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Ludwig Ganghofer: Der Michel und sein Todfeind - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleBergheimat
authorL. Ganghofer
titleDer Michel und sein Todfeind
publisherFackelverlag Stuttgart
copyright1995 abc.de Internet-Dienste (HTML-Text)
pages171-182
senderhille@abc.de
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Ludwig Ganghofer

Der Michel und sein Todfeind

Ihre Namen, wie sie im Taufbuch stehen, darf ich nicht nennen. Muß auch verschweigen, wo die Geschichte spielte. Denn der Michel – so soll der Jäger heißen – sagte mir damals: »Gelt, halten S' fein 's Mäu! Sonst kunnten mer nobel in d' Schlemastik kemma!« Und ich fühlte nicht das Verlangen, als Ankläger aufzustehen, wo kein Richter war. Nach dem Strafrecht ist ja die Sache schon längst verjährt. Der Michel hätte also nichts Ernstliches mehr zu befürchten. Aber was ich da erzähle, könnte doch hinausklingen in das kleine Dorf, in dem der alte Weißkopf mit Behagen seine Pension verzehrt. Das würde dann ein böses Gerede absetzen. Und ich möchte dem Michel in der gemütlichen Ruhe seiner sinkenden Lebenstage keine 'Schlemastik' verursachen. Denn ein Mörder war er nicht! Obwohl er mordete.

Schon der erste Abend, den ich mit dem Michel in der Jagdhütte verlebte, ist mir in schwüler Erinnerung geblieben. Noch heute, nach sechsundzwanzig Jahren, wenn ich an diesen Abend denke, läuft mir ein Schauer über den Rücken.

Ich hatte damals, nach meinem letzten Universitätsjahr, eine Jagderlaubnis in einem der wildreichsten Reviere unserer Berge. Ende Juli, an einem regnerischen Nachmittag, kam ich in dem Dorfe an, in dem der Forstmeister wohnte. Obwohl es in Strömen schüttete, ließ mir die Glut meines jungen Jagdeifers keine Ruhe, und ich wollte noch vor Abend hinauf ins Gemsrevier. Der Michel wurde mir als führender Jäger zugeteilt, ein langer, sehniger Bursch mit einem derben und gutmütigen Gesicht, dem nach Art der Mongolenbärte ein dicker, brauner Schnauzer über die Mundwinkel hing. Im Wirtshaus verproviantierte ich mich flink für ein paar Hüttentage, dann nahm der Michel den schweren Rucksack auf den Rücken, und unter dem Schutz der Wettermäntel marschierten wir los. Ein nasses Vergnügen, dieser Aufstieg!

Ich hatte so viel mit meinem triefenden Mantel und mit dem glitschigen Weg zu schaffen, daß ich zum Plaudern nicht sonderlich aufgelegt war. Der Michel aber machte immer wieder einen Versuch, mir die Zeit zu vertreiben. Und als er gelegentlich stehenblieb, um zu rasten, und hinunter blickte in das grauvernebelte Waldtal, sagte er: »Gestern haben s' den Lindlmayer hoambracht, an meinigen Kameraden.«

»Heimgebracht? Wieso?«

»Schluß hat er halt gmacht! Wissen S', an der Lunglsucht hat 'r labariert. Und da hat 'r si gestern a Kügerl auffipelzt aufs richtige Fleckl. jetzt hat 'r sein Fried. Is a braver Mensch gwesen, recht a handsamer, jaaa!«

Ich wollte mich umblicken nach dem Jäger, der mit einem kurzen ja über allen Schmerz eines zerstörten Lebens hinübersprang. Aber da rann mir die grüne Lauge meiner neuen Hubertuskappe über das Gesicht, und ich hatte Arbeit, um Augen und Nase wieder trocken zu bekommen. Auch war das Thema, das der Michel da angeschlagen, nicht besonders erquicklich. Drum ließ ich es ruhen.

