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Ulrich Hegner: Aus dem Leben eines Geringen - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorUlrich Hegner
booktitleSchweizerische Erzählungen
titleAus dem Leben eines Geringen
publisherFriedrich Schultheß
editorHeinrich Kurz
year1860
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20080715
projectid947a8a2d
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Es sind im Wintermonat zwanzig Jahre, daß ich eines Abends, als es schon dunkel war, schwerbeladen in dem Marktflecken R. eintraf, um des morgenden Tages meinen Kram auf dem Jahrmarkte feil zu bieten. Müde, weil ich den ganzen Tag gewandert, stellte ich meinen Waarenkasten in eine Ecke der Wirthsstube und setzte mich an den runden Tisch, wo ich schon mehrere Bekannte, wie es Krämern zu gehen pflegt, antraf. Behaglich vom Ausruhen und erheitert vom Weine, kam man unter allerlei Gesprächen auch auf die große Lotterie, die dieser Tage in W. gezogen werden sollte. Man sprach, wie es der Brauch ist, von guten und bösen Zahlen, und erzählte lockende Glücksgeschichten; da fiel mir ein, woran ich ohne diese Reden kaum mehr gedacht hätte, daß ich schon seit geraumer Zeit ein Paar Loose dieses Glückspiels bei mir trage, auf die ich aber, als ein verhaßtes Erwerbniß, wie ich nachher erzählen werde, nie einige Rechnung machte. Jetzt suchte ich sie eitler Weise aus meiner Brieftasche hervor. Hier sind auch zwei, die mich mehr kosten, als sie werth sind, wiewohl ich wenig von ihnen erwarte, sagte ich, und wies sie meinen Nachbarn vor.

An einem nahen Tische saßen Juden, deren einer aufgestanden war und die Loose eingesehen hatte; dieser ließ sich vernehmen, er sei schon einige Male ziemlich günstig in Lotterien weggekommen und möchte sein Heil wieder versuchen, wenn ich ihm die Zettel, auf die ich so keinen großen Werth setze, um einen billigen Preis überlassen wollte. Er bot mir eine spöttische Kleinigkeit, die ich verächtlich abwies, und meine Loose zurückforderte; er theilte sie aber auch seinen andern Glaubensgesellen mit, die sie unter sich herumgehen ließen, und mir etwas mehr und dann noch mehr boten; aber ich wollte nicht, und unwillig über ihr Zögern, riß ich sie ihnen aus den Händen und steckte sie schnell in mein Taschenbuch.

Bald darauf ging ich schlafen, und mir folgte ein andrer wohlbekannter Krämer, der auch auf meine Kammer angewiesen war. Noch wollte ich meine Lotterieloose an ihren alten Platz in der Brieftasche versorgen, als ich wahrnahm, daß eines derselben verwechselt worden sei, denn die Zahlen der meinigen folgten sich unmittelbar, das wußte ich bestimmt. – Das haben die Juden gethan, schrie der Krämer, und sprang sogleich hinunter, ich ihm nach, und da einer derselben eben im Begriff war, wegzureiten, hielten wir ihn fest. Es gab Lärm, wir schleppten ihn in die Wirthsstube, wo auch ohne Verzug die andern von den willigen Anwesenden gepackt wurden. Zwar beriefen sich die Juden sogleich auf den Richter, vor dessen Gerechtigkeit sie gebracht zu werden verlangten; allein es hieß: die Gerechtigkeit des Richters ist langsam und ihr Spitzbuben seid schnell, ihr möchtet Zeit gewinnen, das Gestohlene auf die Seite zu bringen; seid ihr unschuldig, so dürft ihr euch wohl aussuchen lassen! Und damit gerieth die ganze Gesellschaft, aus Krämern und Handwerksburschen und Fuhrleuten bestehend, über die armen Schelmen her und durchgriff sie so tüchtig, daß ihnen nichts Bedeutendes mehr auf dem Leibe blieb, als blaue Flecken und rothe Striemen. Zwar ward mein Loos gleich anfangs bei dem, der hatte wegreiten wollen, gefunden, das hinderte aber keineswegs den Untersuchungseifer gegen die Uebrigen, die am Ende, als sie die Uebermacht empfanden, still und geduldig sich der Mißhandlung hingaben, und den Verlust mancher Habseligkeit, denn ohne dieß war die christliche Bemühung nicht abgelaufen, wenig zu achten, ja sich derselben noch heimlich zu freuen schienen, um desto wirksamer vor dem Richter auftreten zu können.

Der Lärm war indessen außer das Haus gedrungen; es kam Befehl, die Juden festzusetzen und uns andere nicht fortzulassen. – Aber die Juden sind immer besonnen; schon während der stürmischen Untersuchung hatte der, bei welchem mein Lotterieloos gefunden worden, keck behauptet, daß es das Seinige und schon lang in seinem Besitz sei, und dabei blieb er auch den folgenden Tag vor dem Richter und immerfort. Nun fehlte es mir zwar nicht an Beweisen, mein Eigenthum darzuthun, da ich aber einige Tage brauchte, solche zur Hand zu bringen, so zeigte es sich mittlerweile, daß das gestohlene Loos bereits schon gezogen worden, und mir dadurch ein großer, ja für mich ungeheurer Gewinn zugefallen sei. Kaum war dieß bekannt, so drängte sich Alles, was in dem Wirthshause gegenwärtig gewesen war, oder bloß auf der Straße dem Tumult zugehört hatte, hinzu, um für mich die Wahrheit zu bekräftigen; eine Wolke von Zeugen, mehr geeignet, die Sonne der Wahrheit zu umnebeln, als hervortreten zu lassen. Da jedoch meine Beweise gültig gefunden waren, und die Einrede der Juden gegen diese Zeugen, von denen sie mißhandelt worden, nicht viel half, so wurde mir das Loos wieder eigenthümlich zugesprochen; die Juden aber wurden gezüchtigt, und wir Christen mußten für unsere eigenmächtige Präcognition die Gerichtssporteln bezahlen, die ich aber billigermaßen allen wieder ersetzen, ja noch mehr dazu geben mußte, denn Jeder erwartete für seinen Beistand meinen Dank, auch wenn er sich dabei schon selbst bezahlt zu machen gewußt hatte.

