Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle

Karl Henckell: Der Rettungsengel - Kapitel 1
Quellenangabe
pfad/henckell/rettungs/rettungs.xml
typenarrative
authorCarl Henckell
booktitleNeuland
titleDer Rettungsengel
publisherAlfred Schall, Königliche Hofbuchhandlung
printrunZweite Auflage
editorCäsar Flaischlen
year1895
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090416
projectid2c435421
Schließen

Navigation:

Carl Henckell

Der Rettungsengel

»Er wolle noch eben zum Barbier gehen,« warf er hastig dem Freunde hin, mit dem er zusammen wohnte, und war hinaus. Sie pflegten sonst gemeinschaftlich um diese Zeit die Pension aufzusuchen, wo sie zu Mittag speisten. Aber heute war es so weit gekommen, daß Martini's Magen den Leiden seiner Seele gegenüber nicht mehr die resolute Gewohnheitsmacht durchsetzte ... Die Gespenster seines gequälten Geistes schlenkerten mit ihren hageren Schattenhänden selbst die süße, sonst so verlockende Nachtischmehlspeise bei Kunzlis in den bodenlosen Abgrund aller Daseinsnichtigkeiten. Halb und halb hatte Martini seinen Freund belogen. Das heißt von der Vorplatzthür an bis zur nächsten Ecke, wo der magere, kleine Bartkünstler sein kümmerliches Atelier besaß, schwankte er wohl hundertmal hin und her, ob er die paar elenden Borsten sich nicht doch noch zuguterletzt abnehmen und erst dann vor diesen gräßlichen Fangarmen angstschüttelnder Verzweiflung in den leidlosen Ruheschoß Nirwanas sich zurückziehen solle. Doch wie nun die breite Hottingerstraße herauf die mahlzeitlüsterne Mittagsschlange der Bürger Zürichs mit ihrem geradezu vernichtenden Alltagsgesicht sich ihm entgegenschob und walzte, da schoß der Kompaß seines Ich fanatisch auf Jenseits. Martini nahm den schwarzen, ziemlich abgetragenen Frühjahrsüberzieher auf den andern Arm und schlug direkt die Richtung nach dem See ein. Es war erst Mitte März, aber der Lenz war – mit fast unheimlicher Schnelligkeit – schon zum leuchtenden Helden gereift. Karl Martini wankte und lief durchs Seefeldviertel dem Tonhallequai zu. Wenn er den Dampfer noch erreichte, der zehn Minuten über Zwölf nach Rapperswyl abging, so wollte er ihn benutzen, um zur Ufenau zu gelangen und von Huttens Todeseiland aus sich in die kühle, frühlingatmende Flut zu betten. Nur mit diesem Gedanken stolperte er vor sich hin. Wenn ihm dann das Antlitz der Mutter, wenn ihm Schwester und Bruder vor Augen traten, so wühlten sich die Thränen aus den schlaflos ermatteten Höhlen.

