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Karl May: Die Liebe des Ulanen - Kapitel 1
Quellenangabe
pfad/may/ulan4/ulan4.xml
publisherKarl-May-Stiftung
copyrightKarl-May-Stiftung
authorKarl May
titleDie Liebe des Ulanen
typefiction
senderredaktion@karl-may-stiftung.de
firstpub1885
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Fortsetzung 70

Das ernste, blasse Gesicht Marions war sich während dieser Rede vollständig gleich geblieben. Noch stand sie an der Thür. Sie hatte auf ihre Absicht, einen Sessel zu nehmen, verzichtet. Auf ihre Stiefmutter hatte sie nicht einen einzigen Blick geworfen. Dem Alten aber blickte sie voll, fest und offen in die Augen und auch ihre Stimme klang fest und sicher, als sie jetzt fragte:

»Du meinst, daß ich den Obersten Rallion heirathen soll?«

»Ja.«

»Welche Gründe hast Du dazu?«

»Viele Gründe habe ich, verstanden? Und was ich habe, das geht Dich nichts an. Du hast nichts darnach zu fragen!«

Sie nickte leise vor sich hin und fragte:

»Aber was ich habe, das geht Dich etwas an! Nicht?«

»Ja! Natürlich!«

»Und Du hast darnach zu fragen?«

»Ja!«

»Nun, so will ich die kurze Unterhaltung nicht unnützer Weise in die Länge ziehen und Dir sagen, daß ich Zweierlei habe.«

Das war doch ein ganz und gar eigenthümliches Verhalten!

Es zuckte über sein Gesicht wie Wetterleuchten; dann fragte er:

»Nun, was ist es, was Du meinst?«

Seine Stimme hatte einen wegwerfenden, beleidigenden Ton.

»Zweierlei, woran Du gar nicht zu denken scheinst,« antwortete sie; »nämlich meine Menschenrechte und meinen persönlichen Willen!«

Da zog sich sein Bart drohend empor. Er fragte:

»Was soll das heißen?«

»Daß ich den mir von Dir anbefohlenen Bräutigam zurückweise. Ich werde den Obersten Rallion nie heirathen!«

»Ah! Das ist lustig!« lachte er. »Wie willst Du das anfangen, Marion?«

»Frage Dich vielmehr, wie Du es anfangen willst, mich zur Frau eines Mannes zu machen, den ich verabscheue!«

»Das kannst Du Dir denken! Ich werde Dich zwingen!«

Sie zuckte die Achsel, und dieses charactervolle, feste Achselzucken stand ihr gar prächtig zu dem ernsten, bleichen Gesichte.

»Auch das begreife ich nicht, wie Du mich zwingen willst,« antwortete sie. »Ich bin kein Kind. Die Obrigkeit gewährt mir ihren Schutz. Wenn ich einem Mann gehöre, so wird es nur derjenige sein, den ich mir selbst wähle. Ich räume in dieser Angelegenheit weder Dir noch einem anderen Menschen einen Einfluß oder gar ein Recht über mich ein!«

Das war dem Alten zu viel. Er trat einen Schritt auf sie zu und donnerte:

»Das wagst Du mir zu sagen, mir, mir?«

»Ja, Dir!« antwortete sie kalt.

»Du ahnst nicht, welche Mittel ich habe, Dich zu zwingen!«

»Du kannst nicht ein einziges haben!«

»Du bist ruinirt, wenn Du nicht gehorchst!«

»Wohl! Ich werde das zu tragen wissen!«

»Deine Familie ist ebenso ruinirt!«

Da schüttelte sie mit einer wahrhaft königlichen Bewegung den Kopf und antwortete, indem sich ein geringschätziges Lächeln um ihre Lippen zeigte:

»Ich bitte Dich dringend, solche verbrauchte Theatercoups zu vermeiden! In Romanen und auf der Bühne kommt es vor, daß eine Tochter, welche ihre Familie liebt, um diese vor dem Untergange zu retten, ihre Hand einem ihr verhaßten Manne giebt. Hier aber spielen wir nicht Theater, und sodann habe ich auch keine Veranlassung, meiner Familie ein solches Opfer zu bringen!«

»Ungerathene Person! Weißt Du, daß wir Dich aus dem Hause stoßen können?«

»Thut es! Dann bin ich frei! Das ist es ja, was ich wünsche!«

»Ah!« knirrschte er. »Frei! Frei will sie sein. Du giebst mir da gerade das Mittel, Dich zu zähmen, in die Hand. Ich werde Dich einsperren, bis Du Dich fügst!«

»Das darfst Du nicht. Das Gesetz bestraft die unerlaubte Freiheitsberaubung.«

»Was frage ich nach dem Gesetze. Hier gilt einzig und allein mein Wille. Den Deinigen werde ich zu brechen wissen. Du hast mir sofort zu sagen, daß Du mir gehorchen willst.«

Die Baronin hatte eine Art Widerstreben erwartet, aber keinen Widerstand. Sie erhob sich, besorgt über die Scene, welche sich jetzt entwickeln werde. Der Alte hatte sich bei den letzten Worten Marion noch um einen Schritt genähert. Sie zeigte dennoch keine Spur von Furcht, sondern sie antwortete ohne die mindeste Scheu:

»Es bleibt bei dem, was ich gesagt habe.«

»So kommen die Folgen über Dich! Zeig her, Mädchen!«

Er wollte mit beiden Händen nach ihr fassen, fuhr aber mit einem lauten Schreckensruf zurück. Auch die Baronin sprang in die äußerste Ecke des Zimmers. Marion hatte die rechte Hand in der Tasche gehabt. Als der Alte sie erfassen wollte, zog sie dieselbe hervor: eine große Brillenschlange fuhr ihm mit weit geöffnetem Rachen entgegen.

