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Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 25
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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Das Schloß der Orsini in Bracciano

1870

Bald hinter der Poststation la Storta zweigt sich von der Via Cassia links die Claudia ab, und auf dieser Straße fährt man noch drei starke Stunden bis zum See von Bracciano. Die Landschaft ist öde, aber malerisch. Vulkanische Tuffhügel durchziehen sie, und hie und da zeigen sich blühende Wiesenflächen und Triften mit Wirtschaften und zahlreichen Rinderherden.

Der Charakter der tuskischen Campagna Roms ist von dem Latiums sehr unterschieden. Im Lateinischen ist alles lachender und sonniger, alles formvoller und auch belebter. Die Berge der Volsker und der Apenninen senden ihre Zweige aus, und sie haben die schöne Gliederung der Kalkformation. Uralte Städte, meist Bistümer, erheben sich zahlreich auf grünen von Kastanien und Olivenbäumen oder von der Weinrebe umrankten Höhen und geben der lateinischen Landschaft ein vorwiegend geschichtliches Gepräge. Sie ist von Monumenten des Altertums wie des Mittelalters erfüllt. In Tuskien dagegen herrscht ein vulkanisch durchrissenes Hochland vor mit weiten Einöden von ernster und melancholischer Natur, die geheimnisvoll erscheint. Das geschichtliche Leben ist hier meist spurlos geworden. Unterirdische Gräber und Nekropolen eines rätselhaft gebliebenen Volkes sind die Schätze und Monumente Etruriens. Die Geschichte des Landes erscheint wie abgebrochen, und wo sie sich fortgesetzt hat, entbehrt sie doch der macht- und lebensvollen Bedeutung. Der vollkommene Untergang einer Stadt, wie Veji war, und die gänzliche Verlassenheit ihres Lokals für alle Zeit erschien mir immer charakteristisch für dieses geschichtliche Absterben des römischen Etruriens.

Einsame Baronaltürme ohne Namen oder kleine Orte unhistorischen Charakters stehen hie und da schwermütig auf Tuffhügeln. Im Mittelalter beginnt die geschichtliche Erinnerung in diesen kulturlosen Wildnissen erst mit dem 11. Jahrhundert, wo germanische Feudalgeschlechter fränkischen oder langobardischen Ursprungs hier Gebieter werden, wie die Grafen von Galera und die Stadtpräfekten vom Hause Vico. Auch der Machteinfluß der Kirche hat hier nur wenige Spuren eingedrückt; denn gerade im Patrimonium S. Peters ist sie erst spät zur Herrschaft gelangt.

Hinter dem Fluß Arone, dem Ausläufer des Sees von Bracciano, liegen zwei größere Meiereien, S. Maria di Celsano und Casale di Galera, und dort mag man vom Wagen steigen, um die nahen Trümmer des Kastells Galera zu besuchen. Sie sind das seltsame Seitenstück zu der märchenhaften Stadt Ninfa in Latium am Anfang der pontinischen Sümpfe, wo sie in ihr reizendes Grab von Efeu und Blumen versunken liegt. Denn auch Galera, einst der Sitz trotziger und wilder Herren, welche oftmals die Stadt Rom bedrängten, ist heute versunken und zerstört, mit Straßen, Kirchen und Grafenburg im eigentlichen Sinne des Wortes von Efeuranken zugedeckt. Und doch liegt Galera nicht wie Ninfa in der sumpfigen Tiefe, sondern fest und hoch auf einem schroffen Tuff-Felsen über einer bewaldeten Schlucht, durch welche sich der Arone in schäumenden Kaskaden hervorstürzt.

