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Washington Irving: Sagen von der Alhambra - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenovelette
authorWashington Irving
booktitleAmerikanische Anthologie. Zweiter Theil: Novellen.
titleSagen von der Alhambra
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
firstpub
translatorAdolf Strodtmann
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20100722
projectid08d3f330
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Sage von des Mauren Vermächtniß

Inmitten der Festung der Alhambra, vor dem königlichen Palast, ist eine breite, offene Esplanade, genannt der Platz der Cisternen (La Plaza de los Algibes), weil sie von Wasserbehältern, die dem Auge verborgen sind und noch aus der Zeit der Mauren herstammen, untergraben ist. In der einen Ecke dieses Platzes ist ein maurischer Brunnen, der bis zu beträchtlicher Tiefe in den lebendigen Fels gehauen und dessen Wasser kalt ist wie Eis und klar wie Krystall. Die von den Mauren gebauten Brunnen sind stets in Ansehen; denn es ist bekannt, welche Mühe sie sich gaben, um zu den reinsten und besten Quellen und Brunnen durchzudringen. Der, von dem wir hier reden, ist in ganz Granada berühmt, da die Wasserträger, bald mit großen Wassergefäßen auf ihren Schultern, bald Esel mit irdenen Krügen beladen vor sich hertreibend, die steilen buschigen Zugänge der Alhambra vom frühesten Morgen bis zu später Abendstunde auf- und niedersteigen.

Brunnen und Quellen sind, von den Tagen der heiligen Schrift her, in den heißen Himmelsstrichen als Plauderplätze bekannt, und an dem besagten Brunnen wird den lieben langen Tag von den Invaliden, den alten Weibern und anderem neugierigen und müßigen Volke der Festung ein ständiger Klub gehalten. Sie sitzen da auf den steinernen Bänken, unter einem Dache, mit dem der Brunnen überdeckt ist, um die Zolleinnehmer vor der Sonne zu schützen, und beschwatzen die Vorfälle der Festung und fragen jeden Wasserträger, der da kommt, über die Stadtneuigkeiten, und machen lange Betrachtungen über Alles, was sie sehen und hören. Es vergeht keine Stunde des Tages, daß man nicht zögernde Weiber und müßige Mägde mit dem Krug in der Hand oder auf dem Kopfe hier weilen sieht, um den Schluß des endlosen Gewäsches dieser würdigen Leute zu hören.

Unter den Wasserträgern, welche einst zu diesem Brunnen kamen, war ein starker, breitschultriger, krummbeiniger kleiner Kerl, Namens Pedro Gil, den man jedoch der Kürze wegen Peregil hieß. Als Wasserträger war er natürlich ein Gallego oder Galicier. Die Natur scheint Geschlechter von Menschen, wie von Thieren, für verschiedene Arten von Plackerei geschaffen zu haben. In Frankreich sind alle Schuhputzer Savoyarden, alle Thürhüter Schweizer, – und in den Tagen der Reifröcke und des Haarpuders konnte Niemand eine Sänfte gehörig in Gang bringen, als ein langbeiniger Irländer. So sind in Spanien die Wasser- und Lastträger sämmtlich stämmige kleine Leute aus Galicien. Niemand sagt: »Schafft mir einen Träger«, – sondern: »Ruft einen Gallego«.

Um von dieser Abschweifung zurückzukommen, Peregil, der Gallego, hatte sein Geschäft mit nichts als einem großen irdenen Krug angefangen, den er auf seiner Schulter trug; allmählig hob er sich in der Welt und war im Stande, sich einen Gehülfen von einer entsprechenden Klasse von Thieren anzuschaffen, – nämlich einen starken, zottelhaarigen Esel. Auf jeder Seite dieses langöhrigen Adjutanten waren in einer Art Korb seine Wasserkrüge, auf welchen Feigenblätter lagen, um sie vor der Sonne zu bedecken. Es gab keinen fleißigern Wasserträger in ganz Granada, und auch keinen fröhlichern. Die Straßen hallten von seiner lustigen Stimme wieder, während er seinem Esel nachtrabte und das gewöhnliche Sommerlied sang, das man in allen spanischen Städten hört: »Quien quiere agua – agua mas fria que la nieve?« – »Wer will Wasser – Wasser kälter als Schnee? Wer will Wasser vom Brunnen der Alhambra, kalt wie Eis und klar wie Krystall?« Wenn er einem Kunden das klare Glas darreichte, that er es stets mit einem freundlichen Worte, das zum Lächeln zwang, und wenn es vielleicht eine hübsche Dame oder eine schmucke Maid mit Grübchen in den Wangen war, geschah es nicht ohne ein schlaues Lächeln und ein Kompliment über ihre Schönheit, das unwiderstehlich war. So war Peregil der Gallego in ganz Granada als einer der höflichsten, lustigsten und glücklichsten Menschen bekannt. Allein Der hat nicht immer das leichteste Herz, der am lautesten singt und am meisten scherzt. Bei allem diesem vergnügten Aeußern hatte der ehrliche Peregil seine Noth und Sorgen. Er hatte einen großen Haufen zerlumpter Kinder zu ernähren, die hungrig und lärmend waren, wie ein Nest voll junger Schwalben, und ihn jeden Abend bei seiner Rückkehr mit ihrem Geschrei nach Brod umringten. Er hatte auch eine Gehülfin, aber er hatte nichts weniger als Hülfe von ihr. Sie war vor ihrer Verheirathung eine Dorfschönheit gewesen – berühmt wegen ihrer Geschicklichkeit, den Bolero zu tanzen und die Kastagnetten zu rühren; und sie behielt ihre früheren Liebhabereien bei, vergeudete den mühsamen Erwerb des ehrlichen Peregil in Putz, und nahm sogar den Esel in Beschlag, um Lustpartien auf das Land zu machen, so oft ein Sonntag oder Festtag oder einer der zahllosen Feiertage kam, die in Spanien fast häufiger sind als die Tage der Woche. Bei allem dem war sie auch ein wenig von einer Schlumpe, etwas mehr von einer Faulenzerin und vor allem eine Klatsche von der ersten Sorte, die ihr Haus, ihren Haushalt und alles Uebrige vernachlässigte, um in den Häusern ihrer geschwätzigen Nachbarn herumzuliegen.

Er aber, der dem geschornen Lamme den Wind mischt, paßt auch das Ehestandsjoch dem sich beugenden Nacken an. Peregil trug alle die schweren Lasten von Weib und Kindern mit so mildem Sinne, wie sein Esel die Wasserkrüge, und obgleich er seine Ohren wohl für sich schüttelte, wagte er es doch nie, die haushälterischen Tugenden seines schlumpigen Weibchens in Zweifel zu ziehen.

