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Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 57
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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Die Straßen sind meist eng und finster, denn alle Häuser sind aus dunkelm Tuffstein erbaut und nur selten mit Kalk übertüncht. Unter ihnen überraschte mich eine nicht geringe Menge palastähnlicher Gebäude; Palast aber nennt man in den römischen Städten jedes Haus mit einem Portal, und um so mehr beansprucht es diesen Namen, wenn es einem alten Adelsgeschlecht angehört. Zahlreiche Familien des Mittelalters müssen demnach in Alatri während des 15. und 16. Jahrhunderts geblüht haben, da die meisten Paläste der Stadt dieser Epoche anzugehören scheinen. Sie sind in der Regel mit einem platten Dach von sehr starker Ausladung versehen. Die Fassade besteht aus einem Gefüge von sauber behauenen viereckigen Tuffsteinen, deren schwarze Farbe die schönste Wirkung hervorbringt. Die Türen sind gotisch mit leichtem Bogenbruch; ich bemerkte deren sechs an einem schönen Palast, über ihnen ein feines Gesims, worauf sechs Fenster in den angenehmsten Verhältnissen die Wand durchbrechen. Diese Fenster sind alle im gotisch-römischen Stil gebaut, gleich jenen, welche die älteren Kirchtürme Roms gliedern, da sie aus zwei Bogen bestehen, die in der Mitte durch eine kleine Säule geteilt werden. Diese Bauart verleiht der Stadt einen imposanten Charakter. Es gibt dort Gebäude, welche mich an die toskanischen Republiken, namentlich an Siena, erinnerten. Der Palast Jacovazzi zeichnet sich vor allen andern durch seine turmgleiche Höhe und seine Fassade halbgotischen Stils aus. Da er gegenwärtig Eigentum der Stadt ist, so bildet er als das Kommunalhaus ein prächtiges Zentrum dieser Bauten.

Ich war von Rom aus an eine der angesehensten Familien Alatris gewiesen, welche ehemals durch Reichtum und Einfluß in der Geschichte der Stadt eine nicht unbedeutende Stellung gehabt hatte. Ich suchte also den Palast Grapelli auf, und in der Tat verdiente dieses alte Haus, so zu heißen. Ein geräumiger innerer Hof, stattliche Treppen von Stein, ein prächtiger Saal, in welchem eben ein Liebhabertheater aufgestellt war, viele Zimmer mit gemalten Decken und Fresken auf den Wänden, endlich über zerstörten Nebengebäuden ein verfallener Turm, der einst dieses Haus zur Festung machte, zeigten mir, daß es die Besitzung reicher Signoren gewesen sein mußte. Nun aber war alles im Zustande der Verwilderung, die innere Einrichtung höchst ärmlich, nur aus Resten alter Wohlhabenheit zusammengesetzt; man sagte mir auch, daß die Familie, wie so manche andere des Orts, zu großer Armut herabgesunken sei. Indes die Jugend, die sich im Hause zeigte, blühte von Kraft und Gesundheit, und ich betrachtete mit Vergnügen die muntern Mädchen, welche in dieser frischen Bergluft herrlich emporgewachsen waren. Sie entbehrten hier vielleicht nicht ungern die langweiligen Freuden Roms, in kleinen städtischen Kreisen sich heiter bewegend, und ihre Abende bringen sie mit Tanz und Spiel zu.

Als ich nach den Sehenswürdigkeiten Alatris fragte, machte man mich vor allen andern auf die Kirche Santa Maria Maggiore und die zyklopischen Mauern aufmerksam, um derentwillen ich allerdings die Reise unternommen hatte. Jene Kirche, auf einem von mittelalterlichen Gebäuden eingefaßten Platz gelegen, ist klein und von römisch-gotischem Stil. Sie war auf zwei Türme berechnet, von denen indes nur einer, und zwar unvollendet oder halb zerstört, aufrecht steht. Römische Bogenfenster gliedern ihn. Eine unregelmäßige Fassade von drei gotischen Türen macht den sonderbarsten Eindruck, da über dem Portal ein ganz außerhalb der Verhältnisse angelegtes rundes Fenster eingebrochen ist. Seine Rosette ist mit gemaltem Glas ausgefüllt. Das Gesims der großen Türe zeigt Zieraten von Akanthusblättern, und ihr Bogen ruht auf übereinander vorspringenden Säulen.

