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Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 49
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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Mit der Vigilie werden die Pilgerzüge häufiger; man hört bald nichts mehr als den melancholischen Gesang der Prozessionen, welche eine nach der anderen in der Stadt anlangen, die engen Straßen durchschreiten und nach der Kirche ziehen. Hier am Wanderziel angelangt, scheinen die Menschen aller Müdigkeit zu vergessen; ihre Gesichtszüge beleben sich von Inbrunst und Begeisterung. Sie werfen sich vor der Kirche auf die Knie, die Hände auf dem Pilgerstab gefaltet, ihre Bündel noch auf dem Kopf, und mit lauter Stimme singen sie die Litanei; dann erheben sie das gellende Geschrei: «Grazie, Maria!» Sie rutschen auf den Knien die Stufen der Treppe empor; hie und da sieht man Weiber jede Stufe küssen oder mit der Zunge belecken – ein ekelerregender Anblick, der dadurch nicht gemildert wird, daß man sich erinnert, wie auch Karl der Große in so bigotter Weise die Stufen des Sankt Peter hinaufrutschte.

Schreckenerregende Szenen fehlen nicht, ich sah einen Menschen wie einen Hund auf den vieren schleppen; an einem Tuche wurde er so in die Kirche geführt, während er wie ein Werwolf heulte. Man sagte mir in der Tat, daß er diese Krankheit des Werwolfes habe, was man in Latium «Lupomanaro» nennt. Ich hörte ein Weib stundenlang vor dem Gitter der Marienkapelle heulen, man sagte mir, daß es besessen sei.

Fortdauernd rutschen Pilgerzüge durch das Seitenschiff der Kirche vor jenes Eisengitter, singend, betend und mit Ekstase um Gnade schreiend. Dieser Schrei «Grazie, Maria!» gellte mit schrecklicher Kraft, und die fieberhafte, ja rasende Inbrunst, mit welcher er ausgestoßen wird, machte mich tief erschaudern.

Die Lichter brennen; es ist Nacht geworden; die Pfeiler der Kirche werfen tiefe Schatten über den Boden und auf die Menschengruppen, während andere Gestalten in magischem Helldunkel sich herausheben, andere den vollen Lichtreflex empfangen. Schöne Szenen sieht man nun. Denn rings an den Säulen, um die Altäre, auf dem Marmorgetäfel des Bodens, vor den Kapellen sitzen die müden Pilger in Gruppen beisammen, und ihre Kostüme, der Wechsel der Lebensalter, der psychologische Ausdruck ihrer Gesichtszüge geben ein lebendiges Gemälde, welches zum Anschauen wie zum Nachforschen reizt.

An kleinen Tischen sitzen zu gleicher Zeit die Augustinermönche, Ablaßzettel oder Messen verkaufend, und sie scharren mit stumpfer Ruhe das Geld der Armen ein.

Vor der Kirche dieselben Gruppen auf der nackten Erde, und unablässig neue Pilgerzüge, welche ankommen. Sie enden weder nachts noch tags; indem sie die ganze Nacht hindurch, welche dem eigentlichen Fest vorangeht, herbeiziehen, einer dem andern folgend, und die feierlichen Klänge des lateinischen Hymnus fort und fort die Stille durchschweben, verbreiten sie eine mystische Atmosphäre von tiefer Schwermut um den Ort. Und doch hat dieser Strom, welcher Tausende aus der Ferne in einem und demselben Zug fortträgt, wieder etwas Beruhigendes, wie jede harmonische Bewegung der menschlichen Geister, selbst im Schmerz.

Der Ort konnte die Pilger nicht fassen. Als es tiefere Nacht wurde, sah man diese hartgewöhnten Menschen auf dem rauhen Straßenpflaster allerwegen in Scharen sich niederlegen. In allen Straßen, um die Brunnen, auf den Plätzen lagen sie, eine Nachtrast haltende Völkerwanderung im kleinen. Aber es ist ein altes Gesetz des Himmels, daß es regnet, wenn eine festtägige Menschheit beisammen ist, denn es gibt keinen größern Spötter, als dieser Himmel ist, wenn er auf das seltsame Treiben der Menschenkinder heruntersieht. Und kaum lagen die Pilger – ein Knäuel von Hunderten –, als Regen fiel. Jetzt Flucht, Verwirrung und Wehklagen, und das Zusammendrängen der Bedauernswürdigen unter irgendeinem vorspringenden Dach oder der Halle eines Hauses. Und wie viele, ermüdet von der Wanderung, mochten, sei es aus Armut, sei es um des Gelübdes willen, ohne Nahrung geblieben sein!

