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Leopold Frobenius: Das schwarze Dekameron - Kapitel 34
Quellenangabe
typenarrative
authorLeo Frobenius
titleDas schwarze Dekameron
publisherEugen Diederichs Verlag
addressDüsseldorf - Köln
editorUlf Diederichs
year1969
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100529
projectid6da5f9a2
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Der Geizhals

Sahel

Im Orte Maku, im Lande Pignari, lebte ein Kaddo, der hieß Ansige. Er war ein Bastard, aber sein Vater hatte keine anderen Kinder, und so zog er den Ansige auf wie seinen Sohn. Man nannte ihn Ansige Karambe. Als der Vater starb, hinterließ er Ansige alles, und Ansige war nun ein wohlhabender Mann.

Ansige war ein Bastard und hatte den Charakter eines Bastards. Er war sehr geizig. Er war ganz außerordentlich geizig. Dann war er ein nimmersatter Vielesser. Er konnte ganz unendliche Massen vertilgen. Als sein Vater gestorben und er ein reicher Mann geworden war, schaffte er sich drei Frauen an. Alle drei mußten für ihn arbeiten, mußten für ihn Essen besorgen. Alle Tage sagte er zu ihnen: »Ihr arbeitet mir nicht genug. Ihr macht mir nicht genug Essen. Ich will mehr zu essen haben.« Die Frauen sagten unter sich: »Er ist geizig! Er ißt zu viel!« Alle Leute sagten: »Ansige Karambe ist über alle Maßen geizig und gierig.« Als Ansige einige Jahre verheiratet war, kam seine erste Frau zu ihm und sagte: »Ich will mich ein wenig nach meiner Familie umsehen und will verreisen.« Sie ging zu ihrem Vater. Dann kam seine zweite Frau und sagte: »Ich will mich ein wenig nach meiner Familie umsehen und verreisen.« Sie ging zu ihrem Vater. Dann kam seine dritte Frau und sagte: »Ich will mich ein wenig nach meiner Familie umsehen und verreisen.« Sie ging zu ihrem Vater.

Nun war Ansige allein. Er mußte sich das Essen von anderen Frauen herstellen lassen, und da er geizig war und gleichzeitig gierig, so wollte er für kleine Bezahlung immer sehr viel haben. Demnach bekam er sehr schlechtes Essen. Da sagte er eines Tages: »Es ist ganz abscheulich. Ich habe drei Frauen, die sind nun seit zwei Jahren fortgelaufen zu ihren Eltern, und ich muß mir für teure Bezahlung schlechtes und so wenig Essen von anderen Weibern machen lassen, daß ich beinahe Hungers sterbe. Ich werde meine Frauen besuchen und verlangen, daß sie heimkommen.« –

Ansige machte sich auf den Weg und kam nach einer Wanderung zu dem Dorfe, in dem seine erste Frau wohnte, die hieß Paama. Er sagte dem Vater seiner Frau: »Guten Tag.« Der Vater seiner Frau schenkte ihm einen Hammel. Ansige tötete den Hammel, zog ihm die Haut ab, ließ von dem Knaben, der ihn gebracht hatte, ein Gerüst bauen, röstete darauf den Hammel in einem Stück und begann ihn dann auch gleich zu verzehren. Während er gute Stücke abschnitt und diese dann in den Mund schob, hielt der Knabe den Braten. Er gab aber dem Knaben nichts ab.

Einmal fiel ein kleines, schlechtes Stückchen herab. Der Knabe hob es auf und aß es. Ansige sah das, wurde sogleich außerordentlich wütend und schlug auf den Knaben. Er schlug ihn aber so, daß der Knabe sogleich tot hinfiel. – Dann aß Ansige den Hammel auf. Die Frau Paama sagte inzwischen daheim zu sich: »Ich kenne doch meinen Mann. Ich muß doch einmal nach ihm sehen, denn sicherlich hat er inzwischen in seiner Gier eine Sache gemacht!« Sie ging hin. Sie fand den Mann. Sie fand den toten Knaben bei ihm. Sie fragte: »Was ist das?« Ansige sagte: »Du kennst mich doch. Tu doch nicht so, als ob du mich nicht kennst. Ich wollte meinen Hammel doch allein essen. Als ich aber im besten Essen war, nahm der Junge das beste Stück fort, um es zu essen. Da habe ich auf ihn geschlagen, und da war er tot.« Die Frau sagte: »Warte, bis es Abend ist, dann wollen wir das erledigen.«

Abends kam die Frau und brachte das Essen. Ansige wollte zugreifen. Seine Frau sagte: »Warte, erst muß die Sache mit dem Jungen geregelt werden. Mein Vater hat ein sehr wildes Pferd. Da wollen wir den Jungen hinbringen.« Ansige nahm mit seiner Frau den Jungen auf und trug ihn mit ihr im Dunkeln dahin, wo das wilde Pferd angebunden war. Dort legten sie ihn nieder. Dann schrie die Frau. Viele Leute kamen auf den Schrei hin herbei. Die Leute sagten: »Was gibt es?« Die Frau sagte: »Seht das Unglück. Ich wollte meinem Mann das Essen bringen. Ich fand ihn nicht, weil er mit dem Jungen hingegangen war, dem wilden Pferd meines Vaters Futter hinzustreuen. Ich ging nach und kam gerade dazu, wie das Pferd hinten aus- und den armen Jungen totschlug.« Die Leute sagten: »Es ist eben ein Unglück.« Sie trugen den Jungen fort.

