du bist mein Sohn! umarme deinen glyklichen Vater. (Sie umarmen sich.)

Evander. Sey mir gesegnet, mein Vater!

Pyrhus. Ja, ich bin dein Vater! auf Befehl der Gœtter hab ich dich, als kleines Kind, aus meinen væterlichen Armen versandt, und diesem Mann deine zarte Jugend vertraut.

Evander. Und du bist mein Vater nicht! O! Ich werde dennoch Vater dich nennen, dich, der mich so zærtlich geliebt hat.

Pyrhus. Habt Dank ihr Gœtter! daß ihr meinen Sohn so gnædig erhalten, so gytig mir wieder geschenkt habt! Du mein Freund, wie werd ich deine zærtliche Sorge fyr ihn dir belohnen kœnnen.

Lamon. Den Gœttern seys gedankt, die alles so zum Glyke leiten; meine Sorge fyr ihn wird mir belohnt seyn, wenn er mich immer liebt, und wenn er glyklich ist. Ich bedarf nichts von allem, das du mir geben kœnntest.

Pyrhus. Glykliche Leuthe, die so wenig bedœrfen! Aber, Arates! ich will meine Freude nicht zu lange geniessen, ohne dafyr den Gœttern zu danken; laß uns eilen, ihnen ein Opfer zu bereiten. Du mein Sohn! bald, bald werd ich dich wieder sehn; bleibe hier; mein begieriges Gefolge wird kommen, ihren gefundenen Prinzen zu sehn.

Vierter Auftritt.

Evander, ein junger Herr.

Evander. Gœtter! Das ist wunderbar, ich weiß nicht, ob ich wache oder træume, ich bin ganz verwirrt. Am liebsten mœcht ich wol zu meiner Alcimna gehn, und ihr sagen, was mit mir vorgegangen ist. Allein, ha! da kœmmt schon jemand. Wer ist der, der so zu mir herhypft?

Junger Herr. Erlaube, mein Prinz! mit dem feurigsten Eifer dir meine Freude zu bezeugen.

Evander. Was freut dich so sehr, mein Freund?

Junger Herr. Daß endlich der strenge Wille des Orakels erfyllt ist, und du aus der niedrigen, gleichfœrmigen, ekelhaften Lebens-Art erlœßt wirst, in der du durch ein zu strenges Schiksal deine erste Jugend verlohren hast.

Evander. Den Gœttern seys gedankt, die es so gefygt haben. Ich werde die Anmuth meiner jugendlichen Tage nimmer vergessen. Diese angenehmen Geschæfte! Diese unschuldigen Freuden!

Junger Herr. Unschuldige Freuden! Ha! Ha! Ha! O Prinz! du weist noch nicht was Freuden sind. Komm in die feinere Welt, da wirst du sie finden. O! ich wyrd es den Gœttern nicht danken, wenn sie mich so zu den Hirten verweisen wollten.

Evander. Der Aufenthalt in diesen angenehmen Gegenden ist dir also sehr veræchtlich.

Junger Herr. In ausgesuchter Gesellschaft mag es da wol angehen!

Evander. Die schœne abwechselnde Natur macht dir also keine Freude.

Junger Herr. Die mœgen angenehm seyn, wenn man keine bessern kennt.

Evander. Wenn das Morgen-Roth die schœne Gegend erhellet, und dann jede Pflanze, jeder Vogel neues Leben gewinnt, da empfindest du keine Freude?

Junger Herr. O das Morgen-Roth! das hab ich noch niemals gesehen.

Evander. Dich wird kein Hirt um deine Freuden beneiden.

Junger Herr. Das glaub ich wol, sie sind fyr die feinen Freuden nicht gemacht.

Evander. Aber sag mir noch: Wer bist du?

Junger Herr. Ich bin ein junger Herr vom Hofe.

Evander. Und was sind deine Geschæfte da?

