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Guy de Maupassant: Mondschein - Kapitel 8
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleMondschein
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume5
year1919
firstpub1905
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20051214
projectidc3622c14
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Die Verzeihung

Sie stammte aus einer jener Familie, die in sich selbst zurückgezogen dahin leben, fern von aller Welt. Sie wissen nichts von den politischen Ereignissen, obgleich man bei Tisch davon spricht. Aber die Umwälzungen in der Regierungsform gehen soweit entfernt vor sich, daß man davon wie von einem historischen Faktum spricht, etwa wie vom Tode Ludwig XVI. oder der Landung Napoleons.

Die Sitten ändern sich, eine Mode folgt auf die andere. In diesen stillen Familien, wo alles den gewöhnlichen Gang geht, merkt man nichts davon. Und wenn in der Nachbarschaft irgend eine dumme Geschichte passiert, so schweigt der Skandal an der Schwelle des Hauses. Nur Vater und Mutter wechseln vielleicht eines Abends ein paar Worte darüber, aber mit gedämpfter Stimme, denn die Wände haben überall Ohren. Und leise sagt der Vater:

– Hast Du diese fürchterliche Geschichte bei den Rivoils gehört? Die Mutter antwortet:

– Wer hätte so was gedacht! Es ist gräßlich!

Die Kinder ahnen nichts und treten in das Alter, wo sie ihrerseits zu leben beginnen, mit einer Binde vor den Augen und dem Geiste. Sie ahnen nichts von den verborgenen Dingen des Daseins. Sie wissen nicht, daß man gar nicht so denkt, wie man spricht und daß man nicht so spricht, wie man handelt. Sie wissen nicht, daß man mit aller Welt in Fehde leben muß oder doch wenigstens in bewaffnetem Frieden. Sie ahnen nicht, daß man überall betrogen wird, wenn man harmlos dahin lebt, daß der Aufrichtige immer der Dumme ist und der Gute immer den Kürzeren zieht.

Ein Teil behält diese blind waltende Ehrbarkeit und Ehrlichkeit zeitlebens bei. Die sind dann so unantastbar, daß ihnen nichts die Augen öffnet.

Die anderen werden allmählich enttäuscht, ohne es recht zu merken. Sie fallen eines Tages, sind dann verzweifelt und wenn sie sterben, meinen sie, ein außergewöhnlich herbes Geschick habe ihnen das zugefügt und glauben, sie seien die unseligen Opfer trauriger Ereignisse und besonders böser Menschen.

Die Savignols verheirateten ihre Tochter Bertha mit achtzehn Jahren. Sie heiratete Georg Baron, einen jungen Pariser, der Börsengeschäfte machte. Es war ein hübscher Kerl, hatte ein gewandtes Benehmen und machte einen sehr biederen Eindruck, wie die Familie es eben wünschte. Aber im Innem seines Herzens machte er sich doch ein wenig über seine zurückgebliebenen Schwiegereltern lustig, die er im Freundeskreise »meine geliebten Petrefakten« nannte.

Er war von guter Familie und das junge Mädchen reich. Sie zogen nach Paris.

Sie war eine von jenen Provinzialinnen in Paris, deren es eine Menge giebt. Sie lernte nichts von der Großstadt kennen, nicht ihre elegante Welt, wußte nichts von ihren Vergnügungen, wie sie früher weder etwas von den Niederträchtigkeiten noch von den Wundern der Welt kennen gelernt.

Da sie fast immer zu Hause blieb, kannte sie eigentlich nichts weiter als ihre Straße, und wenn sie sich vielleicht einmal in ein anderes Viertel wagte, war es ihr als unternehme sie eine weite Reise in eine unbekannte fremde Stadt. Dann sagte sie abends zu ihrem Mann:

– Ich bin heute über die Boulevards gegangen.

Ihr Gatte nahm sie zwei- oder dreimal im Jahr ins Theater mit und das waren Feste, deren Erinnerung blieb, über die fortwährend geredet wurde. Dann fing sie manchmal plötzlich ein Vierteljahr später bei Tisch an zu lachen und rief:

– Weißt Du noch, der Schauspieler, der als General angezogen war und der wie ein Hahn krähte?

An Bekannten hatte sie nur zwei Familien, die für sie so etwa die Menschheit darstellten. Wenn sie sie nannte, setzte sie den Artikel vor die Namen: »die Martinets« und »die Michelints.«

Ihr Mann lebte wie er wollte, kam nach Hause, wenn es ihm paßte, manchmal erst bei Tagesanbruch. Dann schob er Geschäfte vor und genierte sich weiter gar nicht, denn er war sicher, daß in diese reine Seele niemals ein Verdacht fallen würde.

Aber eines Morgens bekam sie einen anonymen Brief.

Sie war zu Tode erschrocken, denn sie hatte einen zu ehrlichen Sinn, um die ganze Gemeinheit solcher Anzeigen zu erkennen und um diesen Brief zu verachten, dessen Verfasser behauptete, er handle nur ihres Glückes wegen und weil er das Böse hasse und die Wahrheit liebe.

