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Philipp Fürst zu Eulenburg-Hertefeld: Das Ende König Ludwigs II. und andere Erlebnisse - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorPhilipp Fürst zu Eulenburg-Hertefeld
titleDas Ende König Ludwigs II. und andere Erlebnisse
publisherFr. Wilh. Grunow Verlag
addressLeipzig
volume1
editorFürstin Augusta zu Eulenburg-Hertefeld
year1934
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectid5c0d56a8
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III.

Die Entmündigung des Königs wird beschlossen.

Die Gefahr, daß an den König ein neues französisches Anerbieten herantreten könne, trieb die maßgebenden Kreise endlich zu einer Aktion. Denn es war klar, daß die Franzosen, selbst auf die Gefahr hin, daß der König sein Neutralitätsversprechen im entscheidenden Augenblick nicht werde halten können, für eine, den Aufmarsch der deutschen Armee nur einige Tage verzögernde oder störende Aktion des Königs, jede beliebige Summe zahlen würden.

Man hat, wie ich oben bemerkte, hinter dem Angebot aus Paris das Haus Orleans vermutet. Ich habe meine Gründe, zu behaupten, daß die französische Regierung jenen Versuch machte, den König zu gewinnen.

Der französische Gesandte in München, Mariani, ein sehr kleiner, magerer, schielender Mann mit spärlichem schwarzen Vollbart, der Typus des geschmeidigen intrigierenden Franzosen, hatte wohl den Gedanken einer solchen »Bestechung« angeregt. Es lag dieser Gedanke nahe – und Mariani war schlau genug, um ihn praktisch zu verwerten. Königin Isabella, die selbst stets in Schulden steckte, seit sie, verbannt, das Palais Basilewsky in Paris bewohnte, schien ihm wohl eine durchaus verwendbare Mittelsperson zu sein.

Als mir Minister Crailsheim von dieser Besorgnis Mitteilung machte, drängte ich auf schleunige Entscheidung. Es durfte nicht sein, daß Frankreich auch nur für eine Stunde zu glauben berechtigt wäre, daß ein deutscher Bundesfürst überhaupt in der Lage sei, Verpflichtungen in dieser Richtung einzugehen.

Herr von Crailsheim stimmte meiner Auffassung bei, kam aber immer wieder auf die alte Ansicht zurück, daß der erste Schritt zu der Entmündigung des unglücklichen Königs durch den Prinzen Luitpold zu machen sei.

Ich erklärte ihm, daß, wenn bei einer das Ansehen Deutschlands gefährdenden Lage Prinz Luitpold zögern würde, einzugreifen, er die Verantwortung gegenüber den andern Bundesfürsten, d.h. gegenüber ganz Deutschland, zu tragen haben werde.

Einige Tage darauf teilte Herr von Crailsheim der Gesandtschaft das Gutachten der ärztlichen Autoritäten an der Hand eidlicher Aussagen aus der Umgebung des Königs mit.

Es war von größter Bedeutung, daß es möglich gewesen war, gerade in diesen Tagen die Beweise für den Wahnsinn des unglücklichen Königs so zu vervollständigen, daß die Agnaten und das Ministerium bei der geplanten Entmündigung des Königs vor der Volksvertretung durch das erdrückende Material, welches das Gutachten enthielt, gerechtfertigt erscheinen mußten.

Die Aussagen der obengenannten Personen – des Kabinettsrats Ziegler, des Stallmeisters Hornig, der Diener und Stalleute des Königs usw. – stellten unzweifelhaft die völlige geistige Störung des Königs fest.

Der Inhalt des geheimen Aktenstückes, das ich in Händen gehabt habe und das dazu bestimmt war, einer Kommission des Reichsrats und der II. Kammer vorgelegt zu werden, erschreckt durch die Ungeheuerlichkeiten der Handlungen und Äußerungen des Königs, erregt aber auch dadurch das höchste Erstaunen, daß seine Umgebung fähig war, durch Jahre hindurch Verhältnisse zu verschweigen, die völlig anormal und unhaltbar waren. Wohl fällt es ins Gewicht, daß die Freigebigkeit des Königs seiner Umgebung das Leben angenehm gestaltete und daß die Habgier reiche Nahrung fand. Daß aber körperliche Mißhandlungen, die in zwei Fällen den Tod des Geschädigten zur Folge hatten, daß grausame Strafen und das völlig wahnsinnige, sinnlose Leben des Königs nur als Gerüchte und in unbestimmter Darstellung in das Volk dringen konnten, spricht für eine ganz außergewöhnliche Diskretion aller Beteiligten.

In erster Linie kommt das in einem solchen Falle etwas zweifelhafte Verdienst dem Oberstallmeister Graf Holnstein zu. Der »Roßober« – wie er im Publikum genannt wurde, hatte den Befehl über das kolossale Material von Menschen, Pferden und Wagen, das der König im Gebirge brauchte. Er gab mir die Höhe seiner ihm untergebenen Stalleute auf etwa 200 an. Ihm gingen alle Klagen über den König zu. Er vertuschte, was zu vertuschen ging, zahlte und besorgte die Schmerzensgelder, expedierte unbequeme und drohende Elemente nach Amerika und hielt diesen tollen Hof, so lange er zu halten ging.

Von preußischem Standpunkt aus hatten wir uns über diesen jahrelangen Aufschub der Katastrophe nicht zu beklagen, da die reichsfeindlichen ultramontanen Bestrebungen in Bayern während der Regierung König Ludwigs stets zurückgedämmt wurden.

Es war der atheistische König, der ihnen keine Macht und keinen Einfluß ließ. Nicht etwa seine deutsche Gesinnung war der Motor dieser Politik, wie das deutsche Volk sich seit dem Jahre 1870 zu glauben gewöhnt hatte.

Der Inhalt des Schriftstückes, das den Wahnsinn des unglücklichen Königs feststellte, übertraf alles, was gerüchtweise darüber in die Öffentlichkeit gedrungen war. Die Handlungen und Äußerungen aber, die man gern als Beweismaterial für die Notwendigkeit einer Regierungsänderung öffentlich mitgeteilt hätte, konnte man nicht bekanntgeben, da sie in zu grauenhafter Weise das Bild des Monarchen, das in so idealer Form im Herzen seines Volkes eingegraben stand, zerstört hätten.

Man entschloß sich später, nur andeutungsweise Mitteilungen zu machen, wohl aber wurde der Volksvertretung von dem wesentlichen Inhalt des Schriftstückes Kenntnis gegeben.

Am entsetzlichsten berührte den Leser der Haß des Königs gegen seine Mutter, gegen seinen verstorbenen Vater. In wahnsinnigen Halluzinationen vergriff er sich an den Eltern und erzählte mit Genugtuung von seinen abscheulichen Handlungen den Leuten seiner Umgebung, dem Fourier Hesselschwert, dem Stallknecht Sedlmaier und anderen. »Heute«, sagte z. B. der König, »habe ich meiner Mutter Königin Marie, geb. 1825, gest. 1889, geborene Prinzessin von Preußen (Tochter des Prinzen Wilhelm, Bruder König Friedrich Wilhelms III.). Sie erlebte die Katastrophe, die über ihren Sohn hereinbrach. Eine überaus gütige, doch beschränkte Frau. Ich sprach sie zuletzt, als Kaiser Friedrich totkrank 1888 von Italien kommend München passierte, und wir ihn, tief erschüttert, begrüßten. eine Wasserflasche auf dem Kopf zerschlagen, habe sie an den Haaren zu Boden gerissen und ihr mit den Hacken auf den Brüsten herumgetreten; – jetzt ist mir wohl!« Oder er erzählte. »Ich bin in der Gruft bei meinem Vater König Maximilian II., geb. 1811, gest.1864. gewesen, habe den Sarg aufgerissen und ihn hinter die Ohren geschlagen. – Das geschieht ihm recht.«

Dieser grauenhafte Haß steigerte sich, je mehr er sich in den Gedanken des absoluten Königtums hineinlebte, je mehr Ludwig XIV. sein Idol wurde – denn König Max war der Begründer der Verfassung, der Volksvertretung und damit der Begründer seines, des Königs Ludwigs »Elendes«. Die Königin aber war die Frau des »Verbrechers«. Die Schamlosigkeit des Königs ging so weit, daß er seiner Mutter vorwarf, ihn nicht aus der Ehe mit König Max empfangen zu haben!

Anknüpfend an diesen Haß gegen die Mutter muß ich eine Episode aus dem Jahre 1884 erwähnen.


Damals drang als Gerücht die Nachricht zu mir, der König habe auf seinen ehemaligen Vertrauten, den Hofstallmeister Hornig (einen höchst achtungswerten Mann), geschossen, und dieser sei nun definitiv aus dem Dienst in Ungnade entlassen. Ich konnte nicht den wahren Sachverhalt erfahren.

Jetzt erfuhr ich folgendes: Hornig, ein großer starker Mann, befand sich bei dem König in Schloß Berg. Der König ging im Zimmer auf und nieder, in unflätigster Weise seine Mutter beschimpfend. Hornig hörte in Ungeduld zu, bis ihm das Blut vor Zorn in den Kopf stieg. »Ich kann das nicht länger hören!« rief er aus, »so darf ein Sohn nicht von seiner Mutter reden.«

Der König richtete sich wie ein wildes Tier zum Sprung auf, stürzte Hornig entgegen und krallte ihn tief in die Augenhöhle und Backe. Da übermannte in rasendem Schmerz Hornig die Wut. Er faßte den König unter die Arme und warf ihn mit Hünenkraft in eine Ecke des Zimmers an den Boden. Zitternd und feig begann der König um sein Leben zu flehen. »Ich gebe dir, was du willst – verlange, was du magst. Nur töte mich nicht!«

Hornig verließ den Unglücklichen und sah ihn nicht wieder. Der König wollte ihn erschießen, als er aus dem Schloß ging, fand aber keinen geladenen Revolver – dann ersann er die strengsten Strafen für ihn – bis in dem zunehmenden Wahnsinn andere Phantasien das Bild Hornigs verdrängten.

Weniger erschreckend, aber nicht weniger überzeugend für die Krankheit des Königs war seine abgöttische Verehrung für Ludwig XIV. und für die beiden ihm folgenden bourbonischen Könige. Gekleidet wie sie, ritt er in Mondnächten spazieren – bisweilen die Krone auf dem Haupt, den Hermelinmantel um die Schultern. Er hielt Hoftafel, an denen er allein als Ludwig XIV. saß, aber er unterhielt sich mit den Phantomen, die er auf den leeren Stühlen sah und denen die Diener in chinesischer Hofetikette servieren mußten.

Der Gedanke des absoluten Herrschers hatte sich ihm so sehr eingeprägt, daß ihm Bayern unerträglich geworden war. Er wollte da regieren, wo er allein über Leben und Tod zu entscheiden hatte, und darum wollte er Bayern verkaufen – an Preußen, an wen es auch immer sei. Man sollte ihm ein Land suchen, wo er schrankenloser Herrscher sein konnte.

Professor von Löhr gab sich dazu her, Reisen zu machen, um ein solches Land zu finden. Auf den Kanarischen Inseln, im Griechischen Archipel reiste er umher und schrieb dem König Berichte. Mit Recht erhob man später harte Klage gegen Löhr, der den Wahnsinn des unglücklichen Monarchen benutzte, um schöne Reisen zu machen und sich die Schilderungen von der »Augsburger allgemeinen Zeitung« zahlen zu lassen.

Vor der Büste der Königin Marie Antoinette verbeugte sich der König stets wie vor einem Heiligenbild – aber er grüßte auch mit tiefer Verehrung stets eine besondere Tanne, einen gewissen Zaun am Wege zwischen Leoni und Ammerland – und er umarmte auch stets eine bestimmte Säule im Vestibül des Linderhof.

Die Persönlichkeit, die in anderer Weise die Phantasie des wahnsinnigen Königs beschäftigte, war der deutsche Kronprinz. Seitdem die Kriegslorbeeren von 1870 als Feldherr auch der bayerischen Truppen um sein Haupt und nicht um dasjenige König Ludwigs gewunden worden waren, erfüllte unversöhnlicher Haß den unglücklichen Fürsten. Als bei dem Einzug der bayerischen Truppen im Jahre 1871 das Volk dem Sieger von Wörth und Weißenburg überschwenglich zujauchzte, während der König nur den üblichen Beifall friedlicher Tage fand, hatte sein Haß noch eine Steigerung erfahren. Jetzt, in den dunklen Stunden des Wahnsinnes, sann er auf Rache, aber der Gedanke, den Kronprinzen töten zu lassen, schien ihm nicht ausreichend zu sein. Er beauftragte Hesselschwert, eine Bande zu dingen, die den Kronprinzen aufheben und in einen Turm bringen sollte, den er sich am Ammersee hatte bauen lassen. Hier sollte der Kronprinz grausam gemartert werden. Man sollte ihm die Augen ausstechen, ihn an den Rand des Todes bringen – ihm aber das Leben lassen, damit die unaufhörliche Sehnsucht nach Frau und Kindern seine Qualen vermehre. Diese Bande sollte später auch sämtliche Volksvertreter beseitigen, um alsdann das absolute Regiment wieder herstellen zu können.

Die Gedanken des Mordes und der Gewalt beherrschten den König, sobald irgendeine Person seinen Unwillen erregte. Und er versenkte sich in solche Gedanken mit der ganzen Zügellosigkeit seiner wahnsinnigen Phantasie.

Als einst die Frau eines Mannes, der kompromittierende Briefe des Königs besaß und deshalb von Graf Holnstein nach Amerika geschickt worden war, nach Hohenschwangau kam und auf Grund jener Schriftstücke einen neuen Erpressungsversuch beabsichtigte, befahl der König, ihr zu sagen, er wolle sie spät am Abend jenseits des Alpsees empfangen. Sie solle dann unterwegs, mitten auf dem See, in das Wasser gestürzt werden.

Solche Befehle gab er mit allen Details, und in diesem Falle fuhr er wirklich an den verabredeten Punkt, voller Spannung die Ausführung seines Befehls erwartend. Man sagte ihm, die Frau sei entflohen. In Wirklichkeit aber hatten die Zahlung neuer Summen und ernstliche Drohungen die gefährliche Person bestimmt, Hohenschwangau zu verlassen.