Bei den schlechten Wegen dauerte der Aufstieg länger, als ich gerechnet hatte, und wir kamen in die finstere Nacht hinein. In der Hütte fanden wir die kleine Hängelampe völlig ausgebrannt, kein Tropfen Petroleum war in der Kanne – und so mußten wir im Dunkeln sitzen und unser Nachtmahl bei dem Glutschein verzehren, der aus dem Schürloch des eisernen Kochherdes glostete. In der winzigen Stube war eine Hitze zum Ersticken; die auf den Herdstangen trocknenden Kleider und Mäntel verursachten einen abscheulichen Dunst; aber das Rasten im Trockenen tat mir wohl, die Hoffnung auf gutes Wetter und einen ergiebigen Pirschtag vergoldete meine Laune, und während der Michel sich auf die hölzerne Bank legte, streckte ich mich behaglich auf die Seegrasmatratze des Bettes.

»Gute Nacht, Herr!«

"Gute Nacht, Michel!" sagte ich gähnend und zog die wollene Decke über den Hals.

Wie süß mir die Ruhe in allen Gliedern prickelte! Doch als ich schon zu duseln anfing, spürte ich plötzlich unter meinem Rücken etwas Feuchtes. »Michel, da muß es hereingeregnet haben! Die Matratze ist ganz naß.«

»Ah na, da hat's net einigregnet! 's Dach is guat! Dös weard halt Blüat sein!«

»Blut?« Erschrocken fuhr ich in die Höhe.

»No ja, auf Enkerer Liegerstatt da hat si gestern der Lindlmayer derschossen.«

Den Sprung, den ich aus dem Bett machte, hättet ihr sehen sollen! Und wie ein Narr hinaus zur Stube! Von Ekel geschüttelt, riß ich mir draußen das Hemd herunter und ließ mir vom heiligen Petrus den nackten Rücken waschen.

»Jesses, Jesses«, brummte der Michel verdrießlich, »wia ko ma denn so hoakli sein? Blüat is halt Blüat! Wenn a Gamsbock schwoaßt, da graust Eahna do aa net!«

Um keinen Preis der Welt hätt' ich die Nacht in dieser Stube zugebracht. Schaudernd, in den feuchten Mantel gewickelt, blieb ich unter dem vorspringenden Hüttendach im Freien sitzen. Der Michel redete mir immer zu, daß ich gscheit sein sollte. Schließlich aber gab er die nutzlose Mühe seiner Überredungskünste auf, ging in die Stube zurück, breitete seinen Wettermantel über die Matratze und legte sich drauf. Ich konnte ihn schnarchen hören bis zum Morgen. Den hat das Blut nicht scheniert!

Als das Frühlicht dämmerte, übersiedelten wir in eine andere, zwei Stunden entfernte Hütte. Die Jagd aber wollte mich nicht mehr freuen. Doch der Michel lachte immer, als hätte er in seinen fünfunddreißig Jahren was Lustigeres nicht erlebt. Und das wurde für ihn zu einer Art von Sport, mich immer zu fragen: 'Herr Doktor, haben S' an trückenen Buckel?' Ich mußte dem Michel das verbieten, denn ich konnte mich an diese fidele Frage nicht gewöhnen.

Im Laufe jenes Sommers habe ich mit dem Michel noch manchen Pirschgang gemacht. Doch in der feuchten Hütte habe ich niemals wieder geschlafen. Mit dem Michel aber bin ich gut Freund geworden. Er war ein vorzüglicher Jäger, mit einer ruhelosen Aufmerksamkeit in den huschenden Augen. Auch sonst ein Mensch, mit dem sich's auskommen ließ, einer, mit dem man lustig über alles schwatzen konnte. Nur von seinem Todfeind durfte man mit dem Michel nicht reden – vom Schmiedbartl, wie ich den anderen nennen will. Wenn dieser Name klang, wurde der Michel völlig ein anderer Mensch; seine Gestalt krümmte sich zusammen, wie die Katze den Buckel aufzieht, wenn der große Hund kommt; die eingekniffenen Augen bekamen einen starr funkelnden Blick, und 'fliegende Hitzen' gingen dem Michel über die aschfarbene Stirn. Dabei hatte er eine typische Redensart: 'Herrgott sakra! Den Kerl wann i amal...' Den Rest dieses Gedankens verschluckte er immer. Und mehr war aus dem Michel nicht herauszubringen. Aber vom Forstmeister erfuhr ich, daß der Schmiedbartl seit Jahren im Verdacht wäre, ein Wilddieb zu sein, und zwar von den gefährlichsten einer. Er trieb sein Handwerk nach Paragraph 11, der bekanntlich lautet: Nicht erwischen lassen! Die Jäger hatten um seinetwillen Verdruß und Arger an allen Enden und Ecken des Reviers. Und noch etwas anderes hatten sie: Sorge um ihr Leben! Da konnte hinter jedem Baum, hinter jedem deckenden Fels eine unerwartete Kugel herausfliegen. Und jetzt verstand ich sie erst: diese blitzende, rastlose Aufmerksamkeit, die in Michels huschenden Augen war, wenn wir in der Dämmerung miteinander pirschten.

