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Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 22
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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Man fährt von Spoleto ins schöne Land hinein nach Foligno, durch das Tal des Clitumnus, vorüber an dem kleinen zierlichen Tempel dieses Flußgottes, welchen man indes nicht mehr für den von Plinius beschriebenen gelten läßt; er steht kurz vor der Poststation Le Vene, nahe am Ursprung des kristallreinen Quells. Ringsumher ist lachende Landschaft, mit entzückenden Fernsichten auf die Berge Umbriens. Wenn man dies kleine Reich der Päpste durchreist, wie ich dasselbe in wenigen Wochen von der tiefsten Mitte Latiums bis zur toskanischen Grenze durchzogen habe, so muß man sich sagen, daß es eine köstliche Monarchie war, deren Krone jeder König gern getragen hätte. Man muß diese Gefilde und Landschaften mit Augen sehen und ihre altertümlichen Städte kennen, um zu begreifen, daß eine geradezu übermenschliche Größe der Gesinnung dazu gehören würde, sich eines solchen altererbten Besitztums in frommer Entsagung zu begeben. Doch der Gewalt der Zeit kann am Ende keine noch so legitime Macht widerstehen.

Die ansehnliche Stadt Foligno zählt doppelt soviel Einwohner als Spoleto. Sie ist betriebsam; namentlich werden hier Tuch, Papier, Wachskerzen und wie man sagt die besten Konfetti in ganz Italien bereitet. Sie liegt in einer reichen Ebene, wo sie den Knotenpunkt für die umbrischen und romagnolischen Eisenbahnen bildet. Daher ist ihr eine wachsende Bedeutung für die Zukunft gewiß.

Alles ist hier mehr oder minder modern; doch gibt es noch Paläste in der Stadt, welche den Stil der Epoche Bramantes zeigen. Der Dom ist innen ganz erneuert, und nur die Fronte hat noch die gotische Bauweise mit dem alten Portal bewahrt. Andere Kirchen sind durch ihre Gemälde sehenswert; so besitzt S. Niccolo eins der Hauptwerke des Meisters der Malerschule von Foligno, des Niccolo Alunno, dessen Schüler Perugino war.

Von Foligno geht es vorbei an Trevi, dann durch Spello auf der Anhöhe. Diese Städte sind originell und mittelalterlich; ihre schwarzen Mauern mit Zinnen und Türmen und ihre alten Tore halten den Charakter der Vergangenheit fest. Bei Spello liegen noch viele Häuser in Ruinen, wie sie das schreckliche Erdbeben vom Jahre 1832 zerstört hat. Dies ist nicht gerade ein Beweis von Lebenskraft der Bevölkerung. Nun wird das Land eben, man nähert sich wieder dem Tal des Tiber, der hier zwischen den beiden Berghöhen von Assisi und Perugia strömt. Man überschreitet ihn selbst unterhalb Bastia, wo er noch recht klein und kindlich aussieht. Durchweg ist die Campagna fruchtbar und wohlkultiviert; man baut viel Mais und Weinreben, die hier an Ulmen ranken.

Assisi: S. Francesco

Assisi: S. Francesco

Ich bin an Assisi vorübergefahren, welches ich erst von Perugia aus bequem zu besuchen gedachte. Die Vaterstadt des heiligen Franziskus liegt herrlich auf einer Berghöhe, welche sie selbst terrassenförmig bedeckt, mit vielen uralten Türmen und den starken Aufmauerungen der Kirche des Heiligen. Kaum zwei Millien unterhalb gelangt man zu der großen Kirche S. Maria degli Angeli. Sie ist im 16. Jahrhundert über der Kapelle des heiligen Franziskus erbaut worden und durch jenes Erdbeben zusammengestürzt. Gregor XVI. hat sie durch den Architekten Poletti herstellen lassen. Dies Bauwerk ist eine Kopie des S. Peter zu Rom, von kolossaler Masse und geistlos nüchtern. Es gibt keinen grelleren Gegensatz als den zwischen den mittelalterlichen Städten, die man eben gesehen hat, und solchem modernsten Bau, dem auch nicht eine Spur religiöser Ursprünglichkeit mehr innewohnt. Die erste Vorstellung, welche man bei seinem Anblick bekommt, ist vielleicht diese, daß er ganz erstaunliche Summen gekostet haben muß.

