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: Schweigen im Walde - Kapitel 1
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typefiction
authorRichard Skowronnek
titleSchweigen im Walde
publisherGlobus Verlag G.m.b.H.
correctorreuters@abc.de
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Erstes Kapitel

Das Wetter war umgeschlagen, der linde Frühlingsabend hatte sich unter Sturm und grobem Hagelschauer jählings wieder in rauhen Winter gewandelt. Nur eine kurze Viertelstunde hatte es angehalten, dann war die Windsbraut weiter gezogen, hinter ihr aber kam die kalte Nacht. Scharf einsetzender Frost zog über Gräben und Lachen blanke Spiegelscheiben, und feine Schneesterne schwammen in der stillen Luft, kamen geheimnisvoll irgendwoher aus dem klaren Himmel, um leise zu dem weißen Teppich hinabzuschweben, den der brausende Nordwind seinem bräutlichen Gespons zu Füßen gebreitet hatte.

Über dem weiten Wiesenplan, der den Hochwald vom Torfbruche trennte, hob sich der volle Mond, in der Schneedecke aber fing ein Funkeln und Flimmern an, wie von tausend Smaragden, Saphiren und Demantsteinen. Und tiefes Schweigen ringsum, kein Laut in der weißschimmernden Nacht, alles Leben in Wald, Feld und Wiese hatte sich vor der jäh eingefallenen Kälte wieder verkrochen. Nur ein alter Gabelweih hakte standhaft auf dem dürren Wipfel einer einsam im Wiesenland stehenden Kiefer, hob den schmalen Raubritterkopf aus den Schultern und bejagte mit spähenden Augen den überschneiten Plan. Aber nichts Weidgerechtes weit und breit, kein fürwitziges Märzhäslein, das zwischen verdorrtem Wintergras nach den ersten Frühlingsspitzen suchte, kein fetter Entvogel auf den Wiesengräben, nicht mal, als Nothappen sozusagen, ein zäher Wasserratz zwischen den Kampen, den man mit raschem Stoß auf dem Trockenen überfiel, ehe er das schützende Torfloch zu erreichen vermochte. Da plusterte auch der Gabelweih die Federn auf und barg mißmutig den Kopf unter dem linken Flügel, vielleicht, daß sich im Schlafe der beißende Hunger verlor. Im Hinüberdämmern aber sann er darüber, weshalb man wohl immer zu früh das nahrhafte Winterquartier verließ, trotz aller trüben Erfahrung. Und alle Jahr die gleiche Torheit: Kaum, daß der erste warme Sonnenstrahl nordwärts über die Alpen stieg, spannte man die Flügel und zog mit. Ganz als wenn man's gar nicht mehr abwarten konnte, ob der alte Kiefernbaum noch aufrecht stand mit der Stammburg zwischen den gewaltigen Ästen, tief unten in der masurischen Heide...

*

Die junge Schloßherrin von Adlig-Groß-Lipinsken wandte den von einer Lodenkapuze geschützten Kopf zu dem hinter ihr stehenden Förster und deutete mit der Linken in die weißschimmernde Fläche hinaus.

»Da, Ahrens, ist das nicht herrlich? Und ganz wie im Märchen: die Schneekönigin hat ihr Gewand hergegeben, um die frierende Erde zuzudecken!« Sie sprach mit geröteten Wangen, denn der rasche Gang durch Wind und Wetter hatte ihr das Blut warm gemacht. In den braunen Augen aber leuchtete es von Schelmerei, denn sie stand mit dem Alten, der schon ihrem Großvater in Treuen gedient hatte, auf einem leichten Reckfuß und konnte sich ungefähr denken, was er in seiner derb-trockenen Art auf diesen poetischen Vergleich erwidern würde.

Der alte Förster, der mit seiner gewaltigen, schier ebenso breiten als hohen Gestalt in dem schneebedeckten Flausrocke wirklich aussah, wie ein Eisriese aus dem Gefolge der Schneekönigin, zog den mächtigen weißen Bart durch die Linke und sagte halblaut, um den auf kaum hundertundfünfzig Schritte Entfernung aufgebäumten Gabelweih nicht zu verscheuchen: »Stimmt und ist richtig, gnädigste Baroneß, ich hab' von dieser Schneekönigin auch mein Teil weggekriegt; die Klunkern von ihrem Rock hat sie mir in den Bart gehängt. Wenn aber Baroneß sich einbilden, daß wir nach diesem Schweinewetter auch nur einen einzigen Schnepf zu Schuß kriegen – und das war doch sozusagen der Zweck der heutigen Übung – dann sind Sie, mit allem schuldigen Respekt, auf dem Holzwege!«

Die junge Baroneß von Linde lachte auf.

»Für so etwas, wie Poesie, haben Sie wohl gar nichts übrig, Ahrens?«

»Aber gewiß doch, gnädigste Baroneß, sogar sehr, nur es muß auch das richtige Wetter dabei sein! Mild wie so ein alter Korn, der zwanzig Jahre in einem Portweinfaß gelagert hat, dabei aber doch Feuer in sich, so ein richtiger Frühlingsabend, wo die ganze Kreatur vor lauter Liebe ordentlich krieselig geworden ist, die Singdrossel muß so recht herzlich flöten auf dem höchsten Tannenwippel, und wenn dann die ›Eulenköppe‹ mit ihrem ›Ork‹ und ›pkß‹› durch die Luft gaukeln, wie, na meinetwegen, wie die Fledermäuse um den Kuhstall, sehen Sie, Baroneß, das ist poetisch! Wenn aber das Schlackwetter einem die Augen verkleistert, daß man denkt, der Kalender ist verrückt geworden, und es geht auf Weihnachten statt auf Ostern ... ei, dich soll die Ameis beißen ...« er brach ab und griff nach dem Gewehr, »jetzt streicht uns auch noch der Weih fort, und wir kommen mit leerer Jagdtasche nach Hause!« Der Raubvogel auf dem dürren Kiefernwipfel hatte den Kopf unter dem Flügel hervorgezogen, reckte den Hals und äugte scharf in die Runde, unsicher, woher das warnende Geräusch ihm ans nimmer schlafende Ohr gedrungen war.

Elsbeth von Linde hatte den leichten Drilling an die Wange gehoben und raunte zurück: »Ist ja viel zu weit, Ahrens.«

»Unsinn,« sagte der Alte, denn im Jagdeifer vergaß er ganz und gar den Respekt und behandelte seine junge Herrin nicht anders, als einen richtigen Jägerlehrling, »keine hundertfufzig Schritt sind's, das weiß ich besser. Mondlicht trügt. Und noch hat er uns nicht spitz ... jetzt aber ... und ganze Figur aufsitzen lassen, sonst geht's drüber weg ...« Der Gabelweih neigte sich vornüber, um im Herniederfallen die Schwingen zu breiten und, hinter dem Stamme gedeckt, dicht über der Erde davonzustreichen, da brachen aus dem dunkeln Kieferngebüsch mitten in der Wiese zwei rote Feuerstrahlen. Mit dumpfem Aufschlag fiel der schwere Vogel zu Boden, so jäh war der Tod über ihn gekommen, daß er keine Zeit gefunden hatte, die Flügel zu spannen.

Unkas der Hund, ein reingezogener drahthaariger deutscher, der regungslos neben dem linken Fuße seines Herrn gesessen hatte, fuhr in die Wiese hinaus, Elsbeth von Linde aber wandte sich zu ihrem Förster, und ihre Augen leuchteten vor Stolz.

»Na, Ahrens, was sagen Sie nun dazu? Und wenn er das mitangesehen hätte, ob er dann noch ...« sie wurde plötzlich rot, brach ab und verhedderte sich: »das heißt, nämlich ich meine, na ja also ... also was sagen Sie nun dazu?«

Der Alte nahm die Hacken zusammen und salutierte feierlich mit Gewehr bei Fuß.

»Nichts wie Donnerwetter, gnädigste Baroneß, und allerhand Hochachtung, bei dem ungewissen Licht geradezu ein Meisterschuß! Wie ein gerechter Weidmann, der sein zehntes Paar doppelsohlige Stiebeln mit Verstand in freier Wildbahn durchgelaufen hat!« Im stillen aber schmunzelte er, daß Auge und Hand ihm trotz seiner Jahre noch immer willig und geschickt geblieben waren, um der mangelhaften Schießkunst seiner jungen Jagdherrin so unauffällig nachhelfen zu können, daß die beiden Schüsse genau wie ein einziger zusammenklangen, der ihrige, der irgendwo daneben ins Blaue gegangen war, und der seinige, der den Weih natürlich mitten in die Brust getroffen hatte...

Unkas der Hund kam im kurzen Trab mit der erlegten Beute von der Kiefer zurück, und es war ein prächtiges Bild, wie er den mächtigen Vogel frei im hoch erhobenen Fang trug, kaum daß die Spitzen der langen Schwingen den Schnee streiften. Als ein wohlerzogener Hühnerhund setzte er sich auf die Hinterkeulen, klopfte mit der kurzgestutzten Rute den Boden und wartete geduldig, bis ihm die Beute von seinem Herrn abgenommen wurde. Der aber kratzte sich den Kopf und hätte sich fast durch einen unbedachten Ausruf verraten: der hellgefärbte Leib des Vogels zeigte deutlich zwei Kugeleinschläge! Und, wahrhaftig, der Schuß seines »Lehrlings«, an dem kleineren Durchmesser deutlich erkennbar, saß besser als der seinige, er war reichlich eine Handbreit zu tief abgekommen!

Die Baroneß hatte, um ihre Verlegenheit zu bemeistern, den abgeschossenen Büchsenlauf wieder geladen und trat zu dem Alten. Gott sei Dank, er schien im Jagdeifer gar nicht gemerkt zu haben, wie nahe daran sie gewesen war, ein ängstlich gehütetes Geheimnis zu verraten.

»Na, Ahrens, hab' ich mal wieder etwas nicht recht gemacht?«

»Im Gegenteil, gnädigste Baroneß, der Schuß sitzt besser als ... na ja, wie gesagt, ganz ausgezeichnet!

Aber da, bitte, sehen Sie mal her« – er wies auf die Stelle, an der sein grobes Kaliber ein böses Loch in das Federkleid gerissen hatte, und seinem erfindungsreichen Kopfe stellte sich im selben Augenblick auch schon die rettende Erklärung ein – »also der Esel von Unkas gewöhnt sich, wahrhaftig, auf seine alten Tage das Knautschen an! An Ausstopfen ist leider nicht zu denken!« Und er hielt seinem schuldlosen alten Weidgenossen, der ein zartes Taubenei zu apportieren verstand, ohne es zu zerbrechen, eine gar gröbliche Standpauke, belegte ihn mit allerhand ehrverletzenden Titulaturen und ließ ihn – angeblich zur Strafe – den Vogel wohl ein dutzendmal apportieren. Unkas aber, der aus mehr als zehnjährigem Umgang mit der Sprache seines Herrn vertraut war, hatte verstanden. Jedesmal, so oft er den in die Wiese hinausgeschleuderten Gabelweih wieder holte, schlenkerte und schlackerte er ihn zwischen den fest zugreifenden Zähnen, bis schließlich nur ein zerzauster Klumpen übrig blieb, an dem weder Ein- noch Ausschuß zu erkennen waren. Danach erst gab sich sein alter Herr zufrieden, trennte mit scharfem Weidmesser dem Vogel die Fänge ab, um sie dem jungen Mädchen, das seit einiger Zeit bei ihnen beiden die Jägerei lernte, mit abgezogenem Hut als Trophäe zu überreichen ...

