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Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 56
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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Aus den Bergen der Herniker

1858

In der Campagna Roms liegen einige Orte, die durch Altertum, Schönheit der Gegenden, Charakter des Volks und manche merkwürdige Denkmäler zum Besuch einladen. Das Land, welches ich im Sinn habe, gehört zur Legation Frosinone und breitet sich oberhalb des Flusses Sacco auf den Abhängen des Apennin aus. Die Hauptstädte in diesem Gebiet der alten Herniker sind Anagni, Ferentino, Alatri, Veroli und Frosinone – Orte, die ein höheres Alter haben als Rom, ja deren Anfänge in die mythischen Zeiten des Saturn und der mauerbauenden Zyklopen sich verlieren.

Es war mein Plan, diese Städte zu besuchen, zugleich aber hoch in die Wildnis hinaufzugehen, um die berühmte Kartause Trisulti kennenzulernen und in ihrer Nähe die Grotte von Collepardo wie den seltsamen Felsentrichter Santulla zu sehen, welcher unter dem Namen «Brunnen Italiens» weit und breit genannt, aber nur selten besucht wird. Ich ritt demnach in Begleitung meines braven Campagnolen Francesco Romano, der mir als Führer und Diener zur Hand sein sollte, von Anagni aus in dies schöne Land hinein.

Wenn man von der Höhe herabkommt, hat man in einer Weite von acht Millien die Stadt Ferentino vor sich. Sie erscheint als ein ansehnlicher Ort auf einem langgestreckten Hügelzug gelagert, dessen Fuß reiches Grün von Weinreben und Gartenpflanzen bedeckt, während braune Türme, Klöster und Kirchen malerisch von den Gipfeln aufsteigen. Die lateinische Straße ist bis Ferentino sehr einförmig, wenn sie nicht durch Wanderzüge von Ciociaren belebt wird. Ihrer begegnet man manchen; denn die Via Latina führt der Stadt Rom die Produkte nicht allein der Landschaften, sondern auch der neapolitanischen Grenzstädte zu, und die Landsleute des Cicero und Marius, die Arpinaten, bringen gern ihre Hühner auf den Markt der Hauptstadt. Ich sah mehrere dieser Züge jener Gegenden, Reihen von großen, plumpen, zweirädrigen Karren, die man Barocci nennt, und welche von hochgehörnten weißen Ochsen gezogen werden. Einige waren mit Korn, andere mit Wolle beladen, die meisten aber mit Hühnerkörben befrachtet. Die Campagnolen, welche sie führten, machten in ihrem spitzen Hut, in der langen roten Weste und den Sandalen von Eselleder eine gar stattliche Figur.

Als ich Ferentino erreichte, hoffte ich hier auf die Gefälligkeit einer städtischen Familie, an welche ich einen Auftrag hatte. Ein junger Mann meiner Bekanntschaft, Gerichtsherr eines sabinischen Orts, wo ich mich längere Zeit aufgehalten, hatte in Ferentino seine Schöne. Dieses zärtliche Verhältnis war in der letzten Zeit eingeschlafen, der junge Mann wollte es wieder aufnehmen, und da er selbst verhindert war, mich, wie er erst gewollt, auf meinem Ritt zu begleiten, so ersuchte er mich, die Rolle des Galeotto oder Liebesboten zu übernehmen, was ich ihm gern zusagte. Er gab mir also eine sauber geschriebene Epistel mit dem ausdrücklichen Bemerken, sie der Freundin nicht in Gegenwart ihres Bruders, eines Priesters, zu übergeben, sondern in aller Heimlichkeit, wie einem Mittler geziemt. Kaum war ich nun am Gasthaus der Stadt abgestiegen, so ging ich nach dem mir bezeichneten Haus; die Schöne lag im Fenster, ich eilte die Treppe hinauf, und da wir uns in dem ersten Zimmer, welches ich betrat, allein befanden und nichts von Priestern zu sehen war, so richtete ich erst in bester Form die Grüße des Freundes aus und zog dann den Brief hervor. Die junge Dame war jedoch in sichtlicher Verlegenheit; sie wurde blaß und rot, und ohne ein Wort zu sagen eilte sie in ein Nebenzimmer, woraus sie bald zurückkam, mich zu bitten, in jenes zu kommen. Kaum dort eingetreten, sah ich den Priester vor mir faul auf ein nicht sauberes Bett gestreckt und den Liebesbrief in den Händen, welchen er eben aufmerksam las.