»Was ist denn das!« rief er. »Woher ist diese Bestie?«

»Ein Gruß aus Algerien ist es,« antwortete sie. »Fasse mich an, wenn Du den Muth dazu hast.«

»Ah! Du hast mit Abu Hassan, dem Zauberer, gesprochen?«

»Ja,« antwortete sie.

»Wo ist er hin?«

»Suche ihn! Und nun zwinge mich, den Obersten zu heirathen.«

Sie drehte sich um und verließ das Zimmer. Jetzt erst athmete die Baronin wieder auf.

»Mein Gott,« sagte sie. »Welch ein Auftritt. Welch ein Affront. Dieses Mädchen wagt es, ein so giftiges, scheußliches Thier anzurühren.«

Der Alte wendete sich zu ihr und sagte:

»Jammern Sie nicht. Dieses Mädchen hat mich überrumpelt. Es ist das erste Mal in meinem Leben, daß es geschehen ist. Die Schlange ist nicht giftig; die Zähne sind ihr genommen; sie würde zunächst ihre Trägerin beißen und tödten.«

»Warum flohen Sie denn?«

»Die Ueberraschung. Aber es soll ihr nichts nützen. Wann und wo hat sie mit diesem Abu Hassan gesprochen? Was hat er ihr erzählt? Das muß ich wissen; das muß ich erfahren.«

»Kennen Sie diesen Menschen?«

Jetzt erst merkte er, daß er sich eine Blöße gegeben hatte. Darum fuhr er sie zornig an:

»Was geht Ihnen das an! Gehen Sie! Gehen Sie zu der Dirne, und sagen Sie ihr, daß ich ganz bestimmt erwarte, daß sie bis zur Dämmerung des heutigen Tages ihren Entschluß ändere. Thut sie das nicht, so wird sie einsehen müssen, daß ich viel mächtiger bin, als sie.«

Er schob die Baronin zur Thür hinaus und verschloß die Letztere hinter sich. Niemand wußte, was er jetzt vornahm. Und selbst, als nach einiger Zeit der Graf klopfte, wurde nicht geöffnet, sondern es ertönte nur die Frage:

»Wer ist draußen?«

»Ich, Graf Rallion.«

»Was wollen Sie?«

»Antwort.«

»Warten Sie bis zur Dämmerung. Ich habe jetzt keine Zeit.«

Der Graf mußte ohne Resultat zurückkehren.

Als Marion in ihr Zimmer kam, fand sie dort Nanon ihrer harrend. Diese hatte natürlich den Befehl des Alten vernommen und ahnte, daß die Freundin des Trostes bedürfen werde.

»Mein Gott, wie bleich Du bist!« rief sie ihr entgegen. »Was ist geschehen?«

»Was ich längst erwartete.«

»Oberst Rallion?«

»Ja, liebe Freundin.«

»Dein Großvater verlangte es?«

»Ja.«

»Was hast Du geantwortet?«

»Das, was ich mir vorgenommen hatte: Ich werde nie Gräfin Rallion sein.«

Sie setzte sich neben Nanon auf das Sopha. Die Freundin brannte vor Begierde, über die stattgefundene Scene unterrichtet zu werden, sagte aber doch vorher:

»Weißt Du, was Du über den Obersten sagtest, als Du ihn zum ersten Male gesehen hattest?«

»Nun?«

»Er sei nicht übel.«

»Weiter nichts?«

»Er erscheine galant, ja chevaleresk. Und nun?«

»Das war nicht ein Urtheil von mir, sondern ich hatte nur die Absicht, den ersten Eindruck zu bezeichnen, den er auf mich machte.«

»Und dieser Eindruck hat sich verwischt?«

»Vollständig. Der Oberst ist ein Laffe, und nicht nur das, sondern er erscheint mir noch schlimmer, ein herz- und gewissenloser Mensch. Und sein Vater macht einen Eindruck auf mich, der mich zum Fürchten bringt. Denke an das Verhalten des Obersten gegen diesen armen, braven Doctor Müller.«

Nanon nickte.

»Ihm sein Gebrechen vorzuwerfen, an welchem er doch so schuldlos ist!«

»Müller hat die Beleidigungen nur aus Rücksicht für mich so ruhig hingenommen. Er ist ein außerordentlicher Mensch. Er zwingt mir, trotzdem er blos Lehrer ist, die allergrößte Achtung ab.«

»Du bist ja ganz begeistert!« bemerkte Nanon lächelnd.

»Fast.«

»Den Grund denke ich zu kennen.«

»Welchen?«

»Seine sonderbare Aehnlichkeit mit – mit Deinem Ideale.«

»Es mag sein, daß dieses Naturspiel einen ganz unwillkürlichen Eindruck äußert; aber auch davon abgesehen ist dieser Müller ein Mann, den man achten und vielleicht sogar – lieben könnte, wenn –«

»Nun, wenn?«

»Wenn er nicht – nicht – –«

»Wenn er nicht nur Lehrer und noch dazu buckelig wäre?«

»Das allerdings. Er hat einen ganz eigenartigen Eindruck auf mich gemacht. Es ist mir oft, als wenn ich ihn umarmen müsse. Dir als meiner innigsten Freundin darf ich das sagen. Ich könnte ihm mein Leben, meine Seele anvertrauen.«

»O weh! Und das Ideal?«

Marion blickte trüb vor sich hin.