Die schöne Leserin aber, die aus begreiflicher Unkenntnis des edlen Weidwerkes vielleicht daran zweifeln sollte, daß Unkas wirklich so gescheit war, wie eben geschildert, sei versichert, daß diesem Hunde tatsächlich nur die Fähigkeit der Sprache fehlte, sonst hätte er sich in allen Angelegenheiten, die die Jagd angingen, und vielleicht noch in etlichen mehr, in Rede und Antwort unterhalten können, wie ein Mensch!

Und dafür nur ein Beispiel.

Jedesmal nämlich, so oft sein alter Herr seine berühmte Geschichte von dem weißen Hirsch mit achtzehn Enden erzählte, den er nur deshalb verpaßte, weil er dieses auf zwanzig Meilen in der Runde nicht vorkommende Getier für eine Vision, eine Ausgeburt seiner Phantasie gehalten hätte, erhob Unkas sich schweigend von seinem Lager unter dem Tische, klinkte mit dem rechten Vorderlaufe die Tür auf und verließ die Stube; denn in dem Verlauf der Geschichte, die da mit den Worten anfing: »Wenn Sie sagen, in der hiesigen Gegend gäb' es keine Hirsche, lassen Sie sich erzählen, was mir im vergangenen Herbst passiert ist,« kam folgende Stelle vor: »Also der Hirsch steht breitseit mitten auf dem Neudörfer Wiesengestell, äugt mich groß an. Ich aber hatte so ein bißchen vor mich hingedrömelt, vom Tag vorher auch einen etwas schmerzhaften Schädel, und trau' meinen Augen nicht; wenn einem in diesem Zustand die heiße Mittagsonne aufs Dach scheint, hat man ja manchmal solche Visionen, andre zum Beispiel glauben dann immer weiße Mäuse zu sehen. Also ich schwenk' den Hut, um dieses Trugbild zu verscheuchen, aber es bleibt regungslos stehen, wie aus Stein gehauen. Na und da bieg' ich mich 'runter und kneif mit scharf eingesetztem Daumennagel dem Köter in den Schwanz: Unkas, alter Kampfgenosse, schlafen wir oder sind wir wach? ... Kiautsch, sagt die Thöle, ebenso wie jetzt« – bei diesen Worten griff der alte Herr unter den Tisch, suchte aber vergebens nach der Rute seines Eideshelfers, um ihn zur Bekräftigung seiner Erzählung gründlich zu zwicken, und schloß dann, wie immer, schnell gefaßt, mit den Worten: »Also, sehen Sie, meine Herren, auch mein alter Unkas besinnt sich noch so genau auf den Vorfall, daß er schon vor der, für ihn allerdings etwas schmerzhaften Pointe das Lokal verlassen hat! ...«

Der alte Herr führte den vollen Schoppen zum Munde, Unkas aber, der an der Tür gehorcht hatte, ob die Erzählung zu Ende war, betrat wieder die Stube und nahm beruhigt seinen alten Platz ein. In den andern Geschichten, die der Förster zu erzählen pflegte, kam er zwar auch fast immer vor, aber es ging dabei ohne schmerzhaftes Schwanzkneifen ab ...

So gescheit war diese Perle von einem Hühnerhund, von dem in diesen Blättern noch öfter die Rede sein wird, und aus Klugheit nur hielt er sich während der Zeremonie, in deren Verlauf dem jungen Mädchen die abgeschlagenen Raubvogelfänge nebst einem frisch gebrochenen Kiefernzweig überreicht wurden, in achtungsvoller Entfernung. Wer mochte wissen, ob dabei für ihn nicht ebenfalls eine handgreifliche Nutzanwendung abfiel, wie bei der Geschichte von dem verpaßten Hirsch? ...

Der alte Herr aber schien an dergleichen nicht zu denken. Er schritt mit dem langzöpfigen Jägerlehrling quer über die verschneite Wiese und kratzte sich wieder den grauen Kopf, diesmal aber ausgiebiger und nachdenklicher als vorhin. Und Unkas glaubte zu wissen, weshalb. Wenn's nämlich im kommenden Mai bei der Bockbirsche ein ähnliches Malheur gab wie heute, konnte sich sein Herr wegen des zweiten Kugeleinschlages nicht mehr auf ihn als den Sündenbock ausreden, denn Rehböcke apportierte er nicht...

In dieser Annahme aber täuschte er sich, trotz all seiner sonst so oft bewiesenen Klugheit. Der alte Herr wälzte ganz andre Gedanken im Kopfe, denn ihm war nicht entgangen, wie die Baroneß sich verheddert hatte, in der ersten Freude, den Weih erlegt zu haben. Und mit dieser Verhedderung hielt er den Augenblick zusammen, in dem sie – kaum sieben oder acht Monate war es her – mit dem kurzen Befehl vor ihn hingetreten war: »Sie, Ahrens, verschreiben Sie mir sofort ein leichtes Damengewehr, ich will von morgen an auf die Jagd gehen!« Ihm aber blieb vor Verwunderung fast der Mund offen stehen. Reiten tat ja die junge Baroneß wie ein Husarenleutnant, das hatte sie in der englischen Pension gelernt, und tummelte sich mit ihren unbequemen scharfen Augen vom ersten Tage an in der Außen- und Innenwirtschaft mehr herum, als dem alten Fuchs und Betrüger, dem Verwalter Wisotzki, lieb war, für die Jagd aber hatte sie bisher so wenig Passion gezeigt, daß sie sich nicht einmal nach dem Gehörn umsah, wenn er ihr mit einem Bock im Rucksack auf dem Heimweg von der Früh- oder Abendbirsch begegnet war ...

»Auf die Jagd gehen, gnädigste Baronesse? Ja haben Sie sich das auch gründlich überlegt? Draußen im Reich soll es, dem Vernehmen nach, wohl solche Damen geben, hier bei uns aber dürfte es der gnädigen Baroneß doch sehr verübelt werden!«

»Aber ich will es, Ahrens, und damit basta!«

»Ja, wenn gnädigste Baroneß ernstlich befehlen, dann natürlich! Schließlich gibt's ja auch bei uns im Kreise eine Dame, die sich in dieser Weise nicht geniert, die alte Baronin Kammreuter auf Kallinowken, aber die trägt hohe Stiebel, wirtschaftet ohne Inspektor und will wohl auch gar nicht als Dame ästimiert werden. Nämlich sie verhaut, wenn's not tut, höchsteigenhändig ihre Knechte, und kein Wilddieb traut sich in das Kallinowker Revier. Seit sie nämlich dem Altsitzer Lask auf Abbau-Kallinowken, dem Schlingensteller, wissen Sie, Baroneß, den ich vergangenes Jahr auch auf drei Monate ins ›rote Haus‹ gebracht hab'... also seit sie dem so gründlich das Leder gegerbt hat, daß er vierzehn Tage nicht richtig sitzen konnte, seit dieser Zeit meiden die Wilddiebe ihr Revier. Aber, nicht wahr, mit diesem Ruhm wollen Baroneß doch gewiß nicht konkurrieren? ...«

»Wenn's sein muß, auch damit!«

»Also schön, zu Befehl,« hatte er damals erwidert und das verlangte Gewehr verschrieben. Einen kostbaren hahnlosen Drilling von Steigleder in Berlin, Kaliber zwölf in den Schrotläufen, aber so leicht, daß er ihn mit dem kleinen Finger ohne Anstrengung heben konnte, und mit schier erstaunlichen Schußleistungen ... kein englisches Gewehr konnte sich damit vergleichen! Diesen Drilling hatte er mit dem arglistigen Hintergedanken ausgewählt, ihn nach kurzer Zeit selbst zu führen, denn es war zehn zu eins zu wetten, daß die so plötzlich erwachte Jagdpassion seiner jungen Herrin keine vier Wochen anhalten würde, sobald sie nämlich gemerkt hätte, daß die Jagd zuzeiten nicht nur kein Vergnügen, sondern eine recht anstrengende Arbeit war. Mit diesem Hintergedanken aber – das sah er schon in den ersten Wochen – hatte er sich arg getäuscht, denn kein Forstlehrling konnte seinen Beruf so ernsthaft anfassen, wie dieses junge Mädchen seine Passion! Tagsüber im Sonnenbrand über die Weizenstoppeln und Kartoffelfelder hinter den Hühnern her, ohne eine Spur von Ermüdung zu kennen, abends noch eine Stunde Unterricht in der weidmännischen Umgangssprache oder der praktischen Forstwirtschaft, und im Herbst schon war sie so weit, daß sie nicht mehr von »Beinen« sprach, sondern von »Läufen«, die »Blume« nicht mit dem »Spiegel« verwechselte und sich sogar so subtile Unterscheidungen zu eigen gemacht hatte, daß Fuchs, Hase und alles zur niedern Jagd gehörige Wild nur »färbt«, während Reh und Hochwild, wenn die Kugel gesessen hat, »zeichnet und Schweiß verliert«. Aber auch mit der Schießfertigkeit war es überraschend schnell vorwärts gegangen. Schon nach den ersten Wochen holte sie jedes Huhn herunter, selbst wenn es spitz von vorne kam, im Herbste lernte sie mühelos den hingeworfenen Schnappschuß, wenn der getriebene Hase oder das Karnickel wie eine graue Kugel über die schmale Schneise sauste, nur bei den Rehböcken hatte es immer noch gehapert, denn in der Aufregung beging sie regelmäßig einen der drei Grundfehler, die zum Vorbeischießen führen: verdrehte das Gewehr, klemmte das Korn oder »muckte«, das heißt sie schloß im Moment des Abdrückens die Augen, statt klar und scharf durch das Feuer zu sehen, wo die losgelassene Kugel geblieben war. Aber auch diese Fehler schien sie sich abgewöhnt zu haben – am heutigen Abend hatte sie es bewiesen – und da hatte er einen Augenblick lang daran geglaubt, daß sie wirklich nur die reine Passion zum edlen Weidwerke geführt hätte, bis ihm durch ihren unbedachten Ausruf klar geworden war, daß, wie so oft bei sonst rätselhaften Entschlüssen und Handlungen junger Mädchen, auch hier wieder einmal ein »Er« dahinter steckte, ohne den man im gewohnten Geleise geblieben wäre! Und als ein erfahrener Weidmann, dem ein geknickter Zweig oder ein flüchtiger Eindruck im weichen Wiesenboden ganze Geschichten erzählten, fing er an zu spüren, wer wohl dieser »Er« sein mochte, der von seiner jungen Herrin so vollständig Besitz genommen hatte, daß sie an ihn zuallererst hatte denken müssen, als sie ihre erste ordentliche Weidmannsfreude erlebte. Und wie man bei einer »Neuen« ein Stück Schwarzwild festmacht, kreiste er in Gedanken all die jungen Männer ein, mit denen seine Herrin zusammengekommen war, seit sie den Entschluß gefaßt hatte, eine Jägerin zu werden, aber danach fand er keinen, dem er eine solche Eroberung zugetraut hätte.