Diese und ähnliche Vorgänge wiederholten sich von Monat zu Monat, und Graf Holnstein war an der Grenze angelangt, da es nicht mehr möglich war, durch Schmerzensgelder, Verschickungen, Versprechungen, Amtsbeförderungen und Drohungen den Schein der Vernunft des Königs zu erhalten. An allen Enden blickte die trostlose Wahrheit heraus.

Unter diesem, schließlich die ganze Umgebung des Königs belastenden Druck hatten seine Diener ihre Aussagen gemacht und war das Schriftstück entstanden, das die Handhabe zu der Entmündigung des Königs bilden sollte.

Der entscheidende Schritt aber wurde immer noch durch die Furcht der Prinzen des bayerischen Hauses vor der gewalttätigen Natur des Königs aufgehalten. Es war nicht nur die Erwägung, daß ein Schritt gegen die Majestät dem Gedanken des Königtums einen zu erheblichen Schaden zufügen könnte.

Ein Brief, den ich schon im September 1885 an Herbert Bismarck schrieb, kennzeichnete auch in dieser Hinsicht die Situation, wie sie jetzt unaufhaltsam eingetreten war. Ich füge ihn hier ein, da er durch seine Details ein getreues Bild der herrschenden Stimmung zu geben vermag.

München, September 1885.

»... Aus meinen Berichten werden Sie über die hiesigen Zustände das Nähere erfahren haben. Einiges möchte ich Ihnen privatim mitteilen.

Die Verhältnisse an dem Hofe des Königs werden immer komplizierter und die Gemüter von Tag zu Tag erregter. Ich habe mich, um orientiert zu bleiben, mit dem einzigen Mann angefreundet, der einen richtigen Einblick in die Privatangelegenheiten des Königs haben und seiner psychopathischen Entwicklung folgen kann, soweit es die Sprünge eines nicht mehr normalen Hirnes gestatten. Es ist der Kabinettsvorstand, Ministerialrat Schneider, ein ruhiger, gewissenhafter Mensch und unermüdlicher Arbeiter. Durch seine Hand geht alles, was an den König herantritt, und alles, was vom König kommt. Die persönlichen Vorträge, die noch im vergangenen Jahre Ministerialrat Ziegler, sein Vorgänger, dem Könige – hinter einer spanischen Wand stehend – zu halten hatte, haben aufgehört. Alles wird schriftlich abgemacht und durch die zur Dienstleistung bei dem König kommandierten Chevauxlegers überbracht. Schneider sieht die Situation sehr ernst an, denn seine unaufhörlichen Beteuerungen, daß der König seinen Regentenpflichten mit Weisheit und Einsicht nachkäme, lassen erkennen, daß er seinen Herrn nicht mehr für normal hält.

Die durch den König schwer gekränkten Prinzen unternehmen keinen Schritt aus Furcht vor dem Zorn des Tyrannen, der sie unzweifelhaft nach Lindau, Bamberg oder Würzburg verbannen würde, wenn sie ihm Vorstellungen wegen seiner Schuldverhältnisse machen würden. Den Mut aber, einem solchen Befehl zu trotzen und einen Bruch herbeizuführen, haben sie nicht.

Die Minister warten auf eine Klage gegen die Kabinettskasse und halten den Prinzen Luitpold für denjenigen, der Abhilfe schaffen soll.

Schneider sagt, daß die Einstellung der Bauarbeiten – wenn der Tagelohn ausgeht – oder der Eingang der Klage bedenkliche Folgen für die Sinnesart des Königs haben würde. (Er glaubt also an den Ausbruch des Wahnsinns.)

Das Leben des Königs, das immer einsamer wird, und die Art seines Verkehrs mit den Chevauxlegers, die er bald als Freunde behandelt, bald mit Ohrfeigen zur Türe hinauswirft, sprechen für Schneiders Ansicht.

Von Bedeutung für die weitere Entwicklung der Verhältnisse wird jedenfalls der Eingang einer Klage, d. h. der Moment sein, wenn die Hofkasse aufhört zu funktionieren.

Dieser Augenblick kann noch hinausgeschoben werden, wenn der König die Verwaltung der Hofkasse einem gewissenlosen Menschen überträgt, denn Prinzen und Minister würden zufrieden sein, wenn ihnen energische Entscheidungen noch eine Weile erspart bleiben.

Von Seite des Volkes wird kaum etwas geschehen, wenn auch die Erregung eine wachsende ist. Seit den Zeiten der Lola Montez Die bekannte exzentrische spanische Tänzerin die Ludwig I. quasi zu seiner offiziellen Maitresse »erhob« und deren Auftreten zu den Aufständen von 1848 führte. Es folgte hierauf die Abdankung des Königs. ist in Bayern keine ähnliche Stimmung gewesen, und schrieben wir 1848, so hätten wir in München schon Unruhen gehabt.

Um Majestätsbeleidigungen aus dem Wege zu gehen, werden in den Bierkneipen die bösesten Geschichten auf den Namen »Huber« erzählt. Die Chevauxlegers spielen dabei eine schlimme Rolle ...«

Die Furcht der Prinzen vor dem König wurde durch seine Rücksichtslosigkeit und sein hochfahrendes Wesen immer neu genährt.

Als noch während des regelmäßigen Winteraufenthalts König Ludwigs in der Residenz im Jahre 1882 oder 1883 die Familientafeln stattfanden, hatte einmal Prinz Luitpold seinen Herrn Neffen bei einer solchen festlichen Gelegenheit – der einzigen Gelegenheit, wo die Mitglieder der Familie den König sahen – angeredet. Nach Beendigung der Tafel erschien ein General- Adjutant des Königs bei dem alten Prinzen, um ihm im Allerhöchsten Auftrage mitzuteilen, daß es unschicklich sei, die Majestät ungefragt anzureden.

Kein Prinz und keine Prinzessin durfte ihren gegenwärtigen Aufenthalt für länger als zwölf Stunden ohne Genehmigung des Königs verlassen. Da aber Mitteilungen an König Ludwig oft tagelang in den Bergen nicht anzubringen waren, entstanden für die hohen Herrschaften bisweilen höchst ärgerliche Situationen.

Furcht aber verträgt sich selten mit Liebe, und so war denn auch die Liebe für den König im Kreise der Familie völlig erloschen. Man haßte den bösen unbequemen Herrn, der zugleich das Familienvermögen zugrunde richtete. Nur die unglücklichste aller Mütter, die Königin Marie, litt in ihrem Herzen Qualen um den verlorenen Sohn, der ihr wie ein Fremder begegnete – im ganzen Jahr ein paar Stunden –, der ihr den Befehl gab, Hohenschwangau zu verlassen, wenn seine Laune ihn in diese Gegend führte. Nur die Einfalt ihres Verstandes war die Gottesgabe, die ihr Frieden gab. Versunken in die ewigen Andachten der katholischen Kirche, der sie sich in die Arme geworfen hatte, suchte sie Trost.

Während die Entscheidung nahte, befand sich der König in Schloß Berg am Ufer des Starnberger Sees und war von hier nach dem Linderhof, sodann nach Schwanstein übergesiedelt. Er hatte, nachdem seine Bemühungen, ein neues Ministerium zu bilden, gescheitert waren, jegliche Initiative in politischer Hinsicht verloren. Es war eine Willenslosigkeit des Wahnsinns, in die er langsam versank. Er glaubte an die Ausführung seines Befehls zur Ermordung des Ministers Lutz und zur Deportierung Riedels – und er glaubte auch wieder nicht daran. Er erfuhr von der bedenklichen Stimmung im Lande durch eine Serie Artikel der »Münchener neuesten Nachrichten«, die der Friseur Hoppe ihm vorlas. Als aber eines Abends in diesem Blatte ein Artikel der »Wiener Presse« abgedruckt war, der von der Wahrscheinlichkeit der Einsetzung einer Regentschaft in Bayern sprach, verbot er dem Friseur das Weiterlesen. Da dieser jedoch darauf bestand, wurde er in Ungnade für immer entlassen.

Diese letzte Energie, angewendet auf die Presse und diejenigen Elemente, die sich gegen ihn auflehnten, hatten damals vielleicht noch den König halten können. Aber er forderte nur einen Bericht von dem interimistischen Verwalter der Kabinettskasse, Klug, über »das, was man im Volke über seinen geistigen Zustand dächte« – und ließ sonst alles gehen, wie es ging. Er schimpfte und tobte vor seinen Stalleuten weiter gegen die Minister, die königliche Familie, seine Mutter, Deutschland, Kaiser und Kronprinz, von einem Exzeß der Brutalität in einen anderen fallend, dazwischen träumend und willenlos seinen Nachen dem Ende entgegentreibend sehend. Denn sein Bewußtsein war noch stark genug, um den ehernen Reif zu spüren, der um sein Leben lag und den zu zerbrechen seine Kräfte nicht ausreichten.

Den Bann der dämonischen Gewalten, unter denen seine gewalttätige Natur sich beugen mußte, vermochte er nicht zu lösen. Er lebte im Kampfe – nicht des Guten mit dem Bösen –, sondern des autokratischen Gedankens mit der übrigen Welt – und mit seiner eigenen Schwäche. Ein Ruhepunkt war in dieser Gestaltung eines Wahnsinns nicht denkbar. »Der König« war verletzt durch jede Berührung mit der feindseligen, modernen Zeit, die ihn umgab. Darum lebte er einsam. In dieser Einsamkeit aber litt der »unnahbare König« unter Ausbrüchen von Gewalttat und Sinnlichkeit.

Seine Schwäche empfand er als entsetzliches Elend und als Verbrechen gegenüber seiner »Majestät« – seiner Krone. In seinen häufigen, plötzlichen Ausrufen: »Niemals, niemals!« spiegelten sich Gedanken wider, die ihn quälten. Auch durch äußere Zeichen suchte er nach Halt. In seinem Wohnzimmer zu Berg sah ich am Tage seines Todes eine kleine Marmorsäule stehen, auf deren Sockel auf drei Seiten in Bronze die Worte stehen: Désormais jamais! Auf der vierten: Souvenez vous Sire! In seinen Tagebüchern aber, in dem traurigsten Denkmal seines Wahnsinns, verkleckst und verschmiert, in riesigen Buchstaben, steht allenthalben immer von neuem jamais, jamais, jamais – und drei große königliche Siegel sind darunter gedrückt.

In diesem Leben zu eigener und fremder Qual, in dieser innerlichen Zerrissenheit taumelnd von Zweifel zu Atheismus und von Begeisterung zu Gewalttat, von grauenhafter innerlicher Einsamkeit zu abstoßender Vertraulichkeit mit rohem Volk, war jede Möglichkeit einer Verständigung ausgeschlossen. Unnahbar äußerlich und innerlich mußten die Maßregeln auch außergewöhnliche sein, die der Regierung des Königs ein Ende bereiten sollten.

Es ist mir von königstreuen Bayern häufig in jenen Tagen gesagt worden, daß man einen ernstlichen Versuch hätte machen sollen, den König zur Abdankung zu bewegen. Doch nur völlige Unkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse und der Sinnesart des Königs vermochte solche frommen Wünsche zu zeitigen. Wer hätte es wagen dürfen, dem König von der Aufgabe seiner Krone zu sprechen? Seiner Krone!

Die berühmte Tragödin Clara Ziegler Clara Ziegler war eine ungewöhnlich schöne und hochbedeutende Schauspielerin von imposanter Figur, die in den Separatvorstellungen des Königs stets die »Heldin« darstellen mußte. erzählte, daß sie einst in einem Drama der königlichen Separatvorstellungen zu sagen hatte: »Diese Krone ist mir von Gott gegeben – und kein Mensch darf sie mir rauben.« Einige Wochen später habe sie in der Nacht um zwei Uhr einen Königlichen Befehl erhalten, unverzüglich in das Schloß zu kommen.

Als die Tür zu dem großen Krönungssaal des Schlosses, in dem die goldenen Bildsäulen der bayerischen Königsahnen stehen, geöffnet wurde, stand König Ludwig in vollem Königsornat vor ihr – die Krone auf dem Haupt, den Purpurmantel um die Schultern, das Zepter in der Hand. Er zeigte, als sie eintrat, auf die Krone, indem er die Worte aus dem Drama wiederholte. »Diese Krone ist mir von Gott gegeben – kein Mensch darf sie mir rauben« – und damit war die seltsame Audienz beendet. Die Türen schlossen sich.

Fräulein Ziegler will in diesem Begebnis eine Erklärung für die Ermordung Dr. Guddens durch den König sehen. Denn dieser habe dem König durch seine ärztlichen Gutachten die Krone genommen. Es sei der Mord ein Akt der Rache gewesen – der Rache eines Wahnsinnigen.

Sie irrt jedoch, wie aus meiner nachfolgenden Darstellung hervorgeht. Das Begebnis Clara Zieglers soll hier nur als ein Beleg zu meiner Behauptung angeführt werden, daß der König nie und nimmer zu einer Abdankung zu bewegen gewesen wäre. Denn Seine »Krone« war das Heiligtum eines Wahnsinnigen geworden, das er auch mit wahnsinnigen Mitteln verteidigt haben würde.

IV.

Die Entmündigungs-Kommission begibt sich zum König, ihre Verhaftung und Flucht.

Am 9. Juni 1886 nachmittags begab ich mich zu meiner Familie nach Starnberg, wo sie auch in diesem Jahre ihren Aufenthalt genommen hatte. Die für die Entmündigung durch den Prinzen Luitpold eingesetzte Kommission sollte denselben Nachmittag auf dem Weg über Oberndorf nach Hohenschwangau abreisen. Die Nachricht von der Entmündigung des Königs war also am nächsten Vormittag zu erwarten.

Das tiefe Geheimnis, in das sich die Regierung bezüglich ihres Schrittes hüllte, war in München nicht völlig bewahrt geblieben. Auf dem Bahnhof, bei meiner Abfahrt nach Starnberg, flüsterte mir der Zeitungsverkäufer zu. »Dort steht der Extrazug. Heute reisen sie zum König.« Ich fragte, was man beabsichtige? Der Mann schwieg, er wußte es nicht. Soweit ging im allgemeinen das Verständnis. Man wußte, daß »etwas« im Werke war.

