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Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 20
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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Ich fuhr in das schöne Bergland hinauf. Lachende Hügel durchziehen die Sabina, reich an Wein, Öl und Kastanienwuchs, bevölkert von einem kräftigen, biedern und patriarchalischen Menschenschlag ohne Kultur. Der Charakter dieser Gegenden ähnelt nicht dem von Latium, wo alles sonniger und südlicher ist, sondern schon jenem in den mittleren Apenninen. Die ungewöhnliche Dürre des Sommers hatte auch hier alles verbrannt; der Mais stand kümmerlich in Kolben, der Weinstock versprach einen guten Ertrag, der Ölbaum nur geringe Frucht.

Die erste Stadt, die man auf der dortigen Straße erreicht, ist das uralte, jetzt sehr kleine Otricoli, der berühmte Fundort mancher Altertümer, wie des Jupiterkopfes im Vatikan. Merkwürdig ist er auch dadurch, daß hier der berühmte Arnold von Brescia von den Landsknechten Barbarossas gefangen und den Kardinälen ausgeliefert wurde, wonach man ihn zur Hinrichtung nach Rom führte. Was heute Italien vom Papst verlangt, hatte schon er damals gelehrt!

Otricoli wird eigentlich bereits zu Umbrien gerechnet, aber die Grenzen beider Provinzen sind hier kaum bestimmbar und waren immer schwankend. Heute gehört die Stadt zur Delegation Spoleto, man betritt also schon hier das Gebiet dieses alten, einst so mächtigen Herzogtums. So viele Orte man nun durchfährt, überall wird dem von Rom Kommenden die Menge der italienischen Trikoloren und Farben, sowie der frisch gemalten Wappen des Hauses Savoyen ins Auge fallen, als nicht genug wiederholte Demonstration eines neuen Zustandes. Überall wird er piemontesisches Militär sehen, Grenadiere, Lanzenreiter, Alpenjäger in spitzen Federhüten und blauen kurzen Mänteln, ziemlich theatralischer Erscheinung; ferner die stattlich aussehende, überall gleichförmig gekleidete Nationalgarde, welche, je weiter man sich von der römischen Grenze entfernt, desto mehr hervortritt, bis das Linienmilitär ganz verschwindet.

Hinter Otricoli zeigt sich die große Schlucht, welche die Nera durchströmt, ein wildes Bergwasser, das dem Tiber zueilt, einst die geographische Grenze zwischen der Sabina und Umbrien. Dann steigt das malerische Narni, eine der alten Hauptstädte Umbriens, mit seiner prächtigen Burg droben und vielen Kirchtürmen empor. Die Lage des Ortes ist schön, der aus der großen Schlucht kommenden Nera öffnet sich plötzlich zu den Seiten ein weites herrliches Tal, welches sie durchrauscht, während links und rechts Bergreihen sich fortziehen. Eine kühne altrömische Brücke überspannt noch den reißenden Bergstrom. Man blickt hier voll Verlangen zu jenen Bergen Umbriens hinüber, wo das feigenreiche Amelia und so viele andere Orte deutlich sichtbar werden. Vorwärts taucht in einer Entfernung von fünf Millien zwischen grünen Hügeln das alte Interamna auf, die Vaterstadt des Tacitus, heute Terni genannt. Nichts dürfte entzückender sein, als diese Landschaften im Frühling oder Herbst zu durchstreifen.

Ghirlandaio: Alter Mann mit Enkel

Ghirlandaio: Alter Mann mit Enkel

Außer dem schönen Schlosse hat Narni einige sehenswerte Kirchen und Klöster, so die alte dem ersten Bischof des Orts S. Juvenal geweihte Kathedrale; doch der größte Schatz des kleinen Orts ist ein berühmtes Bild von Ghirlandaio, welches die Krönung der Madonna vorstellt, im Kloster der Zoccolanti. Man begegnet Gemälden dieses ausgezeichneten Meisters in manchen Kirchen Umbriens, aber einige werden ihm fälschlich zugeschrieben.