Eines Vormittags, ehe wir zu Berg steigen wollten, saß ich mit dem Michel im Extrastübchen des Wirtshauses; ich in der Aussicht auf gute Jagd und der Michel in fideler Laune; denn er hatte einen kapitalen Hirsch bestätigt und wußte, daß es an einem guten Trinkgeld nicht fehlen würde, wenn der Geweihte sein Testament machte.

Da trat ein Bursch in die Stube, ein paar Jahre über die Dreißig und gut gekleidet, ein bißchen stutzerhaft, wie die Schlierseer Komödianten in der Stadt umherlaufen, wo sie gastieren. Auch gut genährt war er und brauchte schon einen weiten Hosenbund; aber an seinen lässigen Bewegungen merkte man gleich, daß sich eine eiserne Kraft hinter ihnen verbarg. Das glattrasierte, mit drei großen Blatternarben gezeichnete Gesicht hatte gerade nichts Unsympathisches. Diese ruhigen, wasserblauen Augen gefielen mir sogar. Wie scharf mußten sie sehen! Denn die Pupillen, die schwarz in diesem Blau saßen, waren so klein wie Stecknadelköpfe.

Ohne zu grüßen, setzte er sich an das andere Ende unseres Tisches, legte die Ellenbogen auseinander und musterte mit gemütlichem Schmunzeln bald den Michel, bald wieder mich. Mit diesem Schmunzeln verdarb er es bei mir, und fragend sah ich den Michel an. Der hatte plötzlich seine gute Laune verloren und redete kein Wort mehr. Als ich diesen aufgezogenen Buckel sah, diesen harten, lauernden Blick und diese fliegenden Hitzen' auf Michels kalkiger Stirne, da wußte ich gleich: Das muß der Schmiedbartl sein!

Der Michel in seinem Schweigen trank immer häufiger, doch immer nur mit kleinem Schluck. Und wenn er das Bierglas auf den Tisch zurückstellte, zitterte ihm die Hand. Als es leer war, schlug er mit der Faust auf die Tippglocke, die vor ihm stand. »Mareidl!« rief er der Kellnerin zu. »An Schnaps bringst mer!«

Und der andere sagte mit seinem gemütlichen Schmunzeln: »Mir bringst an Schampani, gelt!«

Die Kellnerin zeigte ein wütendes Gesicht. »Bartl, da machst, daß d' aussi kommst!«

»Ah so?« fragte der andere in seiner lächelnden Ruhe. »Hab' i scho amal ebbes net zahlt? Geh! Mein Schampani bringst mer! Mir leidt's oan!«

»Wart du! Der Wirtin sag i's.« Und das Mädel surrte zur Türe hinaus.

Der Schmiedbartl begann einen Ländler leise vor sich hin zu pfeifen und betrachtete dabei der Reihe nach die Hirschgeweihe, die am braunen Getäfel hingen. Den Michel sah er gar nicht mehr an. Der sprang aber plötzlich auf wie ein Verrückter, und seine Stimme kreischte vor Zorn: »Du? Willst mer ebbes?«

»Iiiii?« Verwundert sah der andere an dem Jäger hinauf, und die kleinen Pupillen seiner wasserblauen Augen wurden noch kleiner. »Was d'r einfallt!«

Der Michel schien den Verstand verloren zu haben und wollte losdreschen. Aber da hatte ich ihn schon an der Joppe erwischt und riß ihn zurück. Im gleichen Augenblick erschien auch die Wirtin, eine kleine magere Person, so schwächlich, daß der Schmiedbartl sie mit einem Schnaufer zur Türe hätte hinausblasen können. »Bartl!«, sagte sie mit einem messerscharfen Stimmchen und deutete nach dem Loch, das der Zimmermann gemacht hatte. »Staub aus!«

Ohne ein Wort zu sagen, erhob sich der Bursch und verließ die Stube. – Die Macht des ewig Weiblichen!

