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Thomas de Quincey: Bekenntnisse eines englischen Opiumessers - Kapitel 1
Quellenangabe
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typeautobio
authorThomas de Quincey
titleBekenntnisse eines englischen Opiumessers
publisherWeltgeist-Bücher Verlags-Gesellschaft
editorLeopold Heinemann
year
firstpub
translatorLeopold Heinemann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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I.

Man hat mich oft danach gefragt, wie es kam, daß ich gewohnheitsmäßiger Opiumesser wurde. Viel habe ich unter der Anschauung der Leute gelitten, die mir die Schuld an der langen Kette von Leiden, die ich durchzumachen hatte, selbst beimaßen und behaupteten, daß ich sie durch den Mißbrauch des Opiums selbst verschuldete, weil ich mir lediglich künstliche und angenehme Erregungen hätte verschaffen wollen. Das stimmt nicht. – Wohl habe ich zehn Jahre lang Opium lediglich des Genusses wegen genommen. Solange ich es aber nur in dieser Absicht nahm, war ich vor üblen Folgen bewahrt, weil ich zwischen den einzelnen Malen immer größere Pausen machen mußte, wenn der Erfolg mir angenehme Lustgefühle verschaffen sollte. Als ich begann, Opium regelmäßig zu nehmen, geschah es nicht um des Genusses willen, sondern um qualvolle Schmerzen zu lindern. Als ich achtundzwanzig Jahre alt war, erkrankte ich von neuem an einem schmerzhaften Magenleiden, an dem ich bereits zehn Jahre vorher einmal gelitten hatte. Durch furchtbares Hungern war in meinen Knabenjahren der Grund zu dieser Krankheit gelegt worden. In den hoffnungsvollen Jahren neu erblühenden Glückes zwischen meinem achtzehnten und vierundzwanzigsten Lebensjahre war sie nicht wieder aufgetreten, in den drei folgenden Jahren belästigte sie mich hin und wieder, und schließlich trat sie, unter allerlei ungünstigen Umständen, von denen der schlimmste eine andauernde seelische Depression war, wieder mit solcher Heftigkeit auf, daß sie keinem anderen Linderungsmittel als dem Opium zu weichen vermochte. Da die Jugendleiden, die dies alles zur Folge hatten, sowohl an sich als auch durch die Begleitumstände interessant sind, will ich sie hier kurz berichten:

Mein Vater starb, als ich fast sieben Jahre alt war, und hinterließ mich der Sorge von vier Vormündern. Ich wurde auf verschiedene Schulen – bedeutende und weniger bemerkenswerte – geschickt, an denen ich mich bald eines guten Rufes wegen meiner Kenntnisse der klassischen Literatur, insbesondere aber im Griechischen, erfreute. Griechisch schrieb ich mit dreizehn Jahren mit Leichtigkeit, und mit fünfzehn war ich bereits so weit, daß ich nicht allein lyrische Verse in dieser Sprache schreiben konnte, sondern sie geläufig und ohne Anstoß zu sprechen vermochte. Das war eine Fähigkeit, die ich bei keinem anderen Mitschüler beobachtet habe. Ich verdankte sie der Gewohnheit, die Tageszeitungen extemporierend ins Griechische zu übersetzen; die Notwendigkeit, selbst aus der Phantasie allerlei Ausdrücke zu schaffen für moderne Begriffe, die sich in keinem Wörterbuche finden ließen, verhalf mir zu einem solch reichen, fließenden Stil, wie ich ihn durch Übersetzung langweiliger moralischer Essays nie mir angeeignet haben würde. Einmal stellte mich einer meiner Lehrer einem Fremden vor: »Dieser Knabe könnte an eine athenische Volksmenge eine bessere Ansprache halten als Sie oder ich an eine englische!« Der Herr, der mir dieses Lob spendete, war ein Gelehrter und von all meinen Vormündern der einzige, den ich liebte und verehrte. Leider – und wie ich später erfuhr, zum besonderen Leidwesen dieses tüchtigen Mannes – vertraute man mich bald darauf der Sorge eines Nichtswissers an, der beständig in der Angst lebte, seine Unwissenheit könne durch mich zutage kommen. Schließlich sollte ich von einem alten Gelehrten erzogen werden, der Leiter einer großen, altberühmten Schule war. Dieser Mann war von einem Oxforder College zu seiner Stellung befördert worden und war ebenso gesund und vierschrötig wie plump, rauh und ungeschliffen; er bildete einen unangenehmen Gegensatz zu der Etoner Vornehmheit meines verflossenen hochverehrten Lehrers. In dieser Schule waren bedauerlicherweise fast alle Lehrer so wie der Leiter. Es ist eine böse Sache, wenn ein Knabe seinen Lehrern sowohl an Wissen als an Urteilsfähigkeit überlegen ist – und besonders schlimm ist es, wenn er selber das weiß. Das war bei mir der Fall, und nicht ich allein, sondern auch die beiden Knaben, mit denen ich gemeinsam die erste Abteilung der Klasse bildete, waren bessere Griechen als der Rektor – wenn sie auch nicht eben sonst besonders gute Schüler waren. Als ich eintrat, lasen wir gerade den Sophokles. Da hatten wir stets das Vergnügen, zu beobachten, wie unser »Archididaskalos« – wie er sich gern nennen hörte – vor der Stunde immer mit Lexikon und Grammatik das Pensum regelrecht präparierte, um nur nicht von den Schwierigkeiten in den Chören überrumpelt zu werden. Wir dagegen pflegten unsere Bücher nie vor dem Beginn der Stunde auch nur einmal aufzuschlagen, sondern vertrieben uns die Zeit damit, Spottverse auf seine Perücke oder auf ähnlich wichtige Dinge zu verfassen. Meine beiden Klassenkameraden waren arm, und ihre Zukunft an der Universität hing von den Empfehlungen des Rektors ab. Ich dagegen besaß ein kleines Erbteil, dessen Zinsen genügten, mich für meine Studienjahre sicherzustellen. So wünschte ich nichts sehnlicher, als bald die Hochschule beziehen zu können. Ich machte meinen Vormündern mancherlei briefliche Vorstellungen. Es war alles erfolglos. Der eine, der ein weitsichtiger, weltgewandter Mann war, lebte zu weit entfernt; die beiden anderen überließen alles der Entscheidung des vierten, und gerade der war ein eigenwilliger Mann, der sich nichts sagen ließ und immer nur seinen Willen durchzusetzen wünschte. Nach vielen Briefen und Bitten wurde mir klar, daß ich von meinem Vormunde nichts zu erhoffen hätte. Er verlangte unbedingten Gehorsam. So beschloß ich, auf andere Wege zu denken. Schnell kam der Sommer und mit ihm mein siebzehnter Geburtstag heran – der Tag, zu dem ich mir geschworen hatte, nicht länger als Schulbub gezählt werden zu wollen. Geld war das Wichtigste, was ich brauchte; deshalb schrieb ich an eine vornehme Dame meiner Bekanntschaft und bat sie, mir fünf Pfund zu »leihen«. Als nach einer Woche immer noch keine Antwort da war, begann ich schon zu verzweifeln; da brachte mir ein Diener einen großen Brief mit einer Krone auf dem Siegel. Der Brief war freundlich und nett. Die Schreiberin befand sich gerade in einem Seebade, und deshalb hatte sich die Antwort verzögert. Sie sandte mir doppelt soviel, als ich verlangt hatte, und deutete schalkhaft an, daß »es auch nicht gerade ihr Ruin sein würde«, wenn ich ihr das Geld überhaupt nicht zurückerstatten könne. Nun konnte ich meinen Plan ausführen. Die zehn Goldstücke, und zwei von meinem Taschengelde ersparte, die ich außerdem noch besaß, schienen mir für ziemlich lange Zeit zu genügen: In diesem glücklichen Alter, in dem man noch keine bestimmten Grenzen kennt, die dem eigenen Wollen entgegenstehen, rückt der Geist der Hoffnung und Erwartung Grenzen ja tatsächlich in unabsehbare Ferne.

»Wenn man etwas lange Zeit gewohnheitsmäßig verrichtet hat und es dann einmal bewußt zum letzten Male tut, dann empfindet man eine gewisse Trauer« – hat Ben Johnson einmal geschrieben. Die Wahrheit dieser Behauptung empfand ich, als ich nun die Schule verlassen sollte, diesen Ort, den ich nie geliebt hatte, an dem ich nie glücklich gewesen bin. An dem Abend, an dem ich, vor dem Abschiede für immer, zum letzten Male in dem alten hohen Schulzimmer den Abendchoral singen hörte, wurde ich plötzlich traurig. Später, als beim Namensaufruf ich – wie gewöhnlich – zuerst genannt wurde, trat ich vor und verbeugte mich wie immer vor dem Rektor, der dabeistand, sah ihm ernst ins Gesicht und dachte bei mir: »Er ist alt und gebrechlich, und in dieser Welt werde ich ihn wohl nicht wiedersehen.« – Ich habe damals richtig gedacht. Ich habe ihn nicht wiedergesehen, und ich werde ihn wohl auch nicht wiedersehen. Er blickte mich ruhig an und lächelte gutmütig, als er meinen Gruß – oder besser mein Abschiednehmen – erwiderte, und wir trennten uns – er wußte es nicht! – für immer. – Sein Verstand hatte mir nie große Achtung abgerungen. Aber er war stets freundlich zu mir und hatte mir manchmal Nachsicht erzeigt; der Gedanke an die Kränkung, die ich ihm zuzufügen im Begriffe war, machte mich nun doch ein bißchen traurig.

Der Morgen kam, der mich in die Welt sandte und von dem mein ganzes folgendes Leben in mannigfacher Hinsicht seine Färbung empfing. Ich wohnte im Hause des Rektors und genoß, seit meinem Eintritt in die Schule, den Vorzug, ein eigenes Zimmer zu bewohnen, das mir sowohl als Schlafraum wie als Arbeitszimmer diente. Um halb vier Uhr stand ich auf und blickte in tiefster Gemütserregung auf die Türme der Schulkirche, die »in frühestes Licht gekleidet« sich im Strahlenglanze eines wolkenlosen Julimorgens zu röten begannen. Ich war fest und unwandelbar in meinem Vorsatze, und doch überkam mich eine unbestimmte Ahnung von kommender Not und Gefahr; aber – wieviel mehr hätte ich mir Sorgen gemacht, hätte ich gewußt, was mir bevorstand, in welche Stürme und Ungewitter ich bald geraten sollte. Zu dieser inneren Erregung bildete die Stille des Julimorgens einen ergreifenden Kontrast, und dennoch war sie zugleich ein Beruhigungsmittel. Das Schweigen war tiefer als das der Mitternacht – und für mich ist die Stille eines Sommermorgens rührender als jede andere Stille, weil das Licht draußen weit und stark ist, wie in anderen Jahreszeiten nur zur Mittagszeit; und doch unterscheidet es sich von wirklichem Tageslichte hauptsächlich deshalb, weil kein Mensch zu sehen ist. Der Friede der Natur und die Unschuld der Geschöpfe Gottes erscheinen so lange gesichert und beständig, als die Gegenwart von Menschen und ihre Unrast die Heiligkeit der Stille nicht stören.