Der Raum der Kirche ist prachtvoll, das ist alles, was man zu ihrem Lobe sagen kann. Nun hat sich aber mitten in ihr das Sanktuarium des heiligen Franziskus unzerstört erhalten; eine kleine Kapelle gotischen Stils, die einen grellen Kontrast zu dem modernen Raum bildet, in dem sie so fremdartig dasteht. Man baute sie einst zum Andenken an die Erscheinung der Rosen, welche den Heiligen, als er hier betete, bestimmt haben soll, seinen berühmten Orden zu stiften. Votivtafeln, Weihgeschenke hängen in dem finstern, von Kerzen sparsam erhellten Oratorium, worin auf Betstühlen Andächtige niederknien, wenn es geöffnet wird. Denn diese Kapelle ist ein Heiligtum in Umbrien. An den beiden Giebeln auswärts sieht man Freskobilder; eins ist das Werk Overbecks, wie man sagt, das beste, welches er gemalt hat; das andre, stark restauriert, ist ein schönes Gemälde aus der Schule Peruginos, vielleicht von Lo Spagna. Beide Bilder scheinen sich zueinander zu verhalten wie eine neue Kirche zu einer alten oder wie ein moderner Heiliger zu einem alten oder wenigstens doch wie ein moderner Heiligenmaler zu einem alten. Jede Zeit hat ihr Maß, und nachgemachte Blumen haben keinen Duft und keine Seele. Auch der trefflichste Künstler, ja der größte Maler wird heute kein Bild mehr zustande bringen, welches mit dem Zauber eines Perugino, Spagna oder Pinturicchio auf uns wirkte.

Im Konvent der S. Maria leben 90 Franziskaner. Die Revolution hat weder sie noch die Klöster im Assisi angetastet, wie der mich begleitende Mönch mir versicherte. Er schien indes sehr scheu und gedrückt. Was man überhaupt von der gänzlichen Aufhebung der Klöster Umbriens geschrieben hat, ist übertrieben. In allen Orten, wo ich mich aufhielt, habe ich Mönche gesehen; man wird sie in Italien niemals loswerden, sie niemals ganz entfernen können. Sie gehören zu diesem Lande, wie Pflanzen oder Tiere zu ihrem Klima. Die Kapuziner, die Zoccolanti, die Benediktiner, die mit dem Volksunterricht sich bekräftigenden Klosterbrüder hat man nirgends angetastet; man hat die Klöster verringert, nach dem Gesetze Sicardi. Das Kirchengut, sehr bedeutend in Umbrien, steht unter Sequester, verkauft ist nichts worden. Daß hie und da mancher zu hastige Eingriff geschehen sei, kann nicht bezweifelt werden.

Hochgelegen auf einem Gebirgszuge über dem weiten Tibertal, höchst altertümlichen Aussehens, recht an die Lage und den Charakter Palestrinas erinnernd, doch nur aus der Ferne, zeigt sich jetzt Perugia. Tritt man endlich in diese berühmte Hauptstadt Umbriens ein, so befindet man sich in einem ansehnlichen Ort mit eigentümlichem Gepräge eines bedeutenden Munizipallebens im Mittelalter. Diese Stadt, das Haupt des ganzen Landes Umbrien, reich und blühend, ein Museum umbrischer Kunst, ein Mittelpunkt der Wissenschaft durch ihre einst berühmte Universität, war immer das Kleinod der Päpste, welche sie mit Vorsicht, Schonung und Liebe behandelt haben. Seit dem byzantinischen Bilderstreit war Perugia, wenigstens dem Namen nach, ein Besitz der Kirche; aber sie entzog sich für Jahrhunderte, wie andere Städte, ihrer Gewalt, und lange ragte sie unter den Republiken jener Gegend hervor. Abwechselnd hatten hier die Popolanen (Raspanti) und die Nobili (Beccherini) die Gewalt; abwechselnd herrschte die guelfische und die ghibellinische Partei. Eine Zeitlang konnte auch Perugia gerade während dieser Fraktionskämpfe vielen Päpsten zum Sitze dienen. Der große Innocenz III. starb hier im Jahre 1216; er liegt im Dom begraben, in einer und derselben Urne mit jenem Martin IV., welcher an den Aalen des Sees von Bolsena gestorben ist, die er am heiligen Sonnabend im Übermaß zu sich genommen hatte. Auch Innocenz IV. hielt sich in Perugia auf. Daselbst starb auch der unglückliche Benedikt XI., der letzte Papst vor dem avignonischen Exil. Im 14. Jahrhundert blühte die städtische Republik so mächtig, daß sie ganz Umbrien sich unterwarf, aber schon im Jahre 1370 mußte sie sich dem Papst ergeben. Zwar erhoben sich die Bürger schon nach fünf Jahren und zerstörten die Festung, welche die päpstliche Regierung angelegt hatte, doch am Ende des Jahrhunderts bezwungen sie die Päpste wieder. Damit hörten keineswegs die inneren Bürgerkriege und die Wiederkehr republikanischer Selbständigkeit auf. Das Geschlecht der Oddi und der Baglioni spielte darin die hervorragende Rolle, namentlich das letztere, welches sich durch einige tapfere Kapitäne ausgezeichnet hat. Peruginer war auch der bekannte Braccio Fortebraccio, der sich im Jahre 1416 zum Herrn der Stadt machte. Endlich unterwarf sich Paul Baglione dem Papst Julius II.; es ist derselbe Dynast, welchen Leo X. in der Engelsburg enthaupten ließ. Paul III. vernichtete sodann auch den letzten Rest der Unabhängigkeit Perugias, und diese Republik wurde seither von Kardinallegaten regiert, die in dem alten, schönen Kommunalpalast ihre Wohnung nahmen.

