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Hermann Kurz: Abenteuer in der Heimat - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Kurz
booktitleErzählungen und Schwänke
titleAbenteuer in der Heimat
publisherAlbert Langen, München
series
volume
printrunErstes bis fünftes Tausend
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080805
projectid6bd609b8
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Hermann Kurz

Abenteuer in der Heimat

Vor einigen Jahren machte ich in den Frühlingsferien einen Ausflug, auf dem mich mein Bruder begleitete. Ein Dörfchen auf dem Aalbuch und dessen gastliches Pfarrhaus waren das nächste Ziel der Reise. Eine Abspannung, die mir von einer Krankheit zurückgeblieben war, und der Wunsch, recht ungestört miteinander plaudern zu können, veranlaßte uns zu dem Luxus, ein Bernerwägelchen zu nehmen, das mit einem sehr zweifelhaften Rosse bespannt war. Ich hatte mich ritterlich erboten, die Lenkung der Equipage zu übernehmen, aber mein Bruder redete mir's aus: es gebe keine schlechtere Art zu reisen, sagte er, als wenn man sich dabei zum Kutscher erniedrigen müsse, man dürfe weder links noch rechts sehen und habe von der ganzen Reise so wenig Genuß, als wenn man zu Hause mit einem Paar Zügel in der Hand sitzen geblieben wäre. Ich las durch diese Vorstellung hindurch noch eine tiefere Besorgnis, denn freilich war es mir erst wenige Wochen zuvor widerfahren, daß ich, der mutwilligen Laune eines Pferdes unterliegend, mich und meinen Bruder samt der Chaise in den Graben fallen ließ. Ein gegründetes Mißtrauen macht mich immer demütig: ich gab nach und wir nahmen einen Knecht an, der, in jeder Beziehung von der Natur stiefmütterlich behandelt, mit dem Pferde zusammengerechnet ungefähr die Summe eines gerade noch zulässigen Menschenverstandes betragen konnte.

Frühmorgens fuhren wir zur Vaterstadt hinaus, frühstückten in Nürtingen und waren mittags in Göppingen auf der Post; dort erfuhren wir, den Tag zuvor sei Sir Walter Scott durchgereist. Er war aus jener eiligen Rückkehr nach Schottland begriffen, wo er allein sterben zu können meinte. Übrigens soll er damals noch ziemlich rüstig gewesen sein; er habe, sagte man im Posthause, sich mit einem zufällig anwesenden Pfarrer aus der Nachbarschaft lebhaft unterhalten. Soeben kam dieser Pfarrer selbst und erzählte mir auf mein heftiges Befragen die ganze, freilich nicht überschwängliche Konversation mit einer Gleichgültigkeit, die mir alle Nerven aufregte; ich wußte damals nicht, daß Gelassenheit eine Tugend ist und sah den Pfarrer mit Seitenblicken an, als ob er mir ein Kleinod gestohlen hätte.

Aber der akademische Leichtsinn verwischte bald jede Spur von Verdruß; kaum saßen wir wieder auf dem Wägelchen, als ich wieder in der besten Laune war und zu plaudern anfing. Ich bin am mitteilendsten im Fahren, es rüttelt eine Masse von Empfindungen und Gedanken in mir zusammen. Ernst war auch nicht maulfaul: »da ging es fort in einem Fluß, als ob ein Waldstrom rauschte!« Wir waren uns die nächsten und einzigen Verwandten, einer dem anderen übrig geblieben, und wenn unsere Situation auf dem Bernerwägelchen auch nicht so pathetisch war, wie die der beiden Königsknaben bei Shakespeare, so waren wir doch in einer Lage, die in jedem das tiefste Vertrauen zum andern, die herzlichste Ergebenheit aufregte. Wir ließen alle unsere Verhältnisse die Revue passieren und hatten Weg und Richtung und alles vergessen. Der Weg führt über Weißenstein, wo damals noch das berühmteste Bier im Lande gebraut wurde, und ich freute mich, meinen Bruder hier an der Quelle trinken zu lassen, aber es war in den Sternen beschlossen, er solle den Weißensteiner Nektar diesmal nicht zu kosten bekommen. Im zweiten Dorfe, wenn man von Göppingen kommt, in Süßen scheiden sich die Wege, was ich von einer früheren Reise durch dieselbe Gegend noch recht gut wissen konnte; man muß, wenn man nach Weißenstein will, an einem Wirtshause links vorbeifahren. Aber wir waren eben im tiefsten Gespräch, und der Kutscher fuhr, ohne zu fragen, geradeaus: wahrscheinlich dachte er, Weißenstein sei wie Arkadien überall, wo man eine gute Einkehr finde, oder noch wahrscheinlicher dachte er gar nichts. Daß wir am Hohenstaufen vorbeikamen, lag ganz im Lauf der Dinge; billig aber hätte es mir auffallen sollen, daß wir immer auf derselben Seite blieben und den Rechberg und Streifen in der gleichen Richtung hinter uns ließen; ich wunderte mich jedoch so wenig, daß ich vielmehr meinen Bruder auf die schöne Lage und Gestalt dieser Berge, das Gespräch von Zeit zu Zeit unterbrechend, aufmerksam machte. So kamen wir eine gute Strecke fort, ohne zu sehen, wohin es ging, denn wir teilten einander Beobachtungen aus dem Menschenleben mit, und die Erfahrung war noch so neu! Und doch erinnere ich mich ganz deutlich, dabei ein unheimliches Gefühl gehabt zu haben, als ob nicht alles sei wie es sein sollte. Endlich versagte die Unterhaltung und es trat ein gewisses Mißbehagen ein, wie es immer einem lebhaften Gespräche zu folgen pflegt. Ich fing an, mich zu wundern, daß der Weg nach Weißenstein so weit sei und die Gegend kam mir immer unbekannter vor. In einiger Entfernung stieg der Weg bergan. Das wird die Weißensteiner Steige sein, dachte ich, und hieß den Kutscher sein müdes Pferd ermuntern. Als wir die Steige erreicht hatten, sprangen wir herab und gingen zu Fuß. Wir hatten etwa die Hälfte des Berges zurückgelegt, da erblickten wir auf einer vor uns liegenden Spitze einen alten Turm; seitwärts schob sich zwischen den Bergen eine Stadt hervor. Das konnte Weißenstein unmöglich sein. In dieser Not kam ein Mann den Berg herunter auf uns zu. Ich fragte, was das für ein Ort da drüben sei. Es war Geislingen! Wir waren also etwa vier Stunden fehlgefahren. Der Mann lachte uns aus und sagte: »Ihr habt wahrscheinlich in Groß-Süßen nicht aufgepaßt; es ist anderen auch schon so gegangen.« »Wie kommen wir aber jetzt nach Weißenstein?« fragte ich. Wir mußten eben den Weg wieder zurück, den wir gekommen seien, hieß es. Mein Bruder aber, der ein praktischerer Kopf ist als ich, vermutete, wir werden jetzt gar nicht mehr nötig haben über Weißenstein zu gehen. So war es denn auch: wir wurden angewiesen, gleich an der Stelle, wo wir uns befanden, einen Weg links hinabzufahren; dann zeichnete uns jener Wegweiser die Richtung vor und nannte die Ortschaften, die wir zu passieren haben würden. Wir dankten ihm und traten die neue Route an. Ein steiniger, halsbrechender Weg führte uns in ein enges Tälchen hinab; Berge, die im Verhältnis zum Tale sehr hoch waren, hingen auf beiden Seiten herein, sie waren bis zum Gipfel dicht mit Wald bewachsen und zwischen den Bäumen schimmerten starke Felsstücke hervor. Es war eine so wilde Schönheit über diese Gegend verbreitet, daß ich anfing, unsere Unachtsamkeit und den Einfall des Kutschers zu segnen, die uns in diese angenehme Irre geführt hatten. In dieser Wildnis liegt Eybach, ein Gut des Grafen von Degenfeld. Wir fuhren am Schlosse vorbei: eine schwarzgekleidete Dame stand davor, die unsern Gruß freundlich erwiderte. Der Weg führte sogleich wieder bergan und ich erinnerte den Kutscher, daß das Pferd seinen Göppinger Hafer wahrscheinlich verdaut haben werde; aber er meinte, es ginge schon noch. »Mir ist's gleichgültig«, sagte ich, »ich habe noch keinen Hunger.« Aus seiner Zuversichtlichkeit schloß ich, er werde in dieser Gegend wieder bekannt sein; aber dem war nicht so: der Esel wußte so wenig als wir, welch ein Berg vor uns lag. Wir waren sogleich ausgestiegen und gingen zu Fuß voraus. Der Weg wurde immer steiler, wir stiegen rüstig fort und waren eben wieder im besten Plaudern, als wir den Knecht hinter uns schreien und fluchen hörten. Wir gingen zurück und nun fand sich die Bescherung: das Pferd war stehen geblieben und er konnte es weder mit Güte noch mit Gewalt von der Stelle bringen. Es war ein altes Tier und eins von denen, die immer im gleichen schwerfälligen Tritt bleiben und Hunger und Müdigkeit lang ertragen, endlich aber, wenn ihre Geduld am Rand ist, ihren Kopf aufsetzen und sich den Eigensinn auf keine Weise vertreiben lassen. Der Bursche hieb eben wie besessen auf die arme Kreatur ein, als wir bei ihm ankamen. Ich riß ihm sogleich die Peitsche aus der Hand und hielt ihm eine tüchtige Predigt, wobei ich die ganze vierfüßige Naturgeschichte ausbreitete. »Eigentlich,« sagt' ich, »hättet Ihr verdient, daß man jetzt Euch einspannte und den Berg hinauftriebe.« – Was war zu tun? Sollten wir nach Eybacht zurück oder vorwärts? Nach der Strecke, die hinter uns lag, zu urteilen, mußten wir bald oben sein. Wir ließen das Pferd eine volle Viertelstunde ruhen, dann nahm ich es am Zügel und wollte es weiterführen: Vergebens! es tat keinen Schritt von der Stelle. Nun entschlossen wir uns, Vorspann von Steinenkirch zu holen, welches uns als das nächste Dorf von jenem Wegweiser bezeichnet worden war. Dem Knechte schärften wir ein, mit der ganzen Equipage hier zu bleiben und sich nicht von der Stelle zu rühren, und nun gingen wir eilig miteinander aufwärts. Dag Abenteuer kam uns eigentlich sehr spaßhaft vor, wir gerieten in die beste Laune und scherzten über das dumme Gesicht unseres trefflichen Wagenlenkers. Diese gute Laune kam uns wohl zustatten, denn der Berg wollte gar kein Ende nehmen; in meinem Leben ist mir keine Steige so lang vorgekommen. Es war Abend, als wir in Steinenkirch ankamen. Wir besorgten sogleich Vorspann und erlabten uns dann an einer Flasche Wein, die dem unscheinbaren Wirtshaus gar keine Schande machte: kleine geräucherte Bratwürste wurden uns, als der höchste Leckerbissen, der in Steinenkirch aufzutreiben war, dazu vorgesetzt. Unser Wägelchen kam ziemlich bald nach und der Kutscher, mit dem wir nun wieder ausgesöhnt waren, erhielt auch seinen Schoppen; die beste Pflege aber wollten wir dem abgequälten Rößlein zuteil weiden lassen, als es hieß, Hafer sei in Steinenkirch nicht zu haben – nun mußte das arme Tier mit Heu und Brot vorlieb nehmen. Aber der alte Hippogryph war kein Kostverächter, er verschlang seine kümmerliche Nahrung mit ungemeinem Appetit. Aus Mitleiden ließ ich ihm noch etwas Wein daran gießen und beschwichtigte meinen Bruder, der sich dieser Prozedur widersetzen wollte: »Siehst du,« sagte ich, »er ist ja nicht mehr zu jung, in seinem Alter kann ihm ein Gläschen nicht wohl schaden.«