So ward ich aus einem wandernden Krämer plötzlich wieder ein reicher Mann, wie ich auch schon gewesen; aber ich konnte zu keiner rechten Freude an diesem neuen Reichthum kommen, ich mochte ihn mit eigenen oder fremden Brillen ansehen, weil ich ohne denselben schon genug, das heißt: Gesundheit und bescheidenes Auskommen, hatte und mehr nicht haben wollte, und an dieses Maß der Werth meines Lebens gebunden war. Denn als ich vor Jahren, nach dem Bruch meines Handelshauses, aus dem Ueberfluß und vergeudenden Leichtsinn in Noth und Armuth gekommen, hatte ich in der Schule des Trübsals manchen innern Kampf mit Vorurtheil und Leidenschaft zu bestehen, und konnte zu keiner Ruhe kommen; bis in guter Stunde der gottgefällige Entschluß in mir erwachte, das Reff eines Krämers umzuhängen, um damit meinen ehrlichen Unterhalt zu suchen, und im Kleinen wieder gut zu machen, was ich im Großen versäumt hatte. Da fand ich mit demselben auch, wo nicht das Glück, doch eine Beruhigung, die ich vorher nicht gekannt, und so wie ich den schweren Anfang überstanden und gelernt hatte, mich mit Wenigem abzufinden, gewann ich mit meinem Krame gerade so viel, als ich zu genügendem Unterhalt brauchte, und lernte die Menschen von unten hinauf kennen, gerade wie sie von oben herab sind, gut und böse, nur mit dem Vortheil, daß ich ihrer weniger bedurfte und mir selbst zu helfen wußte; so daß ich Freude an meinem herumziehenden Leben im Kleinen fand, und mir's nicht besser wünschte. Meine Vaterstadt, wo Spott mich angrinzte und Verachtung auf mich herabsah, hatte ich verlassen und war unter anderm Namen mit einer alten, mir einzig treu gebliebenen Muhme, an einen größern Ort gezogen, wo ich mir bald ein Häuschen kaufen und schon anfangen konnte, Etwas für die alten Tage zurückzulegen.

Was sollte ich nun mit dieser Last des Geldes anheben? Zudem war der Jude, der das Loos gestohlen, auf ein Jahr zum Karren verurtheilt, und die andern hatten Prügel bekommen, das machte mir den Gewinn auch weniger erfreulich. Hauptsächlich gab mir die Art und Weise, wie ich zu diesen Lotterieloosen gekommen, viel Stoff zum Nachdenken. Ich hatte nämlich, als ich noch in sogenannten glücklichen Umständen war, einen Führer meiner Handlung, dem ich Alles vertrauend überließ, und nicht gern nachrechnete, weil mir die Schreibstube und ihre Büchercolosse Langeweile machten. Dieser benutzte meine Faulheit zum ärgsten Betrug, so daß ich doch zuletzt aufmerksam wurde; als ich ihm aber zu Leibe gehen wollte, machte er sich aus dem Staube; er hatte sein ungerechtes Gut schon vorher in Sicherheit gebracht, und nahm jetzt noch mit, was er konnte. Ich fand meine Handlung zu Grunde gerichtet, und nachdem ich mich mit den Gläubigern abgefunden hatte, blieb mir so viel wie Nichts übrig. Das Wenige, was der Betrüger an Habseligkeiten zurückgelassen, wurde mir zugesprochen, wovon ich aber Nichts behielt, denn ich mochte kein weiteres Andenken von dem Treulosen vor mir haben. Nur ein Lotteriebillet ward mir noch eingehändigt, das er, wie ich leider zu spät erfuhr, einem Spieler abgewonnen hatte, der sich nachher selbst entleibte. Ich hatte es in meine Brieftasche gesteckt und vergessen, bis mir nach einiger Zeit sein kleiner Gewinn zukam, den ich aber sogleich wieder an andere Loose verwandte, bald mehr bald weniger, je nachdem ich vom Geschicke bedacht wurde, denn ich wollte dies Spiel so lange treiben, bis es durch sich selbst ein Ende nähme. In diesem Gelde ist kein Segen, meinte ich oft, noch ehe ich wußte, woher der Mensch das Loos gehabt; wiewohl ich nie ganz leer ausging, und die Leute das ein Glück nannten. Aber ich hatte gelernt einen Unterschied machen zwischen diesem Glücke und dem Segen, dem ich auf der Spur war.

