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Detlev Freiherr von Liliencron: Die Schlacht bei Stellau. 1201 - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
booktitleZehn ausgewählte Novellen
authorDetlev von Liliencron
year1906
publisherMax Hesses Verlag
addressLeipzig
titleDie Schlacht bei Stellau. 1201
pages71-83
created20020828
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Detlev von Liliencron

Die Schlacht bei Stellau. 1201.

Novelle

Ich saß in einem Nachbardorfe an einem köstlichen Abend auf dem Balkon des Wirtshauses »Zum grünen Elefanten«, oder hieß es »Zum lustigen Hinrich«, oder »Die Tonhalle«? Ich habe den Namen vergessen. Die freundliche Wirtin hatte mir von ihrem guten Rum, aus der Ecke links, einen Grog gebraut und nach meinem Platz hingebracht.

Die Aussicht ist »nicht weit her«. Rechts wird sie begrenzt durch Baumgruppen. Gegenüber liegt das Dorf Stellau. Das scheunenähnliche Gebäude, die Kirche, ist deutlich zu erkennen.

Es ist ganz still.

Zwei rote, geflickte Segel ziehen hintereinander langsam stromab. Klar tönt von den Wiesen herüber das eintönige, eigensinnige Schnark, Schnark des Wachtelkönigs. Noch immer habe ich keinen gesehen, geschweige geschossen, obgleich ich gerade in den letzten Tagen zu diesem Zwecke mich den Mähern angeschlossen hatte. Er schlägt Menschen und Hunden zu gerne ein Schnippchen.

In dem unter mir liegenden Garten pflückte ein hübsches, blondes Mädchen Blumen.

Große Stille.

Aus einem entfernten Hofe klingt folgendes, sich kurz abwickelndes Gespräch zu mir her: Eine Weiberstimme: »Jung, wo hest du de Hark?« Eine Knabenstimme: »De hett Hinnerk toletz hatt.« Eine zweite Knabenstimme: »Dat is jo ni wohr.« Die erste Knabenstimme (rasch): »Dats doch wohr.« Die Untersuchung scheint im Hause sich fortzusetzen, denn ich höre nichts mehr.

Die letzte Schwalbe ist endlich zu Nest geflogen, die erste Fledermaus geistert durch die Dämmerung.

Im Osten zwängt sich die volle Scheibe des Mondes aus der Erde. Er steigt höher und höher. Alles ist übergossen von seinem Lichte.

Aus den geöffneten Kirchentüren in Stellau, ich höre es deutlich, klingt schwacher Orgelton. In der Kirche und um die Kirche herum, ich sehe es deutlich, werden Fackeln und Lichter hin und her getragen: Wie Nonnen gekleidete Edelfrauen suchen unter den Toten und Verwundeten ihre Männer. Zwei Tage zuvor war hier eine große Schlacht geschlagen zwischen Graf Adolf dem Dritten, aus dem erlauchten Geschlechte der Schauenburger, und Herzog Waldemar, dem späteren König Waldemar, der Sieger von Dänemark.

Im Mai 1201.

Der achtzigjährige Timm, der Pfeileschnitzler, saß vor seiner Tür in Itzehoe. Die rauhen Arme konnten nicht mehr mit der früheren Kraft den Hammer schwingen. und so hatte sich der alte Waffenschmied aufs Pfeileverfertigen gelegt. Und darin war er Künstler.

Ein eigentümlicher Kauz das, der alte Timm. Hatte eine besondere Freude an einem gut gelungenen Geschoß, war ihm die Verbindung von Eisen und Rohr, von Elfenbein und Holz, von Stahl und Fischgräte zu seiner Zufriedenheit geglückt, dann pflegte er zum Schluß ein Wort hineinzuarbeiten: Verblute an mir. Ich bin der Tod. Weshalb bist du mir nicht ausgewichen. Du küßt kein Mädchen mehr. Narr, was willst du leben. Hörtest du mich nicht fliegen? Die Hölle grüßt dich.

Der Pfeil, an dem er im Maisonnenschein auf seiner Bank schnitt, war von außergewöhnlicher Schönheit: Auf dem Elefantenzahnstiel hatte er eine dreiwiderhakige Stahlspitze fest verlötet. Die Prachthalsfedern eines Erpels zierten hinten den Schaft. Und eben hatte Timm die Inschrift beendet: Ins Herz der schönsten Königin.