Als wir in Böhmenkirch ankamen, war es elf Uhr in der Nacht. Bis hierher, hatte man uns gesagt, dürften wir nur dem gebahnten Wege folgen, dann aber hätten wir eine Heide vor uns, durch welche, zumal bei Nacht, nur ein Kundiger den Pfad finden könne. Nun fing die Sache ganz romantisch zu werden an. Das kleine stille Felsental, die abgeschlossene Gebirgswelt, die nächtige Reise, alles dies versetzte mich in einen Zauberkreis, den ich mit Elfen und Gnomen bevölkerte; ja es war offenbar, irgend ein Bergkobold hatte uns den Weg nach Steinenkirch versperren wollen und wer weiß, wenn unser Pferd einen klügern Knecht gehabt hätte, ob nicht vielleicht noch seltsame Dinge zutage gekommen wären! vielleicht hätte das gute Tier gesprochen, wie Bileams Eselin: »Peter, du Sohn Michels, was hab' ich dir getan, daß du mich schlägst? Es steht ja einer im Weg und läßt mich nicht vorwärts!« – Und nun vollends der Name Böhmenkirch: dieser Name hat so einen fremden, phantastischen Klang, es ist etwas von den böhmischen Dörfern darin oder gar von den böhmischen Wäldern. Doch nein! an Räuber konnte man hier nicht denken, es war mehr eine Atmosphäre von Kobolden und Gespenstern; übrigens bin ich ganz der natur-philosophischen Ansicht, die mein geistreicher Freund G***t einmal aufstellte: die Räuber (versteht sich bei Nacht) seien nichts anderes als reale Gespenster. Auch sind Räubergeschichten, die Märchen vom Räuberhaus im Walde, wo man vom Betthimmel erschlagen wird oder mit dem Bett in eine Blutgrube hinunterstürzt, – diese sind im Grunde ganz dieselben mit den Sagen vom verlassenen Schloß, wo böse Geister hausen und dir im Schlafe den Hals umdrehen oder mit den alten Märchen vom Riesen und Oger, der den grauenhaften Geschmack fürs Menschenfleisch hat.

Mein Bruder ließ mich nicht weiter phantasieren. »Es kommt darauf an«, sagte er, »ob wir in diesen böhmischen Wäldern ein schwäbisches Herz finden, das uns den Weg durch die Wüste zeigt.« »Einen Lotsen«, rief ich, »durch das weite Meer der Heide, einen großherzigen aber rätselhaften Cooperschen Lotsen! Geh' einmal, Peter, und mach' Lärm; ich glaube, es wacht keine Seele mehr in dem böhmischen Dorf!« Peter knallte und wir riefen in allen Formen des Vokativs. Endlich steckte ein verschlafener Junge den Kopf durchs Fenster und fragte, was es gäbe. Wir trugen ihm unsern Wunsch in gutem verständlichen Schwäbisch vor und boten ihm eine billige Belohnung, wenn er uns begleiten würde. Der Akkord war bald geschlossen, der junge Mensch, ein stämmiger Bursche von 16 Jahren, kam angekleidet heraus, setzte sich zu dem Kutscher und wir fuhren fort.

Nun gerieten wir aber auf einmal mitten in die Szene, womit Walter Scott seinen schwarzen Zwerg eröffnet. Eine weite Heide lag vor uns, deren Farbe im ungewissen Mondlicht zwischen Braun und Schwarz wechselte. Finstere Wolken lagerten sich vor den Mond, dieser aber brach von Zeit zu Zeit durch eine Lücke mit dem vollen Glanze seiner Scheibe hervor. Eins dieser plötzlichen Lichter zeigte uns, um die Ähnlichkeit wirklich täuschend zu machen, in der Ferne einen großen Steinhaufen, der wie von Menschenhand übereinander getürmt zu sein schien. Nun war es mir, als vollends unser Weg sich dorthin wendete, ganz unzweifelhaft, der mißgeschaffene Einsiedler würde, sobald wir bei seiner Wohnung angelangt wären, auf dem höchsten Steine erscheinen, mit seiner seltsamen Behendigkeit herunterklettern und all seinen Menschenhaß über uns ausgießen. Aber wir kamen unangefochten an den Steinen vorbei; es ließ sich nichts hören, nur der Ruf unseres Lotsen: Links! rechts! gradaus! unterbrach zuweilen die Stille der Nacht. Es gibt ein Behagen, vor dem man nicht zu Worte kommen kann; in dieser Stimmung waren wir beide, wir lagen schweigend im Gefährt, aber an Schlaf war nicht zu denken: mit offenen Augen sahen wir in die fremde Gegend hinaus, und alles fiel mir wieder ein, was ich je von Hochschottland gelesen und geträumt hatte.

Die Heide neigte sich abwärts; drüben in Irmansweiler schlugen die Hunde des Försters an. Wir waren ungefähr noch eine Viertelstunde gefahren, da erschreckte uns eine schwarze Masse, die plötzlich vor uns stand. Der Lotse sprang ab und sagte: »Wir sind zur Stelle.« Wir hielten vor dem Pfarrhaus. Der Bursche erhielt seinen Lohn und verließ uns, um wieder nach Böhmenkirch zu gehen; ich folgte ihm in Gedanken weit über die Heide. Mitternacht war vorüber und wir mußten mehrmals die Klingel ziehen, bis wir die Leute aus dem Schlaf geschüttelt hatten. Man sollte auf dem Lande und zumal in Pfarrhäusern nur bei Nacht ankommen; eine solche Reveille macht die Leute rührig und rüstig, und der Empfang ist doppelt so lustig als bei Tage. Die sorgsame Pfarrerin bereitete sogleich etwas Warmes und der Pfarrer holte Wein herauf. Übrigens dauerte unser Schmaus nicht lange und unsere Reisebeschreibung war kurz, denn wir fingen nachgerade doch zu empfinden an, daß wir einen langen und zum Teil beschwerlichen Tag hinter uns hatten, oder unverblümt gesprochen, wir fühlten uns müde und schläfrig. Der Pfarrer führte uns ins Gast- und Studierzimmer, einen großen Saal, denn das Pfarrhaus ist eine Art von Schloß, ein uraltes Herrenhaus, in dem, weil es einem Patronatsdienst angehört, seit vielen Jahren nichts repariert worden ist. Die Türen und Fenster schließen nicht gut, die Wände sind transparent und der Boden hat Löcher, durch welche man in alte Burgverließe hinabzustürzen fürchten muß. Aber demungeachtet und trotzdem, daß dieser Saal noch überdies der nächtliche Spielraum eines Kapuzinergeistes sein soll, schliefen wir fest bis an den Morgen.

Bälder, als es unseren müden Gliedern behagte, wurden wir von dem Pfarrer geweckt. »Da ihr einmal zu uns gekommen seid,« sagte er, »so müßt ihr euch gefallen lassen, auch für uns da zu sein.«

Während man den Kaffee trank, kam der benachbarte Förster, ein lustiger Mann und morgens wie abends ein willkommener Gast. Ich befreundete mich schnell mit ihm und erbot mich, während Ernst im Pfarrhause zurückblieb, ihn auf die Jagd zu begleiten. Bei meiner mönchischen Erziehung war mir dieses Vergnügen, nach dem ich große Sehnsucht empfand, niemals zu teil geworden. Der Förster nahm mich als Jägerburschen an und beschloß sogleich ein Examen mit mir anzustellen, »denn auf edlere Tiere,« sagte er, »laß ich Euch nicht so mir nichts dir nichts schießen, wenn Ihr's nicht wert seid; seht einmal da droben auf dem Dache (wir waren mittlerweile unters Haus gekommen), da sitzt ein Sperling, den schießt mir herunter, und wenn's geht, so laß ich Euch zu Hasen und am Ende gar zu Hirschen avancieren; oder Ihr braucht ihn nicht einmal zu treffen; ich bin zufrieden, wenn Ihr Euch nur anstellig mit dem Gewehre zeigt.« Nun wies er mir, wie ich mich stellen, anlegen und zielen sollte. Ich nahm den Sperling, der sich gar nicht rührte, sehr genau aufs Korn und zielte lange, lange. »Na zum Teufel, so laßt brechen!« rief der Förster. In der Angst meines Herzens schloß ich die Augen und drückte los, der Schuß krachte gewaltig und die Büchse stieß mir wider die Wange: es war die erste Kugel, die ich in meinem Leben verschossen hatte. Als ich die Augen wieder auftat, saß der Sperling nicht mehr da. »Fehlgeschossen!« rief der Förster. Ich aber behauptete, der Vogel sei auf der anderen Seite heruntergefallen. Wie wir nun gehen wollten, um nachzusehen, erhob sich ein mächtiges Geprassel auf dem Dache, wir sprangen links und rechts auseinander und ein Ziegel schoß zwischen uns auf den Boden.