Perugia: S. Francesco und Oratorio di S. Bernhardino

Perugia: S. Francesco und Oratorio di S. Bernhardino

Wie nicht viele andere Städte ist Perugia noch ganz vom Charakter des Mittelalters durchdrungen. Nichts hier von der kasernen- oder salonartigen Gleichförmigkeit modernen Wesens, überall diese feste und ernste, zugleich künstlerisch durchbildete Eigenartigkeit der Zeit der Stadtgemeinden und des Parteienkampfes zwischen Adel und Bürgerschaft. Aber die Namen der Baglioni und Braccio, der Volkshäupter und Tyrannen sind heute von dem eines schlichten Künstlers und Handwerkers verdrängt. Perugino ist der Glanz der Stadt und ihr schönster Ruhm. Man begreift erst hier die ganze Bedeutung dieses Talents, welches dem Genie Raffaels als feste Grundlage gedient hat. Doch ich will nicht Eulen nach Athen tragen, nicht von den Gemälden jenes Meisters, nicht einmal von denen im Cambio reden, noch sonst eine Beschreibung dieser überreichen peruginischen Schatzkammer Umbriens geben.

Zwei Hauptmassen bilden die eigentliche Stadt, eine obere und untere; beide sind oft durch seltsame Stiegen und Brücken aus gebranntem Stein verbunden, von denen herab der Anblick der Gebäude wie der Landschaft höchst überraschend ist. Die obere Stadt ist das wahre alte Perugia und enthält dessen merkwürdigste und schönste Teile, wie die breite schöngepflasterte Hauptstraße, das Monument republikanischer Größe, mit vielen Palästen aus dem 15. und noch dem 14. Jahrhundert. Ihre altertümlichen, gotisch-romanischen Fassaden wirken höchst charaktervoll nebeneinander, als geschichtliches Gepräge, ja als das eigentliche Antlitz der Stadt. Da ist der großartige Gemeindepalast, schon gegründet im Jahre 1279, düster und ernst, dunkel und schwermutsvoll, mit moresker Architektur an Fenstern und Portalen, mit Wappenschildern verbündeter Städte und Fürsten, mit Skulpturen mancherlei Art. Zu Füßen des Greifen, des Sinnbildes von Perugia, hingen einst die Ketten des Tors von Siena, welche die Peruginer erbeutet hatten.

Den Domplatz, dem die eine Seite des Stadthauses zugekehrt ist, ziert noch das große Brunnenwerk des Johann von Pisa und die bronzene Statue Julius' in. Ich sage nichts vom Dom, noch von so vielen andern Kirchen, wie von S. Domenico, worin das Grabmal Benedikts XI. steht, oder von S. Agostino und S. Francesco, denn all dies ist hundertfach gesagt worden; und hundertfach sind die Schätze der großen Privatpaläste Conestabili, Donini, Baglioni, Bracceschi und Baldeschi, Monaldi, Penna und Cenci geschildert worden.