Über den langen Hans Heinrich von Mechow auf Mechowen, der jeden Nachmittag fast, den der liebe Gott werden ließ, zu einer schweigsamen Tasse Kaffee herübergeritten kam, lachte sie, machte ihm nach, wie er jedesmal erst die groben Fingergelenke knacken ließ, ehe er eins seiner spärlichen Worte herausbrachte, den langhaarigen Maler aus Königsberg, der die Edelfohlen in der Jährlingskoppel abzeichnete, behandelte sie mit einer gleichmäßigen ruhigen Freundlichkeit, und den geschniegelten Hauslehrer der jüngsten Wisotzkischen Rangen, der ihr zuweilen seine selbstgemachten Gedichte vorlas, hatte sie erst kürzlich einen gezierten Gecken genannt; der junge Prediger aber aus dem Kirchdorfe Ostrokollen, das zum Adlig-Groß-Lipinsker Patronate gehörte, und sonst ein recht stattlicher junger Mann mit einem handfesten Schmiß in der Backe, kam auch nicht in Betracht, denn er war, wie die meisten Männer Gottes, natürlich schon aus seiner Studentenzeit her verlobt. Und wenn er auch mehr um seine junge Patronin herum war, als es seine seelsorgerischen Pflichten just erfordert hätten, so lag dies wohl nur daran, daß sie bei seiner endgültigen Bestallung zum Pfarrherrn das entscheidende Wort zu sprechen hatte. Vorausgesetzt natürlich, daß sie ihren Prozeß mit dem Adlig-Klein-Lipinsker auch in letzter Instanz gewann, denn die Entscheidung des Kammergerichtes, ob Adlig-Groß-Lipinsken als ein Kunkellehen anzusehen wäre, stand noch immer aus ...

Also diese vier schieden schon nach kurzem Überschlag aus dem Kreis der Verdächtigen aus, damit war aber seine Kunst eigentlich zu Ende, denn mit andern jungen Leuten war die Baroneß seines Wissens in der kritischen Zeit nicht zusammengetroffen. Höchstens nur noch mit den beiden Wirtschaftsvolontären des Verwalters Wisotzki, die Sonntags an der Schloßtafel speisten, aber an die zu denken war lächerlich, denn sie taten den Mund nicht auf, außer sie wurden gefragt, und wenn die Baroneß vom andern Ende der Tafel einmal zufällig zu ihnen hinübersah, verschluckten sie sich fast vor Verlegenheit, weil sie nämlich immer Angst hatten, einer von ihnen hätte wieder einmal einen gröblichen Verstoß in der Handhabung von Messer und Gabel begangen.

Aber wenn von allen denen keiner dieser »Er« war, wer dann nur, wer? ... Und der alte Herr strengte seinen Kopf an, daß ihm vor lauter Nachdenken die hellen Schweißperlen auf die Stirn traten. Und mit einem Male lachte er auf, so daß seine junge Herrin sich ganz verwundert nach ihm umsah: Vom andern Ende mußte man bei dieser Spürarbeit anfangen, mal diejenigen jungen Herren einkreisen, mit denen seine Baroneß persönlich nicht zusammenkam, und da glaubte er schon beim ersten flüchtigen Anschlagen gleich den Richtigen erwischt zu haben, fragte sich nur, ob er ihn beim genaueren Spüren auch wirklich bestätigte! Daran aber wollte er sich sofort begeben, denn aus rein egoistischen Gründen schon konnte es ihm nicht gleichgültig sein, wer einmal als Gatte der Baroneß sein Herr wurde, ganz abgesehen davon, daß er sie mit einer bei allem Respekte schier väterlichen Zuneigung umfing und ihr in allen Stücken die unerschütterliche Treue zu erweisen gedachte, die er schon ihren Vorfahren gehalten hatte ... Also, nachdem er sich den Plan in kurzem zurechtgelegt hatte, nach dem er das arglos neben ihm schnürende Füchslein zu fangen gedachte, blieb er stehen und blickte nach dem vollen Mond empor: »Ja, was ich nämlich sagen wollte, gnädigste Baroneß, es wird bald Zeit, daß wir wieder zu buddeln anfangen. In acht Tagen haben wir das letzte Viertel, und, wenn dann Mond und Morgenstern in einer Linie gerade über dem Ostrokoller Kirchturm stehen, dann ist es Zeit. Die andre Richtungslinie ist ja leider Gottes verloren gegangen, von der alten Torfscheune am Bruchrand sind nicht einmal mehr die Fundamente vorhanden, und von den drei Linden an der Klein-Lipinsker Ecke steht nur noch ein einziger morscher Stumpf, ich aber meine immer, auch so müßte der alte Kasten sich wiederfinden lassen. Nur, natürlich, eine sogenannte Zufallsbuddelei hätte keinen Zweck, sondern systematisch müßte man vorgehen, bei der richtigen Himmelskonstellation die eine Richtungslinie ordentlich festlegen und dann durch die ganze Wiese einen tiefen Graben ziehen. Das Geld wär' nicht verloren, denn man könnte mit dem Graben ja eine Drainageanlage verbinden und, wenn auch der Herr Wisotzki immer dagegen redet, ich sage, wir würden zum mindesten hundertundfünfzig Fuder Heu mehr ernten als jetzt. Wenn sich aber bei dieser Arbeit das bewußte Dokument finden sollte – und ich sage, es findet sich, denn der alte Verbrecher, der Gärtner Tyrol, hat mir doch auf dem Sterbebett die ganze Geschichte eingestanden – also dann wäre doch kein Gold der Welt dafür zu teuer! Die Baroneß mit dem gnädigen Fräulein Schwester brauchten nicht in der Angst zu schweben, hier eines schönen Tages womöglich doch noch 'rausgesetzt zu werden, denn wie diese Herren in Berlin entscheiden werden – also nichts Genaues weiß man nicht. Allenberg und Königsberg, das ließ ich mir gefallen, denn da waren womöglich noch Bekannte von Ihrem Herrn Großvater selig darunter, denen er es vielleicht erzählt hatte, daß nämlich sein Herr Vater wiederum mit Zustimmung der in Betracht kommenden Instanzen das Majorat in ein Kunkellehen umgewandelt hätte. Wenn aber ein Gericht so weit weg ist, wie dieses Kammergericht, dann trau' ich dem Frieden nicht recht! Wie wenn dieses Gericht nun herkommt und dreht den Spieß um? Nicht du, Herr von Linde auf Klein-Lipinsken, führ den Nachweis, daß deine klägerische Behauptung wahr ist, sondern du ... pardon, natürlich, ich wollte sagen, Sie, gnädigste Baroneß, als die Beklagte, produzieren Sie einmal das bewußte Dokument! Na, und dann stehen wir da mit unsern Talenten. Das Original ist angeblich mit verbrannt, als nämlich im Jahre neunundsechzig das Allenberger Landgericht abbrannte, aber kein Mensch kann mehr beschwören, es wirklich gesehen zu haben, und das Duplikat soll in einer eichenen Lade liegen, die der Gärtner Tyrol mit seinem Helfershelfer, dem Hufschmied Martschinowski, in den Lipinsker Wiesen eingebuddelt hat. Auch nur ›soll‹, denn die Dokumente, in die die beiden Spitzbuben das Silberzeug einwickelten, damit es in dem eichenen Kasten nicht klappern sollte, hatten sie natürlich nicht gelesen. Und beim Auswickeln, als sie nach Jahr und Tag daran gingen, die gestohlenen Kostbarkeiten nach Polen über die Grenze zu schaffen, erst recht nicht, alles was der alte Tyrol wußte, war nur, daß eins dieser Schriftstücke auf einem Papier gestanden hätte, wie Schweinsleder so dick und mit einem handgroßen Siegel daran. Damals nämlich wären sie beinahe mitten in der schönsten Arbeit überrascht worden, hatten gerade die Rasenstücke wieder über die Grube gedeckt, als am Waldrande, hoch zu Pferd, der Herr Verwalter Wisotzki auftauchte... Kaum daß sie gerieten, sich platt auf den Bauch zu werfen, und wenn der Herr Verwalter, statt 'nem großen Mundwerk, bessere Augen gehabt hätte, hätte er die beiden Kerle spitz kriegen müssen, denn er ritt keine dreihundert Schritt weit an ihnen vorüber. Die aber noch in derselben Nacht mit dem Silberzeug, heidi, über die Grenze. Hundert Taler nur haben sie dafür gekriegt, zehnmal so viel Tage und Nächte aber hat das Gewissen an ihnen gefressen, denn der Hufschmied Martschinowski wanderte nach Amerika aus, und der Gärtner Tyrol ging herum, wie sein eigener Schatten. Und wie ich – jetzt sind's gerade drei Jahre her, und Baroneß waren damals noch in der englischen Pension – also wie ich an seinem Haus vorbeigeh', sitzt er auf seiner Gartenbank und läßt sich die Sonne auf den Magen scheinen. Das heißt, so dachte ich, als ich ihn von weitem sah, in Wirklichkeit konnte er sich nicht rühren, denn der Tod hatte ihn beim Mistbeetjäten überfallen, und die Nase stand ihm schon ganz spitz im Gesicht ...

»›Tyrol,‹ sage ich, ›Menschenskind, mit Ihnen ist Matthäi am letzten, und wenn ich noch ein Paar richtig gehende Augen im Kopf hab', hat Sie der Deuwel schon am Schlafittchen!‹

»›Ja,‹ stöhnt er, ›Ahrens, es geht aufs Ende, nur ich kann noch nicht sterben, erst muß ich etwas von mir geben, wegen dem Papier nämlich, das jetzt auf einmal gesucht wird!‹« ...

Elsbeth von Linde, die der alten, wohl ein paar dutzendmal schon erzählten Geschichte nur mit halbem Ohr zugehört hatte, hob die Hand.

»Ach, Ahrens, das weiß ich ja schon alles! Und damit kommen wir ja nicht einen einzigen Schritt weiter!«

Im Prozeß vielleicht nicht, dachte der Alte, aber wenn ich dich, Füchslein, richtig einkreisen will, darfst du doch gar keine Ahnung haben, wo der Schlitten mit dem Jäger, der fern am Wiesenrand auftaucht, um nachher immer enger in der Runde zu fahren, eigentlich hin will ... Und laut fügte er hinzu: »Na ja, gnädigste Baroneß, stimmt und ist richtig. Aber ich meine, wenn man die alten Geschichten wieder mal so gründlich durchspricht, kommt man vielleicht auf ganz neue Gedanken! Also, wie ich nun zu dem Gärtner Tyrol sage: ›Mensch, Sie wissen was von diesem unglückseligen Papier und geben jetzt erst Hals, wo Ihnen schon, sozusagen, die Puste ausgeht ...‹«

Die Baroneß unterbrach ihn schon wieder. Sie griff ihm über den Arm und deutete mit der Rechten in die Wiese hinaus, wo vor einem durchsichtigen Weidengebüsch zwei Rehe standen, den Kopf hoch aufgeworfen, den Körper aber scharf angezogen, um im nächsten Augenblick in jäher Flucht davonzubrechen...