Am Morgen des Festtags Gottesdienst und Meßkram. Man verkauft goldenen Schmuck, Heiligenbilder und Rosenkränze am Eingang der Wallfahrtskirche, Fläschchen in Fingerhutgröße, welche Öl aus den Lampen enthalten, die vor dem Madonnenbilde brennen. Das Volk kauft sie begierig für einen Bajocco das Stück, als unfehlbares Heilmittel für alle Krankheiten.

Nachmittags Konzert einer Musikbande, die niemals fehlende Tombola oder Lotteria, und am Abend Feuerwerk. Dann tanzen wohl auch die Pilger fröhlich unter den Eichen des Parks; doch die meisten ziehen schon wieder heim, sobald sie ihre Gebete verrichtet und ihre Gaben dargebracht haben; und man sieht nun dieselben Menschen in geordneten Zügen, mit Gesang hinauswandern, geschmückt mit den Sträußen von gemachten Rosen oder Nelken, welche im Süden bei solchen Festen verkauft werden. Auf dem Punkt der Straße, wo man Genazzano zum letztenmal erblickt, knien sie nieder, und die Hände an den Pilgerstäben faltend, verrichten sie das stille Abschiedsgebet – eine Szene unter freiem Himmel, die mir von allen die schönste erschien; ich sah gern den Frauengestalten zu, wenn sie mit graziöser Bewegung niederknieten, die Augen nach dem Heiligtum gerichtet, von dem sie getröstet Abschied nahmen.

Auch wir verlassen Genazzano, um weiter nach Pagliano und Anagni zu reiten.

Pagliano, eine Stadt von 3700 Einwohnern, liegt sechs Millien von Genazzano entfernt, auf einem von Baumwuchs und Weingärten beschatteten Felsenhügel, welcher sich einzeln über der Campagna erhebt. Eine gute Straße führt dorthin, Maisfelder durchschneidend; man hat links neben sich die große Pyramide des Monte Serrone, welche dieser ganzen Gegend einen majestätischen Charakter verleiht.

Noch angenehmer ist der Feldweg, wo man über Wildnisse bequem fortreiten kann bis man den Felsenhügel erreicht. Auf seinem Gipfel steht die kleine, aber starke Festung, ehedem wichtig und oft bestritten, zumal in den vielen Campagnakriegen oder in jenen Fehden, welche die Colonnesen mit den Päpsten geführt haben. Hoch und steil, ist sie schwer mit Geschütz zu bestreichen. Gegenwärtig dient sie zum Bagno oder Gefängnis von mehr als 200 Galeoten, welche eine Abteilung päpstlicher Jäger bewacht. Die Stadt selbst liegt unter dem Kastell, um welches sie einen Ring bildet. Die Straßen sind eng, die Häuser schwarz und unansehnlich, wenn man wenige palastähnliche Gebäude ausnimmt; nirgends wird man anderer Regsamkeit gewahr als jener der Landleute, die aufs Feld ziehen oder von ihm heimkehren.

Nur der Palast der Colonna, deren eine Linie sich von Pagliano nennt und der Hauptzweig des berühmten Geschlechts geblieben ist, kann uns hier beschäftigen. Er ist ein schönes Gebäude aus schwärzlichem Tuff, in regelmäßigem Viereck gebaut, von nur zwei Stockwerken Höhe, aber geräumig, und gleich am Eingang der Stadt auf dem Rande des Hügels gelegen, von wo man der köstlichen Aussicht nicht satt werden kann. Der elegante Stil gehört dem Anfange des 17. Jahrhunderts, in welchem der Palast erneuert worden sein muß.

Wenn man die berühmten Personen der Familie Colonna kennt und weiß, wie tief dieses Herrengeschlecht in die Geschichte Roms und Italiens eingegriffen hat, so wird man ihren Sitz in Pagliano mit nicht geringem Interesse betreten. Es ist daher passend, hier von ihrer Geschichte wenigstens die Umrisse anzugeben.