Die Abfahrtsglocke hatte schon geläutet; gleich hinter ihm wurde das Brückchen weggeschoben, und der Dampfer schaufelte los. Als Martini sich ein einfaches Billet erster Klasse löste – nach Rapperswyl – er brauchte ja kein Retourbillet mehr ins Leben – rief ihn der Kassier zurück, um ihm den liegengelassenen Restbetrag auf 5 Fr. auszuhändigen – Karl hatte schon zu viel Kredit beim Urfonds der Ewigkeit, um der lumpigen Silbervaluta Helvetiens noch irgendwelche Wertverbindlichkeiten einzuräumen. Trotz des schönen Wetters waren nur wenig Passagiere auf dem »Lukmanier«. Ein junges deutsches Hochzeitspaar fehlte freilich nicht – die beiden Glücklichen mit Feldstecher und graziösem Reisetäschchen drückten sich gerade in stiller Lust die Hand, als Martini scheu an ihnen vorüberging. Ihr rechtes, süßes, rundes Patschhändchen, ohne weitere symbolistische Feinheit, wies fragend nach der herrlich gelegenen Irrenanstalt Burghölzli hinüber und der stattliche Gatte mit dem wohlsituierten Durchschnittsgesicht meinte ahnungslos: »Nicht, Schatz, da möchtest du wohl mal Sommerresidenz aufschlagen?« Drei Töchterschülerinnen mit offenen Büchern hockten kichernd in einer Ecke; sobald sich der düstere Martini nicht sehr entfernt von ihnen niederließ, waren die fidelen Bildungsgrazien aus Küsnacht auch schon mit einer kritischen Bemerkung über ihr schräges Gegenüber fertig. Eine drollige Mischung von Schmeichelei und Bosheit war es, die dem Munde der Seetöchter entschlüpfte und sie wurde immerhin so laut geflüstert, daß selbst das Ohr des Melancholikers sie auffing. Er lächelte matt und überdämmerte mit seinem trüben Blick die selbst-sichere, fest aufgepflanzte Gestalt eines klassischen Philologieprofessors, der in der Nähe saß und wahrscheinlich zu Mittag von Zürich nach seinem Tuskulum hinausfuhr. Martini mußte dem sattelfesten Homeriden durch den Kontrast seiner geknickten Persönlichkeit aufgefallen sein; denn er merkte, wie der lebenstüchtige Vorbeter hellenischer Kalokagathie sein modernes Häuflein Unglück mit ruhiger Objektivität in der schöngebuckelten Truhe seiner Weltbeobachtung aufnahm. Er fühlte sich nicht gekränkt dadurch, das glitt alles so an ihm vorüber. Er glaubte überhaupt keine unmittelbaren Eindrücke mehr zu haben, es war ihm, wie wenn schon alles hinter der großen Wand, die ihn umgab, sich abspielte und nur die letzte, abgeschwächteste Wiedergabe des Außenseins ihn schemenhaft berühre. Er sank immer mehr in sich zusammen und dachte nicht daran, wie er das wohl früher in jenen fernen Tagen der Gesundheit und des Glückes keineswegs versäumt hätte, sich über das Geländer zu lehnen und den rückfliegenden weißen Gischt der Räder zu verfolgen ... ein Jäger all dessen, was da schäumt und schießt ... er selber war nun ein lahmes Wild, von allen Hunden der Selbstvernichtung gehetzt und der Meute schon so sehr erlegen, daß die Kugel hinterm Ohr nur noch Erlösung, Erlösung bedeutete, von all' dem Vorhergehenden und dem, was später drohte ... O ja, im See wollte er sein furchtbares Elend ertränken, über Vater und Mutter hinweg sich ins Wasser stürzen – es mußte sein. Es gab keinen andern Ausweg – er hatte sich nun tage- und nächtelang selbst zergrübelt, um heraus zu gelangen ... aus der finsteren Sackgasse, – es war unmöglich! und alle Liebe derjenigen, die ihm zunächst standen und es gut mit ihm meinten, war nicht imstande, seine Vernichtung aufzuhalten, ihn zu retten.

