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Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 51
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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Der Dom Anagnis liegt auf der höchsten Erhebung des Hügels am Tor von Ferentino, auf einer ziemlich verbauten Stelle, so daß seine Fassade und sein freistehender Glockenturm keine Wirkung hervorbringen. Er ist einer der ältesten in Latium, älter überhaupt als die meisten Dome im Kirchenstaat, da er der Zeit vor dem ersten Kreuzzuge angehört. Denn ihn erbaute Pietro, Bischof der Stadt, aus dem Geschlecht der langobardischen Fürsten von Salerno, im Jahre 1074; er selbst nahm am ersten Kreuzzuge als Gefährte Boemunds von Tarent teil. Heute liest man an der Haupttüre des Doms auf einem Stein in der Wand:

Quisquis ad hoc templum tendis venerabile gressum
Mox Conditorem cunctorum nosce bonorum
Condidit hoc Petrus magno conamine Praesul
Quem genuit tellus nobis dedit alta Salernus
Sic miserere sibi superi patris unice fili.

Die Schriftzüge dieser Verse sind modern und wohl aus dem 16. Jahrhundert, aber Geist und Ausdrucksweise der Inschrift gehören der Zeit des Gründers des Doms an.

Mehrmals von den Bischöfen der Stadt und den Päpsten erneuert, hat die Kathedrale doch ihre ursprüngliche gotisch-romanische Gestalt behalten. Die Fassade ist von roher Architektur; sie gipfelt sich zu einem stumpfwinkligen Giebel auf, dessen Dreieck ein einfaches Gesims abschneidet. Ein gewölbtes schmuckloses Fenster ist darin angebracht, darunter ein großes viereckiges, offenbar aus späterer Zeit. Die Pforte – es gibt nur eine – hat ein geschmackloses Gesims, welches aus verschiedenen Balken von Stein zusammengeflickt ist; Löwen- und Ochsenköpfe roher mittelaltriger Arbeit zieren diese. Ohne erkennbaren Zweck stehen unsymmetrisch, weil nur an der einen Seite der Türe, zwei aufgemauerte und an die Wand gestellte Pilaster mit zusammengesetzten Kapitellen. Über der Türe spannt sich ein Rundbogen von Stein, mit einfachen Arabesken geschmückt. Das Mauerwerk besteht durchwegs aus dem schwarzen Kalktuff des dortigen Gebirgs. Man sieht, daß die Fassade im Grunde die alte Anlage bewahrt, aber daß sie eine spätere Restauration nur zur Not und in Eile bekommen hat.

Schön und geräumig ist der Dom im Innern, nicht in der Form der Basiliken, sondern in jenem gemischten gotischen Stil gebaut, welcher sich in Rom vereinzelt in Santa Maria sopra Minerva findet. Er hat drei große Schiffe und einen erhöhten, im Kreuz gewölbten Chor. Der Fußboden ist musivisch ausgelegt, eine Arbeit der bekannten römischen Cosmaten vom Jahre 1226, und auf Kosten des Bischofs Alberto und des Kanonikus Rainaldo Conti ausgeführt, der als Alexander IV. 1254 den päpstlichen Thron bestieg.

Unter dem Chor steigt man zur Krypta hinab, welche besonders merkwürdig ist und einmal eine genaue Darstellung verdiente. Sie ist ein auf Säulen ruhendes Gewölbe von mäßiger Höhe; die Decke sowohl wie den Boden schmückt bunte Mosaik, während die Wände nicht minder bunt und in gedrängter Fülle mit alten, leider sehr beschädigten, oft schon ganz unkenntlichen Fresken überladen sind. Es lassen sich unter ihnen verschiedene Epochen erkennen, denn manche dieser biblischen Darstellungen sind von sehr rohem byzantinischem Stil, andere freier behandelt; es gibt darunter Köpfe von schöner und graziöser Malerei, namentlich auf einem Bilde, welches die Verehrung des Kreuzes darstellt. Ihre Zeit scheint die des Cimabue zu sein.

In dieser Unterkirche befindet sich das Grab des Sankt Magnus, des Heiligen des Doms, und eine alte Inschrift sagt, daß im Jahre 1231 daselbst Meister Cosma an der Translokation des Märtyrergrabes beschäftigt war. So war also die alte Künstlerfamilie, welche Rom mit manchen architektonischen Ornamenten schmückte, auch draußen in den Landstädten tätig.