»Es wird mir unerreichbar bleiben,« sagte sie. »Wo ist er, den ich damals gesehen habe? Wo ist es? Ist er Mann, ist er Jüngling? Es ist eine Thorheit, sein Herz an ein Phantom zu hängen. Ich bin getheilt. Ich bestehe jetzt aus zwei Einzelwesen, welche ich Beide nicht begreife. Die Wirklichkeit wird mich leider bald zur Selbsterkenntniß bringen. Ich fürchte, daß ich einer trüben Zeit entgegengehe.«

Da legte Nanon den Arm um die Freundin und sagte:

»Ich werde mit Dir dulden; ich werde Dich nicht verlassen.«

»Ja, Du Liebe, Du Gute, das wirst Du. Ich muß leider annehmen, daß der Großvater auf Schlimmes sinnt. Er ist höchst rücksichtslos und gewaltthätig. Er wollte mich einsperren.«

»Einsperren? Mein Gott, wie bist Du dem entgangen?«

»Ich habe ihm gedroht.«

»Womit?«

»Mit dem Gesetze.«

Das war allerdings wahr, aber die volle Wahrheit wollte sie doch nicht sagen. Der Besitz der Schlange war der Freundin bisher noch Geheimniß geblieben.

»Dieses Gesetz wird Dich schützen,« sagte Nanon.

»Wenn ich Gelegenheit habe, es anzurufen. Wenn man sich meiner aber plötzlich bemächtigt, wie will ich da Zuflucht zu dem Richter finden?«

»Ich würde Anzeige machen.«

»Wer weiß, ob es fruchten würde. Wie waren wir vor kurzer Zeit noch so glücklich. Und jetzt? Weißt Du, wie Müller mit mir ins Wasser sprang?«

»Und der Andere mit mir,« fügte Nanon schnell hinzu.

»Jetzt ist es mir, als ob mir ein ganz ähnliches Unwetter, eine ganz gleiche Gefahr nahe sei. Und wenn ich während des Unterrichtes bei dem Bruder sitze und Müllers Augen ruhen so forschend auf mir, so ist es mir, als ob ich mich ihm auch in dieser Gefahr anvertrauen könne und müsse.«

»Ist das nicht phantastisch, liebe Marion?«

»Was nennst Du phantastisch? Gehören Gefühle in das Reich der Wirklichkeit oder Phantasie? Willst Du mich belächeln, daß ein einfacher Hauslehrer einen solchen Eindruck auf mich macht, daß ich stets und immer an ihn denken muß?«

»Nein. Er ist ja Dein Lebensretter; er hat auch Deinen Bruder gerettet.«

»Und sodann, wenn er so still an der Tafel sitzt, oder wenn er sich so sicher mitten unter uns bewegt, so ist es mir, als ob er alles beherrsche und als ob selbst der Großvater Furcht vor ihm haben müsse. Ich begreife mich eben nicht – ich, und er, ein Lehrer.«

Da legte Nanon das Köpfchen an ihre Schulter und sagte halblaut, fast im Tone der Verschämtheit:

»Wenn Du Dich nicht begreifst, ich begreife Dich, Marion.«

»Du? Bist Du so plötzlich eine so große Menschenkennerin geworden?«

»Ja, eine sehr große. Mein Beispiel erklärt mir nämlich das Deinige.«

»Du sprichst von einem Beispiele?«

»Ja. Auch ich habe Jemand, an den ich immer denken muß.«

»Du? Du?« fragte Marion überrascht.

»Ja, ich.«

Da schob Marion die Gesellschafterin sanft von sich fort, um ihr in das erglühende Gesichtchen blicken zu können und fragte, während aus ihrem Tone fast eine Art Entzücken klang:

»Du? Du? Kleine Nanon, Du liebst?«

Die Gefragte senkte die Augen und antwortete:

»Ich weiß es nicht.«

»Aber Du denkst an ihn?«

»Oft; sehr oft.«

»Und gern?«

»Mit Freuden. Und dann, wenn ich ihn treffe und mit ihm spreche, so – –«

»Ah, Du triffst ihn, Du sprichst sogar mit ihm?«

»Ja, zuweilen.«

»Wo?«

»Denke Dir, im Walde.«

»Im Walde? Das ist ja ganz und gar romantisch. Du hast einen Geliebten, ohne daß ich es weiß.«

»Ich kann ja selbst nicht sagen, daß ich ihn liebe.«

»Das mußt Du doch wissen.«

»Ich weiß nur, daß ich ihm gut bin, herzlich gut.«

»Nun, dann liebst Du ihn auch. Darf ich vielleicht wissen, wer er ist? Oder muß es Geheimniß bleiben?«

»Vielleicht ist es besser, daß ich es verschweige.«

»Warum?«

»Du würdest Dich wundern, Du würdest mich schelten, oder gar mich auslachen.«

»Denke das ja nicht. Warum sollte ich denn das thun?«

»Weil es kein vornehmer Herr ist, den ich meine.«

»Dann irrst Du sehr. Der, für welchen ich mich in neuerer Zeit so sehr interessire, ist ja auch nur ein Lehrer.«

»Aber der meinige ist – –«

»Nun, ist?«

»Ist noch viel weniger.«

»So sage es doch.«

Da drängte sich Nanon ganz an die Freundin heran, verbarg das Gesicht ganz an deren Brust und sagte:

»Denke Dir, er ist nur ein Kräutersammler.«

Marion machte eine Bewegung des Erstaunens. Sie fragte:

»Ein Kräutersammler? Wohl gar Dein Lebensretter?«

»Ja.«

»Du triffst ihn im Walde?«

»Ja, ganz unwillkürlich.«

»Wie wunderbar. Aber doch wie leicht erklärlich! Derjenige, dem man das Leben verdankt, hat jedenfalls das Recht, daß man oft und gern an ihn denkt. Weiß er, daß Du ihn liebst?«

»Er bemerkt jedenfalls, daß ich ihn gut leiden kann. Und, meine liebe Marion, ich muß Dir etwas gestehen!«

»Was?«

»Aber wirst Du mich nicht auslachen, wirklich nicht auslachen?«

»Nein, meine Liebe, ganz gewiß nicht. Das sind so ernste Sachen, daß ich ans Lachen gar nicht denken werde.«

»Nun, so will ich Dir gestehen, daß – daß ich ihn – daß ich ihn bereits geküßt habe!«

»Wirklich? Wirklich? Ist das möglich!«

»Ja,« antwortete Nanon, bis in den Nacken erglühend.

»Er hat Dich geküßt, willst Du wohl sagen?«

»Nein, sondern ich ihn!«

»Das ist ja, unbegreiflich! Wie ist denn das gekommen?«

»Ich muß es Dir erzählen. Wir trafen uns im Walde, zufällig, wirklich ganz zufällig. Ich hatte mich verirrt und rief aus Angst laut um Hilfe. Da kam er.«

»Und rettete Dich abermals!« lächelte Marion.

»Ja, er kam. Ich war müde und setzte mich, und er ließ sich neben mich nieder. Hast Du ihn genau betrachtet?«

»Nein.«

»Nun, als er so vor mir im Moose lag, da fiel es mir auf, was für eine prächtige Gestalt er hat, so stark, so kräftig und doch so proportionirt. Seine Hände und Füße sind so klein wie bei einem Aristokraten und gar nicht wie bei einem Pflanzensammler.«

»So genau hast Du ihn betrachtet?«

»Ja; aber geh! Du lachst doch! Und sein Gesicht, so lieb und gut, seine Augen so treu und ehrlich! Wir sprachen viel; wir kamen auch darauf, daß er mich aus dem Wasser gerettet hatte, und da redete ich von Dankbarkeit, die ich gar nimmer abtragen könne. Da sagte er, daß ich mit einem Male die ganze Schuld bezahlen könne, und zwar so, daß nun er mein Schuldner werde.«

»Was verlangte er? Ich ahne es! Einen Kuß?«

»Nein. Er ist gut und bescheiden! Er bat mich um die Erlaubniß, meine Hand küssen zu dürfen.«

»Das erlaubtest Du ihm natürlich!«

»Nein. Ich weiß gar nicht, wie mir wurde und was mich da überkam. Es war eine große, gewaltige Rührung. Ich hätte weinen mögen, ob vor Freude oder vor Schmerz, das weiß ich nicht. Es war mir, als sei es geradezu eine Beleidigung, eine Herabsetzung, wenn ich ihm meine Hand zum Kusse gäbe, und da – da hielt ich ihm lieber den Mund hin.«

»Ich kann mirs denken; das war wie Inspiration. Du konntest nicht anders?«

»Ja, so ist es. Hast Du so eine Eingebung auch an Dir erfahren?«

»Ja.«

»Wann?«

»Oft; aber ich habe ihr nicht Folge geleistet.«

»Warum nicht?«

»Dieser – dieser – o bitte, laß das sein! Wenn ich so seine Gestalt betrachte und seine Züge, so ist es mir, als ob ich ihn gleich küssen möge; aber dann fällt mein Auge auf – auf – auf den –«

»Ich verstehe! Du meinst den Doctor Müller?«

»Ja. Also er küßte Dich auf den Mund?«

»Ja und auch nein; denn diese Berührung war so zaghaft, so vorsichtig, so zart! Und dann war er so glücklich und sagte, daß er nun niemals wieder küssen werde, denn der Mund, der mich geküßt hätte, dürfe keine anderen Lippen wieder berühren. Das klang so lieb und wahr und aufrichtig. Und dabei wurden seine Augen feucht. Ich sah, daß er mich anbetete und sich doch nicht getraute, mich lieb zu haben.«

»Wie herzig!«

»Ja. Und da ging mir abermals das Herz auf. Ich weiß nicht, wie es kam und geschah, aber ich faßte ihn ganz herzhaft beim Kopfe und küßte ihn nun selbst auf den Mund, ich glaube gar, dreimal!«

»Nanon, ich glaube das ist Liebe, wirkliche Liebe!«

»Meinst Du?«

»Ja. Und Du hast ihn dann wiedergesehen?«

»Einige Male.«

»Nur zufällig?«

»Ganz zufällig! Aber es ist mir, als spräche eine innere Stimme zu mir: Jetzt mußt Du in den Wald; denn er ist dort.«

»Und dann findest Du ihn auch wirklich?«

»Jedes Mal.«

»Ich möchte das beinahe begreifen. Aber, liebste Nanon, wir wollen einmal recht aufrichtig und ernst sein! Was soll aus dieser Liebe werden?«

»Weiß ich es?«

»Ein Kräutersammler!«

»Ah, das meinst Du? Du glaubst, ich stehe zu hoch für ihn? Da täuschest Du Dich! Jetzt, ja jetzt ist er ein gewöhnlicher Arbeiter; aber – doch, da hätte ich beinahe mein Wort gebrochen!«