»Er Wildschütz!« donnerte der Förster. »Wer heißt Ihn seinem Vetter den schönsten Ziegel vom Dache schießen? Und da seh' Er einmal hin, wo sich das Loch im Dache befindet, und meß Er von da bis zu dem Orte, wo sein Wildbret saß!« Q weh, es war eine Entfernung von wenigstens acht Schuh!

»Er ist nun degradiert,« fuhr der Förster fort, »und darf mir höchstens das Gewehr nachtragen, aber keinen Schuß soll Er mir nicht mehr tun. Einen Bock hat schon mancher geschossen, aber einen Ziegel zu schießen, das ist ein eigener und sehr abnormer Geschmack!«

Wir gingen nun weiter und kamen über die Heide, die mir in ganz anderem Licht als gestern abend erschien. Eine öde ungenießbare Wildnis lag vor meinen Augen. Wir kamen in einen Wald, aber ich muß die Wälder, die auf der Vorderseite der Alb liegen, um Verzeihung bitten, wenn ich einer Gruppe von kleinen verkrüppelten Bäumen diesen Namen gebe. Die Jagd stand im angemessenen Verhältnis zur Gegend, es stieß uns auch nicht das geringste Wild auf. Der Förster fluchte und wetterte, wir gingen wieder zurück; endlich zeigte sich in der Ferne ein Vogel, der unruhig und schreiend hin und her flog. Ich habe in meiner Jugend zwar viel in Raffs Naturgeschichte studiert, bin aber so ziemlich bei dem Elefanten, Walfisch und Hunde stehen geblieben, welche mich als offenbar romantische Tiere interessierten. Auf meine Frage belehrte mich mein Freund, es sei ein Specht, und schalt mich einen Gelehrten, was in seinem Munde nicht schmeichelhaft klang. Der Specht kam näher und setzte sich zuletzt auf einen Baum. Der Förster schlich hinzu und schoß; ich sah einige Blätter aus dem Baume fliegen, der Vogel stieß einen krächzenden Schrei aus und flog davon.

»Haha, großer Nimrod,« lachte ich, »an wem ist jetzt das Degradieren?«

»Ich habe ihn getroffen,« replizierte er, »so wahr meine Seele lebt; haben Sie nicht gesehen, wie ein Haufen Federn von ihm stäubte? Und sehen Sie, wie matt er fliegt, was er für Kreise zieht? Jetzt muß er fallen.«

Aber er fiel nicht, in weiteren und immer weiteren Kreisen entzog er sich unseren Blicken. Wir suchten noch unter dem Baume, es fand sich keine Spur von Federn, und jetzt hielt ich dem unbarmherzigen Jäger eine eindringliche Predigt über den Text: rezensiert nicht, auf daß ihr nicht rezensiert werdet. Hiermit entließ ich ihn. Als ich nach Hause kam, rief mir die Pfarrerin entgegen: »Nun, wo hast du deine Beute? Ich hoffe, du hast meine Küche nicht leer ausgehen lassen.« Ich zuckte die Achseln und erwiderte:

»Wir haben im Tau uns gequälet
Und beide geschossen schlecht:
Ich habe den Spatzen gefehlet.
Der Förster aber den Specht.

Aber was ist denn das für ein Lärm?« unterbrach ich mich und trat ans Fenster: eine Menge geputzter Leute, Bursche und Mädchen mit Bändern, auch Erwachsene, und zwar nicht bloß Bauern, sondern sogar Städter zogen unter dem Schall einer rauschenden Musik vorbei: viele von diesem Haufen waren durch Tracht und Gesichtsbildung als Söhne Israels unverkennbar bezeichnet. »Wie, Ludwig!« rief ich zu dem Pfarrer gewendet. »Sollte ich deine Absicht und den Zweck dieser Prozession erraten? Hast du die Frage, über welche gegenwärtig ganz Europa sich den Kopf zerbricht, auf deinem Dörfchen glücklich gelöst, hast du eine Versöhnung des Alten und Neuen Testaments zustande gebracht und diese Bundesfeier auf den heutigen Tag verlegt, um mich daran teilnehmen zu lassen, mich, den du als einen Kosmopoliten vom Wirbel bis zur Zehe kennst?«

»Wahrhaftig,« sagte der Pfarrer, »deine Vermutung ist nicht ungegründet und deine Teilnahme ist dir ebenfalls unverwehrt, denn es ist heute ein Tag, wo alle Konfessionen sich in dem Kultus einer kosmopolitischen Religion, alle Gottes- und Götzendiener sich in der Verehrung eines Gottes vereinigen, wo der Jude zum Christen und der Christ zum Juden wird, wo der Mammon den »eifrigen« wie den »väterlichen« Gott verdrängt, mit einem Wort: es ist ein Markttag.«

»So etwas habe ich mir gedacht,« entgegnete ich; »nur ist es mir verwunderlich, wie ein so abgelegenes Dörfchen eine solche Institution genießen soll.«

»Unser Dorf,« belehrte mich der Pfarrer, »hat eine alte Marktgerechtigkeit, vielleicht aus besseren Zeiten, und da, wie du weißt, der Mensch ein Geschöpf der Gewohnheit ist, so wird dieser Markt, wie vor uralter Zeit, noch ganz unbefangen gehalten, ohne daß jemandem eine Abänderung eingefallen wäre, am allerwenigsten aber meinen Bauern.«

» Soit!« sagte ich darauf; »aber wie bringen wir den Tag hin? Denn ich muß dir nur ehrlich gestehen, daß mir solche Lustbarkeiten recht herzlich entleidet sind. In meinen Schuljahren hatte ich von den Märkten meiner Vaterstadt manchen Spaß. Ich mischte mich unter das Gedränge mit einer Schar Kameraden, so kühn wie die Verschworenen an der Frankfurter Messe; wir trieben, an den Käufern und Verkäufern vorüberschlüpfend, allen möglichen Schabernack, banden einer Kuppel stattlicher Bauernmädchen die Zöpfe zusammen oder begaben uns auf den obersten Boden eines Hauses, von wo wir mit dem Blasrohr in die dichtesten Haufen feuerten und Streit und Handgemenge dadurch erregten, indem jeder vom andern gezwickt zu sein vermeinte; manchmal trieben wir auch den Scherz ins Unbillige und schossen einen friedfertigen Landmann auf den dreispitzigen Hut, wodurch wir ihm die nach uralter Sitte daselbst aufbewahrten teuren Arzneigläser zertrümmerten, oder wir warfen aus Lehm verfertigte Pasteten, die wir mit einem selbsterfundenen romantischen Namen ›Kügelitzen‹ benannten, ebenfalls haushoch auf einen menschenleeren Platz herab, wo die künstliche Höllenmaschine mit einem Kanonenknall zerplatzte und die Umstehenden unter gräßlichem Geschrei auseinanderjagte.

›Andere Zeiten, andere Musen‹. Ich habe den Kelch dieser Vergnügungen bis auf die Hefe geleert und bin ihrer so satt geworden, daß ich mich nachher nicht einmal entschließen konnte, an dem berühmten jährlichen Marktdienstag in der Universitätsstadt zu bleiben, sondern diesen Tag jedesmal zu einem Ausflug in die Nachbarschaft benutzte.«

Der Pfarrer erwiderte: »Wenn dir dieses Fest der Vereinigung des alten und neuen Bundes so sehr zuwider ist, so schlage ich vor, nach Tisch einen Spaziergang zu machen.«

»Einen Spaziergang?« rief ich. »Und wohin in dieser öden freudlosen Gegend, die mir wie die ruppige Glatze eines Kapuziners vorkommt?«

»Nur Geduld, junger Mann,« versetzte der Pfarrer mit Würde, »ich werde Euch heute noch an Stellen führen, wo Ihr mir für die hiesige Gegend wegen Eures vorlauten Verdammungsurteils fußfällig Abbitte tun sollt.«

Indessen war die Suppe gekommen und wir setzten uns unter lustigen Gesprächen zu Tische. Die Pfarrerin entschuldigte sich bei jedem Gericht aufs zierlichste mit der ländlichen Lebensart und setzte hinzu: »Das wäre freilich alles viel stattlicher ausgefallen, wenn du heute mehr Jagdglück gehabt hättest.«

»Nun aber keinen Augenblick gezaudert,« kommandierte der Pfarrer, als das Essen abgetragen war, und machte sich mit uns beiden auf den Weg. Es war freilich ein überraschender Anblick, als wir nach ungefähr viertelstündiger Wanderung über den steinigen unwirtbaren Boden in ein wunderbares Tal hinunterstiegen, in dem eine Menge Felsstücke von den verschiedensten Gestalten durcheinander gesäet lagen. Sie sind zwar nicht so hoch wie die berühmten Adersbacher Felsen, aber das Unvermittelte im Anblick dieser Blöcke, welche vereinzelt gegen allen Lauf der Natur aus dem Boden hervorgewachsen scheinen, macht im kleinen denselben Eindruck, nur daß freilich beim großen noch das Imposante hinzukommt. Ich benutzte die Ecke eines dieser Felsen, welche so ziemlich einem Betschemel glich, um darauf vor dem Pfarrer die ausbedungene fußfällige Abbitte zu leisten. Er absolvierte mich mit den Worten: »Gehe hin und lästere hinfort nicht mehr.« Dann zeigte er uns die auffallendsten Formationen und führte uns unermüdlich links und rechts, die Kreuz und Quere. Aber wie verwundert war ich, als ich, an eine Wendung des Tals gelangt, das ich schon zu Ende glaubte, eine ebensolange Strecke, ebenso mit Felsen bevölkert vor mir sah! und auch diese war nicht die letzte, eine weitere Biegung eröffnete uns denselben reichen Anblick.

