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: Sagen aus dem Harz - Die Fahrt nach dem Brocken
Quellenangabe
typelegend
titleDie Fahrt nach dem Brocken
booktitleSagen aus Deutschland
publisherCarl Ueberreuter
year1953
senderjuergen@redestb.es
authorÜberlieferung
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Die Fahrt nach dem Brocken

Es war einmal ein junger Mann, der sich mit einem hübschen Mädchen verlobt hatte. Nach einiger Zeit fiel dem Bräutigam das merkwürdige Verhalten seiner Braut und deren Mutter auf. Beide waren nämlich Hexen. Als nun der Tag kam, an dem die Hexen nach dem Brocken ziehen, stiegen die beiden Frauen auf den Heuboden, nahmen ein kleines Glas und tranken daraus, dann waren sie auf einmal verschwunden. Den Bräutigam, der ihnen nachgeschlichen war und sie beobachtet hatte, lockte es, auch einmal einen Schluck aus dem Glas zu tun. Er nahm es und nippte ein wenig daran; da war er mit einemmal auf dem Brocken und sah, wie seine Braut und deren Mutter mitten unter den Hexen tollten, die um den Teufel tanzten, der in ihrer Mitte stand.

Nachdem der Tanz zu Ende war, befahl der Teufel, daß jede ihr Glas nehme und trinke, und gleich darauf flogen sie nach allen vier Windrichtungen auseinander. Der Bräutigam aber stand mutterseelenallein auf dem Brocken und fror, denn es war eine kalte Nacht. Ein Glas hatte er nicht mitgenommen, und so mußte er den Rückweg zu Fuß antreten.

Nach einer langen beschwerlichen Wanderung kam er endlich wieder bei seiner Braut an; aber diese war sehr zornig, und auch die Mutter zankte mit ihm, weil er aus dem Glas getrunken hatte. Mutter und Tochter kamen endlich überein, den Bräutigam in einen Esel zu verwünschen, was denn auch geschah.

Der arme Bräutigam war nun ein Esel geworden und trabte betrübt von einem Haus zum andern, wobei er sein trauriges ija, ija schrie. Da erbarmte sich ein Mann des Esels, nahm ihn in seinen Stall und legte ihm Heu vor; aber der Esel wollte begreiflicherweise nicht fressen und wurde nun mit Schlägen aus dem Stall getrieben.

Nach langem Umherirren kam das Langohr wieder einmal vor das Haus seiner Braut, der Hexe, und schrie recht kläglich. Die Braut sah ihren vormaligen Bräutigam, der als Esel mit gesenktem Kopf und herabhängenden Ohren vor der Tür stand. Da bereute sie, was sie getan hatte, und sprach zum Esel: »Ich will dir helfen, du mußt aber tun, was ich dir auftrage: Wenn ein Kind getauft wird, so stelle dich vor die Kirchentür und laß dir das Taufwasser über den Rücken gießen, dann wirst du wieder in einen Menschen verwandelt werden.«

Der Esel folgte dem Rat seiner Braut. Am nächsten Sonntag wurde ein Kind getauft; da stellte sich der Esel vor die Kirchentür. Als die Taufhandlung vorbei war, wollte der Küster das Taufwasser wegschütten, aber der Esel stand ihm im Wege.

»Geh, alter Esel!« meinte der Küster, aber der Esel wich nicht. Da wurde der Küster ärgerlich und goß dem Tier das Wasser über den Rücken. Nun war der Esel erlöst und verwandelte sich wieder in einen Mann; dieser eilte zu seiner Braut, heiratete sie und lebte fortan recht glücklich mit ihr.

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