Die Kommission bestand aus dem Minister des königlichen Hauses und des Äußern Freiherr von Crailsheim, dem Oberstallmeister Graf Holnstein, dem Reichsrat Grafen von Törring-Seefeld, dem Legationsrat Dr. von Rumpler, dem Oberstleutnant a. D. Freiherrn von Washington (der dem König nach seiner Entmündigung als diensttuender Kammerherr und Begleiter zugeteilt werden sollte) und den Ärzten, Spezialisten für Psychiatrie, Dr. von Gudden und Müller. Außerdem begleiteten die Kommission vier Irrenwärter. Obermarschall Baron Malsen[R1] begleitete die Kommission bis Oberndorf, begab sich aber von hier nach der königlichen Villa Elbingeralp zu der unglücklichen Königin Mutter, um ihr von den Schritten zu berichten, die gegenüber ihrem Sohne notwendig geworden waren.

Es war nicht leicht gewesen, die Kommission zusammenzusetzen. Nicht nur gehörte persönlicher Mut zu der schwierigen Aufgabe, sondern auch der Mut, der öffentlichen Meinung zu trotzen, die die Handlungsweise der Kommission für unvereinbar mit den Pflichten treuer Diener gegen ihren König hielt, selbst wenn man den Vorgang an und für sich nicht verurteilen konnte. Jedenfalls wäre der Standpunkt einer Ablehnung, an der Kommission teilzunehmen, berechtigt und verständlich gewesen.

Herr von Crailsheim, mit dem ich zum Erstaunen von ganz München seit Jahren intim bekannt bin – denn an seinem kalten, höflichen Wesen gleiten gewöhnlich alle diejenigen ab, die ein Bestreben haben, ihm näher zu treten –, ist ein jungaussehender Mann von größerem Fleiß und größerer Arbeitskraft als irgendeiner in seinem Ministerium. Sein Verstand ist angenehm ruhig und überlegt.

Über den Oberstallmeister Graf Holnstein läßt sich mehr sagen. Denn er ist der politische Aventurier nach Art des achtzehnten Jahrhunderts, dem die geordneten Verhältnisse unseres modernen Staatslebens nicht passen, und der deshalb auch nur auf dem ungeordneten Boden des bayerischen Hofes zur Zeit König Ludwigs II. Erfolge haben konnte. Er stammt aus einer Familie Der Name ist »Holnstein aus Bayern«. Die Familie stammt aus einer Verbindung des Kurfürsten Karl Albrecht von Bayern mit Sophie Freiin von Ingenheim., in der die Abenteuer zu Hause sind. Selbstmord, Zweikampf, Entführung usw. wechseln in bunter Folge.

Auf König Ludwig hatte er zunächst durch sein anziehendes Äußere gewirkt: er war ein blonder, frischer Mensch von munterem Wesen. Das Wohlgefallen des Königs nutzte er in weitgehendster Weise aus. Er stieg schnell zum Oberstallmeister und Oberjägermeister und hielt sich in seiner Stellung, indem er dem König einerseits durch seine Neigung zu Gewalt Furcht einflößte, anderseits ihm durch seine Gewissenlosigkeit bequem war. Der König brauchte einen Mann, der keine Schwierigkeiten kannte, aus allen Verlegenheiten Auswege wußte und ihm freundlich lächelnd seine goldenen Wagen baute. Einen Mann, der auf die höchste Alphütte goldene Möbel bringen ließ, wenn »Ludwig XIV.« daselbst soupieren wollte.

Holnsteins Bedeutung für Deutschland lag darin, daß er im Jahre 1870 Ludwig II. bewegte, König Wilhelm die Kaiserkrone anzutragen. Er hätte allerdings wohl auch unter Umständen den König Frankreich in die Arme getrieben, wenn dieses Land damals in München einen Mariani zum Vertreter gehabt hätte.

Durch seine Ehe mit der einzigen Tochter der Baronin Gumppenberg (einer Tochter aus morganatischer Ehe des Prinzen Karl von Bayern) war Graf Holnstein zu viel Vermögen gekommen.

Bei allen hier ausgezählten Eigenschaften halte ich Holnstein doch für einen Menschen von nicht erloschener weicher Empfindung. Er könnte vielleicht auch als Typus eines Slawen gelten.

Ich bin völlig davon überzeugt, daß der Kampf, an König Ludwig den Judas zu spielen, ein großer in ihm gewesen ist und daß er in einem Gefühl von Dankbarkeit und Zugehörigkeit gelitten hat. Persönlich habe ich mich von ihm ziemlich ferngehalten. Seine politische Bedeutung für Deutschland und Preußen lag hinter ihm, als ich nach München kam – und menschlich hatte ich keine Berührungspunkte mit ihm.

Das dritte Mitglied der Kommission, der Reichsrat Graf Törring-Seefeld, ist ein vornehmer, langweiliger, magerer Mann von nüchternem Verstand. Das Motiv, sich der Kommission anzuschließen, lag wohl, wie bei den beiden anderen, nicht nur in der Absicht, das sinkende Schiff rechtzeitig zu verlassen, sondern auch sofort das neue Admiralschiff zu besteigen, und zwar hatte er den Wunsch, sich auf Grund einiger Urkunden in den Kreis der bayerischen Standesherren erheben zu lassen. Er wurde darin von seiner ebenso hochmütigen wie originellen Gattin – geborene Gräfin Paumgarten – eifrig unterstützt. Es ist dieses die Frau, die im Jahre 1871 mit französischen gefangenen Offizieren in ihrem Palais »à une bonne revanche« angestoßen haben soll.

Baron Washington ist ein großer, starkknochiger, ehrlicher und sehr einfacher Mann, der aus pekuniären Rücksichten die dornenvolle Stellung des Kammerherrn angenommen hatte, die man ihm antrug.

Legationsrat Dr. Rumpler aus dem Ministerium des Äußern trägt den Kopf mit den straffen Haaren und das bebrillte, glatte, blasse Gesicht tief in den Schultern – er gleicht einem gutmütigen Mephistopheles. Ich kenne ihn persönlich wenig. Hingegen war mir Medizinalrat Dr. von Gudden gut bekannt. Als Vorstand der »zwanglosen Gesellschaft«, der ich als Mitglied angehöre, hatte ich Gelegenheit, diesen hervorragenden, liebenswürdigen und klugen Mann kennenzulernen. Er genoß als Irrenarzt einen großen Ruf, und sein ruhiges, klares Wesen war, wie der sanfte, stete Blick seiner Augen, wohl dazu angetan, besänftigend auf seine irren Patienten einzuwirken. Er war ein sehr großer, starker, blonder Mann. Die Treuherzigkeit eines großen Hundes lag in seinem Wesen.

Sein Assistenzarzt Dr. Müller, der den seit langen Jahren wahnsinnigen Prinzen Otto, den einzigen Bruder des Königs, behandelte, war mir vor dem Eintritt der Katastrophe nicht persönlich bekannt.

Ich hatte am 9. Juni in Starnberg wenig Ruhe, denn wir standen vor einem Ereignis, das Bayern in die größte Wirrnis stürzen konnte. Die Partei des Königs war trotz seines Wahnsinns stark genug, um dem Ansinnen des Prinzen Luitpold mit Gewalt entgegenzutreten –, wenn der König die Energie finden sollte, nach München zurückzukehren und in einer Proklamation sich an sein Volk zu wenden.

Am 10. Juni, in frühester Morgenstunde, klopfte mein Diener an die Tür meines Schlafzimmers. »Herr Bahnhof-Inspektor Hartmann wünscht den Herrn Grafen einen Augenblick zu sprechen«, sagte er. Ich sprang in dem Bewußtsein, daß nur eine ernste Nachricht Hartmann bewegen konnte, so früh zu kommen, eilig aus dem Bett.

»Die ganze Kommission ist vom König eingekerkert und mit dem Tode bedroht«, teilte er mir in großer Erregung mit, »der ganze Schwangau ist in Aufruhr, die Baronin Truchseß läßt in Hohenschwangau Sturm läuten –, von den Bergen strömen immer neue Bewaffnete zu. Ich habe die Depeschen, die Starnberg passierten, gelesen und teile Ihnen trotz Verbotes das Faktum mit, da die Folgen unabsehbar sind und Sie in Berlin zeitig Bescheid haben müssen.«

Ich dankte dem gut deutsch gesonnenen Manne, mit dem ich seit meinem alljährlichen Aufenthalt in Starnberg in den besten freundschaftlichen Beziehungen stand, kleidete mich eilig an und fuhr mit dem nächsten Zug nach München, wo ich dem Gesandten Graf Werthern Mitteilung von dem Ereignis machte und für eine Meldung nach Berlin Sorge trug. Die Stadt war völlig ruhig – noch war kein Gerücht von der Einkerkerung der Kommission in das Volk gedrungen. Prinz Luitpold nur befand sich in seinem Palais in unbeschreiblicher Erregung.

Ich erfuhr später, daß der Prinz völlig fassungslos gewesen sei und nur schwer zu bewegen, die Proklamation von der Regentschaftsübernahme zu erlassen. Auf die dringende Vorstellung des Ministers von Lutz war dieses schließlich geschehen, so daß, als ich München nach einigen Stunden wieder verließ, die Proklamation an den Straßenecken angeschlagen wurde. Zahllose Menschen standen in Gruppen auf den Straßen, das Ereignis der Regentschaftsübernahme besprechend, dessen Tragweite sie bei Unkenntnis von der Verhaftung der Kommission nicht einmal in seiner ganzen Bedeutung ermessen konnten.

Bei aller Gefahr trug die Einschließung der Abgesandten einen unwiderstehlich komischen Zug für den nicht Beteiligten. Nachdem durch Monate hindurch in Hangen und Bangen das Ereignis der Entmündigung des Königs vorbereitet und nach allen Richtungen erwogen worden war, zogen die sieben Schwaben aus und wurden gefangen! Vielleicht gar von der Baronin Truchseß!

Wer aber war diese seltsame Dame, die im Schwangau die Sturmglocken läuten ließ?

Es ist zum Verständnis der kritischen Lage, die eingetreten war, erforderlich, daß ich von der Persönlichkeit und dem Charakter der Baronin Esperanza von Truchseß-Wetzhausen, geborene von Sarachaga y Uria, zu der ich und meine Familie in sehr freundschaftlicher Beziehung stehen, einiges mitteile, ehe ich die sich überstürzenden, fast romanhaften Ereignisse der nächsten merkwürdigen Tage niederschreibe.

Ihre Großeltern Sarachaga, den vornehmsten baskischen Familien angehörend, gerieten bei dem napoleonischen Feldzug in Spanien in die größte Bedrängnis. Der Großvater verlor sein Leben in den Guerillakämpfen, und die Großmutter, die den Schutz eines französischen Generals, eines geborenen Badensers (dessen Name mir entfallen ist) angerufen hatte, wurde von diesem mit ihren Kindern nach Karlsruhe geschickt, da Spanien für die Sicherheit der Familie keine Garantie gab. Nach Beendigung des Krieges heiratete der General die Witwe, und die Kinder Sarachaga erhielten ihre Erziehung in Baden.

Sein Sohn, der Vater der Baronin, trat in militärische Dienste und war als eleganter schöner Offizier eine bekannte Persönlichkeit in Karlsruhe. Er vermählte sich mit der Tochter des russischen Gesandten, Fürsten Lobanow, und dieser Ehe war die Baronin Esperanza entsprossen. In jenes berühmte Duell, das über Deutschlands Grenzen hinaus Aufsehen erregte, wurde auch Sarachaga verwickelt. Der jüdische Bankier Louis von Haber hatte sich öffentlich der Gunst der Großherzogin Stephanie von Baden (geb. Beauharnais- Leuchtenberg, Adoptivtochter Napoleons I. Die Großherzogin, geb. 1789, gest. 1860, war 1818 Witwe des Großherzogs Karl geworden und hinterließ zwei Töchter. Der Sohn und Erbe des Thrones war als Kind gestorben. Die Annahme, daß Kasper Hauser dieses (gestohlene) Kind war, ist noch heute nicht authentisch widerlegt. gerühmt. Zum Beweis seiner Behauptungen sollte die Großherzogin an einem bestimmten Ballabend ein Bukett tragen, das er hatte binden lassen. Als die Großherzogin den Saal betrat, hielt sie in der Tat das Bukett in der Hand. Infolge dieses Ereignisses entstand eine Reihe blutiger Duelle, die verschiedene Opfer forderten. Unter diesen befand sich auch der Vater der Baronin Truchseß, Sarachaga.

Nach seinem Tode verließ die Witwe mit den Kindern Karlsruhe, um fortan in Petersburg, im Palais ihres Vaters Lobanow, zu leben. Hier war es, wo Baron Truchseß, der bayerische Gesandte am Hofe des Zaren, Fräulein Esperanza heiratete Die Beziehungen zu Spanien waren im Laufe der Jahre eingeschlafen. Als aber das junge Paar geheiratet hatte, wurde eine Reise nach Bilbau unternommen, um Verwandte zu besuchen, die in der dortigen Gegend angesessen sind, und um das spanische Vermögen der Baronin zu kontrollieren. Baronin Spera – so lautet ihr Rufname – teilte mir eine sehr anziehende Anekdote aus der Zeit jener Reise mit. »Wir waren«, so erzählte sie, »in Pamplona angelangt und hatten am Morgen, aus dem Talkessel aufsteigend, einen Spaziergang gemacht. Der Frühling strahlte in schönster Pracht. Das ganze Land stand in Blüte. Auf der Höhe waren wir in einem Landhause angelangt, dessen liebliche Lage und dessen eigenartiger Charakter uns entzückte. Wir standen vor dem alten Portal, an das sich blühender Oleander lehnte. Über die Terrassen des Gartens blickte man hinab auf die weißen Türme Pamplonas, die aus dem grünen Tal hinaufleuchteten. Ich fragte meinen Mann, ob man es wohl wagen könne, einzutreten, um dieses kleine Paradies in der Nähe zu betrachten? Da trat ein alter Gärtner an uns heran und lud uns dazu ein. Er führte uns allenthalben herum. Voller Sorgsamkeit war Haus und Garten von ihm gepflegt. Ich sagte zu meinem Mann, daß ich glücklich sein würde, hier leben zu können, und fragte den Alten nach dem Besitzer des Landhauses. »Der Besitzer ist eine Dame«, sagte der Alte, »die ich leider niemals sah.« »Und wie heißt diese Dame?« fragte ich weiter. »Esperanza Sarachaga«, antwortete der Alte – und er weinte vor Rührung, als ich mich ihm zu erkennen gab. Als treuer Diener meines Großvaters verwaltete er seit langen Jahren dieses abgelegene Eigentum meiner Familie.«.