Man zeigte ihr an, daß ihr Mann seit zwei Jahren ein Verhältnis mit einer jungen Witwe, einer Frau Rosset habe, bei der er alle seine Abende zuzubringen pflege.

Sie wußte nicht zu heucheln, konnte sich nicht verstellen, verstand nicht, ihn zu überlisten und zu belauern. Und als er zum Frühstück nach Hause kam, warf sie ihm schluchzend den Brief hin und floh in ihr Zimmer. Nun hatte er Zeit, sich zu fassen und sich auf eine Antwort vorzubereiten. Und er ging an die Thüre seiner Frau und klopfte. Sie öffnete sofort, wagte aber nicht ihn anzusehen. Er lächelte, setzte sich, zog seine Frau auf seinen Schoß und sagte mit süßer, ein wenig spöttischer Stimme:

– Ja, liebe Kleine, Frau Rosset ist allerdings meine Freundin, ich kenne sie seit zehn Jahren und mag sie sehr gern. Ich kann Dir auch noch erzählen daß ich wenigstens zwanzig andere Familien kenne, von denen ich Dir nie gesprochen habe, weil ich weiß, daß Du Dir nichts aus Gesellschaften, Einladungen und neuen Beziehungen machst. Aber um diesen infamen Niederträchtigkeiten ein für allemal die Spitze abzubrechen, bitte ich Dich, zieh' Dich sofort nach dem Frühstück an und wir wollen der jungen Frau einen Besuch machen. Ich glaube bestimmt, das ihr Freundinnen werdet!

Sie schloß glückselig ihren Mann in die Arme und in Folge jener echt weiblichen Neugierde, die nicht wieder vergeht, wenn sie einmal geweckt ist, weigerte sie sich nicht, die Unbekannte aufzusuchen, die ihr trotzdem etwas verdächtig vorkam. Sie fühlte unbewußt, daß eine Gefahr, die man kennt, beinahe überwunden ist.

Sie traten in eine kleine, künstlerisch ausgestattete, reizende Wohnung, die voll stand von Nippsachen. Sie lag im vierten Stock eines schönen Hauses. Nachdem sie fünf Minuten in einem Salon gewartet hatten, den Tapeten, Portieren und reizend drapierte Vorhänge ein wenig verdunkelten, öffnete sich eine Thüre und eine junge Frau erschien. Sie war klein, braun, ein wenig dick, und lächelte erstaunt.

Georg stellte vor:

– Meine Frau, – Frau Julie Rosset.

Die junge Witwe stieß einen leichten Schrei des Erstaunens und der Freude aus, und streckte der anderen beide Hände entgegen. Sie hätte, meinte sie, auf diese Freude gar nicht mehr zu hoffen gewagt, da sie wußte daß Frau Baron zu niemandem ginge. Aber sie wäre so glücklich, so glücklich, sie liebe Georg so sehr, (sie sagte ganz einfach ›Georg‹ mit einer Art schwesterlicher Vertraulichkeit) daß sie schon immer den glühenden Wunsch gehabt habe, die junge Frau kennen zu lernen und sie gleichfalls in ihr Herz zu schließen.

Nach einem Monat waren die beiden unzertrennliche Freundinnen. Sie besuchten sich täglich, manchmal zweimal am Tage, aßen jeden Abend zusammen, bald bei der einen, bald bei der anderen. Jetzt ging Georg kaum mehr aus, schob keine Geschäfte mehr vor. Er kenne nichts Bessres als seine Häuslichkeit sagte er.

Endlich wurde in dem Hause wo Frau Rosset wohnte, eine Wohnung frei und Frau Baron beeilte sich, sie zu mieten, um der Freundin noch näher zu sein.

Und zwei Jahre hindurch waren sie Freundinnen, ohne daß je eine Wolke ihre Beziehungen trübte. Es war eine Herzens- und Seelenfreundschaft, zart, ganz ergeben, köstlich und süß. Bertha konnte keinen Satz mehr sagen, ohne Julie zu erwähnen, die für sie die Vollendung bedeutete.

Eine süße stille Freude war in ihr Herz gezogen.

Aber eines Tages ward Frau Rosset plötzlich krank. Bertha verließ sie nicht mehr, sie blieb die Nächte bei ihr und war außer sich. Auch ihr Mann war ganz verzweifelt. Da zog eines Morgens der Arzt Georg und dessen Frau beiseite und erklärte ihnen, daß der Zustand ihrer Freundin sehr bedenklich wäre.

Sobald er davon gegangen, setzten sich die jungen Leute niedergeschmettert einander gegenüber und fingen plötzlich an zu weinen. Sie wachten die Nacht beide am Bett und Bertha küßte immerfort zärtlich die Kranke, während Georg schweigend am Fußende stand und kein Auge von ihr ließ.

Am nächsten Tage ging es ihr noch schlechter.

Endlich abends erklärte sie, sie fühle sich wohler und zwang ihre Freunde, zum Essen hinunter zu gehen.