Und jetzt mußte es sich doch fügen, daß ich durch den unbedeutenden Nachlaß des Mannes, der mich um das Meinige gebracht hatte, wieder zu einem übermäßigen Vermögen gelangen sollte. Ungerechtes war Nichts dabei und Erschlichenes noch weniger, denn das zurückgelassene Loos jenes Mannes kam mir von Rechts wegen zu; und wenn auch die Billigkeit etwas für ihn hätte verlangen können, so wäre es höchstens der Betrag des ersten Gewinns desselben gewesen. Dennoch, ob ich gleich die Hand des Schicksals ehrte, setzte mich jetzt seine reiche Bescherung in Verlegenheit; was sollte ich damit anfangen, ich, der ohne Noth (ich rechne mir es aber keineswegs zur Ehre) niemals in meinem Leben gern etwas angefangen hatte, sondern immer lieber auf den schon gebahnten Wegen fortgeschlendert war? Zwar fehlte es nicht an mancherlei Mitteln, die mir nunmehr täglich beliebt wurden, der Bürde los zu werden. Es versammelten sich neue Freunde um mich, die sich meines Glückes freuten, erst verächtlich von meinem alten Kram sprachen und dann sich mit mir zu bedeutenden Handelsverbindungen vereinigen wollten. Andere meinten, ich sollte das Geld bei ihnen auf sichere Zinsen legen und mir gute Tage machen. Aussichten sogar zu zärtlichen Verbindungen wurden mir unter der Hand geöffnet. Alte Bekannte aus der Zeit meines Wohlstandes, von denen ich mich vergessen glaubte, näherten sich wieder, als wäre die alte Traulichkeit nie gestört worden, und sagten: »Setze dich in einen Reisewagen und fahre durch die Welt, so hast du Genuß, wir begleiten dich!« Es gibt auch Beförderer des Menschenwohls aus fremden Beiträgen; diese legten mir ihre Bemühungen ans Herz und fanden es den Grundsätzen der Sittenlehre gemäß, daß ich das, was mir der blinde Zufall beschert habe, zum Besten der Menschheit mit ihnen theile. Die Boten des Glaubens nannten es eine Gabe des Himmels und empfahlen mir ihre Kasse zur Bekehrung der Heiden. Und so lagen Freundschaftsdienste, Gewerbe im Großen, gemeinnützige Anstalten und Vereine aller Art in mannigfaltiger Aussicht vor mir, als eine Musterkarte von guten Werken, wo nur die Wahl einem sauer werden sollte. Solchen leichten Weg zum Heil gewährt der Reichthum seinen Besitzern! Ich hatte sonst eine Stimme vernommen und ehedem von eigner Erfahrung bewährt erfunden, daß es dem Reichen schwer werde, diesen Weg zu finden; da fragte ich jetzt auch noch jene Stimme, und vernahm ihre Antwort ohne eben traurig hinwegzugehen.

Kommt Zeit, kommt Rath, sagte ich: wenigstens will ich um des Geldes Willen nicht auf der faulen Haut liegen! Ich ließ einen Kasten machen, verschloß den Mammon einstweilen darein, und setzte meinen kleinen Handel wieder fort, wie vorher, indeß meine alte Muhme des Schatzes und des Hauses hütete.

Nun begab es sich aber nicht lange hernach, als ich Abends meine Geschäfte auf dem Markt eines benachbarten Städtchens zu Ende gebracht und erfreuliche Einnahme gemacht hatte, und noch nach Hause kehren wollte, daß mehrere meiner Marktgefährten in mich drangen, ich müsse ihnen zur Beschwichtigung meines rasenden Glückes Etwas zum Besten geben. Um nicht knauserig zu scheinen, glaubte ich ihnen entsprechen zu müssen, wiewohl ich ihnen lieber die Zeche doppelt bezahlt hätte und nach Hause gegangen wäre, wohin mich stets die Begierde zog; ich konnte deßhalb auch die Freuden des Mahles nicht recht mit ihnen theilen, und je länger es währte, desto unruhiger ward ich im Innern und stiller von Außen. Ich schrieb es der Abneigung vor solchen Gelagen zu, wodurch so manche reuige Erinnerung in mir geweckt wurde; und die Gäste erklärten mein Schweigen für Mißmuth über die Ausgabe, ob ich gleich auftragen ließ, was der Wirth vermochte; somit hatte ich auch dießmal weder Dank noch Genuß von meiner schwachen Nachgiebigkeit.

Da es jetzt zum Heimgehen zu spät geworden und mein Kopf von dem Abendschmause gespannt war, legte ich mich zur Ruhe nieder, oder vielmehr zu schauerlichen Träumen: denn zweimal sah ich die alte Muhme vor mir stehen, erst erschrocken und verstört, die Arme nach mir wie um Hülfe ausstreckend, und später dann wie aus weiter Ferne mir freundlich lächelnd, in ihrem Sonntagsgewande, jungfräulich verjüngt und doch kennbar. Träume sind mir gewöhnlich, darum würde ich auch dieser Phantome nicht mehr gedenken, hätte nicht bald die schreckliche Wirklichkeit ihre geheimnißvolle Deutung enthüllt. Denn als ich Nachmittags darauf nach Hause kam und mir die Thüre, ich mochte klingeln und klopfen, nicht aufgemacht wurde, auch die Nachbarn bemerkten, sie hätten zu ihrer Verwunderung heute noch Nichts von der Alten wahrgenommen, kam mir die Sache bedenklich vor; ich ließ die Thüre mit Gewalt öffnen, und mit mir drangen die neugierigen Nachbarn hinein. Aber welch Entsetzen! Oben an der Stiege fanden wir die Muhme mit zerschelltem Kopf in ihrem Blute liegen, sie war todt. Ueber dem Anblick schwanden mir die Sinne, und als ich wieder zurecht kam, standen tröstende Freunde um mich her, die mich zur Ergebung vermahnten, und mir anfänglich den Raub des Geldes sorgfältig verhehlen zu müssen glaubten, als wenn dieß der eigentliche Gegenstand meines Schmerzes sein müßte. Ach, bei dem Anblicke der todten Muhme konnte ich mir das Uebrige ja leicht denken!

Das Ereigniß hatte großes Aufsehen gemacht; so ein Raubmord mitten in der volkreichen Vorstadt! Man forschte nach, man sprach davon, man erzählte; damit kam jetzt auch die Geschichte mit den Juden an jenem Jahrmarkt in Umlauf, und so wurde bald die Vermuthung laut, jene Juden hätten es gethan. Zum Glück, wie es hieß, es war aber ein Unglück, fand sich so eben einer derselben in der Nähe, den man aufhob, und da man wieder Erwarten viel Geld bei ihm fand, womit er Pferde kaufen zu wollen vorgab, wurde er ohne Weiteres in ein Loch geworfen, sein Geld in Beschlag genommen, und seinen Spießgesellen auch nachgespürt.