Die Zyklopenmauern oben auf der Arx sind bis auf wenige Überreste untergegangen, und von den römischen Monumenten der alten Narnia, wo der Kaiser Nerva geboren wurde, hat sich nichts mehr erhalten als die Trümmer der Brücke des Augustus über die Nera. Dies Werk, eins der großartigsten dieser Art überhaupt, ist noch heute bewunderungswürdig, obwohl von den drei oder vier Bogen, welche die Brücke ursprünglich gehabt hat, nur noch einer aufrecht steht. Der Anblick dieser Trümmer in Verbindung mit dem wildflutenden Wasser der Nera, einem nahen Kloster, und den übrigen Architekturmassen der Stadt, wie endlich der prächtigen Landschaft ist unvergleichlich, von welchem Standpunkte auch man diese Szene betrachten mag. Zum ersten Male erwähnte ihrer Martial:

Narnia sulphureo quam gurgite candidus amnis
Circuit, ancipiti vix adeunda jugo,
Quid tam saepe meum nobis adducere Quintum
Te juvat, et lenta detinuisse mora?
Quid Nomentani causam mihi perdis agelli
Propter vicinum qui pretiosus erat?
Sed jam parce mihi, nec abutere, Narnia, Quinto;
Perpetuo liceat sic tibi ponte frui.

Narnia, weißumströmt von dem Fluß mit schwefligem Strudel,
Welches der doppelte Berg kaum zu betreten erlaubt.
Was entführst du so oft mir meinen teueren Quintus,
Und was hältst du bei dir immer so lang ihn zurück?
Was verbitterst du mir die Lust am Nomentischen Gütchen,
Das um der Nachbarschaft willen ein wertes mir war?
Narnia, schone nun mein und nimm nicht ganz mir den Quintus.
Und du mögest dafür ewig der Brücke dich freun.

(Alexander Berg)

Die Brücke stürzte erst um die Mitte des 11. Jahrhunderts zusammen. Zur Zeit der Hohenstaufenkaiser bestand sie nicht mehr, denn Parcival Doria, der General Manfreds, ertrank gepanzert wie er war auf seinem Rosse, als er oberhalb Narni den reißenden Fluß zu durchschwimmen wagte. Man baute, weil die Kosten der Wiederherstellung der alten Brücke zu groß waren, die neue, bequemere in ihrer Nähe.

Die Erwähnung des tapferen Parcival auf diesem Lokal bringt eine andere Kriegergestalt in Erinnerung, und diese ist noch heute ein Stolz der Narnesen. Wer vor dem Dom S. Antonio von Padua stand, sah daselbst die bronzene Reiterfigur Gattamelatas, ein Werk Donatellos, das erste dieser Art überhaupt seit dem Wiederaufleben der Künste in Italien. Dies Denkmal hat die Republik Venedig einem ihrer verdienstlichsten Condottieri, jenem Gattamelata gesetzt, welcher der Fahne S. Marco bis zum Jahre 1441 gedient hatte. Er stammte aus Narni, sein eigentlicher Name war Erasmus.

Noch ein anderer Narnese gab dem kleinen Ort im 15. Jahrhundert Ansehen: der Kardinal Bernardino Eroli, der im Jahre 1479 starb und dessen Grabmal in den Grotten des Sankt Peter zu Rom gesehen wird.

Die Familie dieses Kardinals dauerte noch in Narni als das erste der dortigen Patriziergeschlechter fort. Sie bewohnt daselbst einen alten Palast. Eins ihrer Mitglieder ist der Marchese Giovanni Eroli, gelehrter Antiquar, Geschichtsforscher und die lebende Chronik seiner Vaterstadt, deren Merkwürdigkeiten er vielfach beschrieben und in seiner Sammlung von Kollektaneen unter dem Titel «Miscellanea Narnese» zusammengefaßt hat. Da ich mich einige Zeit in dem Orte aufhielt, besuchte ich diesen liebenswürdigen Herrn, einen unverheirateten Mann in noch kräftigsten Jahren. Das Leben eines Patriziers in einer kleinen, geistig öden Landstadt muß um so entbehrungsvoller sein, je größere Kenntnisse und Neigung, sie auszudehnen, er selbst besitzt. Der Marchese, offenbar erfreut, einen wissenschaftlich Reisenden vor sich zu sehen, und zumal einen, der von Rom gekommen war, empfing mich auf das freundlichste, befriedigte meine Nachfragen über das Gemeindearchiv Narnis, wie über die Archive anderer Städte Umbriens, und er lud mich endlich ein, ihn außerhalb seines Palastes in sein Atelier zu begleiten. Dies war kein Studium für Bildhauerkunst oder Malerei, sondern für Photographien. Als ich in dies bunte, mit Glas gedeckte Gemach trat, glaubte ich in einem Treibhause zu stehen, denn die Gluthitze darin war in Wirklichkeit kaum erträglich. Hier zeigte mir der Marchese die Anfänge seiner Produktionen, welche indes so wenig gelungen erschienen, daß sie seine Gäste nicht gerade reizen konnten, sich zu Opfern seiner dilettantischen Versuche herzugeben, obwohl sie bei dieser Prozedur auf einem schwarz und weiß getäfelten Marmorboden sitzen oder stehen dürfen.