Als ich in das Innere der Kirche trat, wurde ich enttäuscht; denn obwohl ihre drei Schiffe, von je vier großen Bogenspannungen gebildet, halbgotischen Stils sind, zeigte sich doch alles von modernem Ungeschmack entstellt, mit falschem Marmor belegt und mit sehr bunten Farben, wie man sie jetzt in Rom liebt, selbst bis in die Kreuzgewölbe hinauf bemalt. Das Mittelschiff wird durch zwei Rosettenfenster von jeder Seite erhellt, und auch die Tribüne ist von einem ähnlichen durchbrochen. Vergebens suchte ich nach alten Bildwerken; das einzige, was der Betrachtung wert sein konnte, war ein Taufstein, eine Vase von Gips, getragen von drei Karyatiden in der rohesten Arbeit des Mittelalters.

Ich wanderte zu den zyklopischen Mauern empor. Wie Ferentino war auch Alatri rings von solchen umschlossen gewesen; aber der städtische Ring ist beinahe gänzlich zerstört worden, und nur die Mauern der Burg haben sich erhalten, ein erstaunliches Denkmal jener Kulturepoche, ohnegleichen unter allen Städten Latiums, so daß ein so wunderbares, ägyptischen Bauten völlig zu vergleichendes Werk gesehen zu haben eine tagelange mühevolle Reise belohnt.

Die alte Burg Alatri (man nennt sie heute Civita, die Stadt an und für sich) ist der höchste Hügel des Orts und gegenwärtig der Dombezirk, denn auch hier, wie in Ferentino, hat sich das Bistum auf der alten Befestigung niedergelassen. Dieser Hügel nun, auf dessen großer, durchaus geebneter Fläche die Hauptkirche steht, ist von allen Seiten umfaßt, gestützt und bekleidet von Zyklopenmauern in einer Höhe von 80 bis l00 Fuß. Als ich diese schwarzen titanischen Steingefüge sah und umschritt, welche so wohlerhalten sind, als zählten sie nicht Jahrtausende, sondern nur Jahre, wurde ich zu weit größerer Bewunderung menschlicher Kraft hingerissen, als mir der Anblick des Kolosseums in Rom eingeflößt hatte. Denn in vorgeschrittener Kultur, mit ausgebildeten Mitteln der Mechanik, lassen sich Amphitheater oder Thermen wie die des Caracalla und Konstantin auftürmen, ohne daß der Menschenkraft übermäßiges zugemutet wird, und selbst die Dionysischen Mauern in Syrakus, das Großartigste solcher Bauten, was ich bisher gesehen hatte, machen nicht so sehr erstaunen. Hier sehen wir Mauern vor uns, von denen jeder Stein nicht ein großes Quaderstück, sondern ein geglätteter Felsblock ist, von unregelmäßiger Form, mehr- und vieleckig; und wenn wir verwundert nach der Mechanik fragen, welche imstande war, so große Felsenstücke übereinander zu erheben, so begreifen wir noch weniger, wie man es vermochte, diese Vielecke so kunstvoll aneinanderzufügen, daß sie ohne ausgefüllte Zwischenräume auf das genaueste aneinanderpassen und so die sauberste Riesenmosaik herstellen.

Die Sage versetzt diese Gattung urlateinischer Bauten in die Zeit des Saturnus und rückt sie damit überhaupt über die geschichtliche Zivilisation hinaus, die wissenschaftliche Forschung aber, welche sich so viel mit Indogermanen und Pelasgern in Italien zu tun macht, ist zum Geständnis verdammt, daß sie nichts von den Völkern weiß, welche jene Werke aufgetürmt haben. Ihr Anblick zeigt, daß ein Menschengeschlecht, welches solche Mauern baute, im Besitz einer schon bedeutenden materiellen Kultur war und geordnete staatliche Verhältnisse besaß. Da diese zyklopischen Städte sich nahe beieinander und über ganz Latium zerstreut finden, so ergibt sich daraus, daß sich hier eine große Anzahl für sich bestehender Republiken oder Gemeinden in uralten Zeiten anbaute, deren Verbindung miteinander wir nicht kennen. Aber so ungeheure Befestigungen lassen auf beständigen Krieg der Städte untereinander schließen und überhaupt auf räuberische, unsichere und vereinzelte Zustände. Wollte man nun zu den Dimensionen der Werke auch die Kräfte der Menschen in ein passendes Verhältnis bringen, so müßte man wahrhafte Giganten in denen sehen, welche sie errichteten oder mit feindlicher Gewalt zu stürmen kamen; indes diese Bauten deuten nur die Periode des Kolossalen an, womit die menschliche Kultur bei allen Völkern und in allen Weltteilen beginnt, bis sie dann von dem materiell Erhabenen zu dem hinabsteigt, was sich als Wohlgefälliges und Schönes mit ausgebildeten Mitteln herstellen läßt. Überhaupt dürfte man jene zyklopischen Werke in keine zu dunkle Zeit hinaufrücken; vielleicht wurden deren noch in Latium gebaut, als bereits Rom gegründet war, und der Schritt von dieser viereckigen Konstruktion zu den Quadermauern der Etrusker und Römer ist keineswegs ein großer.