»Da, Ahrens, und schreien Sie doch nicht so, da steht ja der Lipinsker Grenzbock, den wir im vergangenen Jahr nicht gekriegt haben, und sehen Sie nur, wie hoch er schon jetzt ›geschoben‹ hat. Das Gehörn im Bast steht ihm ja schon eine Spanne lang über die Lauscher hinaus!«

»Auch das stimmt und ist richtig, gnädigste Baroneß, der bravste Bock, der auf zehn Meilen in der Runde auf seinen Schalen geht, und vielleicht kriegen wir ihn im kommenden Mai, vielleicht auch nicht. Wahrscheinlicherweise aber das letztere, denn acht Jahre kenn' ich ihn nun schon, war vielleicht schon hundertmal auf ihn aus, aber jedesmal stand er auf der andern Seite der Grenze. Dem Klein-Lipinsker Herrn ging's ebenso, und – weiß Gott – manchmal kam ich auf den Verdacht, die unvernünftige Kreatur wüßte was von dem Prozeß und machte sich die Feindschaft zwischen den beiden Nachbargütern zu nutze. Das aber wiederum brachte mich auf die Idee, ob man nicht wenigstens in Jagdsachen zu einer Verständigung kommen könnte, unbeschadet natürlich aller sonstigen Feindschaft«... Der alte Herr hielt einen Augenblick lang inne, ob das Füchslein nicht vielleicht schon diesen ersten, gewissermaßen zufällig ausgestreuten Brocken annehmen würde, aber nichts dergleichen geschah. Die Baronesse ging gelassen weiter, schien sich für die ganze Frage schon gar nicht mehr zu interessieren, denn als der Bock mit der Ricke jetzt in hohen Fluchten absprang, wandte sie kaum den Kopf danach. Also erhob er seine Stimme, um ihre Gedanken, die anscheinend in irgendwelchen entlegenen Gründen spazieren gingen, zur Wirklichkeit zurückzurufen, denn ein zerstreut daherbummelndes Füchslein war natürlich nicht anzukirren... »Ja, und da meine ich, ob wir nicht so etwas wie gegenseitige Jagdfolge vereinbaren könnten, das heißt nämlich, wenn man ein Stück Wild krank geschossen hat, und es bricht erst jenseits der Grenze zusammen, daß man es da ruhig holen kann, ohne erst vorher einen großen Schreibebrief nach Klein-Lipinsken schicken zu müssen, oder umgekehrt. Aber der jetzige Zustand, wo das arme Wildbret einfach verkommt oder vom Raubzeug zerrissen wird, weil Adlig-Groß-Lipinsken und dito Klein-Lipinsken nur im Gerichtswege miteinander verkehren – also, gnädigste Baroneß werden mir zugeben – da muß sich einem gerechten Weidmann doch das Herz im Leibe umdrehen!«

Das Mittel hatte geholfen, das Füchslein fing an, aufzumerken.

»Hat Ihnen Herr von Linde etwa einen Auftrag gegeben, mir einen solchen Vorschlag zu unterbreiten?«

»Nein, gnädigste Baroneß, ich bin ganz von selbst darauf gekommen, als Sie nämlich von dem Grenzbock anfingen!«

»Und haben Sie sonst irgend einen Anhaltspunkt, daß Herr von Linde auf Adlig-Klein-Lipinsken ein solches Abkommen wünscht?«

»Auch nicht, gnädigste Baroneß. Ich weiß nur, daß er ein ganz weidgerechter Jäger ist, ein Jäger nach dem Herzen Gottes« – bei diesen Worten sah der Alte seine junge Herrin scharf von der Seite an, aber keine Regung in ihrem, von der kalten Luft geröteten Gesichte zeigte an, daß dieses zweimal unterstrichene Lob ihres Gegners irgendwelchen Eindruck auf sie machte – »na ja, und da dachte ich mir eben, ihm dürfte der gegenwärtige Zustand auch nicht angenehm sein. Genaues aber weiß ich natürlich nicht, denn ich komm' ja mit keiner Menschenseele aus Klein-Lipinsken zusammen!«

»Also dann brauchen wir uns über diese Frage ja auch nicht weiter den Kopf zu zerbrechen!« ...

Hm, dachte der Alte, auf dem Weg geht's nicht! Gerade von dem Loblied, das er auf die jägerischen Qualitäten des Klein-Lipinskers sang, hatte er sich etwas versprochen, denn daß zwischen diesem und der Jagdpassion seiner jungen Herrin irgend ein geheimnisvoller Zusammenhang bestehen mußte, stand für ihn fest, wenn die Baroneß auch nicht, wie er eigentlich erwartete, bei dem Loblied mit den Achseln gezuckt hatte: »Der und ein weidgerechter Jäger?« ...

Aber noch war der Abend ja nicht zu Ende, und den Köder, von dem er sich erst die richtige Wirkung erhoffte, hatte er noch nicht ausgelegt! Also nahm er seine unterbrochene Geschichte wieder auf, schilderte mit allen Einzelheiten das Geständnis des Gärtners Tyrol, und wie er eben nur noch geraten hätte, ihm die beiden Richtungslinien abzufragen, als mit einem Male der Tod seine Hand aufhob und dem reuigen Sünder den Mund verschloß. »Gerade will ich sagen: Tyrol, und wenn ich Sie nun jetzt auf einen Wagen laden und nach den Wiesen 'rausfahren würde, möchten Sie sich da zutrauen, den Platz wiederzufinden, wo Sie mit dem Martschinowski den Kasten vergraben haben? ... Da streckt er sich nur so ganz lang auf der Gartenbank aus, der Kopf fällt ihm auf die Brust, hinüber war er. Und ein paar Tage vorher hatte ich noch den schlechten Witz gemacht, der alte Tyrol könnt' überhaupt nicht sterben, weil ihm nämlich die große Nase so weit über den Mund hing. Da meinte ich, seine Seele hätt' keinen Ausweg, müßte aus dem Mund durch die Nase wieder in den Leib zurück. Und nun war er wirklich tot, kein Schütteln und Anschreien half, hatte das wichtigste Teil von seinem Geheimnis mit ins Grab genommen! ... Also frage ich mich manchmal, warum hat ihn der liebe Gott, der doch mit den Menschen immer nur das Beste vor hat, damals nicht noch ein bißchen länger leben lassen, bis er mir wenigstens die Stelle auf der Wiese gezeigt hatte? Auf die paar Stunden wär' es doch wahrhaftig nicht angekommen! Dann aber wären Baroneß aller Sorgen ledig gewesen, und Menschen, die sich auf dieser Welt doch eigentlich die nächsten sein sollten, könnten in Frieden miteinander leben, statt sich ...«

Jetzt sprang das Füchslein auf den Brocken ein, die Baroneß blieb stehen und hob die Hand.

»Halt, Ahrens, und kein Wort mehr weiter! Hab' ich den Prozeß angefangen oder er?«

»Er natürlich, gnädigste Baroneß, der Herr Baron von Linde auf Adlig-Klein-Lipinsken, aber ...«

»Kein Aber, bitt' ich mir aus,« und etwas weniger schroff fügte sie hinzu: »denn mir scheint nämlich, Sie und Tante Lieschen stehen im Komplott, sie liegt mir auch mit allerhand Versöhnungspredigten in den Ohren. Daran aber, daß er den ganzen Prozeß sozusagen nur aus Prinzip angefangen hätte, um im obsiegenden Falle auf das Streitobjekt großmütig zu verzichten, wie Tante Lieschen in einem akuten Anfalle ihrer himmelblauen Romantik neulich meinte, also daran glaub' ich nicht, dafür hab' ich nur ein Lächeln! Wie Sie aber, Ahrens, als ein sonst so verständiger Mann, in dasselbe Horn blasen können, ist mir einfach unbegreiflich! Adalbert von Linde auf Adlig-Klein-Lipinsken, darin liegt doch der ganze Prozeß, mein Recht und überhaupt alles!« ... Und als sie sah, daß der Alte anscheinend nicht recht verstanden hatte, gab sie zu den letzten, etwas rätselhaften Worten eine Erläuterung. »Na ja, denken Sie doch bloß ein bißchen nach. Sein Urgroßvater und der meinige waren Brüder, und Adlig-Groß-Lipinsken und Klein-Lipinsken ein einziges Majorat. Mein Urgroßvater, als der ältere Bruder und Inhaber des Majorats, hatte wohl drei Töchter, aber noch immer keinen männlichen Erben. Also da ging er her und schlug seinem jüngeren Bruder ein Abkommen vor: Komm her, willig ein, daß ich aus dem Majorat ein Kunkellehen machen darf, ich aber werde dir und deinen Nachkommen sechstausend Morgen für ewige Zeiten abtreten. Wenn du nicht willst, soll es mir auch recht sein, denn noch klappert ja der Storch auf dem Lipinsker Scheunendach, kann mir immer noch einen Jungen bringen! Na, und der jüngere Bruder überlegte sich den Fall, schlug ein, und das feierliche Abkommen wurde geschlossen, zu seinem Glück, denn im Jahr darauf wurde mein Großvater geboren. Und jetzt denken Sie noch ein Endchen weiter: Auch die Urkunde über diesen Akt der Abtretung, in der doch sicherlich die Gründe angeführt waren, ist spurlos verschwunden, war trotz sorgfältigster Durchsuchung in dem Klein-Lipinsker Archiv nicht zu finden. Nicht zu finden, obwohl es dort weder gebrannt hatte, noch ein Diebstahl vorgekommen war! Und da sage ich Ihnen« – die Baronesse streifte mit einem kurzen Ruck die Lodenkapuze zurück und ihre Augen sprühten ordentlich – »es war vielleicht sein Glück, daß dieser Gärtner Tyrol nicht noch ein paar Stunden länger gelebt hat. Wer weiß, was er in der Todesangst noch alles verraten hätte!«

»Gnädigste Baroneß, um Gottes willen!«

»Na was denn, Ahrens? Und seit wann so zimperlich? Er schilt mich in allen Prozeßschriften eine Lügnerin, die sich ein erlogenes Recht anmaßt, und eine Diebin, die ihn um sein zukommendes Erbe bestiehlt, und da soll ich vielleicht ängstlich verstecken, was ich über ihn denke? Wer so habsüchtig ist, daß er sich mit sechstausend Morgen Wald, Wiesen und Weizenboden nicht zufrieden gibt, dem ist ja wohl noch Schlimmeres zuzutrauen! Und jetzt Schluß, ein für allemal. Ihnen sage ich es heute, morgen werde ich es aber durch Herrn Wisotzki allen denen, die es im Schlosse angeht, als meinen ausdrücklichen Befehl ankündigen lassen, daß in meiner Gegenwart von jetzt an über diesen Klein-Lipinsker Herrn nicht mehr gesprochen wird. Das Kammergericht wird entscheiden, wer von uns recht hat, er oder ich, bis dahin aber: basta!«

Sie führte mit dem leichten Jagdstock einen pfeifenden Hieb durch die Luft, als wollte sie jede Einrede von vornherein abschneiden, der Alte aber schwieg bekümmert, denn sein so schlau angelegter Plan hatte just das Gegenteil von dem gezeitigt, was er sich erwartet hatte.