»Welches Wort?«

»Zu schweigen. Ich soll auch nicht das Mindeste davon erzählen.«

»Wovon denn? Das klingt ja ganz außerordentlich geheimnißvoll!«

»Das ist es auch. Nicht einmal zu Dir darf ich davon sprechen. Ich habe es meiner Schwester geschrieben, aber darüber ist er beinahe zornig geworden. Es ist so rührend, wenn er zornig werden möchte und doch nicht kann!«

»So handelt es sich also wirklich um ein Geheimniß?«

»Und sogar um ein ganz außerordentliches! Sobald ich wieder mit ihm spreche, werde ich fragen, ob ich es Dir sagen darf.«

»Thue das! Wann triffst Du ihn wieder?«

»Morgen Mittag.«

»Ich denke, da verreisest Du!«

»Ja freilich! Aber er fährt ja mit!«

Da schlug Marion die Hände zusammen und sagte:

»Nun seht mir einer diese Nanon! Sie bestellt den Geliebten, um sie auf der Bahn zu begleiten!«

»Geh! Das ist anders, als Du denkst! Er ist gar nicht so wie andere Männer. Ihm darf man sich gern anvertrauen!«

Eben wollte Marion eine weitere Bemerkung machen, da klopfte es an die Thür und dann trat die Baronin ein.

»Fast hätte ich es vergessen,« sagte sie. »Mich sendet der Herr Capitän.«

Marion erhob sich, blieb aber in reservirter Haltung stehen.

»Da ist der Bote Dessen würdig, der ihn sendet.«

Die Baronin that, als ob sie diese Beleidigung, denn eine solche war es, nicht vernommen hätte und fuhr fort:

»Er giebt Dir bis zur Dämmerung Zeit zum Ueberlegen.«

»Danke!«

»Gehorchst Du dann noch nicht, so hast Du Dir selbst die Folgen zuzuschreiben!«

»Ich werde sie nicht mir, sondern Euch zuschreiben. Hoffentlich ist diese Angelegenheit nun erledigt!«

»Ja, bis zur Dämmerung!«

»Nein, für immer!«

Die Baronin verließ das Zimmer. Marion trat an das Fenster und blickte hinaus. Sie konnte nicht sagen, welche Gefühle sie bewegten. Sie hatte ja vorhin selbst gestanden, daß sie jetzt aus zwei Wesen bestehe, die sie Beide nicht begreifen könne.

»So hat man Dir also noch eine Frist gegeben!« sagte Nanon.

»Eine sehr unnöthige Frist, denn ich werde meinen Entschluß auf keinen Fall ändern.«

»Aber was wird dann geschehen!«

»Das mag Gott bestimmen. Mir ist so eigenthümlich zu Muthe. Ich muß denken, muß mir klar werden. Ich werde einen Spaziergang unternehmen.«

»Wohin? Darf ich Dich begleiten?«

»Ich setze mir kein Ziel. Willst Du recht freundlich sein, so laß mich allein gehen. Es giebt Zeiten, in denen man nur mit sich selbst zu Rathe gehen darf.«

»Aber dann bitte ich, daß Du Dich sogleich nach Deiner Rückkehr bei mir sehen lässest!«

Sie verabschiedete sich und ging.

Erst jetzt griff Marion in die Tasche und zog die Schlange hervor. Damen hegen gewöhnlich eine unüberwindliche Abneigung gegen Reptilien. Es war wunderbar, daß das schöne Mädchen keinen Abscheu fühlte.

»Er hat Recht gehabt; Du hast mich geschützt!« sagte sie. »Komm, ich werde Dich wieder verbergen.«

Sie trat zu ihrer kleinen Bibliothek und versteckte das Thier hinter die Bücher, wo sie von weicher Watte ein Lager bereitet hatte. Dann kleidete sie sich zum Ausgehen an und verließ das Schloß, ohne am Spaziergange gehindert zu werden.

Ihr Weg führte sie in den Wald, zum alten Thurme, an das Grab der Mutter. Dort im Thurme, auf den Stufen, hatte sie neben Müller gesessen, an jenem Gewittertage!

Wie kam es doch nur, daß sie immer und immer an den Erzieher denken mußte? Machte die Art und Weise seines Unterrichtes einen solchen Eindruck auf sie? Gab es gewisse sympathische Beziehungen, die ja kein Mensch begreifen kann? Sie gab sich diesen Regungen hin, ohne sich über dieselben Rechenschaft zu geben.

Sie kniete dort am Grabe und betete. Sie ahnte nicht, daß es geöffnet worden war. Während des Gebetes fiel ihr Blick auf die eingefallene Zinne des Thurmes, und es war ihr, als müsse jene geheimnißvolle Gestalt erscheinen, welche damals das islamitische Gebet hinaus in Wind und Wetter gerufen hatte. Es war darauf heller Sonnenschein geworden.

»Giebt es auch Gebete, welche die Stürme des Herzens und des Lebens beschwichtigen können?«

Fast war es so; denn als sie sich jetzt erhob, war eine wunderbare Ruhe über sie gekommen. Sie schritt weiter, aus dem Walde hinaus, über das freie Feld. Der Weg senkte sich, und dann stand sie unten im Steinbruche, dessen Wände senkrecht in die Höhe stiegen. Sie maß mit ihrem Auge den jähen Absturz. Da oben auf diese fürchterliche Kante war ihr Bruder zugeflogen. Sie schauderte. Müller hatte ihn gerettet! Wieder dieser Müller! Warum doch?

Ein großer Stein lag in der Nähe. Sie ließ sich auf denselben nieder. Sie hatte dasselbe Täschchen am Gürtel hängen wie damals auf dem Dampfschiffe. Sie öffnete es und langte hinein. War es unwillkürlich oder mit Absicht? Sie zog die Photographie hervor, welche sie in Berlin – erbeutet hatte.