Aus den Mauern dieses Kapitols des alten Alatri führte ein Haupttor, welches noch heute vorhanden ist, ein ungeheurer aus horizontalen Steinen zusammengefügter Bau; außer ihm zeigt sich noch ein kleinerer Eingang, und drei in der südlichen Mauer angebrachte viereckige Nischen lassen auf Götterbilder schließen, die dort aufgestellt gewesen sind, während zugleich ein zyklopischer Überrest mitten auf der Burg für den Gemeindealtar gehalten werden kann, auf dem die festlichen Opfer vollzogen wurden.

Bis zum Jahre 1843 waren diese Mauern unter Schutt und Schlinggewächsen halb begraben, und kein Weg führte um sie herum. Ein Besuch Gregors XVI. brachte die Alatriner auf den glücklichen Gedanken, so unvergleichliche Monumente des höchsten Altertums zu reinigen und zu befreien; es arbeiteten demnach 2000 Menschen zehn Tage lang, den Schutt zu entfernen, und so wurde die Akropolis nicht allein wieder bloßgelegt, sondern ringsum mit einer Straße versehen, Via Gregoriana genannt. Damals wurde auch das große Tor ausgegraben und der Aufstieg wieder eröffnet. Dieser breite, ganz ebene Burgplatz ist nun von einer steinernen Wehr umfaßt, die sich über den Zyklopenmauern erhebt; da er keine Gebäude außer dem Dom enthält, gibt er dem Blick die weite Aussicht in die Gebirgslandschaft frei. Es ist ein so hinreißend großes und schönes Gemälde umher verbreitet, daß ich nicht versuchen werde, es in Worte zu fassen oder nur die Linien der Gebirge anzudeuten, die sich in dem sonnigen Blau über paradiesischen Gefilden entfalten. Bei einer vollkommenen Stille, ja einer wahrhaften Einöde auf dieser rätselhaften Stätte uralter Menschenkultur ist der Eindruck des Erhabenen ein doppelt wirksamer.

Ich sage auch nichts von dem kleinen Dom, der sich auf der einen Seite des Burgplatzes einsam erhebt, mit einem bizarren Glockenturm und einer Fassade, die dem Geschmack des 18. Jahrhunderts angehört. Eine breite steinerne Treppe führt zu dem Eingang empor. Leider ist im Innern alles modernisiert, und so erkannte ich mit Bedauern auch hier, daß selbst in den abgelegensten Ortschaften Latiums der falsche Ehrgeiz der Priester oder der Gemeinden das Ehrwürdige und Altertümliche durch das Neue zerstört. So wie die Modesucht allmählich die national ererbte Tracht der Bewohner vertilgt, so greift sie auch die Gebäude überall an, bedeckt sie mit nüchternen Fassaden und entstellt ihr Inneres mit grellen und kindischen Farbenbildern wie im heutigen Rom, wo man in Geschmacklosigkeit mit den Sizilianern wetteifert.

Ich durchwanderte die Straßen Alatris, und immer besser gefiel mir die Stadt. Eine ziemlich reiche Kultur von Gärten umher, und drinnen ein rüstiges und arbeitsames Leben deuteten auf behagliche Zustände. Da in allen diesen Orten aus der Beschaffenheit des Brotes und des Weins, als der hauptsächlichsten Nahrungsbedürfnisse, mit Recht ein Schluß auch auf andere Verhältnisse gezogen werden kann, so überzeugte ich mich, daß die Alatriner nicht Mangel leiden.