Die gute Muhme hatte indessen ein Leichenbegängniß wie eine vornehme Frau. Das Unglück hatte sie und mich kundbar und zum Stadtgespräche einiger Tage gemacht. Es wurden wundersame Geschichten von uns herumgeboten; ich erhielt sogar Besuche von bedeutenden Personen, die vorübergehende Neugier zu mir führte, mit Versprechen von Hülfe und Beistand, dessen ich nicht nöthig hatte. Ich war nun wieder was vorher, ein leichter Bänkelkrämer, der unschwer des Lotteriegeldes, aber ach, nur mit tiefem Schmerz der treuen Blutsverwandtin entbehren konnte, die deswegen ihr Leben hatte verlieren müssen. O, daß ich das Geld nie gesehen hätte, seufzte ich oft, oder schon bei ihr wäre in jener lichten Ferne, woher sie mir im Traume so schön und freudig zugewinkt!

Der Jude wollte inzwischen Nichts gestehen, ob ihm gleich hart zugesetzt wurde. So laßt ihn laufen, bat ich oft; aber das wollte die Justiz nicht, bis er mit seinen Gesellen, die aber noch nicht eingefangen waren, zusammengestellt wäre. Da trug es sich zu, als ich eines Tages den ausgeraubten Kasten säuberte, fand ich in der Ecke einen plumpen silbernen Fingerring, auf dem zwei Buchstaben eingegraben waren. Der Ring kam mir halb bekannt vor, und die Anfangsbuchstaben erschreckten mich, denn sie deuteten auf den Namen eines der Gäste, die ich am Abende vor jener unglücklichen Nacht bewirthet hatte; eines Menschen, dessen Thun und Lassen mir schon lange verdächtig gewesen. Ich eilte damit zur Obrigkeit, die mir die Anzeige jeder neuen Spur der That zur Pflicht gemacht hatte. Man forschte dem Manne nach, fand, daß er seit einiger Zeit mehr Geld sehen lasse als gewöhnlich, und noch andere verdächtige Merkmale. Er läugnete Anfangs, da ich aber in seiner Gegenwart den Fund des Ringes beschwören mußte, so brachte ihn dieß, nebst den Fragen des Richters, in Verwirrung, er fand keine ausreichende Lüge mehr, verlor die Haltung, und so kam bald die ganze traurige Geschichte an den Tag, daß er selbst und drei andere seines Gelichters, denen die Gelegenheit meines Hauses bekannt war, sich verabredet, mich an jenem Abende von der Rückkehr nach Hause abzuhalten; und sobald ich zu Bette gewesen, hätten sie das Wirthshaus verlassen, unter dem Vorwand, einen morgenden Markt zu besuchen, statt dessen aber seien sie nach meinem kaum zwei Stunden entfernten Wohnorte geeilt und durch die Hinterthüre in mein Haus gekommen, wo sie den wohlbekannten Kasten ohne Störung hätten leeren können; erst an der Treppe sei ihnen die alte Haushälterin begegnet, da sie aber Lärm gemacht und nicht habe schweigen wollen, habe sie Einer mit dem Brecheisen zu Boden geschlagen. Den Ring müsse er leider bei der eilfertigen Plünderung des Kastens abgestreift haben.

Nachdem nun auch die andern Mitschuldigen eingefangen worden, und in das Geständniß eingestimmt hatten, wurde endlich der Jude losgelassen; das währte aber ziemlich lange, weil Kriminalbehörden gern eine vorsichtige Langsamkeit beobachten. Noch während er gefangen gesessen, war ich mehrmals von andern Juden, die mir seine Unschuld versicherten, um großmüthige Fürsprache bei der Obrigkeit angegangen worden, denen ich auch um so lieber entsprach, da er für seinen Antheil an dem beabsichtigten Betrug mit den Lotterieloosen schon mehr als genug gebüßt hatte, und ich ihn, ich weiß nicht warum, nie für den Begeher der Mordthat hatte ansehen können; in dieser Meinung hatte ich ihm auch einige Erleichterung in dem Gefängniß zu verschaffen gewußt. So wie er nun losgesprochen war, kam er, von dem ich eben nicht den ersten Dank erwarten durfte, da er schon zweimal um meinetwillen gelitten, zu mir, begleitet von einem Rabbiner, den ich schon aus früherer Zeit kannte, und brachte mir, da ich ihm Böses mit Gutem vergolten habe, eine silberne Uhr zum Geschenke, die er als ein sehr gutes Werk rühmte. Ich mußte sie nehmen, er bat mich darum wie um eine Wohlthat, habe sie im Grund auch gern genommen, weil mich der Zug freute, und trage sie noch jetzt mit Wohlgefallen. »Was ist's dann?« sagte der Rabbiner, als er sah, daß mir dies Benehmen auffiel, »es ist keiner so schmählich, den nicht auch die Demuth der Dankbarkeit anwandeln könne, so wie der Beste sich nicht rühmen soll, daß ihn nicht zuweilen noch der Stolz vom Dank abhalten könne.« Und als ich bemerkte, was ich gethan, verdiene ja kaum ein Wort, geschweige eine thätliche Bezeugung des Dankes, fügte er hinzu, wenn auch dem so wäre, so müßte mich das nicht befremden, weil man gewöhnlich für kleine Wohlthaten eifriger danke, als für die großen.

Da die Diebe nicht so schnell mit dem Gelde hatten hervorrücken dürfen, um keinen Argwohn zu geben, so fand sich noch das meiste in ihren Wohnungen verborgen, und was mangelte, wurde mir aus dem Ihrigen, da zwei darunter nicht ohne Vermögen waren, ersetzt, so daß ich in Kurzem den ganzen Lotteriegewinn wieder baar im Kasten hatte; denn die Ordnungsliebe des Richters verlangte, daß ich die vollständige Summe wieder zur Hand nehmen müsse, ob ich mich gleich dessen weigerte, und lieber gar Nichts mehr von diesem Blutgeld hätte hören oder sehen mögen.