Auf dem verfallenen Tor sieht man noch das Wappen der Orsini, die Rose mit dem Querbalken. Hinter den mächtigen Stadtmauern steigt man aufwärts in den zerstörten Ort, und verwundert bahnt man sich oben den Weg durch das dichte Efeugewilder, welches die zerfallenen Straßen versperrt hat. Es sind noch manche Häuser mit gotischen Fenstern aufrecht, doch das meiste Material ist fortgeschleppt worden oder es bildet jetzt vom Pflanzenwuchs umbuschte Schutthaufen. Galera ist durch seine Reste von Architektur nicht so merkwürdig wie Ninfa; nur die Trümmer der Burg und der Hauptkirche zeigen eine ältere Epoche, die andern sind sehr modern. Denn erst im Jahre 1809 wurde der Ort verlassen, sei es wegen des Wassermangels oder, was wahrscheinlicher ist, aus Verarmung der Bevölkerung. Daß eine Stadt, nicht durch plötzliche Naturgewalt zerstört, sondern durch inneren Verfall schwindsüchtig, in unserm Jahrhundert aussterben konnte, ist wahrhaft befremdend. Beweist das nicht schlagend das mangelnde Lebensprinzip dieses etrurischen Landes überhaupt? Galera (in der Gegend, wo nach den alten Itinerarien die Station ad Careias lag) wird erst geschichtlich im Jahre 780, als der Papst Hadrian I. eine Kolonie dieses Namens am Fluß Arone gründete, um das verödete Vejenterland wieder zu bebauen. Diese Kolonie gedieh, aber sie entzog sich unter uns unbekannten Verhältnissen der Kirche; denn am Anfang des 11. Jahrhunderts erschienen dort als Herren die Comites von Galera, wütende Feinde des Papsttums und eifrige Anhänger der deutschen Reichsgewalt.

Gerard, Sohn Rainers (schon diese Namen beweisen das germanische Geschlecht) war dort Graf und eines der Häupter des kaiserlich gesinnten Adels von Rom und dem Stadtgebiet, eng verbunden mit dem Grafen von Tusculum vom Stamm Alberichs und mit den Crescentiern von Monticelli in der Sabina. Diese Herren erhoben im Jahre 1058 gewaltsam einen Papst in Rom, Benedikt X. Aber Hildebrand, der nochmalige Gregor VII., schon damals das Haupt der päpstlichen und nationalrömischen Partei, führte im Dienst des kaum gewählten Papstes Nikolaus II. eine Schar raubgieriger Normannen aus Apulien nach Rom und gegen die feindlichen Grafen. Galera, wohin sich Benedikt X. geflüchtet hatte, und andere Kastelle wurden erstürmt.

Die Macht der Comites von Galera, welche das etrurische Land bis über den See hinaus nach Sutri hin beherrschten, wurde augenblicklich gebrochen, aber ihr Geschlecht behauptete sich trotzdem in Galera noch lange Zeit. Es verschwand vielleicht erst in der Mitte des 15. Säkulums, wo Matteo Rosso vom Haus Orsini, ein berühmter Senator der römischen Republik, als Herr von Galera erscheint. Seither blieben die Orsini Besitzer dieses Kastells, bis sie es im Jahre 1670 dem Papst verkauften.

Der grimmigste Feind dieser Landschaft und zugleich das stärkste Hindernis für die Kultur bei mangelnder Arbeitskraft ist heut die Malaria. Eine weiche verräterische Luft weht über die unbebauten Ebenen und die von der Asphodelosblume bedeckten vulkanischen Hügel ohne Baumvegetation. Sollten wohl gar die Würgengel des Fiebers aus dem See selbst steigen? Wer wird es glauben, wenn auf dem Höhenzuge von Bracciano dieser purpurblaue Wasserspiegel endlich sichtbar wird? In Wahrheit, dies ist das entzückende Bild sonnig lachenden Glücks und zaubervoller Einsamkeit – eine Landsee-Idylle von ganz besonderer Art, groß und erhaben genug, und doch nicht so umfangreich, daß sie aufhörte, ein vollkommen und schön umgrenztes Gemälde zu sein.

Der herrliche See, im Altertum Lacus Sabatinus, ursprünglich ein vulkanischer Krater, liegt hingegossen zwischen sanften Gebirgszügen und anmutigen Ufern. Er hat einen Umfang von 21-22 Millien; sein Flächenraum ist also vollkommen so groß wie die Stadt Rom, mit welcher er durch die Acqua Paola, die erneuerte Sabatinische Wasserleitung Trajans, in direkter Verbindung steht. Denn das Wasser, welches durch die Porta di S. Pancrazio nach Trastevere hereinkommt und sich aus der Fontäne Pauls V. mit so prachtvollem, flußähnlichem Schwall ergießt, stammt zu einem Teil aus diesem See, den die Mauern Aurelians gerade umspannen würden.