Er liebte seine Kinder auch, wie eine Eule ihre Eulchen liebt, weil sie in ihnen ihr eigenes Bild vervielfältigt und fortgepflanzt sieht; denn es war eine starke, breitschultrige, krummbeinige kleine Brut. Die größte Freude des ehrlichen Peregil aber war, wenn er sich zuweilen einen Feiertag machen konnte und einige Maravedis auszugeben hatte, das ganze Nest mit sich hinaus zu nehmen – einige auf dem Arm, einige an seinem Rockschooß hängend, und einige ihm auf den Fersen nachtrollend – und in den Gärten der Vega zu bewirthen, während seine Frau mit ihren Feiertagsfreundinnen in den Angosturas des Darro tanzte.

Es war spät in einer Sommernacht, und die meisten Wasserträger hatten sich schon aus den Straßen entfernt. – Der Tag war ungewöhnlich heiß gewesen; die Nacht war eine jener köstlichen Mondscheinnächte, welche die Bewohner der südlichen Länder einladen, sich für die Hitze und Unthätigkeit des Tages zu entschädigen, indem sie im Freien bleiben und die gemäßigte Milde der Luft bis nach Mitternacht genießen. Es waren daher noch Leute draußen, die Wasser verlangten. Peregil dachte, als ein besonnener, arbeitsamer, kleiner Vater, an seine hungrigen Kinder und sagte zu sich: »Noch einen Gang zum Brunnen, um einen Puchero für die Kleinen auf den Sonntag zu verdienen.« Bei diesen Worten schritt er muthig den steilen Pfad zu der Alhambra hinan, sang unterwegs und gab dann und wann seinem Esel einen tüchtigen Schlag mit einem Prügel in die Seite, entweder als Takt zu dem Lied, oder als Ermunterung für das Thier; denn tüchtige Schläge dienen bei allen Lastthieren Spaniens statt des Hafers.

Als er an den Brunnen kam, fand er ihn von Allen verlassen, einen einsamen Fremden in maurischem Gewand ausgenommen, der auf der Steinbank im Mondscheine saß. Peregil hielt erst an und betrachtete ihn mit einem Erstaunen, das nicht ganz ohne Furcht war; aber der Maure winkte ihm leise, sich zu nähern, und sagte: »Ich bin schwach und krank; hilf mir, in die Stadt zurück zu kommen, und ich will dir das Doppelte von dem bezahlen, was du mit deinen Wasserkrügen verdient hättest.«

Das biedere Herz des kleinen Wasserträgers war bei dieser Bitte des Fremden von Mitleid durchdrungen. »Gott verhüte«, sagte er, »daß ich einen Lohn oder eine Gabe für eine Handlung der Menschlichkeit verlange.« Er half also dem Mauren auf seinen Esel und zog langsam nach Granada hinab; der arme Moslem war so schwach, daß er ihn auf dem Thiere halten mußte, damit er nicht herabfiel.

Als sie in die Stadt kamen, fragte der Wasserträger, wohin er ihn führen solle. »Ach«, sagte der Maure schwach, »ich habe weder Haus noch Wohnung; ich bin ein Fremdling in dem Lande. Laß mich mein Haupt diese Nacht unter deinem Dache niederlegen, und du sollst reichlich dafür belohnt werden.«

Der ehrbare Peregil sah sich auf diese Art unerwartet mit einem ungläubigen Gaste belastet, war aber zu menschlich, um einem Manne, der in einer so verlassenen Lage war, ein Nachtlager zu versagen; er führte den Mauren daher in seine Wohnung. Die Kinder, die, wie gewöhnlich, wenn sie den Tritt des Esels hörten, mit offnem Munde herauskamen, liefen erschreckt zurück, als sie den beturbanten Fremden sahen, und versteckten sich hinter ihre Mutter. Die letztere schritt unerschrocken heraus, wie eine gluckende Henne vor ihrer Brut, wenn ein verlaufener Hund naht.

»Welchen ungläubigen Gefährten«, sagte sie, »bringst du in dieser nächtlichen Stunde in das Haus, um die Augen der Inquisition auf uns zu ziehen?«

»Sei ruhig, Frau!« sagte der Gallego; »es ist ein armer, kranker Fremdling, ohne Freund und Obdach. Möchtest du ihn abweisen, damit er auf der Straße sterbe?«

Das Weib hätte sich noch gesträubt, denn obgleich sie in einer elenden Hütte lebte, so war sie doch eine eifrige Kämpferin für den Kredit ihres Hauses; aber der kleine Wasserträger war dieses Mal hartnäckig und wollte sich nicht unter das Joch beugen. Er half dem armen Moslem absteigen und breitete eine Matte und ein Schaffell für ihn in dem kühlsten Theile des Hauses auf den Boden – ein besseres Bett konnte seine Armuth nicht bieten.

Nach einer kleinen Weile bekam der Maure die heftigsten Krämpfe, die aller hülfreichen Geschicklichkeit des einfachen Wasserträgers trotzten. Das Auge des armen Kranken sprach seine Erkenntlichkeit aus. In einem schmerzenfreien Augenblick rief er ihn an seine Seite und sagte mit leiser Stimme zu ihm: »Mein Ende, fürchte ich, ist nahe. Wenn ich sterbe, vermache ich dir diese Kapsel als Lohn für deine Güte.« Bei diesen Worten öffnete er seinen Albornoz oder das Ueberkleid, und zeigte eine kleine Kapsel von Sandelholz, die mit einem Riemen um seinen Leib gebunden war. »Gott gebe, mein Freund«, versetzte der würdige kleine Gallego, »daß Ihr viele Jahre lebt, um Euch Eures Schatzes zu erfreuen, welcher Art er auch sein mag.« Der Maure schüttelte den Kopf; er legte seine Hand auf die Kapsel und schien noch etwas in Bezug auf dieselbe sagen zu wollen, aber seine Krämpfe kamen mit erhöhter Heftigkeit zurück, und nach einer kleinen Weile war er todt.