Baronin Truchseß – im Jahre 1886 einige vierzig Jahre alt – ist eine anziehende Erscheinung. Ihr gutes Herz, ihr edler Charakter und ihre feine Bildung gestalten den Verkehr mit ihr sehr angenehm.

Das Unglück ihres Lebens ist ihre Kinderlosigkeit. Von dem Bedürfnis beseelt, Gutes zu tun und ihren Nebenmenschen Liebe zu erweisen, blieb ihr doch das Höchste: die Liebe zum eigenen Kinde – versagt. Unter dieser Sehnsucht litt sie, diese Sehnsucht regte sie auf. Physisch aber wurde die Kinderlosigkeit noch verderblicher für sie. Blutandrang nach dem Gehirn verdunkelte zuweilen ihr Bewußtsein, und dann nahmen ihre Gedanken einen besonderen Weg: es war eine abgöttische ideale Liebe für ihren König Ludwig, die sie während solcher Stunden krankhaft beherrschte. Vermied man es jedoch, von ihm zu sprechen, so war die Unterhaltung normal und ruhig, ohne jegliche Absonderlichkeit.

Unendlich viele erregbare Frauen waren, wie sie, dem Zauber dieses einsamen Märchenkönigs verfallen, dessen schöne Züge allenthalben im Bildnis sichtbar waren, der selbst aber nur, geisterhaft, des Nachts erschien, im Wagen vorübereilend.

Bei einer Fahrt des Königs, morgens von München auf dem Weg nach Schloß Berg, sah auch ich ihn – (das einzige Mal, das ich ihn lebend sah) – als der Kutscher an der engen Biegung der Straße bei Starnberg genötigt war, langsam, fast Schritt zu fahren. Das war im Herbst 1885. Ein schwerer Tuchmantel hing auf seinen Schultern, auf dem großen schwarzen Kalabreser-Hut glänzte die Diamant-Agraffe. Wie der »Fliegende Holländer« sah er aus, als er den Hut zum Gruß hob und die bleichen, schönen Züge, die dunklen großen Augen sich mir entgegenwendeten. Auf dem Bock saß ein Soldat eines Cheveauxleger-Regiments, die Mütze auf dem Kopf, doch ohne Säbel an der Seite. Er hielt ein Bukett in den Händen, und auf den vorgestreckten Füßen steckten buntgestickte Hausschuhe –, denn der König ertrug nicht den harten Laut des Soldatentritts in seiner Nähe.

Alle die hundert Erzählungen von der Liebe des Königs für geheimnisvolle Frauengestalten sind völlig erfunden. Eine Abneigung muß ihn von jeder Frau getrennt haben, denn es ist auch Tatsache, daß jener erste Kuß, den seine Braut, seine schöne Kusine, Herzogin Sophie von Bayern (Schwester der Kaiserin Elisabeth von Österreich und später Gattin des Herzogs von Alençon, die jämmerlich bei einem Brande in Paris 1897 umkam), ihm auf der Roseninsel im Starnberger See gab, die Veranlassung der Trennung von ihr wurde.

Wir kehren nun zu der Kommission zurück, deren Schicksal mir frühmorgens am 10. Juni von meinem Freunde Hartmann mitgeteilt war.

Der Spott und Hohn, der sich nach dem nicht mehr zu verbergenden Mißgeschick der Kommission allerorts in den nächsten Tagen über die unglücklichen Abgesandten ergoß, war dennoch nur zum Teil gerechtfertigt. Denn jene Bedingungen des Prinzen Luitpold, »daß der König als erster die Nachricht von der Regentschaftsübernahme erhalten müsse«, hatte dem Staatsministerium die Hände gebunden. Das Ministerium war deshalb nicht in der Lage gewesen, durch Mitteilung an die Bezirksämter und Gendarmerie die Aktion zu sichern.

Der Vorwurf der Unachtsamkeit mußte aber dennoch, wenn auch in anderer Beziehung, die Abgesandten auf das schärfste treffen.

Ich komme darauf später zurück.

Die Lage in Bayern war durch dieses Ereignis plötzlich eine äußerst kritische geworden. Wie ich oben bemerkte, lag die Gefahr nahe, daß die Parteien des Königs und des Prinzen Luitpold in gewalttätigen Gegensatz gerieten. Sogar die Gefahr einer Spaltung in der Armee war nicht ausgeschlossen.

Da nun der Brennpunkt der kritischen Situation im Schwangau zu suchen war, erklärte ich meinem verehrten Chef und Freund, dem Grafen Werthern, ich wolle mich schnell incognito dorthin begeben, um unsere Regierung mit sicheren Nachrichten versehen zu können. Er gab mir seine Zustimmung, doch nicht ohne mich zu warnen, da der »Preuße« in dem Kreise aufgeregten Bergvolkes seines Lebens nicht sicher sei.

Ich verabredete eine Chiffre mit ihm, indem wir uns zwei gleicher Broschüren bei Absendung von Depeschen bedienen wollten. Dann verließ ich München, um mich über Peißenberg nach Hohenschwangau zu begeben. In Starnberg verabschiedete ich mich von den Meinigen.

Ein kleines Fuhrwerk führte mich von Peißenberg nach Hohenschwangau, wo ich in der Nacht einzutreffen gedachte. Der Kutscher wußte nichts von den Vorgängen in dem Schloß zu Schwanstein; aber Landleute, die uns begegneten, erzählten, daß man im Lande unruhig sei. »Es soll dem König etwas geschehen.«

Der Kutscher wußte mir nur mitzuteilen, daß der junge Graf von Steingaden (Graf Dürkheim) vor einigen Stunden nach Hohenschwangau gefahren sei.

So hatte ihn also der König gerufen. Ich erinnerte mich mit Schrecken unserer Unterhaltung im Eisenbahnkupee vor einigen Tagen. Jetzt war Dürkheim in der Lage, die Rolle zu spielen, von der er träumte! Das bedeutete unzweifelhaft eine Verschärfung der Lage.

Als ich eine Zeitlang gefahren war, hörte ich auf der in Serpentinen ansteigenden Straße im Walde über mir ein Fuhrwerk, das schnell nahte, und gleich darauf bog ein großer Break von vier Füchsen gezogen und von einem königlichen Kutscher geleitet in schärfstem Tempo um die Ecke. Die Füchse, schweißtriefend, zogen den gehemmten Wagen den Berg hinunter, und zu meinem Erstaunen gewahrte ich die gesamte Kommission bleich und ernst darin. Ich hielt und begrüßte die gleichfalls haltenden Herren nicht ohne ein Gefühl der Verlegenheit, brach aber der etwaigen Annahme, daß ich als Spion auf dem Wege sei, die Spitze ab, indem ich den Herren mitteilte, wie die preußische Gesandtschaft zu eng mit den Interessen der hiesigen Regierung verwachsen sei, um sich nicht persönlich überzeugen zu müssen, welches das Schicksal der bedrohten Abgesandten sei.

Die Herren dankten mir und erzählten auf dem gemeinschaftlich zurückgelegten Heimweg die Ereignisse der verflossenen Nacht bis zu dem Augenblick ihrer Flucht.

Die Gefahr, in der sie sich befunden hatten, stand auf ihren Zügen eingegraben. Der Hunger tat das seinige dazu, um die bleichen Gesichter zu verzerren. Denn von dem Moment der Einschließung in der Nacht bis jetzt – es war sechs Uhr abends – hatten sie nichts genossen. In den Ortschaften auf dem Wege zur Bahnstation aber war es nicht möglich einzukehren, denn drohend standen die Hausbewohner an den Türen. Noch in Peißenberg traten wir mit Vorsicht in das Gasthaus in der Nähe der Bahn – in eine gewöhnliche Bauernschenke. Nur Rührei war vorhanden, aber es erglänzten die Augen der hungernden Großwürdenträger, als die dicke Wirtin das einfache Mahl gerichtet hatte.

Mit dem Genuß der Eierspeise trat eine gewisse Ruhe der Anschauung ihrer Situation ein. Bisher standen alle Abgesandten, ohne Ausnahme, unter dem Eindruck des Schreckens, den sie durchlebt hatten. Nur Herr von Crailsheim hatte tapfer, wenn auch blässer als gewöhnlich, seine alte Ruhe bewahrt.

Die Nerven der Herren waren noch so abgespannt, daß sie bei der Darstellung ihrer Erlebnisse während unserer gemeinschaftlichen Rückreise nach München mit einer Lebhaftigkeit und Offenherzigkeit vorgingen, die unter normalen Verhältnissen sicherlich nicht vor mir hätte Platz greifen können.

Auf dem Perron des Bahnhofes in Peißenberg war es auch, daß ich zum letztenmal den von mir hochverehrten, liebenswürdigen Professor Gudden sprach, der drei Tage später in so tragischer Weise sein Leben verlor. In eingehender Weise schilderte er mir den geistigen Zustand des Königs. Das Resümé seiner Mitteilung war die Behauptung, der König sei völlig zusammengebrochen, man werde ihn nach Beseitigung der äußeren Hindernisse einfach in Empfang zu nehmen haben. Er sei unfähig, sich noch einmal aufzuraffen.

Aus dieser Darstellung des Krankheitszustandes ist bereits die Auffassung erkennbar, die Gudden dazu bestimmte, zwei Tage später, an dem verhängnisvollen Abend des 13. Juni, besondere Sicherungsmaßregeln außer acht zu lassen.

Ich fuhr mit Minister Crailsheim und Graf Holnstein bei dieser merkwürdigen Heimfahrt zusammen in demselben Eisenbahn-Abteil.

Eine meiner ersten Fragen war, weshalb die Herren, nachdem sie bereits nachts gegen zwölf Uhr in Schloß Hohenschwangau eingetroffen waren, sich erst um drei Uhr früh auf den Weg nach der Burg Schwanstein zum König begaben?

»Wir waren von Oberndorf in den Hofwagen vorausgefahren«, sagte Graf Holnstein, »das Gepäck aber lag auf dem Postfuhrwerk. Da wir nun durchaus in Uniform vor dem König erscheinen mußten und diese Kleidungsstücke erst zwei Stunden später mit dem übrigen Gepäck anlangten, so waren wir gezwungen, zu warten.« (!)

Ich schwieg zu dieser Erklärung, denn ich fand kein Wort für eine derartige Unachtsamkeit. Nachdem man in anerkennenswert diskreter Weise den Plan zur Entmündigung des Königs wochenlang geheimgehalten hatte, – nachdem die Abreise der Kommission in Hohenschwangau und der nahen Stadt Füssen absolut unbekannt geblieben war und die Überrumpelung des unglücklichen Königs vortrefflich eingeleitet schien, fällt der ganze Aufbau des Planes zusammen, weil die Herren ihre Uniformen im Koffer haben.

Dr. Müller schildert in seiner Broschüre. »Die letzten Tage König Ludwigs II.« die Art, wie dem König das Faktum von seiner Thronentsetzung mitgeteilt werden sollte.

»Gudden stellte sich dies folgendermaßen vor: Zuerst würden die Staats- und Hofbeamten vor den König hintreten und ihm die Erklärung von der durch seine Erkrankung bedingten Übernahme der Regentschaft durch den Prinzen Luitpold vorlesen; dann trete Gudden mit mir und den Pflegern ein und teile dem König mit, daß die ärztliche Behandlung nun ihren Anfang nähme; Majestät würde gebeten, in den bereitstehenden Wagen einzusteigen und mit nach dem Linderhof fahren, welcher als vorläufiger Aufenthalt ausersehen sei. Guddens weitere Vorschläge beim Souper gingen dahin: Zwei Pfleger sollten mit dem König und ein dritter auf dem Bock desselben Wagens fahren, der eine von uns Ärzten führe voraus, der andere hinterdrein. Gerade über den letzten Vorschlag wurde viel gesprochen, und es wurden Bedenken laut, ob es tunlich sei, dem König das Wartepersonal in den Wagen hinein mitzugeben, und schließlich einigte man sich dahin, der König solle allein bleiben, auf dem Bock könne ja ein Pfleger sitzen, und zur besseren Beaufsichtigung schiene es geraten, wenn während der ganzen Fahrt ein Reitknecht des Königs neben dem Wagenschlag herritte. Gudden erklärte sich mit diesen Vorschlägen einverstanden, äußerte aber, es können ja Fälle eintreten, die unvorhergesehene Maßregeln erheischten, und für diese Fälle müsse er freie Hand behalten.«

Dr. Müller fährt nun fort, indem er die Versäumnis der Abgesandten – das Warten auf ihre Uniformen! – als ein beabsichtigtes Zögern darstellt. »Ungefähr um drei Uhr in der Frühe wurden wir alarmiert, wir sammelten uns im Schloßhof und fanden dort dieselben Hofwagen, die uns von Oberdorf herübergebracht hatten. Außerdem stand der für den König bestimmte Reisewagen bereit. Wir fuhren eher von Hohenschwangau ab, als vorgesehen war. Man hat mir erzählt, ein Stallbediensteter des Königs hätte ihm die Anwesenheit der Kommission verraten und so den verfrühten Aufbruch veranlaßt. Es liegt nicht in meiner Befugnis, darüber nachzuforschen, inwieweit diese Erzählung auf Wahrheit beruht.«

Ich fragte während unserer Rückfahrt von Hohenschwangau nach München im Kupee den Grafen Holnstein: »Wer hat dem König Ihre Ankunft verraten?« »Ein Stalldiener«, sagte er – »und die verrückte Person, die Truchseß.«

Ich erfuhr später bei einem Besuch in Hohenschwangau von der dicken Wirtin des Gasthauses »Zur Alpenrose«, daß der Kutscher Oberholzer die erste Nachricht von der Ankunft der Kommission dem König überbracht habe.

