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Jeremias Gotthelf: Hans Joggeli der Erbvetter - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleErzählungen
authorJeremias Gotthelf
year1976
publisherArtemis & Winkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05090-2
titleHans Joggeli der Erbvetter
pages33-116
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1848
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Während die Zähne schwere Pflichten erfüllten, stieß sie mit ihrer spitzigen Zunge, welche noch spitziger als die Nase war, in der ganzen Verwandtschaft herum, spießte ein Glied nach dem andern, hielt es kürzer oder länger über das heiße Feuer ihrer Bemerkungen, und wem sie recht wohlwollte, dem pfefferte sie noch mit dem früher gekauten Pfeffer. Mit besonderer Sorgfalt wurde geschmort und gepfeffert die Bärenwirtin, daß sie zusammenschmorte, nicht größer ward als ein Bein auf einem Schindanger und einen Geruch von sich gab wie eine Katze, welche seit acht Tagen im Speicher ein elend Ende gefunden. Dann mußte über das Feuer der Vetter zu Waschliwyl, wirklicher Hauptmann und Ratsherr in Hoffnung. Diesen zerrte sie auseinander und zerschnäfelte ihn, daß man mit einer Leber, welche man zu einer sauern machen will, nicht ärger umgehen kann. Sie wußte alles, was er als Hauptmann getan, und noch viel mehr, was er als Ratsherr tun werde. Hinter alles, so gleichsam als Ausrufungszeichen, setzte sie zentnerschwere Seufzer, sagte endlich: sie wüßte noch was, aber sagen werde sie es nicht; über das Herz könnte sie es nicht bringen, geschweige über die Zunge. Vetter Kirchmeier mußte die Hebeamme machen, das Schreckliche erst über das Herz, dann über die Zunge befördern; endlich, nachdem die Base noch einige wenigstens zwei Zentner schwere Seufzer losgelassen, sagte sie: ja, sie wolle es sagen, aber der Vetter solle doch nicht meinen, sie habe es erdacht, sie könne zwanzig Zeugen stellen für einen, daß der Lumpenhund es gesagt habe. Wenn derselbe nämlich sich festgetrunken, mit den Talern um sich werfe, als ob es Kieselsteine wären, daß die Leute die Hände über dem Kopfe zusammenschlügen, prahle er, wie das nichts sei und noch ganz anders gehen müsse, wenn einmal der Alte im Nidleboden die Nase unter der Erde hätte. Dort sei er Haupterbe, der Alte halte viel auf der Familie, und werde er zum Hauptmann noch Ratsherr, so fehle es ihm nicht, dem wolle er dann die grauen Taler sonnen. Das Herz wolle es ihr abdrücken, wenn sie so was vernehmen, und wenn sie das schöne Gut in solchen Händen sehen müßte, sie glaube nicht, daß sie es überlebte. Und ernst wars der Base, denn sie nahm das Nastuch und wischte die Augen, daß es eine strenge Sache war. »Habe deretwegen nicht Kummer, Base!« sagte der Alte, mit dem linken Auge blinzend, aber nur ganz leise; »unser Herrgott wird schon sorgen, daß alles an den rechten Ort kömmt, und was er tut, ist wohlgetan. Übrigens wird auch nicht alles wahr sein, was man über den Hauptmann sagt, die Leute reden gar viel, besonders in den langen Tagen. Und wäre es auch, denk o, Base, so kann er sich ja bekehren, unser Herrgott hat schon größere Sünder bekehrt, als der Hauptmann einer ist. Bei Gott seien alle Dinge möglich, steht geschrieben.«

Die Base wurde blaß und antwortete mit verhaltenem Grimme: es werde noch manches geschrieben stehen, wo es gut wäre, daß man daran dächte. Daß aber der liebe Gott mit einem Unflat wie der Hauptmann sich werde abgeben wollen, selb zweifle sie. Soviel sie wisse, stehe nirgends geschrieben, daß er das Wüsteste alles austrappen wolle. »Aber, was ich eigentlich sagen wollte«, lenkte sie ein, »ich hoffe, Ihr habet es nicht ungerne, das ist wegen Mareilis Kleidern. Wie bräuchlich und anständig, ist das Mädchen nicht versehen, jede Herrenköchin geht besser. Denkt, es hat nur vier Mieder, das neueste schon drei Jahre alt, und nicht mehr als drei Dutzend Hemden, denkt o, Vetter! Vom übrigen will ich nur nicht reden. Ich zürne es nicht an Euch, ich weiß, daß das Mannevolk in solchen Sachen keinen Verstand hat, aber da dachte ich, wofür unsereiner eigentlich auf der Welt sei, als für Verstand zu machen, wo er fehlt.«