Ich erkannte, daß die Arme unter dem despotischen Einfluß ihres Bruders stand, daß schlimme Szenen im Haus mußten gespielt haben und dies Mädchen nicht die moralische Kraft besaß, sich der Tyrannei des Priesters zu entziehen. Dieser Mann, der mir sonst in Beziehung auf Geschichte und Sehenswürdigkeiten seiner Vaterstadt hätte nützlich sein können, empfing mich kalt und ängstlich, und ich verließ das Haus mit Unwillen darüber, diesen Liebeshandel vielleicht noch mehr verwirrt zu haben. Indes fand ich mich mit Hilfe anderer in Ferentino zurecht und durchwanderte diesen alten Ort Latiums in allen Richtungen.

Die ansehnliche bischöfliche Stadt besteht aus einem Gewirr enger Straßen, die nur hie und da durch einen Platz unterbrochen werden. Die ländliche Stille, die Verkommenheit der Geschäfte, die Wüstheit der meisten Häuser bringen einen sonderbaren Eindruck mittelalterlichen Wesens hervor, während zugleich Säulenstümpfe, Grabcippi und andere Postamente mit römischen Inschriften an das klassische Altertum erinnern. Ich setzte mich auf einem kleinen viereckigen Platz nieder, der sich nach der Campagna öffnet und einen herrlichen Blick in das Volskerland gewährt, und versank dort bald in einen Zustand idyllischen Behagens. Ich sah Frauen zu, die dort um eine graue Zisterne geschart dastanden, eine jede ihren blechernen Tubus am Strick hinunterlassend und emporziehend – eine langweilige und mühevolle Arbeit; denn Fontänen besitzt Ferentino nicht und besitzen überhaupt die wenigsten dieser Landstädte Latiums. Der Reisende hat oftmals Mühe, sich in diesen Orten aus jenem Torpor träger Beschaulichkeit emporzuraffen, in welchen heiße Sommerluft und verzaubernde Lebensstille so leicht versenkt. In solcher fremdartigen und doch zugleich traulichen Einsamkeit zieht dann wohl Erlebtes, Empfundenes und was in weiter Ferne liegt, schattenhaft und leise an der Seele vorüber. Doch ein Blick auf eine römische Inschrift dicht neben mir ermunterte mich und mahnte mich an mein Vorhaben, die alten Mauern Ferentinos aufzusuchen. Die Stadt hat davon noch sehr ansehnliche Überreste.

Wie manche andere Orte Latiums umgab sie ursprünglich ein Ring von Zyklopenmauern, während sich oben auf der höchsten Höhe die in gleicher Weise befestigte Burg befand. Daß diese Werke einer von uns unbegriffenen Urzeit erster, doch schon bestimmt geformter Zivilisation sich noch in bedeutenden Resten erhalten haben, ist kein Wunder, vielmehr befremdet ihre teilweise gänzliche Vertilgung. Denn an vielen Stellen sind diese ungeheuren Steingefüge völlig abgetragen, an anderen sind auf ihre Reste römische Mauern von länglichen Quadern gesetzt, über welchen dann hie und da noch Mauerwerk des Mittelalters in der «Saracinesco» genannten Bauweise angefügt worden ist – so daß man mit einem einzigen Blick drei weit voneinander getrennte Kulturperioden und ihre Charaktere vereinigt sieht. Am besten zeigt sich dies neben dem Tor von Frosinone und an der Porta Sanguinaria, einem merkwürdigen uralten zyklopischen Bau, welchen die Römer hernach zu einem gewölbten Tor verändert haben, und worauf sich endlich die schlechteste Arbeit des Mittelalters angesetzt hat. Die riesigen viereckigen Steine, fest ineinandergefügt, bilden bis zu einer beträchtlichen Höhe die Grundlage.

Sehenswürdig ist die alte Burg von Frosinone mitten in diesem Mauerringe, der die Stadt umgab und umgibt. Diese Arx steht hoch auf einem Felsenhügel und war ursprünglich durchaus von Zyklopenmauern umringt. In der Römerzeit stand hier eine mit Toren und Türmen versehene Befestigung, deren Unterlagen aus großen Quadersteinen sich noch erhalten haben. Eine solche Festung mußte uneinnehmbar sein, und selbst noch heutigentags ließe sich dort mit geringer Mühe ein tüchtiges Werk dieser Art herstellen. Während der Herrschaft der Römer stand hier der Palast des Präfekten. Im Mittelalter behauptete sich diese Burg in manchen Kämpfen und Belagerungen. Noch sieht man die Reste des oberen Kastells, namentlich zwei stumpfe Türme, welche ehemals ein viereckiges Gebäude bewehrten. Sie sind von überaus malerischer Wirkung.