Der Michel aber krampfte die Fäuste zusammen, daß er ganz weiße Knöchel bekam. »Haben S' es net gsehn? 's Pech hat 'r no hinter die Ohrwascheln, wo er si beim Wildern d' Larven dermit anpickt! ... Herrgott sakra! Den Kerl wann i amal . . .«. Den Rest dieses Gedankens verschluckte er wieder.

Das wußte ich jetzt: Wenn die beiden sich da droben im Bergwald einmal begegnen, dann geht nur einer vom Fleck – der eine, der mit dem krummen Finger der flinkere ist.

Zwei Jahre später sollte mich ein böser Zufall zum Zeugen der Abrechnung machen, die in der Sonne eines schönen Morgens diese beiden Todfeinde miteinander hielten.

Seit einer Woche hauste ich mit dem Michel hoch droben über dem See in einer Jagdhütte. Am Samstag abend mußte der Jäger ins Dorf hinunter, um seinen Wochenrapport zu erstatten. Weil er am folgenden Morgen nicht zurück sein konnte, bis es schußlicht wurde, machten wir aus, daß ich für mich allein einen Pirschgang unternehmen sollte, während der Michel seinen Rückweg zu einem 'Speggaliermarsch' durch die tiefer liegenden Wälder zu benützen gedachte, die an Sonn- und Feiertagen gern von ungeladenen Jagdgästen besucht wurden. Dann wollten wir uns auf der Seeplatte treffen.

Es war ein herrlicher Morgen, so reich an geheimnisvollem Reiz und zärtlich flüsternden Farben, daß ich bei unersättlichem Schauen ganz der Jagd vergaß. Als die kommende Sonne ihre Rosenglut über die steinernen Zinnen hinhauchte, alle die schweigsamen Wipfel der Zirben umgoldete und in den weißen Tauperlen die feurig blitzenden Seelchen weckte, schwammen aus der Tiefe gerade die sanften Glockentöne herauf, die drunten im Dorf zur Frühmesse riefen. Wie köstlich fein das in der Stimmung war! Zu solcher Stunde, wenn die Natur im keuschen Glanz der Frühe all ihre Schönheit vor dir entschleiert wie ein Weib, das dich liebt zu solcher Stunde rinnen dir merkwürdige Dinge durch Blut und Sinne, durch Kopf und Herz! Da glaubst du allem ungelösten Rätsel des Lebens wie ein Wissender gegenüberzustehen – da lächelst du, und alles Denken ist in dir wie der silberne Lauf einer klaren Quelle.

Aber was mag sich wohl in dieser köstlich feinen Stimmung der Hirsch gedacht haben, der auf dreißig Gänge vor mir stand, ohne daß ich ihn sah, und der mich erst durch den Lärm seiner Flucht auf sich aufmerksam machte? Und als ich dann hinauskam in die Seewände und dem steil hinunterstürzenden Gefels zu Füßen den See da drunten liegen sah wie einen großen, dunklen Smaragd, im Filigran der steinernen Ufer – da vergrämte ich noch einen Gemsbock, der pfeifend über die Wand hinaufsauste.

Die gute Pirschzeit war noch nicht vorüber, aber mich lockte die Jagd nicht mehr. Und da war auch schon die Seeplatte, eine grün gepolsterte Felsnase, die sich wie ein kleiner Erker hinaushob in die Luft. Ich legte das Fernrohr und die Büchse ins Gras, breitete den Wettermantel in die Sonne und ließ mich nieder, um auf den Michel zu warten. Als ich meine Zigarette anbrannte, klang der Hall eines fernen Schusses weit draußen in der Leitenwand, die mit schwindelnder Steile hinunterfiel nach dem See, in hohen Stockwerken von schmalen, grünen Bändern durchzogen und gesprenkelt mit kleinen Waldflecken, auf denen niedere Latschenstauden und kümmernde Fichten um ihr bißchen Leben rangen.

'Der Michel hat einen andern Weg genommen', dachte ich mir, 'und hat auf irgendein Raubwild geschossen'.