Nach Norden umfaßt ihn ein kleines bewaldetes Gebirge, aus dem als ein schwarzer vulkanischer Pic, höchstens 2000 Fuß hoch, der Monte di Rocca Romana aufragt. Dieser Kegel ist in der etrurischen Landschaft überall sichtbar, wie in der lateinischen der Monte Cavo über dem See von Albano. Unter ihm liegt am Ufer der Ort Trevignano. Zur Linken erhebt sich der Höhenzug von Bracciano, und auf ihm stellt sich, etwa eine Millie vom Seespiegel entfernt, als die dominierende Gestalt der ganzen Landschaft die riesige Burg der Orsini dar, ein prachtvolles Fünfeck mit fünf runden krenelierten Türmen. Ihre schwarzgraue Farbe entspricht der vulkanischen Natur ringsumher, deren geschichtliches Erzeugnis dieses Schloß zu sein scheint. Zur Rechten endlich ragt in den See eine hohe Landzunge mit einem dunklen betürmten Ort. Dies ist Anguillara, ehemals der Sitz der Grafen dieses Namens von einem Nebenzweig der Orsini. Dort strömt der Arone aus dem See, dessen Emissar er ist.

Nur in den drei Ortschaften hat sich das geschichtliche Leben um den See gelagert. Man sieht sie dort beständig vor sich; sie nehmen in gleicher Entfernung voneinander die Seiten eines Dreiecks ein, und nur sie unterbrechen die reizende Stille dieser Ufer durch die Vorstellung von menschlicher Kultur, ohne doch den Zauber der Verlassenheit zu stören. Denn was bedeuten Bracciano, Trevignano, Anguillara? Wer hat je ihre Namen gehört außer denen, die mit der Spezialgeschichte Roms vertraut sind? Wenn nicht jenes Schloß der Orsini, die versteinerte Chronik schrecklicher Feudalzeiten, seine schwarzen Türme über dem blauen See erhöbe, so würde man diese drei Orte an seinen Ufern für Fischerdörfer halten können. Und doch so stille ist der See, daß auch nicht ein Nachen auf ihm sichtbar ist. Nur Rinderherden zeigen sich am Ufer oder Rudel gleich verwilderter Pferde, bis an den Leib im Wasser, und berittene Hirten mit der Lanze, wie im pontinischen Sumpf.

Ich fand Bracciano freundlicher, als ich von einer Vasallenstadt erwartet hatte; ein Ort von etwa 2000 Einwohnern, mit breiten Straßen und guten Häusern, modern gebaut, wie etwa Marino, wo das Schloß Colonna steht, das ehemals auch den Orsini gehörte. So wohnlich ist freilich nur der neue Stadtteil, denn der alte aus der echten Baronalzeit liegt als ein schwarzer Häuserklumpen aus Tuffstein eng um die Burg zusammengedrängt. Diese Burg aber steigt so gigantisch empor, daß sie ganz Bracciano mit ihrem Schatten zu bedecken scheint, und daß nichts mehr neben ihr in Betrachtung kommt.

Wie königlich muß die Macht eines Hauses gewesen sein, welches in einer weltverlorenen Landschaft sich dieses Prachtschloß erbaute, eine uneinnehmbare Festung und einen Luxuspalast zugleich! Seitdem die Burg der Orsini in Campagnano in Trümmer fiel, ist diese hier eine der merkwürdigsten Monumente der römischen Renaissance, ein Baronalschloß ersten Ranges. In ganz Latium gleicht ihm keins. Das Schloß von Spoleto, vom Kardinal Albornoz angelegt, von Nikolaus V. ausgebaut, ist noch majestätischer, aber es ist kein Baronalbau, ebensowenig wie es die schönen Burgen von Ostia, Narni, Civita Castellana und Subiaco sind.

Der Anblick dieser stolzen Burg ruft dem Wanderer zuallererst die Geschichte des Geschlechts der Orsini in Erinnerung, welche neben jener ihrer Erbfeinde Colonna fast ein halbes Jahrtausend hindurch die Annalen Roms mit den Taten und Namen seiner zahllosen Mitglieder erfüllt hat, unter denen es Päpste, Kardinäle und Feldherren von großem Ruhme gab. Denn beide Häuser, die Guelfen und die Ghibellinen Roms, dauerten länger als Dynastien von Kaisern und Königen, und sie dauern noch heut in ihren Resten fort, gleich den Schlössern, die sie ehemals besaßen.