Aber die gute Hüterin des Schatzes war leider nicht mehr, und ich selbst mochte und konnte ihn nicht hüten, da ich keinen Grund zu haben glaubte, meinen gewohnten Handel und Wandel aufzugeben. Ich mußte also für eine neue Haushälterin sorgen, und fand sie in einer armen Freundin der Muhme, die ich ehedem öfters bei ihr gesehen hatte. Das Geld mochte ich nicht anrühren, noch weniger zur Stunde darüber verfügen, weil es allgemein hieß, die Räuber hätten das Leben verwirkt, und ich durch Fürbitten und Anerbietungen ihnen dasselbe zu erhalten hoffte. Was sonst die Welt für ein beneidenswerthes Glück ansieht, wohl gar für eine besondere Gunst des Himmels, solch ein überschwenglicher Gewinn ohne Mühe und Arbeit, das war für mich eine Quelle bittern Leidens geworden. Dieß fatale Glück hatte einen Juden in's Zuchthaus gebracht und seinen Mitschuldigen Prügel und Mißhandlungen zugezogen; meine Muhme hatte darüber ihr Leben eingebüßt, und deßwegen sollten jetzt noch drei andere Menschen (einer der Diebe war entwichen) hingerichtet werden! Mein schwacher Geist konnte das nicht vertragen, und eine ängstliche Unruhe, die meine Phantasie angriff, verfolgte mich bei Tage und ließ nicht ab von mir in langen Nächten. Ich bot Geld, zuletzt die ganze Summe, worüber die Obrigkeit zu wohlthätigen Stiftungen oder wie es ihr beliebte, verfügen möge, wenn damit etwas zur Lebensrettung der Schuldigen könnte bewirkt werden. Man sah wohl, daß es mein Ernst war, wandte mir aber, leider ganz richtig, die Mordthat ein, für welche das Gesetz keine Gnade habe. Dazu lagen mir noch ärger als vorher die Juden, die Blutsverwandten der Gefangenen ohne Unterlaß auf dem Halse, sobald sie meine günstige Stimmung erfahren hatten. Alles was ich für diese that, war ihnen nicht genug; sie wurden täglich dreister, wollten mir sogar Mittel und Wege anweisen, einige Richter durch Bestechung zu gewinnen; ja es gab solche, die ungescheut Unterstützung für sich selbst begehrten, als wenn jene Schurken mir zu Ehren im Gefängnisse säßen. Ich mußte zuletzt dem Gesindel die Thüre verschließen.

Bei allen diesen Vorfällen und den neuen Verhältnissen, worein ich gezogen wurde, bei den Aufforderungen, Verhören, Zudringlichkeiten und Störungen aller Art fand ich so viel Anlaß, traurige Erfahrungen über meine eigene Schwachheit und die Verkehrtheit Anderer zu machen, daß ich die theuer erworbene Zufriedenheit, die ich nach frühern Unglücksfällen auf dem engen Pfade der Beschränktheit gefunden hatte, wieder zu verlieren und in die düstere Kleingläubigkeit an den Werth der Menschen zurückzufallen anfing, von der ich mich längst befreit glaubte. Und da jetzt noch der Krieg sich in die Nähe zog, und das Besuchen der Messen und Jahrmärkte unmöglich oder gefährlich machte, so wurde ich an dem einzigen Rettungsmittel, wozu mir eigene und fremde Vernunft rieth, an der heilsamen Zerstreuung meines Berufes gehindert. Nicht selten stieg damals der Wunsch in mir auf, ich möchte katholisch geboren sein, um irgendwo in einem Kloster mich von der Welt zu scheiden. Ich sage geboren, denn der Abfall war nicht meine Sache, weil er keinen dauernden Frieden gewährt, und so mancher Abgefallene jedes Glaubens wieder gern vom Abfalle abfallen würde, wenn er es mit Ehren könnte.

Als nun aber endlich das Urtheil über die armen Sünder ausgesprochen ward, nach welchem der, so den Mord begangen, an dem Leben gestraft, und die andern gebrandmarkt werden sollten, wie hätte ich über diese Zeit in der Stadt bleiben können? Ich steckte etwas Geld zu mir, um Einkäufe zu machen, hängte mein Reff an den Rücken, und vertraute die Sorge für das Zurückgelassene meiner Haushälterin, in der Zuversicht, es würden sich jetzt nicht sobald neue Räuber daran wagen. »Geschehe, was da wolle,« sagte ich den abhaltenden Freunden, »ich gehe auf die ferne X. Messe, gerade deßwegen, weil es weit ist!« Und so zog ich ab, schon erleichtert, sobald ich zum Thore hinaus war. Das einsame Wandern war von jeher meine Freude! ich war aber wenig allein, allenthalben stieß ich auf Truppen, die in's Feld zogen; doch kam ich ungeschoren hindurch, denn da die Messe in X. für frei erklärt war, so achteten die Kriegsbeamten meinen Paß, und ich hielt mich zur Vorsicht immer an die Landstraße.

Schon glaubte ich mich am Ende meiner Laufbahn, als mich noch das Unglück ereilte, dem ich bisher entgangen war. Denn als ich am letzten Abend meiner Reise, in der Nähe der Meßstadt, da ich keine Gefahr mehr vermuthete, einen Seitenpfad einschlug, den man mir als abkürzend beschrieben hatte, sah ich bald zwei Bewaffnete mir folgen, die mit Gespräch sich zu mir gesellten und freundlich thaten, bis wir auf einem abgelegenen Platze waren, wo sie mit Gewalt über mich, als sei ich ein Spion, herfielen, statt des Passes aber, den ich ihnen vorweisen wollte, mit wüthender Drohung mein Geld verlangten. Ich wollte meinen Pack abwerfen und mich zur Wehre setzen, bekam aber, wie sie das sahen, einen Stich in den Leib, davon ich hinsank; worauf ich dann ganz von ihnen ausgeplündert und als todt in ein Gebüsch geschleppt wurde. Jedoch erholte ich mich nach einiger Zeit wieder, konnte aber nicht von der Stelle, und würde da wohl meinen Tod gefunden haben, indem die Nacht schon heranrückte, hätte nicht ein vorüberreitender Offizier mein Stöhnen vernommen. Er kam hinzu, und als er mich im Blute liegen fand, wollte er mir aufhelfen, allein es ging nicht. Da vermahnte er mich, eine kleine Weile Geduld zu haben, bis er sich im nahen Dorfe nach Hülfe umgesehen hätte. Ob es lang oder kurz gewähret, weiß ich nicht, denn ich lag wie in schmerzlichen Träumen; genug, es kamen Bauern, angeführt von dem edlen Manne, der mein Retter war, mit Leuchten und einem Karren. Ich wurde in die nächste Herberge gebracht und daselbst dem Wirthe zur weitern Pflege empfohlen. Doch dabei ließ es dieser menschliche Samariter (ich weiß ihn nicht besser zu ehren, als mit dem heiligen Namen der Schrift) nicht bewenden; denn da hier kein rechter Arzt, meine Wunde bös und die Pflege gering war, so wußte er es in Kurzem dahin zu bringen, daß ich in die benachbarte Stadt, wo er als Eingeborner Bekanntschaft und Einfluß hatte, gebracht, und in das Bürgerhospital aufgenommen wurde.