Auch die Chorkapelle, im hinteren Schiff, bewahrt eins ihrer Monumente, ein altgotisches Tabernakel über einem Sarkophag von Marmor, dessen Form mich bei dem ersten Anblick an das Grabmal des Bischofs Consalvus erinnerte, welches Johann, der Sohn des Cosma, im Jahre 1298 in S. Maria Maggiore zu Rom aufgestellt hat. Unzweifelhaft ist auch dies Tabernakel von ihm, und nur vier Jahre früher gearbeitet, da die Inschrift sagt:

In isto tumulo requiescunt ossa D. Petri Episcopi
Qui nutrivit D. Bonifacium Pap. VIII Item subtus
Ossa D. Goffredi Cajetani Comitis Casertani.
Item ossa D. Jacobi Cajetani hic recondita Kal. Augusti Anno D. 1294.

Auf dem sehr einfachen Sarkophag, welcher diese Mitglieder der Familie Gaetani umschließt, befindet sich das Wappen des Geschlechts, doch ohne die Adler, da das Schild der Gaetani in der Regel auf zwei Feldern die beiden doppelten sich schlängelnden Bänder oder Streifen und auf den anderen die Adler führt.

In derselben Chorkapelle zieht noch ein andres Altertum unsere Aufmerksamkeit auf sich; es ist ein sehr gutes Madonnenbild, worunter zu lesen ist:

Hoc opus fieri fecit Don. Raynald. Presbyter et Clericus istius ecclesiae anno Dni. M. CCCXXII. mense Madii.

Also war es ein Geschenk desselben nachmaligen Alexanders IV. Conti.

Wenig Denkmäler von jenen anagninischen Päpsten sind sonst im Dom übriggeblieben. Dazu gehören vor allen die Gewänder Innocenz' III. und Bonifacius' VIII., welche in einem Schranke der Sakristei gezeigt werden. Das Meßgewand des berühmten Innocenz ist aus blauem Stoff, reich und schwer in Gold rikamiert und mit eingewirkten Bildern neutestamentlicher Gegenstände von so auffallender Schönheit bedeckt, daß sie eher nach Gemälden Giottos oder des späteren Fiesole gemacht zu sein als einer so frühen Zeit anzugehören scheinen. Weit roher ist der schwerfällige Mantel Bonifacius' VIII., der nur Stickereien von Adlern und Löwen enthält.

Der Sakristan zeigte mir neben diesen Schätzen auch mehrere alte Bischofsmitren und Krummstäbe, deren außer Gebrauch gekommene Form den Antiquar beschäftigen mag.

Vergebens suchte ich nach Bildsäulen jener Päpste; es gibt deren keine, nur an der Außenseite des Doms sitzt in einer Nische oder in einem Tabernakel unter dem Dachgesimse die marmorne Figur eines Papstes auf dem Thron. Man sagte mir, daß diese unförmliche Bildsäule von götzenhaftem Ausdruck Bonifacius VIII. vorstelle.

In späterer Zeit stellte man die Brustbilder aller vier Päpste im Chor des Doms auf, große Medaillonbildnisse auf Leinwand, die nun über den beiden Galerien des Chors frei in der Luft stehen; ein bizarrer Einfall, der erst dem 17. oder dem 18. Jahrhundert angehören kann.

Ehe wir den Dom verlassen, um zu dem Palast Bonifacius' VIII. zu gehen, erinnern wir uns an manche Szene, welche von hier aus folgenschwer in die Geschichte Deutschlands eingegriffen hat. Denn die Kathedrale Anagnis steht zu dem Hohenstaufengeschlecht in bedeutender Beziehung. Dort vor jenem Altar verfluchte einst Alexander III. am Gründonnerstage des Jahres 1160 den großen Kaiser Barbarossa, dort las Innocenz III. die Bulle, welche Friedrich II. exkommunizierte, und auf derselben Stelle bannte endlich Alexander IV. den jungen Helden Manfred. Wilde und barbarische Szenen des Mittelalters; sie sind nun lange vorüber, wie die Herrlichkeit unseres großen Reichs und wie die Gewalt des Papsttums selbst.

Der letzte der Päpste aus Anagni war Bonifacius VIII. vom Haus der Gaetani. Wer kennt nicht seine Gefangennahme in seinem Palast, endlich seine Befreiung und sein unmittelbar darauf folgendes tragisches Ende?