Der Stammvater der Orsini, mit dem römischen Namen Ursus, verliert sich in das Dunkel der Sage. Ob er Germane war, ist unbekannt. Seine Nachkommen nannte man die Filii Ursi, denn so heißt der ursprüngliche Stammname der Orsini stets in den ältesten Geschichten. Historisch traten sie im 12. Jahrhundert auf. Cölestin III. (1191-1198) gehörte zu ihrem Hause. Im 13. Jahrhundert gewannen sie, zur Zeit der Hohenstaufenkämpfe, größere Macht, auch durch den Senator Matheus Rubeus, den unermüdlichen Feind des Kaisers Friedrich II., das gebietende Oberhaupt der kapitolinischen Republik, dann durch den Papst Nikolaus III. (1277-1280), der ein Sohn eben dieses Senators war.

Die Orsini, so fruchtbar als Geschlecht wie die Colonna, teilten sich mit der Zeit in viele Familienzweige. Sie nannten sich nach ihren Besitzungen die Orsini von Monte Giordano und von Campo di Fiore in Rom, die Grafen und Herren von Nola in Campanien, von Tagliacozzo in den Abruzzen, von Gravina und Manupello, von Monterotondo, Vicovaro, S. Angelo, Pitigliano, Anguillara und Bracciano. Das Register ihrer ehemaligen Kastelle und Güter, welches das Archiv des Hauses in Rom bewahrt, umfaßt einen ganzen Band. Sie waren so mächtig im Königreich Neapel wie im römischen Landgebiet. Die Colonna, gleichfalls im Neapolitanischen mit großen Lehen ausgestattet und wegen der Markgrafschaften von Tagliacozzo, Alba und Celano im wütenden Kriege mit ihren Erbfeinden, besaßen den Kern ihrer Herrschaft in Latium. Die Orsini dagegen beherrschten das sabinische Gebiet am Anio von Vicovaro bis nach Nerola und Monterotondo, und das etrurische Land von Sutri abwärts bis über den See nach Galera und zum Meeresstrande des alten Cäre. In dieses tuskische Land waren sie schon im 13. Jahrhundert eingedrungen, wo sie sich Galera aneigneten. Wann sie nach Bracciano kamen, ist ungewiß. Dieser Ort entstand in unbekannter Zeit, wie man glaubt aus einem Fundus der Gens Braccia. Nibby, der uns die geschichtliche Kenntnis des Ager Romanus im Mittelalter aus Dokumenten erst zugänglich gemacht hat, fand die erste Erwähnung des Castrum Brasani in einer Klosterurkunde vom Jahre 1320. Ich kann dies vervollständigen, denn ich fand eine hundert Jahre ältere im Archiv Orsini, ein Instrument vom 10. März 1234, worin Jofredus Amator und Landulf, Sohn des Präfekten Gottifred, als Herren dieses Kastells erscheinen: Domini de Brachiano et de Sancta Pupa. Demnach gehörte Bracciano zu jener Zeit der in Etrurien mächtigen Familie der Präfektanen oder der Präfekten vom Hause Vico. Dieses germanische Geschlecht hatte die Stadtpräfektur Roms seit dem 12. Jahrhundert bei sich erblich gemacht. Sie waren gewalttätige Dynasten, Ghibellinen und Feinde der Päpste; selbst Viterbo und Orvieto rissen sie an sich. Erst im Jahre 1435 gingen sie unter, wo der furchtbare Johann Vitelleschi den letzten Präfektanen Jakob von Vico im Schloß zu Soriano enthaupten ließ.

Die Güter des Präfektenhauses zog die Kirche ein, doch einige erkaufte Eversus, der räuberische Graf von Anguillara, dessen Orsinisches Geschlecht schon längst am See von Bracciano festen Fuß gefaßt hatte. Auch die Stadtpräfektur kam im Jahre 1435 an die Orsini, nämlich an Francesco, den ersten Grafen von Gravina, einen Ahn jener Linie, welche von allen Zweigen des ganzen Geschlechts allein noch dauert und in Rom fortlebt.

Bracciano selbst besagen die Orsini schon im 14. Jahrhundert; denn Martin V. Colonna sah sich genötigt, den Brüdern Francesco, Carlo und Orsino Orsini jenes Kastell als Vikariat im Jahre 1419 zu bestätigen.

Seither herrschten hier am See die beiden Linien, jene schon ältere von Anguillara und diese von Bracciano, welche viele andere etrurische Kastelle besaß.

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