Oberholzer, des Königs Leibkutscher, der ihm besonders treu ergeben war, hatte, unmittelbar nach dem Eintreffen der Abgesandten, vom Grafen Holnstein den Befehl erhalten, den Reisewagen des Königs nach Angabe der Krankenwärter herzurichten. Dieses geschah, indem mit starken Stricken eine Tür und die Fenster verschnürt wurden; die andere Tür wurde aber so eingerichtet, daß nach dem Besteigen des Wagens ein Strick auch diese verschließen konnte.

Die traurige Arbeit, die Oberholzer weinend verrichtete, fand bei dem Stall unten an der Landstraße statt – so öffentlich, daß die allmählich alarmierten Bewohner von Hohenschwangau sie sehen konnten. Zugleich aber beging einer der Irrenwärter die grobe Ungeschicklichkeit, auf dem Schloßhof in Hohenschwangau eine Flasche fallen zu lassen, deren Inhalt beim Bersten einen betäubenden Geruch ausströmte.

Wie ein Lauffeuer ging es nun von Mund zu Mund, daß man nicht nur den König entführen, sondern ihn betäuben, wenn nicht gar töten wolle. Da nun aber, nach Beendigung der Vorbereitungen für den Transport des Königs, die Uniformen der Herren Abgesandten nicht angelangt waren, blieb der verschnürte Reisewagen des Königs unangespannt stehen, und Oberholzer fand Zeit, nach Schwanstein, hinauf zum König, zu laufen, um ihm das beabsichtigte Attentat auf seine Freiheit zu melden. Er drang in das Schlafzimmer des Königs ein, weckte ihn und erzählte, was geschehen war.

Sofort gab der König den Befehl, daß die Gendarmerie niemand – wer es auch sei – in das Schloß einlassen dürfe, daß sie sich einem Eindringen, wenn nötig, mit Gewalt zu widersetzen habe.

Fast gleichzeitig mit Oberholzer aber war noch eine zweite Persönlichkeit zum König eingedrungen, die an jenem Tage des 10. Juni fast allein die Schuld trug, daß die Erregung der Bergbevölkerung einen außerordentlich leidenschaftlichen, gefährlichen Charakter annahm: unsere Freundin, Baronin Esperanza Truchseß!

Sie hatte für diesen Sommer, »um in der Nähe des Königs zu sein«, eine Villa bei Hohenschwangau gemietet. Ihr Aufenthalt in Leoni, am Ufer des Starnberger Sees, wo sie im verflossenen Jahre Gelegenheit gehabt hatte, den König während seiner Fahrten in der Nähe des Schlosses Berg zu sehen, genügte ihr nicht mehr. Von der drohenden Entmündigung des Königs aber hatte sie wohl durch die Familie Dürkheim in Steingaden unbestimmte Kenntnis erhalten. Das hielt sie wach.

Fast unmittelbar nach Ankunft des Reisewagens, der die Kommission von Oberndorf brachte, war sie mit der dicken Wirtin des Gasthauses »Zur Alpenrose« nach Schloß Schwanstein aufgebrochen. Unbeirrt durch die Kette von Dienern, die den König umgab, drang sie in das Schloß und bis in das Vorzimmer des Königs.

Sie schob den diensttuenden Diener beiseite, öffnete die Tür und warf sich dem soeben angekleideten König zu Füßen.

»Mit meinem Leben werde ich Ew. Majestät schützen!« rief sie in höchster Erregung.

Der König veranlaßt sie aufzustehen, dankte ihr und sagte, daß er hoffe, sich selbst schützen zu können.

Die Baronin aber stürzte nun hinaus auf den Schloßhof und gab den Befehl, die Sturmglocken im Ort zu läuten, um die Floß- und Holzknechte, die Senner und Arbeiter aus den Bergen zu rufen.

Die Bewohner Hohenschwangaus und des Schlosses folgten dem Ruf der Baronin, deren Güte, Wohltätigkeit und Frömmigkeit weit und breit bekannt und verehrt war.

Auf das Sturmzeichen eilten nun von allen Höfen die Männer herbei, Sensen, Äxte, Gebirgsstöcke, Messer in den Händen – eine Schar wie in der Sendlinger Schlacht.

Während diese Bewegung lawinenartig anschwoll, waren endlich die ominösen Uniformen angekommen. Die Großwürdenträger legten diese an und begaben sich in Begleitung der Ärzte im Wagen zum Schloß Schwanstein hinauf.

Dr. Müller schreibt hierüber: »Gegen vier Uhr früh kamen wir in Schwanstein an. Es war eine traurige Fahrt, kalter Regen schlug uns ins Gesicht, schwere Nebel hingen über dem Wald. Es begann langsam zu dämmern. Schwanstein selbst mit seinen gewaltigen Quadern machte in dieser Waldeinsamkeit einen gewaltigen Eindruck. Aber trotz seiner Schönheit läßt es nicht verkennen, daß diese Unsumme von Türmchen und Zinnen Ausgeburten eines kranken Hirnes sind.«

Als die Kommission durch das Tor an der Zugbrücke in den Schloßhof fahren wollte, standen Gendarmen mit gefälltem Bajonett davor.

Graf Holnstein, der eine militärische Uniform trug, versuchte die Gendarmen zu bewegen, die Kommission einzulassen. Es war vergeblich. Sie beriefen sich auf den bestimmten Befehl des Königs und drohten, von ihrer Waffe Gebrauch machen zu wollen, wenn die Herren darauf beständen, einzudringen. Nach einer peinlichen Stunde des Parlamentierens und Beratens, in dem Gefühl, mit ihrer bedeutsamen Mission gescheitert zu sein und in der Besorgnis, damit zugleich dem Vaterlande Wirren und Gefahren heraufbeschworen zu haben, trat die Kommission den Rückweg nach dem alten Schlosse Hohenschwangau an.

Dr. Müller schildert diesen Vorgang und die weiteren Geschehnisse folgendermaßen:

»Die Verhandlungen am Schloßportal nahmen geraume Zeit in Anspruch. In der Zwischenzeit fiel uns eine Dame auf, die fortwährend rief, sie wolle zum König, sie würde ihn retten. »Herr von Gudden, ich will meinen König schützen.« Es war, wie sich bald herausstellte, eine Dame aus den besten Münchener Kreisen, die periodisch geisteskrank war und auch schon früher von Gudden behandelt worden war. Da es nicht gelang, die Dame zu beruhigen und ebensowenig, ihre Begleiterin zu veranlassen, mit ihr wegzugehen, so mußte man sie schließlich gewähren lassen. Nach etwa einer Stunde wurden die Verhandlungen abgebrochen, und die Kommission begab sich zurück nach dem alten Schloß Hohenschwangau.

Der Zweck des frühen Besuches in Schwanstein schien wohl schon teilweise bekannt geworden zu sein, denn auf dem Rückwege konnte man Bauern und Feuerwehrleute sehen, die den Berg hinaufliefen. Etwa um sechs Uhr sah ich bei einem zufälligen Blick aus dem Fenster, daß im Schloßpark kleine Trupps von Feuerwehrleuten auf- und abzogen; es kam auch ein Gendarm in mein Zimmer, der mir ankündigte, wir seien alle auf des Königs Befehl verhaftet und dürften das alte Schloß nicht verlassen.

In einem Zimmer des oberen Stockwerks traf ich Baron Washington und von Gudden und erfuhr von ihnen, Freiherr von Crailsheim, Graf Holnstein und Graf Törring seien bereits nach Schwanstein abgeführt worden. Was mit ihnen geschehen sei, wisse man nicht. Auf dem Korridor traf ich den Bezirksamtmann von Füssen, der inzwischen angekommen war und auf meine direkte Frage entgegnete, ich sei nicht verhaftet. An dem Ausgangstor des Schlosses stand ein Gendarm Wache und wehrte jedes Durchpassieren.

Gudden gestattete den Pflegern (Irrenwärtern) ins Dorf hinunterzugehen, was auch von unseren Wächtern nicht beanstandet wurde. Sie waren aber noch nicht lange fort, da wurde uns der Befehl des Königs mitgeteilt, nun sollten auch wir nach Schwanstein geführt werden. Wir erklärten uns sofort bereit und nahmen im Dorfe die Pfleger mit. Langsam ging es den Berg hinauf, vor und hinter uns Gendarmen und Feuerwehrleute als Bedeckung.

Auf halber Höhe des Berges etwa liegt ein Wirtshaus.

Schon dort sahen wir eine Ansammlung von Leuten aus der Umgebung, die uns nicht gerade freundschaftlich musterten; noch mehr aber wuchs die Anzahl des Volkes oben im Schloßhof selbst. Feuerwehrleute, Bauern, Floßknechte, sie alle waren herbeigeeilt, um dem König zu helfen. Man kann sich darum leicht vorstellen, wie sie gegen uns gesinnt waren. Es ist wohl als ein Glück zu betrachten, daß der Bezirksamtmann gleichfalls anwesend war und durch seine Autorität das Volk von etwaigen geplanten Ausschreitungen und Feindseligkeiten abhielt.

In Schwanstein wurden wir im ersten Stock des sogenannten Domestikenbaues untergebracht. In einem Zimmer fanden wir die drei schon vor uns verhafteten Herren. Bald kam der Befehl, wir sollten jeder in einem einzelnen Zimmer bewacht werden. Wahrscheinlich wegen Platzmangel kam ich mit Baron von Washington zusammen. Aber es war trotzdem nicht jeder Verkehr abgebrochen, denn Gudden kam zu uns herein und sprach auch mit den Pflegern, die draußen im Korridor bei den Gendarmen saßen, welche uns bewachten.

Die Fenster unseres Arrestlokales gingen auf den Schloßhof hinaus. Man sah, daß das Volk sich allmählich entfernte und daß ein lebhafter Verkehr, der durch einen Lakaien vermittelt wurde, zwischen dem Teil, wo der König wohnte und den Gendarmen herrschte. Dieser Lakai war es auch, der die finsteren Befehle überbrachte, die der König in seinem Zorn niederschrieb: es sollte den Verrätern die Haut abgezogen werden, wir sollten verhungern.

Wir waren ungefähr zwei Stunden in enger Haft. Es waren wenig angenehme Stunden ungewissen Wartens. Gegen ein Uhr kam Gudden wieder in unser Zimmer und sagte mir, er hätte mit dem Bezirksamtmann ausgemacht, daß er jetzt das Schloß verlassen würde. Ich fragte ihn natürlich, was mit uns geschehe und ob er keine Befehle für mich hätte, erhielt aber anfänglich keine genügende Antwort.

Mir scheint nun, daß in dieser Zeit Gudden plötzlich eine Dispositionsänderung machte. Denn während aus seinen ersten Äußerungen zu entnehmen war, daß er allein mit Hilfe des Bezirksamtmannes das Städtchen Füssen und von da aus München erreichen wolle, erklärte er, als er kurz darauf wieder in unser Zimmer kam, wir dürfen alle fort, sollten unseren Abzug aber möglichst unauffällig bewerkstelligen und in passenden Zwischenräumen das Schloß verlassen; wir würden nach München zurückkehren, dort würde sich das Weitere entscheiden.

So waren wir also aus unserer Haft erlöst.

Unten in Hohenschwangau trafen wir wieder zusammen. Dort sah ich einen Flügeladjutanten des Königs (Dürkheim), der eben angekommen war und auf dem Wege ins neue Schloß zum König war. Nach kurzer Zeit waren zwei Gefährte für uns bereit, ein vierspänniger Jagdwagen und eine zweispännige Kutsche; die Insassen der letzteren aber stiegen bald mit auf den Jagdwagen, und nun fuhren wir der Station Peißenberg zu.

Gegen Abend sieben Uhr kamen wir in Peißenberg an und fanden dort den Legationsrat Dr. Rumpler wieder, der nicht mit verhaftet worden war und auf anderem Wege die Eisenbahnstation erreicht hatte.«

Die vorstehende Schilderung des Dr. Müller trägt einen Charakter objektiver Ruhe, die in direktem Widerspruch zu der ungeheuren Erregung steht, in der sich bei diesem Vorgang die zunächst Beteiligten und das Volk des Schwangaus befanden. Die Tendenz, das Vorgehen der Kommission in möglichst mildem Licht erscheinen zu lassen, ist unverkennbar. Ich habe bereits oben den Zustand der Aufregung geschildert, in dem sich die »Verräter« – so wurden sie von einem großen Teil des Volkes genannt – befanden, als ich ihnen auf der Flucht nach Peißenberg begegnete. Die Schilderungen, die ich über die Vorgänge aus ihrem Munde während der Eisenbahnfahrt, unmittelbar nach den erlebten Schreckensszenen, erhielt, lauteten wesentlich lebhafter als die Darstellung Dr. Müllers. Ich vermag daher seine Darstellung durch folgendes zu ergänzen:

Der Gendarmerie-Wachtmeister von Hohenschwangau, ein dicker Mann mit großem Schnurrbart, trat zwischen fünf und sechs Uhr zu Minister Crailsheim, Graf Holnstein und Törring. »Sie sind verhaftet«, sagte er, »und sollen sofort vor den König nach Schwanstein geführt werden.« Eine Widerrede blieb vergeblich. Die Herren mußten dem Wachtmeister hinunter zum Schloßhof folgen. Da stand ein Teil der Hohenschwangauer Bauern-Feuerwehr, und fortwährend strömte das Bergvolk hinzu. Die Herren machten noch auf dem Hof einen Versuch, die Gendarmen eines Besseren zu überzeugen, aber die Behauptung, daß König Ludwig wahnsinnig sei, daß Prinz Luitpold die Regierung übernommen habe, verfehlte vollkommen die Wirkung und regte die Leute nur noch mehr auf.

»Sie sind verhaftet«, wiederholte der dicke Wachtmeister unaufhörlich. »Jetzt müssen's mit nach Schwanstein.« Dann aber wendete sich der Alte vertraulich zu Graf Holnstein und raunte ihm zu. »Nachher helfen's mir, Herr Oberst.« Er hatte ein dunkles Empfinden, als würden schließlich die Herren der Kommission doch recht behalten.

Herr von Crailsheim war entrüstet über den Wachtmeister und behauptete, daß man gegen ihn vorgehen müsse. Ich suchte ihn zu beruhigen und wurde von Holnstein unterstützt, der so glücklich war, der Gefahr entronnen zu sein, daß er am liebsten die ganze Welt umarmt hätte.