Junger Herr. (fyr sich.) Ich glaube, er meynt, man mysse wenigstens hinterm Pflug gehn. (Zu Evandern.) Meine Geschæfte! sind præchtige Kleider, Gastereyen, Danzen, Erfindung neuer Freuden, bestændige Besüche bey unsern Schœnen, – –

Evander. Sonst nichts?

Junger Herr. Sonst nichts, Gœtter! Was sollt ich auch sonst zu thun haben?

Evander. Wir hier. Wir sind einfæltig; wir heissen Geschæfte, das, womit wir uns oder andern nuzen; und auch diese geben uns Zufriedenheit und Freude; wir lieben die nyzliche Biene mehr, als den Schmetterling; er mag auch noch so schœn gepuzt seyn.

Junger Herr. (Fyr sich) Gœtter! wie niedrig denkt unser Prinz! wie riecht er nach der Herde! (Zu Evandern.) Leuthe von niedrererArt mœgen sich ihr Leben immer sauer werden lassen; wir Leuthe von Stand geniessen unser Leben. Bestændige Abwechslungen lassen dergleichen schwer-fælligen Betrachtungen keinen Zutritt. Es mœgen sich andre bey den œffentlichen Spielen ihre Glieder verrenken, und auf der Renn-Bahn ihr Leben wilden Pferden anvertrauen; Leuthe von meiner Lebens-Art lieben ihren Leib mehr. Wir haben das Vorrecht, daß unser Leben ein angenehmes Myssig-seyn ist. Wir flattern von einer Freude zur andern, und von einer Schœnen zur andern. Ich habe unsre Schœnen schon alle in meinem Neze gehabt, und keine hat mich treu behalten kœnnen.

Evander. So myssen sie alle hæßlich, oder du must so unempfindlich seyn, wie die Pflanzen im Winter.

Junger Herr. Nichts weniger als das. Sie sind schœn wie die Gratien, und ich, ich bin zu empfindlich fyr alle Reize, als daß ich ein Mædchen allein lieben kœnnte. Diese Treue ist in der feinen Welt ein læcherlich Ding; immer fyr das gleiche Mædchen zu seufzen – Ha! Ha! Ha! Ich war vor verschiedenen Jahren einmal so verliebt, aber ich weiß izt diese læcherliche Leidenschaft zu yberwinden. Das Mædchen war auch schœn wie die Venus. Beym Jupiter! ich habe sie auch ein ganzes Jahr lang geliebet. Ha! Ha! Ha!

Evander. O einfæltiger Mensch! Wisse dich immer groß mit deiner Kunst, das beste Glyk, das die Gœtter uns gewæhren, aus deinem Herzen zu verbannen, und dich selbst um die besten Freuden zu betriegen. Du kœnntest dich eben so leicht bereden, die sysse Birne sey bitter, die Rose gebe widrige Geryche.

Junger Herr. Du wirst, mein Prinz! diese wunderliche Denk-Art bald selbst læcherlich finden, die eine so niedrige Erziehung dir gab.

Evander. Das wollen die Gœtter verhyten! Eh wird der Apfel-Baum zum unnyzen Dorn-Gebysch werden.

Junger Herr. Ich muß gehen, mein Prinz! laß mich dir empfohlen seyn.

Evander. Du magst immer gehen; deine Reden gefallen mir nicht.

Junger Herr. (Indem er weggeht.) O Gœtter! Wie er læcherlich ist! wie einfæltig! Schade, daß man ihn der Herd entzieht!

Fynfter Auftritt.

Evander, ein Officier von der Leibwache des Fyrsten.

Evander. Ist dieser læcherliche Mensch weg? Ich will diesen da fragen wer es ist, der so bewafnet dahergeht. Wer bist du, mein Freund! mit so fyrchterlichem Aussehen? Was soll der Speer in deiner Hand, und was ist das an deiner Seite?

Officier. Mein Schwerdt, Prinz!

Evander. Aber wozu schleppest du so fyrchterliches Geræthe bey dir, in der Zeit der Freude? Ich wyrde des Mannes lachen, der den ganzen ruhigen Winter alles sein Geræthe herumschleppen wollte, das er im Sommer seinen Garten und sein Feld zu bauen braucht.