Neuerdings hat sich der Römer Antonio Coppi, als Fortsetzer der Annalen Muratoris rühmlichst bekannt, durch seine «Memorie Colonnesi» (Rom 1855) um die Geschichte des Hauses Colonna und des römischen Mittelalters verdient gemacht. Dieses Buch liefert gute Materialien und verdankt sie dem Hausarchiv der Colonnesen. Coppi, wie dem andern Geschichtschreiber dieses Geschlechts, dem Grafen Litta von Mailand, stellte Don Vincenzo Colonna in Rom dies Archiv zur Verfügung. Unter den Geschichten der Adelsgeschlechter, deren es in Italien so viele gibt, daß sie mit ihren Annalen Bibliotheken anfüllen, verdienen die Denkwürdigkeiten jenes Hauses um ihrer historischen Wichtigkeit willen die größte Beachtung. Unruhig, kriegerisch und ehrgeizig, diente es als ein beständig bewegendes Prinzip in der Geschichte der Stadt Rom. Reich geworden durch den Besitz von Gütern, konnte es doch nicht wie andere, selbst jüngere Geschlechter, zumal im Norden Italiens, zu einem selbständigen Fürstentum gelangen, weil seine Besitzungen im Gebiet der Päpste lagen; daher ewiger Krieg mit diesen und die Anhänglichkeit an die römischen Kaiser. In Waffen ist dies Haus größer und berühmter gewesen als in Taten des Friedens, wenngleich es einen Papst, Martin V., welcher das Schisma beendigte, und viele Kardinäle unter seine Söhne zählt. Kultur und Wissenschaft verdanken ihm im ganzen nicht viel; der Name Colonna verstummt in dieser Beziehung in Rom vor einzelnen, zum Teil fremden Päpsten und ihren Familien, die zu nennen überflüssig ist. Nur vorübergehend sind einzelne Erscheinungen in diesem Hause welche mit der Blüte der Wissenschaften und Künste zusammenhängen, wie Petrarcas Verhältnis zum alten Stephan Colonna und dessen gebildeten und ritterlichen Kindern, und wie endlich die gefeierte Dichterin Vittoria Colonna, die Zeitgenossin jener beiden schönen Frauen Julia Gonzaga und Giovanna di Aragona, welche in dieses Haus hineingeheiratet hatten.

Der Ursprung der Familie ist ungewiß, aber wohl stammt sie von jenen Grafen von Tusculum, welche im zehnten Jahrhundert Rom beherrschten. Nach dieser Ansicht wäre als Stammvater der Colonna der Markgraf Alberich, Gemahl der berüchtigten Marozia, anzusehen, welcher im Jahre 924 starb, und von dessen Nachkommen fünf den Stuhl Petri fast ununterbrochen besessen haben. Der Name Colonna tritt indes erst am Anfang des zwölften Jahrhunderts auf mit Pietro de Colonna, von dem ich schon geredet habe. In dieser ersten Periode des Geschlechts finden wir die Städte Colonna, Zagarolo und Monte Porzio in seinem Besitz. Ob nun die Colonnesen jenes alte Haus der Grafen von Tusculum, welches mit der Zerstörung dieser Stadt durch die Römer (1191) verschwand, wirklich fortsetzten oder nicht, gleichviel, sie kamen von jenen Bergen und zogen sich dann weiter in die Campagna hinüber; ihre Güter reichten von Monte Fortino, das heißt vom Volskergebirge, bis zu dem Äquer- und Hernikergebirge, selbst bis in die Sabina; Palestrina wurde ihr Hauptsitz, und sie eigneten sich alles umliegende Land an.

Im 13. Jahrhundert begann ihre Macht und ihr größerer Einfluß in Rom, wo sie seit alten Zeiten einen Palast neben der Kirche Santi Apostoli, in der Region Via lata besaßen. Kardinäle dieses Hauses spielen in jenem Jahrhundert eine große Rolle, und die Geschichte der Hohenstaufen nennt die Colonnesen als eifrige Ghibellinen in Rom. Wer endlich kennt nicht den Anteil, den sie am Sturz Bonifacius' VIII. hatten? Im 14. Jahrhundert, in der Zeit des Exils der Päpste in Avignon, stritten sie um die Herrschaft der Stadt mit den mächtigen Orsini, seither ihren geschworenen Widersachern und Freunden der Päpste. Damals glänzte Stephan der Ältere als ihr Haupt. An ihn richtete Petrarca Sonette und Briefe.

In demselben Jahrhundert trennten sich die Linien von Palestrina und Pagliano.