Das Tal ist wohl eine halbe Stunde lang und ebensoweit erstrecken sich die Felsstücke. In der Bauernsprache heißt dieses Tal von seinen Krümmungen »die Ränklen«, sein hochdeutscher Name, so dozierte der Pfarrei, sei »das Wiental«. Aber ich kann ihm dies nicht so ohne alle Kritik nachsprechen, denn der Pfarrer ist ein Humorist, und diese Leute nehmen es mit der Wahrheit nicht allzugenau. Ich selbst verstehe von der Geographie so wenig als von der Kabbala; einige geographische Handbücher, die mir zu Gesicht gekommen sind, erwähnen dieses Tal nicht. Schwab hat sich streng an seinen vorgezeichneten Plan gebunden, und wirft, an dieser Grenze der Alb angelangt, nur einen freundlichen Scheideblick auf den Aalbuch herüber. Ich wünsche nur, daß auf einen künftigen Besucher dieses Tales, das um so angenehmer überrascht, je weniger man es in der unbedeutenden Gegend erwartet, etwas von der Fröhlichkeit und guten Laune übergehen möchte, womit unser vagierendes Kleeblatt es durchwandert hat.

Ein schroffer Block, auf dem ein Mensch gerade zum Stehen Raum hat, erhob sich am Ende des Tals. Ich kletterte mit vieler Mühe hinauf und als ich oben war, fing ich an zu predigen und drohte meinen beiden Zuhörern, wenn sie nicht andächtig wären, so würden die vielen Steine Amen sagen. Dies hieß den Pfarrer an seiner stärksten Seite angreifen, unversehens kam sein Kopf durch die Spalte eines gegenüberliegenden Felsen zum Vorschein, durch eine kleinere arbeitete sich sein rechter Arm hervor und nun war es possierlich anzusehen, wie er gegen mich agierte und eiferte; er war hinten in das Gestein gekrochen und benützte diese Öffnung, die sich wenige Fuß über dem Boden gebildet hatte. Wir hielten förmliche Kontroverspredigten gegeneinander, Goethe und Schiller waren das Thema, der Pfarrer erhob den ersteren, ich den letzteren, und das abgelegene Winkelchen auf dem Aalbuch widerhallte von den Stich- und Schlagwörtern der deutschen Literatur. Ernst stand unten und stellte das ungewiß schwankende Publikum vor, indem er, je nach dem Gewicht der Argumente, bald dem Lobredner der idealistischen, bald dem Advokaten der realistischen Poesie applaudierte. Dann tauschten wir die Rollen aus: der Pfarrer sprang auf einmal um und parodierte sehr glücklich die eben damals wieder auftauchende »platte Litanei von Goethes Immoralität«. Dagegen nahm ich dessen Freunde auf mich und plädierte nach Schubarthschen und Goetheschen Prinzipien. Als mir der Pfarrer die vielen Frauen im Wilhelm Meister vorwarf, erklärte ich sie samt und sonders für Allegorien. Marianne bedeute die dramatische, die schöne Seele die geistliche, Therese die idyllische, Natalie die didaktische und Mignon die eigentliche Poesie; ich hatte sagen wollen, die lyrische.

»Aber der Herr Respondent hat Philinen vergessen,« rief der Pfarrer triumphierend aus seiner Luke herauf und schwenkte den Arm.

Nun war guter Rat teuer: in der Eile demonstrierte ich, Philine sei das Symbol der Form und der Prosodie, ihre Pantöffelchen seien auf die Metrik zu deuten, und daß sie diese einmal habe stehen lassen, sei ein scherzhafter Angriff Goethes auf sich selbst, er wolle damit auf einige mißlungene Hexameter in Hermann und Dorothea anspielen.

»Erlogenes, phantastisches Zeug!« rief der Pfarrer dazwischen; »er hat ja Hermann und Dorothea viel später geschrieben! Aber eben diese Verlogenheit, welcher der Herr Respondent huldigt, hat auch seinen Herrn und Meister beseelt. Also,« resümierte er, »an der Moralität hat es diesem Dichter gänzlich gefehlt, er hat auch gar nichts für sie getan, er hat sie nirgends weder direkt noch indirekt empfohlen, und aus allen seinen Werken zusammen läßt sich nicht halb so viel Nutzen ziehen, als zum Beispiel aus den Beispielen des Guten. Ja, wenn er auch ein solches Buch geschrieben hätte, dann hätte er sich um Mit- und Nachwelt verdient gemacht; ach, wieviel Gutes hätte er gestiftet, wenn er sein schönes Talent dazu verwendet hätte, durch anziehende Erzählungen den Nutzen der Moralität darzutun!«

Hier muß ich dem geneigten Leser das Pittoreske dieser rednerischen Attitüde wieder ins Gedächtnis rufen: aus einer Felsenspalte ragt ein Arm hervor und macht die heftigsten Gestikulationen, in einer anderen steckt ein Kopf, der Urheber dieser donnernden Philippika.

»Zweitens,« fuhr der Pfarrer fort, »war er ein schlechter Christ.«

Ich protestierte feierlich und war sogleich mit Göschelschen Interpretationen bei der Hand; ich versuchte die Helena nach Art der alten Kommentatoren des hohen Liedes auszudeuten und für eine Bekehrung des Heidentums zu erklären, aber der Pfarrer ließ mich nicht lange reden.

»Firlefanz,« rief er herauf, »am Christentum hat's ihm ganz und gar gefehlt, das ist klar und braucht nicht bewiesen zu werden; denn hat er je etwas angefertigt wie die Stunden der Andacht oder die Christoterpe? Ja, ich wäre zufrieden, wenn er neben seinem weltlichen Dichten und Trachten auch nur ein einziges geistliches Lied verfaßt hätte, wozu sich doch Thümmel, dieser leichtsinnige Poet, auf Bitten einer sächsischen Gemeinde hergegeben hat; wenn er nur die Unsterblichkeit, die in unseren Gesangbüchern ohnehin etwas zu kurz gekommen ist, in so gehaltvollen Liedern besungen hätte, wie

»Ich sterb' im Tode nicht, mich überzeugen Gründe!«

Hier kann ich mich jedoch kürzer fassen, da alle diese Vorwürfe schon längst aufs genügendste von einem christlichen Dichter ausgeführt worden sind, dessen Stanzen, mit Goethes Dichtungen verglichen, den Unterschied des heiligen Geistes und des bloßen Geistes schlagend beweisen. Drittens aber hat es ihm am Patriotismus gefehlt, an der Gesinnung, am Charakter. Man will zwar behaupten, er sei entschieden gewesen in Liebe wie in Haß und habe, wenn er einmal für etwas Partei nahm, unerschütterlich daran festgehalten; aber, lieber Gott, die Partei, die er nahm, war eben charakterlos. Man erzählt, zur Zeit der Jenaer Schlacht sei er entschlossen gewesen, mit dem Herzog von Weimar ins Elend zu ziehen, aber es ist ja nichts daraus geworden; und warum ist er nicht auch mit in den Krieg gezogen wie so viele edle deutsche Männer? Vielleicht, könnte man einwenden, weil er nicht in der Kriegskunst bewandert war; aber es wäre genug gewesen, wenn er sich für das Vaterland hätte totschlagen lassen von den fränkischen Schergen. Oder er hätte ja mit der Feder der guten Sache dienen können; ja, wahrlich, meine lieben Freunde und Zuhörer, der Faust (in dem zwar der innerste Kern des deutschen Denkens und Lebens ausgesprochen ist, in dem zwar alle Elemente des deutschen Dramas liegen, mit dem er aber doch sein Volk zu verzärteln, zu verweichlichen und zu entsittlichen gesucht hat), dieser Faust ist nicht so viel wert als ein einziges Quartierbillett, in den Befreiungskriegen geschrieben! oder hätte er nicht auch begeisterte Kriegslieder singen können, wie der Tyrtäos jener Tage, der unsterbliche Körner?«

»Was uns bleibt, wenn Deutschlands Säulen brechen?« deklamierte der Pfarrer mit unaussprechlichem Pathos, hielt aber auf einmal inne und wurde käsebleich; auch wir schrien auf. Er hatte mit seinem Gestikulieren einen Stein losgemacht, dieser fiel herab und riß einige andere Stücke aus der dünnen, locker zusammengehaltenen Wand mit sich, der ganze Pfarrer kam auf einmal zum Vorschein, er wollte sich links und rechts an dem Gestein halten, aber alles ging mit, und er prasselte mit einem Haufen leichten Gerölles auf den Boden hinab. Ernst sprang sogleich hinzu und half ihm auf; er hatte außer dem Schrecken nicht den mindesten Schaden gelitten und wollte sich halb tot lachen, daß er so aus der Rede gefallen sei.

»'s war ein Stern, die Sterne können fallen!« rief ich und begab mich ebenfalls, nur langsamer, von meiner Kanzel herab.

Und weiter ging's, mit Sturm- und Feuerschritten! Als wir aus einem Walde heraustraten, hatte die Gegend jenes herrliche Aussehen, welches der Vorderseite der schwäbischen Alb eigen ist; welch ein Kontrast, wenn man von dem öden, steinigen Plateau an den reichen waldbewachsenen Rand kommt! und noch dazu die Aussicht in die Lande! Nur eine Viertelmeile hält hier die Wüste und das gelobte Land auseinander, und das ohne allen Übergang. Ein ziemlich unbedeutender Hügel lag vor uns, wir erstiegen ihn, und nun sah ich freilich, daß wir auf einem hohen Berge standen, vor dem sich eine herrliche Landschaft ausbreitete. Es ist in diesem Stück mit der Alb, wie mit den Häusern auf dem Marktplatz zu Tübingen: man tritt auf der Hinterseite zu ebener Erde herein, und wenn man im Zimmer ans Fenster kommt, so sieht man einige Stock hoch auf den Marktplatz hinab. – Städte, Dörfer, Täler und Berge lagen schön gruppiert vor unseren Blicken, rechts dunkelten die melancholischen Tannenwälder, hinter denen Ellwangen liegt, hinter uns breitete sich der Aalbuch aus, linkshin verfolgten wir die Kette der lieben Alb und gerade vor uns hatten wir den kühn geformten Rechberg, den einsamen Hohenstaufen und zuletzt den kleinen, naiven Eichelberg, der trotz seiner unbedeutenden Höhe eine der schönsten Aussichten im Vaterlande gewählt.