Des Wasserträgers Weib war jetzt wie wahnsinnig. »Das kommt von deiner thörichten Gutmüthigkeit«, sagte sie; »immer stürzest du dich ins Unglück, um Andern zu helfen. Was wird aus uns werden, wenn man diese Leiche in unserm Hause findet? Man wird uns als Mörder ins Gefängniß stecken, und wenn wir mit dem Leben davon kommen, werden uns die Advokaten und Gerichtsdiener zu Grunde richten.«

Der arme Peregil war in gleicher Unruhe und bereute es beinahe, eine gute That gethan zu haben. Endlich durchkreuzte ihn ein Gedanke. »Es ist noch nicht Tag«, sagte er, »und ich kann die Leiche aus der Stadt bringen und sie in dem Sand an den Ufern des Xenil begraben. Niemand sah den Mauren in unser Haus kommen, und Niemand soll etwas von seinem Tode erfahren.«

Wie gesagt, so gethan. Die Frau half ihm. Sie wickelten die Leiche des unglücklichen Moslem in die Matte, auf welcher er gestorben war, legten sie über den Esel, und Peregil zog mit ihr an das Ufer des Flusses.

Zum Unglück wohnte dem Wasserträger gegenüber ein Barbier, Namens Pedrillo Pedrugo, einer der Neugierigsten, Schwatzhaftesten und Boshaftesten seiner klatschhaften Zunft. Es war ein wieselköpfiger, spinnenbeiniger Schurke, geschmeidig und zudringlich; der berühmte Barbier von Sevilla konnte ihn in umfassender Kenntniß der Angelegenheiten Anderer nicht übertreffen, und er konnte nicht mehr bei sich behalten wie ein Sieb. Man sagte, er schliefe immer nur mit Einem Auge, und habe Ein Ohr unbedeckt, damit er selbst im Schlafe Alles hören und sehen könnte, was vorging. So viel ist gewiß, er war eine Art Läster-Chronik für die Neuigkeitskrämer von Granada, und hatte mehr Kunden als alle übrigen Barbiere der Stadt.

Dieser ruhelose Barbier hörte den Peregil zu einer ungewöhnlichen Stunde der Nacht ankommen, ebenso das Geschrei seines Weibes und der Kinder. Alsbald steckte er auch seinen Kopf aus dem kleinen Fenster, das ihm als ein Lug-ins-Land diente, und sah seinen Nachbarn einem Manne in maurischem Gewand in seine Wohnung helfen. Das war ein so auffallendes Ereigniß, daß Pedrillo diese Nacht nicht einen Moment schlief. Alle fünf Minuten war er an seinem Fensterchen; er gewahrte das Licht, das durch die Spalten der Thüre des Nachbars flimmerte, und sah vor Anbruch des Tages Peregil mit seinem ungewöhnlich beladenen Esel abziehen.

Der neugierige Barbier war außer sich; er schlüpfte in seine Kleider, stahl sich schweigend fort und folgte in einiger Entfernung dem Wasserträger, wo er ihn denn auf dem Sandufer des Xenil eine Grube graben und Etwas in dieselbe verscharren sah, das wie die Leiche eines Menschen aussah.

Der Barbier eilte nach Haus, polterte in seiner Bude umher und warf Alles drunter und drüber, bis der Tag kam. Jetzt nahm er das Becken unter den Arm und eilte in das Haus seines täglichen Kunden, des Alcalden.

Der Alcalde war eben aufgestanden. Pedrillo Pedrugo setzte ihm einen Stuhl hin, band ihm eine Serviette um den Hals, steckte ihm ein Becken mit heißem Wasser unter das Kinn und fing an, ihm den Bart mit den Fingern zu erweichen.

»Seltsame Vorfälle!« sagte Pedrugo, der zugleich den Neuigkeitskrämer und den Barbier spielte: »Seltsame Vorfälle! Raub – Mord – und – Begräbniß – Alles in einer Nacht.«

»Oho! – Wie? Was sagt Ihr da?« rief der Alcalde.

»Ich sage«, versetzte der Barbier, indem er dem Würdenträger ein Stück Seife über die Nase und den Mund rieb, denn ein spanischer Barbier verachtet es, einen Pinsel zu brauchen, – »ich sage, Peregil, der Gallego, hat einen maurischen Muselmann in dieser gebenedeiten Nacht beraubt, gemordet und begraben. Maldita sea la noche – verflucht sei die Nacht!«

»Aber wie habt Ihr das Alles erfahren?« fragte der Alcalde.

»Habt Geduld, Señor, und Ihr sollt Alles hören«, erwiederte Pedrillo, nahm ihn bei der Nase und ließ das Rasirmesser über seine Wange gleiten. Er erzählte dann Alles, was er gesehen hatte, und machte beide Operationen zu gleicher Zeit ab, indem er ihm den Bart abkratzte, das Kinn wusch, und ihn mit einer schmutzigen Serviette abtrocknete, während er den Moslem beraubte, mordete und begrub.

Nun traf es sich, daß der Alcalde einer der hochfahrendsten und zugleich einer der habsüchtigsten, schlechtesten Geizhälse in ganz Granada war. Gleichwohl konnte nicht geleugnet werden, daß er einen hohen Werth auf die Gerechtigkeit setzte; denn er verkaufte sie nach ihrem Gewichte in Gold. Er dachte sich, der vorliegende Fall sei ein Raubmord; ohne Zweifel habe es reiche Beute dabei abgesetzt. Wie war diese in die rechtmäßige Hand des Gerichtes zu bringen? – Denn den Verbrecher bloß zu ertappen, – das hieß nur den Galgen füttern; – aber den Raub ertappen, – das hieß den Richter bereichern, und dieß war, seiner Ansicht nach, der große Zweck der Gerechtigkeit. So dachte er und rief seinen treuesten Alguacil, – einen ausgetrockneten, hungrig aussehenden Schurken, nach der Sitte seines Standes in die altspanische Tracht gekleidet: ein breiter schwarzer Hut nach allen Seiten aufgestülpt, ein sauberer Kragen, ein kleiner schwarzer Mantel von den Schultern flatternd, alte schwarze Unterkleider, welche seine schwanke, drähterne Gestalt noch mehr hervorhoben, während er in seiner Hand einen dünnen, weißen Stab trug, das gefürchtete Abzeichen seines Amtes. Dieser Art war der Spürhund des Gesetzes von altspanischer Zucht, den er auf die Spuren des unglücklichen Wasserträgers hetzte; und so groß war dessen Eile, daß er dem armen Peregil, ehe derselbe noch sein Haus erreicht hatte, bereits auf den Fersen war, und ihn nebst seinem Esel vor den Spender der Gerechtigkeit brachte.

