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Jeremias Gotthelf: Der Besuch - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleErzählungen
authorJeremias Gotthelf
year1976
publisherArtemis & Winkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05090-2
titleDer Besuch
pages566-601
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1854
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Jeremias Gotthelf

Der Besuch

Erzählung (1854)

Sommer wars, nach dem Heuet ungefähr, denn die Wiesen waren frisch gemäht, und im Felde stund noch das Korn. Gegen Abend gings, aber noch brannte die Sonne heiß, und dunkle Wolken stocketen am Himmel. Da saß auf einem Abweissteine an einer staubichten Landstraße ein junges Weib, hatte ein Kind an der Brust, und ein Kinderwägelchen stund vor ihr. Es war offenbar kein arm Weib, denn im Wägelchen war schönes, reines Bettzeug, und es selbst trug ländliche Tracht, zwar nicht hoffärtige, aber reiche, und doch schien es unglücklich; denn so munter, als der Bube auf seinem Schoße sog, ebenso stark weinte es gar bitterlich. Als der Junge endlich seinen Durst gestillt, wischte es, so gut es ging, die Tränen ab, packte ihn sorgfältig ins Wägelchen und zog fürbaß, aber mühsam, offenbar ermatteten Schrittes.

Das war eine junge Baurenfrau, die Frau des Sohnes des Tanzbodenbauers, welche heimwollte zum Besuch über den Sonntag; denn es war Samstagsnachmittag. Stüdeli war da aus den Dörfern herauf, wie man im Emmental zu sagen pflegt, hatte auf dem Tanzboden sich eingemannet. Der Tanzboden ist dem Weibervolk sonst ein sehr beliebter Aufenthaltsort, wie bekannt, und dieser Tanzboden, von dem hier die Rede ist, noch dazu ein recht schöner Hof und der Bauer nicht verschuldet und doch Stüdeli da oben nicht wohl; denn das Heimweh wollte ihns nicht loslassen. Wenn schon nicht die Worte, so doch die Töne klangen ihm immer und immer im Herzen: »Herz, mys Herz, warum so trurig, und was soll das Ach und Weh? 's ist so schön im fremden Lande, Herz, mys Herz, was witt de meh? Was mr fehlt? Es fehlt mr alles, bi so gar verlasse hie, möcht zum Ätti, möcht zum Müetti, ha nit Lust und ha nit Fride, bis ih i mym Dörfli bi.« Nun, in fremdem Lande war das Fraueli noch lange nicht. Der Tanzboden war kaum vier Stund von Straudachigen, wo Stüdeli daheim gewesen, entfernt, und doch schien es ihm, es sei auch so, wie es im gleichen Liede heißt: »Es ist wohl schön da oben, doch zur Heimet wird es nie!« Dieses Weh nach einer Heimat, die nicht zwei Stunden weit entfernt liegt, findet man oft im Schweizerland. Ja, es gibt Bauern, denen es nicht wohl wird, bis sie wieder auf den Hof, in das Haus, in welchem sie geboren wurden, eingezogen. Drei Stunden sind eine große Weite im Schweizerlande; wo innige Liebe ist, sind hundert Ellen eine grausame Weite.

Stüdeli war auf den Tanzboden gekommen, es wußte kaum, wie, fast wider Willen. Stüdeli hatte auch ein Meitschiherz, flinke Buben gefielen ihm wohl. Einen Kurs in der spekulativen Philosophie hatte es nicht durchgemacht, es war noch viel zu jung, um was dran zu begreifen. Es fragte nicht nach Geld und Sachen, die Lüstigsten waren ihm die Liebsten, eines Geißenhändlers Bub war der Allerlüstigste, der war ihm auch der Allerliebste. Nit eben so, was man sagt, im Ernste; von Heiraten war keine Rede, aber drTüfel sei immer ein Schelm gewesen und werd noch immer einer sein, dachten die Alten, ungsinnet könnts fehle. Da kam einmal eine Bettlerfrau, es war im Winter, und fragte, ob sie nicht hineinkommen und sich wärmen dürfe? Dieses schlägt man in der Regel nicht ab; so eine weiß was zu erzählen, und gerade die war eine der Rechten. Hauptsächlich drehte sich ihre Rede um den Tanzboden herum und vergaß dabei Peter nicht, den Sohn. »Das wär einer für dich«, sagte sie zu Stüdeli, »werchbar, huslig, hübsch, frein wär er, kurz alles, was einem Burschen wohl ansteht und Meitschene sonst anständig ist.« Stüdeli verlachte diese Reden, aber der Mutter gingen sie in die Ohren. Das schickte sich, wenn die zusammenzubringen wären, dachte sie. Das Meitschi sei ihr nicht erleidet, aber man wäre doch dann Kummers los.