Ansige ging zurück dahin, wo seine Frau das Essen hingestellt hatte und aß schnell alles auf. Am anderen Tage vergaß er seiner Frau zu sagen, daß sie zu ihm zurückkommen sollte. –

Ansige machte sich auf den Weg und kam zu seiner zweiten Frau. Er kam im Dorf seines Schwiegervaters an, als alle Leute gerade die Mittagsmahlzeit genossen hatten. Er sagte seinem Schwiegervater guten Tag. Man wies ihm eine Wohnung an. Seine Frau sagte zu ihrem Vater: »Es hat gerade alle Welt gegessen. Wie ich aber meinen Mann kenne, hat er großen Hunger mitgebracht. Kann ich ihm nicht irgend etwas zu essen geben?« Der Vater sagte: »Gewiß, bringe ihm doch etwas jungen, gerösteten Mais. Daran kann er sich sättigen.« Die Frau machte sich sogleich auf, holte einen ganzen Korb voll Mais herbei, röstete ihn und brachte ihn ihrem Mann.

Ansige aß allen Mais, der in dem Korb enthalten war. Es blieb auch nicht ein Körnchen übrig. Sonst hätte man zwanzig Männer damit sättigen können. Aber Ansige hatte durch den Genuß des jungen, frischen Mais die Gier noch mehr befallen. Er ging also auf die Felder, dahin, wo er glaubte, daß wohl Mais stehen müsse. Er fand auch das Maisfeld, brach ein gut Teil Kolben ab und nahm sie mit sich. Inzwischen war es aber dunkel geworden, und da Ansige den Weg nicht kannte, so merkte er es nicht, daß ein alter Brunnen im Weg war. Er ging also mit seiner Maislast auf den Brunnen zu und fiel mit dem Mais in den Brunnen hinein.

Inzwischen dachte seine Frau daheim: »Ich kenne doch meinen Mann! Ich muß doch einmal nach ihm sehen, denn sicherlich hat er in seiner Gier inzwischen eine Sache gemacht.« Sie machte sich auf den Weg. Sie kam dahin, wo Ansige den gerösteten Mais gegessen hatte, und sie fand alle leeren Maiskolben. Sie sagte sich: »Sicherlich hat er Gier nach mehr Mais gehabt. Ich werde mal auf das Maisfeld gehen.« Sie ging dahin. Sie kam an den Brunnen. Sie sah unten im Brunnen ihren Mann. Sie sagte: »Was ist das?« Ansige sagte: »Du kennst mich doch. Tu doch nicht so, als ob du mich nicht kennst! Als ich deinen gerösteten Mais gegessen hatte, bekam ich Lust, noch mehr zu essen. Ich suchte das Maisfeld auf. Ich brach mir einen guten Arm voll Kolben ab. Ich ging zurück und fiel auf dem Rückweg mit den Maiskolben in den Brunnen hier.« Die Frau sagte: »Laß nur; ich will dir heraushelfen.«

Die Frau ging. In der Nähe des Brunnens im Maisfeld waren die Rinder. Die Frau jagte die Kühe ins Maisfeld. Als die Kühe emsig beim Grasen waren, schrie sie laut auf. Auf den Schrei hin kamen viele Leute auf das Maisfeld. Sie fragten: »Was gibt es?« Die Frau sagte: »Ach, das Unglück! Mein Mann ging spazieren und sah die Kühe im Maisfeld. Er sah sie die Kolben abbrechen. Er jagte sie und sammelte die Kolben auf, und da er die Gegend nicht kennt, wußte er nicht, daß ein Brunnen im Maisfeld ist, und er fiel hinab. Nun ist er nur wegen der Maiskolben, die er meinem Vater retten wollte, in den Brunnen gefallen.« Die Leute sagten: »Das ist ja nicht sehr schlimm. Man kann ihn schon wieder heraufholen.« Sie kamen mit Licht und mit Stricken. Sie leuchteten hinunter und holten ihn glücklich wieder heraus.