Der Alcalde warf einen seiner fürchterlichsten Blicke auf ihn. »Hörst du, Verbrecher!« brüllte er in einem Tone, daß dem armen Gallego die Knie aneinander klapperten, – »hörst du, Verbrecher, du brauchst deine Schuld nicht zu leugnen, ich weiß bereits Alles. Ein Galgen ist der beste Lohn für das Verbrechen, das du begangen hast; aber ich bin mitleidig und lasse gern mit mir reden. Der Mann, den du in deinem Hause ermordet hast, war ein Maure, ein Ungläubiger, ein Feind unserer Religion. Ohne Zweifel hast du ihn in einem Anfall religiösen Eifers todt geschlagen. Ich will daher nachsichtig sein; gieb die Habe heraus, welche du ihm genommen hast, und wir wollen die Sache vertuschen.«

Der arme Wasserträger rief alle Heiligen als Zeugen seiner Unschuld an, aber ach, keiner von ihnen kam; und wenn sie gekommen wären, der Alcalde hätte alle Heiligen des Kalenders Lügen gestraft. Der Wasserträger erzählte die ganze Geschichte von dem sterbenden Mauren mit der ungeschmückten Einfachheit der Wahrheit; aber Alles war umsonst. »Wirst du auf deiner Aussage bestehen«, fragte der Richter, »daß dieser Moslem weder Gold noch Juwelen hatte, welche ein Gegenstand deiner Habgier waren?«

»So gewiß ich selig zu werden hoffe, Euer Gnaden«, versetzte der Wasserträger; »er hatte nichts als eine kleine Kapsel von Sandelholz, die er mir als Lohn für meine Dienste vermachte.«

»Eine Kapsel von Sandelholz? Eine Kapsel von Sandelholz?« rief der Alcalde, und seine Augen funkelten bei den Gedanken an Edelsteine. »Und wo ist diese Kapsel? wo hast du sie versteckt?«

»Euer Gnaden zu dienen!« sagte der Wasserträger, »sie ist in einem der Körbe meines Esels und steht Euer Gnaden herzlich gern zu Diensten.«

Er hatte diese Worte kaum gesprochen, so schoß der treffliche Alguacil schon fort und erschien in einem Augenblick wieder mit der geheimnißvollen Kapsel von Sandelholz. Der Alcalde öffnete sie mit hastiger und zitternder Hand; Alles drängte sich herzu, um die Schätze zusehen, welche sie, wie man hoffte, enthielt; aber zu ihrem Mißmuth zeigte sich nichts als eine Pergamentrolle mit arabischen Buchstaben bedeckt und ein Stück von einer Wachskerze.

Wenn nichts durch die Ueberführung eines Gefangenen zu gewinnen ist, so ist die Gerechtigkeit sogar in Spanien manchmal unparteiisch. Als sich der Alcalde von seinem Verdruß erholt hatte und sah, daß wirklich nichts Namhaftes in der Kapsel war, hörte er leidenschaftslos auf die Auseinandersetzung des Wasserträgers, welche durch das Zeugniß seiner Frau bekräftigt ward. So von seiner Unschuld überzeugt, entließ er ihn aus seiner Haft; ja, er erlaubte ihm sogar, sein maurisches Vermächtniß, die Kapsel von Sandelholz und deren Inhalt als wohlverdienten Lohn für seine Dienste mit nach Hause zu nehmen; den Esel aber behielt er, statt Geldes, für Kosten und Gebühren.

Da war denn der unglückliche kleine Gallego wieder in die Notwendigkeit versetzt, sein eigener Wasserträger zu werden und mit einem großen irdenen Krug auf seiner Schulter zu dem Brunnen der Alhambra hinauf zu kriechen.

Wenn er in der Hitze eines Sommernachmittags die Höhe hinaufkeuchte, verließ ihn seine gewöhnliche gute Laune. »Verdammter Alcalde!« rief er dann wohl aus, »der einem armen Manne die Mittel seines Unterhalts, den besten Freund raubte, den er auf der Welt hatte!« Und bei der Erinnerung an den geliebten Gefährten seiner Mühen brach dann die ganze Zärtlichkeit seines Wesens hervor: »Ach, Esel meines Herzens!« rief er aus, indem er seinen Krug auf einen Stein stellte und sich den Schweiß von der Stirne wischte,– »ach, Esel meines Herzens! Ich weiß es gewiß, du denkst an deinen alten Herrn! Ich weiß es gewiß, du vermissest die Wasserkrüge – armes Thier!«

Um seinen Kummer zu vermehren, empfing ihn seine Frau, wenn er nach Hause kam, mit Murren und Schelten. Sie hatte nun offenbar den Vortheil über ihn, denn sie hatte ihn gewarnt, die edle Handlung der Gastfreundschaft, welche all dieses Unheil über sie brachte, nicht zu üben, und als eine kluge Frau nahm sie jede Gelegenheit wahr, ihm ihren überlegneren Scharfsinn vorzuhalten. Wenn ihre Kinder kein Brod hatten oder ein neues Kleid brauchten, sagte sie wohl höhnisch: »Geht zu eurem Vater, – er ist der Erbe des Königs Chico von der Alhambra, – sagt ihm, er solle euch mit der Büchse des Mauren helfen.«

Wurde je ein armer Erdenmensch so arg gestraft, weil er eine gute That vollbracht hatte? Der unglückliche Peregil war an Leib und Seele niedergeschlagen, dennoch ertrug er den Hohn seiner Frau mit Gelassenheit. Endlich aber, als er eines Abends nach saurer Tagesarbeit heimkehrte, und sie ihn wieder in der gewöhnlichen Weise ausschalt, riß ihm die Geduld. Er wagte es nicht, sie es entgelten zu lassen, aber sein Auge fiel auf die Kapsel von Sandelholz, die mit halb offenem Deckel, als spotte sie über seine Noth, auf einem Brette lag. Er ergriff sie und warf sie zornig auf den Boden. »Verflucht der Tag«, rief er, »an welchem ich dich zuerst erblickte und deinen Besitzer unter meinem Dache aufnahm!«

Als das Kistchen auf den Boden fiel, öffnete sich der Deckel weit und die Pergamentrolle fiel heraus. Peregil betrachtete die Rolle eine Zeitlang mit düsterem Schweigen. Endlich sammelte er seine Gedanken – »Wer weiß«, dachte er, »vielleicht ist diese Schrift nicht unwichtig, da der Maure sie so sorgfältig bewahrte!« Er nahm sie daher und steckte sie in seine Brust; und als er am nächsten Morgen Wasser in den Straßen ausrief, blieb er an dem Laden eines Mauren stehen, eines Eingebornen von Tanger, der Wohlgerüche und andere Kleinigkeiten verkaufte, und bat ihn, ihm den Inhalt zu erklären.