Ich kleidete mich an, nahm Hut und Handschuhe und – blieb noch eine Weile zögernd stehen. Die letzten anderthalb Jahre war dieser Raum die Zufluchtsstätte meiner Gedanken gewesen. Hier hatte ich nächtelang gelesen und gearbeitet, hier hatte ich, der so viel Güte und Zärtlichkeit ersehnte, in den letzten Monaten den Kampf mit dem Vormunde geführt, meine Heiterkeit und mein Glück verloren; hier hatte ich, mitten in aller Niedergeschlagenheit, durch meine Liebe zu Büchern und durch meinen Wissensdrang manche glückselige Stunde in den vier engen Wänden genossen. Ich meinte, als ich zum letzten Male auf den Schreibtisch und den Armstuhl, den kleinen Ofen und all die lieben, vertrauten Gegenstände sah, – ich wußte, daß ich alles zum letzten Male erblickte. – Neunzehn Jahre sind seitdem verflossen, und doch sehe ich in diesem Augenblicke so deutlich, als wäre es gestern gewesen, die Linien und Umrisse eines Gegenstandes, der noch im letzten Augenblick meinen Blick gebannt hielt: Es war das Bild eines liebreizenden Mädchens, das über dem Kamin hing. Augen und Mund waren so wunderschön, das ganze Antlitz strahlte so wundervolle Ruhe aus, daß ich manchmal Buch oder Feder hingelegt hatte, um wie von einer Patronin von ihr Trost zu erbitten. Da, als ich so ganz in Gedanken versunken stand, verkündeten die tiefen Töne der Kirchenglocke, daß es vier Uhr sei. Ich stieg zu dem Bilde hoch, küßte es, und dann ging ich ganz ruhig fort und schloß die Tür hinter mir – für immer.

Die Anlässe zu Tränen und zum Lächeln sind mitunter in diesem Leben so eng verquickt, daß ich nicht ohne Heiterkeit an einen Zwischenfall, der sich an jenem Morgen zutrug, zu denken vermag, weil er beinahe der Ausführung des Planes ein sofortiges Ende gemacht hätte. Mein Koffer, der neben meinen Kleidern auch meine sämtlichen Bücher enthielt, war ein ungeheuer schweres Möbelstück. Das Kunststück war, ihn zum Spediteur zu schaffen. Mein Zimmer lag ziemlich luftig-hoch im Hause, und die Treppe, die diese Ecke mit dem Hauptbau verband, war nur durch einen Flur zu erreichen, der an des Rektors Zimmer vorbeiführte. Die Dienstboten mochten mich alle gern leiden, und da ich wußte, daß mich keiner von ihnen verraten würde und daß ich mich zuverlässig auf sie verlassen konnte, teilte ich mein Vorhaben einem Diener des Rektors mit. Dieser Kerl schwur mir, alles, was ich verlangte, zu tun und, wenn es so weit sei, heraufzukommen, um den Koffer nach unten zu befördern. Ich befürchtete zwar, daß das die Kräfte eines einzelnen Mannes übersteigen würde, aber der Diener war ein mehr als kräftiger Mann, der zudem verlangte, den Koffer allein zu tragen. Voller Angst wartete ich eine Zeitlang am Fuße der Treppe, zweifelnd, ob das Wagnis gelingen würde. Ich hörte ihn denn auch mit festen, kräftigen Schritten heruntersteigen, ganz langsam – bis er sich der gefährlichen Stelle, dem Flur, näherte. Wohl durch die Aufregung mag sein Tritt unsicher geworden sein; er glitt aus, und die gewaltige Last stürzte von seinen Schultern, donnerte mit immer zunehmender Gewalt über die Treppenstufen herunter, bis sie schließlich unten ankam und mit einem Lärm, als waren zwanzig Teufel los, gerade gegen die Schlafzimmertüre des »Archididaskalos« polterte. Da durchschoß es mich, daß ich nun verloren sei oder, wenn überhaupt noch etwas zu machen wäre, ich mein Gepäck im Stiche lassen müßte. Dann aber Zwang ich mich, den Ausgang der Sache erst einmal abzuwarten. Der Diener war sowohl wegen seiner als meiner Person recht bestürzt; doch drängte sich ihm das Gefühl für die Lächerlichkeit der Situation so unwiderstehlich auf, daß er in ein so gewaltig dröhnendes Gelächter ausbrach, daß es selbst die Siebenschläfer hätte wütend aus dem Schlafe fahren machen. Und diese Heiterkeit, so nahe den Ohren der beleidigten Autorität, wirkte so ansteckend, daß ich mit einstimmen mußte – weniger wegen der Arglist des Koffers als wegen der Wirkung, die sie auf den Diener ausübte. Wir beide hielten es für selbstverständlich, daß im nächsten Augenblicke der Doktor aus seinem Bau herausstürzen würde, denn gewöhnlich sprang er, wenn sich nur ein Mäuslein rührte, heraus wie ein Hofhund aus der Hütte. Aber seltsam, als unser Höllengelächter endlich aus war, vernahmen wir keinen Laut, nicht einmal eine Bewegung, aus dem Schlafzimmer. Der Doktor hatte ein schmerzhaftes Leiden, das ihm so oft den Schlaf raubte, daß er, wenn er wirklich doch einmal kam, dann um so fester schlief. Die Stille gab uns Mut, der Diener lud die Bürde von neuem auf die Schultern und schaffte sie vollends herunter, ohne weiteren Zwischenfall. Ich wartete, bis ich den Koffer auf den Karren geladen und auf dem Wege zum Spediteur sah, dann, mit »der Vorsehung als Wegweiser«, machte ich mich zu Fuß auf. Unterm Arm trug ich ein kleines Paket mit Wäsche. Einen englischen Lieblingsdichter trug ich in der einen und ein Duodezbändchen in der anderen Tasche – neun kleine Dramen des Euripides.

Zuerst wollte ich wegen der Vorliebe, die ich für die Gegend hatte, und aus einigen persönlichen Gründen nach Westmoreland gehen. Ein Zwischenfall gab meiner Wanderung indes eine andere Richtung, und ich lenkte meine Schritte nach North Wales.

Nachdem ich eine Zeitlang durch Denbigshire, Merionethshire und Carnarvonshire gewandert war, fand ich in einem netten kleinen Hause Unterkunft. Hier hätte ich ruhig eine Zeitlang bleiben können, denn die Lebensmittel waren, durch den Mangel an genügenden Absatzgelegenheiten, bei dem Überfluß landwirtschaftlicher Erzeugnisse sehr wohlfeil. Eine unbeabsichtigte Beleidigung, die man mir zugefügt hatte, trieb mich leider bald weiter.

Bischofsfamilien bilden die stolzeste und selbstbewußteste Schicht der englischen Gesellschaft, die ihre Ansprüche am meisten nach außen hin zu zeigen pflegt. Der wirkliche Adel schleppt in seinen Titeln eine genügende Betonung seines Ranges mit herum und genießt überall so viel Bevorzugung, daß er es nicht für nötig hält, noch besonders zu posieren. Mit den Bischofsfamilien aber ist es anders; sie leisten geradezu Schwerarbeit, um ihre Ansprüche genügend ins Licht zu setzen. Bischofskinder tragen stets eine hochmütig abweisende Miene zur Schau, haben ein » Noli me tangere« im Gesicht, haben eine nervöse Angst vor zu vertraulicher Annäherung und schrecken mit einer Empfindlichkeit, wie ein Gichtkranker, vor jeder Berührung mit der Plebs zurück. Zweifellos wird gesunder Verstand oder ungewöhnliche Güte einen Menschen vor solchen Schwächen bewahren können; im allgemeinen wird man aber Zugeben müssen, daß ich nicht übertrieben habe. Vielleicht sind diese Familien gar nicht hochmütiger als andere, aber sie erwecken den Anschein, als wären sie es – und damit überträgt sich auch leicht ihr Benehmen auf das ihrer Diener und Untergebenen. Also: Meine biedere Wirtin in der kleinen Stadt war einmal Kindermädchen oder so etwas Ähnliches in einer Bischofsfamilie gewesen, hatte sich vor nicht allzulanger Zeit erst verheiratet und sich selbständig gemacht. In einer Kleinstadt bedeutet die Tatsache, einmal in einer Bischofsfamilie gelebt zu haben, etwas, und meine gute Wirtin besaß allerlei von dem Stolz, von dem ich eben geredet habe. Was »my lord« sagte, was »my lord« tat, wie nützlich er im Parlament wirkte und wie unersetzlich er in Oxford war, bildete den Hauptinhalt ihrer täglichen Unterhaltungen. All das ließ ich mir ganz gern gefallen, denn ich bin zu gutmütig, den Leuten ins Gesicht zu lachen, und habe auch eine kleine Schwäche für die Schwatzhaftigkeit alter Dienstboten. Tatsächlich scheint die gute Frau aber den Eindruck gehabt zu haben, daß ich nicht das nötige Verständnis für die Bedeutung ihres Bischofs aufbrachte, und vielleicht um mich zu bestrafen, berichtete sie mir eines Tages von einer Unterredung, in der ich eine Rolle gespielt hatte. Sie war eines Tages gekommen, um »Guten Tag« zu sagen, und war, da man gerade gespeist hatte, aufgefordert worden, ins Speisezimmer zu kommen. Beim Bericht über ihren jungen Hausstand hatte sie erwähnt, daß sie Zimmer vermietet hätte, und da hatte der gute Bischof sie darauf aufmerksam gemacht, daß sie bei der Wahl ihrer Mieter nur vorsichtig sein solle. »Denn, Betty,« hatte er gesagt, »unser Ort ist ein Durchgangspunkt zur Hauptstadt, und mancher irische Schwindler, der vor seinen Gläubigern nach England durchbrennt, und mancher englische, der aus demselben Grunde nach der Isle of Man sich flüchtet, wird vermutlich hier ab und zu sich aufhalten.« Dieser an sich sicherlich richtige Rat war wohl mehr zu Frau Bettys persönlichem Besten gegeben und nicht in der Absicht, daß sie ihn mir brühwarm wiedererzählen sollte. Was aber dann kam, war noch schlimmer. » Oh, my lord« – hatte die gute Frau nach ihrem eigenen Bericht gesagt, »ich glaube nicht, daß der junge Herr ein Schwindler ist, weil ...« »Sie glauben nicht, daß ich ein Schwindler bin!« unterbrach ich sie in einem Sturm von Entrüstung. »Für die Zukunft will ich Sie davor behüten, in dieser Hinsicht irgend etwas zu glauben!« und unverzüglich machte ich mich zur Abreise bereit. Die gute Frau schien nicht abgeneigt, einzulenken, aber irgendein Wort, das ich über ihren Bischof fallen ließ, erregte wieder ihren Unwillen, und jede Versöhnung wurde unmöglich. Tatsächlich war ich sehr aufgebracht über des Bischofs Manier, Argwohn gegen einen Menschen zu haben, den er nie gesehen hatte, und wollte ihm zunächst einmal gründlich meine Meinung sagen, und zwar – auf griechisch. Das sollte ihn überzeugen, daß ich kein Schwindler war, und ihn zwingen, in gleicher Sprache zu antworten, in welchem Falle, wie ich keinen Augenblick zweifelte, es sich herausstellen mußte, daß ich, wenn auch nicht so reich wie Seine Lordschaft, doch ein besserer Grieche sei. Ruhigere Überlegung brachte mich dann wieder von diesem knabenhaften Einfall ab, denn ich mußte mir sagen, daß der Bischof schließlich das Recht hätte, einer alten Dienerin einen Rat zu geben, und daß es nicht seine Schuld war, daß seine Worte mir zu Ohren gekommen waren; daß der Mangel an Zartgefühl, der Frau Betty veranlaßt hatte, sie mir zu berichten, es auch fertiggebracht hatte, diesen Worten eine Färbung zu geben, die mehr ihrer eigenen Art zu denken entsprach als der tatsächlichen Ausdrucksweise des würdigen Bischofs.