Da war ich nun – aber nicht als lebensfroher Bezieher der Messe, wie ich es mir vorausgedacht hatte, sondern als schmerzlich Verwundeter im Krankenhause. Daheim ein reicher Mann und hier ein armer Tropf. Der Krieg hatte sich rings um die Gegend meiner Heimath gezogen, so daß ich gänzlich abgeschnitten und ohne Geld und Hülfe von daher war; desto willkommener mußte mir die Hülfe sein, die ich hier fand, und ich fand sie in reichlichem Maße, so daß ich oftmals sagte, und es noch zu dieser Stunde glaube, Gott habe in Gestalt jenes Offiziers einen Engel auf meinen Weg gesandt, daß er mich rette. – Zwar war das Haus nicht glänzend von Außen, kein moderner Palast des Elends, sondern ein altes, weitläufiges, gebrechliches Gebäude, an dem immer geflickt werden mußte; seine Einkünfte waren geringe, es erhielt sich meist durch kleine milde Stiftungen, die ihm von Zeit zu Zeit zuflossen. Daher auch keine hochbesoldeten, gleichgültigen Aufseher, keine lieblosen Wärter, die, als die Meistbietenden gewählt, mit Weib und Kindern von dem leben, was den Armen und Kranken zukommen sollte. Der Vorsteher war ein ernster, frommer Mann, der aus edlem Triebe seine Tage dieser Anstalt gewidmet hatte, und nur solche Gehülfen um sich zu sammeln wußte, die aus reinem Gewissen und mit hingebender Liebe handelten und dachten wie er. Da der Magistrat der Stadt sein Verdienst erkannte, denn konstante Uneigennützigkeit wird selten lange verkannt, so ließ man ihn walten, und durch seine wachsame Ordnungsliebe und Häuslichkeit erhielt sich und gedeihte Alles. Wohl ein halbes Jahr und länger hatte ich mit meiner Wunde zu thun, und viel auszustehen. Wiewohl gut und sorgfältig behandelt, wünschte ich doch oft in meiner Verlassenheit zu sterben, denn ich kannte niemand und niemand kannte mich; mein Schicksal hing ganz von dem Beistand dieser wohlwollenden Menschen ab; Gott sei Dank, daß sie wohlwollend waren! Aber es kam nicht, wie ich wünschte; ich sollte nicht sterben, sondern noch zu nähern Verhältnissen des Dankes gegen dieß Haus meiner Rettung aufbewahrt werden.

Ich hatte während der Zeit meiner Genesung, nachdem der Paß wieder offen stand, mehrere Male an meine Haushälterin geschrieben, aber nie Antwort erhalten. Ich gab dieß der noch herrschenden Kriegsunordnung Schuld, und suchte unterdessen im Hospitale mich, so gut ich konnte, nützlich zu machen mit Schreiben und allerlei Handarbeit, so daß man mich nicht ungern da behielt. Auch war ich durch den Offizier, den seine Bestimmung bald wieder ins Feld gerufen, einigen Freunden in der Stadt empfohlen worden, die mich auf meinem Leidenslager mit Büchern versehen hatten, wodurch meine alte Lust zum Lesen, die ich als Krämer fast gänzlich hatte aufgeben müssen, wieder erwachte, so daß ich mich zuletzt bequem in meine Lage schickte, und ein erträgliches Leben hätte führen können, wenn nicht die Heimat gewesen wäre, an die ich doch auch denken mußte.

Zum Gehen war ich aber noch zu schwach; ich schrieb also, da die Haushälterin nicht antwortete, an einen alten Bekannten und vermeinten guten Freund, und wartete von Woche zu Woche und von einem Tage zum andern auf seine Antwort. Aber auch diese kam nicht, so daß mir die Sache endlich bedenklich wurde, und ich befürchten mußte, der Vorsteher des Hospitals möchte, wie schon mehrere thaten, das Vorgeben meiner Herkunft für Trug ansehen. Ich bewog deßwegen diesen wackern Mann, amtlich nach meinem Wohnorte schreiben zu lassen, und Abschrift meiner Briefe beizufügen. Das hatte die Folge, daß nach Verfluß einiger Zeit eine Geschichte an den Tag kam, die auf's Neue dazu diente, mir Welt und Menschen zu verleiden. Die Haushälterin hatte sich im Gewirre der Kriegsläufte, zum Schutz des Hauses und ihrer schwachen Person, wie sie sagte, verheirathet, und zwar gerade an den alten Bekannten, an den ich vergeblich geschrieben. Da er als ein Freund von mir angesehen wurde, und, so wie sie, mir Manches zu danken hatte, fand er keine Schwierigkeit, während meiner Abwesenheit als Verwalter auf meinem Eigenthum abzusitzen. So schaltete das neue Ehepaar recht gemüthlich in meinem Hause, und machte sich gute und immer bessere Tage, je länger ich Nichts von mir hören ließ. Sie erschraken freilich Etwas über meine Briefe, gaben aber vor, ich hätte in X. eine Niederlassung gefunden, und würde mich wahrscheinlich dort fest setzen, zu welchem Behuf sie mir Geld schicken müßten. Das Geld gebrauchten sie indessen für sich, und wollten dann mit einem bescheidenen Theil des Uebrigen davon gehen, zögerten aber zu lange, weil das Wohlbehagen, und die Verblendung des Geldes, die oft unglaublich ist, sie sicher machte.