»Das ist ein Berg,« rief ich, »um die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit zu schauen!«

»So hat das Volk auch gedacht,« entgegnete der Pfarrer, »denn seine Sagen versetzen noch bis auf diesen Tag die Versuchung des Herrn an diese Stätte.«

Nun wußte ich, wo wir waren. »Also dies ist der Rosenstein?« fragte ich.

»Beliebe der Herr nur auf den Boden zu schauen,« sagte der Pfarrer, »er trägt seinen Namen nicht umsonst.« Und wirklich! Der triviale Wunsch, den man in Stammbücher zu schreiben pflegt, hatte sich an uns erfüllt: wir wandelten auf Rosen. Wilde Rosen blühten in üppiger Fülle umher; erst jetzt empfand ich die Wellen von Düften, für die ich vorhin über der köstlichen Aussicht keinen Sinn gehabt hatte. Wir lagerten uns in die Rosen: mit einem leichten Anflug von Müdigkeit ruht man am besten, und es war einer jener Frühlingstage, welche die Sonnenwärme durch eine erquickende Frische mildern. Der Pfarrer belehrte uns über die Örtlichkeit: hier, wo wir ruhten, hatte Satan dem Herrn die verlockende Schönheit der Welt gezeigt, dieser aber, nicht zufrieden ihn bloß abzuweisen, in einer Anwandlung von echt deutschem Grimm den Versucher ergriffen und in die Schlucht dort drüben geworfen, wo er noch immer vergebliche Anstrengungen sich zu befreien macht; dann war er mit einem mächtigen Schritt auf den Scheuelberg hinübergegangen und hatte an beiden Stellen seine Fußstapfen zurückgelassen, die das Volk noch jetzt unter dem Namen Herrgottstritte kennt. Die Schlucht aber, in welcher der Böse gefangen liegt, heißt die Teufelsklinge. Diese Sage drückt einen köstlichen Stolz auf die Heimat aus: »um die Welt in all ihrer Herrlichkeit zu schauen, wo kann man anders hingehen als zu uns?« – Man hat ein gutes Stück Arbeit, wenn man den Rosenstein nicht nur so kursorisch mitnehmen, sondern gründlich betrachten will, aber wir waren nun einmal im Zuge, und wahrlich, dieser schöne Grenzwächter der Alb verdient eine liebevolle Untersuchung: wir stiegen auf alle Spitzen, um uns der Fernsicht von jeder Seite zu bemächtigen, genossen die Schauer der Teufelsklinge und krochen in die vielen Klüfte und Höhlen, welche der Berg enthält. Eben saß ich mit dem Pfarrer in der Scheuer, der größten dieser Höhlen, und ließ mir von ihm eine darauf bezügliche Sage erzählen, als wir auf einmal entdecken, daß Ernst fehlte. Wir stiegen wieder den Berg hinauf und fürchteten schon, er möchte zwischen den Steinen einer Höhle eingeklemmt sitzen, oder gar, der Bewohner der Teufelsklinge habe seine Krallen nach ihm ausgestreckt, als er um die Ecke herumgesprungen kam und seine Kappe voll Erdbeeren hatte. Er rief uns, ihm zu folgen, und führte uns zu einem ganzen Lager dieser würzigen Frucht.

Hier fiel mir auf einmal der gute Rat ein, welchen Schwab den Wanderern auf diesen Berg mitgibt. »Meuchelmörderischer Pfarrer,« rief ich aus, »warum hast du mir dein Vorhaben nicht gleich entdeckt? Jetzt haben wir das Beste vergessen! Weißt du nicht, was Schwab sagt?

Wenn der Reisende so vernünftig sei, versichert er, Wein und Zucker mit hierher zu bringen, so könne er die vortrefflichste kalte Schale in loco einnehmen.«

»So?« sagte der Pfarrer und führte einige Erdbeeren zum Munde. Nach einer Pause fuhr er fort: »Sie schmecken auch so gar nicht übel; nicht wahr?«

Ich wollte vor Ärger vergehen, er nahm aber keine Notiz davon und sprach nachdenklich weiter: »Freilich jedoch mit Wein und Zucker sind sie vollends ganz deliziös.« Und nun begann er eine so nervendurchzuckende Beschreibung dieses meines Lieblingsgerichts, daß auch Ernst, der kein Mann der Leidenschaft ist, in Verzweiflung geriet und ihm gebot, seine lose Rede zu schließen, wenn sie Freunde bleiben sollten.

»Was ist jetzt zu tun?« sagte der Pfarrer. »Nostradamus wäre uns jetzt viel nützlicher als Schwab und sein guter Rat. Versteht sich keiner der Herrn auf eine kleine Beschwörung? Was mich betrifft, so hab' ich mich während meiner theologischen Studien aus Langeweile etwas auf die Magie gelegt, aber ich werde das so ziemlich wieder verschwitzt haben, und dann bin ich auch in Verlegenheit, an wen ich die Zauberformel richten soll: mit dem, der da unten in der Teufelsklinge hauset, ließe sich wohl schon ein spekulativer Handel abschließen, aber das würde für einen Pfarrer sehr unschicklich sein. Doch gibt es ja überall gute Genien in der Welt, mit denen man so etwas versuchen kann. Nun also: Ariel oder Puck, ihr fröhlichen Geister, wenn ihr etwa aus eurem lustigen Alt-England ein wenig in die Ferien gegangen sein solltet, um zu sehen, wie sich's bei uns leben läßt, oder du, benachbarter edler Kloppferle, so du nicht etwa ganz an den Rechberg gebannt und gebunden bist, oder welch anderes angenehmes Gesindel hier in der Luft herumschwebt, sei einer von euch so gefällig, sich in mein Haus zu begeben, meiner Frau über die Zuckerschachtel zu gehen, so viel oder so wenig darin ist, in der Küche klein zu reiben, sodann die zinnerne Weinflasche, auf welche dieser vornehme Geist heut so verächtliche Blicke geworfen hat« (dabei deutete er auf mich), »aus dem Wandschrank zu nehmen und beides mir in die Tasche zu stecken! Fiat! fiat! Abracadabra! Hocus pocus! Er griff in seine beiden Rocktaschen und zog aus der einen eine Tüte mit geriebenem Zucker nebst einem kleinen Zinntellerchen und aus der anderen die bewußte, jetzt unschätzbare Weinflasche hervor. Das gelungenste Kunststück eines Taschenspielers ist gewiß noch nie mit solchem Jubel aufgenommen worden wie diese wunderbare und doch ganz natürliche Hexerei.

Ehe wir aber uns anschicken, über die bescherten Erquickungen herzufallen, sprach der Pfarrer weiter: »Lasset uns unsern Geist zu einer kurzen Betrachtung erheben und das Fabula docet aus dieser Begebenheit aushülsen.

Erstens: nichts ist so gering, daß du es verachten darfst. Ich habe schon vorhin darauf angespielt, daß die arme Zinnflasche hier das Unglück gehabt hat, meinem edlen Vetter zu mißfallen, und doch ist es eben diese Zinnflasche, der wir unser heutiges Glück verdanken –«

»Versteht sich,« unterbrach ich ihn, »aber eine Kristallflasche hätte dasselbe Verdienst um uns.«

»Mitnichten,« demonstrierte der Pfarrer; »unsere Wege sind nicht immer ganz eben gewesen, und wenn ich dies sage, so wißt ihr schon, daß ich auf eine Fatalität angespielt haben will, welche heute einer ehrwürdigen Person aus unserer Mitte zugestoßen ist. Wie wäre es nun, frage ich, einer Kristall- oder auch einer ganz ordinären Glasflasche bei der plötzlichen Unterbrechung unserer Kontrovers-Predigten ergangen? Ich zittre, indem ich daran denke: die jetzige Überraschung wäre zwar früher, aber doch viel zu spät erfolgt.

Zweitens« (dies ging ebenfalls auf mich): »was du siehst, sollst du nicht immer auf das nächste beziehen, sondern erwägen, daß es auch Mittel für entfernte Zwecke gibt. Ein hoffnungsvoller Jüngling, den ich hier unter uns erblicke, – ich sage hoffnungsvoll, und der Sinn dieses Wortes wird sich sogleich herausstellen – dieser hat heute vor dem Essen meine Frau Zucker reiben sehen, und selbiger Anblick hat ihn in einen Zustand versetzt, der mich zu dem soeben gebrauchten Prädikate berechtigt. Ich beobachtete ihn über Tisch; er aß sehr mäßig, und eine stille Fröhlichkeit belebte seine Züge, welche gegen das Ende der kurzen Mahlzeit immer mehr zunahm. Sogar als der Tisch aufgehoben wurde und wir anderen aufstanden, blieb er sitzen und spielte mit seinem Messer. »O zarte Sehnsucht, süßes Hoffen!« dachte ich und überraschte ihn mit dem Vorschlag, jetzt ohne längeres Zaudern den Marsch anzutreten. Er tat es, wie ein tapferer Soldat einen ehrenvollen Rückzug unternimmt, bedächtig und immer von Zeit zu Zeit nach dem nicht erschienenen Kuchen zurückblickend. Nun frage ich aber, ob es nicht vernünftiger war, den Nachtisch hierher zu verlegen?«

Ich lachte von Herzen und gestand ihm, daß er recht habe; seine Beobachtung war in der Tat nicht ganz ungegründet gewesen; aber bin ich denn so sehr zu tadeln, wenn ich aus dem Zuckerreiben einer wohlwollenden Pfarrerin einen angenehmen Schluß ziehe? Der Rosenstein war mir zwar wohlbekannt, aber in jener sterilen Gegend des Aalbuchs hatte ich ihn nicht so nahe gedacht, daß ich ihn mit der Beschäftigung der verständigen Frau hätte verknüpfen können; denn über geographische Verhältnisse und namentlich über Distanzen bin ich immer ein großer Ignorant gewesen. Daß aber der Pfarrer mein längeres Sitzenbleiben auch für ein Symptom genommen hat, dagegen muß ich feierlich protestieren: es ist meine Gewohnheit, ich liebe das Nachtischeln, auch das trockene.

