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Edgar Allan Poe: Die denkwürdigen Erlebnisse des Artur Gordon Pym - Kapitel 2
Quellenangabe
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typefiction
authorEdgar Allan Poe
titleDie denkwürdigen Erlebnisse des Artur Gordon Pym
publisherVerlag Ullstein GmbH
volumeNr. 516
isbn3548025161
illustratorAlfred Kubin
translatorGisela Etzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080214
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Vorwort des Erzählers

Als ich nach einer Reihe außerordentlicher Erlebnisse und Abenteuer in der Südsee und anderswo, von denen auf den folgenden Seiten die Rede sein soll, vor einigen Monaten nach den Vereinigten Staaten zurückgekehrt war, kam ich durch Zufall in die Gesellschaft mehrerer Herren aus Richmond in Virginien; sie zeigten für alles, was die von mir besuchten Gegenden anbetraf, ein lebhaftes Interesse und drangen beständig in mich, ich möchte doch meinen Bericht der Öffentlichkeit übergeben, es sei das nichts Geringeres als meine Pflicht. Doch hatte ich mehrere Gründe, dies abzulehnen; einige davon sind persönlicher Natur und gehen niemand etwas an; bei andern ist das nicht so sehr der Fall. Einmal hielt mich der Umstand ab, daß ich während eines großen Teiles meiner Abwesenheit kein Tagebuch geführt habe und daher in Sorge war, ich könnte aus der bloßen Erinnerung keinen so genauen und zusammenhängenden Bericht aufsetzen, daß der Eindruck des Tatsächlichen dabei gewahrt bliebe, abgesehen von der natürlichen und unvermeidlichen Übertreibung, in die wir alle leicht verfallen, wenn von Begebnissen die Rede ist, deren Einfluß auf die Einbildungskraft tief und bedeutend war. Ein zweiter Grund: Die Ereignisse, von denen ich reden sollte, waren von so ausgesprochen wunderbarer Art, daß sie ohne ein anderes Zeugnis als das des einzigen Gefährten, der mit mir zurückkam, eines armen indianischen Mischlings, auf keinen Glauben außerhalb meiner Familie und meines Freundeskreises rechnen konnten – sie freilich kennen meine peinliche Wahrheitsliebe –, so daß die breitere Öffentlichkeit meine Erzählungen nur als unverschämte und schlaue Erfindungen betrachten würde. Das stärkste Motiv war aber gewiß, daß ich Ursache hatte, meinen schriftstellerischen Fähigkeiten gar sehr zu mißtrauen.

Unter den virginischen Herren, die sich für meinen Reisebericht und ganz besonders für den Teil, der von der Antarktis handelt, am lebhaftesten interessierten, befand sich Herr Poe, vor kurzem Herausgeber des »Literarischen Boten des Südens«, einer Monatsschrift, die Herr Thomas W. White in der Stadt Richmond erscheinen läßt. Er riet mir aufs dringendste, augenblicklich eine ausführliche Beschreibung dessen, was ich geschaut und erlebt hatte, ins Werk zu setzen und der Gescheitheit und dem gesunden Verstande des Publikums zu vertrauen, indem er sehr richtig betonte, daß gerade die literarische Unzulänglichkeit meines Buches (falls man überhaupt von einer solchen reden könnte) ein Beweis mehr für meine Wahrhaftigkeit sein müßte.

Trotzdem konnte ich mich nicht recht dazu entschließen, seinen Rat auszuführen. Da er nun sah, daß ich mich noch immer nicht rührte, schlug er mir vor, ich möchte ihm erlauben, in seinen eigenen Worten auf Grund meiner Mitteilungen den ersten Teil meiner Abenteuer zu schildern und unter dem Scheine des Erfundenen im »Boten« abdrucken zu lassen. Dagegen war nichts einzuwenden, und ich verlangte nur, daß mein Name nicht genannt werde. Zwei Nummern des angeblichen Romans erschienen somit im »Boten des Südens« (Januar und Februar 1837), und um ihnen den Charakter einer Dichtung zu verleihen, fügte Herr Poe in der Inhaltsangabe der Zeitschrift seinen Namen bei.

Die Wirkung, die durch unsere Kriegslist erreicht wurde, bewog mich endlich, eine regelrechte Zusammenstellung und Veröffentlichung der in Rede stehenden Abenteuer zu veranstalten; denn ich fand bald heraus, daß trotz des Scheines des Erdichteten, der, ohne daß eine einzige Tatsache dabei verändert wurde, meinem Bericht mit soviel Geschicklichkeit verliehen worden war, das Publikum gar nicht geneigt schien, an eine Erdichtung zu glauben, vielmehr erhielt Herr Poe mehrere Zuschriften, in denen die gegenteilige Meinung deutlichen Ausdruck fand. Daraus schloß ich, daß die Tatsachen in meiner Erzählung den Stempel des Wirklichen an sich tragen müßten und daß ich die Ungläubigkeit des Publikums wenig zu fürchten hätte.

Nachdem diese Feststellung gemacht ist, wird man bald erkennen, was von dem Folgenden meiner eigenen Feder entstammt; es sei nur nochmals bemerkt, daß die ersten von Herrn Poe geschriebenen Seiten keine falsche Darstellung irgendeiner Tatsache enthalten. Selbst jenen Lesern, die den »Boten« nicht gesehen haben, braucht man nicht erst zu sagen, wo sein Anteil endet und mein eigener beginnt; die Verschiedenheit des Stils wird sich jedem sogleich offenbaren.

A. G. Pym

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