Als die Bettlerin endlich ging, ging die Mutter ihr nach, und korbeten die Sache zusammen, so gut, daß es allerdings einen Käs gab, wie man zu sagen pflegt. Stüdeli wehrte sich nicht auf Leben und Tod; die Bäurin stach ihm doch noch tiefer im Kopf als des Geißenhändlers Bub, und da Geißenhändlers Buben wohl selten zu Bauern werden, so zog der Baurensohn vor. Übrigens war Peter, wenn auch nicht der lüstigste, so doch gar kein übler Bursche, hatte gesunden Verstand, einen tüchtigen Körper. Am meisten war es Stüdeli zuwider, daß es so weit vo Müetti wegmüßte und dazu noch ins Emmental hinauf in die wüsten, schwarzen Berge hin. Daß es so hell und heiter im Emmental ist wie irgendwo, sieht man ihm freilich von ferne nicht an. Des Geißenhändlers Bub tat anfangs wüst, erst redete er von Erschießen, dann von zKrieggehen, und endlich machte er es wie die meisten in ähnlichen Fällen, er nahm eine andere.

Stüdeli war recht hellauf als Braut, freute sich sogar auf die Hochzeit wie die andern auch, wenn sie es zuweilen auch nicht erzeigen wollen, und blieb als junge Frau noch einige Zeit recht wohlgemut daheim. Da begehrten aber die Schwiegereltern ernstlich, daß es zu ihnen käme. Es sei ja dumm, sagten sie, und die Leute würden ihnen wenig darauf halten, wenn sie eine Schwiegertochter hätten und, statt diese ins Haus zu nehmen, einer Jungfrau den Lohn gäbten, für ihre Sache zu machen. Daneben verlauf drJung eine Zeit, es sei nicht zu sagen, und wenn man schon die Zeit nicht achten wollte, so sei dann erst noch von den Schuhen zu reden.