Officier. Ich bin der erste von der Leibwache des Fyrsten, deines Vaters.

Evander. Sind denn viele so, und immer mit solchem Geræthe versehen?

Officier. Ja, es sind viele, und immer mit solchem Geræthe versehen. Ha! Ha! – – Du must mir verzeihen, ich muß lachen.

Evander. Ihr myßt also in einem wilden gefæhrlichen Land wohnen.

Officier. Warum, mein Prinz?

Evander. Darum, weil ihr immer so auf eurer Hut seyn mysst. Ihr werdet viel Wœlfe und andre reissende Thiere da haben; bey uns haben wir diese Sorgfalt nicht nœthig, es ist nur selten, daß sie unsre Herden beschædigen; so ein Land ist fyr die Herden nicht gut.

Officier. Wir leben in einem Land, wo man dergleichen Thiere nur dem Namen nach kennt.

Evander. Ihr seyt also sehr sorgfæltig, daß ihr so ohne Noth euern Fyrsten bewachet.

Officier. Ja, das ist auch nicht ohne Noth, Prinz. Es hat schon mancher Fyrst durch sein eigen Volk sein Leben verlohren. Wir myssen das Volk in Furcht behalten, daß es nicht in allgemeinem Aufruhr gegen seinen Fyrsten aufsteht.

Evander. Aber das muß ein bœses Volk seyn, bey dem ich nicht leben mœchte. Ists nicht so, wie wenn man den Vater gegen seine eigenen Kinder schyzen myßte? Oder giebt es vielleicht so bœse Fyrsten, daß sie ihr Volk zu solchem Zorn aufreizen?

Officier. Freylich; und was hat das Volk auch da zu sagen? Es sind viele Fyrsten, die keine andern Geseze, als ihren eigenen Willen und ihre Leidenschaften haben; die mit dem Volk und mit seinem Vermœgen so umgehen, daß es endlich, zur Raserey gebracht, frech genug ist, seinen Fyrsten umzubringen.

Evander. O Gœtter! In was fyr ein Land wollt ihr mich fyhren! Und ihr seyd also diejenigen, die, wenn ein Fyrst bœse ist, das geplagte Volk in Furcht erhalten. Mir schauert; ich versteh die abscheuliche Sache nicht. Es ist also, wie wenn ein wytender Wolf unsre Herden wyrde anfallen, und es wæren Leuthe da, die sich anmaßten, diejenigen abzuhalten, die das ihrige retten wollten. Aber mein Vater wird euch doch nicht darum bey sich haben.

Officier. Nein; aber wir sind auch nicht allein darum da. Wenn ein Fyrst sein Land erweitern will, dann ziehen wir in das benachbarte Land; dann kommen eben so viele oder noch mehr eben so bewafnete Mænner; man steht in guter Ordnung gegen einander, und schlægt tod, so viel man kann; wer am tapfersten gewesen ist –

Evander. Um Erlaubniß: Wer sind die tapfersten? Wen nennt ihr so?

Officier. (Fyr sich.) Gœtter! Ich muß lachen; ich muß wie mit einem Kind mit ihm reden; er weiß auch gar nicht, was groß und herrlich ist. (Zum Prinz.) Wer am meisten Feinde getœdet hat; wer am meisten dem Feind hat Abbruch thun kœnnen, dessen Bild wird dann zum ryhmlichen Denkmal in Erz gegossen, oder in Marmor gehauen.

Evander. Das ist abscheulich. O! ich mag weiter nichts wissen; mir schauert nur eins noch; mein Vater ist doch so grausam nicht.

Officier. Nein, er ist kein kriegerischer Fyrst; unter ihm ist bey unserm Ehren-vollen Stand wenig Ruhm zu gewinnen.

Evander. Und du beklagst es noch? O Gœtter! Ruhm und Ehre erlangt man, wenn man beleidigte Menschen erwyrgt; bey uns wyrde man denjenigen verabscheuen, der seinen Nachbar auf seinem Feld yberfiele, um das fyr sich zu haben; und das ist doch gegen jenem ein kleines.

