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190 kleine Erzählungen für die Jugend

Christoph von Schmid: 190 kleine Erzählungen für die Jugend - Kapitel 68
Quellenangabe
typelegend
authorChristoph von Schmid
title190 kleine Erzählungen für die Jugend
publisherEnßlin & Laiblins Verlagsbuchhandlung
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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68. Die Schafe

1.

Ein junger Schäfer hütete in dem Gebirge seine Schafe. Eines Tages saß er auf einem Felsenstücke in dem Schatten einer Tanne. Er schlief ein und wankte und nickte im Schlafe beständig mit dem vorwärts hängenden Kopfe. Der Schafbock, der nicht weit von ihm graste, meinte, der Schäfer fordere ihn zum Zweikampfe heraus und wolle mit ihm stoßen. Der Bock nahm daher eine drohende Stellung, ging, um einen rechten Anlauf zu nehmen, einige Schritte rückwärts, rannte dann auf den Schäfer zu, und versetzte ihm mit seinen Hörnern einen gewaltigen Stoß. Der Schäfer, der sich aus seinem süßen Schlummer so unsanft geweckt sah, geriet in wütenden Zorn. Er sprang auf, packte den Bock mit beiden Fäusten und schleuderte ihn weit von sich. Der verscheuchte Bock rannte fort und stürzte in den nahen Abgrund. Die Schafe, wohl ihrer hundert, sprangen dem Bocke nach, und wurden an den Felsen elend zerschmettert. Der Schäfer aber raufte sich vor Kummer die Haare aus und rief:

Weh' dem, der seinen Zorn nicht meistern kann,
Er richtet hundertfältig Unglück an.

2.

Die Geschichte von der unglücklichen Schafherde wurde in dem ganzen Gebirge bekannt. Ein alter Schäfer, der sehr verständig und rechtschaffen war, machte von der Geschichte eine sehr gute Anwendung. Seine Söhne und Töchter wollten einst auf den Jahrmarkt in die Stadt gehen, um dort zu tanzen. Der Vater aber sprach: Das ist nichts für euch. Dort geht es nicht immer zum besten zu. Ich suchte euch bisher immer vor dem Verderbnisse der Welt rein zu bewahren; allein dort könntet ihr leicht verdorben werden. – Die Kinder sagten: Ei, andere gehen ja auch dahin! – Der Vater sprach hierauf: Es gingen schon viele dahin und büßten Gesundheit und Leben, Ehre und Unschuld ein. Wollet ihr ihnen es deshalb nachtun? Macht es doch nicht, wie die Schafe. Ihr wißt, wenn eines in den Abgrund springt, springen die andern alle nach. Ihr nennet sie deshalb dumme Tiere. Allein der Mensch, der sich in das Verderben stürzt, weil andere es auch so machen, ist um nichts klüger – sondern ein wahrer Schafskopf.

Stürzt sich ein Mensch in Sünd' und Schmach:
Seid klug, und macht es ihm nicht nach.

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