Stüdeli mußte also von den Dörfern herauf auf die Höfe und trug das Bewußtsein in sich, es sei eine Art von Mißheirat, weil man in den Dörfern gebildeter sei, den Komment des Lebens viel besser kenne als da oben in der Wildnis. Es hatte eine Sekundarschule besucht, konnte Französisch schreiben, das heißt französische Buchstaben machen, sagte »Merci bien!« hatte eine Arbeitsschule besucht, konnte Pantoffel sticken und Hosenträger. In seinem Dorf gehörte Stüdeli unter die Gebildetsten, es hatte sogar »Martin, das Findelkind« gelesen und vorn »ewigen Juden« gehört. Indessen hatte ihm dieses durchaus nicht geschadet, es hatte die glückliche Gabe, so zu lesen, daß es grusam kurzi Zyti hatte darob. So sagte es wenigstens; ob es eigentlich so war, können wir wirklich nicht sagen, jedenfalls so, daß diese Bücher ihm durchaus nicht schadeten. Wir wissen nicht, sollen wir sagen, weil es sie nicht begriff, oder weil es unter die Reinen gehörte, denen alles rein ist. Es ist mit dem Lesen eine eigene Sache, es geht mehr Leuten, als man glaubt, so glatt über die Haut weg wie Wasser, macht nicht den mindesten Eindruck, hinterläßt nicht die geringste Spur. Dagegen betrachtet man in den Bergen und auf den Höfen die Dörfer als einen gemeinern, roheren Schlag von Menschen, ungefähr wie in London die Bewohner der vornehmen Quartiere die Leute in der City, oder in Bern die Leute in der Junkerngasse die hinter den Spychern. Anspruchsvoll ist man also in beiden Lagern, aber das ist wahr, daß der Stolz der Dörfer weit plumper, beleidigender hervortrittet als der der Höfer. Wenn man sich zu Heiraten herbeiläßt, so betrachtet man es immer als eine Art von Herablassung, zu welcher man nur bestimmt wird durch eigentümliche persönliche Zuneigung, welche aber selten sich findet, oder durch Geld. Beides war mehr oder weniger hier der Fall. Stüdeli bekam einmal ein sehr schön Stück Geld, und nachdem einmal die Bettlerfrau die beiden zusammengebracht, gefiel Stüdeli Peter absonderlich wohl, und Stüdelis Mutter war aus bekannten Gründen so holdselig gegen den etwas schüchternen Peter, so holdselig, wie er es nie erlebt hatte, so daß man fast sagen könnte, eigentlich sei die Mutter die Leimrute gewesen, an welcher der Vogel hängen blieb. Dieses soll übrigens ein Fall sein, der sich nicht selten ereignet. Stüdeli ging ungern auf den Tanzboden hinauf, aus der Heimat in die Fremde, welche weit, weit, mehr als drei Stunden weit von der Heimat lag, daß es fast nicht zu erleben war.

Und fremd kam es Stüdeli da oben vor, alles schien ihm anders, auch die Menschen, es konnte sich gar nicht auf sie verstehn. Sie waren schweigsamer, redeten leiser, brauchten den a mehr als den o, sagten ja statt jo, o statt au, fluchten selten, und wenn ein Tadel kam, so war er so gedreht, daß es nicht wußte, was es daraus machen sollte, ob es gehauen oder gestochen seie. Doch fiel sehr selten einer, den es auf sich beziehen konnte. Es war ihm anfangs himmelangst, es sei unter Stündeler oder Pietisten geraten, indessen sah es seine Täuschung bald ein. Es waren rechtschaffene Christen, aber, frommer zu scheinen als andere, davon war in ihrem ganzen Wesen keine Spur. Sie arbeiteten immer so fleißig als in den Dörfern, aber es schien ihm, als machten sie sich viel unnötige Mühe mit allzu exaktem Arbeiten und Aufräumen. Es mußte immer alles an seinen bestimmten Platz, wenn man es schon am andern Morgen wieder brauchte, und ums Haus herum war es immer, als ob es Sonntag sei, da war nichts von Gräbel sichtbar, es ward ihm ganz unheimelig dabei. Aber auch es war den Leuten da oben fremd, die Sprache schon dünkte sie gar grob, und hier und da entrann Stüdeli ein »Donner!« was allemal einen Eindruck hervorbrachte, als hätte es wirklich gedonnert. Es sah hier und da etwas schmuslig aus, besonders an Hemd und Händen, daß man es eher für eine Jumpfere angesehen hätte als für die Sohnsfrau; das hatten sie sehr ungern. Es machte sich mit dem Gesinde wohl gemein, schien fast lieber bei demselben zu sein als bei ihnen. Und einmal klagte es sogar einer Magd, es wollte von ihr wissen, was sie gegen ihns hätten. Es tue doch, was es könne, und doch sei es ihnen nicht recht, es könne nicht darüberkommen, warum nicht. Nit daß sie ihns plagten oder böse Worte geben täten, aber es merke wohl, wie sie es auf dem Strich hätten. Da sagte ihm einmal die Großmutter, sie müsse ihm was sagen, aber ungern solle es es doch ja nicht haben. Wenn es was zu klagen habe, so solle es es ihnen selbst sagen und nicht den Jumpfern, das sei bei ihnen nie der Brauch, daß man in solche Sachen die Diensten hineinziehe. Sie wüßten wohl, daß es Orte gebe, wo man das pflege, aber sie könne nicht glauben, daß es da gut gehe. Darnebe sei es ihnen ja anständig, und wenn sie einmal aneinander gewohnt seien, werde es ganz gut gehen. Aber anfangs müsse man miteinander Geduld haben, das sei überall so, wenn es gut kommen solle, und tue man das nicht, nun, dann müsse man es haben, wie man selbsten es mache. Mein Gott, wie ging diese Rede übel, und was Stüdeli alles darin fand! Es war, als ob man mit einer eisernen Eichte ihm übers Herz gefahren wäre; und ein alter Pfarrer, der hundert Predigten über das Wörtlein »und« gehalten, war sicher nur ein Tropf gegen Stüdeli, das in der kurzen Rede ganze Fuder von bösen Worten und Trümpfen fand, mehr als drei Tage hatte es rote Augen. Also niemanden klagen sollte es, niemanden sagen, was ihm das Herz abdrucken wolle, so alleine alles ertragen und verworgen? Ach, es war sehr elend, das arme Stüdeli!