Als sie traurig im Eßzimmer saßen, ohne einen Bissen hinabwürgen zu können, brachte das Mädchen Georg einen Brief. Er öffnete ihn, ward bleich, stand auf und sagte ganz verstört zu seiner Frau:

– Erwarte mich, ich muß einen Augenblick fort, in zehn Minuten bin ich wieder zurück. Aber Du mußt unbedingt hier bleiben.

Und er lief in sein Zimmer, um seinen Hut zu holen.

Bertha erwartete ihn, von neuem beunruhigt. Aber da sie ihm immer gehorsam war, konnte sie nicht zu ihrer Freundin hinauf gehen, ehe er zurückgekehrt.

Als er nun nicht wieder erschien, kam sie auf den Gedanken, in seinem Zimmer nachzusehen, ob er seine Handschuhe mitgenommen, was ein Zeichen davon gewesen wäre, daß er einen Besuch machen mußte.

Aber sie entdeckte sie auf den ersten Blick und daneben lag ein zerknittertes Papier, das er fortgeworfen.

Sie erkannte es augenblicklich: es war der Brief, den man eben Georg gebracht.

Und da trat die erste starke Versuchung ihres Lebens an sie heran: die brennende Begierde den Brief zu lesen, seinen Inhalt kennen zu lernen. Ihr Gewissen sträubte sich dagegen, aber schmerzliche Neugierde peinigte sie und ließ sie die Hand nach dem Briefe ausstrecken. Sie nahm das Papier, öffnete es, erkannte sofort Julies Handschrift, und las die mit Bleistift geschriebenen zittrigen Worte:

»Komm allein herauf, armer Schatz, mich noch einmal zu küssen; ich muß sterben.«

Zuerst begriff sie nicht und blieb stehen, wie vor den Kopf geschlagen, vor allem bei dem Gedanken an den Tod. Dann fiel ihr jäh auf, daß sie ihn duzte und plötzlich war es, als schösse ein Blitz in ihr Dasein, der ihr Alles im hellen Lichte zeigte: die infame Wahrheit, all den Verrat, die ganze Niedertracht. Sie wurde sich mit einem Male ihrer Hinterlist bewußt, ihrer Blicke, der Art, wie er den Unschuldigen spielte, des Vertrauensbruches, den sie an ihr begangen. Und sie sah beide vor sich, wie sie abends beim Scheine der Lampe im selben Buche lasen und einander beim Umdrehen der Seiten anblickten.

Die Empörung, die Qual wuchs in ihr, daß sie eine Verzweiflung überkam ohne Grenzen.

Schritte hallten, sie floh und schloß sich ein.

Da rief sie ihr Mann:

– Komm doch schnell, Frau Rosset stirbt!

Bertha trat auf die Schwelle und sagte mit zitternden Lippen:

– Du kannst allein zu ihr gehen; sie braucht mich nicht.

Er sah sie an wie ein Verrückter, mit verstörtem Gesicht und antwortete:

– Schnell, schnell, sie stirbt!

Bertha gab zurück:

– Es wäre Dir lieber, ich wär's.

Da begriff er vielleicht was geschehen, lief davon, wieder hinauf zur Sterbenden.

Er beweinte sie, ohne es zu verbergen, ohne Scham. Und der Kummer seiner Frau ließ ihn kalt. Sie sprach nicht mehr mit ihm, sah ihn nicht mehr an, lebte allein für sich und verschloß sich ganz in ihrem Ekel, in ihrer wütenden Empörung und betete nur Tag und Nacht zu Gott.

Und doch wohnten sie zusammen, saßen bei Tisch einander gegenüber, stumm und verzweifelt.

Allmählich beruhigte er sich, aber sie verzieh ihm nicht.

Und das für beide traurige Leben ging fort.

Während eines Jahres blieben sie einander so fremd, als kennten sie sich nicht. Bertha war am Rande des Wahnsinns.

Dann ging sie eines Morgens sehr zeitig aus und kam um acht Uhr heim, einen großen Strauß weißer Rosen in der Hand.

Und sie ließ ihrem Manne sagen, sie möchte mit ihm reden.

Er kam bestürzt und beunruhigt. Sie sprach:

– Wir wollen zusammen ausgehen. Nimm diese Blumen, sie sind zu schwer für mich.

Er nahm den Rosenstrauß und ging mit seiner Frau. Ein Wagen erwartete sie unten, der davon fuhr, sobald sie eingestiegen.

Vor dem Kirchhofsthore blieb er halten. Da sagte Bertha, deren Augen sich mit Thränen füllten, zu Georg:

– Führe mich an ihr Grab.

Er zitterte, er begriff nicht, was sie wollte und schritt voraus, die Blumen in der Hand. Endlich blieb er vor einer weißen Marmorplatte stehen und deutete darauf, ohne ein Wort zu sprechen.

Da nahm sie ihm den großen Blumenstrauß ab, kniete nieder und legte ihn zu Füßen des Grabes. Dann versank sie in stummes inbrünstiges Gebet.

Hinter ihr stand ihr Mann, bestürmt von Erinnerungen. Er weinte.

Sie erhob sich und streckte ihm die Hände entgegen mit den Worten:

– Wenn Du willst, wollen wir wieder Freunde sein!

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