Im Jahre 1294 hatte ein seltsamer Zufall den Einsiedler Pietro aus seiner Wildnis vom Berge Majella auf den päpstlichen Thron erhoben. Der unfähige Eremit hatte seinen Sitz in Neapel genommen, wo er ein willenloses Werkzeug in den Händen des Königs Karl war; nach der päpstlichen Krone aber strebte der herrschsüchtige Kardinal Benedict Gaetani von Anagni. Pietro oder Cölestin V. beschloß, die Tiara niederzulegen. Er tat dies fünf Monate nach seiner Erwählung und floh dann in seine Wildnis zurück. Aber kaum war Gaetani als Bonifacius VIII. auf den Stuhl Petri gestiegen, als er den Flüchtling aufgreifen und nach Anagni in seinen Palast bringen ließ. Von dort schaffte er ihn nach der nahe gelegenen Burg Fumone, wo der unglückliche Eremit sein Leben endete.

Bonifacius hatte es nicht vergessen, daß die beiden Kardinäle aus dem Hause Colonna, Jacopo und Pietro, seiner Erwählung widerstanden hatten, und er sann darauf, diese mächtige Familie zu demütigen. Im Jahre 1297 brach die offene Feindschaft zwischen ihm und jenen aus, unter Umständen, welche ich hier übergehe. Im Mai 1297 exkommunizierte er die beiden Colonna zum erstenmal, wiederholte die Bulle bald darauf und konfiszierte ihre Güter, Städte und Kastelle. Es folgte ein förmlicher Kreuzzug des Papstes gegen diese Familie. Die Colonna entwichen vor seinem Grimm; die abgesetzten Kardinäle gingen nach Rieti, Sciarra Colonna aber, das damalige Haupt des Hauses, nach Frankreich, wo ihn Philipp der Schöne mit Freuden aufnahm. Denn dieser befand sich mit Bonifacius VIII. im Krieg, da er von ihm exkommuniziert und des Throns für verlustig erklärt worden war. Mit Sciarra ward ein Anschlag geschmiedet, Bonifacius in Anagni, wo er im Sommer des Jahres 1303 wohnte, zu überfallen und gefangenzunehmen. Zu diesem Zweck verband sich jener mit Wilhelm Nogaret, dem Vertrauten des Königs; sie sammelten 300 Reiter und mehr Fußvolk, und nachdem Nogaret in Ferentino mit einem Trupp sich aufgestellt hatte, um schnell bei der Hand zu sein, brach Sciarra nachts am 7. September von dem nahen Sgurgola auf. Die mitverschworenen Ghibellinen in Anagni öffneten ihm die Tore; er stürmte den Palast Gaetani und drang in das Gemach des Papsts. Bonifacius setzte den Mißhandlungen, die er erlitt, eine heroische Würde entgegen. Drei Tage blieb er Gefangener, von Sciarra und Nogaret mit dem Tode bedroht, die ihn aufforderten, vom päpstlichen Thron herabzusteigen, wie er einst den unglücklichen Cölestin davon herabzusteigen gezwungen hatte. Zugleich räumten die Söldner den Palast aus und raubten, was sich an Besitz dort vorfand. Indes rief der Kardinal Luca Fiesco die Bürger Anagnis auf, den Papst, ihren Mitbürger, aus den Händen des wütenden Haufens zu befreien. Man griff zu den Waffen und verjagte die Eingedrungenen. Dann führte man den Befreiten nach Rom, wo er schon am 11. Oktober in Raserei starb.

Seine eigenen Landsleute, Kardinäle, Mitglieder der Kurie, hatten Bonifacius verraten. Als bald nachher Benedikt XI., sein Nachfolger, die Bulle gegen dessen Verfolger erließ, rief er darin aus: «Das eigene Vaterland schützte ihn nicht, sein Palast bot ihm kein Asyl dar; das höchste Priestertum ward geschändet; die Kirche mit ihrem Bräutigam in Ketten gelegt. Welch ein Ort kann ferner noch Sicherheit bieten? Was kann noch fürder ein heiliges Asyl sein, wenn der römische Papst selbst verletzt ward? O gottloses Verbrechen, o unerhörter Frevel! Wehe über dich, Anagni, die du solches in deinen Mauern geschehen ließest! Nicht Tau noch Regen falle auf dich, auf andere Berge mögen sie fallen und dir vorübergehen, weil, da du es sahest und hindern konntest, der Tapfere gefallen und der mit Stärke Gegürtete überwältigt worden ist.»