Auf das amtliche Schreiben und die dadurch erhaltene Gewißheit fand die Obrigkeit für gut, einzugreifen, und so erhellte sich die Sache. Das Ehepaar bekam Verhaft; die Quelle alles Unheils, das Geld, durch welches nun schon wieder zwei Personen zu Schelmen geworden, wurde in öffentliche Verwahrung genommen, und ich eingeladen, zur Beförderung gerichtlicher Untersuchung nach Hause zu kommen, um als Kläger aufzutreten, da sich ein beträchtlicher Defekt im Vermögen zeige.

Das war mir alles in der Seele zuwider, so bitter mich auch die Untreue kränkte. Ich sah mich jetzt von Neuem in den Strom der feindseligen Welt gezogen, dem ich in meiner langen Abgeschiedenheit glücklich entgangen zu sein glaubte, wo ich mir schon zuweilen Aussichten zum bleibenden Aufenthalte vorgespiegelt hatte. Lieber hätte ich den ganzen Handel dem Richter allein überlassen, und das Geld seinen sichern Händen anvertraut; das wäre meiner angebornen Indolenz, die mitunter auch den bessern Namen der Genügsamkeit verdiente, bequemer gewesen. Allein das ging nicht; der Mensch kann nicht leben, wie er will, denn er hat ein Schicksal. Meine Obrigkeit rufte mich, die Vernunft gebot, und alle Umstände verpflichteten mich zu gehorchen.

Meine Wunde hinderte mich wenig mehr, doch bedurfte ich noch eines Begleiters, wozu der Vorsteher, der mein wahrer Freund geworden, einen der treuen Wärter beordnete. Mit diesem fuhr ich, da mein Zustand noch keine starke Erschütterung vertragen mochte, und das Heimweh mich eben auch nicht stark zog, in langsamen Tagereisen nach Hause; und wahrlich mit betrübter Seele, diesen Wohnsitz der menschenfreundlichen Tugend zu verlassen, wo ich Errettung vom Tode, milden Beistand in blutenden Schmerzen, und dann so viel reinmenschliche Gesinnung, Unterhaltung, ja wahre Freundschaft gefunden. Je weiter ich mich entfernte, desto sorglicher ward mein Bedauern, nicht dankbar genug in Wort und That gewesen zu sein.

Der Rechtsgang meiner Angelegenheit währte nicht lange. Die ungewöhnlichen Vorfälle meines Lebens hatten mir Theilnahme bei angesehenen Personen erweckt; diese benutzte ich, um Schonung gegen das Ehepaar zu bewirken, dessen Ankläger ich gern oder ungern sein mußte. Sie kamen auch mit vorübergehender Einsperrung und Verlust ihrer wenigen Ehre, zu ihrer großen Befriedigung, davon, denn sie hatten Schlimmeres erwartet. Mir sollten sie den beträchtlichen Eingriff in meine Kasse ersetzen, ich habe aber nie Etwas bekommen. Zugleich war nun auch davon die Rede, ob man mir nicht über mein Geld, das ich so leichtsinnig verwaltet, einen Vormund setzen, oder mich wenigstens anhalten könne, vernünftiger darüber zu verfügen und klügeren Rathe Gehör zu geben; um so viel mehr, da ich für meinen ehevorigen Handel und Wandel gelähmt war, und an eine neue Lebensart denken sollte. Indem aber diese Bedenklichkeiten obwalteten, brachten Zeitungen die klägliche Nachricht, wie das Hospital in X. durch eine Feuersbrunst bis auf den Grund eingeäschert worden, und großes Unglück sich dabei ereignet habe, was ein Schreiben des Vorstehers an mich leider noch des Nähern bestätigte. Der Wärter von dorther, der noch immer zu meiner Pflege bei mir war, fiel durch den Schrecken über diese Nachricht in eine schwere Krankheit, und verschaffte mir die traurige Gelegenheit, ihm einigermaßen die Dienste, die er mir geleistet hatte, zu erwiedern. Und diese Pflege des Kranken weckte wieder so manche bezügliche Erinnerung an das, was ich dort gelitten und genossen; anbei ging mir das Herzeleid meines Freundes, des edelgesinnten Vorstehers, nun ganz aus dem wohlgeordneten Gange seines ernsten Berufes herausgehoben zu sein, und ohne Dach und Fach nicht mehr helfen zu können, so begreiflich zu Herzen, als wenn ich an seiner Stelle gewesen wäre. Zu diesem Leiden kam noch das immerwährende Zureden derer, die es gut mit mir meinen wollten, und freilich auch meine eigne Einsicht über die nothwendige Wahl einer neuen Lebensrichtung; zugleich aber die Verlegenheit, was ich wählen sollte, um meinen unseligen Schatz würdig anzuwenden, da ich zum Herumwandern untüchtig geworden, an dem größern Handel schon einmal die Finger verbrannt, und zu einer öffentlichen Bedienung nach so vielen Jahren der Unabhängigkeit mich nicht mehr hingeben mochte.