Der Maure las die Rolle aufmerksam, strich dann den Bart und lächelte. »Diese Handschrift«, sagte er, »enthält eine Zauberformel, um verborgene Schätze, welche gebannt liegen, aufzufinden. Es heißt, sie habe eine solche Kraft, daß die stärksten Riegel und Bande, ja selbst Demantfelsen ihr weichen müssen.«

»Pah«, sagte der kleine Gallego, »was nützt mich das Alles? Ich bin kein Beschwörer und weiß nichts von begrabenen Schätzen.« Bei diesen Worten nahm er seinen Wasserkrug auf die Schulter, ließ die Rolle in den Händen des Mauren und machte seine gewöhnliche Runde.

Als er aber am Abend in der Dämmerstunde an dem Brunnen der Alhambra ausruhte, fand er eine Gesellschaft von Plaudertaschen versammelt, deren Unterhaltung, wie das in diesen abendlichen Stunden nicht ungewöhnlich ist, sich um alte Märchen und Sagen von übernatürlichen Ereignissen drehte. Da sie Alle arm waren wie Kirchenmäuse, verweilten sie mit Vorliebe bei dem vielbeliebten Stoffe – bei bezauberten Schätzen, welche die Mauren in verschiedenen Theilen der Alhambra zurückgelassen. Vor allem stimmten sie in dem Glauben überein, es lägen tief in der Erde unter dem Thurme der sieben Stockwerke große Schätze verborgen.

Diese Geschichten machten einen ungewöhnlichen Eindruck auf den Geist des guten Peregil und senkten sich tiefer und tiefer in seine Gedanken, als er durch die dunkeln Pfade einsam zurückkehrte. »Wenn nun wirklich ein Schatz unter diesem Thurme begraben läge«, sagte er bei sich, »und wenn die Rolle, die ich bei dem Mauren gelassen habe, mich in den Stand setzte, sie zu heben?« In der plötzlichen Ekstase dieses Gedankens hätte er beinahe seinen Wasserkrug fallen lassen.

Er wälzte sich diese Nacht ruhelos in seinem Bette und konnte vor allen den Gedanken, die sein Gehirn beunruhigten, nicht einen Augenblick schlafen. Mit dem frühesten Morgen eilte er in die Bude des Mauren und erzählte ihm Alles, was ihm in dem Kopfe herumgegangen war. »Ihr könnt Arabisch lesen«, sagte er; »laßt uns miteinander in den Thurm gehen und die Wirkung der Zauberformel versuchen. Schlägt es fehl, so sind wir nicht schlimmer daran als vorher; gelingt es, so theilen wir den ganzen Schatz, den wir finden, in gleiche Theile.«

»Halt«, versetzte der Moslem; »die Schrift allein reicht nicht hin; sie muß um Mitternacht, bei dem Licht einer Kerze gelesen werden, welche auf besondere Art zusammengesetzt und hergerichtet ist und wozu das Erforderliche nicht in meinem Bereiche liegt. Ohne diese Kerze ist die Rolle von keinem Nutzen.«

»Kein Wort mehr!« rief der kleine Gallego; »ich habe eine solche Kerze zur Hand und werde sie den Augenblick herbringen.« Damit eilte er nach Haus, und kam bald mit dem Ende der gelben Wachskerze zurück, die er in der Kapsel gefunden hatte.

Der Maure fühlte und roch daran. »Hier sind seltene und kostbare Wohlgerüche mit diesem gelben Wachse verbunden«, sagte er. »Dieß ist die Art Kerze, wie sie in der Rolle bezeichnet ist. So lange sie brennt, werden die stärksten Mauern und geheimsten Höhlen offen bleiben. Aber wehe dem, der wartet, bis sie verloschen ist. Er bleibt verzaubert bei dem Schatze.«

Sie kamen nun überein, den Zauber noch in derselben Nacht zu versuchen. Als daher in später Stunde sich nichts mehr regte als Eulen und Fledermäuse, bestiegen sie die waldbewachsene Anhöhe der Alhambra und näherten sich dem erwähnten Thurme, der von Bäumen umgeben war und durch so viele Sagen etwas Schauerliches hatte. Bei dem Licht einer Laterne tappten sie sich durch Büsche und über Steine zum Thor eines Gewölbes unter dem Thurme fort. Mit Furcht und Zittern stiegen sie eine in den Felsen gehauene Treppe hinab. Sie führte zu einer leeren, feuchten und öden Kammer, aus welcher eine zweite Treppe in ein tieferes Gewölbe ging. Auf diese Art stiegen sie vier verschiedene Treppen hinab, welche in eben so viele Gewölbe, eines unter dem andern, führten. Aber der Boden des vierten war fest; und obgleich der Sage nach noch drei Gewölbe tiefer unten waren, so war es doch, wie man behauptete, unmöglich, weiter einzudringen, da ein starker Zauber diese unteren Theile verschloß. Die Luft dieses Gewölbes war feucht und kalt und roch nach Erde, und das Licht verbreitete nur einen schwachen Strahl. In athemloser Ungewißheit standen sie eine Zeitlang hier, bis sie die Glocke des Wachtthurms schwach Zwölf schlagen hörten; da zündeten sie die Wachskerze an, welche einen Geruch von Myrrhen, Weihrauch und Storax verbreitete.

Der Maure begann schnell zu lesen. Er hatte kaum geendigt, als ein Geräusch wie unterirdischer Donner entstand. Die Erde bebte, der Boden that sich auf und zeigte eine Treppe. Zitternd und bebend stiegen sie hinab und sahen sich bei dem Lichte der Laterne in einem anderen, mit arabischen Inschriften bedeckten Gewölbe. In der Mitte stand eine große Kiste, welche mit sieben Stahlbanden befestigt war, und an deren Enden zwei bezauberte Mauren in voller Rüstung, aber regungslos wie Statuen saßen, denn sie waren in der Gewalt des Bannes. Vor der Kiste standen mehrere mit Gold und Silber und Edelsteinen gefüllte Krüge. In den größten derselben steckten sie ihre Arme bis zum Ellbogen und holten sich mit jedem Griffe Hände voll breite gelbe Stücke maurischen Goldes, oder Spangen und Schmuck desselben kostbaren Metalls, wobei manchmal ein Halsband von orientalischen Perlen sich an ihre Finger hängte. Sie bebten und athmeten fieberhaft, während sie ihre Taschen mit der Beute füllten; und manchen furchtsamen Blick warfen sie auf die bezauberten Mauren, die bewegungslos und grimmig da saßen und sie mit starren Augen ansahen. Endlich faßte sie bei einem eingebildeten Geräusch ein panischer Schrecken, und sie stürzten Beide, einer über den andern stolpernd, die Treppe hinauf, in das obere Gemach, warfen die Wachskerze um und löschten sie aus und der Boden schloß sich wieder mit einem donnernden Schall.