Just ließ er den Todesspender in der Sonne spielen, ein kindisches böses Lächeln nicht unterdrückend, als der dritte Graf von Holstein aus dem Hause Schauenburg, Herr Adolf, an ihm vorüberritt.

»Zeig deine Arbeit, Timm,« und der Graf nahm den ihm ehrerbietig überreichten Lebenserlöser prüfend in die Hand.

»Was soll's mit den krausen Zeichen, Timm?«

»Ins Herz der schönsten Königin,« antwortet grinsend der Greis.

»Ich nehm' ihn mit, hole das Geld dir von Osterhof ab,« und dann ritt Graf Adolf, das Wort: Ins Herz der schönsten Königin oft wiederholend, seines Weges.

Timm, der Pfeilschnitzler, sah ihm blöde nach, die schwachen Augen mit der wagerecht gehaltenen Hand gegen die Sonne schützend.

Anno Domini 1190.

Vor elf Jahren war Graf Adolf der Dritte dem Rufe seines kaiserlichen Herrn, mit diesem das heilige Grab zurückzuerobern, gefolgt.

Allgemein war die Riesengestalt des Holsteiners, wenn er zur Seite des breitschulterigen, mittelgroß gewachsenen Kaisers ritt, aufgefallen; er überragte ihn um Haupteslänge.

Der kluge Friedrich Barbarossa mit seiner im Glück und Unglück gleichbleibenden süddeutschen Fröhlichkeit und Liebenswürdigkeit, mit seinem tiefen Humor, den der finstere, nüchterne Holsteiner nicht imstande war zu begreifen, konnte nicht umhin, den Grafen zu necken, wo sich ihm Gelegenheit bot. Doch hielt er große Stücke auf ihn. Bei Ikonium, als von einem Elefantenturm der deutsche König mit Pfeilen überschüttet wurde, hatte Herr Adolf die Strickleitern, die an dem mächtigen Tiere im Wirrwarr des Gefechtes aufzuziehen vergessen waren, erklettert und oben eine große Verwüstung unter dem Heidengezücht angerichtet. Er allein. Sein gutes Schwert, das ihm Timm, der Waffenschmied, gehämmert, in den Zähnen haltend, war er, die Rechte zum Eingreifen in die Leiter benutzend, die Linke den Schild mit den drei Nägeln Christi zwischen den Nesselblättern im Wappen, gegen den Geschoßhagel hochhaltend, kühn hinaufgedrungen.

Noch finsterer als gewöhnlich trabte er heute neben dem stark ergrauten Rotbart. Dem Kaiser zur Linken tanzte mit seinem friesischen Fuchs der zwanzigjährige Herzog Waldemar von Südjütland. Der jugendliche Herzog war das Gegenbild des stets die Stirn faltenden Grafen. Der holsteinisch mißtrauische Herr Adolf trug auch in der glühendsten Hitze vorsichtig den schweren Eisenpanzer; Herr Waldemar, wenn kein Kampf in Aussicht stand, ritt im Seidenwams.

»Ihr Herren,« sprach der leutselige Kaiser gutgelaunt, »wenn's euch gefällt, so machen wir heut' abend, wie schon vorhin ich's euch vorschlug, dem Streit ein Ende.«

Der Zank, der zwischen Adolf und Waldemar ausgebrochen, war durch folgenden Umstand verursacht: Dem Holsteiner war unter anderen Beutestücken ein sechzehnjährig Sarazenenmädchen zugefallen. Mirrjah war dem mürrischen Grafen als gehorsame Sklavin bisher gefolgt, als vor wenigen Tagen im Zelte des Holsteiners ihre Augen mit denen des jungen Dänen in hoher Liebesglut sich begegneten. Der leichtsinnige, rasche, gelbhaarige Waldemar hatte den stummen Blick der schönen Sklavin verstanden, und schon in den nächsten Stunden hielt er schützend seinen Arm um die Heidendirne. Graf Adolf war wütend und forderte ungestüm seine Beute zurück.

»Bei Sankt Paul!« drohte Waldemar dem Schauenburger, »nie wieder sollst du sie berühren.«

Und klirrend flogen die breiten Schwerter aus den Scheiden. Da war der in der Nähe befindliche Kaiser selbst dazwischen getreten und hatte die beiden vornehmen Herren zur Entscheidung der streitigen Frage, die ihm noch nicht bekannt war, für den Abend zu sich befohlen.