»Da, Base«, sagte der Alte, »habt Ihr ganz recht, man sinnet nicht an solche Dinge, aber wenn man uns den Verstand macht mit Manier und nicht mit dem Holzschlegel, so sind wir dankbar. Ja freilich, Mareili muß Kleider haben, wie es sich gehört. Laßt ihm machen, was Ihr nötig findet, und was es kostet, zahle ich.« »He nun, das wäre eins, und Ihr sollt Dank haben, habe ich doch gleich gedacht, es fehle Euch nur am Verstand und nicht am guten Willen, und wo der Wille ist, da kann man dem Verstand immer nachhelfen, mit Manier, versteht sich. Nun ist aber noch eins, was anders sein muß, mein Mädchen kann ich nicht so dabeilassen. Das andere Mädchen, Babi, oder wie es heißt, welches Ihr da ins Haus genommen, ohne Mareili zu fragen, ob es ihm anständig sei, und ob es dasselbe auch brauchen könne, das ist ihm grausam zuwider, und das muß fort, sonst geht Mareili. Es hat gar keine Hülfe von ihm, es kann nichts, will sich nicht berichten lassen, weiß nichts, als Streit und Klatschereien anzustellen, alles hintereinanderzutreiben. Es ist das schlechteste Mensch, welches unter der Sonne herumläuft, Vetter, und das ist es, Ihr mögt es immer glauben oder nicht, Vetter.«

»Da kömmst du mir gerade auf den rechten Punkt, Base«, antwortete der Alte, »gerade von dem habe ich dir anfangen wollen, es ist dann doch nicht, daß unsereinen gar nichts sinnet.« Der Base ward doch etwas bange, sie hatte zu tief gegriffen, indessen ließ sie sichs nicht merken. »Sieh, Base«, fuhr der Alte fort, »ich habe gedacht, Mareili versaure, bringe hier seine besten Jahre zu, ohne etwas zu lernen.« »Das ist wahr«, sagte die Base, »gut hat es das Mädchen nicht, es hat mich schon manchmal erbarmet, und dazu so angebunden und eingeschränkt, daß ich es fast heimgenommen hätte, wenn ich nicht gedacht, es werde einmal dafür belohnt. Verstoßen werdet Ihr es doch jetzt nicht wollen.«

Der Alte ließ sich nicht irren. »Bös hat es das Mädchen nicht, es heißt ihr niemand mehr machen, als es kann, es gibt viele Bäurinnen das Land auf, das Land ab, sie sind nicht soviel Meister als es; aber wie junge Mädchen sind, es hat es auch je besser, desto lieber. Darum dachte ich, wie es wäre, wenn Mareili noch ins Welschland ginge, die Sprache zu lernen, das Kochen, Manieren und Lebensarten und sonst noch allerlei. Dort könnte es zuerst Kellnerin sein. Ich habe drinnen einen guten Bekannten, wo das Mädchen es hätte wie eine Herrenfrau, besser wäre nichts. Später könnte es, wenn es Lust daran fände, zur Wirtin geraten. Wirtshäuser zum Kaufen gibt es genug, und kömmt die neue Straße hier durch, wie die Rede geht, so wäre dort unten beim großen Nußbaum der schönste Platz zum Bau eines neuen.« Der Base war bei dieser Rede ein Stein von dem Herzen gefallen und ein Licht aufgegangen. »Die Sache gefiele mir so übel nicht«, sagte sie, »aber ich muß an Euch denken. Wie könnt Ihr es machen, wenn Mareili fort ist? Mit Bäbi ist ja nichts, und je eher Ihr die Dirne fortjagt, desto wohler seid Ihr. Ich werde für jemand anders sorgen müssen? Vielleicht wüßte ich jemand, wenn die Sache nämlich auch Mareili anständig ist; das ist die Hauptsache.«

»Natürlich«, sagte der Alte, »und es wird mir ungewohnt vorkommen, wenn es fort ist, aber man muß sich leiden können in der Welt. Mareili wird viel kosten, da denke ich nicht, mir neue Kosten zu machen. Ein alter Knecht hat seine Frau im Küherstöcklein, die könnte einstweilen eintreten. Wenn dann Mareili Sprache und Kochen gelernt hat, und es will einstweilen wieder zu mir, so findet es, wann es will, seinen Platz wieder, und die Frau kann wieder ins Küherstöckli.« »Und dann das Mensch, die Bäbe, was wollt Ihr mit dem?« frug die Base. »An dieses habe ich nicht gedacht«, sagte der Vetter, »allweg kann es nicht so bleiben, man muß sehen, was zu machen ist. Die Hauptsache ist jetzt, daß Ihr mit Mareili redet.«

Es war der Base etwas da im Wege, sie wußte aber nicht recht, was, denn der Alte machte das ehrlichste Gesicht von der Welt; überhaupt hatte sie zu viel Selbstbewußtsein, um zu fürchten, so ein alt, dumm Männchen könnte sie überlisten. Allweg wohne sie nicht weit, sagte sie, und könne immer ein Aug zur Sache haben, und wenn der Vetter sie nötig hätte, so könne er sie rufen lassen, sei es Tag oder Nacht, so scheue sie für ihn weder Wind noch Wetter.