Sein furchtbares Elend! Worin es eigentlich bestand, wer hätte das zu sagen vermocht? Er selbst jedenfalls am allerwenigsten ... Jegliche greifbare, einschneidende Logik der Thatsachen zerfloß wie Nebel, sobald man inquisitorisch seiner tiefen Schwermut, seiner jammervollen Entschlußlosigkeit auf den Leib zu rücken versuchte. Es war keine erschütternde Liebestragodie, es war keine zehrende Reue über verfehltes Leben, es war keine beugende Demütigung, die auf ihm lastete. Und von äußerer Notlage konnte erst recht nicht bei ihm die Rede sein. Sein Trübsinn blamierte sich allemal vor dem nackten Bestand der objektiven Verhältnisse – und doch mochte sich in Wahrheit kaum ein Mensch unglücklicher fühlen als eben Karl Martini zu jener Zeit. Es mußte doch wohl etwas in ihm vorgehen, was sich der rein psychologischen Kritik entzog und in der Feststellung gesteigerter Nervosität seine am ehesten zureichende Erklärung fand. Er war keineswegs erblich belastet, und wie vorsichtig lebte er, seitdem er infolge geistiger Überanstrengung schon frühzeitig verspürt hatte, daß diese dummen, revolutionären Hemisphären des Gehirns nicht im geringsten mit sich spaßen, daß sie sich von dem Despoten einer peitschenden Willkür nicht zum Scherze quälen lassen. Vorsichtig – vielleicht zu vorsichtig lebte er. Zum Beispiel diese starre Askese bei seiner so robusten Naturanlage – war das nicht Thorheit sondergleichen? Und diese gänzliche Enthaltsamkeit von geistigen Getränken, so kategorisch zu rechtfertigen vielleicht als rein physiologisches Gesundlebungsmotiv – barg sie nicht doch etwa Gefahren in sich, gerade für ein Naturell, das an sich von jeher zur äußersten Mäßigkeit im Alkoholgenusse neigte und dem Rausch einfach triebmäßig abhold war? Zuweilen hatte sich Martini doch der Gedanke aufgedrängt, daß ihm ein Glas Wein zur rechten Zeit, sei es im beängstigend eruptiven Moment der schöpferischen Gefühlssteigerung, sei es in der gefährlichen Stunde blasentreibender Hockgrübelei, ein recht philosophischer Wohlthäter geworden wäre. Aber an all das und was hätte sein können, wenn, ... dachte unser Don Carlos während dieser seiner letzten Seefahrt nicht mehr; er war vollauf damit beschäftigt, sich sozusagen in den Tod einzuleben, immerhin keine Kleinigkeit selbst für einen melancholischen jungen Mann, den doch das Leben noch so am Ohrläppchen hatte, daß er einen freundlichen, und der Teufel soll ihn holen! fast verliebten Blick mit der hübschesten, schwarzlockigsten der drei gebildeten Jungfrauen tauschte, die soeben in Küsnacht das Schiff zu verlassen sich anschickten. Doch der leise, violette Hauch koketter Lebenslust zerging unmittelbar auf dem schwarzen Spiegel seiner Seele.

Er liebäugelte wieder einzig mit der fahlstarrenden Donna Mors. Er war erst eben über Küsnacht hinaus und er sah sie doch schon deutlich auf der Ufenau stehen ... ganz hinten am Kapellchen vorbei auf dem schmalen Weg am Wasser, wo das Holz dicht an den See drängt. Sie hatte blaugrüne Flutaugen, gräßlich bohrend und süßlockend zugleich, »dämonisch«, wie ein guter Dichter sagen würde, sie schloß bald die Arme, die so weiß waren, wie gebleichte Kameelsrippen im Wüstensand, bald öffnete sie dieselben in riesigen Verlängerungen mit einer Art unbeschreiblicher Wellenbewegung in die unermeßliche Ferne hinaus – und beim Einholen ließ sich Karl Martini jedesmal an den eiskalten Busen ziehen ... aufschluchzend küßte er die automatenhafte Herrin seiner Seele auf den bleichsüchtigen Mund ... Tang und Schilf ihrer Locken umstrickten ihn, bis er gänzlich die Besinnung verlor ...

»Herr ... Herr Martini ... Sie kennen mich ... doch ... wohl noch ... vom letzten Jahr ... vom ... vom Friedenskongreß ... wie geht es Ihnen denn? Sie machen wohl so einen kleinen Ausflug ... ich will nach Stäfa, fahren wir ja ein Stückchen zusammen, wie? ...«

Der kräftige, etwas schwammige Druck einer dickfleischigen Hand riß den Todeskandidaten rücksichtslos vom feuchten Busen seiner geliebten Ewigkeitsbraut ... er sah auf und erhob sich mit melancholischer Unhöflichkeit, noch halb zusammengeduckt: »Ach, Herr Schulze, Herr Schulze ... verreisen Sie ... ja, es war so schönes Wetter ... nicht wahr, ein ganz merkwürdiger Frühling ... Sie sind wohl in Geschäften ... wie geht es Ihrer Frau Gemahlin? Ja, das waren recht hübsche Tage in Bern, Ihr Komitee hat sich wirklich sehr verdient gemacht ... Dieser leider etwas begossene Ausflug nach Luzern ... und die Festtorten mit dem weißen pax parat pacem-Aufguß waren vorzüglich ... wissen Sie, das Mittelstück der Torte an unserem Tisch, also dieses fruchtkandierte Centralsymbol des Weltfriedens gleichsam, wissen Sie, das hat sich Fräulein Blüthmann eingesteckt, und ich hatte darauf spekuliert, scheußlich ...«