Und die Nacht war gekommen. Das Purpurzelt Friedrichs erhellten zahlreiche Ampeln und Fackeln. Vor dem im Feldstuhl sitzenden Kaiser kauerte auf einem goldverbrämten roten Kissen mit emporgezogenen Knien, die sie mit den Armen umfaßte, auf die sie die Stirne tief hinabgedrückt hatte, die Asiatin. Zur Seiten rückwärts von ihr standen trotzig der Graf und der Herzog.

»Mirrjah,« hub der Kaiser freundlich an, »sieh auf und antworte auf meine Fragen.« Aber das ganz verschüchterte, an allen Gliedern zitternde Mädchen wagte das Haupt, das von ihren langen schwarzen Haaren umflossen war, nicht zu erheben; wähnte sie doch, daß ihr der Tod bevorstünde.

Der Kaiser trat nun an sie heran und hob sie sanft zu sich empor. Als sie neben ihm stand in ihrer ganzen jugendlichen Schöne und die großen braunen Augen fragend auf ihn richtete, als durch irgend einen Umstand ihr das Pantherfell von der linken Schulter glitt, trat er tief gerührt einen Schritt zurück, und, sich zum Grafen wendend, dem graue Haare schon den Bart, vereinzelt, wie Kornblumen den Roggen, durchzogen, sagte er mit seinem Lächeln: »Die Jugend zur Jugend.« Doch dann noch einmal der Sarazenin sein deutsches, ausdrucksvolles, väterliches Haupt gebend, rief er: »Entscheide dich, wem du angehören willst.«

Und nun war es lieblich anzusehen, wie Mirrjah die großen Augen langsam und schüchtern auf Waldemar richtete. Im nächsten Augenblick lag sie in den stählernen Armen des jungen Dänen.

Einige Tage nach diesem Vorfall verließ der Graf grollend das kaiserliche Lager und kehrte nach Holstein zurück.

Im nächstfolgenden Jahr aber, als der Herzog mit seiner schönen Sklavin heimzog durch Holstein zu seinem Bruder, dem Könige Knut, hatte der Schauenburger ihm bei Segeberg aufgelauert, aber ihn nicht ergriffen.

Seit dieser Zeit war der Haß zwischen beiden unversöhnlich geworden.

September 1201.

Der kalte, kleinlich denkende, holsteinisch nüchterne Verstandesmensch Adolf, den nordischen, grauen Einerleihimmel fast beständig über seinem Haupte, der keine Freude am Weibe hatte, den Frauenliebe nicht beglücken konnte, war nicht traurig gewesen über den Verlust der schönen Heidin, aber sein Mark verzehrend, wurmte es ihn und fraß es an ihm, daß er im ganzen Kreuzheere die Zielscheibe manches Witzes gewesen, daß ihm der hohe Herr selbst, wenn auch in dessen harmlosen Weise, ein Scherzwort ab und an zugerufen hatte. Herzog Waldemar hatte er den Tod geschworen.

Nun waren es elf Jahre her, daß der Schauenburger wieder seine Grafschaft regierte. Sein grausamer Charakter machte ihn verhaßt bei vornehm und gering. Manchen Ritter und edeln Herrn hatte er durch seine furchtbare Strenge in die Verbannung geschickt. Viele von diesen weilten am lustigen Hoflager Herzog Waldemars in Schleswig, den Tag erhoffend, wo sie mit den Dänen in die Heimat ziehen konnten.

Und der Tag war endlich gekommen.

In Stellau verwaltete das Pfarramt Pater Jacobus. In Schwaben geboren, im Kloster Cluny erzogen, hatte er viele Jahre im Gefolge des Kaisers Friedrich des Ersten zugebracht. Sein munteres Wesen sprach den lebensfreudigen Rotbart besonders an. In die dunkelste Ecke des Deutschen Reiches versetzt, konnte er sich anfänglich schwer in die hiesigen Verhältnisse hineinfinden: Die Ritter standen auf der gleichen Bildungsstufe mit ihren Leibeigenen, der Bauer lebte wie sein Vieh, der Städter, eingepfercht von Wall und Graben, war durchaus eingenommen von seinem unausstehlichen Unfehlbarkeitsdünkel. Wie sehnte Pater Jacobus sich zuerst zurück nach dem geistig bewegten, reichen Leben; glaubte er doch auf eine Insel am Nordpol versetzt zu sein. Erst nach und nach gewann er sich die Herzen seiner Pfarrkinder. Er war auf Meilen bekannt durch seine aufopfernde, werktätige Liebe.