Innerhalb einer Stunde verließ ich die Wohnung, und das hatte gleich wieder unglückselige Folgen für mich, weil ich ja nun gezwungen war, in Gasthäusern zu leben – sehr zum Schaden meiner Börse. Nach Verlauf von vierzehn Tagen mußte ich mich schon auf schmale Ration setzen und mich mit einer Mahlzeit täglich begnügen. Der starke Appetit, den die tägliche Bewegung und die Bergluft hervorriefen, begann denn auch bald meinen jugendlichen Magen zu peinigen, denn das einzige Mahl, das ich ihm noch anbieten konnte, bestand aus ein wenig Kaffee oder Tee. Und gar bald konnte ich mir selbst das nicht mehr gestatten und nährte mich wahrend der ganzen Zeit, die ich noch in Wales blieb, von Heidelbeeren, Hagebutten, Schlehen und anderen Waldfrüchten – oder aber von gelegentlicher Gastfreundschaft, die mir hin und wieder für erwiesene kleine Dienste einmal zuteil wurde. Manchmal schrieb ich Geschäftsbriefe für Kleinbauern, die zufällig in London oder in Liverpool Verwandte hatten, noch öfter Liebesbriefe für junge Mädchen, die einmal Dienstboten in Shrewsbury oder in den Städten an der englischen Küste gewesen waren, an ihre Liebhaber. Stets erfuhr ich Anerkennung bei solchen Gelegenheiten und wurde gewöhnlich durch weitgehende Gastfreundschaft belohnt. Einmal wurde ich in der Nähe eines Dorfes, Llan-y-styndw oder so ähnlich, in einem entlegenen Teile von Merionethshire von jungen Leuten drei Tage lang mit einer Freundlichkeit und Brüderlichkeit beherbergt, daß sie einen unvergänglichen Eindruck auf mein empfängliches Herz machte. Die Familie bestand aus vier Schwestern und drei Brüdern, allesamt erwachsen und sich durch feinfühliges, guterzogenes Wesen auszeichnend. So viel Schönheit und so viel natürliche Herzensbildung und Vornehmheit erinnere ich mich nicht je vor- oder nachher wieder in einer so einfachen Hütte angetroffen zu haben – vielleicht ein- oder zweimal in Westmoreland und Devonshire ausgenommen. Sie sprachen Englisch, eine Fähigkeit, die man nur selten bei so vielen Familiengliedern auf einmal findet, besonders nicht in Dörfern, die weit von der Straße abliegen. Hier schrieb ich zunächst einen Brief über Prisengelder für einen der Brüder, der in der englischen Kriegsmarine gedient hatte, und dann – etwas geheimnisvoller – zwei Liebesbriefe für zwei der Schwestern. Beide waren sehr anziehende junge Mädchen, ja die eine von wahrhaft bestrickender Liebenswürdigkeit. In ihrer Verwirrung und ihrem Erröten während sie mir diktierten oder eigentlich mehr Anweisungen gaben, war es nicht schwer zu erkennen, daß sie doch den Wunsch hatten, daß der Brief so viel von Liebe und Innigkeit enthalten sollte, als sich irgend mit ihrem Mädchenstolze vereinigen ließ. Ich gab mir alle Mühe, Ausdrücke zu finden, die beiden Gefühlen am besten Genüge taten, und sie waren ebenso froh wie ich selbst, daß ich ihre Gedanken so gut ausgedrückt, wie in ihrer Einfalt erstaunt, daß ich sie so gut erraten hatte. Die Aufnahme, die man von den Frauen einer Familie gemacht bekommt, entscheidet gewöhnlich den Ton, den die übrigen Familienglieder anschlagen. In diesem Falle hatte ich meinen Vertrauensposten als Privatsekretär so sehr zur allgemeinen Zufriedenheit ausgefüllt und erheiterte vielleicht auch die Leutchen so mit meiner Unterhaltung, daß sie mit einer Herzlichkeit, der ich nicht zu widerstehen vermochte, in mich drangen, bei ihnen zu bleiben. Ich schlief im Zimmer der Brüder, weil das einzige unbenutzte Bett im Zimmer der Mädchen stand. Aber sonst begegnete man mir mit einer Liebenswürdigkeit, die Börsen, so leicht wie die meine damals war, nicht oft erwiesen wird. Meine Kenntnisse waren ihnen genügend Ausweis dafür, daß ich aus »edlem Blute« sei. So lebte ich denn drei Tage und den größeren Teil eines vierten bei ihnen, und die unverminderte Freundlichkeit, mit der man mir begegnete, läßt mich glauben, daß ich bis zum heutigen Tage bei ihnen hätte leben können, wenn das allein von ihren Wünschen abgehangen hätte. Am letzten Morgen jedoch, als wir beim Frühstück saßen, las ich in ihren Mienen, daß sie mir eine unerfreuliche Eröffnung zu machen hatten, und bald darauf erzählte mir einer der Brüder, daß ihre Eltern am Tage vor meiner Ankunft zu der jährlich in Carnarvon stattfindenden Methodistenversammlung gefahren seien und an diesem Tage zurückerwartet würden, und, »wenn sie nicht so liebenswürdig sein werden, wie es notwendig wäre«, bat er mich im Namen seiner Geschwister, möchte ich das doch nicht krummnehmen. Die Eltern kamen mit groben Gesichtern zurück und hatten auf alle meine Fragen nur die Antwort » Dym Sassenach«, sprachen walisisch und verstanden nicht, was ich sagte. Ich sah, wie die Sache stand, nahm herzlichen Abschied von meinen lieben freundlichen jungen Freunden und ging meiner Wege. Denn, wenngleich sie so warm zu ihren Eltern von mir sprachen und bei mir das Benehmen der alten Leute damit zu entschuldigen suchten, daß »das nun einmal ihre Art sei«, begriff ich doch sofort, daß meine Fähigkeit, Liebesbriefe zu schreiben, mich ebensowenig bei diesen ergrauten walisischen Methodisten empfehlen konnte als meine griechischen Verse, und daß das, was Gastfreundschaft war, wenn es von meinen jungen Freunden so liebenswürdig geboten wurde, zum Almosen weiden mußte unter dem unfreundlichen Wesen dieser alten Leute.

Kurze Zeit später gelang es mir – der Raum verbietet die Art ausführlich zu erzählen – nach London zu kommen. Und nun begann die nächste und schlimmste Zeit meiner Leiden. Ohne zu übertreiben, darf ich sagen, eine Zeit der Todesqual. Denn ich erlitt sechzehn Wochen hindurch Hungerqualen in immer gesteigertem Maße, wie sie schrecklicher kaum je ein menschliches Wesen erlebt oder überlebt hat. Ich will meine Leser nicht mit der Aufzählung der Einzelheiten dieser Qualen peinigen; denn Dinge wie diese kann das verhärtetste menschliche Herz nicht nennen hören, ohne daß die natürliche Güte durchbricht und ein schmerzliches Mitleiden erzeugt, auch dann, wenn Schuld und Fehle vorausgingen. Es mag genügen, daß ich erzähle, daß einige wenige Abfälle vom Frühstückstische eines Menschen, der mich für krank hielt und nicht wußte, in welcher Not ich mich befand – und auch dieses wenige nur ganz unregelmäßig –, meine einzige Nahrung bildeten.