Das Gebirgsvolk, das im Schloßhof des alten Schlosses die Herren umringte, nahm mit jeder Minute eine drohendere Haltung an. Nur der Befehl des Königs, die Herren zu ihm zu bringen, hielt die Leute von Tätlichkeiten ab. Endlich setzte sich der Zug in Bewegung. Voraus ein Trupp Bergvolk und Feuerwehr, mit Beilen, keulenartigen Stöcken und Messern bewaffnet, dann Gendarmen, dann die Gefangenen. Hinter diesen wieder Gendarmen und ein Haufen Bergvolks. Eine Szene aus den Bauernkriegen. Die Drohungen nahmen kein Ende, aber die Gefahr, der die Gefangenen entgegengingen, war eine bei weitem größere. Denn ein Wort des wahnsinnigen Königs, dessen Zorn und Aufregung sich unaufhörlich steigerte, mußte genügen, um sie in seiner Gegenwart umzubringen. Gendarmen und Volk warteten nur auf dieses Wort, um unverzüglich zu gehorchen.

So ging es die steilen Treppen vom alten Schloß Hohenschwangau hinunter auf die Landstraße und weiter den Weg nach Schwanstein hinauf. Auf halber Höhe kam ein Chevauxleger entgegengelaufen, und der Zug machte halt. Der Soldat hatte den Auftrag des Königs auszurichten, daß ihm die Verräter in Ketten vorzuführen seien. Es fand eine Beratung zwischen dem Gendarmen-Wachtmeister und dem Soldaten statt, die damit endete, daß wegen Mangels an Ketten die Gefangenen vorläufig ungeschlossen nach Schwanstein geführt werden müßten. In banger Erwartung wurde das Tor der Burg erreicht. Hier aber hatte sich das Bergvolk nach Hunderten zusammengeschart, und die Gefangenen, deren Anblick die erregten Gemüter in noch größere Aufregung versetzte, gerieten in eine äußerst bedenkliche Lage. Zu dem drohenden Gemurmel des Volkes läuteten unten die Sturmglocken, und Baronin Truchseß steigerte noch die Stimmung der Masse durch Zurufe. »Ihr habt nur einen König, das ist König Ludwig. Nur ihm habt ihr zu gehorchen. Er ist euer König von Gottes Gnaden. Dieses sind Verräter – glaubt ihnen nicht. Sie wollen euerm König Gewalt antun. Schützt ihn.«

Graf Holnstein schilderte mir in lebhaften Farben den Eindruck dieser aufregenden Worte, während Herr von Crailsheim schwieg. Ich erfuhr später, daß die Baronin die bittersten Vorwürfe gegen die Gefangenen gerichtet und Herrn von Crailsheim unter anderem zugerufen habe: »Sie sind ein noch viel elenderer Minister, als Sie Tapeur sind Tapeur ist die französische Bezeichnung eines gemieteten Klavierspielers, der abends zum Tanz aufspielt..« Diese öffentliche verächtliche Kritik seiner künstlerischen Leistungen auf dem Klavier aus dem Munde der Dame, der er huldigte und mit der er, der künstlerisch bei weitem Überlegene, nur aus einer Art Courtoisie, vierhändig spielte, mußte den Minister allerdings tief kränken. Das Schweigen Crailsheims bei Holnsteins Erzählung und das Faktum, daß der Minister später niemals den Namen der Baronin Truchseß nannte, sprachen dafür, wie tief ihr Hieb gesessen hatte. Die große Gefahr, in der die Gefangenen tatsächlich schwebten und zugleich der Hohn der verehrten Baronin im Kreise der drohenden Bauern mag sich ihm wohl unauslöschlich tief eingeprägt haben.

Wie eigentümlich aber spielte das Schicksal auch. Noch vierzehn Tage vor diesem Ereignis hörte ich des Abends, im gastlichen Salon der Baronin, den Minister mit ihr vierhändig spielen! – und jetzt trat sie unter Sensenmännern ihrem musikalischen Partner gegenüber und bedrohte sein Leben.

Graf Holnstein war bei Schilderung dieser Szene in die größte Erregung gekommen. »Der große Kerl«, sagte er, »entsinnen Sie sich seiner, Crailsheim? – der mit dem langen Stock – ein verfluchtes Gesicht.« Dann fuhr er fort. »Ich habe zweimal infame Duelle ausgefochten – aber lieber noch zehn solche als eine einzige Stunde in derartiger Lage. Man ist ohnmächtig! – und sich jede Sekunde sagen zu müssen, daß man wie ein Hund totgeschlagen werden wird – das ist wahrhaftig unerträglich!«

In diesem Ton ging die Darstellung weiter, und der wohltätige Einfluß des Rühreis von Peißenberg ging unter dem weiterwirkenden Eindruck der eben durchlebten Schrecknisse allmählich wieder verloren.

In dem Schloßhof angelangt, erwarteten die Gefangenen unter den Augen jener »wilden Kerls«, die Graf Holnstein so lebhaft schilderte, die Entscheidung des Königs. Diesem war die Meldung von ihrer Ankunft durch einen Diener erstattet worden. Den Gefangenen war es vollkommen klar, daß ihr Leben gegenüber König Ludwig verwirkt war, und sie erwarteten voller Bangen die Rückkehr des Dieners. In fieberhafter Aufregung sahen sie ihn endlich erscheinen und leise Worte mit dem Gendarmerie-Wachtmeister wechseln.

Der König hatte den Befehl gegeben, sie nicht vorzuführen, sondern vorläufig in den Kerker zu werfen, wo sie in Ketten seiner Befehle zu harren hätten. Fast gleichzeitig erschien ein anderer Bote mit dem Befehl, den Gefangenen im Kerker die Augen auszustechen und sie zu Tod zu prügeln. Der einfache Tod erschien dem König nicht genügend – und diese Grausamkeit ist wohl die Rettung der Gefangenen geworden. Denn aus dem entsetzlichen Befehl des Königs blickte der Wahnsinn, und die Gendarmen standen den fürchterlichen Forderungen, die der König an sie stellte, ratlos gegenüber, während sie z.B. dem einfachen Befehl des Erschießens unzweifelhaft Folge geleistet haben würden.

Man einigte sich schließlich dahin, die Gefangenen in den Zimmern des Pförtnerhauses unterzubringen. Essen wurde ihnen nicht gereicht, und auf die Anfrage, die sie früh um acht Uhr an den König richten ließen, ob sie wohl ihre Koffer erhalten könnten, erhielten sie den Bescheid, »daß für Hochverräter ihre schäbige Kleidung genügend sei«. König Ludwig hatte also in diesem Augenblick wieder völlig vergessen, daß er den Befehl zu der Ermordung gegeben hatte.

Zwischen Graf Holnstein und dem Stallpersonal des Königs, das seit Jahren auf seine Befehle zu hören gewohnt war, entspann sich nun ein heimlicher Verkehr, der darauf hinzielte, den Gefangenen zur Flucht zu verhelfen. Die drohende Haltung des im Schloßhof und vor der Burg versammelten Landvolkes schien jedoch vorderhand jeden Plan vereiteln zu wollen.

Unterdessen waren auch die übrigen Herren der Kommission als Gefangene zum Schloß gebracht worden. Nur Legationsrat Dr. Rumpler fehlte. Der gütige kleine Mephistopheles mit den hohen Schultern war bei dem Transport vom alten Schloß Hohenschwangau zum Schwanstein mit katzenartiger Gewandtheit hinter einen Fels gesprungen, hatte sich zwischen den Beerensträuchern niedergeworfen und verborgen gehalten, bis der Zug der Gefangenen mit Gendarmen und Landvolk vorübergezogen war. Dann hatte er auf heimlichen Waldpfaden den Rückweg nach der Station Peißenberg genommen, wo er todmüde anlangte.

Während des Aufenthaltes der Gefangenen in den Zimmern des Torhüterhauses war Baronin Truchseß im Schloßhof geblieben. In geschäftiger Weise verkehrte sie mit dem Landvolk.

Aber auch der König war nicht untätig geblieben. Er hatte ein Telegramm an das Jägerbataillon nach Kempten gerichtet, das den Befehl enthielt, sofort nach Hohenschwangau aufzubrechen. Zugleich aber hatte er ein Telegramm an den Baumeister Prantl, ein anderes an den Flügeladjutanten Grafen Dürkheim abgesandt.

Da nun aber unterdessen die Übernahme der Regentschaft durch Prinz Luitpold in München erfolgt war, gaben die hiervon verständigten Bahnbehörden die Telegramme des Königs an die neue Regierung ab, und das Jägerbataillon blieb ohne Nachricht. Noch waren die Truppen nicht vereidet. Wäre der königliche Befehl in die Hände der Kemptener Truppen gelangt, hätten große Unzuträglichkeiten eintreten müssen.

Anders war es mit den Depeschen an Graf Dürkheim und Prantl. Beide waren an ihre Adressen gelangt. Während Prantl aber keine Antwort darauf gab, machte sich Dürkheim eilend auf den Weg zum König.

So war es bei immer gesteigerter Aufregung ein Uhr geworden. Da hatte sich das Landvolk zur Mittagsmahlzeit teils hinunter in das Dorf, teils in die Räume des Schlosses selbst begeben, wo sich auch Baronin Truchseß aufhielt, wie eine Generalin unter ihren Soldaten.

Der Bezirksamtmann von Füssen aber hatte jetzt die Nachricht von dem Regierungswechsel aus München erhalten und versuchte auf die Gendarmen einzuwirken. So war bei schließlicher Verständigung der Fluchtplan entworfen: der Vierspänner des Grafen Holnstein sollte am Fuße des Berges warten, die Gefangenen, von den Gendarmen unbehelligt, sollten einzeln vorsichtig zum Tore hinausgehen, während das Landvolk die Mittagsrast hielt und die Baronin gleichfalls ruhte.

Mit klopfendem Herzen wurde der Plan zur Ausführung gebracht, und ein Herr nach dem andern verließ heimlich und in fieberhafter Aufregung das Schloß, um unten, am Fuß des Berges, den rettenden Wagen zu besteigen. Die Gefahr war groß, von dem Bauernvolk unterwegs erkannt zu werden, und die Zeit bis zum Zusammentreffen im Wagen verstrich in peinlicher Angst.

In einiger Entfernung von Hohenschwangau begegnete den Flüchtlingen ein Zweispänner, in dem der Flügeladjutant Graf Dürkheim saß. Das Telegramm des Königs hatte ihn in Steingaden erreicht, und er war sofort aufgebrochen, um dem König zu Hilfe zu eilen. Er fuhr bei den »Hochverrätern« vorüber, ohne sie zu grüßen.

Während ich nun mit den Flüchtlingen gemeinschaftlich die Rückfahrt von Peißenberg antrat – war Graf Dürkheim auf Schloß Schwanstein angelangt.

Er erzählte mir, als er mich kurze Zeit nachher in Starnberg aufsuchte, folgendes über seinen letzten Aufenthalt bei König Ludwig.

»Ich ließ mich nach meiner Ankunft auf dem Schloß dem König melden, daß ich zu seinem Befehl sei. Er befahl, mich in sein Arbeitszimmer zu führen und empfing mich sehr freundlich. Er sagte mir: ›Helfen Sie mir aus meiner Verlegenheit; ich wurde in der Nacht plötzlich mit der Nachricht geweckt, daß mehrere Herren gekommen seien, mich mit Gewalt fortzuführen. Ich habe sie natürlich nicht in das Schloß hereingelassen und nachher ihre Festnahme befohlen. Dann kam zu meiner größten Verwunderung und außer sich vor Erregung Baronin Truchseß in mein Zimmer gestürzt, um mich zu schützen – ich habe ihr gesagt, daß ich das selbst tun werde, daß ich nicht die Hilfe einer Frau in Anspruch nehmen würde. Was beabsichtigt man mit mir? Man kann mich doch nicht als einen Wahnsinnigen behandeln? Das Ganze ist nur eine Geldfrage. Wenn mir jemand hier auf den Tisch ein paar Millionen Mark legte, wollte ich sehen, ob man mich für wahnsinnig halten würde!‹

Der König war völlig klar und sprach mit mir eingehend über das, was zu tun sei. Ich machte ihm den Vorschlag, sofort anspannen zu lassen und mit mir nach München zu fahren, um sich dem Volke zu zeigen; alles würde ihm zujubeln. Der König aber erklärte, daß er müde sei, daß die Luft in der Stadt ihm nicht bekäme, – kurz, er wich meinen Vorschlägen aus.

Ich sagte dem König, wenn er nicht nach München fahren könne, so möchte er anspannen lassen und sich mit mir über die Grenze nach Tirol begeben. In einer Stunde sei er frei. Das Schloß von Schwanstein sei völlig in seiner Gewalt, er könne schalten und walten, wie er wolle, aber unzweifelhaft würden in kurzer Zeit von der neuproklamierten Regierung in München Vorkehrungen getroffen werden, die ihn in seiner freien Bewegung hemmen würden. Jetzt oder niemals sei ein Entschluß von ihm zu fassen.

Der König antwortete auch auf diesen Vorschlag ausweichend: ›Ich bin müde; ich kann jetzt nicht fahren; was soll ich in Tirol machen?‹

Ich fragte Dürkheim, ob er kein Symptom des Wahnsinns an dem König bemerkt habe?

»Keines«, sagte er, »nur seine totale Entschlußlosigkeit fiel mir auf. Er hatte meine Hilfe und meinen Rat verlangt, ich schlug ihm das einfachste und das durchaus Mögliche vor – aber er war nicht imstande, darauf einzugehen. Sonst war er absolut logisch in seinen Worten, besonders auch, als ich ein Telegramm vom Kriegsminister erhielt, wonach ich mich unverzüglich nach München zu begeben hatte. Ich ging mit dieser Depesche zum König und bat ihn, eine Entscheidung zu treffen. Er sagte mir, ich möge ihn nicht verlassen, er habe keinen Menschen auf der Erde mehr, dem er trauen könne. Es war mir unendlich schmerzlich, die Not des Königs zu sehen. Ich telegraphierte zurück, daß ich den König nicht verlassen könne. Bald darauf erhielt ich ein Telegramm von dem Kriegsminister, der mir den Befehl des Prinzen Regenten Luitpold übermittelte, mich angesichts dieser Aufforderung nach München zu begeben, widrigenfalls ich als Hochverräter angesehen werden würde.