Von Furcht erfüllt, standen sie nicht eher still, als bis sie sich aus dem Thurme hinausgetastet hatten und die Sterne durch die Bäume glänzen sahen. Jetzt setzten sie sich auf das Grab und theilten den Fund, entschlossen, für jetzt mit dieser bloß oberflächlichen Untersuchung der Krüge sich zu begnügen, aber in einer der nächsten Nächte wieder zu kommen, und sie bis auf den Grund zu leeren. Damit einer des andern sicher wäre, theilten sie die Zaubermittel unter sich; der eine behielt die Rolle, der andere die Kerze; als dieß gethan war, brachen sie mit leichten Herzen und wohlgespickten Taschen nach Granada auf.

Als sie den Hügel hinabstiegen, flüsterte der verschlagene Maure dem einfachen kleinen Wasserträger ein Wort guten Rathes zu.

»Freund Peregil«, sagte er, »dieser ganze Handel muß ein tiefes Geheimniß bleiben, bis wir uns den ganzen Schatz zugeeignet und ihn in gute Verwahrung gebracht haben. Wenn der Alcalde auch nur eine Sylbe davon erfährt, sind wir verloren.«

»Gewiß«, versetzte der Gallego, »nichts kann wahrer sein.«

»Freund Peregil«, sagte der Maure, »du bist ein kluger Mann, und wirst gewiß ein Geheimniß für dich behalten können; aber du hast eine Frau.«

»Kein Wort soll sie davon erfahren«, erwiederte der Wasserträger barsch.

»Genug«, sagte der Maure; »ich verlasse mich auf deine Klugheit und dein Wort.«

Nie war ein Wort in bestimmter und redlicherer Absicht gegeben worden; welcher Mann kann aber vor seiner Frau ein Geheimniß behalten? Gewiß keiner wie Peregil, der Wasserträger, der einer der liebevollsten und gutmüthigsten Ehemänner war. Als er nach Hause kam, fand er seine Frau noch auf, die gedankenvoll in einem Winkel saß.

»Recht schön«, rief sie, als er eintrat; »endlich bist du da, nachdem du bis in diese Stunde der Nacht umherschwärmtest. Mich wundert, daß du nicht wieder einen Mauren als Hausgenossen heimgebracht hast.« Darauf brach sie in Thränen aus, rang ihre Hände und schlug sich die Brust. »Unglückliche Frau, die ich bin«, rief sie, »was soll aus mir werden? Mein Haus von Advokaten und Alguacils beraubt und geplündert; mein Mann ein Taugenichts, der kein Brod mehr für seine Familie heimbringt, sondern mit ungläubigen Mauren Tag und Nacht herumstreicht! O meine Kinder! meine Kinder! was wird aus uns werden? Wir werden alle in den Straßen betteln gehen müssen!«

Der ehrliche Peregil ward durch den Gram seiner Frau so gerührt, daß er sich nicht enthalten konnte, auch zu schluchzen. Sein Herz war so voll wie seine Tasche, – es mußte sich ausschütten. Er steckte seine Hand in die letztere, that drei oder vier dicke Goldstücke heraus und ließ sie in ihren Busen gleiten. Die arme Frau war starr vor Erstaunen und wußte nicht, was dieser goldne Regen bedeuten sollte. Ehe sie sich von ihrem Erstaunen erholen konnte, zog der kleine Gallego eine goldene Kette hervor und ließ sie vor ihr baumeln, während er vor Freude sprang und den Mund von einem Ohr zum andern aufriß.

»Die heilige Jungfrau schütze uns!« rief die Frau. »Was hast du gethan, Peregil? Du hast doch nicht Raub und Mord begangen?«

Dieser Gedanke war der armen Frau kaum durch den Kopf geflogen, so war er auch schon Gewißheit bei ihr. Sie sah schon einen Kerker und einen Galgen vor sich, und einen kleinen krummbeinigen Gallego, der an demselben aufgehängt war; und von den durch ihre Phantasie heraufbeschwornen Schauern überwältigt, verfiel sie in Krämpfe.

Was sollte der arme Mann thun? Er hatte kein anderes Mittel, seine Frau zu beruhigen und die Trugbilder ihrer Phantasie zu verscheuchen, als daß er ihr die ganze Geschichte seines Glückes erzählte. Er that dieß jedoch nicht eher, als bis er ihr das feierliche Versprechen abgedrungen hatte, keinem lebenden Wesen ein Wort von der ganzen Sache zu erzählen.

Es würde unmöglich sein, ihre Freude zu beschreiben. Sie schlang ihre Arme um den Hals ihres Gatten, und erstickte ihn bald mit ihren Liebkosungen. »Jetzt, Frau«, rief der kleine Mann mit offener Freude, »was sagst du jetzt zu dem Vermächtnisse des Mauren? Fortan schilt mich nicht mehr, wenn ich einem unglücklichen Mitmenschen beistehe!«

Der ehrliche Gallego legte sich auf seine Schafpelzmatte und schlief so gesund wie auf einem Flaumbette. Nicht so seine Frau. Sie schüttelte den ganzen Inhalt seiner Taschen auf die Matte und zählte die ganze Nacht Goldstücke von arabischem Gepräge, probirte Halsbänder und Ohrringe, und dachte, wie sie eines Tages aussehen würde, wenn sie sich ihrer Schätze erfreuen dürfte.

Am folgenden Morgen nahm der ehrliche Gallego ein dickes Goldstück und ging damit in die Bude eines Juwelenhändlers auf dem Zacatin, um ihm es zum Kauf anzubieten, indem er vorgab, er habe es in den Trümmern der Alhambra gefunden. Der Juwelier sah, daß es eine arabische Umschrift hatte und von dem reinsten Golde war; er bot aber nur den dritten Theil des Werthes, womit der Wasserträger vollkommen zufrieden war. Peregil kaufte jetzt neue Kleider für seine kleine Heerde, sowie alle Arten von Spielzeug, und reichen Vorrath für ein tüchtiges Mahl, worauf er heimkehrte und alle seine Kinder um sich her tanzen ließ, während er, der glücklichste der Väter, in ihrer Mitte hüpfte!