An dem Verbot, über den Klein-Lipinsker Herrn in Zukunft nicht mehr zu sprechen, hätte er sich weiter nicht gestoßen, aber daß die Baroneß ihrem Prozeßgegner so schlimme Sachen zutraute, zerstörte ihm das ganze Konzept. Und er hatte nur die Mühe, sich weiter den Kopf darüber zu zerbrechen, wer nun eigentlich dieser rätselhafte »Er« sein mochte. Wen ein junges Mädchen »habsüchtig« schalt, den konnte es wohl hassen, aber dieser Haß konnte niemals in Liebe umschlagen, sondern immer nur in Verachtung... Und jammerschade war es eigentlich um all die Luftschlösser, die er in seiner leichtbeweglichen Phantasie auf dem ersten, plötzlichen Einfall aufgebaut hatte. Der Prozeß wär' mit einem Schlage zu Ende gewesen, die beiden Güter mit ihren achtzehntausend Morgen wieder vereinigt, er auf seine alten Tage noch als Oberförster über dem Ganzen, sein Todfeind, der Verwalter Wisotzki, natürlich zum Teufel gejagt, und überhaupt, wenn er seine junge Herrin so ansah, wie sie in Kraft, Selbstbewußtsein und Jugendherrlichkeit neben ihm herschritt – alles federte nur so an ihr, wie bei einem Edelfohlen, das vor lauter stolzem Blut nicht wohin wußte mit all der übermütigen Kraft – also dann konnte er sich keinen andern neben ihr denken, als den Klein-Lipinsker Herrn!... Bei der Frühjahrskontrollversammlung in Allenberg hatte er ihn zum letztenmal gesehen – wie er da in seiner Kürassieruniform auf dem Markte stand, den langen Hans Heinrich von Mechow noch gut um einen halben Kopf überragend, und dabei nichts Hochmütiges in dem freundlichen Gesicht. ... »Grüß Gott, Ahrens,« rief er über den weiten Platz und winkte mit der Hand, als er im Schlitten an dem aufgestellten Landwehrbataillon vorbeifuhr, und »was machen dies Jahr bei euch die Böcke?« ... Ganz, als wenn es gar keinen Prozeß, noch Erbschaftsstreit gegeben hätte, bei dem Meinung gegen Meinung und Aussage hart gegen Aussage standen ... Wenn er als der Groß-Lipinsker Gutsförster der Wahrheit gemäß für seine junge Herrin aussagte und offenkundig seinen ganzen Eifer daran setzte, das verschwundene Dokument wieder herbeizuschaffen, trug's ihm der Herr der Gegenpartei so wenig nach, daß er ihm vor allen Leuten die Ehre antat, zuerst zu grüßen! ... Und solch ein leutseliger, freundlicher Herr, dem die Wahrhaftigkeit sozusagen auf der Stirn geschrieben stand, sollte sich aus schnöder Habsucht mit Dieben und Einbrechern gemein machen? Mit treulosen Knechten, die nächtlicherweile die Silberkammer ihrer Herrschaft aufsperrten, weil der Hufschmied, wie das so auf dem Lande zu gehen pflegt, das in Unordnung geratene Schloß repariert und sich bei dieser Gelegenheit, von den alten Kostbarkeiten verblendet, einen zweiten Schlüssel zurechtgefeilt hatte? Nein vielmehr, der führte den Prozeß wirklich nur des Prinzipes halber und weil hinter ihm noch ein ganzes Dutzend von Vettern stand, das ihn drängte, lauter hungrige kleine Leutnants in allerhand Infanterieregimentern, die sich alle sagten: Laß ihn doch prozessieren! Wer weiß, vielleicht hab' ich das Glück, daß mir alle näher Erbberechtigten fortsterben – zerdrücke ein Tränlein im Auge – und ich bin an der Reihe! Auf dem Klein-Lipinsker aber, als dem Karnickel, das da angefangen hat, bleibt der ganze Groll sitzen?!

So sinnierte der Alte, und als er an den Schluß seiner Gedankenreihe gelangt war, seufzte er tief auf. Haß war zu tilgen, wenn man aber dem andern Habsucht, Schlechtigkeit und Ehrlosigkeit zutraute, da hinüber führte keine Brücke! ...

Seine junge Herrin aber – sie waren mittlerweile von der offenen Wiese her in den Hochwald gekommen, und ab und zu nur glänzte durch die dicht verschlungenen Wipfel ein heller Mondstrahl auf den leicht verschneiten Weg – deutete den tiefen Seufzer anders; als den Ausdruck ungerechtfertigter Kränkung, die sie ihrem Getreuesten angetan hatte, durch den schroffen Ton, in dem sie auf seine, sicherlich doch nur gut gemeinten Vorschläge erwidert hatte. Und ihr gütiges Herz trieb sie an, den unfreundlichen Eindruck wieder gut zu machen, die vermeintliche Verstimmung zu beseitigen, kaum daß sie erst Wurzel gefaßt hatte ...

»Na ja, Alter, bei meinem Befehl bleibt es natürlich, aber Sie wollte ich damit nicht kränken, mein Zorn geht vielmehr auf die andern. Die sitzen jetzt zu Haus um den Teetisch herum, die beiden Tanten an der Spitze, und von wem tralatschen und sprechen sie? Von dem bösen Vetter auf Adlig-Klein-Lipinsken!! Was er zu dem gesagt hätte und zu dem, wo er gestern zu Besuch gewesen wär' und wo vorgestern – ein ganzes Heer von freiwilligen Berichterstattern müssen die beiden lieben Tanten mobil gemacht haben, sonst wären ihre Wissenschaften unerklärlich – und so geht es, ohne abzureißen, den ganzen geschlagenen Tag! Überall im Hause schwirrt sein Name, beim Frühstück, beim Mittag- und Abendessen werden seine Äußerungen, Ansichten und Angelegenheiten groß und breit erörtert, fehlt nur noch, daß er höchstpersönlich zur Tür hereinkommt, um sich auch in Wirklichkeit auf den allerobersten Platz zu setzen, den er in den Gedanken und Gesprächen meiner Tischgenossen längst schon einnimmt! Ich aber sage mir: Schließlich lebe ich doch mein Leben, nicht aber das des Klein-Lipinskers. Wenn wir alle Vierteljahr mal durch das Gericht voneinander hören, ist es gerade genug! ... Schon der bloße Name macht mich nervös, und wenn jemand in meiner Gegenwart das Wort ›klein‹ ausspricht, fange ich an krabbelig zu werden, denn ich muß sofort ›Lipinsker‹ hinzudenken. Darum also der Ukas, den ich morgen erlassen werde, ich will endlich einmal meine Ruhe haben!«

»Zu Befehl, gnädigste Baroneß,« sagte der Alte und hob die Hand an den Mützenschirm, »über mich werden Sie in dieser Hinsicht nicht zu klagen haben. Nur für jetzt möchte ich gehorsamst gebeten haben, mir noch eine einzige kleine Ausnahme gestatten zu wollen!« Er sah fragend zu seiner Begleiterin hinüber, denn während sie ihre lange Rede hielt, war ihm plötzlich der Gedanke gekommen, noch eine allerletzte Probe auf das Exempel von vorhin zu versuchen; irgend etwas nämlich in dem Ton ihrer Stimme, das seinem scharfen Ohr wie Übertreibung klang, hatte ihn stutzig gemacht, ließ ihn an dem ersten, so betrüblichen Ergebnis seiner Spürarbeit wieder irre werden. Diesmal aber konnte es nicht fehlschlagen, denn er gedachte als Fangbrocken eine gar gröbliche Lüge auszuwerfen, die er im Augenblicke arglistig ersonnen hatte. An der Art, wie sie aufgenommen wurde, wollte er dann ganz genau erkennen, wie seine junge Herrin in Wirklichkeit gegen ihren Prozeßgegner gesonnen war ...

Die Baroneß zuckte mit einem leichten Seufzer die Achseln.

»Na, denn schon vorwärts, Ahrens, sonst drückt's Ihnen am End' noch das Herz ab!«

Der Alte strich sich den Bart, und seine unter buschigen Brauen versteckten Äuglein funkelten ordentlich vor listiger Erwartung.

»Ja, da könnten Baroneß schon recht haben, denn es ist nämlich eine ganz riesig interessante Neuigkeit!«

Das Füchslein schnürte näher.

»Eine Neuigkeit, Ahrens? Eine wirkliche Neuigkeit?«

»Ja, gnädigste Baroneß, und ich hab' sie auch erst heute früh gehört. Also, man erzählt sich, der Klein-Lipinsker Herr würd' sich demnächst verloben!« ... Bems, da lag der Brocken. Wenn jetzt die Frage kam: »Mit wem?« dann war das Eisen zugeschnappt, und das Füchslein saß fest, konnte hinterher alles mögliche erzählen, verbieten und befehlen, er wußte Bescheid.

Aber es gab eine gewaltige Enttäuschung, die erwartete Frage kam nicht. Die Baroneß sah nur einen Augenblick lang so ein bißchen versonnen vor sich hin, dann lachte sie laut auf: »Wird sich demnächst verloben?« ... Und mit einem, anscheinend aus tiefstem Herzensgrund kommenden Erleichterungsseufzer fügte sie hinzu: »Gott sei Dank! Und was wird Tante Lieschen für eine ›Freude‹ haben, wenn Sie ihr das erzählen. Aber sofort, bitt' ich mir aus, wenn wir nach Hause kommen!«

»Zu Befehl,« sagte der Alte, »und sehr gerne natürlich, gnädigste Baroneß,« machte aber ein Gesicht dazu, als wenn ihn jemand genötigt hätte, ein Glas Grog ohne Rum zu trinken. Da hatte er sich ja etwas Schönes angerichtet mit diesem so fein angelegten letzten Versuch, die wahre Herzensmeinung seiner jungen Herrin zu ergründen! Und schon jetzt trat ihm der Angstschweiß aus allen Poren, wenn er an das Kreuzverhör dachte, das mit ihm in einer knappen halben Stunde angestellt wurde. Tante Lieschen, die an der Spitze der »Versöhnungspartei« stand, während Tante Amalie für den Krieg bis aufs Messer war und im stillen für eine Verheiratung ihrer Nichte mit dem Mechower Hans Heimich agitierte, die ließ nicht locker und setzte ihm mit so viel Fragen zu, daß es eigentlich am geratensten gewesen wäre, seiner jungen Herrin jetzt gleich, so lange es noch Zeit war, ein offenes Geständnis abzulegen, zu sagen, er hätte – weiß Gott, nicht in schlechter Absicht – nur eine kleine Schnurre erzählt! Aber das ging leider nicht an, das hätte ja seine ganze Reputation untergraben, ihm womöglich einen scharfen und nur zu gut verdienten Verweis eingetragen. Also mußte er schon wohl oder übel daran gehen, sich für das zu erwartende Verhör zu präparieren, etliche Details zu seiner ursprünglichen Lüge zu ersinnen, vor allem aber als Urheber und Gewährsmann des angeblichen Gerüchtes über die bevorstehende Verlobung des Klein-Lipinsker Herrn eine Persönlichkeit erfinden, mit der Tante Lieschen selbst beim besten Willen nicht zusammenkommen konnte; denn das über die Maßen resolute alte Freifräulein hätte es fertig bekommen, sich womöglich noch am selben Abend in den Wagen zu setzen, um diesem Gerüchte, das ihr sicherlich allerhand stille Lieblingspläne kreuzte, an der Quelle selbst auf den Grund zu gehen. Aus den Äußerungen seiner jungen Herrin war ja ziemlich deutlich zu entnehmen gewesen, worin wohl das letzte Ziel von Tante Lieschens Versöhnungspolitik bestehen mochte ... Und bei dieser anstrengenden Gedankenarbeit vergaß er ganz, wie eifrig er am Werke war, dieser doch von ihm selbst nicht minder herzlich gewünschten Versöhnung der streitenden Parteien einen ganz unnützen und hinderlichen Knüppel in den Weg zu werfen! ... Elsbeth von Linde aber zog in hellem Zorn die Augenbrauen zusammen, denn soeben hatte sie in ihren Gedanken sich schon wieder auf der Frage ertappt, die der alte Ahrens erwartet und die sie, kaum ein paar Minuten war es her, nur mit dem Aufgebot ihrer ganzen Willenskraft unterdrückt hatte! Was ging sie denn jetzt noch an, ob der Klein-Lipinsker Vetter sich verloben wollte, und was kümmerte es sie, wie seine Auserkorene wohl heißen und aussehen mochte? Die Zeiten der törichten Kinderträume waren doch vorbei, die Zeiten, in denen ein halbwüchsiges Pensionsmädel die verblaßte Photographie eines preußischen Kürassierleutnants in der Rocktasche trug, um sie in jeder unbeobachteten Minute hervorzuholen und heimlich zu küssen, bis von dem ganzen Bild nur noch der vielfach eingeknickte Pappkarton übrig geblieben war? ... Die Zeiten, in denen sie sich eingebildet hatte, sie brauchte dem Vetter nur von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu treten, um den häßlichen Streit, den er nach dem jähen Tode ihres Vaters begonnen hatte, mit einem kurzen Wort aus der Welt zu schaffen? ... Von dieser Einbildung hatte er selbst sie doch so gründlich kuriert, daß an die Stelle der schwärmerischen Liebe Zorn und Haß getreten waren, zugleich aber auch der brennende Wunsch, ihn überall, wo es nur anging, ihren Haß fühlen zu lassen, bis allmählich auch dieses Gefühl sich gewandelt hatte. In Gleichgültigkeit, gemischt mit jener kühlen Verachtung, wie sie einem mit so unlauteren Mitteln kämpfenden Gegner zukam! Also was war denn nur heute auf einmal in sie gefahren, daß sie ihre Gedanken nicht von ihm losreißen konnte? ... Mit dem glücklichen Schuß auf den Gabelweih hatte es angefangen, ganz als wenn sie noch in dem Beginn ihrer Jägerlaufbahn steckte und bei jedem Jagdgange den Verhaßten zu ärgern gedachte, und weitergegangen mit dieser törichten Verlobungsgeschichte, auch als wenn es niemals jenen verhängnisvollen Abend gegeben hätte, an dem sie – nicht viel hätte es gefehlt – im Lipinsker See immer weiter nach der Tiefe zugehen wollte, um all ihr Herzeleid in seinen stillen Wassern zu versenken! ... Ihr Stolz schon mußte es ihr verbieten, sich um diejenige zu kümmern, die jetzt den Platz in seinem Herzen einnahm, von dem sie in längstvergangenen Kindertagen geträumt hatte, aber so sehr sie sich auch zwingen mochte, ihren Gedanken eine andre Richtung zu geben, immer wieder kehrten die ungehorsamen Gesellen auf das verbotene Gebiet zurück! Da überfiel sie ein gewaltiger Ärger über sich selbst, zugleich aber auch – bei ihrer gewohnten Aufrichtigkeit mußte sie es sich eingestehen – über den alten Ahrens, der gegen alle sonstige Gepflogenheit einen ihrer Befehle ganz streng befolgte! Als es um die alten, schon dutzendmal gehörten Geschichten ging, hatte er kein Aufhören gefunden, jetzt aber, wo er wirklich etwas Interessantes zu erzählen gehabt hätte, wurde er mit einem Male stumm wie ein Karpfen! Sie aber konnte doch nicht hergehen und ihn anstoßen: »Die Hauptsache, Alter, sind Sie mir noch schuldig geblieben, wie heißt sie und wie sieht sie aus? ...«