Der alte Pater Jacobus von Stellau, treu seinem Herrn, dem Schauenburger, brach in aller Frühe an einem heißen Septembertage von seiner Pfarre nach Itzehoe auf.

Kaum einige hundert Schritte gegangen, sah er an den westlichen Rändern der Itzehoer Waldungen ein Blitzen und Funkeln. Es waren die Heerhaufen Waldemars. Er lief, so schnell es seine alten Beine erlaubten, nach Stellau zurück und ließ die Sturmglocken ziehen; dann warf er sich in seinen Harnisch, riß den bestaubten Morgenstern aus der Sakristei, schwang sich auf ein Bauernpferd und raste dem Schauenburger entgegen, den er bei Bramstedt im Lager wußte.

Doch war er nicht weit geritten, als er die Holsteiner heranrücken sah. Er meldete dem Grafen. Neben diesem trabte in goldener Rüstung, furchtbar wie der Erzengel Michael, der Bischof von Bremen.

Bei Stellau trafen die feindlichen Heere zusammen und kämpften den ganzen Tag wie zwei Hirsche, die sich in den Geweihen verfangen haben und, mit gleicher Kraft sich gegeneinander stemmend, nicht vor noch rückwärts können. Gegen Abend drangen, nach ungeheuren Verlusten, die Holsteiner siegreich vor.

Aber was war das?

Auf der Stör erschienen mit der Flut zahlreiche Schiffe, voran ein großes Boot, das von vierundzwanzig Ruderern im gleichen Takt vorwärts bewegt wurde. Unter einem über dasselbe gespannten roten Baldachin stand Mirrjah, das schöne Heidenmädchen, und knabberte verzuckerte Mandeln.Der »Bonbon« des 12. und 13. Jahrhunderts. Waldemar hatte sich nicht von ihr trennen können.

Als sie das Wanken der dänischen Truppen vom Fluß aus bemerkte, ließ sie das Boot rasch ans Ufer rudern, daß es knirschend auf den Sand stieß. Das erste beste ihr eingefangene Pferd besteigend, jagte sie in das Getümmel, den Herzog suchend. Und bald fand sie ihn, im verzweifelten Einzelkampf mit seinem Todfeind.

Als der schwer gepanzerte Graf durch sein Augengitter sie erblickte, riß er wütend sein Visier in die Höhe und, seinem neben ihm kämpfenden Lieblingsbogenschützen dessen Hauptwaffe hastig entziehend, legte er den herrlichen Elfenbeinpfeil mit der dreiwiderhakigen Stahlspitze auf die Sehne und sandte ihn ab: »Ins Herz der schönsten Königin.« Der gierige Lebensvernichter küßte Mirrjah so heftig, zitternd stecken bleibend, daß sie lautlos aus dem Sattel zur Erde sank. Wie der angeschossene Keiler stürzte Waldemar auf den Grafen, der unfehlbar, trotz seiner Stierstärke, an diesem Tage die Sonne zum letztenmal gesehen hätte, wenn nicht, treu bis in den Tod, die Ritter Breide Rantzow und Uke Rugemoor ihn mit ihren Leibern gedeckt hätten. Der Page Wulff Brockdorff hatte sich im letzten Augenblick, als schon der Graf ohnmächtig von seinem großen ditmarschen Hengste gleiten wollte, den tödlichen Hieben des Herzogs gewiß, für ihn geopfert. Und unaufhaltsam drangen die Dänen vor.

Am Abend nach der Schlacht entledigte sich Pater Jacobus, der manchem Dänen mit seinem Morgenstern die Funken aus den Schädeln geschlagen hatte, seines Kettenhemdes und warf sich wieder in seine Soutane. Treu seiner Pflicht als Tröster der Sterbenden, als liebevoller Seelsorger, wurde er am anderen Morgen, gänzlich erschöpft von den übergroßen Anstrengungen, tot neben einem dänischen Ritter gefunden, dem er letzte Worte des Friedens gesprochen.