Eine Weile spähte ich über die Leitenwand hinaus, ob nicht der Michel irgendwo daherkäme. Dann guckte ich wieder hinunter in die wundersame Tiefe und blies in Träumen den Rauch der Zigarette vor mich hin.

Die Sonnenstrahlen, die da drüben durch alle Scharten der Berge breit hervorbrachen, spannten sich wie goldene Stege über den Kessel, in dem der See gebettet lag. Bei mir herüben, auf der Sonnenseite, war alles ein Schimmer und Glast. Drüben aber waren die Wände und Wälder versunken unter dunstigem Schattenblau wie eine Welt, die noch nicht fertig ist.

Da weckte mich das Geklapper flinker Schritte. Der Michel kam, aber nicht von der Leitenwand, sondern von der entgegengesetzten Seite. »Hab scho ghört!« rief er mich an. »Liegt ebbes? Oder haben S' gfehlt?«

»Aber Michel? War denn der Schuß nicht von Ihnen? Ich hab' ja doch gar nicht geschossen!«

»Herrgott sakra!« Von hinten schob er den Hut in die Stirn. »Da haben mer an Lumpen im Revier!« Und an wen er dachte, das merkte ich gleich; denn er machte den krummen Buckel und hatte keinen Tropfen Blut mehr im Gesicht. Wie der Blitz huschte sein spähender Blick über alles Sichtbare hin. Das war kein Mensch mehr – so muß der Blick eines Tieres sein, das den Wolf in der Nähe wittert.

Sich duckend, sprang er zu mir, warf sich auf die Knie, fragte flüsternd, in welcher Richtung ich den Schuß gehört hätte – und zischelte: »Schaugn S', daß S' hoamkommen! jetzt kon i Eahna nimmer brauchen, jetzt muaß i Dearfst machen!«

Ich wollte schon in Eile mein Zeug zusammenraffen, als drüben in der Leitenwand das Rollen und Sausen fallender Steine klang. Und bei einem der kleinen Waldflecke, die wie Vogelnester an den Felsen hingen, meinte ich etwas Bewegliches zu entdecken. Während ich mit zitternden Händen das Fernrohr auseinanderzog, hörte ich hinter mir einen keuchenden Laut. Und was ich im Glase hatte, alles gaukelte, die mageren Bäumchen, das graue Gestein, die niederen Latschen und der näher steigende Mensch da drüben, über dessen Kopf die Läufe des Gemsbockes hinaufstarrten, den er im Rucksack schleppte. Mit der einen Hand klammerte er sich immer an die Latschen und Felsen an, in der anderen hielt er, wie schußfertig, die Büchse. Alle paar Schritte blieb er. stehen und drehte den Kopf. Der Gestalt nach meinte ich ihn zu erkennen. Aber das Gesicht war von einer schwarzen Maske aus Drahtgeflecht bedeckt und mit einem Wulst von Roßhaaren umhangen.

»Michel...«, wollte ich sagen. Aber da warf mich der Luftdruck eines Schusses, der mir dicht am Ohr vorbeigegangen, fast zu Boden. Und der Mensch in der Leitenwand, der machte einen meterhohen Sprung und verschwand.

Mir wurde übel. Und wie in einem Nebel sah ich, daß der Michel, in der Faust die rauchende Büchse, an den Rand der Platte vorsprang und mit gestrecktem Hals auf das Rollen und Gepolter lauschte, das immer weiter hinunterrasselte gegen den See. Dann drehte er das Gesicht zu mir und sagte: »Da fallt oaner abi! Ob jetzt dös der Gamsbock sein weard? Oder der Bartl?«

Das Grauen schüttelte mir alle Glieder. »Michel! Um Gottes willen! Wie kann man denn einen Menschen so niederschießen?«

Der Michel gab keine Antwort, sondern guckte wieder und lauschte in die Tiefe, in der es still geworden. Dann sagte er: »jetzt muaß i allweil umisteigen! Kunnt ja mögli sein, daß 'r no schnauft. Und da konst an Menschen do aa net liegen lassen.« Er sprang von der Platte auf einen steinernen Sockel hinunter, und während er in die Leitenwand einstieg, schob er eine frische Patrone in die Büchse.