Das Bild hatte selbst im Wasser der Mosel nicht gelitten, da der Verschluß ein dichter war. Sie richtete ihr Auge auf die Photographie. Wie oft, wie unzählige Male war dies in letzter Zeit geschehen! Und dann war es nicht jener glänzende Reiter gewesen, an den sie dachte, sondern Müller, der unscheinbare Erzieher.

Da hörte sie nahende Schritte. Schnell steckte sie die Photographie wieder ein und wendete sich um, dem Mann entgegen, welcher soeben um die Ecke trat. Es war – Müller.

Sie erhob sich. Eine tiefe Röthe verbreitete sich über ihr Gesicht. Er war überrascht, aber nicht verlegen, als er sie erblickte. Er zog den Hut, grüßte und sagte:

»Sie hier, gnädiges Fräulein? Verzeihung! Gestatten Sie mir, mich zurückzuziehen.«

Sie schüttelte leise mit dem Kopf und antwortete:

»Sie verursachen mir keine Störung, Monsieur Müller!«

»Und doch ist die Einsamkeit ein Heiligthum, welches man nicht entweihen soll, Fräulein!«

»Suchten vielleicht Sie, allein zu sein?«

»Nein. Mein Weg führte zufällig hier vorüber, und da trat ich in den Bruch, um –«

»Um den Schauplatz einer kühnen That wieder zu sehen!« fiel sie ihm in die Rede. »Ich sehe erst jetzt, was wir Ihnen zu danken haben. Wissen Sie, daß Sie ein verwegener Mann sind, Monsieur Müller?«

Er verbeugte sich und antwortete höflich ablehnend:

»Man handelt im Drange des Augenblickes!«

»Ja, ein jeder Mensch thut das. Aber der Eine kämpft und der Andere flieht im Drange dieses Momentes. Und hierbei fällt mir ein, daß ich Sie um Verzeihung zu bitten habe.«

Er blickte sie fragend an, und sie fügte hinzu:

»Erinnern Sie sich meiner Verwunderung darüber, daß Sie die Beleidigung des Obersten Rallion so ruhig hinnahmen?«

»Es ist mir gegenwärtig,« antwortete er.

»Was ich damals für Mangel an Muth hielt, war Heldenthum: Sie siegten über sich selbst.«

Da trat eine freudige Röthe in sein Gesicht; seine Augen blitzten auf und er sagte im Tone herzlicher Freude:

»Nehmen Sie meinen Dank, Mademoiselle! Sie bieten mir da eine Gabe, welche für mich vom höchsten Werthe ist!«

»Und Sie brachten mir ein Opfer, welches Ihnen große Ueberwindung kostete, ohne mir eine Freude zu machen!«

»Wie? Sollte es Ihnen lieber gewesen sein, wenn ich den Obersten niedergeschlagen hätte?«

»Ich hätte Ihnen nicht gezürnt.«

Er blickte sie forschend an. Tief, tief hinten in seinem blauen Auge funkelte Etwas, als ob die helle Sonne durch dunkle Wolken brechen möchte und doch nicht dürfe.

»Das konnte ich nicht denken!« sagte er. »Es wurde mir gesagt, daß der Oberst im Begriff stehe, zu Ihrer Familie in eine Beziehung zu treten –«

»Die niemals existiren wird!« unterbrach sie ihn. »Bitte, setzen Sie sich hier neben mich, Monsieur! Ich möchte eine Frage an Sie richten! Er gehorchte ihrem Befehle. Der Stein war von keinem bedeutenden Umfange; er mußte ganz dicht bei ihr Platz nehmen. Sie langte in die Tasche und zog ein Papier hervor, aber nicht nur dieses, sondern auch die Photographie mit, welche zur Erde fiel. Sie hatte dies gar nicht bemerkt; er aber sah es und bückte sich nieder, um sie aufzuheben.

Sein Blick fiel auf das Bild. Was war denn das? Ein gewaltiger Schlag durchzuckte ihn, aber nicht ein schmerzender, sondern es war, als ob die Seligkeit eines ganzen Himmels ihn durchfluthe.

Sein Bild! Wie kam sie in den Besitz desselben!

Jetzt erst bemerkte sie es. Sie erglühte, wurde aber nicht verlegen. Sie streckte die Hand aus und sagte:

»Ah, da ist mir die Photographie mit in die Hand gekommen! Ich danke! Bitte, betrachten Sie sich dieses Bild!«

Er that, als habe er noch keinen Blick darauf geworfen und musterte sein eigenes Conterfei.

»Wie finden Sie es?« fragte sie.

»Hm! Ein preußischer Offizier!« sagte er.

»Höchst wahrscheinlich! Ich kenne ihn nicht. Halten Sie das für möglich?«

»Wenn Sie es sagen, so ist es wahr.«

»Ich ließ mich in Berlin photographiren. Der Photograph hat mir aus Versehen das Portrait dieses Offiziers mit unter meine Abzüge gesteckt.«

Es war ein feines Lächeln, welches um die Lippen Müllers spielte. Eine Photographie, welche man nur dem Zufalle verdankt, trägt man nicht beständig mit sich herum.

»Bemerken Sie nichts Auffallendes an dem Bilde?« fragte sie.

Er forschte nach dem, was sie meinte, schien es aber nicht finden, oder vielmehr es sich nicht denken zu können.

»Ich gestehe meine Insolvenz ein,« lächelte er.