Der Fluch Benedikts XI. ruht heute nicht mehr auf diesem Anagni; aber noch im Jahre 1616 gestanden die abergläubigen Einwohner, daß sie unter dessen Wirkungen zu leiden glaubten. Als damals der bekannte Reisende Leandro von Bologna die Stadt besuchte, fand er sie als Schutthaufen und auch den Palast Gaetani in Ruinen, die schrecklichen Campagnakriege unter Alba hatten sie verheert, und die verarmten Anagninen klagten dem Bolognesen, daß seit jenem an dem hochsinnigen Bonifacius verübten Verrat ihre Stadt fortdauernd von Unglück heimgesucht worden sei.

Ich fragte in Anagni nach dem Schauplatze jener berühmten Szene, wo mit Bonifacius VIII. das weltgebietende Papsttum, wie es Gregor VII. geschaffen hatte, für immer untergegangen war. Aber der Palast Gaetani ist längst zerstört, und das Haus, welches die Anagninen heute so benennen, ist ein modernes Gebäude, das der Marchese Traetti besitzt. Es nimmt freilich die Stelle des Familienpalasts ein, nicht weit vom Dom auf dem Rande des Hügels. Man sagte mir, daß der alte Palast mit der Kathedrale selbst im Zusammenhang gestanden habe. Im Hof sieht man noch Mauern davon, und auf der Hinterseite des heutigen Gebäudes den ansehnlichen Rest einer großen Loge, von der noch drei mächtige Rundbogen stehengeblieben sind, welche den Hügel stützen. Ihnen zu Füßen liegt in der Vertiefung ein großes Gemäuer, das man als den Pferdestall Bonifacius' VIII. bezeichnet.

Ich fand auch hier, daß die Gegenwart meist mächtigere Ansprüche an die Betrachtung erhebt als die Vergangenheit. Denn ich verlor diese bald über dem Anblick der großen Landschaft aus den Augen. Man blickt hier in eine steinige Wildnis von ernsten Formen, aus der sich einsam ein dorischer Tempel erhebt, ein modernes Gebäude, der Campo Santo Anagnis. Weiterhin zeigt sich Monte Acuto. Geht man endlich wenige Schritte am Hügel fort, so enthüllt sich aus der Gebirgsferne von höchstens sechs Millien ein grauer Fels, auf dem eine schwärzliche Stadt in traurigster Verlassenheit steht. «Das ist Fumone!» sagte mir ein Weib, welches vorüberkam, und sie setzte mit Geringschätzung hinzu: «Quando Fumone fuma, la Campagna trema» (wenn Fumone raucht, zittert die Campagna). Ich verstand dies Sprichwort nicht und fragte um dessen Sinn; aber die Frau sagte nicht mehr als dies: «Seht, seht, es ist ja so elend, und die Menschen hungern Tag und Nacht.» – Das also ist Fumone, wo Cölestin V. gefangensaß, der einzige Papst, welcher abdankte und dessen Geschichte so romantisch ist wie das Mittelalter selbst.

Hier muß ich eines lächerlichen Vorfalls erwähnen. Ich hatte ein Fernglas mit heller Metalleinfassung herausgezogen, um Fumone zu betrachten; zufällig richtete ich es auf einen Buben, der in geringer Entfernung am Wege stand. Der Junge erhob ein Zetergeschrei, und indem er die Luft mit ihm erfüllte, lief er voll Entsetzen fort. Es kamen auf dies Geschrei Frauen, Männer, Kinder herab, fragend, was vorgefallen sei. Mit Vergnügen gedachte ich jener Szene in Genazzano, wo ich mit einem Buch als Zauberer Schrecken verbreitet hatte.

Wir haben das Merkwürdigste in Anagni gesehen und können diese Stadt verlassen. Mit Bonifacius endet das Interesse für dieselbe, wenn auch nicht ihre Geschichte. Denn noch zweimal wird Anagni namhaft; im Jahre 1378, als nach der Wahl Urbans VI. die französischen Kardinäle, die Gegner der römischen Partei, dorthin flohen, einen Gegenpapst aufzustellen, womit das große Schisma begann; und endlich im Jahre 1556, als während des Campagnakriegs der Herzog Alba die Stadt zerstörte. Sie ging fast ganz in Trümmer, und so erklärt sich ihr modernes Aussehen. Heute ist sie eine einsame und tote Landstadt von etwa 6000 Einwohnern, stolz auf ihre Erinnerungen, ihre Päpste und Adelsfamilien. Noch zählt man deren zwölf, die sogenannten zwölf Sterne Anagnis, und noch dauern Gaetani wie Conti fort, ihre ältesten Geschlechter. Ihnen gesellten sich neuere hinzu, von denen das liebenswürdige Haus Ambrogi rühmend zu nennen mir ein Vergnügen ist.

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