Unerwartet schien Mareili ein Stein des Anstoßes, bitterlich begehrte es mit der Mutter auf, daß sie es wolle austreiben helfen; es merke den Spaß wohl, aber lebendig bringe man es hier nicht fort. Unverrichteter Sache mußte die Mutter abziehen, und, wie spitz sie die Sache auch überschlug, ins klare kam sie nicht, wer recht hatte, der Kirchmeier oder das Mareili. Aber sonderbarerweise wandte über Nacht Mareilis Sinn sich, wie die Fahne auf dem Turme sich kehrt, und wer die Ausführung des vetterlichen Vorschlages auf das emsigste betrieb, war Mareili. Es gab Leute, welche die Umwandlung über Nacht Mareilis Liebhaber zuschrieben, welchem die Aussicht auf eine Wirtschaft die schönste Aussicht in der Welt schien.

Staatsmäßig ausgerüstet, mit Geld wohl versehen, fuhr endlich Mareili dem Welschland zu, und wenn ein Mädchen zum ersten Male in die Welt hinausfährt, so hat es bekanntlich viele Gedanken über die Glückseligkeiten alle, welche sich ihm dutzendweise aufdrängen, über den tiefen Eindruck, welchen es auf die Welt machen werde. Mareili dachte absonderlich daran, daß man nie wisse, was es geben könne, daß aber, wenn es im Welschland zu einem reichen Engländer käme, welcher es mit Teufels Gewalt zur Frau haben wollte, so früge es eigentlich dem Nidleboden nicht so viel nach und würde nicht nein sagen. So ein Tröpflein sei es am Ende denn doch nicht, daß es meine, man könne nur an einem Orte leben und dazu noch an einem, wo man so bös haben, so schwere Arbeit verrichten, so wenig schlafen könne; am schönsten sei es doch da, wo man bei vielem Gelde essen und trinken könne, was einem gut dünke, arbeiten könne so wenig, schlafen soviel, als man wolle, und tun, was einen ankomme.

Auf solche Höhe des Weltbewußtseins erhob sich Mareilis Mutter nicht, sie hing an der Scholle, sie hing am Nidleboden mit Leib und Seele. Sie war öfters dort, als es dem alten Kirchmeier lieb war, und zeigte Gelüsten zu einem Regimente, welches höchstens der leibhaftigen Nidlebodenbäuerin zukam. Doch zügelte sie nach und nach ihren Eifer, als sie sah, daß im Nidleboden alles in gewohntem Gange blieb, und wenn auch die Bäbi nicht fortgejagt wurde, so gab sie ihr doch keine Ursache zur Bekümmernis. Der Alte ließ die Bäbi immerfort das Schwerste verrichten, hielt sie sehr knapp in den Kleidern, obgleich sie eigentlich auch Base und Patin war, gab ihr überhaupt keine Zeichen irgendeines besondern Wohlwollens, sondern jagte sie von früh bis spät ununterbrochen auf ihren armen Beinchen herum. Mit des Knechts Frau dagegen schloß die Base einen Bund. Diese ward ihre Vertraute. Und wenn sie dieselbe auch nicht zu ihrem Zerberus oder Höllenhund machen konnte, welcher außer unter gewissen Bedingungen niemand aus- und einließ, so machte sie dieselbe doch zu ihrem Wärter und Zöllner oder Berichterstatter, welcher melden sollte, wer aus- und einging, überhaupt alles, was passierte im Nidleboden. Wie treu dieser Berichterstatter der Base war, wissen wir nicht, aber man hat Beispiele, daß solche Berichterstatter zwei Hände haben, daß beide nehmen und beide wohl wissen, was sie tun. Übrigens war dieser Posten wirklich ein wichtiger, es gab viel zu berichten, denn, wie oben gesagt worden, der Nidleboden war ein Wallfahrtsort, an welchem die Pilgrime zahlreich aus- und eingingen, manchmal auch fuhren.