Von Narni aus vertiefte ich mich mit wahrhafter Freude in das umbrische Land, diesen von grünen Hügeln und Olivenhainen, von lachenden Tälern und reichlich strömenden Flüssen belebten Garten Mittelitaliens. Heiterkeit und Grazie scheinen hier überall verbreitet, selbst die Sprache des Volkes ist melodiös. Kein Wunder, daß hier die umbrische Malerschule blühte, für deren Gestalten voll reizender und seelenvoller Anmut die Landesnatur die Quelle gewesen ist. Umbrien ist in Wahrheit die Vorstufe für das noch schönere, noch anmutigere Toskana selbst.

Nach einer herrlichen Fahrt durch die fruchtbare Campagna Narnis erreicht man bald Terni, die Vaterstadt des Tacitus, dem Reisenden sonst durch den berühmten Fall des Velino bekannt, eine betriebsam Stadt von nahe an 9000 Einwohnern. Ich habe den Wasserfall nicht gesehen, aber die Stadt hin und her durchwandert. Ein ziemlich sauberer Ort, in welchem die Periode der Renaissance und des baronalen Luxusstils das charaktervolle Mittelalter schon ausgelöscht hat. Viele recht ansehnliche Paläste lehren, daß hier ein reicher umbrischer Adel seßhaft ist. Auch bringen die gegenwärtigen politischen Verhältnisse einige Bewegung hervor.

Als ein ansehnlicher Ort, größer als Narni, an Einwohnerzahl sogar Spoleto gleichkommend, und in der üppigsten Landschaft gelegen, scheint Terni schon starke Ansprüche politischer Bedeutsamkeit zu machen. Die Italianisierung der Stadt war in starken Farben aufgetragen; ich sah selbst Schilder von Handwerkern und Gewerbetreibenden fast überall in Rot, Grün und Weiß gemalt, und in meinem Hotel stand die Trikolore selbst mitten auf dem Speisetisch aufgepflanzt. Wo nur immer die Nationalfarbe anzubringen ist, wird sie auch in diesen neuannektierten Orten sichtbar. Das ist kein Wunder. Unter gleichen Verhältnissen würden wir in Deutschland Dörfer und Städte nicht minder mit unserer Trikolore schmücken. In Italien wächst eine bekannte Art Wassermelone, der Cocomero; sie ist von außen hellgrün und zeigt, durchschnitten, innen den purpurroten Wasserkern, ringsumher aber eine weiße Lage. Sie bietet also die natürliche italienische Kokarde dar. Nun sah ich in einem Ort folgende heitere Darstellung: ein Melonenverkäufer hatte über seinem Tisch eine große Trikolore errichtet, worauf die Melonengöttin, eine genienhafte Frauengestalt, in ihrer natürlichen Cocomerofarbe als Italia abgebildet war, mit der transparenten Unterschrift: «Natura mi diè questi colori!» Der geistreiche Cocomeraro hatte ohne Zweifel wohlverdienten Zuspruch. In päpstlichen Landen bringt die Natur übrigens auch die Kokarde der Regierung hervor, nämlich als durchschnittenes gesottenes Ei. Viel Witzworte laufen über beide Kokarden im Volk um.

Eine andere Wahrnehmung machte ich hier, nämlich daß die italienische Bewegung auch eine Revolution in den Namen der Straßen, Cafés und Hotels hervorgebracht hat. Ein von mehrjähriger Reise wiederkehrender Bürger würde sich in kaum einer Stadt seines erneuerten Vaterlandes mehr zurechtfinden. Wo es in kleineren Orten einen Hauptplatz gibt, kann man sicher sein, daß er jetzt nicht mehr S. Maria oder S. Paolo, sondern Vittorio Emanuele heißt, und so sind andere heilige Patrone von Straßen durch Cavour, Garibaldi, Ricasoli, durch Männer des Schwerts oder Parlaments verdrängt worden. Es würde erheiternd sein, die Straßen und Cafés zusammenzuzählen, welche heute in Italien allein nach Garibaldi benannt sind.