Wir setzten uns, und der Pfarrer bereitete mit der Feinheit eines erfahrenen Apicius die leckerhafte Kost; wir hielten eine unvergleichliche Schwelgerei, denn die Erdbeeren waren groß und voll, wie man sie selten findet, und die Zutat kam so unverhofft! Ich wünschte die begeisterte Rede, womit der Pfarrer schon vorher unserer Hoffnungslosigkeit dieses Göttermahl geschildert hatte, besser im Gedächtnis behalten zu haben, um eine würdige Beschreibung desselben geben zu können: jetzt kann ich nur noch sagen, es war uns so wohl, daß wir hätten Zelte bauen und dort oben wohnen bleiben mögen. Nachdem wir genug Erdbeeren gegessen hatten, ließen wir die Flasche herumgehen und tranken auf das Wohl aller realen und idealen, sichtbaren und unsichtbaren Stifter dieses Festes. Ich goß die letzten Tropfen, die mir zuteil geworden waren, als Libation auf den Boden, schwenkte die Flasche und wollte sie eben gegen Heubach hinabschleudern, als mir der Pfarrer in den Arm fiel, das zinnerne Kleinod ergriff und schnell wieder in die Tasche schob. »Schlemmer und Phantast!« rief er, »meinst du, ein Pfarrer auf dem Aalbuch habe so viel überflüssige Zinnflaschen, daß er eine davon ruhig zugrunde gehen lassen könnte? Ich glaube überhaupt, Ihr habt etwas zu viel Haber im Kopf; dagegen weiß ich ein gutes Mittel: marsch! aufgestanden, ungesäumt vorwärts! wir haben noch einen stattlichen Weg zurückzulegen.« – Der Rückweg zeigte uns das Schloß Lauterburg in geringer Entfernung, aber wir hatten keine Zeit, es zu besuchen, und mußten uns mit dem flüchtigen Anblick desselben begnügen. Wir konnten zufrieden sein: hatten wir ja doch heute so vieles gesehen, was einer bleibenden Erinnerung würdig war.

Geigen und Pfeifen tönten uns entgegen, als wir nach Hause kamen: der Markt war für heute zu Ende, der Feierabend und die Lustbarkeiten waren angegangen. Im Pfarrhofe liefen unter dem anderen Geflügel zwei weiße Pfauen umher, sehr schöne Tiere, die ihren Stand und Rang vor den übrigen nicht bloß durch ihre ausgezeichnete Gestalt, sondern auch durch ihr ganzes Wesen, ich möchte sagen, durch ihren Charakter behaupteten. Alle ihre Bewegungen drückten eine sanfte Würde ohne Grandezza aus; wenn man Brot hinstreute, so war ihnen wohl anzusehen, daß sie gern davon gehabt hätten, aber sie fuhren nicht gierig darauf los, wie der andere geflügelte Pöbel, sondern warteten eine Weile und dann pickten sie darnach, freilich erst, nachdem ihnen die Hühner schon alles vor dem Schnabel weggefischt hatten. Man sah deutlich, daß sie nicht aus natürlicher Langsamkeit und Schwerfälligkeit zu spät kamen, sondern aus Edelmut: sie wollten nicht gar zu bettelhaft und hungrig erscheinen. Man mußte die impertinenten Hühner verjagen, um die Pfauen nicht ganz leer ausgehen zu lassen.

»Wo kommen denn die schönen Tiere her?« fragte der Pfarrer seine Frau.

Diese lächelte und sagte: »Ich habe sie heut auf dem Markt gekauft.«

»Geh, Frau, was willst du mir aufbinden! Seit wann bietet man auf einem Dorfmarkt weiße Pfauen feil?«

»Geh nur ins Zimmer hinauf,« versetzte sie, »du wirst den Mann, von dem ich sie habe, noch oben finden, ich hab' ihm soeben ein Glas Wein eingeschenkt.«

Wir stiegen hinauf und fanden einen Arzt aus der Nachbarschaft, einen vieljährigen Freund des Pfarrers, der wie dieser ein großer Liebhaber von edlem Geflügel war und ihm die Vögel zum Geschenk gebracht hatte. Der Pfarrer hatte kaum Gruß und Dank gesagt, als sich auch der Förster einfand; es war ihm geglückt, einen Hasen zu schießen, den er herübergesandt hatte mit der Bedingung, beim Nachtessen ein kochkünstliches Examen mit der Pfarrerin anstellen zu dürfen. Das Essen wurde sogleich aufgetragen, und es war auch nötig: wir Wanderer hatten das lebhafteste Gefühl der menschlichen Schwachheit in Magen und Kehle. Aber kaum war der erste Hunger gestillt, so begann eine lustige Unterhaltung, zu der jeder nach Kräften sein Kontingent beitrug. Der Förster war besonders unerschöpflich: er trank keinen Schluck Wein, ohne eine Schnurre vorzubringen, und brachte keine Schnurre vor, ohne einen Schluck Wein dazu zu trinken. Auch sprach er ein geläufiges Jägerlatein, das heißt, er erzählte seine Geschichten mit bedeutendem Agio: so behauptete er unter anderem, er habe eine Doppelflinte, die ihm immer sogleich anzeige, ob der Schuß getroffen habe oder nicht, indem auf dem Laufe, woraus er ein Tier geschossen, sich jedesmal ein Heller Blutstropfen zeige.

»Schade,« versetzte ich, »daß ich heute nicht Gelegenheit gehabt habe, mich von diesem merkwürdigen Phänomen zu überzeugen, aber leider waren wir allzumal Abc- und Ziegelschützen und mangelten des Ziels, der eine des Sperlings und der andere, o gewaltiger Nimrod, des Spechts.«

»Teufel!« murmelte der Förster dumpf, denn er hatte ein mächtiges Stück Braten in den Mund geschoben, und die Blätter des Endiviensalates standen ihm wie ein grüner Schnauzbart in beiden Mundwinkeln. »Laßt mich mit dem Specht ungeschoren, und mit dem Nimrod auch! Wißt Ihr mir keinen anderen biblischen Namen beizulegen?«

»O ja, Nebukadnezar könnte man Euch auch heißen.«

»Warum?«

»Weil Ihr so ein greulicher Salatesser seid.«

»Pah! von Nebukadnezar heißt es, er habe eigentliches und wahrhaftiges Gras gefressen, und zwar in Gesellschaft der Tiere auf dem Felde. Wollt Ihr gefälligst auch diesen Punkt Eurer Vergleichung einverleiben?«

»Nein! man muß es mit Vergleichungen nicht so genau nehmen und auch mit dieser Erzählung nicht, welche das mythische Gepräge unverkennbar an der Stirne trägt. Es ist ganz klar, wie man sich die Sache deuten muß. Nebukadnezar war ein aufgeklärter, durchgreifender Monarch und führte den Salat, eine bisher noch unbekannte Speise, in Babylonien oder wenigstens an seinem Hofe ein. Dies war eine Neuerung und somit ganz den Absichten der Priesterpartei entgegengesetzt. Diese erfanden, um sein Charakterbild in der Geschichte zu verzerren, das Märchen, er sei wahnsinnig geworden und habe Gras gefressen, oder vielleicht waren sie auch wirklich der Meinung, das Salatessen sei ein Gedanke des Wahnsinns, und dieser bildliche Ausdruck wurde im Laufe der Zeit zur Sage.«

Der Pfarrer erhob drohend den Finger, ich aber sagte: »Sei ganz ruhig, ich habe im Sinn unserer heutigen Felsenpredigten gesprochen.«

Das Gespräch kam wieder auf die beiden Pfauen, man pries ihre Schönheit und scherzte über die allegorische Bedeutung, die ihnen in früheren Zeiten beigelegt wurde. Dann sprach man von der Liebhaberei fürs Geflügel, wie diese an fürstlichen Höfen früher auf verschwenderische Weise herrschend gewesen, jetzt aber wieder abgekommen sei, und der Förster erzählte folgende Anekdote:

Der Fasanenschwanz.

»Meine Lehrjahre brachte ich am Hofe des Herzogs von ... als Jägerbursche zu. Dieser Herr hatte außer der Wildjagd eine besondere Passion fürs Geflügel und vergeudete unsinnige Summen, um jederzeit das Kostbarste und Seltenste dieser Gattung zu haben. Wehe dem, der einen ausgezeichneten Vogel irgend einer Art besaß! sobald der Herzog davon hörte, mußte der Vogel herbei, um teures Geld, wenn der Besitzer so klug war, sich die Leidenschaft des Fürsten zunutze zu machen; wenn aber einer hartnäckig auf seinem Eigentum bestanden wäre, so war' es ihm, glaub' ich, nicht besser gegangen als dem Naboth mit seinem Weinberg. Doch war dies nur mit geringeren Vögeln der Fall; vornehmeres Geflügel konnte gar niemand blicken lassen, wenn er sich nicht der Gefahr aussetzen wollte, geradezu eines Diebstahls bezichtigt zu werden, und freilich geschah es auch meist auf diesem Wege, daß die Vogelhäuser und Käfige der Residenz sich mit seltenen Gästen bevölkerten; aber nur die vertrautesten Freunde des Besitzers, gewöhnlich seine Mitschuldigen, wußten etwas von deren Dasein, sie waren streng verwahrt, eine geheime Augenweide bis zum Todestage des Herzogs, wo die Residenz auf einmal zum Staunen aller, die mit den Verhältnissen nicht näher bekannt waren, ihre naturgeschichtlichen Schätze ans Tageslicht hervorgehen ließ.

Der Herzog wurde unerhört hintergangen, oder vielmehr war es das Land, das dies sein Steckenpferd mit Schweiß und Blut bezahlen mußte. Von dem, was er hatte, nahmen seine Diener das Beste und verkauften es; vergebens hatte er auf alles ein wachsames Auge: wenn er nach einer vermißten Brut fragte, so war sie eben krepiert, und er mußte sich mit einigen Flüchen über das Unglück begnügen. Nicht minder wurde er bei seinen Einkäufen betrogen, und es hat sich oft ereignet, daß er eine Nachtigall schlagen hörte, die ihm gefiel, so sprach er: »Die Nachtigall muß ich haben,« und sandte einen Diener zu ihrem Herrn, dem er, je nachdem sich dieser nachgiebig oder zäh benahm, fünfzig bis hundert Gulden dafür bezahlen ließ. War nun der Vogel in einen der herzoglichen Käfige gebracht, so nahm ihn ein Diener wieder heraus und steckte ein anderes auf dem Markte gekauftes Exemplar, das zwar nicht singen konnte, aber sehr proper aussah, mit umgedrehtem Hals in den Käfig. Dann fragte der Herzog: »Was Teufels hat denn die Nachtigall, daß sie nicht singt?« und erhielt zur Antwort: »Sie ist verreckt, Ew. Durchlaucht,« – wo dann die Sache mit einem Donnerwetter abgetan war. Nach einigen Tagen hörte er wieder eine Nachtigall in der Nähe des Schlosses singen, die ihn um so mehr anzog, da sie in der Stimme so viele Ähnlichkeit mit der vorigen hatte; und er ruhte nicht, bis sie auf dieselbe Weise erworben und wieder verloren war.