Es gibt zwei Mittel im weiblichen Leben, welche die Weiber munter und frisch erhalten, die sind Kaffee und Klagen. Hat ein Weib Kaffee, kann es klagen, beides nach Herzenslust, dann ist es glücklich, schwimmt obenauf; hat es nur das eine oder das andere, so gehts wohl, aber kümmerlich und gedrückt; fehlen beide, ja, dann fehlts wirklich, dann ist es Zeit, zu sagen: »O ihr Hügel, stürzt über mir zusammen, und ihr Berge, decket mich!« Nun, Kaffee hatte Stüdeli, aber klagen sollte es nicht und hatte soviel auf dem Herzen! Ans Heimgehen dachte es so oft, keine Nacht verging, daß es nicht seufzte: »Oh, wenn ich doch bei der Mutter wäre, ach, nur eine Stunde!« Aber die Mutter war drei Stunden weit, man denke! Und beim Abschied hatte sie ihm gesagt: »Heim komme mir dann nicht so bald! Droben würden sie es ungern haben und hier dich auslachen, weil du nicht länger es habest aushalten mögen.« Das war Stüdeli tief in das etwas empfindliche Herz gegangen, und wenn die Mutter es machen könne ohne ihns und es nicht so bald als möglich zu sehen wünsche, he nu so de, so werde es es auch machen können ohne sie, hatte es anfangs gedacht. Aber nachgerade war den Worten der Mutter die verletzende Schärfe entwichen, und es rechnete, die Zeit werde längst um sein, wo ein Besuch daheim übelgenommen oder bespottet werden könne. Da traten andere Umstände ein, wo reisen und besonders so weit, ein bedenklich Ding ist. Die Füße sind in einer Verfassung, wo engere Lederschuhe das Fußgehn verleiden, und fahren ist eine gefährliche Sache. Und das mußte es sagen, es hatte bei weitem nicht mehr soviel Ursache zur Unzufriedenheit wie früher, man brauchte in seinen Umständen viel Verstand gegen ihns, und, was die Hauptsache war, es gewöhnte sich, ohne daß es es merkte, alle Tage mehr an Sprache und Lebweise da oben. Darauf war ein munterer Junge auf die Welt gekommen. Jetzt, dachte Stüdeli, wird es zu machen sein, daß ich mit der Mutter reden kann, sie müßte ihm Gotte sein. Peter, der Mann, meinte zwar, weil es ein Bube sei, wäre es passender, wenn der Schwäher Götti wäre. Es werde nicht so lange gehen, so könnte es ein Mädchen geben, da könnte die Schwiegere Gotte sein. Allein Stüdeli sagte, er sei ein wüster Mann, vo selligem z'rede, und es erzwängte es, von seiner Schwiegere unterstützt, die behauptete, in solchen Dingen müsse man den Weibern ihren Willen lassen.

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