So gingen sie schweigend nebeneinander her, ein jedes mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, und tiefes Schweigen ringsum in dem regungslos stehenden Hochwald, nur der gefrorene Schnee knirschte leise unter ihren Füßen ... Elsbeth von Linde aber tröstete sich mit dem Gedanken, daß sie in einer knappen halben Stunde auf dem Umwege über Tante Lieschen ja doch alles Wissenswerte erfahren würde, dabei aber den großen Vorteil hatte, nach inzwischen erfolgter innerlicher Sammlung die näheren Einzelheiten mit aller, durch die Umstände gebotenen und erforderlichen eisigen Kälte entgegenzunehmen. Und da es danach ja doch unwiderruflich und für alle Zeiten aus war und aus sein mußte mit allem, was sie einst gehofft und geträumt hatte, ließ sie noch einmal, gewissermaßen zum Abschied, ihren Gedanken frei die Zügel schießen, fing ein Träumen an wie damals, als sie noch – lang, lang war es her – die verblaßte Photographie in ihrer Rocktasche und in ihrem Herzen getragen hatte ...

Und wie fast immer, wenn sie durch den Hochwald schritt, knüpfte sie ihren Traum an ein Gemälde, das über dem Schreibtisch ihres verstorbenen Vaters hing...

»Schweigen im Walde« hieß es und zeigte einen Jüngling, der auf einem gehörnten Fabelwesen durch den hochstämmigen Tann zog, sie aber hatte es umgetauft und »das Glück« genannt ... So träumte sie immer, sollte ihr einmal das Glück begegnen, ganz unvermutet und auf verschwiegenem Pfad! Und je länger sie ihrem Traume nachhing, desto mehr pflegte sich vor ihren inneren Augen das Bild zu verwandeln, aus dem gehörnten Fabelwesen wurde ein ruhig dahinschreitender Trakehner, der nackte Jüngling aber fing an, sich immer mehr zu bekleiden, bis er schließlich die Uniform eines Königsberger Kürassierleutnants trug, in neuerer Zeit aber, seit der Klein-Lipinsker nämlich seinen Abschied genommen hatte, einen schwarzen Reitrock mit hellen Beinkleidern dazu. Und der Reiter verhielt mit kurzem Zügelgriff sein Roß, schwang sich aus dem Sattel und ... »allmächtiger Gott!« schrie sie laut auf, denn ihr Traum war mit einem Male Wirklichkeit geworden. Hinter einer Biegung des Weges tauchte ganz plötzlich der Klein-Lipinsker auf, genau so wie sie ihn soeben vor ihrem inneren Auge erschaut hatte. Unwillkürlich – weshalb, wußte sie sich später niemals mehr zu erinnern – griff sie nach dem Gewehr, Unkas aber, der Hund, der zwischen ihr und dem alten Förster Ahrens trottete, mißverstand sie, faßte Ausruf und Bewegung seiner jungen Jagdgefährtin als ein fröhliches Angriffssignal auf und fuhr rasch wie der Blitz dem hochbeinigen Gordonsetter, der neben dem fremden Reiter trabte, an die Kehle. Überrannte ihn natürlich in rasendem Ungestüm, wickelte ihn und warf ihn zwischen die Hinterbeine des Gaules, der ohnedies schon in jähem Schreck die Vorderhand hoch in die Luft gehoben hatte. Und da geschah das Entsetzliche: der nervöse Trakehner versuchte auch hinten auszuschlagen, kriegte auf dem glatten Boden das Gleiten, überschlug sich nach rückwärts, seinen Reiter unter sich begrabend, rollte im Schnee, sprang wieder auf, raste den Weg entlang, schleifte den mit einem Fuße im Bügel hängenden Herrn hinter sich her, um nach kaum vier oder fünf Galoppsprüngen wiederum ein Rad zu schlagen, diesmal aber wie ein flüchtiger Rehbock, der den Blattschuß gekriegt hatte. ... Als Unkas sich eben in aller Gemütsruhe anschickte, seinem überwundenen Gegner nach uraltem Hunderecht die Kehle durchzubeißen, auf den Schuß aber natürlich den Kopf hob, um sich erforderlichenfalls zum Importieren bereit zu halten, sah er gerade noch, wie die Hinterbeine des Gauls im Kreise durch die Luft flogen, danach aber ein menschlicher Körper, der mit dumpfem Aufschlag auf den hartgefrorenen Boden fiel. Seine junge Jagdgefährtin aber stand mit dem Gewehr in der Hand, aus dessen Mündung die leichte Rauchsäule stieg, war blaß geworden bis in die Lippen und sprach immerfort das eine Wort »um Gottes willen« vor sich hin, »um Gottes willen, um Gottes willen« ... bis der alte Herr, der sich über den abgeworfenen Reiter gebeugt hatte, den Kopf hob und ausrief: »Nein, Gott sei Dank vielmehr müssen wir sagen, gnädigste Baroneß, denn noch schlägt sein Herz, noch ist er halbwegs lebendig. Ob er sich was gebrochen oder überhaupt Aussicht hat, mit dem Leben davonzukommen, das wird der Doktor 'rauskriegen. Was aber den Schuß anlangt, Donnerwetter noch mal und nichts als Donnerwetter! Nicht, daß er abgezirkelt auf'm Blatt gesessen hat, das hätt' schließlich auch ein anderer fertig gebracht, aber die Geistesgegenwart!! Ich alter Esel spring' an die Seite, bin eben dabei, über die unverhoffte Begegnung mit unserm Erbfeind den Mund aufzureißen, da knallt es bei der gnädigen Baroneß auch schon! Und sitzt!... Himmelkreuzmillionendonnerwetter, und vor einer halben Stunde noch hatt' ich den Größenwahn, bildete mir ein, es wär' unbedingt notwendig, daß ich ... na also, ausgelernt! Reden wir nicht mehr davon!«... Bei diesen Worten hatte der alte Herr sich den dicken Flausrock ausgezogen, wickelte ihn um den regungslos daliegenden Reiter, lehnte dessen Kopf gegen den Leib des Trakehners, sagte mit aufgehobener Hand: »Achtung Unkas, und down, bis ich wiederkomm',« und lief in Hemdsärmeln davon, so schnell, wie er ihn noch nie hatte laufen gesehen, der Schnee stöberte ordentlich wie eine Wolke hinter ihm her ... Unkas aber ließ von seinem Gegner ab, ging zu dem jungen Mädchen hinüber, auf das sein alter Herr immer »gnädigste Baroneß« sagte, und das noch genau so dastand wie vorhin, mit dem abgesetzten Gewehr zwischen den Händen, stieß ihr mit der Nase gegen das Knie, was so viel heißen sollte, als: »Auf Befehl meines Herrn steh' ich dir jetzt zu Diensten,« und setzte sich. Danach ließ auch das junge Mädchen sich nieder, auf einem alten Tannenstubben, der am Wege stand, legte ihm die Hand auf den Kopf und sagte: »Na ja, ist schon gut, Unkas, und du kannst schließlich nichts dafür!« Die andre Hand aber deckte sie über die Augen und fing leise an zu weinen. Weshalb, war ihm unerfindlich, denn sie hatte ja nicht vorbeigeschossen, war vielmehr von seinem Herrn wegen des Treffers belobt worden. Und da sie ihre Hand von seinem Kopfe nicht forttat, ließ er es ruhig geschehen, daß der langhaarige Feigling, der Gordonsetter, zu seinem Herrn hinüberkroch, um ihm die schlaff herabhängende Rechte zu lecken. ... Eigentlich nämlich hätte diesem ausländischen Köter noch ein ganz derber Denkzettel gehört, denn nur seine Feigheit hatte es verschuldet, daß der Gaul sich so über die Maßen erschreckte. Der Zweikampf selbst war natürlich unvermeidlich gewesen, aber man hätte ihn schon ein gutes Ende früher ausfechten können, denn der andre war doch in günstigem Wind gegangen, hätte ihn trotz der Wegkrümmung schon auf fünfzig und mehr Schritte Entfernung wittern müssen! Statt ihm nun da sofort mit gesträubtem Nackenhaar und herausforderndem Geläute entgegenzufahren, hatte er sich feig zwischen den Beinen des Gauls verkrochen! ... Aber vielleicht tat er dem Langhaarigen auch unrecht, vielleicht war das gar kein richtiger Hühnerhund, sondern nur ein ganz gewöhnlicher Fixköter von äußerst dunkler Herkunft? Wem das hervorstechendste Merkmal des edlen Hundes, die »Nase«, fehlte, der konnte sich auch keines reinen Stammbaumes rühmen. Er aber zählte nach den Angaben seines alten Herrn Namen wie »Maitrank« und »Waldow l« unter seinen Vorfahren, stammte mütterlicherseits in gerader Linie von der berühmten »Blonde« Trautmannsdorf« ab und hatte deren vornehmste Tugend ererbt, nämlich den im Kartoffelkraut laufenden Rebhühnern durch einen plötzlich ausgeführten Bogenschlag den Weg zu verlegen, also war es wohl unter seiner Würde, sich um den dunklen Langhaarigen noch weiter zu bekümmern. Und da jetzt auch das junge Mädchen die Hand von seinem Kopfe entfernte, rollte er sich zusammen, um noch ein Weilchen zu überschlafen. Bis sein alter Herr mit dem Schlitten wiederkam, konnte gut noch eine halbe Stunde vergehen.