In der ersten Zeit meiner Passion war ich obdachlos, und nur selten einmal schlief ich unter Dach. Diesem dauernden Aufenthalt in der freien Luft schreibe ich es zu, daß ich nicht den Verhältnissen erlag. Später jedoch, als kälteres und unfreundlicheres Wetter eintrat, und als ich durch die andauernde Entbehrung schon ziemlich auf dem Hund war, war es zweifellos ein Glück für mich, daß mir der Mann, von dessen Frühstückstische ich die Krumen auflesen durfte, erlaubte, in einem großen unbewohnten Hause, das ihm gehörte, zu schlafen. Unbewohnt nenne ich es, weil weder ein Haushalt noch irgendwelche Einrichtungsgegenstände sich vorfanden. Tatsächlich gab es im ganzen Hause außer einem einzigen Tische und einigen Stühlen keinerlei Möbel. Aber als ich von meinem neuen Quartier Besitz nahm, fand ich, daß doch schon ein Bewohner da war – ein armes, heimatloses Kind von vielleicht zehn Jahren. Aber Hunger und Leiden lassen Kinder oft älter aussehen, als sie tatsächlich sind. Von diesem verlorenen kleinen Mädchen erfuhr ich, daß sie, bevor ich einzog, ganz allein in den öden Räumen gewohnt und geschlafen hatte; wie freute sie sich, als sie hörte, daß in Zukunft ich ihr Gefährte in den dunklen Nachtstunden sein würde! Das Haus war sehr groß, und da es, wie gesagt, völlig leer stand, schallte der Radau, den die Ratten auf den weiten Treppen und Fluren machten, doppelt laut. Und bei all den Leiden, die die verlassene Kleine durch Kälte – und wohl auch durch Hunger – durchzumachen hatte, litt sie noch unter der Furcht vor Gespenstern. Ich versprach ihr, sie vor allen Gespenstern in Schutz zu nehmen; aber, ach, irgendeine andere Hilfe konnte ich ihr nicht spenden. Wir schliefen auf dem Fußboden und benutzten ein paar Bündel alter Gerichtsakten als Unterbett und als Decke irgend etwas, das vielleicht einmal ein Kutschermantel gewesen war. Später fanden wir in einem Bodenverschlag einen alten Sofabezug und noch andere Lumpen – ein Stück von einer alten Decke –, die uns ein bißchen mit warm halten mußten. Das arme Kind kroch ganz dicht an mich heran, um sich warm zu halten und um Schutz vor den Geistern zu finden. Wenn ich mich nicht kränker als gewöhnlich fühlte, nahm ich sie in meine Arme, so daß sie es ziemlich warm hatte und oft schlief, wenn ich nicht schlafen konnte; denn während der letzten zwei Monate meiner Leidenszeit schlief ich viel bei Tage und konnte zu allen Stunden in ein vorübergehendes Vormichhindösen verfallen. Aber der Schlaf strengte mich mehr an als das Wachen, weil die gräßlichsten Träume mich plagten – Träume, die allerdings noch nicht so entsetzlich waren wie die, die ich später als die Folgen des Opiums zu beschreiben haben werde; so war mein Schlaf nicht mehr als das, was man »Hundeschlaf« nennt. Oft hörte ich mich selbst im Schlafe stöhnen, und manchmal wurde ich durch meine eigene Stimme wach. Und um den Schreck vollzumachen, plagte mich um diese Zeit zum ersten Male ein Leiden, das ich später immer wieder bekam und das in den verschiedenen Perioden meines Lebens mich immer wieder anfiel. Sobald ich in Schlaf fiel, begann es mich zu quälen. Es war eine Art Kneifen im Magen, das mich oft zwang, die Füße gewaltsam auszustrecken, um Erleichterung zu finden. Dieser Zustand überfiel mich, sooft ich einschlafen wollte, und die gewaltsame Bewegung rüttelte mich immer wieder wach, so daß ich schließlich, wenn ich wirklich einmal endlich Schlaf fand, das nur vor Erschöpfung tat. Durch dieses ununterbrochene Wachsein befand ich mich schließlich in einem Zustande zwischen fortgesetztem Eindämmern und Auffahren. Der Herr des Hauses kam ganz unregelmäßig. Manchmal erschien er schon ganz früh, manchmal erst gegen zehn Uhr abends. Manchmal auch überhaupt nicht. Er war in dauernder Furcht vor der Polizei. Nach Cromwells Vorbilde schlief er jede Nacht in einem andern Viertel von London; ich beobachtete sogar, daß er immer erst durch ein kleines Fenster sich davon überzeugte, wer da war, ehe er ging, um demjenigen, der klopfte, die Tür zu öffnen. Er frühstückte allein. Sein Teeservice hätte auch kaum gereicht, daß er es hätte wagen können, eine zweite Person einzuladen, und ebensowenig die eßbaren Vorräte, die meist nur in einem Brötchen oder einigen Zwiebäcken, die er an der nächsten Straßenecke zu kaufen pflegte, bestanden. Sollte er doch ab und zu Gäste gehabt haben, und manchmal schien mir das bei aufmerksamer und scharfer Beobachtung beinahe der Fall gewesen zu sein, so müssen sie aus der vierten Dimension gekommen sein. Während seines Frühstücks machte ich mir ab und zu eine Ausrede, um Grund zum Betreten seines Zimmers zu finden; dann räumte ich mit so gleichgültiger Miene, als ich irgend zu machen vermochte, die Reste, die er übriggelassen hatte, zur Seite – aber manchmal fand ich nichts abzuräumen. Wenn ich das tat, so schadete ich niemandem als dem Manne selbst, der vielleicht genötigt war, sich ab und zu abends noch ein Biskuit holen zu lassen. Denn was das arme Kind anbetrifft, so durfte es nie in sein Studierzimmer, wenn man dem mit alten Pergamenten, Rechtsbüchern und ähnlichem Gerümpel angefüllten Räume diesen Namen zubilligen wollte, betreten. Dieser Raum war für sie das Blaubartzimmer des Hauses, das stets, wenn der Herr um sechs Uhr zum Essen ging, sorgfältig verschlossen wurde. Dann ging er fort und blieb die Nacht hindurch außerhalb. Ob das kleine Mädchen etwa sein uneheliches Kind oder nur ein kleiner Dienstgeist war, habe ich nie festzustellen vermocht. Es selbst wußte gar nichts. Aber behandelt wurde es, als ob es ein richtiges Dienstmädchen sei. Sobald der Herr erschien, ging es nach unten, bürstete ihm Schuhe und Rock sauber und leistete andere kleine Dienste. Wenn es nicht gerade fortgeschickt wurde, um irgend etwas zu besorgen, kam es sonst den ganzen Tag nicht aus seinem Küchenloch heraus – nicht früher, als bis mein Klopfen am Abend seine zitternden Schritte zur Haustüre lockte. Von dem Leben, das es bei Tage führte, erfuhr ich nur das wenige, das es mir nachts manchmal erzählte. Denn sobald morgens die Geschäfte öffneten, ging ich fort und saß in den öffentlichen Parkanlagen herum, bis die Dunkelheit wieder einbrach.

Wer oder was der Hauswirt war? – Ja, lieber Leser – wahrscheinlich war er so ein Winkeladvokat; einer von der Sorte, die aus Gründen der Klugheit oder der Notwendigkeit sich den Luxus eines empfindlichen Gewissens nicht erlauben wollen – aber das magst du selber entscheiden oder kürzer ausdrücken, als ich es tat – aber – auf manchem Lebenswege ist ein empfindliches Gewissen ein Gepäckstück, das teurer kommt als eine Frau oder ein Luxusfuhrwerk. Und wie man wohl sagt, daß jemand »seine Equipage aufgibt«, so schien es mir, daß mein Freund und Wohltäter für einige Zeit sein Gewissen »aufgegeben« hatte, zweifellos in der Hoffnung, das er es sich wieder anschaffen würde, sobald er es sich wieder leisten konnte. Die innere Ökonomie des täglichen Lebens eines solchen Mannes würde vielleicht ein seltsames Gemälde bieten, wenn, lieber Leser, ich mir gestatten dürfte, dich auf seine Kosten zu unterhalten.

Trotz der begrenzten Beobachtungsmöglichkeiten, die sich mir boten, sah ich so manche spezifisch Londoner Szene von Intrigen und Schurigeleien, daß ich noch jetzt manchmal lächeln muß, wenn ich sie mir ins Gedächtnis zurückrufe, und über die ich damals schon – trotz allen Elendes – lächeln mußte. Ich selbst aber erfuhr von meinem Gastgeber nichts, als was ihm Ehre gemacht hätte, und bei all seinen Seltsamkeiten muß ich darüber alles vergessen, daß er gegen mich freundlich war und, soweit das im Bereiche seiner Kräfte lag, sogar freigebig gegen mich gewesen ist.

Diese Kräfte reichten allerdings nicht sehr weit. Immerhin wohnte ich in Gemeinschaft mit den Ratten mietfrei. Dr. Johnson berichtet, daß er einmal in seinem Leben wenigstens so viel Spalierobst hatte, wie er essen wollte; – ich will dankbar anerkennen, daß ich einmal die Auswahl unter so viel Zimmern eines Londoner Hauses hatte, wie ich nur wünschen konnte. Außer dem »Blaubartzimmer«, das dem armen Kinde so viel Angst einflößte, standen alle Räume, vom Keller bis zum Boden, zu unserer Verfügung. »Die Welt gehört uns«, und so schlugen wir jede Nacht unser Zeit in einem anderen Raume auf. – Ich habe beschrieben, daß es ein sehr großes Haus war, dieses Haus, das in einer etwas anrüchigen Lage in einem bekannten Stadtviertel von London liegt. Mancher von meinen Lesern wird wahrscheinlich schon vorbeigekommen sein. Ich aber versäume nie, wenn mich Geschäfte nach London führen, es zu besuchen. Heute, an meinem Geburtstage, am 15. August 1821, bin ich abends um zehn Uhr auf meinem Abendspaziergang nach Oxfordstreet abgebogen, um einen Blick auf dieses Haus zu tun. Da sah ich, daß es jetzt von ordentlichen Leuten bewohnt ist, und beobachtete im Wohnzimmer einen Familienkreis, der, wie es mir schien, heiter und fröhlich um den Teetopf versammelt war. Da mußte ich an den wunderbaren Gegensatz denken, an die Dunkelheit und die Kälte und die Stille und die Verzweiflung, die vor achtzehn Jahren in eben diesem Hause herrschten, als seine nächtlichen Bewohner ein verhungerter Schulbub und ein vernachlässigtes Kind waren. Die Kleine, die ich in späteren Jahren vergeblich gesucht habe. Abgesehen von der seltsamen Situation, in der sie sich befand, kann man nicht sagen, daß sie ein »interessantes« Kind gewesen ist; sie war weder niedlich noch besonders verständig, noch etwa auch nur besonders nett. Doch – Gott sei Dank – brauchte schon damals ein Mensch nicht all dies fade Novellenbeiwerk zu besitzen, um meine Zuneigung zu gewinnen. Einfache Menschlichkeit, in ihrer bescheidensten und unauffälligsten Erscheinung, genügte mir, und ich liebte dieses Kind einfach deshalb, weil es der Gefährte meiner Verzweiflung war. Wenn es noch am Leben ist, dann ist es vielleicht heute eine Mutter mit eigenen Kindern um sich herum. Leider, leider habe ich es nicht wieder aufzufinden vermocht, und das tut mir weh.