Doch kommt dies alles in keinen Vergleich mit folgendem Betruge, der ihm einmal gespielt wurde.

Am meisten hielt er auf Fasanen; aber, wie es überhaupt seine Art war, nicht sowohl auf eigentlich schöne, als vielmehr auf sonderbare Gattungen, die durch irgend ein auffallendes Merkmal zur Seltenheit wurden. Solche anzuschaffen war er unersättlich und konnte sie mit den übertriebensten Preisen bezahlen. Ich war im Hause des Fasanenmeisters wohl gelitten und traf daselbst oft mit einem Gewürzkrämer zusammen, der ebenfalls ein großer Liebhaber des Geflügels war und als Kenner häufig zu dem Herzog berufen wurde, um bei neuen Ankäufen mit Rat und Tat zur Hand zu sein. Da saßen wir nun oft alle drei beieinander und machten unsere Glossen über die Leidenschaft des Herrn.

Eines Tages kam der Fasanenmeister vom Herzog, und als er uns beide in seinem Zimmer fand, rief er uns entgegen: »Eine große Neuigkeit! Dem Herrn ist ein weißer Fasan mit einem bunten Schweif angeboten worden.«

»Ein weißer Fasan mit einem bunten Schweif?« sagte der Gewürzkrämer. »Dann muß er aber auch einen bunten Federbusch an den Ohren haben.« »Grade das ist die Seltenheit!« rief der Fasanenmeister, »er ist am ganzen Leibe weiß, ohne den Schatten einer anderen Farbe, nur daß er einen prachtvollen bunten Schweif haben soll.«

»Das ist gegen den Lauf der Natur,« meinte der Gewürzkrämer. »Wer hat ihn denn dem Herzog angeboten?«

»Ein Kaufmann in L., im Namen eines Freundes, ich weiß nicht wo, in der Krim, glaub' ich.«

»So, so! und wenn der Herzog die Bedingungen eingeht, so reist der Fasan zuerst aus der Krim nach L., und von da aus hierher?«

»Versteht sich; der Kaufmann hat sich erboten, den Handel und den Transport zu übernehmen.«

»Das ist sehr vernünftig von dem Kaufmann. Was macht er denn, oder vielmehr, was macht sein Freund für Bedingungen?«

»Er verlangt hundert Louisdor, weil der Vogel eine so große Seltenheit sei. Freund, ich bin sehr neugierig, wo der Betrug steckt.«

»Ich auch! Wir wollen die Sache abwarten.«

Der Herzog ging den Preis ein, unter der Bedingung, daß der Vogel der Beschreibung völlig entspreche. Der Kaufmann verhieß, ihn kommen zu lassen, und nach einigen Monaten kam ein Prachtexemplar von einem Fasan, weiß am ganzen Leibe, mit schneeweißem Federbusch, auch unter dem Halse weiß, und hinten mit dem herrlichsten Pfauenschweif, der in allen Farben spielte. Der Herzog war außer sich vor Freude und ließ sogleich den Fasanenmeister und den Gewürzkrämer kommen. Der Fasanenmeister teilte aufrichtig das Entzücken des Herrn, aber der Gewürzkrämer hatte ein unbestechliches Urteil und wußte im Augenblick, was er davon halten sollte; da er jedoch ein kluger Mann war, wollte er die Gunst des Herrn nicht verscherzen, und begnügte sich zu sagen, ein solches Tier sei ihm noch nie weder leibhaftig noch in der Beschreibung vorgekommen. Mit diesem Ausspruch war der Herzog sehr zufrieden, er band dem Fasanenmeister den Vogel auf die Seele und entließ beide in Gnaden.

Der Gewürzkrämer begleitete seinen Freund in dessen Wohnung. Hier forderte er Feder und Papier und setzte ein Schreiben auf, das er dem Fasanenmeister versiegelt übergab. »In diesem Briefe,« sagte er, »steht eine Wette von mir gegen Euch. Ihr dürft keinen Kreuzer darauf setzen, ich aber setze hundert Louisdor, gerade soviel, als der Fasan gekostet hat, und will sie verloren haben, wenn nicht alles so ist, wie es im Briefe steht. Dagegen gebt Ihr mir Euer Ehrenwort, das Schreiben nicht eher zu öffnen, als bis sich gewisse Dinge ereignen, die ich Euch mit der Zeit näher bezeichnen werde.«

Mit diesen Worten schieden sie.

Als nun die Zeit erfüllet war und die Mause eintrat, da geschah ein groß Wunder in der herzoglichen Fasanerie. Der bewunderte Fasan verlor sein buntes Gefieder und trieb weiße Federn nach. Der Fasanenmeister wußte sich vor Verwunderung und Schrecken nicht zu helfen.

Um diese Zeit kam der Gewürzkrämer zu ihm, der mich unterwegs mitgenommen hatte.

Der Mann des Jammers führte uns zu einem abgelegenen Verschlage, wo er das treulose Federvieh eingesperrt hatte, und machte uns mit der unerhörten Geschichte bekannt. Der Gewürzkrämer lachte und gebot, sein Schreiben herbeizubringen. Ehe es eröffnet wurde, fragte er den Fasanenmeister, ob er keine von den ausgefallenen Federn aufbewahrt habe. Dieser holte sogleich einige herbei, und nun zeigte uns der Gewürzkrämer – kann sich einer von Ihnen, meine Herren, einen Begriff machen, wie dieser Betrug angelegt war?«

»Ganz wohl,« sagte ich, »die Federn waren gefärbt, und nach der Mause wuchsen wieder weiße nach.«

»Larifari! wer wird Federn färben können, daß sie jedermann für Pfauenfedern halten muß? So dumm sind die Leute nicht, es waren echte Pfauenfedern, wie uns der Gewürzkrämer deutlich zeigte. Ein so mühsamer Betrug ist gewiß noch nie vorgekommen. Der Verkäufer hatte dem Fasan seinen Schweif, dicht an der Haut, einzeln, Feder um Feder, mit einer seinen Schere abgeschnitten und in den Rumpf jeder Feder eine Pfauenfeder geleimt.«

»Bei Gott!« rief der Pfarrer, »der hat seine hundert Louisdor redlich verdient mit all seiner Unredlichkeit. Dazu gehört ja eine schmähliche Geduld! Aber der Herzog wird doch über diese Spitzbüberei gelacht haben?«

»Der Herzog hat nicht gelacht,« erwiderte der Förster; »denn der einsichtige Gewürzkrämer war nicht gesonnen, ihn zum Lachen zu bringen. Als der Fasanenmeister fragte: ›Was machen wir denn jetzt?‹ antwortete er: »Der Fasan muß aus der Welt, eher heute denn morgen; dem Herzog darf man nichts von der Sache sagen, oder Ihr seid um den Dienst, Freund, und ich falle in Ungnade. Hätten wir's ihm gleich anfangs gesagt, so hätte er's uns nimmermehr verziehen, und wollten wir's jetzt gestehen, so wären wir strafbar, weil wir zuvor geschwiegen haben.«

Dies leuchtete dem Fasanenmeister ein. Der Gewürzkrämer mischte dem Fasan das Futter, und nach einigen Tagen wurde dem Herzog gemeldet, daß er seine hundert Louisdor umsonst ausgegeben habe. Er tobte und wütete, hieß den Fasanenmeister manches, was er nicht war, und verdaute an diesem Tage besser als seit drei Wochen; der Fasanenmeister aber verblieb unangefochten in seinem Amt, und der Gewürzkrämer ging nach wie vor beim Herzog aus und ein.«


»Es war doch eine schöne Zeit«, begann der Arzt, nachdem der Förster geendet hatte, »es war eine romantische Zeit, als die Fürsten noch grob waren, sich's auf ein paar Gewalttätigkeiten und Mißhandlungen nicht ankommen ließen und ihre Untergebenen mit Er anredeten; die Leute wurden dadurch zu einem indirekten Benehmen genötigt, welches oft die anmutigsten Verwicklungen herbeigeführt hat. Ich könnte hundert Beispiele erzählen, welche beweisen, wieviel mehr Poesie in jener kaum erst verflossenen, hagebuchenen Zeit gelegen ist, als in unserer papierenen. Ich erinnere mich hier an einen Kollegen, der noch ganz von der Derbheit und Roheit jener Periode duftet. Dieser würdige Mann hat sich bei dem Rückzug aus Rußland in die Gefahr eines schimpflichen Todes gestürzt, um seinem Fürsten etwas von dem Rest der Truppen zu retten. Als man dieses bewährte Korps in Polen zur Deckung der Reserve verwenden wollte, gab er einen um den anderen für nervenfieberkrank aus, und die Soldaten, die freilich in sehr Übeln Umständen waren, glaubten ihm, halb im Ernste, halb weil es ihnen dienlich war, so daß bald die ganze Mannschaft aus Malades imaginaires bestand. Er erhielt Befehl, sie in die Lazarette der nächsten Station zu bringen, unterwegs teilte er dem Inhaber der Regimentskasse seinen Plan mit, und dieser schwor ihm seinen Beistand zu. Wie sie voraussehen konnten, wurden sie mit Geld und Pässen weitergewiesen und kamen so, weil niemand sich der gefährlichen Krankheit preisgeben wollte, von Station zu Station bis in die Heimat. Dort mußten sie an der Grenze kampieren, und es wurde eine Untersuchungskommission zu ihnen geschickt, welche freilich sehr verwundert war, die Kranken in so leidlichem Zustand und vom Nervenfieber keine Spur zu finden. Aber ein wohlunterrichteter Arzt aus ihrer Mitte führte an, daß starke Bewegung vorzüglich dazu diene, das Nervenfieber zu heben. Diese Hypothese wurde von der Kommission adoptiert, und mein Freund erhielt als Retter der Landestruppen eine Medaille und den Adel. ›Ich kann die Auszeichnung mit Recht tragen‹ sagte der treffliche Mann, ›wenn ich sie gleich auf andere Weise verdient habe, als mein Fürst geglaubt hat; allein wenn ich die Wahrheit bekannt hätte, so wäre ich vor ein Kriegsgericht gestellt und erschossen worden.‹«