Dann ging Ansige zurück und aß das Abendessen schnell auf. Am anderen Tage vergaß er seiner Frau zu sagen, daß sie zu ihm zurückkommen sollte. –

Ansige machte sich am nächsten Tage abermals auf den Weg und kam in das Dorf seiner dritten Frau. Er ging zu seinem Schwiegervater, begrüßte ihn und sagte: »Ich möchte nach meiner Frau sehen.« Der Schwiegervater sagte: »Das ist recht.« Dann ließ er ihm einen Platz anweisen und gab den Auftrag, daß die Frau auch etwas zu essen für ihren Mann besorge. Die Frau machte sich sogleich an die Arbeit, stellte ein Gericht her und brachte ihm das, sowie eine große Schale mit Erdnüssen. Ansige aß sogleich das Gericht, und dann begann er mit dem Knaben, der die guten Speisen gebracht hatte, die Erdnüsse zu essen. Der Knabe knackte die Erdnüsse, wie alle Leute, erst auf, und ließ die Schalen zur Erde fallen. Ansige wollte aber dem Jungen möglichst wenig zukommen lassen und aß deshalb die Erdnüsse mit den Schalen. Nachher sagte die Mutter der Frau: »Ich will jemand hinsenden, der die Schalen der Erdnüsse wegfegt, die dein Mann gegessen hat.« Die Frau dachte: »Mein Mann wird, wie ich ihn kenne, nicht viele Erdnußschalen auf die Erde geworfen haben. Du brauchst niemand anders zu senden. Ich werde es selbst machen.« Sie ging hin und fand, daß nur die Schalen der wenigen Erdnüsse da lagen, die der Knabe gegessen hatte.

Nachher sagte der Vater: »Bereite zum Abendessen deinem Mann ein Gericht, das er gerne ißt.« Die Frau sagte: »Ich will ihm Punandi (Klöße) machen.« Der Vater sagte: »Nimm die gute Hirse dazu, die uns heute frisch hereingebracht wurde.« Die Frau sagte: »Ich will es tun.« Dann machte sich die Frau daran, begann das Korn im Mörser zu stoßen und stellte so vier große Mullen Schrotmehl her. Sie tat Wasser dazu und stellte das Gericht her. Alles das sah Ansige von dem Hause aus, das ihm zugewiesen war, und mit Gier blickte er besonders immer auf den Mörser. Dann brachte die Frau das Gericht Punandi, das aus vier Mullen Schrotmehl hergestellt war und für zwanzig gewöhnliche Leute gereicht hätte. Ansige aß das Gericht vollkommen auf. Als Ansige mit dem Gericht fertig war, mußte er immer an den Mörser denken. Er sah zu dem Mörser hin und sagte bei sich: »Vielleicht ist in dem Mörser noch ein wenig Mehl.« Ansige ging hin und sah in den Mörser. Es saß noch ein wenig am Rande. Er steckte den Kopf hinein, um das abzulecken. Als er aber den Kopf wieder herausziehen wollte, konnte er es nicht. Er war vollkommen fest eingekeilt. Er mußte wohl oder übel mit dem Kopf im Mörser stehen bleiben.

Inzwischen dachte seine Frau daheim: »Ich kenne meinen Mann. Ich muß doch einmal nach ihm sehen, denn sicherlich hat er inzwischen in seiner Gier eine Sache gemacht.« Sie machte sich auf den Weg. Sie sah in das Haus, das ihm angewiesen war. Er war nicht darin. Sie sagte: »Er hat die Punandi aufgegessen. Danach war er sicherlich sehr gierig. Ich werde einmal am Mörser nach ihm sehen.« Die Frau ging hin. Sie fand ihren Mann mit dem Kopf in dem Mörser. Sie fragte: »Was ist das?« Ansige sagte: »Du kennst mich doch! Tu doch nicht so, als ob du mich nicht kennst. Als ich deine Punandi gegessen hatte, bekam ich Lust, von dem Schrotmehl zu versuchen. Ich steckte deshalb den Kopf in den Mörser, und nun bekomme ich ihn nicht wieder heraus.«

Die Frau sagte: »Jetzt will ich dir sogleich helfen.« Sie zog einen Ring vom Finger und warf ihn in den Mörser. Dann schrie sie laut. Hierauf kamen viele Leute angelaufen und fragten: »Was gibt es?« Die Frau sagte: »Das Unglück, das Unglück! Ich bin an dem Unglück schuld. Ich sagte zu meinem Mann, er hätte einen dicken Kopf. Er sagte nein, er habe keinen dicken Kopf. Ich fragte ihn, ob er einen Fingerring, den ich in den Mörser werfen wolle, glaube mit dem Mund wieder herausholen zu können. Er sagte ja, das könne er. Er steckte den Kopf hinein. Aber nun bekommt er ihn nicht wieder heraus.« Die Leute sagten: »Wenn es weiter nichts ist, das ist nicht schwierig.« Sie holten eine Axt und zerschlugen den Mörser. Da konnte Ansige wieder den Kopf herausziehen.

Am anderen Tage machte sich Ansige schleunigst auf den Heimweg. Er vergaß aber seiner Frau zu sagen, daß sie heimkommen sollte. – Als er wieder in seinem Dorf ankam, fiel ihm ein, daß er vergessen hatte, seinen drei Frauen zu sagen, sie sollten heimkommen. Er sandte eine Botschaft an jede und ließ ihr sagen, sie solle sogleich zu ihm zurückkommen. Alle drei Frauen antworteten aber dasselbe, nämlich: »Ich kenne dich doch. Tu doch nicht so, als wüßtest du nicht, daß ich dich kenne! Du bist so geizig und gierig, daß ich nicht wieder zu dir komme.« Ansige starb frauen- und kinderlos. Noch heute mögen die Habbefrauen die Geizigen und Gierigen nicht leiden.

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