»Das ist wunderbar. Finden Sie nicht die größte Aehnlichkeit?«

»Mit dem Originale? Wie sollte ich diesen Offizier kennen.«

»Nein, mit Ihnen, mit Ihnen selbst. Bemerken Sie das wirklich nicht?«

Er betrachtete die Photographie jetzt scheinbar aufmerksamer, als vorher und sagte dann:

»Es giebt allerdings einige Züge, welche Aehnlichkeit besitzen. Die Natur treibt oft ein ähnliches Spiel.«

»Einige Züge? Das ist zu wenig gesagt. Es ist ganz genau ihr Gesicht. Nur Ihr Haar ist ein anderes, und Ihr Teint ist dunkler, auch tragen Sie keinen Bart, während dieser Offizier einen solchen von seltener Schönheit besitzt. Aber nicht dieses Bild ist es, über welches ich mit Ihnen sprechen wollte, sondern dieses Papier. Bitte, wollen Sie es sich einmal ansehen.«

Es war nicht ein einfaches Papier, sondern es waren zwei zusammengefaltete und vollgeschriebene Bogen.

»Kennen Sie diese fremde Schrift?«

»Ja, es ist Arabisch.«

»Verstehen Sie diese Sprache?«

»So weit, daß ich diese Zeilen lesen kann, ja.«

Ihr Auge ruhte mit einem bewundernden Blicke auf ihm.

»Monsieur Müller, ich erstaune,« sagte sie. »Bis jetzt habe ich nichts, was Sie nicht kennen und verstehen. Sogar also auch Arabisch. Wie kommen Sie zur Kenntniß dieser Sprache?«

»Mein Vater ist in der Sahara gereist. Der Sohn pflegt von den Kenntnissen des Vaters zu profitiren.«

»Das ist richtig. Ich muß Ihnen zunächst sagen, daß diese Zeilen ein Geheimniß enthalten, welches, das weiß ich selbst nicht. Ich will es kennen lernen; ich habe Veranlassungen dazu. Kennen lernen aber kann ich es nur durch Sie. Werden Sie es bewahren?«

»Mademoiselle!« rief er. »Ich bitte dringend, nicht an meiner Verschwiegenheit zu zweifeln!«

»Gut. Ich vertraue Ihnen. Wollen Sie einmal lesen?«

»Gern. Doch erlauben Sie mir zuvor, diese Zeilen einmal zu überfliegen.«

Sie nickte ihm zu und er las. Unterdessen ruhte ihr Auge auf ihm. Hätte er sich nicht mit Wallnußabkochung einen falschen Teint gemacht, so hätte sie bemerken müssen, daß er tief, tief erbleichte. Aber auch so glaubte sie zu gewahren, daß die Schrift einen ungewöhnlichen Eindruck auf ihn machte. Sie fragte:

»Verstehen Sie die Worte?«

»Sehr, nur zu sehr, Mademoiselle,« antwortete er, indem er tief Athem holte.

»Und was enthalten sie? Bitte, übersetzen Sie es mir!«

Er schüttelte langsam den Kopf, las noch bis zu Ende, faltete dann das Papier zusammen und fragte:

»Haben Sie eine Ahnung von der Wichtigkeit, welche dieses Document für Sie hat?«

»Daß es wichtig ist, wurde mir gesagt, in welchem Grade aber, das ist mir nicht bekannt.«

»Von wem haben Sie es?«

Sie machte eine abwehrende Handbewegung und antwortete:

»Ich glaube nicht, dies sagen zu dürfen.«

»So glaube ich aber auch nicht, es übersetzen zu dürfen.«

»Ah! Sie wollen sich weigern?«

»Ja,« antwortete er einfach.

»Aus welchem Grunde?«

»Wenn Sie kein Vertrauen zu mir haben, so darf auch ich Ihnen keins schenken!«

Da nahmen ihre Züge eine Strenge an, welche man diesem engelschönen Gesichte wohl schwerlich zugetraut hätte. Sie sagte:

»Monsieur, was soll ich von Ihnen denken. Ist das Höflichkeit? Heißt das, Wort halten? Ich sehe, daß ich mich in Ihnen geirrt habe. Geben Sie mir das Papier zurück!«

Er erhob sich und verbeugte sich.

»Hier, Mademoiselle!« sagte er. »Sie haben sich keineswegs in mir geirrt. Der Inhalt dieser Zeilen ist für mich vielleicht von größerer Wichtigkeit als für Sie. Indem ich sie Ihnen zurückgebe, bringe ich Ihnen ein Opfer, von dessen Größe Sie gar keine Ahnung haben. Adieu!«

Er drehte sich zum Gehen. Sie blickte ihm bestürzt nach, ließ ihn einige Schritte thun und rief aber dann:

»Monsieur! Halt!«

Er hielt an und wendete sich ihr wieder zu.

»Sie befehlen?«

»Kommen Sie wieder her.«

Er gehorchte ihr.