Waldemar verfolgte seinen Sieg und nahm Adolf den Dritten bei Hamburg gefangen. Unedel genug, ließ er ihn wie ein wildes Tier in einen Käfig sperren und zeigte ihn in den Städten Holsteins und Dänemarks.

Aber fünfundzwanzig Jahre später rächte der vierte Adolf aus dem Hause der großen Schauenburger, Holstenstolz genannt, seinen Vater am Marien-Magdalenentag auf der Hochebene von Bornhöved. Derselbe Waldemar, der Sieger genannt, der bei Stellau die Holsteiner vernichtend geschlagen hatte, erlitt hier eine starke Niederlage. Die Dänenherrschaft war gebrochen, das alt- und allbekannte Wort war einmal glänzend wieder in Erfüllung gegangen: Holstentreue.

Der Sühneversuch.

Ich war in die Wälder hinaufgestiegen, die mein kleines Gebiet im Westen und im Norden beschützen. Und nun stehe ich am Rande des Poppenbrookholzes. Eine Schar Krähen, wie von einem Schuß erschreckt, hebt sich mir zu Häupten aus den Wipfeln, und kreist, ihr Quark, Quark, Rark in allen Abtönungen gebend, über mir. Plötzlich verstummt ihr Gekrächze und durch den Wind klingt es wie das Rauschen einer langen seidenen Schleppe. Wie ein Flug Tauben in anmutigster Schwenkung zieht das graue Gesindel in die Nachbarbäume.

Ein Eichhörnchen guckt mit seinen bösen dummdreisten Augen, im Innehalten auf dem Hinunterweg zur Erde, mich an, um dann blitzartig in den Zweigen zu verschwinden.

Unabsehbar liegt die Ebene vor mir. Die Luft zittert auf den reichen Getreidefeldern. Wie schattig, wie kühl ist es unter meiner großen holsteinischen Buche.

Weit im äußersten Süden der Ebene wird es plötzlich lebendig. Wären wir nicht mitten im Frieden; wären wir nicht mitten in manöverloser Zeit: feindliche Reiter wären es, die, sich teilend, den Schleier bilden vor nachrückendem Fußvolk.

Nun zieht es sich wieder zusammen. Eine Schwadron? Im Abmarsch zu zweien? Schritt?

Der letzte große Schauenburger, Herzog Adolf der Achte, hatte, nachdem er ihn selbst ausgeschlagen, den dänischen Thron seinem Schwestersohn Christian von Oldenburg zugebracht. Und immer mehr nahm er teil an dessen Unternehmungen, gab seinen Rat, wußte der »bodenlosen Tasche«, dem in Geldsachen beispiellos ungeschickten König immer neue Hilfsquellen zu erschließen. Klug, persönlich tapfer, von großer Mannesschönheit, war Christian wohl geeignet, seinem Oheim zu gefallen.

Aber Adolf hatte Lehnsvettern, die Pinneberger. Und mit diesen Lehnsvettern waren seit Jahrzehnten Erbverträge geschlossen. Der Herzog mußte in bezug auf seine Erblande mit diesen Verhältnissen rechnen, wenngleich er im geheimen auch seinem Lieblingsneffen, dem König Christjern, seine Erblande wünschte.

Wie sah es denn mit seinen Lehnsvettern aus? Den alten regierenden Grafen Otto von Pinneberg rechnete er nicht. Bischof Ernst von Hildesheim, der älteste Sohn, war dem sittenstrengen, reinen Herzog durch dessen wüstes Leben ein Greuel. Der zweite, Junker Erich, konnte nur in Frage kommen.

Das Herz des alternden Herzogs war von ihm eingenommen, trotzdem er leichtsinnig und verschwenderisch war. Auf Junker Erich waren eine Zeitlang des Herzogs Gedanken gerichtet. Und wer weiß, ob die schleswig-holsteinischen Lande nicht diesem nach des Herzogs Tode zugefallen wären, wenn nicht ein unerhörter Zufall sich zugetragen hätte.

