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Guy de Maupassant: Der Horla - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorMaupassant
seriesGesammelte Werke
volume7
titleDer Horla
publisherEgon Fleischel
year1905
firstpub1905
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
senderwww.gaga.net
created20050427
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Gerettet

Wie eine Kugel durch's Fenster fliegt, platzte die kleine Marquise de Ronnedon ins Zimmer, und ehe sie noch sprach, fing sie an zu lachen, zu lachen, daß ihr die Thränen in die Augen traten, genau so wie vor vier Wochen, als sie ihrer Freundin erzählt, daß sie den Marquis betrogen hätte, um sich zu rächen, nur um sich zu rächen, und auch nur ein einziges Mal, weil er wirklich zu dumm war und zu eifersüchtig.

Die kleine Baronin de Orangerie hatte das Buch, in dem sie gelesen, auf's Sofa geworfen und blickte nun Annette neugierig an, indem sie selbst schon lachte. Endlich fragte sie:

»Was hast Du denn wieder mal angestellt?«

»Ach, denke Dir nur mal, nein, es ist zu komisch, zu komisch. Denk Dir bloß, ich bin gerettet! Gerettet! Gerettet!«

»Wieso denn gerettet?«

»Nu ja, gerettet!«

»Wovor denn?«

»Vor meinem Mann bin ich gerettet! Frei! frei! frei!«

»Wieso denn frei? In wiefern denn?«

»In wiefern? Scheidung! Scheidung! Gott sei Dank geschieden!«

»Du bist geschieden?«

»Nein noch nicht! Sei doch nicht so dumm, man kann sich doch nicht binnen drei Stunden scheiden lassen. Aber ich habe die Beweise! Beweise! Beweise, daß er mich betrügt! Es ist auf frischer That ertappt – denk Dir nur mal – auf frischer That. Nun habe ich ihn fest.«

»O, das mußt Du mir aber erzählen. Also er betrog Dich?«

»Ja, das heißt nein, ja und nein, ich weiß nicht, kurz ich habe den Beweis und das ist die Hauptsache.«

»Ja, wie hast Du denn das angefangen?«

»Wie ich's angefangen habe? Ganz einfach: seit drei Monaten war er geradezu ekelhaft geworden, ganz ekelhaft, roh, grob, tyrannisch, kurz widerlich, und da habe ich mir gesagt, das kann nicht so weiter gehen, ich muß mich scheiden lassen. Aber so leicht war das nicht und da habe ich versucht, ihn dahin zu treiben, daß er mich schlagen sollte. Das wollte er aber nicht. Er hat mich geärgert von früh bis abends, er zwang mich auszugehen, wenn ich nicht wollte, zu Hause zu bleiben, wenn ich mal gerne hätte in der Stadt essen mögen. Kurz er machte mir das Leben unerträglich vom ersten Tage der Woche bis zum letzten. Aber geschlagen hat er mich nicht.

Da habe ich versucht, herauszukriegen, ob er keine Geliebte hätte. Richtig er hatte eine. Aber wenn er zu ihr ging, war er furchtbar vorsichtig, sie wären nicht abzufassen gewesen und denk Dir mal, was ich da gethan habe ....«

»Ja, wie soll ich denn das wissen?«

»Ja, das kannst Du auch gar nicht ahnen. Ich habe nämlich meinen Bruder gebeten, mir von dem Mädchen eine Photographie zu verschaffen.«

»Von der Geliebten Deines Mannes?«

»Ja.«

»Die Geschichte hat Jacques dreihundert Franken gekostet, das ist nämlich ihr Preis für einen Abend von sieben Uhr bis Mitternacht, Diner inklusive, also die Stunde sechzig Franken. Die Photographie hat er als Zugabe gekriegt.«

»Ich glaube, mit irgend einer List hätte er das auch fertig gekriegt ohne gerade unbedingt das Original mitnehmen zu müssen.«

»O, sie ist hübsch! Jacques hat's ganz gern gethan, und dann mußte ich Einzelheiten haben, Einzelheiten über ihre Figur, ihren Busen, ihre Hautfarbe, kurz, tausend Kleinigkeiten.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Du wirst gleich sehen. Als ich Alles wußte, was ich wissen wollte, bin ich zu einem – ja, wie soll ich das sagen – zu einem Geschäftsmann gegangen, weißt Du, so einer von den Geschäftsmännern, die alle möglichen Geschäfte machen, so Geschäfte aller Art, Agenten für öffent- liche und geheime Dinge, weißt Du, so eine Art Mann, der – na, kurzum, Du verstehst schon.«

»Ja, so ziemlich, und was hast Du ihm denn gesagt?«

»Ich habe ihm gesagt, indem ich ihm die Photographie von Clarissa zeigte (sie heißt nämlich Clarissa): ich muß eine Zofe haben, so in dem Genre, hübsch, elegant, fein, reinlich. Ich bezahle, was Sie wollen und wenn 's zehntausend Franken kostet! Ich brauche sie nur auf drei Monate.«