Martini sprudelte seine Friedensworte nur so dem dicken Apotheker ins Gesicht, der sich mit der ganzen Wucht seiner breitbehäbigen Sitzbasis neben ihm niederließ und sein gutmütiges Bullenantlitz in einen über und über lachenden Vollmond verwandelte ... Gewaltig grinsend saß er da und käute freundliche Worte der Entgegnung wieder; sein neunundneunzigprozentiges Bäuchlein dehnte sich behaglich in die Weite ... Da stellte sich Karl Martini, den angesichts der elefantenhäutigen Position des Philisterdaseins – ein solches verkörperte sich mit kurioser Komik in dem ganzen Habitus des guten Apothekers – von Anfang an eine lächerliche Anwandlung durchprickelte, aufrecht vor seinen Reisebegleiter hin und fragte ihn mit halbironischem Seufzer: »Sagen Sie mal, Herr Pharmazeut, was halten Sie denn nun eigentlich vom suicidium vermittelst aqua non destillata

»Sui–cidi–um?« Herr Schulze stützte das kropfartige Doppelkinn auf seinen knollig-massiven goldenen Stockgriff und dachte einen Augenblick tief Atem holend nach. »Für welche Krankheit wird denn das verordnet, Herr, Herr Martini? Mir scheint das ein neues Präparat zu sein ... i, sollte ich das nicht kennen? Su–i–ci–dium? Mit aqua non destillata, sagten Sie? Wahrscheinlich auch so eine sozialdemokratische Erfindung ... Nun sollen die Apotheken gar verstaatlicht werden, es ist nicht zu glauben, was diese Herren Sozialischte mit ihren Weltverbesserungsideen noch alles aushecken ... Sui–cidi–um ... na, wozu wollen Sie denn dies neumodische Mittel gebrauchen?«

Karl wurde immer lächerlicher gestimmt; der nervös gesteigerte Lachreiz kitzelte sein Gehirn mächtig.

»Zu Suicidium greift man, und nicht erst neuerdings, Herr Schulze, wenn man sich völlig und ein für allemal ... von allen Krankheiten, von allem Elend ... gründlich kurieren will. Das Universalmittel wird in vielen Formen gegeben ... ich sprach vorhin von reinem Seewasser ... sagen Sie – was ist Ihnen sympathischer, das Wort Selbstmord oder das Wort Freitod?«

»Selbstmord? Von was reden Sie denn? Blödsinn – Selbstmord ... Sie machen doch keine Scherze? Ich sage Ihnen, wer sich selbst umbringt, ist in meinen Augen ein ... ein ... mir fehlt das Wort ... wie kommen Sie nur auf so was? Es ist doch so schönes Wetter heute ...« Die Stimme des Apothekers erhielt einen fast weinerlichen Klang ... »und Sie sprachen von ... Sehen Sie, junger Mann« – und jetzt richtete sich Herr Apotheker Schulze im Sitzen mit wuchtiger Gravität empor – »sehen Sie, wenn man im Leben eine solide Unterlage hat, wie unsereins« ... er ließ eine angemessene Würdigungspause eintreten – »dann denkt man gar nicht einmal an ...« – und er machte eine Bewegung, wie ein junges Mädchen, das eine Spinne abschüttelt.

»Herrliberg!« In diesem Augenblick kreuzte der »Lukmanier« mit der von Rapperswyl zurückkehrenden »Berna«, letztere legte an den »Lukmanier«, um durch diesen den Kontakt zur Landungsbrücke herzustellen ...

»Entschuldigen Sie einen Moment, Herr Schulze!« mit diesen Worten stürzte Karl Martini zur Passagierbrücke und auf die »Berna« hinüber ... als er gleich darauf Zürich wieder zufuhr, sah er rückblickend, wie der Herr Apotheker Schulze sein gedankenschweres Haupt nach allen Seiten drehte, augenscheinlich um den abhanden gekommenen Herrn Friedensdichter Martini an Bord des »Lukmanier« irgendwo zu erspähen.

Und Karl konnte sich wieder einmal krampfhaft auslachen; fast schien es in seinen Augen aufzublitzen: statt der fahlen Donna Mors mit ihren feuchten Fangarmen glaubte er sogar einen Augenblick den kühnen Ritter Ulrich zu sehen, wie er ihm mit lichtflammendem Schwerte grüßend zuwinkte ...