Graf Erich hatte die schöne, blonde, blasse, ernste Jutta von Lauenburg zu seiner Ehefrau gewählt, und es hatte in den ersten zwei Jahren den Anschein, als wenn die Gräfin einen wohltuenden Einfluß ausübte auf ihren Junker. Aber da war plötzlich ein schwarzes, lebhaftes, üppiges Edelfräulein, Barbara Gadendorp, in die stille Ehebahn als Hindernis getreten. Erich vergaffte sich in die schöne Barbe, vernachlässigte die Gräfin, trieb es so weit, daß das Edelfräulein auf sein Schloß ziehen mußte. Am anderen Tage floh Jutta zu ihrem Vater, dem Herzog von Lauenburg. Der aber empfing sie ungnädig: »Das sind kleine Schwächen, die du deinem Junker verzeihen mußt!« Er setzte sich mit dem Chef des Gesamthauses, dem Herzog Adolf dem Achten, in Verbindung, und es gelang diesem, wie dem Vater und dem Junker selbst – nachdem die sündhaft schöne Barbara nach Kopenhagen gegangen – Jutta zu bestimmen, am dreizehnten September mit großem Gefolge zu einem Sühneversuch auf der Ebene von Wulfsmoor, am Rande der dort hochaufsteigenden Waldung zu erscheinen.

Und das war nach der Sage der Platz gewesen, auf dem ich zur Stunde in die Ferne sah.

Unter einem Prunkgezelt, hart unter den ersten Buchen, stand in höfischer Tracht Herzog Adolf; ihm zur Seite Junker Erich. Beide spähten mit angestrengten Augen in die Weite.

Hinter dem Zelte lagerten Herolde, Diener, Trabanten, scharrten angepflockte Pferde, hatten die Köche ihre Feuer.

Die Sonne neigte sich. Noch immer war nichts vom Zuge des Herzogs von Lauenburg und seiner Tochter zu entdecken. Ausgesandte Reiter kamen auf triefenden Pferden zurück: jede Meldung war dieselbe trostlose.

Schon traten zum dritten die Fanfarenbläser vors Zelt. Der Marschall des Herzogs, Ove Wohnsfleth, vor seinem erlauchten Herrn stehend, rief, entblößten Hauptes, laut in die Landschaft: »Jutta, Gräfin von Schauenburg!«

Es kam keine Antwort. Schon wollte der Marschall verkünden: Der Sühneversuch ist gescheitert! als ihm der Herzog Halt gebot.

Am äußersten Rande der Ebene zeigte sich eine verworrene Masse, aus der sich, es war deutlich zu bemerken, einzelne Reiter lösten, die in schnellster Gangart auf die Waldecke, wo das purpurrote Zelt hervorleuchten mußte, heranjagten. Es waren die Anmelder des lauenburgischen Zuges. Als sie sich so weit genähert hatten, daß die Farben der Reiter und Rosse erkennbar wurden, zeigte sich auch der Zug als solcher. Näher und näher, im Schritt, prunkte er heran. Schon waren die Reiter oben. Ein Reiter, vom Pferde springend, machte Adolf dem Achten die Meldung, daß Jutta von Schauenburg, einer Sühne nicht abhold, in kurzem hier sein würde.

Näher und näher zeigte sich der Zug.

Neben einer Sänfte, die der Sonne halber dicht verhangen war, die in sinnreicher Weise zwischen vier Paßgängern hing, ritt der alte Lauenburger selbst. Voran schritten acht riesige Mohren. Hinter der Sänfte folgte ein großer Troß: Edeldamen und Ritter, Pagen, Knappen, Diener. Alles war zu Pferde. Nur die acht Riesenneger schritten kräftig zu Fuß.

Und nun hielt der Zug. Aus den Paßgängern wurde der Sessel von den Schwarzen sanft gelöst und niedergestellt.

Als sich die Vorhänge nicht hoben, beeilte sich der vom Hengste gesprungene Vater dies zu tun. Aber wie ein vom Beile getroffener Stier fiel der Herzog neben der Bahre nieder.

Ein Bild der unbeschreiblichsten Verwirrung entstand: Während das Gefolge, die Neger, die Pferdehalter sich im wüsten Knäuel um den Sitzstuhl drängten, sahen von oben der letzte Schauenburger und Junker Erich auf das unbegreifliche Getümmel. Ahnend, daß ein Unglück geschehen, eilten sie den Abhang hinunter. Ehrerbietig wurde ihnen Platz gemacht. Da lag die Gräfin Jutta, zurückgelehnt, das weiße Kleid blutübergossen. Sie war tot. Mit antikem Mute hatte sie sich, wohl kurz vor dem Endziel der Reise, den Dolch ins tödlich verwundete Herz gestoßen.