*

Elsbeth von Linde hatte sich ein wenig beruhigt, die nach dem jähen Nervenstoß sich einstellenden wohltätigen Tränen hatten ihr über die erste Aufregung hinweggeholfen, und, wenn ihr auch die Hand, mit der sie sich das Gesicht trocknete, noch immer ein bißchen zitterte, so vermochte sie jetzt doch wenigstens schon den Gestürzten anzusehen, ohne daß die immer wieder hervorquellenden Tränen ihr den Blick verdunkelten. Gott sei Dank, er lebte noch, sie sah deutlich, wie seine Brust sich hob und senkte, nur die Augen hielt er noch immer fest geschlossen, als wollte die tiefe Ohnmacht, die seine Sinne umfing, ihn nicht mehr wieder freigeben. Da überlegte Elsbeth, ob sie ihm nicht ein wenig von dem Rotwein einflößen sollte, den Tante Lieschen ihr sorgsam vor dem Fortgehen in das Feldfläschchen gefüllt hatte, aber sie zog die Hand, die sich schon nach der kleinen Jagdtasche an ihrem Gürtel ausstreckte, wieder zurück. Nach dem Trunk hätte er vielleicht die Augen aufgeschlagen, gesehen, wie sie als barmherzige Samariterin sich um ihn bemühte, und das dünkte ihr, wie die Sachen nun einmal lagen, unerträglich. Gewiß, sie trug an seinem Unfalle einen Teil der Schuld, denn ohne ihren erschreckten Ausruf hatte Unkas den Gordonsetter vielleicht nicht angenommen. Dafür aber hatte sie ihm das Leben gerettet; wenn sie nicht die Geistesgegenwart besessen hätte, den rasend gewordenen Gaul zu erschießen, wäre er unweigerlich zu Tode geschleift worden. Damit waren sie quitt geworden, der Zwischenfall erledigt, und ihre Beziehungen kamen wieder in das alte Geleise. Höchstens daß sie noch verurteilt werden konnte, ihm den getöteten Gaul zu ersetzen, aber das erschien ihr wenig wahrscheinlich, denn er hatte sich ja widerrechtlicher- und ganz unbefugterweise einer Grenzüberschreitung schuldig gemacht, war, ohne vorher ihre Erlaubnis einzuholen, auf Adlig-Groß-Lipinsker Terrain geritten. ... Aber vielleicht klagte er diesmal gar nicht – sie hatten außer dem Hauptprozesse ja fast übergenug Nebenprozesse gegeneinander anhängig gemacht – jedenfalls sollte von ihrer Seite aus nichts geschehen, was ihm vielleicht hätte Gelegenheit geben können, noch kurz vor der Entscheidung des Kammergerichts, die ja unter allen Umständen gegen ihn ausfallen mußte, den Großmütigen zu spielen: Du, Elsbeth von Linde, hast mir das Leben gerettet, dafür schenk' ich dir dein Gut ... nein, dazu wollte sie ihre Hand denn doch nicht bieten! Bis zu Ende sollte der Prozeß gehen, und wenn's noch eine Instanz über dem Kammergericht gegeben hätte, auch durch diese, denn aus eignem Recht wollte sie in ihrem ererbten Besitz stehen, nicht aber durch die Großmut eines andern!

Und überhaupt, so fiel ihr plötzlich ein, was hatte er eigentlich auf Groß-Lipinsker Grund und Boden zu suchen? Dazu noch auf dem Wege, der nach den Wiesen führte? Nach den Wiesen, in denen der Kasten mit dem Dokumente vergraben lag, dem Dokumente, das den ganzen Rechtsstreit mit einem Schlage zu seinen Ungunsten entscheiden mußte? Doch sicherlich nur, um das Terrain für eigene Nachgrabung zu rekognoszieren – zu welchem Zwecke, brauchte man nicht erst lange zu raten – oder vielleicht hatte er durch irgend einen Zufall bessere Kunde erhalten als der alte Förster Ahrens, war nur heute, bei hellem Mondschein hinausgeritten, die Stelle zu bestätigen, um später in stichdunkler Nacht über dem unauffällig eingetriebenen Merkpfahl den Einschlag zu machen?

Da verflog die Regung des Mitleids, das sie einen Augenblick lang angetrieben hatte, den hilflosen Gegner da drüben zu laben, der finstere Groll stieg wieder in ihr auf und färbte ihre Augen dunkel. Zugleich aber überfiel sie jählings die Erinnerung an den Abend, an dem dieses Gefühl seinen Anfang genommen, aus einem töricht dahinträumenden Kind ein hassendes Weib gemacht hatte ...

Der Mond schien wie heute, sie aber teilte mit kräftigen Armen das Wasser des Lipinsker Sees; nach dem weiten Spaziergange über die verstaubten Felder hatte sie schier unwiderstehlich das Verlangen verspürt, die erhitzten Glieder in der lockenden Flut zu baden. Keine Menschenseele weit und breit an den flachen Ufern, da schlüpfte sie rasch aus den Kleidern, barg sie unter einem niedrigen Weidenstrauch und warf sich ordentlich übermütig in das hochaufspritzende Wasser. Ein Schoof Enten fuhr prasselnd und quakend aus dem dichten Geröhricht, die erschreckten Wasserhühner pfiffen und tauchten mit lautem Glucksen, sie aber fochten diese unheimlichen Geräusche, die jeder andern vielleicht die kalten Frieseln über den Rücken gejagt hätten, nicht an. Furchtlos eilte sie durch das raschelnde Schilf und schwamm in weitem Bogen über die grundlose Tiefe, bis ihr plötzlich ein lähmender Schreck durch die Glieder fuhr, als hätte sie der Topiélec mit seiner eisigen Hand bei den Füßen erwischt, das rätselhafte Fabelwesen, halb Fisch, halb Mensch, das auf dem Grunde des Wassers haust, um arglos badende Menschenkinder in die Tiefe zu ziehen ... mit einem Male nämlich, während sie in ruhigen Stößen dahinschwamm, waren Männerstimmen an ihr Ohr gedrungen! Und diese Stimmen sprachen von ihr!! Der auf dem ruhigen Wasser sich ungehindert fortpflanzende Schall trug ihr jedes einzelne Wort zu. Da griff sie mächtig aus, stieß mit den Füßen hinter sich und ruhte nicht eher, als bis sie wieder festen Boden unter sich spürte, mit den Händen in das dichte Schilf greifen konnte ...

»Sie, Linde, mit dem Enteneinfall wird es heute abend nichts, da badet ja wer!« Und die andre Stimme, die ihres Klein-Lipinsker Vetters, darauf: »Schwerenot nochmal, und der Deuwel soll den Kerl holen, ich hab's doch noch gestern ausdrücklich verboten! Also scher dich 'raus, infamer Dackel, mach, daß du nach Hause kommst, du störst uns ja hier die Jagd!« Sie aber natürlich stand darauf ganz regungslos, wagte kaum zu atmen.

Und die erste Stimme wiederum: »Sehen Sie doch mal her, Linde, was Ihr Tory« – derselbe hochbeinige Köter, dem der brave Unkas die damalige Freveltat heute so gründlich heimgezahlt hatte – »aufgestöbert hat. Das ist ja gar kein Er, das ist ein Mädchen!«

»Na ja, ich sag's, wieder einmal eine von diesen nichtsnutzigen Scharwerksmargellen! Morgen früh werd' ich auch denen durch den Voigt gründlich Bescheid sagen lassen. Sollen an die Viehtrift gehen, wenn sie sich durchaus abtümpeln wollen!«

»Scharwerksmargell? Sie, Linde, seit wann tragen Ihre ›Hofdamen‹ seidene Jupons und dito Strümpfe?«

»Was, Donnerwetter?« Und eine Pause danach, in der sie mit dem Kopfe vor Scham unter Wasser tauchte, um nicht mit ansehen zu müssen, wie ihre allerintimsten Kleidungsstücke von den beiden rohen Menschen durchmustert wurden. Leider aber ging ihr nur gar zu bald die Luft aus, sie mußte den Kopf wieder hochheben. Und wenn die Unterhaltung der beiden von jetzt an auch in gedämpftem Tone weitergeführt wurde, so verstand sie bei der tiefen Abendstille doch jedes einzelne Wort.

»Hm ... aber wer denn nur?«

»Weeß nich. Is mir auch, offen gestanden, ziemlich toute-même-chose

»Sie, Linde, ich hab's! Ihre verehrliche Komparentin von der andern Cotéseite!«

»Wahrhaftig, die siebenzinkige Krone mit einem E darunter!« Und jetzt kam das Entsetzliche. »Na ja, auch die einzige, der man's auf zehn Meilen in der Runde zutrauen konnte. Überspanntes kleines Frauenzimmer!«

»Ja, wieso denn?«

»Ach, hält sich 'n ganzen Hofstaat drüben! 'N langmähnigen Maler, 'nen geschniegelten Bengel dazu, der sie mit Liebesliedern andichtet, fehlt nur noch, daß sie sich ein eignes Hoftheater einrichtet, im Männersattel reitet und auf die Jagd geht!«

Der andre lachte auf. »Na, na, Linde, Sie echauffieren sich ja so, als wenn ...«

»Ach, Unsinn, mir direkt unsympathisch!«

»Na, das legt sich vielleicht bei näherer Bekanntschaft! Und denken Sie mal nach: es wär' schließlich die beste Lösung!«

»Also Schluß!« sagte der Klein-Lipinsker, und seine Stimme klang ordentlich ärgerlich. »'N Mädel, das mir gefallen soll, muß aus anderm Holze sein. Ein süßer blonder Pussel, der sich darum sorgt, ob meine Jagdsocken keine Löcher haben, ob die Schmandsoße zum Sonntagslepus auch richtig mit sechs Kaddickbeeren abgeschmeckt is, na und so weiter!«

