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Achim von Arnim: Gedichte - Kapitel 2
Quellenangabe
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typepoem
authorAchim von Arnim
titleGedichte
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
seriesAchim von Arnims Werke
editorReinhold Steig
volumeDritter Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091115
projectidc4abe48c
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Kriegsregeln

Blücher hielt anfangs Oktober 1806 in Göttingen auf dem Markte an seine Soldaten mitten im strömenden Platzregen folgende Ansprache, die Achim von Arnim, der sie mit anhörte, in seinen Kriegsregeln nachgebildet hat: »Kameraden! Habt ihr nicht dasselbe Mark in euern Knochen, dasselbe Blut in euern Adern, dieselbe Entschlossenheit in euerm Sinn, wie eure Voreltern? Nun, beim Himmel, so haben wir auch dieselbe Macht, dasselbe Glück! Gute Tage und schlechte Tage bei Kommißbrot und Wasser tragt mit gleich lustigem Sinn; seid freundlich jedem, der euch aufnimmt; gedenkt, daß ihr auch Eltern und Verwandte zurückgelassen! Wehe dem, der das Unglück auf Unterlegene ausdehnt weiter, als es unvermeidlich lastet. Dreierlei Unwesen ist wegen der Ehre unsres braven Regiments nicht zu dulden: Diebe, Räsonneurs, Säufer! drei ansteckende Seuchen, deren Berührung wir von uns halten. Der Dieb löst jedes Vertrauen, der Räsonneur hat keins, dem Säufer kann niemand vertrauen – und ohne Vertrauen geschieht nichts!«

1

Bist du recht müd und matt, ja ganz erschöpft von Sorgen,
So singe hell und laut, wie Spatzen tun am Morgen.
Gleich wird dir leicht die Brust, ein Mühlstein fällt hernieder,
Es tut dir innig wohl, so recht durch alle Glieder.

2

Bist du ein andermal gepreßt zur höchsten Qual,
Ei Schwerenot, so fluch aus Herzensgrund einmal!
Stehst du fürs Vaterland, du stehst für Gottes Ehre,
Bestehst du wohl den Kampf, so schadt's nicht, daß er's höre.

3

Bist du in der Gefahr, schlägst du dich in die Schanz',
So rufe nur: »Mir nach!« aus vollem Herzen ganz;
Es geht, Kam'rad! »An, an! Juchhei, mein Volk leb hoch!«
Der eine Ruf in der Gefahr mich nie betrog.

4

Glaub mir, viel besser tot, als sich gefangen geben,
Es ist ein kümmerlich, verachtet, elend Leben,
Wie einen räud'gen Hund, den keiner gern mag leiden,
So den Gefangnen auch die Männer, Weiber meiden;
Die Gassen stehen voll, er wird vorbeigeführet
In Lumpen, waffenlos, kein Mitleid wird gespüret,
Und keinen er versteht und keiner will's ihm deuten,
Ist Kindern da zum Spott und ehrlos bei den Leuten.

5

Du fechtest mit dem Tod, bist du ein wahrer Krieger,
Und scheust du ihn einmal, so bist du nimmer Sieger.
Doch nicht den Tod allein, auch Schmerzen zu verachten
Das sucht der rechte Mut, das ist sein stetes Trachten.
Wer lieber wünscht den Tod als Wunden in den Schlachten,
Den muß ich, Invalid, aus ganzer Seel' verachten;Einem Invaliden, der im Kriege ein Bein verloren hat, sind diese Kriegsregeln in den Mund gelegt.
Der Wunden Ehrenmal such auf mit tapferm Herzen,
Und Hunger, Durst und Frost ertrage stets mit Scherzen.

6

In müß'ger Stund' denk nach, was du kannst tun und nützen;
Ein Schwank ist gut, doch Vorwitz laß zu Hause sitzen.
Nie tadle, wer dich führt, du kannst den Plan nicht raten,
Das ist der Bürger Art, du rettest sie durch Taten.
Glaubst du, dein Offizier sei einmal gar zu hart,
Denk, er hat viel im Kopf, auch ist das Dienstes Art,
Mit allen meint er's gut, er muß für alle stehen,
Dafür darfst du dann kühn die ganze Welt ansehen.

7

Üb Reinlichkeit, viel Baden, täglich – wenn's geht – Waschen,
Das hält gesund und stark und leeret nicht die Taschen;
Ein trocknes Schloß, ein guter Stein auf dem Gewehr
Dich oftmals retten kann und macht den Marsch nicht schwer.Schloß und Stein, zum alten Feuerschloßgewehr gehörig.

8

Dem Wirt, wo du quartiert, ein Dienst, ein gutes Wort
Macht den Soldat beliebt und hütet ihn vor Mord.
Auch was du fordern kannst, noch bitte lieber drum,
Er tut dann wohl noch mehr, als wenn du trotzig stumm;
Geh ihm zur Hand, macht er dein Bett, dein Essen,
Den Fremden kann man nur nach Höflichkeiten messen.

9

Verachtet ist der Dieb, er mordet das Vertrauen,
Dein ganzes Regiment muß ihn mit Abscheu schauen!
Das glaubt ihr all' zu Haus, such auch in Feindes Lande
Nur Ehr' und Waffen, Stehlen bleibt auch Schande;
Denk, daß du Eltern läßt zu Haus und liebe Kinder,
Die Windfahn' dreht sich schnell, das Glück noch viel geschwinder.
Erwerben läßt sich nichts im Kriege noch bewahren
Als Ehr' und Gotteslohn und Ruhm in alten Jahren.

10

Verhaßter noch vor Gott, dem Unglück preisgegeben
Muß jeder Deserteur vor sich in Schande leben,
Wie ein Gestank will er das Leben uns verleiden,
Es muß die leere Spreu vom Korn im Krieg sich scheiden;
Ein braver Kerl, auch wo er fremd, hat er geschworen,
So hat er auch mit ganzer Seel' den Dienst erkoren,
Die Fahne ist sein Stolz, die Kriegstat seine Lust,
Er tut sie, weil er will, nicht eben weil er muß.

11

Soldaten! lernt es wohl, den Scherz mit Scherz empfangen,
Bei lust'gem Wort ist manche trübe Stund' vergangen.
Den Zorn üb in der Schlacht, dein Gift beiß in den Feind,
Ein Wort zur rechten Zeit besänftigt oft den Freund.
Wenn Feinde schlecht und falsch von deinem Lande sprechen,
So kannst du dich in gleicher Münze zahlend rächen;
Dein Land ist altberühmt, du stehst in Jugendtagen,
Und wenn's nicht anders geht, wenn du's nicht kannst ertragen,
So schlage tüchtig drein, so schlage immer zu!
Die Fliege, die da liegt, läßt sicher dich in Ruh'.

12

Ein Mädchen ist was wert, sie machet klare Augen,
Doch viele sind nichts wert, das kann zu gar nichts taugen;
Die jedem freundlich ist, sich gleich zu jedem legt,
Statt eines Herzens wohl ein Taubenhaus nur trägt.
Doch bist du einer treu, die macht dich fest in Schlachten,
Und ist ein schöner Trost, will dich der Tod umnachten.

13

Verachte nicht der Vorzeit würdig große Taten,
Gedenk, du ruhst, mein Sohn, in unsrer Pflanzung Schatten.
Sei unser würdig erst; kannst du uns übertreffen,
So sag ich Lebehoch, dann mag der Tod mich treffen.

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