»Aber ich meine nicht bloß solche abenteuerliche Fälle,« fuhr der Arzt fort, »denn das Kriegsrecht ist noch heute dasselbe und macht eine Ausnahme vom Verfahren in Zivilverhältnissen. Damals jedoch wurden auch diese in einer martialischen Weise behandelt, und ich war einmal in einem Bade zugegen, wie der Landesfürst den dortigen Oberamtmann, der es auf der Straße an etwas hatte fehlen lassen, eine ganze Stunde lang, auf offener Straße, vor einer großen Menschenmenge, mit einer demosthenischen Beredsamkeit, aber nur nicht mit attischer Feinheit einweichte.«

»Gegenwärtig,« sagte der Pfarrer, »geht man mit den Untergebenen viel eleganter um. Wenn einer etwas pecciert hat, so läßt man seinem nächsten Vorgesetzten den Befehl zukommen, ihm einen Verweis zu erteilen, oder vielmehr ›ihm das höchste Mißfallen zu erkennen zu geben und ihm zu eröffnen, man erwarte, daß er in einem ähnlichen Falle künftig sich mit mehr Umsicht und namentlich mit mehr Überlegung benehmen werde‹.« »Dann,« fuhr der Arzt fort, »hat er nichts zu tun als die Insinuation zu unterschreiben, und so hat am Ende niemand gescholten und niemand ist gescholten worden. Ein Beispiel, wie sehr das Feierliche aus unseren öffentlichen Verhandlungen verschwunden ist, hab' ich an mir selbst erlebt. Ich, meine Herren, bin als Arzt mit der Tabakspfeife im Munde beeidigt worden.«

Ein schallendes Gelächter unterbrach ihn; keiner wollte ihm glauben.

»Dies trug sich folgendermaßen zu,« erzählte er; »ich hatte mit vorläufiger Erlaubnis bereits einige Wochen praktiziert, als ich ein Schreiben des Oberamtmanns erhielt, worin er mir meldete, er werde nächstens in meinem Ort ein Ruggericht halten und bei dieser Gelegenheit meine Beeidigung vornehmen. Der Tag erschien, und ich erfuhr, daß der Oberamtmann da sei, der mich jedoch diesen Vormittag nicht rufen ließ. Nach Tische ging ich wie die anderen Honoratioren auf die Post, trank eine Tasse Kaffee und rauchte eine Pfeife dazu. Der Oberamtmann saß ebenfalls mit einer mächtigen Pfeife da, und das Gespräch ging seinen Gang; endlich stand er auf, sagte: ›Herr Doktor, auf ein Wort!‹ und nahm mich ans Fenster. Dort sprach er: ›Sie werden ohne Zweifel meinen Brief erhalten haben, worin ich Ihnen Ihre bevorstehende Beeidigung ankündigte; ich kann voraussetzen, daß Sie den Brief gelesen und die Sache überdacht haben, ich fordere Sie daher auf, mir die Hand zu geben und dadurch Ihre Verpflichtung anzuerkennen.‹ – Dies ging so schnell vor sich, daß ich nicht dazu kam, die Pfeife aus dem Mund zu nehmen, der Oberamtmann behielt sie ebenfalls, und so gab ich ihm denn die Hand, und wir standen da und pafften einander ins Gesicht.«

– – –Der Frühling ist eine unbeständige Jahreszeit: als wir uns spät und nach großen Libationen trennten, um zu Bette zu gehen, war Regen eingefallen, ein heftiger Wind pfiff durch die schlechtverwahrten Blößen des Hauses, riß die Fensterläden hin und her, und der Regen schlug einförmig aufs Dach und an die Fenster. Ich war zu aufgeregt, um sogleich schlafen zu können, alle Heiterkeit des Tages und die lauten Stimmen der soeben verlassenen Gesellschaft summten in mir nach. Es hat etwas Unheimliches, wenn man aus einer lebhaft bewegten Gesellschaft in tiefer Nacht auf ein einsames Zimmer versetzt wird, und einsam war für mich das Studierzimmer, in dem wir schliefen, denn Ernst hatte sich schon beim Auskleiden vom Schlaf überwältigen lassen, und als ich ihn mit Mühe ins Bett gebracht, konnte er nicht mehr unter die aktiven Glieder der Hausgenossenschaft gerechnet werden. Ich untersuchte die kleine Bibliothek des Pfarrers und hoffte etwas Erbauliches für mich zu finden, denn es ist meine große Untugend, bei Nacht zu lesen und oft länger zu lesen als zu wachen; dieser Hang war heute um so gefährlicher, da ich dem Pfarrer die Ehre erwiesen hatte, tief in den Geist seines schätzbaren Weines einzudringen. Deshalb war es vielleicht ein richtiger Instinkt, der mich trieb, aus der mageren Büchersammlung, die sich seit seiner wissenschaftlichen Periode nicht vermehrt hatte, Bretschneiders Dogmatik hervorzulangen: ich wollte mich nüchtern lesen und noch obendrein aufgeklärt, denn der Kapuziner, an den mir meine Müdigkeit in der vorigen Nacht nicht zu denken erlaubt hatte, spukte mir heute doch ein wenig im Kopf herum, da im Verlauf des Abends auch auf ihn die Rede gekommen war und der Pfarrer trotz aller Mißbilligungen seiner Frau den unsichtbaren Hausbewohner geschildert hatte, wie er nachts im Hause hin und her tappe, die Türen aufreiße, die Treppen hinaufstapfe und dann mit einem gräßlichen Gepolter einem Sack ähnlich wieder herunterstürze, an die Wände klopfe und in der Küche alle Gerätschaften rasselnd auf den Boden werfe, welche sich jedoch bei näherer Besichtigung unverrückt an Ort und Stelle befinden. Alles dies schwebte mir vor, als ich im Bette lag und den jedem Geiste widerstrebenden Nationalisten zu lesen versuchte. Ich konnte nicht umhin, von Zeit zu Zeit einen Blick über das Buch zu werfen, ob nichts Fremdartiges im Zimmer zu sehen sei; dort, hinter dem Bücherschrank in der Ecke, stand eine schwarze Gestalt, die sich zu bewegen schien. Ich sprang mit gesträubtem Haar aus dem Bette und ging verzweiflungsvoll dem Gespenst auf den Leib; es erwartete mich ruhig und wies sich, als ich herankam, als der schwarze Kirchenrock des Pfarrers aus. Ich legte mich wieder zu Bette und las beruhigt in Bretschneiders Dogmatik weiter. Seine Ideen wurden mir immer unansehnlicher, sie krochen wie Ameisen vor meinen Augen umher, ich gab mir zuletzt nicht mehr die Mühe, sie zu verstehen – – –

Die Sonne strahlte hell durch die Fenster und weckte mich auf. Das erste Gefühl beim Erwachen hat etwas Unbeschreibliches, ein Bewußtsein von Kraft und Leben; der Mensch wird mit jedem Morgen wieder neu geboren. Wehe dem Morgen, wo ans diesen stolzen Moment ein zweiter vernichtender folgt, wo der Tod das Leben angrinst und seine Sense nach ihm ausstreckt, wo zu dem freudigen Gefühl der Wiedergeburt sich der Gedanke gesellt: All's not well! Something is rotten in the state of denmark! Die Sonne, die mir beim ersten Anblick so wohl tat, verursacht dir Schmerzen, der Tag kommt dir grau und unerquicklich vor, und nun! dein Blick fällt auf den geschwärzten Leuchter neben dem Bette, dessen Schale von dem herabgebrannten geschmolzenen Lichte voll ist, du besinnst dich auf die Vergangenheit: welch eine bittere Buße für einen fröhlichen Abend! Alles wäre noch zu verschmerzen, wenn du nur das Licht nicht hättest herunterbrennen lassen, aber dieses Bild der tiefsten Unordnung ist nicht auszulöschen, es verfolgt dich, du malst dir das Unglück, das aus dieser Unvorsichtigkeit hätte entstehen können, mit den grellsten Farben aus, der ganze Tag ist dir so gut wie verloren.

Der gute Humor des Pfarrers und der starke Kaffee der Pfarrerin stellten die leibliche und geistige Zerrüttung wieder her. Auf den Sturm und Regen der Nacht folgte das herrlichste Wetter, und wir schickten uns zum Weiterreisen an.

»Wie ist es dir mit dem Kapuziner ergangen?« fragte der Pfarrer.

»Ich habe alle Ursache, mit ihm zufrieden zu sein,« erwiderte ich, »kaum lag ich im Bette, so rasselte es unheimlich draußen, und auf einmal mit einem heftigen Stoße sprang die Türe auf. Ich hielt ihm eine derbe Strafrede und hieß ihn die Türe wieder zumachen, aber er gehorchte nicht.«

»Das hatte er auch nicht nötig, denn er war unschuldig. Das Haus ist baufällig, und ein einziger Windstoß kann alle Türen zumal aufsprengen.

Weiter nichts?«

»O, jetzt kommt es erst. Kaum war mein Ärger gestillt, so entstand ein Geräusch hinter dem Bücherschrank. Dort stand er leibhaftig, er hatte deinen Kirchenrock an; in diesem kam er hervor und ging im Zimmer auf und ab, nicht ohne über die vielen Löcher im Boden zu stolpern. Auf einmal schritt er aus mich zu, das Licht neben mir knisterte und brannte schnell herab –«

»Aha!«

»Jetzt beugte er sich über mich, und ich schlief aus Schrecken ein.«

»Lebe wohl, du Held,« sagte der Pfarrer, indem er mir die Hand zum Abschied reichte, »und denke zuweilen an den Kapuziner, deinen Freund, mit dem du gerungen hast und bist schlafend obgelegen.«