Es würgte in mir, ich konnte mich kaum noch auf den Beinen halten – und dennoch trieb es mich hinter dem Michel her. Aber langsam ging es. Und den Michel sah ich schon nimmer. Nach einer Weile hörte ich ihn rufen: »An Schwoaß hab i scho!« Dann schrie er: »Bartl! He! ... Bartl! He! ... Sei gscheit und gib an, bal no konst!« Nun Stille. Nur manchmal das Rollen kleiner Steine. Und jetzt ein Laut des Erbarmens: »Jesses, da liegt 'r!«

Von dem Felsband, über das ich mich vorwärts krabbelte, konnte ich hinuntergehen auf den Fleck, der den Bartl im Sturze aufgefangen hatte. Was mit Gerassel in die Tiefe gefahren, das war nur der Rucksack mit dem Bock gewesen.

Ganz ruhig lag der Bartl auf dem Rücken, mit der linken Hand an eine Latschenstaude geklammert. Die Joppe war ihm halb über die Schulter gezogen, und die Drahtmaske war von dem bleichen Gesicht gerissen, in dessen wasserblauen Augen noch das Leben glänzte.

Und jetzt kommt das Merkwürdige, um 7dessentwillen ich diese Geschichte erzähle. Ob alle meine Leser das verstehen werden? Auch mir, der ich mein halbes Leben mit dem Volk der Berge teilte, ist das in dreiundzwanzig Jahren nicht völlig verständlich geworden.

Da liegt ein Sterbender, und sein Mörder steht vor ihm – zwei Menschen, in denen der aus Lebenssorge entstandene Haß seit Jahren gebrannt hat, wie das Feuer in der Esse brennt, wenn der Blasbalg getreten wird. Und nun ratet, was diese beiden Menschen sich zu sagen hatten!

Ich sah, wie sich der Michel, die beiden Hände auf seine nackten Knie gestützt, über den andern hinbeugte, und hörte ihn fragen, in einem gutmütig freundlichen Ton: »Was moanst denn, Bartl? Fehlt's weit?«

Und der andere, mit der Stimme eines Gesunden, sagte: »Bis hoam, daucht mer, langt's ebba nimmer. Kunntst mer scho an Gfallen toan, wann mer den Pfarr auffiholen taatst«.

»Aber freili, gearn, i lauf, was i laufen kon!«

»Vergeltsgott! Und bis si der Pfarr firti macht, konst es ein Vater aa glei sagn.«

»Freili, ja.« Der Michel wollte davon. Und besann sich. »Wart, i tua dir no ebbas!« Mit seinen eisernen Händen riß er einen großen Rasenbrocken von der Felswand und legte ihn dem Bartl mit der Grasseite auf die rote Brust. »Woaßt, dös hebt d'r 's Blüat auf!«

»Moanst?«

»Ja. Dös hat mer oaner gsagt amal. Aber schön stadhalten muaßt di, gelt! I tummel mi scho. Pfüe Gott derweil!« Und während der Michel durch die Felswand hinausstieg, so flink, als hätte er das Trottoir einer städtischen Promenade unter den Schuhen, rief er zu mir herauf: »Steigen S' abi, Herr, und bleiben S' hocken bei eahm! Sunst kunnt 'r Langweil haben. In vier Stund, moan i, bin i da mit'm Pfarr!«

Alles Entsetzen, das in mir gezittert hatte, war für einen Augenblick überwunden von einem fassungslosen Staunen über diese beiden Menschen, für die alles Geschehene eine selbstverständliche und erledigte Sache war, über die es kein Wort mehr zu reden gab.

Doch als ich zu dem Grasband hinunterkam und den Sterbenden und sein rinnendes Blut in der Nähe sah, packte mich das Grauen wieder.

Er stöhnte ein wenig und wollte mit der rechten Hand nach seinem Nacken greifen.