Ich erinnere mich nicht, in Alatri von Bettlern angesprochen worden zu sein, wie man sie überall in der Sabina und im Albanergebirge scharenweise nach sich zieht. Doch dort betteln aus ihrem Kerker heraus Gefangene – ein wunderlicher Anblick, den man übrigens in fast allen römischen Orten haben kann. Während unsere strengen Systeme des Gefängniswesens darauf hinzielen, den Schuldigen soviel als möglich von der Welt abzusondern, ja ihn wie einen verpesteten Gegenstand in die Zelle einzumauern, gönnt ihm hier die Toleranz des Südens wieder einen zu großen Spielraum. Ich hörte oft Gefangene in römischen Städten die heitersten Lieder hinter ihren Gittern singen, in Ritornellen denen auf der Straße antworten, oder ich sah sie mit der Gebärdensprache zum Fenster hinaus Geschichten erzählen, die der Fremde freilich nicht versteht. Nun aber ist ihnen selbst das Betteln noch im Kerker gestattet. Diese Verbrecher, oft nur um geringe Vergehen bestrafte Nichtstuer, strecken ein langes Rohr aus dem Gitter heraus, an welchem mittels eines Fadens ein leinenes Beutelchen befestigt ist. Zwei, drei, vier solcher Rohrstangen sieht man zu gleicher Zeit in Bewegung, und die sie herausstrecken, gleichen den Anglern, welche mit der größten Seelenruhe ihr Rohr in den Händen halten, um es heraufzuziehen, wenn der Fisch angebissen hat. So baumeln dort die leeren Beutelchen in der Luft hin und her; geht nun jemand an dem Gefängnis vorüber, so senkt sich Angelrohr und Beutel ihm vor der Nase nieder, und der Gefangene bittet um der Madonna willen, ihm ein Geldstück hineinzulegen. Er ist nicht minder vergnügt, wenn man ihm eine Zigarre hineinsteckt, die er dann mit Wohlbehagen hinter den Eisenstäben rauchen wird; hat er aber ein paar Bajocci erhascht, so läßt er sich Wein holen, oder was ihm sonst wünschenswert erscheint. Ich konnte diese klassische Art zu betteln niemals ohne Heiterkeit betrachten und mußte mich stets der Sage erinnern, welche von Belisar erzählt, daß er aus dem Fenster seines Turms die Vorübergehenden angebettelt habe – wenigstens zeigt diese Fabel, daß jene Toleranz sehr alt ist, und vielleicht streckten die Gefangenen aus den Kerkern schon in alten Römerzeiten solche Rohrangeln hervor.

Ich brach von Alatri auf, um die Grotte von Collepardo zu besuchen, von deren Schönheit ich mir so viel hatte erzählen lassen. Ein Gebirgspfad führt zu ihr hin; denn wenige Millien hinter der Stadt verwandelt sich der Charakter des Landes, die Kultur verschwindet, nackte rote Kalkfelsen führen in das Gebirge, dessen wilde Einsamkeit nun den Wanderer umfängt.

Ein Kohlenbrenner aus dem kleinen Gebirgsort Collepardo, welcher in Alatri seine Last abgesetzt hatte und zufällig mit mir zusammentraf, wurde mein Begleiter und Führer durch die Berge. Ich hörte gern den Erzählungen dieses gutmütigen Menschen von der Ärmlichkeit, aber Genügsamkeit des Lebens in seiner Heimat zu, obwohl sein Bergdialekt mir das Verständnis etwas schwermachte.

Die Felsenmassen wurden rauher und rauher, die Täler romantischer und wilder, und wir kamen nun über den Fluß Cosa, welcher mit Gewalt durch diese Berge herunterbraust. Sein Wasser, grünlich an Farbe wie der Inn im Engadin, wimmelt von Forellen. Diese Lebensader des Gebirgs zieht den einzigen schmalen Kulturstreifen durch die Felsenwildnis; nach einem jähen Lauf stürzt sie sich in den Saccofluß und eilt mit ihm dem Liris zu.

Hoch über der Cosa, wo sie am Fuß einer steilen Felsenwand sich durch enge Schluchten zwängt, liegt Collepardo. Nichts Melancholischeres mag man sehen: kleine Häuser aus Kalk stehen in gestreckter Reihe beisammen, durch eine bizarre Kirche unterbrochen, und eine schwarze zersplitterte Mauer zieht sich rings umher – ein Beweis, daß auch diese arme Ortschaft nicht vor dem räuberischen Feind sicher war. Wenige Gärten, Olivenbäume und Weinreben gaben hier äußerste Dürftigkeit zu erkennen; denn außer der kleinen Fläche, worauf Collepardo steht, schien ringsumher alles von Felsen zu starren. Der wackere Kohlenbrenner lud mich ein, in seinem Haus abzusteigen, was ich gern tat, da ich sonst wegen des Unterkommens in Verlegenheit geblieben wäre. Ich richtete mich in dem ärmlichen Gemach, so gut ich konnte, ein, um die Sonnenhitze vorübergehen zu lassen. Nun traf es sich mir äußerst erwünscht, daß einige Herren aus Velletri eben zu Pferd angekommen waren, welche die gleiche Absicht, die Grotte zu sehen, hierhergeführt hatte, denn so wurde es mir möglich, dieses Wunder auch bei Fackelbeleuchtung zu betrachten.

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