Aber in jener Zeit gab es noch ein Wesen, das ich seither noch viel besorgter und angstvoller gesucht habe – auch sie vergeblich! Das war ein junges Mädchen, die zu der unglücklichen Klasse von armen Menschen gehörte, die, um ihr Leben zu fristen, sich der Prostitution ergeben müssen. Ich fühle so gar keine Scham – und ich habe auch gar keinen Grund dazu –, eingestehen zu müssen, daß ich damals mit vielen dieser unglücklichen Frauen auf familiärem und freundschaftlichem Fuße stand. Lieber Leser, du brauchst weder zu grinsen noch die Stirn zu runzeln! Denn abgesehen davon, daß ich meinen klassisch gebildeten Lesern das Sprichwort » Sine Cerere et Libero friget Venus«

»Liebe wird leicht krank und matt,
wenn man nichts zu beißen hat«

unter die Nase reiben könnte, wird man sich wohl, auch ohne die ausdrückliche Versicherung meinerseits, vorstellen können, daß bei dem Zustande meiner Börse die Beziehungen zu diesen Frauen nicht anstößig gewesen sein können. Aber, du kannst darüber denken, wie du willst – ich habe zu keiner Zeit meines Lebens geglaubt, daß mich die Berührung oder die Nähe einer Kreatur, die menschliche Gestalt trug, verunreinigen könnte. Ganz im Gegenteil ist es von meiner frühen Jugend an mein Stolz gewesen, vertraulich – wenn du willst: more Socratico – mit allem. Mann, Weib und Kind, die mir das Schicksal über den Weg führte, zu verkehren. Diese Gewohnheit ist mir zustatten gekommen: Meiner Menschenkenntnis, meinem sozialen Fühlen, meiner inneren Freiheit und meiner freien Ausdrucksweise – alles Dinge, die unerläßlich sind für jemanden, der sich einen »Philosophen« nennt. Denn ein Philosoph darf nicht mit den Augen eines Philisters sehen und sich nicht einen Weltmann nennen, wenn er enge und durch Geburt oder Erziehung begründete Vorurteile kultivieren zu müssen glaubt; nein – er muß über sich selbst zu stehen versuchen und wie ein katholischer Priester keinerlei Unterschiede kennen, weder zwischen hoch und niedrig, zwischen gebildet und ungebildet, zwischen schuldig und unschuldig. Ich war damals ein »Peripatetiker« in des Wortes ursprünglicher Bedeutung, einer, der in den »Peripatoi«, den Gassen, einherlief, ein Herumtreiber, und so kam ich ganz von selbst mit den weiblichen »Peripatetikern«, den Gassenmädchen, zusammen. Manche von diesen Frauen hat mir gelegentlich die Stange gehalten, gegen Polizisten, die mich von den Treppenstufen, auf die ich mich erschöpft niedergelassen hatte, vertreiben wollten. Aber – eine war unter ihnen, die eine, um derentwillen ich all das erzähle – aber – nein! – ich will dich nicht mit jenen Frauen auf eine Stufe stellen – du feinsinnige Ann! Laß mich, lieber Leser, ein besseres Wort finden, um dir die Lage der Frau zu schildern, deren Güte und Mitleiden, deren werktätiger Hilfe zu einer Zeit, da alle Welt mich verlassen hatte, ich es zu danken habe, daß ich überhaupt noch lebe! – Manche Nacht bin ich mit dem armen, heimatlosen Mädchen in Oxfordstreet auf und ab gegangen; manche Nacht habe ich mit ihr auf den überdeckten Treppenstufen vor irgendwelchen Hauseingängen gesessen. Sie konnte noch nicht einmal so alt sein, wie ich damals war; sie hat mir einmal erzählt, daß sie noch nicht sechzehn war. Wenn eine oder die andere Frage, die mein Interesse für ihr Schicksal mir eingab, Antwort fand, so schälte sich ganz allmählich ihre Geschichte aus all den Einzelheiten. – Eine ganz einfache Geschichte, die, wie ich später lernte, einen ganz einfachen Fall darstellte, wie ihn die Londoner Wohlfahrtseinrichtungen, wären sie nur besser und praktischer geleitet, wohl die Macht hätten, durch rechtzeitiges Einsetzen der Polizei und praktischere Anwendung der Gesetze vermeidbar zu machen. Aber der Strom der Londoner Mildtätigkeit fließt in einem Kanal, der, so breit und tief er ist, geräuschlos und unterirdisch seinen Weg findet; der für arme, heimatlose Wanderer nicht sichtbar und nicht erreichbar ist. Es muß einmal gesagt werden, daß trotz allem – das Wesen und die Äußerungen der Londoner Gesellschaft rauh, abstoßend und grausam sind. Hier sah ich sofort, daß das Unrecht, das man dem armen Mädchen zugefügt hatte, leicht wieder gutzumachen gewesen wäre, und oft und ernst redete ich ihm zu, sich mit einer Klage an den Magistrat zu wenden, damit die englische Justiz, die ein Ansehen der Person nicht kennt, sie räche an dem gewissenlosen Schuft, der sie um ihr bißchen Eigentum gebracht hatte. Sie versprach mir manchmal, daß sie es tun würde, aber sie schob die notwendigen Schritte immer wieder auf. Ich versuchte sie von Zeit zu Zeit immer wieder aufzurütteln, aber sie war so müde und entmutigt in solchem Grade, daß man leicht erkannte, wie tief der Kummer sich in ihr junges Herz gefressen hatte. Vielleicht dachte sie daran, daß die gerechteste Justiz und der gewissenhafteste Richter das nicht wieder gutzumachen vermöchten, was man ihr zugefügt hatte. Immerhin bestand die Möglichkeit, etwas zu tun, um ihre Lage zu verbessern, und wir hatten verabredet, daß wir in ein oder zwei Tagen zusammen zum Magistrat gehen wollten, und daß ich für sie sprechen sollte. Aber leider hatten wir das gerade beim letzten Male, als ich mit ihr zusammen war, erst verabredet! Diesen kleinen Dienst habe ich ihr – leider Gottes – niemals wirklich leisten dürfen. – Mir hat sie damals einen erwiesen, der größer war, als daß ich jemals ihn hätte vergelten können: Eines Nachts, als wir langsam Oxfordstreet entlang schlenderten, und nach einem Tage, an dem ich mich besonders krank und zerschlagen fühlte, bat ich sie, mit mir in Sohosquare einzubiegen. Wir taten es und setzten uns auf die Treppe vor einem Hause nieder, an dem ich noch heute nie vorbeigehen kann, ohne einen schmerzlichen Stich im Herzen zu verspüren, an dem ich nie vorübergehe, ohne daß ich mich in Gedanken vor dem Geiste dieses unglücklichen Mädchens neige, in der Erinnerung an die edle Handlung, die sie damals leistete. Kaum hatten wir uns hingesetzt, als es mir plötzlich grün und gelb vor den Augen wurde. Mein Kopf lehnte an ihrer Brust, und plötzlich sank er herab, und ich selbst stürzte rittlings die Stufen herunter. Das einzige, was ich noch denken konnte, war, daß, wenn ich nicht schnellstens ein kräftiges Belebungsmittel erhielte, ich auf der Stelle sterben mußte – oder daß ich in einen Erschöpfungszustand verfallen würde, aus dem eine Wiederherstellung bei meiner elenden Leibesbeschaffenheit völlig unmöglich sein würde. Da, in dieser Schicksalskrisis, streckte meine arme verwaiste Gefährtin, die von der Welt nie etwas anderes als Unrecht erfahren hatte, mir die rettende Hand entgegen. Sie stieß einen Schreckensschrei aus, aber ohne einen Augenblick zu verlieren, rannte sie in die Oxfordstreet, und in kaum vorstellbar kurzer Zeit kam sie mit einem Glas gewürzten Portweins zurück, das auf meinen leeren Magen, der jede andere Nahrung verweigert haben würde, augenblicklich belebend wirkte. Dieses Glas hat das großherzige Mädchen ohne ein Wort zu sagen aus ihrer armseligen Börse bezahlt, zu einer Zeit – ja, lieber Leser! – zu einer Zeit, in der sie selbst nicht in der Lage war, sich regelmäßig das zum Leben auch nur Allernötigste zu kaufen; zu einer Zeit, in der sie auch nicht den Schimmer einer Ahnung haben konnte, daß ich jemals in der Lage sein würde, es ihr zu erstatten.

Ach, du liebe Wohltäterin meiner Jugend! Wie oft habe ich in den verflossenen Jahren gewünscht, wenn Einsamkeit um mich her war und ich aus dankbarem und liebevollem Herzen deiner dachte, wie oft habe ich dann gewünscht – wie man in alten Zeiten vom Fluche des Vaters glaubte, daß er seinen Gegenstand mit unabwendbarer Notwendigkeit der Selbsterfüllung verfolge –, eine übernatürliche Macht zu besitzen, die die Segnungen eines dankerfüllten Herzens aussenden sollte, daß sie dich suchten, fänden, überraschten, und wenngleich du in der finstersten Dunkelheit eines Londoner Bordells von ihnen gefunden werden müßtest oder in der Finsternis des Grabes lägest, dann sollten sie dich wecken und dir dort die heilige Botschaft von Friede und Vergebung und von der ewigen Versöhnung kundtun!

Ich weine nicht oft, denn meine Gedanken über das Dasein und über die letzten Ziele der Menschheit steigen täglich, nein, stündlich zu Tiefen hinab, die »tausend Faden zu tief für Tränen sind«. Das Gleichmaß meiner Gedanken bietet den Gefühlen, die Tränen hervorzurufen pflegen, einen unüberwindlichen Widerstand, der denen, die durch ihre Oberflächlichkeit vor jedem Hange zu schmerzlicher Gedankenvertiefung bewahrt sind, fehlen muß; deshalb wohl macht sie gerade ihre Seichtheit unfähig, jedem kleinen Andringen schmerzlicher Gedanken standzuhalten. Aber ich glaube, daß Menschen, die solche Dinge so tief wie ich erlebt haben, als Notwehr gegen die letzte Verzweiflung einen ruhespendenden Glauben an die künftige Ausgleichsmöglichkeit und an den geheimnisvollen Sinn der menschlichen Leiden sich bewahren und hegen müssen. Deshalb bin ich heiter und weine, wie ich schon sagte, nicht oft. Doch es gibt Gefühle, die, wenn sie auch nicht tiefer und leidenschaftlicher, so doch rührender als andere sind. – Manchmal, wenn ich jetzt bei träumerischem Lampenlicht durch Oxfordstreet gehe, und wenn dann eine Drehorgel dieselben Melodien spielt, die vor langen Jahren mich und meine liebe Gefährtin – so muß ich sie noch immer nennen – trösteten, dann kommen mir die Tränen, und ich grüble über die geheimnisvolle Schickung nach, die so plötzlich und so schroff uns voneinander trennte. Wie das geschah, lieber Leser, wirst du jetzt erfahren.