Mühsam brachte ich's heraus: »Kann ich Ihnen was helfen?«

»A bißl a Mies kunntst mer einischiabn unters Gnack! So a Stoanl, dös druckt mi so!«

Mit der einen Hand raffte ich das Moos zusammen, mit der anderen klammerte ich mich an einen Felszacken – denn der Platz war bedenklich. Und so schmal war der Fleck, daß ich am Bartl nicht vorbei konnte, sondern über ihn hinübersteigen mußte, um zu seinem Kopf zu kommen. Als ich mich bückte, das Moosbüschl zwischen den Händen, wollte sich der Bartl aufrichten, um mir die Sache zu erleichtern. Das Rasenpflaster, das ihm der Michel auf den Einschuß gelegt hatte, kollerte ihm über die Brust herunter – und da schien es, als wäre dem Bartl plötzlich zwischen den Rippen etwas entzwei gegangen. Die Augen quollen ihm starr aus den Höhlen, seine Fäuste machten noch einen Zuck nach dem Herzen, lautlos fiel er zurück, die Arme schlugen wie Blei auf die Steine, der Körper fing zu rollen an, leblos, nur vom Gewicht seiner Schwere – und bevor ich in meinem Schreck noch zugreifen konnte, glitt der Tote über den Rand des Felsens hinaus, umprasselt von Steinen, die seine Reise in die Tiefe mitmachten.

»Michel!« begann ich wie irrsinnig zu schreien. »Michel! Michel! Michel!«

Nach einer Weile kam der Jäger hastig durch die Wand hereingestiegen. Nicht mein Schrei, sondern das Gepolter der Steinlawine hatte ihn zurückgerufen. Als er mich sah, tat er einen Schnaufer der Erleichterung und guckte über die Wand hinunter. »Hat's den Bartl abigrissen?« Den Namen betonte er. »Da braucht er koan Pfarr nimmer!« Der Michel nahm den Hut ab und bekreuzigte sich. »Muaß 'r halt selm schaugn, wie er mit'm Herrgott füranand kommt!« Er warf die Joppe ab und streifte die Schuhe von den nackten Füßen. »Da habn mer jetzt a grobs Stückl Arbet! Himi Herrgott Sakrament!« Mit ruhiger Vorsicht kletterte er über die Felswand hinunter.

Um dieses Blut nicht mehr sehen zu müssen, stieg ich aus der Felswand hinaus. In einer engen Steinrinne setzte ich mich nieder.

Das dauerte lange, bis der Michel wiederkam – damals meinte ich, es wäre eine Ewigkeit – aber es waren nur drei Stunden. Plötzlich stand er vor mir, die Joppe über der Schulter, in der einen Hand die Büchse, in der anderen die klobigen Schuhe. Von den wundgerissenen Füßen tropfte ihm das Blut – sein eigenes.

»Jetzt liegen s' alle zwoa beinand«, sagte er, »der Bock und der Bartl! Und dös macht 'r allweil so, ünser See. Daß 'r koan nimmer auffilaßt! Da weard eahna 's Suachn net viel bideuten! Sauberer hätt's net aufgehn kinna!« Mit einem Grasbüschel wischte er das Blut von den Füßen und schlüpfte in die Schuhe. »Schaugn mer hoamzua!« Tief atmend zog er die Joppe an, trocknete sich mit dem Ärmel den Schweiß vom Gesicht, nahm die Patronen aus der Büchse und sah mir fest in die Augen. »Gelt, halten S' fein 's Mäu! Sunst kunnte mer nobel in d' Schlemastik kemma! Die dalketen Leut san allwei die mehrern ... da woaßt nia, wie dran bist!«

Ich brachte kein Wort heraus. Und dieser Heimweg zur Hütte war eine böse Sache für mich. Die Nachwehen der Aufregung kochten in mir, daß ich alle paar hundert Schritte zu einem bitteren Heiligen beten mußte. Überall hatte der Michel eine Quelle zur Hand, und immer lief er und brachte mir Wasser in seinem Hut. Schließlich verging ihm bei dieser Krankenpflege aber doch die Geduld, und verdrossen murrte er vor sich hin: »Malefiz Stadtleut, verfluachte! Was ma da allwell für Schererei hat!« Doch er besänftigte sich wieder und rüttelte mich zutraulich am Arm: »Aber! So stellen S' Eahna do a bißl vernünfti an! Is do gscheiter, mier zwoa gengan hoam, und der ander liegt drunt! Bal uns der ander derspecht hätt ... moanen S', der hätt Springginkerln gmacht? Da hätt's halt ghoaßen: Sö oder i! Wen's halt troffen hätt! Na, na! Sammer zfrieden! jetzt haben mer ünser Ruah!«