»Sollte wirklich das Wunder stattfinden, daß diese Schrift auch für Sie von Wichtigkeit ist?«

»Ganz gewiß.«

»In wiefern?«

»Das darf ich nicht sagen, da auch Sie kein Vertrauen zeigen.«

»Mein Gott! Ist es denn so schwer, an mich zu glauben?«

Er hätte ihr zu Füßen sinken mögen, so schön und hoheitsvoll stand sie vor ihm. Er antwortete:

»Ich glaube Ihnen, und ich vertraue Ihnen, Mademoiselle. Ich bin bereit, Ihnen alle, alle meine Geheimnisse anzuvertrauen, aber ich darf es doch nicht thun.«

»Sie glauben an mich, Sie vertrauen mir, und dürfen mir dieses Vertrauen doch nicht schenken? Das verstehe ich nicht, ganz und gar nicht.«

»Und doch ist es sehr leicht erklärlich. Diese Geheimnisse sind nämlich nicht allein mein Eigenthum.«

»Das lasse ich gelten.«

»Und sodann würde Ihnen die Enthüllung Schmerzen bereiten, gnädiges Fräulein.«

»Wirklich?«

»Ja, gewiß!«

»Nun, so bitte ich um so dringender um diese Enthüllung. Ich bin keineswegs ungewohnt, Schmerzen zu tragen!«

Da nahm er sie bei der Hand, führte sie zu dem Steine und sagte in bittendem Tone:

»Nehmen Sie wieder Platz, Mademoiselle, und haben Sie die Güte, mir einige Fragen zu beantworten!«

Sie gehorchte seiner Bitte und sagte:

»Fragen Sie, Monsieur! Sie werden jede Antwort erhalten, die mir möglich ist.«

»Dann muß ich Ihnen zuvor eine Bemerkung machen, welche Ihren höchsten Zorn auf mich laden wird; aber ich kann nicht anders; ich muß sprechen.«

»Ich glaube schwerlich, daß ich Ihnen zornig werde. Ich habe Sie als einen Mann kennen gelernt, der nichts ohne gute Gründe thut.«

»Und dennoch wird es so sein. Mademoiselle, erschrecken Sie nicht, wenn ich Ihnen sage, daß es einen Menschen giebt, der Sie liebt, wie wohl noch selten ein Mensch geliebt hat. Sie sind sein Abgott, sein Leben, seine Seligkeit. Er ist bereit, für Sie Alles, Alles, aber auch Alles zum Opfer zu bringen, aber nur seine Ehre nicht. Er würde gern tausend, ja millionen Schmerzen erdulden, nur um Ihnen eine kleine Freude zu machen. Er sollte von seiner Liebe nicht sprechen, denn sie ist unbeschreiblich. Dieser Mann bin ich.«

Er hielt inne. Sie war bleich, sehr bleich geworden. Sie blickte ihn mit großen Augen an und sagte kein Wort. Er nahm dies für die Erlaubniß, fortfahren zu dürfen.

»Dies mußte ich voraussenden, Mademoiselle,« sagte er. »Ein Mann, der keinen anderen Gedanken hat, als nur Sie, Sie allein, wird es ehrlich mit Ihnen meinen. Wenn ich frage, so habe ich die triftigsten Gründe dazu, selbst, wenn ich dieselben noch nicht angeben darf. Bitte, von wem haben Sie die Schrift erhalten? Von Abu Hassan, dem Zauberer?«

»Ja.«

»Hat er Ihnen gesagt, in welcher Beziehung er zu dem Inhalte dieser Zeilen steht?«

»Nein.«

»Und zu Ihrer Familie?«

»Nein,« antwortete sie, ihn erstaunt anblickend.

»Wann sprachen Sie mit ihm?«

»Am Abende des zweiten Tages nach jener unglücklichen Vorstellung in Thionville.«

»Wo trafen Sie ihn?«

»Im Garten von Ortry. Er hatte mich da abgelauert.«

»Darf ich das Gespräch erfahren, welches er mit Ihnen führte?«

»Ich befand mich allein im Garten, da trat er zu mir. Ich erschrak, aber er bat mich, mich nicht zu fürchten.«

»Er erwähnte Liama, Ihre Mutter?«

»Ja. Er sagte mir, ihr Geist sende ihn zu mir, mich zu beschützen.«

»Er meint es gut mit Ihnen, er ist ein braver, ein ehrlicher Mann. Bitte, weiter!«

»Er sagte mir auch, daß mir vom Capitän Unheil drohe.«

»Da hatte er Recht.«

»Um dieses Unheil abzuwenden, vertraute er mir zwei Talismane an.«

»Welche?«

»Diese Schrift und eine Schlange.«

»Ah! Eine von seinen Brillenschlangen?«

»Ja. Er sagte mir, wenn der Capitän mich zu Etwas zwingen wolle, was gegen mein Glück sei, so solle ich mich mit dieser Schlange vertheidigen. Ihr bloßer Anblick sei geeignet, einen Angriff zurück zu weisen. Sie sei zwar nicht mehr giftig, aber ihr Mund sei doch mit Zähnen besetzt, welche Wunden verursachen, die nur sehr schwer heilen.«

»Sie haben die Schlange wirklich in Empfang genommen?«

»Ja.«

»Ohne sich vor ihr zu fürchten?«

»Dieser Mann flößte mir ein großes unbeschreibliches Vertrauen ein.«

»Er hat es verdient. Haben Sie die Schlange noch?«

»Ja. Ich habe ihr ein verborgenes Nestchen hergestellt. Sie ist bereits ganz und gar an mich gewöhnt.«

»Und Niemand hat sie gesehen?«

»O doch! Der Capitän und die Baronin haben sie heute nach Tische gesehen. Ich ahnte, daß mir Gefahr drohe und nahm das Thier mit mir.«

»Und diese Gefahr trat auch wirklich ein?«

»Leider. Der Capitän wollte mich zwingen, mich dem Oberst Rallion zu verloben. Ich widerstand; der Capitän wollte mich, wie es schien, der Freiheit berauben. Er streckte die Hände nach mir aus, um sich meiner zu bemächtigen; da hielt ich ihm die Schlange entgegen und er ließ ab von mir.«

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