Ich mußte von diesem Telegramm dem König Kenntnis geben, und sein Bitten, ihn nicht zu verlassen, war herzerschütternd. Aber er sagte auch. ›Ich sehe ein, daß Sie zurückkehren müssen, sonst ist Ihre Karriere und Zukunft verloren.‹ Dann verlangte er Gift von mir und kam trotz meiner Ablehnung immer wieder darauf zurück. Wo solle ich das Gift hernehmen? sagte ich –- wenn ich überhaupt die Hand zu einem solchen Verbrechen reichen wollte. Der König antwortete; ›Aus der nächsten Apotheke – überall gibt es Gift – und ich kann nicht mehr leben!‹

Es waren fürchterliche Momente. Endlich reiste ich ab – ich sah, daß nichts zu machen war.«

Graf Dürkheim wurde bei seiner Ankunft in München auf dem Bahnhof verhaftet, in das Militärgefängnis gebracht und wegen Hochverrates vor ein Kriegsgericht gestellt.

Die Regierung des Prinzen Luitpold vermochte nicht anders zu verfahren. Sie verfuhr aber auch korrekt, indem sie den Grafen nach seiner Verurteilung sofort begnadigte und ihn von München, wo eine in jenen Tagen starke Partei –- die Partei der Königin-Mutter – an ihm hing, nach Metz versetzte.

Die Gefahr, die durch Dürkheims Anwesenheit in Schwanstein der neuproklamierten Regierung erwuchs, war, wie aus seiner mir gemachten Erzählung hervorging, eine große. Wäre nicht der geistige Zusammenbruch des Königs erfolgt, den mir Gudden in Peißenberg voraussagte, und hätte der König noch die Kraft gehabt, Dürkheim nach München zu folgen, so wäre ein Bürgerkrieg unvermeidlich geworden. Aber tatsächlich, auch ohne ein solches Faktum, war Dürkheim schuldig. Denn er war es, der Depeschen des Königs nach dem eine Stunde entfernten Reutte in Tirol durch Boten schickte und damit eine Umgehung der bayerischen, für den König gesperrten Linien vornahm.

So war es möglich, daß eine Depesche an den Fürsten Bismarck, mit der Bitte um Hilfe, gelangte, auch daß der König an die Kaiserin von Österreich telegraphierte und daß er den Präsidenten des bayerischen Reichsrates, den Freiherrn zu Frankenstein, berief, um eine Neubildung des Ministeriums vorzunehmen. Dürkheim allein war die Veranlassung zu der Absendung dieser Depeschen, die viel Unruhe verursachten.

Er war es auch, der, ein Werkzeug der ultramontanen Partei, die allgemeine Wirrnis benutzen wollte, um den Führer der Ultramontanen ans Ruder zu bringen.

Als Frankenstein aus Marienbad in München anlangte, war bereits der vorletzte Akt des Trauerspiels beendet und der König »entmündigt«. Er ging deshalb zu dem neuen Regenten, um ihm seine Dienste anzubieten. Aber dank der Unterstützung, die das Ministerium Lutz infolge meiner Bemühungen von Berlin aus erhalten hatte, fand Frankenstein die Tür verschlossen.

Das war die Episode Dürkheim.

Niemand wird es dem Flügeladjutanten zum Vorwurf machen, der seinem König in der Stunde der Gefahr beizustehen versuchte, aber niemand kann auch die Gefahr verkennen, die der Regierung des Prinzen Regenten Luitpold durch sein Verhalten erwuchs.

Ein lebhaftes Interesse hatte sich ihm in jenen Tagen allgemein zugewendet, und selbst seine von ihm getrennte und ihn verabscheuende Gattin sandte ein Telegramm an Minister Crailsheim mit der ziemlich törichten Frage: »Wo ist mein Mann?«

Mit diesem letzten Aufflackern eines Interesses für das romanhafte und zugleich mannhafte Auftreten ihres »Alfreds« versank sie wieder in Schweigen.

V.

Der König wird in Schwanstein durch Dr. Gudden in ärztliche Obhut genommen und nach Berg gebracht.

Nach der Abreise Dürkheims war der König sich völlig selbst überlassen. Ein entsetzlich qualvoller Zustand war über ihn gekommen: das Bewußtsein seiner Krankheit und der Lähmung seiner Aktionsfähigkeit.

Das Gespenst des Selbstmordes, das ihn durch Jahre verfolgte, das – wie mir der ehemalige Kabinettssekretär von Ziegler erzählt hatte – häufig stundenlang das Thema der Unterhaltung zwischen dem König und ihm gebildet hatte, tauchte angesichts der Thronentsetzung, der entgegenzuwirken er nicht mehr die moralische Kraft besaß, mit zwingender Gebärde vor ihm auf. Aber die Furcht vor dem Tode hielt ihn von dem entscheidenden Schritt zurück.

Es schien ein neronisches Ende zu nehmen. Der Cäsar vermag nicht zu leben, wenn er nicht Cäsar sein kann, aber versunken in bodenlose moralische Schwäche, vermag er sich nicht mehr zu der »Tat« des Selbstmordes aufzuraffen. In der Furcht vor dem ihn ereilenden Schicksal flehte er in den Gärten des Sallust den Sklaven an, ihn zu töten.

König Ludwig bittet seine Freunde, seine Diener um Gift – aber keiner erbarmt sich seiner Not. Da faßt er den Gedanken, sich von dem kleinen Turm, der über dem Abgrund der Pöllachschlucht steht, hinabzustürzen – den Gedanken, daß der Sturz aus jedem Fenster seiner Gemächer ihm unfehlbar Tod bringen muß, weist er zurück. Es muß der Turm sein – es lag wohl ein Reiz in dem Gedanken, den höchsten Punkt zu erreichen vor dem Abgrund.

Aber er hat auch ein dunkles Gefühl, als werde ihn auf der Höhe des Turmes der Mut verlassen, und darum muß er seine Nerven stärken, seine Furcht betäuben.

Er bestellt sich Kognak und Arrak. Dann erst verlangt er den Schlüssel zum Turm.

Der Kammerdiener Meier ahnt die Absicht seines Königs und behauptet, der Schlüssel sei verlegt, ratlos bespricht er mit seinen Kameraden, was zu tun sei.

Der König aber trinkt ein Glas Kognak nach dem andern – leert eine ganze Flasche. Dann beginnt er heißen Punsch zu trinken – er leert allmählich auch diese Flasche, und die Spirituosen beginnen zu wirken. Es scheint der Mut für die »Tat« zu wachsen, und er verlangt immer drohender den Schlüssel zum Turm.

Der unglückliche Kammerdiener Meier weiß nicht mehr, was er tun soll. Er versteckt sich selbst, und die Diener des Königs suchen nun ihn, der den Schlüssel haben soll.

Da – nachts um zwölf Uhr am 11. Juni – treffen Gudden und Dr. Müller mit den Krankenwärtern wieder in Schwanstein ein, und Meier wendet sich nun hilfesuchend an die Ärzte. Gudden läßt sich die Situation schildern und entwirft seinen Plan.

Die Ausgänge werden besetzt. »Jetzt geben Sie dem König den Schlüssel«, sagt er zu Meier, und dieser führt den Auftrag aus.

König Ludwig aber tritt seinen Todesgang an. Hochaufgerichtet, wahnsinnig, betrunken, den Selbstmordentschluß in den gläsernen, großen, braunen Augen.

Er schreitet durch die Tür seines Zimmers zum Korridor – und Gudden steht vor ihm...

Ich lasse den nüchternen Wortlaut der Müllerschen Darstellung folgen. Sie ist in allen Einzelheiten wahr. Nach dem Tode des unglücklichen Gudden ist Müller jetzt der einzige Mann höherer Bildung, der als Augenzeuge jenen entscheidenden Stunden in König Ludwigs Leben anwohnte.

Ohne jedes Hindernis waren die beiden Ärzte bis Schwanstein gelangt. Die bisherigen Gendarmen waren bereits auf Befehl des neuen Regenten im Lauf des Tages durch andere ersetzt worden, und der König befand sich seit diesem Wechsel in seinem Schlosse als ein Gefangener.

Die Gefahr für Bayern aber schien seit diesem Augenblick abgewendet zu sein, und aufatmend erhielt die neue Regierung in München die Nachricht von der Ablösung des Gendarmerie-Kommandos.

Mit Zittern und Zagen hatte bis dahin General von Freyschlag, der alte Adjutant des Prinz-Regenten Luitpold, jeden Brief und jede Depesche erbrochen – immer die Schreckensnachricht erwartend: König Ludwig hat das Schloß verlassen und befindet sich auf dem Weg nach München.

Ich machte alle Phasen dieser Besorgnis in München mit, wohin ich mich, von Peißenberg mit der flüchtenden Kommission zurückgekehrt, begeben hatte.

In welche Lage mußte der Regent geraten, wenn tatsächlich König Ludwig nach München zurückkehrte. Das Haus Luitpold ist in München nicht beliebt, auch der alte Regent, eine verhältnismäßig wenig bekannte Persönlichkeit, der das ganze Jahr in der Provinz zubringt, um zu jagen. Seine Söhne sind ziemlich hochmütige Herren ohne warmen Zusammenhang mit Gesellschaft und Volk. Nichts band die Truppen an den neuen Regenten, weder Liebe noch militärisches Gefühl. Er war sein Leben lang kein Soldat gewesen. Wohl hatten sie dem neuen Herrscher den Eid geschworen – aber dem eigentlichen König auch, der noch lebte.

Der arme alte Regent ging durch bittere Stunden der Sorge an dem ersten Tag seiner Macht. Nur den Ministern gegenüber hatte er ein gewisses Gefühl der Genugtuung, das Gefühl: seht Ihr! Ich hatte meine Gründe, wenn ich Euerem Drängen nicht nachgeben wollte.

Erst die Übernahme des kranken Königs durch die Ärzte vermochte ein Gefühl definitiver Sicherheit in ihm zu erwecken. Er ahnte nicht, welche neue Prüfungen ihm bevorstanden.

Dr. Müller schildert den Vorgang dieser Übernahme folgendermaßen:

»Gegen zwölf Uhr nachts kamen wir in Schwanstein an. Der Stallmeister Leefeld hatte uns schon in Hohenschwangau verlassen, und mit ihm hatte man ausgemacht, daß in der Frühe um vier Uhr der Wagen des Königs und die für uns bestimmten Wagen im Schlosse Schwanstein bereit stehen sollten. Kaum aber waren wir in Schwanstein ausgestiegen, da stürzte uns der Kammerdiener Meier, ein langjähriger treuer Diener des Königs, entgegen und beschwor uns, wir sollten sofort in die Gemächer des Königs gehen. Wenn wir nicht sofort hinaufgingen, dann würde sich der König, der in großer Aufregung sei, zum Fenster hinausstürzen: Er wisse, daß etwas gegen ihn im Werke sei und habe ausgesprochene Selbstmordgedanken. So habe er schon verschiedene Male den Schlüssel zum Turme verlangt, wahrscheinlich, um von da in die Tiefe zu springen. Man habe ihn damit hingehalten, daß man ihm sagte, der Schlüssel sei verlegt, und man suche eifrigst nach ihm.

Hier galt kein langes Zaudern. Der Wagen war zwar erst um vier Uhr bereit, aber man mußte bis dahin den König vor sich selber schützen. Und Gudden war auch rasch entschlossen. Durch eine Reihe nur mit Brettern belegter Korridore kamen wir an eine Wendeltreppe, die in ihrer Fortsetzung auf den ominösen Turm führte. Etwa in der Mitte derselben schloß sich an sie ein Korridor an, der direkt in die Zimmer des Königs mündete. Dort machten wir halt. Ein Teil der Pfleger ging nach oben und schützte so den Zugang zum Turme, die anderen Pfleger mit uns und einer Reihe von Gendarmen, gingen wieder einige Stufen rückwärts. Dadurch wurde der Raum vor dem Korridor frei, und der König sah beim Verlassen seiner Zimmer bzw. beim Verlassen des Korridors niemand von uns. Darauf basierte der ganze Plan. Der Kammerdiener Meier sollte zum König hineingehen und ihm den Turmschlüssel geben. Kam dann der König heraus, dann wollte ihm Gudden erklären, daß er geisteskrank sei und daß die Behandlung sofort ihren Anfang nehme.

Der Kammerdiener ging mit dem Schlüssel hinein zum König, und für uns, die wir außen warteten, waren es Augenblicke höchster Spannung und großer Erregung. Ich selbst hatte ja den König überhaupt noch nie gesehen.

Plötzlich hörten wir feste Tritte, und ein Mann von imposanter Größe stand unter der Korridortür und sprach in kurzen, abgerissenen Sätzen mit einem in tiefster Verbeugung dastehenden Diener. Die Pfleger von oben und unten, zugleich wir gingen gegen die Türe zu und schnitten ihm den Rückweg ab. Mit großer Schnelligkeit hatten die Pfleger den König an den Armen untergefaßt, da trat Gudden vor und sprach: »Majestät, es ist die traurigste Aufgabe meines Lebens, die ich übernommen habe; Majestät sind von vier Irrenärzten begutachtet worden, und nach deren Gutachten hat Prinz Luitpold die Regentschaft übernommen. Ich habe den Befehl, Majestät nach Schloß Berg zu begleiten, und zwar noch in dieser Nacht. Wenn Majestät befehlen, wird der Wagen um vier Uhr vorfahren.«

Der König stieß nur ein kurzes, schmerzliches »Ach!« aus und sagte dann immer wieder. »Ja, was wollen Sie denn? Ja, was soll denn das?«

Die Pfleger führten ihn nun in das Schlafzimmer zurück, aus dem der König gekommen war. In dem Vorzimmer roch es stark nach Arrak, den der Kranke vorher in ziemlicher Menge zu sich genommen hatte. Dies merkte man auch, als der König im Schlafzimmer, wo die Pfleger rasch die Fenster (jeder einzelne hatte ein Fenster zu bewachen) sicherten, frei dastand. Er schwankte leicht nach vorne und hinten und nach den Seiten, auch an der Sprache zeigten sich gewisse kleine Unsicherheiten. Es darf nicht vergessen werden, daß der Kranke durch das Mitgeteilte naturgemäß bis ins Innerste getroffen war, und man kann ja auch dieser Erregung einen Teil der Schuld an den eben geschilderten Symptomen geben.