Diese Logik, der ich nicht widersprechen konnte, beruhigte mich ein wenig. Ich sagte nichts mehr, und schweigend marschierte der Michel hinter mir her. Aber dann hatte er zu seiner Logik noch einen Nachtrag zu machen: »A nagelneue Doppelbüchs hat 'r ghabt! Da hätt 'r uns alle zwoa rasieren kinna! A feins Gwehrl! Dös hat mi fein greut, weil i's einischmeißen hab müassen in See!«

Nun blieb er still. Erst als wir in die Nähe der Hütte kamen, wachte er aus seiner nachdenklichen Stimmung auf und sagte: »jetzt is 'r um d' Leich aa no kemma! Dös weard'n fuxn, da drent. Wissen S', an der Schmidden, da hängt a mordsmäßige Freindschaft. Dö waaren eahm alle mit der Leich ganga! ja! A schöns Begräbnis hätt 'r haben kinna, wann 'r in der Ordnung gstorben waar.«

Drei unbehagliche Tage blieb ich noch in der Hütte – und tat es, weil der Michel das aus triftigen Gründen für nötig hielt. Aber als ich am Mittwochabend hinunterkam ins Dorf, mußte ich vor dem Forstmeister mein Gewissen erleichtern. Der erschrak zuerst, dann kratzte er sich hinter den Ohren und fing zu schimpfen an – aber nicht auf den Michel. Den ganzen Abend redete er in mich hinein. Und erzählte mir die Geschichte von einem Dutzend Jägern, die man kalt im Bergwald gefunden hatte, mit der Kugel im Rücken oder mit den Posten im Bauch. Aber von einem Wilddieb, der zu Gericht gegangen, um sich als Mörder zu bekennen, hätte man noch nie was gehört. Im Gesetz, da muß es freilich heißen: Der Jäger darf sich nur wehren! Aber wenn der Jäger, sobald es ans Wehren geht, schon ein toter Mann ist? Und Weib und Kind hat? Was dann?

Bis nach Mitternacht schwatzte der Forstmeister immerzu, bald heiß, bald wieder ruhig. Aber mit seiner fünfstündigen Rede sagte er mir auch nichts anderes, als was mir der Michel mit fünf kleinen Worten gesagt hatte: »Gelt, halten S' fei 's Mäu!« Als die Woche zu Ende ging, begann man in der Schmiede einen zu vermissen. Wo hätte man ihn suchen sollen? Auf zehn Stunden in der Runde war jedes wildreiche Revier ein Lieblingsaufenthalt des Bartl gewesen. Von allen Jägern der Nachbarschaft stand jeder unter dem Verdacht, daß er den Bartl füranand bracht' hätte. Nur den Michel ließ das Geschwätz in Ruhe. Denn im Dorfe wußten sie: Der Michel hatte einen Jagdgast zu führen; und so ein bequemer Stadtfrack will nicht nur auf die Pirsche geführt sein, sondern will auch seine Schuhe geschmiert bekommen; da hat der führende Jäger keine Zeit für andere Dinge!

Erst nach vierzehn Jahren sah ich den Michel wieder. Ein lustiger Kerl, gesund und frisch wie das rechte Leben! Und jenen ruhelos huschenden Blick, den hatten seine Augen ganz verloren. Mit gemütlichem Behagen guckte er hinein in die Welt und in den Wald. Und niemals sprach er zu mir auch nur mit einer Silbe von jenem roten Sonntag.

Dann bin ich ihm nimmer begegnet. Vergangenes Jahr, an Ostern, las ich in der Zeitung, daß er in Pension gegangen – in den verdienten 'Ruhestand', wie sie das amtlich nennen.

Und da nun gedruckt ist, was ich hier erzählte wer weiß, ob da nicht ein Zufall dem Michel das Buch in die Hände spielt? Das Gesicht, das er dazu machen wird, kann ich mir ungefähr denken. Vor allem wird der Michel verwundert dreingucken, wenn er merkt, daß ich an dieser Geschichte nicht ganz verstanden habe, wie Todfeinde miteinander reden müssen, wenn dem einen die Kugel des andern zwischen den Rippen sitzt. Und dann wird er mit der Faust auf den Tisch hauen und wird schimpfen: »Herrgott sakra! Hat 'r halt doch sein Maul net halten kinna! Malefiz Stadtleut, verfluachte!«