Officier. Ja, im Kleinen geht das auch nicht an; so einer muß ohne Gnade aufgehangen werden.

Evander. O ich verlasse dich! was du mir da sagst, erfyllt mich mit Abscheu; ich will niemand mehr fragen, niemand mehr sehen. Aber, Gœtter! da steht Schon wieder ein andrer.

Sechster Auftritt.

Evander, ein andrer vom Hofe.

Erlaube, gnædigster Prinz! (Er wirft sich vor ihm auf die Erde.)

Evander. Das ist ein wunderlicher Mensch. Was willst du? Suchest du was verlohrnes hier auf der Erde?

Der andre. Nein, mein Prinz! erlaube mir diese Demythigung vor dir, und – –

Evander. Das ist wunderlich; so hat mein freundlicher Hund sich geberdet, wenn er mich lange nicht gesehen hat. Aber warum thust du das?

Der andre. Um deiner Huld mich zu empfehlen, und dir zu sagen, daß ich von deinen getreuesten Sclaven sey.

Evander. Ein Sclave? ich habe Mitleiden mit dir; durch was fyr ein Unglyk bist du in dies Elend gerathen? Wie ich gehœrt habe, so ist das das elendeste Schiksal, in das die Menschen kommen kœnnen.

Der andre. Mein Prinz! Ich bin keiner von jenen elenden Sclaven, die durch Unglyk oder Verbrechen ihre Freyheit verlohren haben. Es ist meine eigene Wahl; aus Ehrfurcht fyr dich opfre ich meine Freyheit deinem gnædigen Willen auf; ich werde nur glyklich seyn, wenn – –

Evander. Was ich aus deinen wunderlichen Reden verstehe, so dynkts mich, du seyest ein veræchtlicher Narr. Was das fyr Leuthe sind! Ich bin ganz verwirrt; ich wynsche, daß das alles ein Traum sey! Da ist einer von ehrwyrdigerm Ansehen; ô sage mir, Freund! ob ich wache oder træume? Ehrwyrdiger Mann! An dir werd ich doch einen vernynftigen Menschen finden.

Siebender Auftritt.

Evander, ein Gelehrter.

Gelehrter. Du betriegest dich nicht, Prinz! Bey mir findest du den Schlyssel zu jeder Wissenschaft. Wer sich meines Unterrichts bedient, der wird gelehrt und ehrenwerther als ein Kœnig seyn.

Evander. Wie sehr befreu ich mich, dich gefunden zu haben! Du kennest also auch die Wissenschaft, wie man das Feld bauen soll, und die Pflege der Pflanzen?

Gelehrter. Nein..

Evander. Wie die Herden sollen gewartet, und ihre Krankheiten geheilet werden?

Gelehrter. Auch das nicht.

Evander. Du kennest also auch nicht die heilsame Wirkung der Kræuter?

Gelehrter. Nein.

Evander. Vielleicht sind die Musen dir besonders gewogen, und du dichtest schœne Gesænge, die das Gemyth der Menschen erquiken?

Gelehrter. Wie! Ich sollte ein Poët seyn? Gœtter! Das ist das læcherlichste Geschlecht unter den Menschen!

Evander. Das ist wunderbar! so kennst du der Menschen Thun und Lassen, und was ihnen gut ist, wenn sie sollen glyklich seyn?

Gelehrter. Ich habe mich niemals mit Kleinigkeiten beschæftigt.

Evander. Was weissest du denn, das besser ist, als dieses alles?

Gelehrter. Ich rechne den Sternen ihren Lauf aus; ich kenne Sprachen, die entfernte Nationen reden; ich habe berechnet, wie viele Sandkœrner auf einer Meile Landes ligen; und habe erst vor kurzem noch einen neuen Flek im Mond entdekt, den Endymion selbst nicht gekannt hat.

Evander. O ihr Gœtter! Nun will ich entfliehen! O laßt mich! laßt mich! Ich werde mich Tage lang nicht wieder von meiner Verwirrung erholen.

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