Bald nach den eben geschilderten Ereignissen traf ich in Albemarlestreet einen Herrn, der zum Gefolge des verstorbenen Königs gehört hatte. Dieser Herr hatte bei verschiedenen Gelegenheiten die Gastfreundschaft meiner Familie genossen und redete mich an, da er mich wohl an einer gewissen Familienähnlichkeit erkannte. Ich verleugnete mich nicht und antwortete geschickt auf seine Fragen. Als er mir sein Wort verpfändete, daß er mich nicht meinen Vormündern verraten würde, gab ich ihm meine Adresse bei meinem Freund, dem Winkeladvokaten. Bereits am nächsten Tage empfing ich eine Zehnpfundnote. Der Brief, der sie enthielt, wurde mit anderen Briefschaften bei dem Advokaten abgegeben, aber obwohl ich seinen Blicken und seinem Benehmen anmerkte, daß er wußte, was er enthielt, händigte er ihn mir ehrlich und ohne Aufschub aus. Manch einer unter meinen Lesern wird sich wundern, daß ich in einer so großen Stadt wie London nicht die Mittel gefunden habe, die mich vor der Gefahr des Verhungerns hätten bewahren können. Sie werden sich überlegen, daß mir zwei Möglichkeiten offengestanden haben würden. Entweder bei den Freunden meiner Familie Hilfe zu suchen oder meine jugendlichen Talente und Kenntnisse irgendwie zu Erwerbszwecken nutzbar zu machen. Was den ersten Weg anbetrifft, will ich nur ganz allgemein bemerken, daß ich nichts so sehr fürchtete, als von meinen Vormündern wieder zurückgeholt zu werden, weil ich nicht zweifelte, daß sie die Macht, die das Gesetz ihnen über mich gab, bis zum äußersten benutzen würden und mich in die Schule, der ich eben entflohen war, gewaltsam wieder zurückbringen könnten. Das erschien mir, selbst wenn ich mich aus freien Stücken dieser Notwendigkeit unterworfen haben würde, als eine so große Schmach, daß mir die Demütigung, sie etwa sogar erzwungen und als einen Beweis von verachtungsvollem Mißtrauen über mich ergehen lassen zu müssen, schlimmer vorkam, als hätte ich sterben müssen; – ohne Zweifel würde sie auch zu meinem Tode geführt haben. – Ich war deshalb viel zu besorgt, dort, wo ich ohne Zweifel Hilfe gefunden haben würde, um etwas zu bitten, weil ich damit Gefahr lief, meinen Vormündern eine Spur zu verraten, die ohne weiteres zu meiner Entdeckung hätte führen müssen. Außerdem war mein Vater, der zwar in London viele Freunde hatte, bereits zehn Jahre tot, und ich wußte nur von sehr wenigen seiner Bekannten die Namen. Adressen wußte ich fast in keinem Falle genau, weil ich früher nie mehr als für einige wenige Stunden in London gewesen war. Diese Schwierigkeiten und die Furcht machten es mir unmöglich, mir Hilfe zu verschaffen. Was nun den anderen Weg anbetrifft, so muß ich heute sagen, daß ich selbst nicht begreife, warum ich ihn damals nicht gegangen bin. Wenn sich nichts anderes gefunden hätte, hätte ich als Korrektor für griechischen Drucksatz jederzeit so viel verdienen können, als meine geringen Bedürfnisse erforderten. Ich hätte bestimmt eine solche Stellung mit vorbildlicher Pünktlichkeit und Gewissenhaftigkeit ausgefüllt, die mir bald das Vertrauen meines Arbeitgebers gesichert haben würde. Aber man darf auch nicht vergessen, daß ich für solchen Posten zunächst eine Empfehlung an einen tüchtigen Verleger nötig gehabt hätte, und ich wüßte nicht, wie ich die hätte erhalten können. Die Wahrheit ist, daß ich nie daran gedacht habe, daß man aus literarischen Arbeiten eine Einnahmequelle zu machen vermöchte. Die einzige Möglichkeit schien mir die zu sein, daß ich auf Grund meiner zukünftigen Ansprüche und Aussichten etwas geliehen bekäme. Dieses Ziel suchte ich mit aller Energie zu erreichen und wandte mich deshalb an einen Juden namens David.

Bei diesem Juden und einigen anderen inserierenden Geldverleihern führte ich mich dadurch ein, daß ich ihnen von meinen Ansprüchen erzählte. Sie überzeugten sich durch Einsichtnahme in das bei einem Notar liegende Testament meines Vaters, daß meine Angaben stimmten. Die Person, die als der zweite Sohn des Herrn de Quincey bezeichnet war, hatte alle Ansprüche, die ich aufgezählt hatte, oder sogar noch mehr als die. Doch blieb die Frage zu beantworten, die ich an den Gesichtern mit Leichtigkeit abzulesen vermochte: War ich diese Person? – Ich hatte solchen Zweifel nie für möglich gehalten; vielmehr hatte ich gefürchtet, daß meine jüdischen Freunde mich zu genau betrachten könnten, und daß sie sich nur zu gut überzeugen könnten, daß ich wirklich die in Rede stehende Person war; daß irgendein Plan ihren Sinn durchkreuzen könnte, mich einzufangen und an meine Vormünder zu verkaufen. Es kam mir recht seltsam vor, daß meine eigene Person materialiter betrachtet, angeklagt oder doch beargwöhnt werden könnte, mein eigenes Selbst formaliter zu imitieren. Um ihre Bedenken zu beseitigen, wählte ich das einzige Mittel, das mir zur Verfügung stand. Während meines Aufenthaltes in Wales hatte ich verschiedene Briefe von jungen Freunden erhalten. Diese wies ich jetzt vor, denn ich hatte sie sorgfältig aufgehoben, weil sie das einzige Überbleibsel meines persönlichen Besitzes waren, dessen ich, mit Ausnahme der Kleider, die ich auf dem Leibe trug, auf die eine oder andere Weise verlustig gegangen war. Die meisten Briefe dieser Art stammten von einem Earl, der mein bester Jugendfreund war. Diese Briefe kamen aus Eton. Ich hatte auch einige von seinem Vater, der zwar jetzt in allerlei Agrikulturprobleme verstrickt war, der aber einst ein Etonianer und ein so großer Gelehrter gewesen war, wie es ein Edelmann überhaupt zu sein vermag, und der eine große Vorliebe für klassische Studien und junge Studenten beibehalten hatte. Seit meinem fünfzehnten Lebensjahre korrespondierte er mit mir, manchmal über die großen Verbesserungen, die er in seinen beiden Grafschaften eingeführt hatte, manchmal über die Vorzüge eines lateinischen Dichters, und ab und zu schrieb er über Gegenstände, über die er gern lateinische Verse von mir gesehen hätte. Nachdem er die Briefe gelesen hatte, erklärte sich einer meiner jüdischen Freunde bereit, mir zwei- oder dreihundert Pfund vorzustrecken, vorausgesetzt, daß ich den jungen Earl veranlassen konnte – er war nicht älter als ich –, die Bürgschaft für die Rückerstattung nach unserer Mündigkeit zu übernehmen. Der Jude wollte wohl, wie ich vermute, weniger an mir verdienen, als ihn die Aussicht reizte, mit meinem vornehmen Freunde in Verbindung zu kommen, von dem er wußte, welch ungeheuren Einfluß er einst haben würde. Um die Bedingungen zu erfüllen, machte ich mich zwei oder drei Tage nachdem ich die Zehnpfundnote erhalten hatte, auf die Reise nach Eton. Ungefähr drei Pfund hatte ich meinem Geschäftsfreunde bereits gegeben, da er behauptete, den Stempel kaufen zu müssen, damit ich bei meiner Rückkehr nach London den Vertrag fertig vorfände. Ich dachte mir gleich, daß er mich belüge, aber ich wollte nicht irgendwelchen Grund zu Verzögerungen geben. Eine kleine Summe hatte ich meinem Wirt, dem Advokaten, gegeben, der der Rechtsbeistand der Geldverleiher war und überdies ein gewisses Anrecht darauf hatte, etwas an mir zu verdienen, da er mich so lange in seinem unmöblierten Hause aufgenommen hatte. Fünfzehn Schilling etwa hatte ich gebraucht, meinen Anzug einigermaßen in Ordnung zu bringen. Vom Reste gab ich den vierten Teil meiner lieben Ann, in der Absicht, nach meiner Rückkehr mit ihr zu teilen, was mir übrigbleiben würde. Nachdem alles erledigt war, machte ich mich an einem dunklen Winterabend kurz nach sechs Uhr in Anns Begleitung auf nach Piccadilly, denn ich beabsichtigte, bis nach Salt Hill hinunter auf der Bath- oder Bristol-Post zu fahren. Unser Weg führte durch einen jetzt verschwundenen Teil der Stadt, so daß ich ihn heut nicht mehr beschreiben kann, die Swallowstreet hieß er, glaube ich. Weil wir noch genug Zeit hatten, machten wir einen Umweg, bis wir auf Golden Square kamen. Dort an der Ecke von Sherrardstreet setzten wir uns nieder, da wir nicht in dem Trubel und Radau des lichtüberströmten Piccadilly Abschied voneinander nehmen wollten. Schon vor einiger Zeit hatte ich meiner Freundin meine Pläne auseinandergesetzt, und nun versicherte ich ihr wieder, daß sie an dem Glücke, das mir diese Reise vielleicht bescheren würde, Anteil haben sollte, daß ich sie, wenn ich nur erst könnte, beschützen und ihr helfen würde, und daß ich sie nie verlassen wolle. Das beabsichtigte ich tatsächlich, sowohl aus Zuneigung als aus Pflichtgefühl; ganz abgesehen von der Dankbarkeit, die ich für sie hegte, die mich für mein langes Leben zu ihrem Schuldner machte, liebte ich sie so innig, wie man nur eine Schwester lieben kann, und in diesem Augenblicke mit versiebenfachter Zärtlichkeit, aus Mitleid und Verständnis für ihre außerordentliche Niedergeschlagenheit. Zur Niedergeschlagenheit hatte ich eigentlich mehr Grund als sie, denn ich nahm Abschied von meiner Lebensretterin. Doch war ich in Hinsicht auf die mannigfache Erschütterung, die meine Gesundheit erlitten hatte, ziemlich heiter und hoffnungsvoll. Sie jedoch, die einem Menschen Lebewohl sagte, der ihr nie etwas anderes als geschwisterliche Zuneigung hatte bieten können, wurde von Kummer überwältigt. Als ich sie zum letzten Lebewohl küßte, schlang sie ihre Arme um meinen Hals und brach in wortloses Weinen aus. Ich hoffte, in spätestens einer Woche zurück sein zu können, und verabredete mit ihr, daß sie mich vom fünften Abend nach meiner Abreise an jeden Abend am Ende der Great Titchfieldstreet erwarten möchte, die immer unser gewöhnlicher Hafen gewesen war, in dem wir uns zum Rendezvous bestellten, um uns nicht im großen Mittelmeere der Oxfordstreet zu verlieren. Dies und allerlei anderes besprachen wir, aber das Wichtigste hatten wir vergessen. Entweder hatte sie mir nie ihren Familiennamen gesagt, oder er war mir als unwichtig entfallen. Ganz allgemein rufen sich die Mädchen ihres Standes, und besonders ihres unglückseligen Berufes, im Gegensatz zu den novellenlesenden Damen mit den großen Raupen im Kopfe – wie Miß Douglas, Miß Montagu – nur mit ihrem Taufnamen – Mary, Jane, Frances und so ähnlich. Ich hätte als sicherstes Mittel, sie wieder aufzufinden, mich nach ihrem Familiennamen erkundigen müssen. Da ich jedoch nicht daran dachte, daß ein Zusammentreffen nach ein paar Tagen schwieriger und ungewisser sei, als all die Abende vorher viele Wochen hindurch möglich gewesen war, hielt ich es nicht einen Augenblick für notwendig, ihn zu erfragen oder gar meinem Gedächtnis einzuprägen; und da ich bis zum letzten Augenblicke damit beschäftigt war, sie mit Hoffnungen zu trösten und sie zu bitten, sich ein Heilmittel gegen einen heftigen Husten und eine quälende Heiserkeit, die sie seit langem belästigten, zu verschaffen, vergaß ich vollends daran, bis es zu spät war, sie zurückzurufen.