Im 15. vergrößerte sich die Macht des Hauses durch die Gunst des Königs Ladislaus von Neapel; ferner durch Johanna II., und endlich durch den Umstand, daß Otto Colonna als Martin V. den päpstlichen Stuhl bestieg. Seit dieser Zeit erlangten die Colonnesen viele Lehen auch im Königreich Neapel, zumal das Herzogtum der Marsen (wovon ihr Titel «Marsorum Dux» ) und die Grafschaft Celano, zusammen 44 Städte und Kastelle.

Zur Zeit Sixtus' IV. waren sie im Krieg mit dem Heiligen Stuhl; Girolamo Riario, Neffe jenes Papstes, belagerte Pagliano, ohne es jedoch zu erobern, da der Papst plötzlich starb. Nicht minder führten sie mit Alexander VI. Krieg, und es vergingen überhaupt wenige Jahre, ohne daß die Campagna verheert wurde. Hier war es der Zweig von Pagliano, welcher alle bedeutenden Männer in sich faßte. Ich nenne nur Fabricius, den ersten Connetabel aus dieser Familie, und seine zwei Kinder Ascanius (1522-1553), Gemahl der Giovanna di Aragona, und Vittoria, Gemahlin des Marchese von Pescara, Fernando d'Avalos. Ascanius' Sohn war Marcantonio, berühmt als einer der Sieger bei Lepanto. Welchen Anteil schon vorher Pompeo Colonna an dem Unglück Clemens' VII. und dem «Sacco di Roma» hatte, ist allen bekannt, die von jenen Ereignissen irgend gelesen haben.

In der Mitte des 16. Jahrhunderts drohte den Colonna großes Unheil, da sie mit Paul IV. zerfallen, von diesem jähzornigen Papst ihrer Besitzungen, wie zur Zeit Bonifacius' VIII., beraubt wurden. Pagliano erhob er hierauf zu einem Herzogtum und verlieh es seinem Neffen Johann Caraffa. Marcantonio, das Haupt der Colonnesen, verteidigte sich, und in Gemeinschaft mit dem Herzog Alba zog er durch die Campagna, seine Städte wiederzugewinnen. Dies ist der berühmte Krieg Pauls IV. mit dem König von Spanien, welcher auch der Campagnakrieg genannt wird. Er wurde im Jahre 1557 durch den Frieden von Cave (bei Genazzano) unter Vermittlung Albas und des Kardinals Carlo Caraffa beendigt. Aber erst nach dem Tode Pauls gewann Marcantonio seine Güter wieder; jene, die sie ihm entrissen hatten, fanden ein schreckliches Ende: Johann, Herzog von Pagliano, wurde in der Torre di Nona zu Rom enthauptet und der Kardinal Caraffa in der Engelsburg erwürgt.

Marcantonio ist mit Recht der letzte große Colonna zu nennen. Er wurde in Pagliano begraben im Jahre 1584. Seither änderten sich die Zeiten; die Barone führten mit den Päpsten keine Kriege mehr; ihr Besitztum schmälerte sich durch Verkauf, zu dem sie aus Verschuldung gezwungen wurden. Der Ruhm von Lepanto war kostbar. Don Vincenzo sagte mir, daß Marcantonio aus dem Vermögen des Hauses eine Million für jenen Krieg hingegeben hatte, und daß sich die Familie seither nicht mehr erholte. Schon 1622 verkaufte sie ihre uralten Besitzungen Colonna und Zagarolo; im Jahre 1630 sogar Palestrina, wo nun die Barberini Herren sind. Das Haus sank von seiner Größe für immer herab, doch besteht es noch im Zweige von Pagliano fort, dessen Haupt gegenwärtig ist Giovanni Andrea, Gemahl der Isabella Alvarez von Toledo. Von Rom hat es sich indes nach Neapel hinübergezogen, wo die Colonna in der Regel leben. Die größere Zahl ihrer Feuda liegt auch dort: Philipp III. Colonna (+ 1818) besaß im Kirchenstaat 27, im Königreich Neapel 62, in Sizilien 8 Lehen, zusammen mit 149 403 Vasallen. Die Güter im Kirchenstaat sind folgende: Anticoli, Arnara, Castro, Cave, Ceccano, Collepardo, Falvaterra, Genazzano, Giuliano, Marino, Morolo, Pagliano, Patrica, Piglio, Pofi, Ripi, Rocca di Papa, San Lorenzo, Santo Stefano, Sgurgola, Serrone, Sonnino, Supino, Trivigliano, Vallecorsa und Vico.

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