Der Mann sah sehr erstaunt aus und fragte:

»Wünschen die gnädige Frau, daß man ihr nichts vorwerfen kann?«

Ich errötete und stammelte:

»Nun ja, in Bezug auf Ehrlichkeit.«

Er antwortete:

»Und in Bezug auf Moral?«

Ich wagte nicht zu antworten, ich machte nur ein Zeichen mit dem Kopf, das »Nein« heißen sollte. Dann ahnte ich plötzlich, daß er einen fürchterlichen Verdacht hätte und ich rief, indem ich vollkommen die Fassung verlor:

»O, bitte sehr, es ist nämlich für meinen Mann, der mich betrügt. Er betrügt mich außer dem Hause, und ich möchte gern, daß er mich bei mir in unserer Wohnung betröge, verstehen Sie? Weil ich ihn abfassen will.«

Da fing der Mann an zu lachen. Er hatte kapiert. Er machte mir seine Reverenz, fand mich sogar sehr tapfer. Ich hätte wetten mögen, daß er in diesem Augenblick Lust hatte, mir aus Hochachtung die Hand zu drücken.

Er sagte zu mir:

»Gnädige Frau, in acht Tagen verschaffe ich Ihnen, was Sie wünschen. Nötigenfalls könnten wir ja wechseln. Jedenfalls garantiere ich für den Erfolg. Honorar verlange ich erst, wenn es geglückt ist; also das ist die Photographie der Geliebten Ihres Herrn Gemahls?«

»Jawohl.«

»Ein schönes Mädchen, eine »fausse maigre«!" Und welches Parfüm?«

Ich verstand nicht:

»Wieso, welches Parfüm?«

Er lächelte:

»Ja, gnädige Frau, der Geruch ist nämlich sehr wichtig, um einen Mann zu bethören, denn das giebt ihm unbewußte Erinnerungen ein, die ihn aufregen. Das Parfüm erregt dunkle Vorstellungen in ihm, entnervt ihn, sodaß der Gedanke an verflossene Freuden wach wird. Sie müßten auch in Erfahrung zu bringen suchen, was Ihr Herr Gemahl gewöhnlich ißt, wenn er mit dieser Dame speist. Sie könnten ihm dann an dem Abend, wo Sie ihn erwischen wollen, dieselben Gerichte vorsetzen. Gnädige Frau, wir werden ihn schön 'reinlegen, haha, schön 'reinlegen!«

Entzückt ging ich davon. Da hatte ich wirklich mal einen findigen Mann entdeckt.

Drei Tage später erschien bei mir ein großes Mädchen von dunkler Hautfarbe, sehr schön, sehr bescheiden und doch dabei ziemlich sicher, mit einem sonderbaren Ausdruck. Sie benahm sich durchaus passend gegen mich und da ich nicht genau wußte, wer es eigentlich sei, so nannte ich sie Fräulein. Da sagte sie:

»O, bitte, wollen mich gnädige Frau einfach Rosa nennen.«

Wir fingen an uns zu unterhalten:

»Nun, Rosa, wissen Sie, warum Sie hier sind?«

»Ich denke so etwa, gnädige Frau.«

»Schön. Und 's ist Ihnen nicht zu unangenehm?«

»O, gnädige Frau, das ist die achte Scheidung, die ich einleite. Ich kenne das schon.«

»Ah! Vorzüglich! Brauchen Sie lange, um zum Ziel zu kommen?«

»O, gnädige Frau, das hängt vom Temperament des Herrn ab. Wenn ich fünf Minuten mit dem Herrn zusammen gewesen bin, könnte ich der gnädigen Frau schon eine genaue Antwort geben.«

»Liebes Kind, Sie werden ihn nachher sehen! Aber das sage ich Ihnen gleich, schön ist er nicht.«

»Das thut nichts, gnädige Frau, ich habe schon sehr häßliche Herren zur Scheidung gebracht. Aber ich möchte noch etwas wissen, gnädige Frau: sind gnädige Frau unterrichtet über das Parfüm?«

»Jawohl, Rosa: Eisenkraut.«

»Desto besser, gnädige Frau, den Geruch habe ich sehr gern. Kann mir gnädige Frau vielleicht auch sagen, ob das Verhältnis des Herrn seidene Wäsche trägt?«

»Nein, mein Kind, Batist mit Spitzen.«

»Ach, dann muß es eine sehr anständige Person sein! Seidene Wäsche fängt schon an, gewöhnlich zu werden.«

»Da haben Sie sehr recht.«

»Also, gnädige Frau, ich werde meinen Dienst antreten.«

In der That trat sie ihren Dienst sofort an, als ob sie ihr ganzes Leben lang nichts anderes gethan hätte.

Eine Stunde später kam mein Mann nach Haus. Rosa blickte ihn nicht einmal an, aber er sie desto mehr. Sie roch schon nach Eisenkraut, daß es kaum zum Aushalten war. Nach fünf Minuten ging sie hinaus.