Im Schlafzimmer des Königs begann nun eine Reihe von Verhandlungen. Gudden stellte uns einzeln vor. Dabei bemerkte Gudden, er hätte schon im Jahre 1874 die Gnade einer Audienz gehabt, worauf die Antwort kam: »Ja, ja, ich erinnere mich genau.« Nachdem der König sich noch nach verschiedenen Einzelheiten in der Behandlung des Prinzen Otto erkundigt hatte, wobei man ihm anmerkte, wie er sich nur mühsam beherrschte, begann er plötzlich: »Wie können Sie mich für geisteskrank erklären, Sie haben mich ja vorher gar nicht angesehen und untersucht?«

»Majestät, das war nicht notwendig; das Aktenmaterial ist sehr reichhaltig und vollkommen beweisend, es ist geradezu erdrückend.«

»Und wie lange wird die ›Kur‹ wohl dauern?«

»Majestät, in der Verfassung steht: ›Wenn der König länger als ein Jahr durch irgendeinen Grund an der Ausübung der Regierung gehindert ist, dann tritt die Regentschaft ein, also würde ein Jahr vorläufig der kürzeste Termin sein.‹«

»Nun, es wird wohl rascher gehen, man kann es ja so machen wie mit dem Sultan, es ist ja leicht, einen Menschen aus der Welt zu schaffen.«

»Majestät, darauf zu antworten, verbietet mir meine Ehre.«

Darauf wandte sich der König zu mir, den er für einen Bruder des gleichnamigen damaligen Oberregierungsrates, jetzigen Polizeidirektors von München hielt, und fragte mich in ähnlicher Weise nach dem Zustand des Prinzen Otto aus. Er erwähnte, daß ich Berichte an ihn eingeschickt habe, er habe dieselben immer gelesen. (Tatsächlich lag auch auf des Königs Schreibtisch ein ärztlicher Bericht über den Prinzen, den ich am 15. Mai 1886 von Fürstenried aus eingesandt hatte.)

Nun kamen die einzelnen Pfleger daran und berichteten auf Fragen über ihre Personalangelegenheiten. Nahezu regelmäßig schloß die Unterredung mit jedem mit der Frage: »Warum gehen Sie denn nicht aus dem Zimmer? Ich möchte allein sein; es ist doch zu unangenehm.« Und ebenso regelmäßig erwiderten die Leute: »Der Herr Obermedizinalrat hat es so angeordnet.«

Darauf sprach der Kranke von seinem Aufenthalt in den Bergen, wo es doch schöner sei als in der dumpfen Stadt. Die Luft sei rein, das Wasser so frisch. Man könne es doch niemand verargen, wenn er gerne in den Bergen lebte.

Nun verließen wir beide, Gudden und ich, das Schlafzimmer auf den Wunsch des Königs hin, die Pfleger aber blieben zurück. Die einzige von innen nicht besetzte Tür war vom Vorzimmer aus bewacht. Dort befanden sich mehrere höhere und Subalternoffiziere der Gendarmerie, ferner hohe Regierungsbeamte und endlich eine Reihe von Gendarmen. – Von hier aus kam man auch unmittelbar in das Schreibzimmer des Monarchen, das feenhaft eingerichtet war, wie überhaupt Schwanstein mit seinen Wandgemälden, den zentimeterhohen Goldstickereien auf blauem Samt, überhaupt dem ganzen Prunk einen unvergleichlichen Eindruck machte.

Dort im Schreibzimmer war es, wo ich meinen Bericht auf dem Tische liegen sah; im Korridor hatte ich auch Gelegenheit zu beobachten, nach welchem Zeremoniell die Diener des Königs handelten. Der eine von ihnen kam auf uns zu in tiefer Verbeugung: der Oberkörper war im Becken geradlinig abgebogen, so daß man beim Herannahen nur die Kopfhaare sah. Nachdem der Lakai in dieser Stellung seinen Auftrag ausgerichtet hatte, ging er ebenso gebückt, ohne kehrtzumachen rückwärts und visierte nur vorsichtig, daß er die Ausgangsöffnung richtig fand.

Nach kurzer Zeit ging Gudden wieder in das Schlafzimmer des Königs zurück; von der weitergeführten Unterhaltung verstand ich nur einzelne Sätze, solange ich an der Türe stand. Die Hin- und Gegenreden wurden gehalten, bis der auf vier Uhr in der Frühe bestellte Wagen vorgefahren war.

Hier mag der Platz sein, wo ich zum ersten Male mein Urteil über den König abgebe: Ich hatte ihn mir anders vorgestellt, ebenso wie ich mir die Szene, in der er von der Erklärung, er sei krank, erfuhr, ganz anders gedacht hatte. Es ist wahr, nach den Bildern, die man in München sah, hätte man den König sofort erkannt. Er war ja noch der große, stattliche Mann mit dem mächtigen Körper, er blickte noch mit so großen Augen seine Umgebung an, aber aus diesen Augen war das Selbstbewußtsein geschwunden und an dessen Stelle eine deutliche Unsicherheit getreten. Er konnte gewiß bei einer Audienz noch jemand so anschauen, daß dieser verwirrt zu Boden sah, aber hier hielt er den fixierenden Blick nicht mehr aus. Seine Züge waren verschwommen, das bleiche Gesicht etwas aufgedunsen, die Sprache hastig, durch häufige Wiederholungen unterbrochen, die Bewegungen unsicher.

Ich hatte mir gedacht, daß dieser König mit seinen Ansichten von Herrscherwürde und Herrschermacht durch die Mitteilung, daß er nun nicht mehr Herrscher sei, entweder gebrochen zusammensinken würde oder sich in wilder Explosion Luft verschaffte. Aber keines von beiden trat ein. Er war zwar anfänglich erschüttert, aber bald begann er mit denen, die er naturgemäß hassen mußte, zu verhandeln, sie auszufragen, seine Zurückgezogenheit gewissermaßen zu entschuldigen, und immer und immer wieder kamen seine Verfolgungsideen zum Vorschein, die sich in so kleinem Kreise bewegten. Mit kurzen Worten: ich hatte mir den König noch nicht so schwerkrank vorgestellt, als er es in Wirklichkeit war; darum reagierte er auch anders, als ich vorher gedacht.

Wer natürlich nur den für geisteskrank hält, der entweder in tiefer Melancholie am Boden kauert oder in wilder Tobsucht seine Umgebung bedroht oder endlich so blödsinnig geworden ist, daß er kein verständiges Wort mehr reden kann, dem können meine Erzählungen, wie und was der kranke König sprach, am Ende gar noch Zweifel verursachen; aber dann soll er daran denken, daß es auch Geisteskranke gibt, die zwar noch denken, aber falsch denken; die noch Willensregungen haben, aber nur solche, die auf verkehrtem Boden wachsen und zu verkehrten Zielen führen; die endlich in einer Welt voll Argwohn und Verfolgungsangst leben. Und ein solcher war der König.

Gegen vier Uhr, als der Wagen angekommen war, sagte Gudden: »Wenn Majestät befehlen, fortzufahren, der Wagen ist jetzt bereit.«

»Ja, ja, dann fahren wir.«

Nachdem der König sich reisefertig gemacht hatte, ging er in unserer Begleitung hinunter in den Schloßhof; dort standen drei Wagen bereit. Als der Kranke mit Gudden die Freitreppe hinabstieg, hätte es nur eines Stoßes bedurft, und Gudden wäre hinuntergestürzt. Aber der König schritt vorwärts, ohne eine Handbewegung zu machen.

Im Schloßhof sprach er noch geraume Zeit mit dem Kammerdiener Meier, er hatte, wie dieser mir später erzählte, Zyankali von ihm verlangt bzw. befohlen, Meier solle es besorgen. Nach längerem Hin- und Herlaufen konnte der Befehl zum Aufbruch gegeben werden: im ersten Wagen fuhr ich mit dem Kammerdiener und zwei Pflegern, dann kam der Wagen des Königs, der von innen durch Hinwegnahme des Drückers nicht geöffnet werden konnte. Der Kranke war allein im Wagen, auf dem Bock saß der Oberpfleger, nebenher ritt ein Stallbediensteter, der den Auftrag hatte, scharf in den Wagen zu sehen und bei dem geringsten verdächtigen Symptom ein Zeichen zu geben. Im dritten Wagen befand sich Gudden mit dem Gendarmeriehauptmann und zwei weiteren Pflegern. Es war bestimmt worden, daß, sobald der Stallbedienstete ein Zeichen gäbe, die Wagen sofort zu halten und wir uns insgesamt am Wagen des Königs zu versammeln hätten.

Aber das wurde nicht notwendig, die Fahrt verlief ohne jede Störung. Unterwegs wurde dreimal umgespannt. Bei der letzten Relais-Station – in Seeshaupt am Starnberger See – verlangte der König von der Wirtin Wasser. Nachdem er getrunken hatte, gab er das Glas zurück und sagte dreimal. »Danke!«

In den Zeitungen sprach man damals davon, der König hätte vor seinem Abschied in Schwanstein eine Ansprache gehalten. Das ist unrichtig. Auch die Episode in Seeshaupt, wo jetzt noch das betreffende Glas gezeigt wird, beschränkte sich auf das oben Gesagte.«

Soweit die Schilderung Dr. Müllers.

Gegen Morgen am 11. Juni 1886 war der König in Schloß Berg eingetroffen. Noch gingen die Wellen der Erregung in München hoch, aber die ruhig gehaltene Proklamation, die im ganzen Lande verbreitet worden war, hatte ihre Wirkung nicht verfehlt. Unter einer Art Schrecken standen die Bürger. Sie hatten sich nicht klar gemacht, wohin der Wahnsinn des Königs führen mußte, und die Entscheidung machte einen lähmenden Eindruck. Aber man verstand schließlich in den Städten und auf dem flachen Lande die Maßregel. Anders war es im Gebirge, wo die Bewohner der einsamen Täler von den wahnsinnigen Passionen des Königs lebten. Der Bau der Schlösser und Straßen, die Instandhaltung der Wege im Sommer und das Schneeschaufeln im Winter auf meilenweite Entfernung warf guten Verdienst ab. Darum war der König dort nicht wahnsinnig und der Prinz-Regent ein Rebell. Bis nach dem Starnberger See hin machte sich diese Auffassung geltend und konnte ich dort eine gewisse Spaltung unter den Bewohnern wahrnehmen.

So war es kein Wunder, daß schon in der Nacht, als der König von Schwanstein nach Berg transportiert wurde, Komplotte zu seiner Befreiung geschmiedet worden sind.

Unter diesen ist in erster Linie die auf die Befreiung des Königs gerichtete Tätigkeit der Kaiserin Elisabeth von Österreichs Trotz aller Eigentümlichkeiten war die Kaiserin Elisabeth eine hochstehende und künstlerisch gebildete Frau. Ihre außergewöhnliche Schönheit, ihre Freundlichkeit und Grazie mußten einen jeden bezaubern: Ich erinnere mich gern meines Verkehrs mit ihr. Besonders eines mehrtägigen Aufenthaltes in Ischl während des Besuchs des Königs Carol von Rumänien und der Dichter-Königin Carmen Sylva bei Kaiser Franz Joseph und der Kaiserin in der kaiserlichen Villa zu Ischl, da ich dort täglich in intimen Verkehr mit den genannten Persönlichkeiten war. Die Kaiserin wirkte damals, trotz ihrer annähernd 60 Jahre, fast wie eine jugendliche Erscheinung (sie war 1837 geboren und heiratete 1854), jedenfalls unendlich jünger erscheinend als die 1843 geborene Carmen Sylva, welche mich durch die Vielseitigkeit ihrer Begabung in Staunen setzte. Die Ermordung der armen Kaiserin 1898 hat mich tief erschüttert. zu zählen, welche seit Jahren, und auch zu jener Zeit, in Feldafing am Starnberger See, in Strauchs Gasthof, weilte, um ihren greisen Eltern, dem Herzog und der Herzogin Max in Possenhofen Die Eltern der Kaiserin Elisabeth, Herzog Max in Bayern (geb. 1808, gest. 1888), seit 1828 mit Prinzessin Ludowika von Bayern, der Schwester König Ludwigs I. vermählt) bewohnten das von dem Herzog Max erbaute Schloß Possenhofen, unmittelbar am Seeufer gelegen und grenzend an Feldafing, wo die Kaiserin gern in der Nähe der Eltern weilte. Die alte Herzogin Max(geb. 1808, gest. 1892) habe ich während Jagden in Tegernsee mit ihrem Sohn Herzog Karl Theodor und ihrem Schwiegersohn, dem König Franz II. von Neapel, kennengelernt.Sie saß neben mir bei der Tafel auf einem breiten Stuhl zwischen zwei weißen Spitzhunden und schlief öfters mitten im Satz ein. Das war 1885., nahe zu sein.

Die etwas sehr eigentümlich angelegte, sehr begabte Kaiserin hatte stets mehr Verständnis für ihren Vetter gehabt als andere Sterbliche. Wenn sie stundenlang in ihrem Salon in einer Art Zirkuskleidung am Trapez arbeitete, oder plötzlich – nur mit einem langen Regenrock über Trikotkleidung angetan – von Feldafing nach München zu Fuß ging, eine Strecke von etwa 5o Kilometern (mir begegnete sie in dieser Kleidung einmal), so ist es begreiflich, daß sie die Extravaganzen ihres Vetters, deren schlimmste Auswüchse wohl sicherlich nicht zu ihrer Kenntnis gelangt waren, »erklärbar« fand.

Sie gehörte deshalb der Partei an, welche die Entmündigung des Königs für einen Gewaltakt des Prinzen Luitpold und des Ministeriums hielt und daher ernstlich an die Befreiung des Königs dachte. Wie Frauen aber nur selten einen logisch durchdachten Plan fassen können, so scheiterte die Absicht der Kaiserin schon am ersten Tage durch ihre Unvorsichtigkeit und Phantasterei. Heimlich hatte sie durch einen Boten Briefe an den König gelangen lassen, welche die Aufschrift trugen: »Die Seemöve an den Seeadler.« Die Umgebung des Königs hatte diese Briefe öffnen müssen und daraus die Absichten der Kaiserin erkannt.

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