Als ich um acht Uhr an das Glouster-Café kam, war die Bristol-Post gerade im Begriffe, abzufahren, so daß ich auf einen der Außensitze stieg. Die gleichmäßige Bewegung der Postkutsche versenkte mich bald in tiefen Schlaf, und es ist eigentlich merkwürdig, daß ich nach langen Monaten den ersten leichten und erquickenden Schlaf auf dem Außensitze einer Postkutsche genoß, einem Bett, das mir heute ziemlich unbequem vorkommen würde. Dieser Schlaf war die Ursache einer kleinen Begebenheit, die, wie hundert andere zu jener Zeit, mich davon überzeugte, wie leicht jemand, der sich in Not befunden, durch das Leben zu gehen vermag, ohne an sich selbst erfahren zu haben, welcher Güte und – leider, leider auch – welcher Gemeinheit das menschliche Herz fähig ist. Ein so dichter Schleier von Formen ist über die menschlichen Gesichtszüge gebreitet, daß für den oberflächlichen Beobachter diese beiden Endpunkte und das an Unebenheiten so abwechslungsreiche Feld, das zwischen ihnen liegt, in eines verschmelzen; daß die ungeheure Mannigfaltigkeit ihrer Harmonien auf den mageren Umriß von Verschiedenheiten beschränkt wird, die er mit der begrenzten Tonleiter und dem Alphabet von Elementarlauten glaubt wiedergeben zu können. Also: während der ersten vier oder fünf Meilen belästigte ich einen Mitreisenden dadurch, daß ich auf ihn fiel, sobald der Wagen einen Ruck nach seiner Seite hin abbekam. Ich glaube, daß ich vor Schwäche hinuntergefallen wäre, wäre der Weg nicht so glatt und eben gewesen. Er beklagte sich sehr über die Belästigung, wie es unter solchen Umständen wohl die meisten Menschen getan haben würden. Jedoch brachte er seine Beschwerde mürrischer vor, als es eigentlich notwendig war. Hätten wir uns in diesem Augenblicke getrennt, so würde ich an ihn als an einen griesgrämigen, brutalen Burschen zurückdenken – wenn ich mir überhaupt die Mühe geben würde, an ihn zu denken. Weil ich wußte, daß ich ihm Grund zur Unzufriedenheit gegeben hatte, entschuldigte ich mich und versicherte, daß ich mir Mühe geben wolle, nicht von neuem in Schlaf zu fallen. Zugleich erklärte ich ihm, daß ich von langem Leiden schwach und krank sei und augenblicklich nicht genügend Mittel besäße, einen Platz im Wageninnern zu bezahlen. Sofort änderte sich das Benehmen des Mannes, und als ich wieder einmal für einen Augenblick von dem Lärm und den Lichtern in Hounslow erwachte, denn trotz aller Mühe war ich wenige Sekunden nach meinen letzten Worten wieder eingeschlafen, fühlte ich, daß er seinen Ann um mich geschlungen hatte, mich vor dem Herunterstürzen zu bewahren. Während des ganzen Restes der Fahrt erwies er mir eine beinahe mütterliche Fürsorge, so daß er mich endlich fast ganz in seinen Armen hielt. Und das war um so freundlicher, als er ja gar nicht wußte, ob ich nicht die ganze Reise bis Bath oder Bristol mitmachen würde. Leider fuhr ich über mein Ziel hinaus, denn mein Schlaf war so tief, daß ich, beim plötzlichen Anhalten der Postkutsche, wahrscheinlich vor einer Posthalterei, erwachte und da erst erfuhr, daß wir uns in Maidenhead, sechs oder sieben Meilen hinter Salt Hill, befanden. Ich stieg aus, und während der halben Minute, die der Wagen anhielt, bat mich mein freundlicher Reisegefährte, der nach einem kurzen Blick, den ich in Piccadilly auf ihn geworfen hatte, der Diener irgendeines vornehmen Herrn oder etwas Ähnliches zu sein schien, sofort zu Bett zu gehen. Das versprach ich, ohne die Absicht zu haben, es auch zu tun, und ohne Aufenthalt wanderte ich zu Fuß weiter – oder, besser gesagt, zurück.

Es muß ungefähr Mitternacht gewesen sein, als ich ausstieg, aber ich kroch so langsam vorwärts, daß ich eine Uhr in einem Bauernhause vier schlagen hörte, als ich den Feldweg von Slough nach Eton herunterkam. Luft und Schlaf hatten mich erfrischt, und dennoch fühlte ich mich müde. Ich erinnere mich noch eines Gedankens, der mir damals kam, der gar nicht so weit hergeholt war und den einmal ein römischer Dichter gut ausgedrückt hat, der mich in meiner Armut tröstete. Kurz vorher war in der Hounslow-Heide ein Mord begangen worden. Ich glaube mich nicht zu irren, daß der Ermordete Steele hieß und daß er der Besitzer einer Lavendelpflanzung in der Nachbarschaft war. Mit jedem Schritt kam ich der Heide näher, und es war gar nicht ausgeschlossen, daß ich und der fluchbeladene Mörder, wenn er die Nacht draußen war, uns, ohne es zu beabsichtigen, treffen könnten – durch die Dunkelheit zusammengeführt. Da überlegte ich mir denn, daß ich, wäre ich nicht ein Ausgestoßener, sondern mein lieber Freund, der Earl, der Erbe eines jährlichen Einkommens von siebzigtausend Pfund gewesen, ich alle Ursache gehabt hätte, um meinen Hals besorgt zu sein. Allerdings erschien es mir andererseits ziemlich unwahrscheinlich, daß der Earl jemals in diese Lage hätte kommen können. Immerhin, der Sinn der Bemerkung ist richtig, daß Macht und Reichtum den Menschen mit einer unwürdigen Angst vor dem Tode erfüllen. So war ich in dem Augenblick ganz froh, nicht mehr zu sein als

»Herr meines Wissens, sonst ohne Besitz«.

Ich glaube bestimmt, daß manche der unerschrockensten Abenteurer, die, da sie glücklicherweise arm sind, sich des Vollbesitzes ihres natürlichen Mutes erfreuen, plötzlich eine große Abneigung gegen pfeifende Kugeln zeigen würden und ihren Gleichmut und ihre Geistesgegenwart nach und nach verlieren würden, wenn sie im Augenblicke, vor dem Aufbruche zu neuem Raubzuge, plötzlich die Nachricht erhielten, daß sie unerwartet ein englisches Landgut mit fünfzigtausend Pfund Jahreseinnahme geerbt hätten. Es ist richtig, was der Weise, der beide Schicksale am eigenen Leibe erlebt hatte, sagte, daß Reichtümer geeigneter sind,

»Den Mannesmut zu brechen, seine Schärfe
zur Stumpfheit abzuschleifen, als daß sie
zu lobenswertem Tun ihn weiter trieben.«

(Milton, Wiedergewonnenes Paradies.)

Ich verweilte so lange bei diesen Dingen, weil für mich selbst die Erinnerung an diese Zeiten so überaus bewegend ist. Nun aber, lieber Leser, sollst du keinen weiteren Grund haben, dich zu beklagen. Denn nun will ich vorwärts eilen und weitererzählen.