Er fragte mich sofort:

»Wer ist denn das Mädchen da?«

»Meine neue Jungfer.«

»Wo hast Du die denn her?«

»Baronin Orangerie hat sie mir verschafft! Sie hat vorzügliche Zeugnisse.

»O, sie ist ganz hübsch.«

»Findest Du?«

»Ja, wenigstens für eine Jungfer.«

Ich war glückselig, ich fühlte, daß er schon anbiß. Am selben Abend sagte mir Rosa:

»Ich glaube, ich kann der gnädigen Frau versprechen, daß es nicht länger als vierzehn Tage dauern wird. Der Herr ist nicht schwierig.«

»Haben Sie schon versucht?«

»Nein, gnädige Frau, aber das sehe ich auf den ersten Blick. Er möchte mir schon einen Kuß geben, wenn er an mir vorbeigeht.«

»Gesagt hat er Ihnen noch nichts?«

»Nein, gnädige Frau, er hat gefragt, wie ich hieße, nur um den Ton meiner Stimme zu hören.«

»Sehr gut, Rosa, ausgezeichnet. Machen Sie nur so schnell als möglich.«

»O, gnädige Frau braucht nichts zu befürchten, ich werde nur solange standhaft bleiben, als es durchaus nötig ist, um mich nicht zu sehr zu entwerten.«

Nach acht Tagen ging mein Mann fast nicht mehr aus. Den ganzen Nachmittag irrte er im Hause herum, und das Merkwürdigste dabei war, daß er mir gar nichts mehr in den Weg legte, wenn ich ausgehen wollte. Ich war auch den ganzen Tag fort um – um die Bahn frei zu lassen.

Am neunten Tag sagte mir Rosa, während sie mich auskleidete, ganz bescheiden:

»Gnädige Frau, heute früh ist's geschehen.«

Ich war etwas überrascht, vielleicht sogar ein wenig bewegt, nicht über die Sache selbst, aber über die Art und Weise, wie sie es mir gesagt hatte, und ich stammelte:

»Und ist's denn gut gegangen?«

»O, gnädige Frau, sehr gut, er lag mir schon seit drei Tagen in den Ohren, aber ich wollte die Sache nicht übereilen. Gnädige Frau mag mir jetzt nur den Augenblick sagen, wo er auf frischer That ertappt werden soll.«

»Schön, Rosa, also sagen wir mal Donnerstag.«

»Gewiß, gnädige Frau, Donnerstag. Ich werde bis dahin dem Herrn nichts gestatten, um ihn in Spannung zu erhalten.«

»Sind Sie sicher, daß es glücken wird?«

»O ja, gnädige Frau, ganz sicher. Ich werde den Herrn so aufregen, daß die Sache gerade in der Minute vor sich gehen kann, die mir die gnädige Frau bezeichnen wird.«

»Schön, Rosa, also sagen wir um fünf Uhr.«

»Gewiß, gnädige Frau, Punkt fünf Uhr. Und wo?«

»Nun, in meinem Zimmer.«

»Wie gnädige Frau wünschen. Also im Zimmer der gnädigen Frau.«

Und nun weißt Du, liebes Kind, was ich gemacht habe? Ich habe sofort Papa und Mama geholt, dann meinen Onkel von Orvelin, den Präsidenten, dann Herrn Raplet, den Richter, den Freund meines Mannes. Ich habe ihnen vorher nicht gesagt, was ich ihnen zeigen wollte, sondern ließ sie alle auf den Fußspitzen bis an meine Zimmerthür schleichen. Dann habe ich gewartet bis es fünf Uhr war, genau fünf Uhr. O, wie mir das Herz schlug. Übrigens hatte ich auch den Portier gleich mit heraufkommen lassen, um einen Zeugen mehr zu haben. Na und dann im Augenblick, wo die Uhr gerade aushob, um zu schlagen, bums, habe ich ganz weit die Thür aufgemacht. Ah! Sie waren gerade dabei, gerade dabei, liebe Freundin. Nein, dieses Gesicht! Du hättest bloß mal sein Gesicht sehen sollen und der Schafskopf hat sich auch noch umgedreht. Nein, wie er komisch aussah. Ich lachte, lachte, und Papa wurde wütend, wollte meinen Mann hauen, und dann half ihm der Portier, der ein sehr guter Diener ist, sich wieder anziehen in unserer Gegenwart – in unserer Gegenwart! Er knüpfte ihm die Hosenträger an. Nein, war das ulkig. Rosa dagegen benahm sich ausgezeichnet, wirklich famos. Sie weinte, weinte ganz großartig. Es ist ein fabelhaftes Mädel! Wenn Du jemals so was brauchst, vergiß sie ja nicht.

Und nun stehe ich hier; ich bin sofort gekommen, um Dir die Geschichte zu erzählen, sofort. Ich bin frei, es lebe die Scheidung!«

Dann fing sie an, mitten im Salon herumzuhüpfen, während die kleine Baronin nachdenklich und etwas ärgerlich murmelte:

»Warum hast Du mich nicht eingeladen, es auch mit anzusehen?«

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