Die Frau des Wasserträgers hielt ihr Versprechen, zu schweigen, mit überraschender Pünktlichkeit. Anderthalb Tage ging sie umher mit geheimnißvollem Blick und einem Herzen, das zum Bersten voll war; aber sie schwieg, obgleich sie von ihren Gevatterinnen umgeben war. Es ist wahr, sie konnte nicht umhin, sich einiges Ansehen zu geben, entschuldigte ihre zerrissenen Kleider, sprach von dem Bestellen einer Basquina, mit goldenen Borten und Korallen besetzt, und einer neuen Spitzen-Mantilla. Sie ließ auch Winke von der Absicht ihres Mannes fallen, sein Gewerbe als Wasserträger aufgeben zu wollen, da es nicht mehr ganz seine Gesundheitsumständen vertrügen. Sie hoffte fest, daß sie sich Alle den Sommer auf das Land zurückziehen würden, wo die Kinder die Bergluft genießen könnten; denn es sei unmöglich, in der heißen Jahreszeit die Stadt zu bewohnen.

Die Nachbarinnen starrten einander an, und glaubten, die arme Frau habe ihren Verstand verloren; und ihr aufgeblasenes Wesen, ihr Schönthun und ihre vornehmen Ansprüche waren der allgemeine Gegenstand des Spottes und der Belustigung ihrer Freundinnen, sobald sie ihnen den Rücken gewendet hatte.

Wenn sie sich jedoch draußen zurückhaltend verhielt, so entschädigte sie sich dafür zu Hause und legte eine Schnur reicher, orientalischer Perlen um ihren Hals, maurische Spangen um ihre Arme, und einen Schmuck von Diamanten um ihre Haare, und segelte in der Stube rückwärts und vorwärts in ihren schlumpigen Fetzen, und stand dann und wann still, um sich in einem Stück zerbrochenen Spiegelglases zu betrachten. Ja, in dem Drange ihrer lächerlichen Eitelkeit konnte sie einmal nicht widerstehen, sich an dem Fenster zu zeigen, um sich des Eindrucks ihres Putzes auf die Vorübergehenden zu erfreuen.

Das Unglück wollte aber, daß Pedrillo Pedrugo, der zudringliche Barbier, in diesem Augenblicke müßig in seiner Bude auf der entgegengesetzten Seite der Straße saß, als das Funkeln eines Diamants sein Auge traf. Augenblicks war er an seinem Lugloch und sah die schlumpige Frau des Wasserträgers in der Pracht einer morgenländischen Braut herausgeputzt. Er hatte nicht sobald ein genaues Verzeichniß ihres Schmuckes aufgenommen, so flog er auch schon in aller Hast zu dem Alcalden. Nach einer kleinen Weile war der hungrige Alguacil wieder auf der Spur; und ehe der Tag vorüber war, wurde der unglückliche Peregil wieder vor den Richter geschleppt.

»Wie ist's, Schurke!« rief der Alcalde mit einer fürchterlichen Stimme. »Du sagtest mir, der in deinem Hause verstorbene Ungläubige habe nichts als ein leeres Kistchen hinterlassen, und jetzt höre ich, deine Frau stolzire in ihren Lumpen einher, geschmückt mit Perlen und Diamanten. Elender, der du bist! Bereite dich, die Beute deines unglücklichen Opfers herauszugeben und an dem Galgen zu baumeln, der bereits müde ist, länger auf dich zu warten.«

Der erschrockene Wasserträger fiel auf seine Kniee und gab eine vollständige Erzählung von der wunderbaren Art, auf welche er zu seinem Reichthume gekommen war. Der Alcalde, der Alguacil und der neugierige Barbier lauschten mit offenen Ohren auf dieses arabische Märchen von verzauberten Schätzen. Der Alguacil wurde abgeschickt, den Mauren herzubringen, der bei der Beschwörung zugegen gewesen war. Der Moslem trat ein, halb entseelt vor Schrecken, sich in den Händen der Harpyien der Gerechtigkeit zu sehen. Als er den Wasserträger mit seinen Schafsaugen und der niedergeschlagenen Miene dastehen sah, begriff er Alles. »Elendes Geschöpf«, sagte er, als er an ihm vorüber ging, »habe ich dich nicht vor dem Plaudern deiner Frau gewarnt?«

Die Geschichte des Mauren stimmte genau zu der seines Genossen; aber der Alcalde stellte sich hartgläubig und drohte mit Gefängniß und strenger Untersuchung.

»Langsam, guter Señor Alcalde«, sagte der Muselmann, der unterdessen seine gewöhnliche Verschlagenheit und Selbstbeherrschung wieder erlangt hatte. »Laßt uns die Gaben des Glücks nicht durch Streit um sie vergeuden. Niemand weiß von dieser Sache etwas als wir, – bewahren wir das Geheimniß. Es sind Schätze genug in der Höhle, uns Alle zu bereichern. Versprecht eine gewissenhafte Theilung, und Alles soll bekannt werden, – verweigert sie, und die Höhle wird für immer geschlossen bleiben.«

Der Alcalde berieth sich heimlich mit dem Alguacil. Der Letztere war ein alter Fuchs in seinem Gewerbe. »Versprecht Alles«, sagte er, »bis Ihr im Besitz des Schatzes seid. Ihr könnt dann das Ganze nehmen; und wenn er und sein Mitfrevler zu murren wagen, so droht ihnen, als Ungläubigen und Hexenmeistern, mit dem Scheiterhaufen und dem Pfahl.«

Dem Alcalden gefiel der Rath. Er glättete seine Stirne und sagte, zu dem Mauren gewendet: »Diese Geschichte ist wunderbar, und mag wahr sein; – allein ich muß mich mit eigenen Augen davon überzeugen. Noch in dieser Nacht müßt Ihr die Beschwörungen in meiner Gegenwart wiederholen. Wenn wirklich ein solcher Schatz da ist, wollen wir ihn freundschaftlichst unter uns theilen, und nicht ferner von der Sache sprechen; habt Ihr mich aber getäuscht, so erwartet von mir keine Gnade. Mittlerweile müßt Ihr im Gefängniß bleiben.«

Der Maure und der Wasserträger stimmten diesen Bedingungen freudig bei; zufrieden, daß der Ausgang die Wahrheit ihrer Worte bewähren würde.