»Werden Sie lang' suchen können unter den jungen Damen up to date, Linde!«

»Is egal. Hab' ja Zeit! Aber eine, die zwanzig Schritt von der offenen Landstraße badet. ... Komm, Tory, laß den Plunder liegen!« Pfiff seinem Hunde und ging mit dem andern Kumpan weiter, am Seeufer entlang ... »Ob sie wohl etwas gehört hat ... is mir auch egal ... Prozeß ... Reichsgericht ...« waren die Worte, die sie noch verstanden hatte, dann verklangen die Stimmen, ihr aber drohten die Sinne zu schwinden. Und ihre erste Empfindung war, mit geschlossenen Augen wieder zurück nach der Tiefe zu gehen, die Arme fest an den Leib zu pressen, bis sie den Boden unter den Füßen verlor, vielleicht daß dann der jähe Schmerz ein Ende nahm, der wie ein scharfes Messer in ihrem Herzen wühlte, und die brennende Scham, die ihre Wangen trotz der Kälte des Wassers purpurn färbte. Schon hob sie den Fuß, schloß die Augen, als ihr jählings ein Gedanke durch den Kopf schoß, der sie in ihrem Beginnen innehalten ließ ... über kurz oder lang kamen die beiden am Seeufer zurück, fanden mit Hilfe des Hundes wiederum ihre Kleider, fingen natürlich an zu suchen, fischten ihren entseelten Körper vom Grunde des Sees und ... sie konnte den entsetzlichen Gedanken gar nicht zu Ende denken. Schon jetzt kam sie sich fast wie entehrt vor ... Da faßte sie eine unsinnige Angst, sie stürzte ans Ufer, wickelte ihre Kleider in ein Bündel und rannte wie ein gehetztes Stück Wild querfeldein zu einem dunklen Fichtengebüsch, von dem sie sich Deckung erhoffte. Dort erst warf sie sich mit zitternden Händen die Kleider über, ein Schuh und die Strümpfe waren bei der eiligen Flucht verloren gegangen, was lag daran, nur weiter in der Richtung, in der der dunkle Schloßturm ragte ... die Füße schmerzten und bluteten, wohl ein dutzendmal schrie sie laut auf, weil sie im hastigen Lauf gegen einen Stein gestoßen hatte, aber nur weiter, weiter! Endlich das Schloß und die Gartenmauer ... Da erst kam ihr allmählich die Besinnung wieder, die Überlegung, daß sie sich in diesem Zustande unmöglich vor einem der Schloßinsassen sehen lassen durfte. Da schlich sie wie eine Diebin an das Portal, drehte mit einem raschen Griff die Flurbeleuchtung ab und hetzte im Dunkeln die Treppe zu ihren Zimmern hinauf. Und da erst, als sie schon die schmerzenden Füße im Waschbecken kühlte, versuchte sie sich zu vergegenwärtigen, was eigentlich geschehen war. Aber kein einziger klarer Gedanke, nur Scham, wie glühendes Feuer brennende Scham, danach aber ein riesengroß in ihr aufsteigender Haß, ein Haß, der ihre ganze Seele füllte, und zugleich der Wunsch, von jetzt an alles aufzubieten, um noch in weit höherem Grade als bisher sein Mißfallen herauszufordern... Am andern Morgen ging sie zu ihrem Förster und bestellte sich das Gewehr, um fortan auf die Jagd zu gehen; das andere, wovon er gesprochen, das Theater, erschien ihr denn doch zu kostspielig, sie wußte auch nicht recht, wie man so etwas anfing... Das Reiten im Männersattel aber, ach du mein lieber Gott, wenn er das haben wollte – alle Tage! Aber sie hatte das so oft schon in England ausprobiert und an andern gesehen, daß es weder gut aussah, noch irgendwelche Vorteile bot – im Gegenteil, beim Hürdenreiten gab's häufig einen Rumpler, denn der Gaul war nun mal dran gewöhnt, nur von der einen Seite die Hilfen zu kriegen – also wenn ihm das so besonders emanzipiert erschien, zeigte er bloß seine eigne sportliche Unbildung, darüber konnte man einfach zur Tagesordnung übergehen ... Nur für die Worte »direkt unsympathisch« gab es leider Gottes keine Revanche. Sie konnte ihm doch nicht schreiben: »Werter Herr, ich habe alles gehört, was Sie heute abend am Ufer des Lipinsker Sees sprachen. So benimmt sich kein Gentleman. Im übrigen aber beruhen unsre Gefühle ganz auf Gegenseitigkeit? ...« Die Photographie verbrennen, war noch das einzige, aber das tat ihm leider nicht weh!...

Alle diese Bitternisse kostete Elsbeth noch einmal in der Erinnerung durch, während sie dem Verhaßten gegenübersaß, kaum weiter von ihm entfernt als damals, nur mit dem Unterschied, daß er jetzt der Hilflose war. Und merkwürdig, fast wollte es ihr scheinen, als wenn sich auch ihre Gefühle gegen damals verändert hätten. Die Scham brannte nicht mehr so arg, und aus dem glühenden Haß war Mißachtung geworden, fast gemischt mit Gleichgültigkeit. So änderten sich eben, wenn man älter wurde, im Laufe der Zeiten die Gefühle. Das Weidwerk zum Beispiel betrieb sie ja jetzt auch nicht mehr, um ihn zu ärgern, sondern weil sie mittlerweile wirklich die ganz hohe und echte Passion zu fühlen begonnen hatte. Und unwillkürlich mußte sie daran denken, was aus ihm wohl ohne diese, in seinen Augen so unweibliche Passion geworden wäre! Vielleicht flog er noch jetzt als ein zerfetzter und blutender Klumpen hinter dem rasenden Gaule her, bis der vor Erschöpfung zusammenbrach oder mit dem Kopfe gegen einen Kiefernstamm rannte. ... Wenn der Klein-Lipinsker dann später einmal kam, seinen Dank abzustatten, konnte sie ihm vielsagend antworten: »Bedanken Sie sich bei sich selbst, Herr von Linde!« Oder besser noch, sie empfing ihn überhaupt nicht, sondern ließ ihm durch Tante Lieschen sagen: »Meine Nichte Elsbeth bedauert sehr, aber sie wüßte nicht, wodurch sie sich Ihren Dank verdient hätte. Was sie getan hat, war einfache Christenpflicht, im übrigen war es ihr höchst gleichgültig, wer auf dem durchgehenden Gaule saß, oder vielmehr von ihm geschleift wurde. Daß sie aber hinterher bei Ihnen die Wache hielt, war auch nur Christenpflicht. Genau dasselbe hätte sie an jedem Bettler getan, den sie in Todesnöten im Chausseegraben gefunden hätte!« ... Und noch viel, viel besser, sie beauftragte nicht Tante Lieschen mit dieser Mission, sondern die dürre Tante Amalie. Die brachte das alles, weil sie den Klein-Lipinsker auch nicht leiden konnte, viel spitzfindiger und mit der gehörigen demütigenden Betonung heraus! ...

Als sie aber so weit gekommen war in ihren Gedanken, erschien es ihr ganz selbstverständlich, daß sie aufstand und das Feldfläschchen herausholte, um den Verunglückten da drüben zu laben. Genau dasselbe hätte sie doch wirklich bei jedem andern getan! Außerdem aber schien ihr sein Gesicht mit einem Male ganz beängstigend verändert. Die Nase war ordentlich spitz geworden, und hinter der emporgezogenen Oberlippe blinkten die weißen Zähne. Ganz höhnisch sah er aus, oder vielmehr – sie schrie fast auf – wie einer, nach dem der Tod seine Hand ausstreckte. Da kniete sie neben ihm nieder, nahm seinen Kopf in den linken Arm und, während sie ihm das Fläschchen mit sanfter Gewalt zwischen die Zähne schob, fing sie laut an zu beten: »Hilf, himmlischer Vater, hilf!« ...

Unkas, der Hund, war mit ihr aufgestanden, reckte gähnend und mit krummem Buckel die steifgewordenen Glieder, mit einem Male aber hob er ein zorniges Knurren an und fuhr mit gesträubtem Haar ins Dunkle.

Eine heisere Stimme kam hinter den Stämmen hervor: »Liebes Fräulein, rufen Sie doch den Hund zurück! Und Sie brauchen keine Angst zu haben ... ein armer Stromer auf der Wanderschaft, bin selbst froh, wenn man mich in Frieden läßt!«

Elsbeth hielt in ihrer Samariterarbeit inne.

»Unkas, down,« rief sie, griff aber doch nach dem Gewehr und schob die Sicherung zurück. Von der nahen polnischen Grenze kam zuweilen allerhand zweifelhaftes Volk herüber ...

Der Fremde trat auf den Weg hinaus, ein ungeschlachter alter Mann in verschlissenem, vielfach geflicktem Kittel. Ein grauer, ungepflegter Bart stand ihm im Gesicht, das linke Auge war von dem herabhängenden Lid halb geschlossen und gab ihm ein unheimlich lauerndes Aussehen.

Er zog den verbeulten Hut, und über sein verwittertes Gesicht flog ein Lächeln.

»Liebes Fräulein, ich tu' Ihnen wirklich nichts. Und, nicht wahr, Sie sind die Baroneß von Adlig-Groß-Lipinsken?«

»Ja, aber ...«

Der Fremde schnitt ihr das Wort ab.

»Und Sie geben dem da zu trinken? God bless you, Miss, um das zu sehen, mußte ich tausend Meilen wandern ...!« Sprach's und wandte sich kurz. Grüßte noch einmal und war nach wenigen Schritten im Dunkel der hohen Tannen verschwunden.

Elsbeth aber hatte keine Zeit, über die seltsame Begegnung nachzudenken, der Verunglückte bedurfte ihrer Hilfe nötiger denn zuvor. Der Kopf war ihm haltlos zur Seite gesunken, und sein Atem ging schwer. Da kniete sie rasch nieder, umfing ihn wieder und führte von neuem das Fläschchen an seinen Mund. Er aber trank mit durstigen Zügen, und als sie ihm danach mit ihrem seidenen Tüchlein den kalten Schweiß von der Stirn trocknete, flog es wie ein dankbares Lächeln über sein blasses Gesicht. ... Da zog sich ihr vor jäh einfallender Bitternis das Herz zusammen, denn das Lächeln galt ja nicht ihr, sondern einer andern, die er in seinen Träumen natürlich um sich wähnte. Aber sie hielt tapfer aus, rieb ihm die Schläfen, erlahmte nicht in ihrem christlichen Werke, und schon nach kurzer Zeit sah sie zu ihrer Genugtuung, daß in seine blassen Wangen wieder ein Schimmer von Farbe trat. Da durfte sie sich sagen, daß sie ihn zum zweiten Male gerettet hatte ... für die andre! Und weil es unter diesen Umständen doch nie und nimmermehr ein Wiedersehen gab, durfte sie wohl ohne Scham und Reue einen ganz leisen Abschiedskuß auf seine Lippen hauchen. Nur einen einzigen, und der andern geschah damit ja lein Abbruch. Er wußte nichts von sich, ihr aber war es wie ein Abschied von törichten Kinderträumen. Und zugleich eine Art von Erfüllung, denn sie entsann sich genau, in längstvergangenen Tagen den heutigen Vorgang ahnend vorausgeträumt zu haben. Nur unter ein wenig veränderten Umständen. Sie eine barmherzige Schwester, er aber wurde todwund aus der Schlacht getragen. ... Da trank sie auch sein letztes Lächeln von den blassen Lippen, und eine schmerzlichsüße Wollust war es ihr, daß es eigentlich einer andern gegolten hatte ...

Von fernher klangen rufende Stimmen, Fackelglanz breitete sich unter der schweigenden Decke der Tannenwipfel. Da stand sie auf, warf das Gewehr über die Schulter und war wieder die stolze, unnahbare junge Herrin. Und so oft sie sich auch später die verflossene halbe Stunde ins Gedächtnis zurückrief, genau wußte sie es nicht zu sagen: Hatte der kühl abwägende Kopf die Oberhand behalten oder das pochende und unruhige Ding da drinnen, das genau noch so töricht war, wie vor jenen längstvergangenen Zeiten? – – –

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