Terni ist gegenwärtig das Hauptquartier des Generals Brignone; viel Linienmilitär liegt hier in Garnison. Die Straßenecken fand ich bedeckt mit Aufrufen der umbrischen Intendantur, betreffs der einzuberufenden Militärkategorien. Man sagte mir, daß die Bevölkerung in ganz Umbrien sich der verhaßten Konskription williger füge als in den übrigen annektierten Provinzen des alten Kirchenstaats, namentlich den Marken. Konskriptionsflüchtige gibt es freilich auch hier; sie verstärken die Reaktion in Neapel, und die Überwachung der neapolitanischen Grenze ist kaum möglich bei der Beschaffenheit des Landes. Es wird eine lange Zeit hingehen, ehe die Italiener sich an den Militärzwang gewöhnen. Die Freiheit davon ist ein kostbares Gut des Landmannes unter dem päpstlichen Regiment gewesen.

Groß ist die Zahl der römischen Emigranten in Terni, wie überhaupt in Umbrien und der Sabina. Die gesamte Emigration, wie sie in verschiedenen Orten zerstreut ist, gab man mir auf 5000 an. Indes diese Zahl dürfte übertrieben sein. Ein großer Teil der Fuorusciti lebte bisher in Rieti, aber ein zwischen den Römern und den Bürgern dieser Stadt ausgebrochener Zwist zwang jene, den Ort für immer zu verlassen und sich über Umbrien zu zerstreuen. Das Leben dieser Verbannten mag kümmerlich genug sein, denn die Komitate, welche sich zum Zweck ihres Unterhalts gebildet haben, bringen schwerlich das Nötige auf. Sie konspirieren eifrig, in so naher Nachbarschaft Roms, wo sie mit dem Nationalkomitee in direkter Verbindung stehen. Wahrscheinlich sind sie es, welche die umbrischen und sabinischen Journale redigieren, namentlich «L'Italia e Roma», eine Zeitung, die in Perugia erscheint. Diese Blätter werden eifrig gelesen und auch in vielen Exemplaren nach Rom eingeschmuggelt.

Von Terni fuhr ich nach Spoleto. Einförmige, aber frische Bergfahrt, viele Stunden lang, oft durch herrliche Eichenwaldung. Man überschreitet gleich hinter Terni den Apennin oder jenen Gebirgskamm, welcher Somma heißt. Die sehr gute Fahrstraße geht bis gegen den Gipfel immer längs einer durch die Strettura gebildeten Schlucht, bei mäßiger Steigung. Der im Winter gewaltige Bergstrom lag von der Hitze ausgedörrt. Die Bergabhänge zu beiden Seiten sind bebuscht; Ortschaften sieht man nicht, nur hie und da einzelne Gehöfte. Das Fuhrwerk verstärkte sich durch Apenninochsen von weißer Farbe, prächtige Tiere. Weil es nun recht langsam aufwärts geht, so ist eine Fußwanderung in dieser Gebirgseinsamkeit ein wahrhafter Genuß. Die Lüfte sind frisch und elastisch, man kann stundenlang wandern, ohne Ermüdung zu spüren. Von Räubern ist hier nichts zu fürchten, denn ganz Umbrien erfreut sich der tiefsten Ruhe. Indem ich so, den Wagen hinter mir lassend, rüstig fortwanderte, bemerkte ich plötzlich einen Mann sich im Gebüsch seitab verstecken, wo er kauerte und mir, sobald er meiner gewahr wurde, heftige Zeichen machte. Diese Zeichen waren die den Italienern eigenen des Herankommens. Ich blieb indes mitten auf dem Wege stehen; der Mann winkte heftiger, und offenbar, daß ich weitergehen sollte. Ich aber blieb stehen. Wollte er mir sagen, daß ich vorsichtig sein solle? Endlich kam er selbst von dem Felsen über den Weg herab, und es zeigte sich ein junger hübscher Mann in der Kleidung der Nationalgarde. «Ihr scheint mißtrauisch zu sein», sagte er; «ich habe Euch zugewinkt, daß Ihr ruhig Euern Weg fortsetzen möget, um mir mein Spiel nicht zu verderben, denn ich habe mich hier versteckt, weil ich beobachten wollte, was dort unten in der Schlucht ein junger Bursch und ein Mädchen vorhaben. Auf diese passe ich.» Der naive Nationalgardist sagte dies heftig aufgeregt. Ja: «Eifersucht das größte Scheusal!» Auch hier mitten in diesem stillen Gebirg, das nur für patriarchalische Zustände geschaffen zu sein scheint, kauert dieser Drache in seiner Höhle. Der von diesem Dämon Geplagte mochte freilich guten Grund haben, denn ich sah bald darauf das Pärchen aus mysteriösen Waldbüschen hervorschleichen, wo sich das Mädchen von seinem Schatz trennte und am Rinnsal des Bergbaches weiter fortging, während jener verschwand. Einer Coltellata wird er schwerlich entgangen sein.

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