So fuhr eines Tages eine Chaise vor das Haus, das war im Nidleboden ein Ereignis; Bernerwägeli sah man wohl öfters, aber Chaisen waren rare Vögel. Aus der Chaise stieg ein großer Mann oder Herr, wie man lieber will, denn man konnte ihn für das eine oder andere nehmen, je nachdem man ihn von dieser oder jener Seite ansah. Aus der Chaise nahm derselbe ein rundes Paket und frug dem Kirchmeier nach. Man lief nach demselben im Hause herum. Unterdessen ging der Herr ums Haus herum, und siehe da, der Vetter Kirchmeier war bereits zum Hintertürchen hinaus und beinelte im Geschwindschritt durch die Bäume, mit dem Wasserschäufelchen auf der Achsel.

»Der Donners Schelm will entrinnen, wohl, dem will ich!« brummte der Herr, dann rief er: »Vetter, Vetter, wo aus so schnell?« Vetter Hans Joggeli, der nie die Schärfe eines Sinnes verbarg oder verleugnete (man könne sich mit so was versündigen, sagte er), kehrte alsbald sich um und sagte: »Ei der Tausend, Vetter Hansli, seid Ihr es, ein seltener Gast und so dick und so schön! Das trifft sich doch gut, fünf Minuten später, ich wäre fortgewesen, und das wäre viel zu übel gegangen.« Vetter Hansli, der nagelneue Vetter, war ein Prachtkerl, besonders für alle, welche ihn nicht näher kannten, sondern bloß reden hörten oder ihn von weitem sahen. Er redete von allem, er handelte um alles, er erlaubte sich alles, er übertraf alles, kurz, er war eben ein Prachtkerl. »Vetter Kirchmeier«, sprach Hansli, »ich will Euch nicht aufhalten, es wäre mir leid, wenn ich Euch versäumte.« Er möchte ihm nur guten Abend sagen und was abgeben. Auf einer Reise ins Oberland hätte man ihm irgendwo Käs aufgestellt, so zart und mild wie ein sechzehnjährig Mädchen. Da hätte er alsbald an den Vetter Kirchmeier gedacht, der wäre für ihn, und so ein Käschen ihm mitgebracht.«

»Ihr seid doch immer der Bravste«, antwortete Vetter Hans Joggeli, »so an einen alten Vetter zu denken und noch dazu im Oberland, und wenn Euch der Käs an die milden, zarten Oberländerinnen erinnert. Kommt herein, drinnen ists kühler, besser läßt sich schwatzen dort.« Nach einigen Komplimenten, daß er nicht versäumen wollte, und nach scherzhaften Antworten, wie die Matten ihm nicht fortliefen, dieweil sie sehr alt seien und froh, sich stillzuhalten, brachte Vetter Hans Joggeli den Vetter Hansli in die Stube.

Als Hansli saß, sagte er: ja, aber schuld wolle er doch wahrhaftig nicht sein, wenn er heute den Kehr habe und das Wasser nehmen könnte; jetzt sei das Wässern gut, und mit der Sache sei es nicht wie mit einer andern, welche man morgen oder übermorgen nachholen könne, wenn man sie heute versäume. »Habt deretwegen nicht Kummer!« antwortete der Alte, »was ich nicht mache, kann ein anderer machen. Witzig wäre es nicht für ein alt Mannli, wie ich bin, wenn er allein dasein wollte für eine Hauptarbeit; über Nacht kann es mir ja fehlen, und dann, wenn niemand da wäre, der um die Sache wüßte, so ging es übel. Das Wässern lernt man nicht in einem Tage, und wenn man es schon auf einer Matte kann, so muß man es auf jeder neuen Matte neu studieren.« »So, habt Ihr dann jemand, dem Ihr es anvertrauen dürft ?« fragte Hansli halb erschrocken.

»Den Melker nehme ich mit, wenn er Zeit hat, und zeige ihm, wie die Sache gemacht sein müsse. Er ist nur ein jung Bürschchen, aber ein gutes, und hat Fleiß zur Sache. Ich bin sein Pate und soll auch noch der Vetter sein. Selb weiß ich aber nicht bestimmt, mein Kopf ist zu klein für die große Verwandtschaft, und manchmal hat es mich fast dünken wollen, es wüchsen alle Jahre neue Vettern und Basen aus dem Boden herauf wie der Naturklee in guten Äckern. Sei aber das, wie es wolle, so ist es allweg eine schöne Sache um eine so große Verwandtschaft«, setzte er blinzend hinzu.

Hansli ward krebsrot, als er von einem Melker hörte, welcher Pate und Vetter zugleich war, dem der Vetter noch obendrein das Wässern lehrte und es ihm anvertraute; es stellte ihm förmlich den Atem, und eine Weile ging es, bis sein Redwerk wieder lief.

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