Am Wege zwischen Slough und Eton schlief ich wieder ein, und gerade als der Morgen zu dämmern begann, weckte mich die Stimme eines Mannes, der sich beobachtend über mich neigte. Was er war, weiß ich nicht. Es war ein schlecht aussehender Kerl, womit nicht gesagt ist, daß es auch ein schlechter Kerl gewesen sein muß. Wenn er es doch gewesen ist, muß er sich wahrscheinlich gesagt haben, daß es sich nicht lohne, einen Menschen zu berauben, der im Winter bei »Mutter Grün« übernachtet. In diesem Falle aber, und von meinem damaligen Standpunkte betrachtet, versichere ich ihm, wenn er sich etwa unter meinen Lesern befinden sollte, daß er sich gründlich irrte. – Nachdem er irgend etwas gesagt hatte, ging er weiter, und ich war über die von ihm verursachte Störung nicht weiter traurig, weil ich damit in der Lage war, durch Eton zu gehen, bevor die Leute alle munter waren. Die Nacht war feucht und nebelig gewesen, gegen Morgen hatte sich daraus ein Rauhfrost gebildet, und der Boden und die Bäume waren nun mit Reif überzogen. Unbemerkt schlüpfte ich durch Eton. In einem kleinen Gasthaus in Windsor wusch ich mich und brachte meinen Anzug, so gut es gehen wollte, in Ordnung. Gegen acht Uhr machte ich mich auf den Weg nach Pote's College. Unterwegs traf ich einige Tertianer, bei denen ich Erkundigungen einzog. Etonianer sind in jeder Lebenslage Gentlemen, und so erhielt ich auch hier trotz meines ruppigen Aussehens anständige Antwort. – Mein Freund war nicht mehr in Eton. Er war auf der Universität! Zwar hatte ich noch andere Freunde in Eton, aber – nicht alle, denen man in guten Zeiten den Namen »Freund« gibt, kann man noch so nennen, wenn man heruntergekommen ist. Ich überlegte und verlangte nach einem anderen hochadeligen Bekannten, mit dem ich zwar nicht so gut befreundet war als mit vielen anderen, vor dem ich mich aber weniger genierte, mich in meinem gegenwärtigen Zustande vorzustellen. Er war noch in Eton – glücklicherweise – denn ich hörte, daß auch er bald nach Cambridge zu gehen beabsichtige. Ich meldete mich bei ihm, wurde freundlich empfangen und gleich zum Frühstück eingeladen. Hier muß ich einen Augenblick innehalten, um dich, lieber Leser, vor einem Trugschluß zu bewahren. Wenn ich bei verschiedenen Gelegenheiten von adeligen Freunden spreche, so darfst du nicht annehmen, daß ich selbst irgendeinen Anspruch auf hohe Geburt oder Abstammung habe. Gott sei Dank ist das nicht der Fall. Ich bin der Sohn eines einfachen englischen Kaufmannes, der sein Leben lang wegen seiner großen Rechtlichkeit überaus angesehen war und der selber stets großes Interesse für die Literatur hatte und – nebenbei gesagt – auch anonym geschriftstellert hatte. Hätte er länger gelebt, so wäre er wahrscheinlich sehr reich geworden. Da er aber sehr früh starb, hinterließ er seinen sieben verschiedenen Erben zusammen nicht mehr als ungefähr dreißigtausend Pfund. Von meiner Mutter darf ich mit Genugtuung sagen, daß sie eine noch begabtere Frau war; aber so wenig sie den Anspruch auf Ruf und Namen einer »literarischen« Frau machte, so darf ich es doch wagen, sie – was viele literarische Frauen nicht sind – eine »intellektuelle Frau« zu nennen. Ich glaube, daß, wenn je man ihre Briefe sammeln und veröffentlichen würde, das allgemeine Urteil wäre, daß sie so viel strengen, männlichen Sinn in reinem, frischem, urwüchsigem Englisch zeigt, wie nur irgend jemand in unserer Literatur, kaum ausgenommen die Briefe der Lady M. W. Montagu. Das ist der ganze Stolz meiner Abstammung, und einen anderen habe ich nicht. Und daß ich keinen anderen habe, danke ich Gott aufrichtig, weil nach meinem Urteil eine Stellung, die uns zu hoch über unsere Mitmenschen erhebt, weder den intellektuellen noch den moralischen Fähigkeiten sehr zuträglich ist. Mein Bekannter setzte mir ein ausgezeichnetes Frühstück vor. Es war wirklich gut, mir aber erschien es wie ein Götterfraß; war es doch die erste regelmäßige Mahlzeit, das erstemal, daß ich seit langen Monaten an einem anständig gedeckten Tische überhaupt saß. Leider aber muß ich sagen, daß ich kaum etwas genießen konnte. An dem Tage, an dem ich die Zehnpfundnote erhielt, kaufte ich in einem Bäckerladen eine Rolle Zwieback. Diesen Laden hatte ich während zwei Monaten, oder wenigstens während sechs Wochen, mit solchem Heißhunger betrachtet, daß es fast demütigend für mich war, daran zurückzudenken. Ich erinnerte mich einer alten Geschichte, die ich irgendeinmal gehört hatte, und befürchtete, daß es gefährlich sein könnte, zu schnell zu essen. Aber meine Angst war unnötig gewesen. – Mein Appetit war futsch, und ich wurde krank, bevor ich auch nur die Hälfte von dem genossen hatte, was ich mir gekauft. Noch wochenlang stellte sich jedesmal dieser Erfolg ein, sobald ich etwas zu essen versuchte; wenn ich nicht von vornherein Ekel empfand, so geschah es allemal, daß ich nur einen Teil der genossenen Nahrung bei mir behielt. Bei diesem Frühstück in Eton ging es mir nicht besser als gewöhnlich, und mitten beim wunderschönsten Essen mußte ich haltmachen. Während der ganzen Zeit hatte ich eine Begier nach Wein. Ich erklärte meinem Bekannten den Grund und gab ihm einen kurzen Bericht über das, was ich in der letzten Zeit durchgemacht hatte. Ihm tat das alles sehr leid, und er ließ Wein kommen. Der gab mir eine kurze Erleichterung und schmeckte mir auch; bei allen Gelegenheiten, die mir die Möglichkeit dazu boten, trank ich damals Wein, und ich kostete den Genuß so aus, wie ich später nur Opium ausgekostet habe. Wahrscheinlich hat mir der viele Wein auch geschadet und dazu beigetragen, meine Krankheit zu verschlimmern. Mein Magen war so geschwächt, daß eine bessere Diät ihn schneller und wahrscheinlich auch vollständiger wiederhergestellt haben dürfte. Hoffentlich war es nicht die Liebe zum Wein, die mich damals veranlaßte, noch einige Tage bei meinen Freunden in Eton zuzubringen. Ich redete mir damals ein, daß ich mich noch nicht traute, meinen Bekannten um den Dienst zu bitten, um derentwillen ich nach Eton gekommen war. Ich wollte jedoch die Reise nicht umsonst gemacht haben und rückte endlich mit der Sprache heraus. Mein Bekannter, der ein grenzenlos guter Kerl war und sowohl wegen seines Mitleides mit meiner Lage als auch wegen meiner Freundschaft mit vielen seiner Verwandten mehr zu meinen Gunsten gestimmt war als durch den Glauben an meine zukünftigen Ansprüche, zögerte doch, mir diese Bitte zu erfüllen. Er sagte mir, daß er nicht gern etwas mit Geldverleihern zu tun haben möchte, und daß er befürchtete, solch eine Geschichte könne seinen Angehörigen zu Ohren kommen. Außerdem bezweifelte er, daß seine Unterschrift, dessen zukünftige Aussichten bei weitem nicht so umfangreich waren als die des zuerst in Aussicht genommenen Freundes, meine unchristlichen Helfer zufriedenstellen würde. Immerhin wollte er mich nicht allzu traurig machen; nach einiger Überlegung willigte er ein, mir unter gewissen Bedingungen, die er genau bestimmte, seine Bürgschaft zu geben. Er war damals noch keine achtzehn Jahre alt; doch glaube ich nicht, daß sich der älteste und gewiegteste Staatsmann geschickter aus einer solchen Affäre gezogen hätte wie er, der dabei eine Liebenswürdigkeit, Klugheit und Höflichkeit bewies, die durch die Aufrichtigkeit der Jugend von ganz besonderem Reize war. Die meisten Leute würden einen bei einer solchen Bitte mit argwöhnischen Augen betrachten und ungünstige Blicke zeigen wie, wie – ein Sarazenenhaupt.

Durch die Zusage getröstet, die nicht ganz meinen besten, aber auch nicht meinen schlimmsten Erwartungen entsprach, kehrte ich drei Tage nach meiner Abreise wieder nach London zurück. Und nun komme ich zum Ende meiner Geschichte. Die Juden wollten auf meines Freundes Bedingungen nicht eingehen. – Ob sie durch ihre Einwürfe lediglich Zeit gewinnen wollten, weiß ich nicht – vielleicht wollten sie Erkundigungen über mich einziehen. Kurz und gut, die Sache verzögerte sich, die Zeit verging, der kleine Rest meiner Banknote schmolz zusammen, und ehe das Geschäft hätte erledigt sein können, wäre ich in meinen früheren Zustand zurückgefallen, wenn sich nicht durch einen Zufall ein Weg zur Versöhnung mit meinen Vormündern gezeigt hätte. Ich verließ London in Hast, reiste in eine abgelegene Gegend Englands und bezog nach einiger Zeit die Universität. Erst nach dem Verlaufe vieler Monate konnte ich die Orte wieder aufsuchen, an denen ich soviel erlebt hatte, die mir so interessant geworden waren und es bis heute geblieben sind, als der Schauplatz meiner jugendlichen Leiden. Was war in der Zeit aus der armen Ann geworden? – Ihr sollen meine Schlußworte gelten. Unserer Verabredung zufolge suchte ich sie täglich und wartete jede Nacht, solange ich noch in London war, an der Ecke von Titchfieldstreet auf sie. Ich erkundigte mich bei jedem Menschen, von dem ich annehmen konnte, daß es möglich sei, daß er sie kannte; während der letzten Stunden meines Londoner Aufenthaltes ließ ich kein Mittel, das in meinen schwachen Kräften stand, unversucht, um sie aufzufinden. Ich kannte die Straße, wo sie gewohnt hatte, aber nicht das Haus. Außerdem fiel mir ein, daß sie mir einmal erzählt hatte, wie schlecht sie von ihrem Hauswirte behandelt wurde, so daß sie wahrscheinlich, bereits ehe wir uns trennten, ausgezogen war. Sie hatte nur wenige Bekanntschaften; die meisten Leute glaubten außerdem, daß ich mich so geflissentlich nach ihr erkundigte, aus Gründen, die ihnen Anlaß zum Lachen oder Achselzucken gaben. Andere glaubten, daß ich das Mädchen suchte, weil sie mir irgendwelche Kleinigkeiten gestohlen hätte, und hatten keine Lust, mich auf ihre Spur zu bringen. Schließlich gab ich der einzigen Person, von der ich bestimmt annehmen konnte, daß sie die Ann kennen mußte, weil sie ein- oder zweimal mit uns zusammengewesen war, in meiner Verzweiflung kurz vor der Abreise von London die Adresse meiner Familie. Aber bis heute habe ich kein Sterbenswörtchen von ihr gehört. Das ist unter den Schicksalsschlägen, die ja die meisten Menschen nicht verschonen, in meinem Leben derjenige, den ich am schwersten verwunden habe. Wenn sie am Leben war, so haben wir uns zweifellos gegenseitig oft zur selben Zeit in den ungeheuren Labyrinthen von London gesucht. Vielleicht sind wir manchmal nur wenige Schritte voneinander entfernt gewesen, und doch hat vielleicht dieser kleine Raum, der nicht breiter als eine Londoner Straße gewesen zu sein braucht, eine Trennung für die Ewigkeit bedeutet. Jahre hindurch hoffte ich immer noch, daß sie lebte. Und ich kann das Wort Myriade in einem ganz unrhetorischen und unliterarischen Sinne gebrauchen und behaupten, daß ich bei jedesmaligem Aufenthalte in London in Myriaden Frauengesichter geschaut habe, stets in der Hoffnung, sie zu finden. Hätte ich sie auch nur einen Augenblick erblickt, ich hätte sie unter Tausenden herausgekannt. Obwohl sie nicht das war, was man schön nennt, so hatte sie doch etwas so rührend Stilles, einen so süßen Ausdruck im Gesicht und eine so eigen graziöse Kopfhaltung. Immer hatte ich noch Hoffnung und suchte sie. Das habe ich jahrelang getan. Jetzt aber würde ich mich fürchten, sie wiederzusehen. Und der Husten, über den ich mich grämte, als ich damals abreiste, ist nun mein Trost. Jetzt habe ich nicht mehr den Wunsch, sie jemals wiederzusehen. Ich denke an sie als an eine, die im Grabe ruht, – als eine, die im Grabe ruht, als eine – Magdalena. Dahingerafft, ehe Unrecht und Grausamkeit ihre reine Seele befleckt und ehe gewissenlose Schufte das viehische Verbrechen vollenden konnten, das sie begonnen hatten.

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