In fast allen Städten Latiums kann man bemerken, daß sich die Kathedralen auf den Burgen niedergelassen haben, und kein passenderer Platz konnte für sie gefunden werden. Die Bischöfe bauten zugleich daneben ihre Paläste, und so waren sie imstande, von dem Kastell aus die Stadt zu beherrschen. Ferentinum ist eins der ältesten Bistümer dieser Gegenden; die es gründeten, wählten dazu mit Einsicht die Burg, indem sie den alten Palast der römischen Präfekten in die bischöfliche Wohnung verwandelten, den Dom aber aus den Materialien alter Monumente errichteten.

Wenn man durch das römische Tor, ein Werk von erstaunlich fester Anlage, getreten ist, so hat man unmittelbar neben sich sowohl den Dom der Stadt als die daranstoßenden bischöflichen Gebäude. Alles dies macht den Eindruck des reinsten Mittelalters. Die Kirche ist klein, doch von guten Verhältnissen, reich an Inschriften und Fragmenten wunderlicher Skulpturen, die noch bis ins 10. Jahrhundert hinaufreichen mögen und bald in den Wänden, bald auf dem Boden sichtbar sind.

Überhaupt hat Ferentino einige ausgezeichnete Denkmäler des Mittelalters, worunter ich nur die schöne Kirche S. Maria Maggiore nenne. Sie steht unten in der Stadt auf einem kleinen Platz und ist eins der vollkommensten Werke gotisch-römischen Stils aus dem 14. oder 15. Jahrhundert, welche man in Latium antrifft. Ihr ganz ähnlich an Charakter sollen die Kirchen in Fossanova und Casamari sein, welche ich noch nicht gesehen habe. Obwohl mich diese mittelalterlichen Bauten hauptsächlich beschäftigten und meine Aufmerksamkeit auf Inschriften gerichtet war, die jener Epoche angehören, so versäumte ich doch nicht, mich zu den übrigen römischen Altertümern führen zu lassen, welche hie und da zerstreut liegen. Indes ihrer sind nicht viele, noch sehr bedeutende. Der Stolz Ferentinos in dieser Hinsicht ist das sogenannte «Testament». Mühsam kletterte ich über Felsen und durch Brombeergewinde eines Weinbergs, um diese Merkwürdigkeit zu erreichen, und sah endlich eine große Tafel vor mir, welche in den lebenden Stein selbst eingehauen ist. Eine lange Inschrift in trefflichen Charakteren verkündet, daß Aulus Quinctilius, Quatuorvir und Ädil, der Wohltäter seiner Vaterstadt gewesen, die er testamentlich mit Gütern beschenkt, und die ihn selbst dankbar verehrt hat, indem sie seine Statue öffentlich auf dem Forum aufstellen ließ.

Als ich von diesen Wanderungen ermüdet in meine Herberge am Tor von Frosinone zurückgekehrt war, fand ich das ganze Haus in lärmender Bewegung. Es war an diesem Tage das öffentliche Examen im Gymnasium der Stadt gehalten worden, und die wohlhabenden Familien vieler volskischen und lateinischen Orte der Umgegend waren gekommen, um ihre Söhne zu den Herbstferien nach Hause zu nehmen. Mütter, Väter, Kinder füllten alle Gemächer des Gasthauses, und der tobenden Freude von jung und alt war kein Ende: die einen reisten ab, die andern rüsteten das Nachtmahl oder richteten sich zum Übernachten ein: es kostete mich die äußerste Mühe, mein Zimmer zu behaupten, welches ich von vornherein für mich ausbedungen hatte. Einzuschlafen indes gelang mir nicht, weil die Frauen und Mädchen, die Kinder und Dienstboten in beständiger Bewegung und fast schreiender Unterhaltung blieben. Kaum aber hatte sich in tiefster Nacht dieser chaotische Wirrwarr gelegt, als draußen feierliche und sonderbar tönende Gesänge erschallten. Es waren Pilgerzüge, die vorüberkamen, Menschen, welche in der Nachtkühle nach irgendeinem entfernten Wallfahrtsort wanderten. Ihre Litaneien hallten trauervoll durch die Stille und brachten eine mächtige Wirkung hervor; denn nichts ist reizender, als solchem Gesang in dem nächtlichen Schweigen zuzuhören, da die Phantasie den Ziehenden folgt, welche das Auge nicht sieht, und von denen man nicht weiß, von wannen sie kamen und wohin sie mitten in der Nacht ihre Reise richten. War nun ein Zug vorüber, so schallte schon das «Ora pro nobis» eines andern aus der Ferne hervor und verschwebte, dem Haus vorüberkommend, dann wie jener in die Weite. Und so wiederholte sich dies die ganze Nacht hindurch.