Gegen Mitternacht machte sich der Alcalde, begleitet von dem Alguacil und dem Barbier, allesammt gut bewaffnet, in aller Stille auf den Weg. Sie führten den Mauren und den Wasserträger als Gefangene mit sich und hatten sich den starken Esel des Letztern noch zugesellt, um ihm den gehofften Schatz aufzubürden. Ohne bemerkt zu werden, kamen sie an den Thurm, banden den Esel an einen Feigenbaum und stiegen in das vierte Gewölbe des Thurmes hinab.

Die Rolle wurde hervorgeholt, die gelbe Wachskerze angezündet, und der Maure las die Beschwörungsformel. Die Erde bebte wie früher, der Boden öffnete sich mit einem donnernden Schall, und die schmale Treppe ward sichtbar. Der Alcalde, der Alguacil und der Barbier waren schreckenbleich und konnten nicht so viel Muth finden, hinabzusteigen. Der Maure und der Wasserträger traten in das untere Gewölbe und fanden die zwei Mauren stumm und regungslos, wie früher, dasitzen. Sie hoben zwei große, mit Goldmünzen und kostbaren Steinen gefüllte Gefäße weg. Der Wasserträger schleppte sie, eines nach dem andern, auf seinen Schultern hinauf; obgleich er aber ein sehniger kleiner Mann und an das Tragen von Lasten gewöhnt war, wankte er doch unter ihrem Gewichte und fand, als er sie auf den beiden Seiten seines Esels befestigt hatte, daß sie so viel ausmachten, als sein Esel nur tragen konnte.

»Laßt uns für jetzt zufrieden sein«, sagt der Maure, »wir haben hier so viel Kostbares, als wir, ohne bemerkt zu werden, fortschaffen können, und genug, um uns Alle so reich zu machen, als das Herz es nur verlangen kann.«

»Ist der Schatz noch nicht ganz in unsern Händen?« fragte der Alcalde.

»Das Kostbarste«, sagte der Maure, »ist noch zurück, – eine große, mit Stahlbanden geschlossene Kiste voller Perlen und Edelsteine.«

»Wir müssen diese Kiste haben, es koste, was es wolle«, rief der habsüchtige Alcalde.

»Ich werde nicht mehr hinabgehen«, sagte der Maure verdrießlich; »genug ist genug für einen Vernünftigen, – mehr ist überflüssig.«

»Und ich«, sagte der Wasserträger, »werde keine Last mehr herauftragen, meines armen Esels Rücken zu brechen.«

Da der Alcalde Befehle, Drohungen und Bitten gleich vergeblich fand, wendete er sich zu seinen Getreuen. »Helft mir«, sagte er, »die Kiste herausbringen, und ihr Inhalt soll unter uns getheilt werden.« Bei diesen Worten stieg er die Treppen hinab, und zitternd und widerstrebend folgten ihm der Alguacil und der Barbier.

Der Maure sah sie kaum in der Tiefe, so verlöschte er die gelbe Kerze; der Boden schloß sich mit dem gewöhnlichen Schall, und die drei Helden blieben im Schooße der Erde vergraben.

Er eilte jetzt die verschiedenen Treppen hinauf und holte erst Athem, als er unter freiem Himmel war. Der kleine Wasserträger folgte ihm so schnell, als seine kurzen Beine es gestatteten.

»Was hast du gethan«, rief Peregil, sobald er Athem geholt hatte. »Der Alcalde und die andern Zwei sind in dem Gewölbe eingeschlossen.«

»Es ist der Wille Allahs!« sagte der Maure fromm.

»Und willst du sie nicht wieder befreien?« fragte der Gallego.

»Gott bewahre!« versetzte der Maure und strich sich den Bart. »Es steht in dem Buche des Schicksals geschrieben, sie sollen verzaubert bleiben, bis irgend ein künftiger Abenteurer den Bann bricht. Der Wille Gottes geschehe!« Mit diesen Worten schleuderte er das Ende der Wachskerze weit weg in das dunkle Dickicht des Thales.

Jetzt war nicht mehr zu helfen, und der Maure und der Wasserträger schritten denn mit dem reich beladenen Esel der Stadt zu. Der gute Peregil konnte sich nicht enthalten, seinen langöhrigen Arbeitsgenossen, den er so aus den Krallen der Gerechtigkeit gerettet sah, zu streicheln und zu küssen, und es steht wirklich dahin, was dem einfältigen Burschen in dem Augenblicke mehr Freude machte, das Gewinnen des Schatzes oder das Wiederfinden seines Esels.

Die zwei Glücksbrüder theilten ihre Beute freundschaftlich und redlich, nur daß der Maure, der einige Liebhaberei an Flitterstaat hatte, es einzurichten wußte, daß die Perlen, Edelsteine und anderer Tand stets auf seinen Haufen kamen; aber dann gab er dem Wasserträger immer statt der kostbarsten Edelsteine gediegenes Gold, fünfmal so viel, womit der Letztere herzlich zufrieden war. Sie waren bedacht, sich keinen Unannehmlichkeiten auszusetzen, sondern begaben sich in andere Länder, um sich ihres Reichthums zu erfreuen. Der Maure kehrte nach Afrika in seine Vaterstadt Tetuan zurück, und der Gallego begab sich mit Frau und Kindern und seinem Esel nach Portugal. Hier wurde er unter dem Schutz und Schirm seiner Frau ein Mann von einiger Wichtigkeit; denn sie sorgte, daß der lange Körper und die kurzen Beine des würdigen kleinen Mannes mit Wamms und Hosen geschmückt wurden, setzte ihm einen Federhut auf, steckte ihm ein Schwert an die Seite und ließ ihn seinen vertraulichen Namen Peregil mit dem wohlklingenderen Titel Don Pedro Gil vertauschen. Seine Nachkommenschaft wuchs gedeihlich und fröhlichen Herzens heran, während Señora Gil, von Kopf bis zu den Füßen befranzt, bespitzt und betrottelt, und mit Ringen an allen Fingern einherging, das Muster einer schlumpigen Mode- und Putzdame wurde.

Was den Alcalden und seine Getreuen betrifft, so blieben sie unter dem großen Thurme der sieben Stockwerke vergraben und sind dort heute noch festgebannt. Wenn es jemals in Spanien an kupplerischen Barbieren, gaunerhaften Alguacils und bestechlichen Alcalden fehlt, kann man sie dort suchen; wenn sie aber so lange auf ihre Erlösung warten sollen, dann droht ihre Verzauberung bis zum jüngsten Tage zu währen.

 

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