Das war wieder ein harter Stand; das Zureden peinigte mich, die Unentschlossenheit raubte mir alles Selbstvertrauen, ich fühlte mich keiner eignen Wahl mehr fähig, und doch sträubte ich mich gegen den Zwang. Ich war in steter Beklemmung, bis in einer solchen Stunde der Angst ein guter Geist über mich kam, und wie durch eine Eingebung der Entschluß vor mir stand, all mein Geld dem Bau eines neuen Verpflegungshauses in X. hinzugeben, und mir selbst darin einen Platz auf Lebenslang zu bedingen. Nun war ich wieder frei und froh; hab' ich doch in allen meinen Lebensstationen nirgends so viel ächtchristliche Menschlichkeit gefunden, als an diesem Orte des Elends und des Trostes, sagte ich: hoffentlich wird durch diese Bestimmung auch der Fluch gehoben, der auf jenem Gelde liegt.

Gesagt, gethan! Ich überwand alle Hindernisse, die mir in den Weg gelegt wurden, und schwieg still zu mancher übeln Nachrede, die nicht ausblieb. Denn es hieß, wenn ich gleich Anfangs den Lotteriegewinn mit mehr Klugheit benutzt hätte, so wären alle die unglücklichen Vorfälle unterblieben. Wer konnte das wissen, hätte ich dem ungerechten Vorwurf erwiedern können; der Mensch wäre schlimm daran, wenn er vor Gott mehr noch als die Folgen böser Absicht verantworten müßte. – Mein Fehler sei der Leichtsinn, sagten Andre, der sich jetzt auf's Neue wieder in meinem Vorhaben bestätige. Ganz Unrecht mochten diese nicht haben; aber wollte Gott, ich hätte nie einen andern Leichtsinn bewiesen, als gegen das Geld, den Götzen dieser Welt, der kaum eine andere Behandlung verdient! – Ich hätte, hieß es weiter, einen anständigen Beruf wählen sollen, und nicht den Müßiggang im Hospitale. Hab' ich mich nicht genug in der Welt herumgetrieben, um im Alter ausruhen zu dürfen! Was geht es euch an, wo ich mein Ruhplätzchen suche, und wißt ihr es denn schon so sicher, daß ich müßig gehen werde? – Freunde, die der neue Reichthum mir zugezogen hatte, machte jetzt die Anwendung desselben mir zu Feinden, die Alles hervorsuchten, meinem Entschluß allen Werth abzusprechen, und die, wiewohl es offenkundig war, was ich vor Gericht hatte darthun müssen, daß mit meiner Muhme mir alle und jede Blutsfreundschaft abgestorben, dennoch dabei blieben, ich hätte das Geld meinen Erben lassen sollen. Welchen? Unbekannten Menschen, die einen ähnlichen Namen führten, und sich auf Gerathewohl hinzudrängten, um zu erndten, wo sie nicht gesäet hatten! – So tönte es; ich ließ sie tönen, weil ich wohl sah, daß sie nur schwatzen, aber nicht hören wollten. Sobald ich mein Geld nach einiger Mühe erhalten hatte, übermachte ich die ganze noch vorhandene große Summe nach X. als einen Beitrag meiner Erkenntlichkeit, zur Wiederherstellung des guten Werkes, dessen ich Jahr und Tag Zeuge gewesen. Ich überließ es den Behörden des Hospitals, den Betrag zum neuen Bau desselben nach Gutbefinden zu verwenden, und verlangte für mich nur die förmliche Zusicherung einer abgeschlossenen bescheidenen Wohnung in einem Flügel des Hauses mit einem Gärtchen, nebst lebenslänglicher Sorge für meine Bedürfnisse, die ich auf eine mäßige jährliche Summe angeschlagen hatte. Alles dieses ward mir gewährt, und auf's Beste bekräftigt.

Noch war aber das Haus nicht gebaut, und es vergingen Jahre, bis Alles zu Stande kam. Diese Zeit benutzte ich, meine Schulden einzuziehen; und da sie mir theils an Geld, theils an Waaren bezahlt wurden, und ich selbst noch in meinem Krämerstand ein Artiges erspart hatte, so wandte ich einen Theil davon zu einem kleinen Kramladen an, mehr um Etwas zu thun zu haben, als daß ich eben auf großen Absatz zählte; allein der Erfolg war besser als die Erwartung. Seitdem ich dem Gelde nicht mehr nachging, suchte es mich; Manche trieb die Neugier zum Kauf, einen Menschen zu sehen, dessen Leben und Thun so viel Sonderbares habe: Viele kauften, weil sie dachten, der Narr, der nicht reich sein wolle, werde seine Waaren billiger als Andre losschlagen. Keiner fand, was er gesucht hatte, ich war weder ein Sonderling noch ein Narr, wenigstens wollte ich es nicht sein; aber ich hielt die Probe der Ehrlichkeit aus, und das währt nach dem Sprüchwort am längsten.

Als nun endlich Bau und Einrichtung des Pflegehauses in X. vollendet war, holte mich der Aufseher, mein Freund, ab. Ich verkaufte Häuschen und Kram, und bestimmte (ich muß es sagen, da es zur Geschichte gehört) einen Theil des Betrags zum Erziehungsbehuf der armen verlassenen Kinder des Hingerichteten, durch den meine Muhme das Leben verloren hatte; das Uebrige verlief sich in andere Bäche. Dann zog ich mit dem Freunde in die mir für Lebenszeit gewidmete stille Freistätte. Es war gerade die rechte Zeit, denn meine Verwundung, obgleich geheilt, hatte doch Folgen zurückgelassen, die mir die Stille wünschbar machten, da sie mich am thätigen Leben hinderten. Hier nun, wie jener alte Römer, der am Ende seiner Tage blos sieben Jahre gelebt haben wollte, leb' ich nun bald noch einmal so lange in menschenmöglicher Zufriedenheit; ich lese, schreibe, helfe, baue mein Gärtchen, abgeschieden von der Welt, und geduldig, wenn sie mir zu nahe tritt. Ein Paar Freunde, die ähnliche Gesinnungen hegen, machen meine sichtbare Gesellschaft aus, und die unsichtbare geht mir über Alles. So habe ich mir ein Klosterleben gemacht, ohne die Leiden des Mönchthums. Wer besser zu leben glaubt, der bedaure mich!