Ich war endlich froh, den Morgen hereinschimmern zu sehen, und die Sonne war noch nicht über die Berge gekommen, als ich frischen Mutes durch die Stadt ritt, um nach Alatri hinaufzureisen. Es ging erst zwischen vielen Weinbergen, dann auf felsigen und rauhen Wegen durch ein verwildertes Hügelland fort, welches von riesigen Kastanienbäumen beschattet und von muntern Quellen bewässert wird. Aber je weiter wir vordrangen, desto wüster wurde das Gestein, desto einsamer die Landschaft, bis wir endlich den Fuß eines hohen Bergkegels erreichten, auf dem sich ein schwärzlicher und melancholischer Ort erhebt, einige zersplitterte Türme und zerfallene Mauern emporstreckend. Dieses Kastell reizte meine Vorstellung in nicht geringem Maße. Ich hatte es bereits von Anagni aus mit Verlangen betrachtet und nicht gewußt, daß mein Weg nach Alatri mich ihm so nahe bringen würde. Es ist das alte Fumone, der Kerker Cölestins V.; hier starb er nach einer peinlichen Haft von zehn Monaten am 19. Mai 1296, im hohen Alter von 81 Jahren.

Indem ich Fumone betrachtete, konnte ich mir vorstellen, daß nicht leicht anderswo ein so trauriger Verbannungsort mochte zu finden sein. Jedoch die Einsamkeit schmerzte jenen Gefangenen nicht, welcher sein Leben als Eremit in Höhlen und Wildnissen hingebracht hatte. Ich mußte mich begnügen, dies Kastell anzuschauen, wie es, einem finstern Räubernest ähnlich, über meiner Straße herabdrohte. Ich wanderte diese fort; zwei mächtige Berge steigen zu ihren beiden Seiten auf, und eine Höhe sperrte den Mittelgrund. Sobald ich diese erreicht hatte, öffnete sich dem Blick ein Panorama von hoher Schönheit, da sich die herrlichste Apenninlandschaft mit Ebenen und Hügeln und dahinter große Bergreihen entfalteten, worauf Städte, wie Vico und Guercino, in der Ferne sichtbar waren. Die Straße senkte sich jetzt sanft abwärts und führte in die reiche Campagna Alatris, welche bedeutende Stadt ich endlich vor mir sah, als ich um einen Hügel bog. Durch die altersschwarzen Mauern hinreitend – es war ein sonniger Vormittag – erfreute ich mich an der Lebendigkeit des Orts, wie an der Menge stattlicher Paläste, welche auf ein blühendes Gemeinleben der Vergangenheit schließen lassen. Keine gleich ansehnliche Stadt hatte ich noch in den Bergen Latiums gesehen, noch irgendwelche von so hervortretendem Charakter gotisch-römischer Architektur.

Alatri ist ein Fabrikort für Wolle, Teppiche und Tuch, ein großer Verkehrsplatz der lateinischen Bergciociaren, die dort ihre Wämser und jene spitzen schwarzen Filzhüte kaufen, welche in Latium allgemein getragen werden. Zudem war es Markt; Straßen und Plätze, bedeckt mit Früchten des August, mit Feigen, Pfirsichen, Aprikosen und großen Birnen, gewährten einen reichen Anblick und wimmelten von Volk. Die hochgewachsenen Bergbewohner in ihren roten Westen und mit Sandalen, den mit Blumen geschmückten Filzhut keck auf dem Scheitel, erinnerten mich daran, daß ich in dem Latium ferox des Virgil sei, dessen robuste Bevölkerung auch das ganze Mittelalter hindurch ihre Eigenart behauptet hat.

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