Nicht weit vom Corso erhebt sich die päpstliche Festung, das Werk Pauls III. Farnese und seines gräßlichen Sohnes Pierluigi, welcher Perugia unterworfen hatte. Diese Zwingburg wurde dort gebaut, wo ehemals die Paläste der Baglioni standen. Schon im Jahre 1848 legte man Hand daran, sie abzutragen, und gegenwärtig bezeichnet nur noch ein Steinhaufen die Stelle, wo dies Fort stand, welches noch eben erst der Schauplatz der letzten Kämpfe mit dem päpstlichen Schweizergeneral Schmidt gewesen ist.

Die Ruine des Kastells sieht kläglich aus. Ich fand eine Menge von Personen, namentlich von jungen Leuten, mit sichtbarer Genugtuung darauf umhergehen. Sie schienen sich an den Trümmern dieser kleinen Bastille zu weiden und unterhielten sich eifrig mit Erzählungen von der letzten Beschießung und der Kapitulation mit dem General Fanti. Das alte Fort hatte übrigens keinerlei strategische Wichtigkeit. Es war von vornherein nur dazu bestimmt, die Stadt im Zaum zu halten. Die Piemontesen konnten sich deshalb von allen Seiten nähern und ihrer sich bemächtigen, ohne von der Besatzung daran gehindert zu werden.

Man weiß nicht recht, was man auf den Trümmern der Zitadelle errichten wird; denn ein öffentliches Gebäude soll dort seinen Platz finden. Die Lage des Hügels ist schön, die Aussicht in das Tibertal und die Bergreihen herrlich. Der Platz vor dem abgetragenen Fort ist heute schon nach Viktor Emanuel benannt; eine Marmortafel sagt, daß dies geschehen sei zum Andenken an den 14. März, an welchem Tage er durch das Nationalparlament zum König Italiens ernannt worden ist.

Unter dem Kastell führt die Promenade in die niederen Stadtteile; das alte Glacis ist nämlich schon längst dazu umgewandelt worden, wie dies das Schicksal der Wälle in so vielen anderen Städten in aller Welt geworden ist. Der Spaziergang ist etwas beschwerlicher Natur, weil man, hin und her wandelnd, immer wieder bergan steigen muß. Ich sah mit Freuden die Allee deutscher Kastanien, mit denen der Weg bepflanzt ist; aber sie waren von der Dürre völlig blattlos, wie im Winter, und noch saßen hie und da verkümmerte und gequälte Blütendolden auf den kahlen Zweigen. Die Entwicklung der Vegetation fällt in Perugia in eine spätere Zeit als drunten im Tal, und schon früh vor Winters Eintritt bedeckt sich diese hochgelegene Stadt mit Schnee.

Es ist für einen Fremdling immer praktisch, in einer ihm noch unbekannten Stadt deren Spaziergänge aufzusuchen. Zumal an Festtagen kommt ihm meist die Blüte des Orts entgegen. Nun aber kann ich in dieser Beziehung nicht viel Gutes von Perugia sagen; die Zahl der auf dem Glacis am sonnigsten Abend Spazierenden war sehr gering, Frauen zeigten sich einige wenige in Gesellschaft ihrer Männer. Dagegen drängten sich frech und mit Geräusch die Freudenmädchen hervor, angetan mit einem Schleier, in bergähnlichen Krinolinen, widerliche Gestalten. Es ist bedauerlich, daß die Revolution von 1859 das Dekorum, welches in gewisser Hinsicht fast durchweg in italienischen Städten festgehalten worden ist, nicht mehr achtet; so hat es wenigstens den Anschein, und namentlich mag in ehemals päpstlichen Städten um des Widerspruchs willen die Lizenz noch zügelloser ausarten. So freches Auftreten der Dirnen erinnere ich mich indes in keinem andern Ort gesehen zu haben als gerade in Perugia, und dies am hellen Tage, wo sich junge Männer nicht scheuten, mitten auf dem Corso Unterhaltungen mit ihnen anzuknüpfen. Abscheulich ist auch die Überschwemmung Italiens mit obszönen Photographien, die in Frankreich gefertigt werden. Es ist sehr zu loben, daß die päpstliche Regierung in Rom den Verkauf solcher Bilder durch ein Edikt untersagt hat. Man sollte dies in jeder andern Stadt tun. Nichts muß die öffentliche Sittlichkeit so zerrütten als dieser Mißbrauch.

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