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Gustaf af Geijerstam: Die Brüder Mörk - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorGustaf af Geijerstam
titleDie Brüder Mörk
publisherS. Fischer, Verlag
translatorGertrud I. Klett
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080110
projectid486985fb
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Fünftes Kapitel

Die Dahlien standen in Blüte und welkten im Nachtfrost. Septemberstürme fegten durch die nassen Wälder, Regengüsse weichten die Wege auf und im Park wirbelten schmutzige, gelbe Blätter im Wind oder fielen, vom Frost geknickt, sachte nieder und deckten das Gras mit schwerem, feuchtem Teppich. Dann kamen klare Oktobernächte mit Kälte und Frost. Unter den Sohlen der Fußgänger knirschte es wie Eis. Schon im November fiel der erste Schnee und hüllte Wald und Feld in seine schwere, kühle Decke, in die Wege und Steige, wo Schlitten klingelten oder Menschenfüße stapften, tiefe Furchen schnitten. Weihnachten kam und ging. Es war ein stilles Weihnachten, stiller als man es sonst seit der Zeit der neuen Herrschaft auf Kolsäter gewöhnt war. Der Major machte vor der Festzeit seine übliche Reise in die Stadt und kam an einem Dezemberabend, an dem der Wind in den Wäldern heulte, mit einem ganzen Schlitten voll Kisten und Paketen zurück. Der Christbaum wurde aus dem Wald gebracht, und die Riesengarbe für die Vögel wurde aus der Scheune geholt und an einem Pfahl der Haupttreppe gegenüber aufgerichtet.

Weihnachten kam und ging. Aber bei der Familie auf Kolsäter kehrte es nicht ein.

Brite hatte sich selbst überschätzt. Sie hatte sich an einer Bürde verhoben, die immer schwerer ward, je länger sie sie trug. Und Tag und Nacht irrten ihre Gedanken wie erschreckte Nachtfalter um den Funken des neuen Lebens, der in einer unglücklichen Stunde in ihr entfacht worden war. An ihm verbrannten sich Brites Gedanken die Flügel, so daß sie machtlos niedersanken; und was ihr zum Glück hätte werden sollen, ward ihr nur zum Leid.

Sie hatte auch keine Seele, an die sie sich hätte wenden können. Der Major hatte genug an sich selbst, zeigte auch nie irgendwelche Freude über das Kind, das kommen sollte. Brite erwartete das auch gar nicht, und wenn ihr Mann etwas derartiges gesagt hätte, so hätte sie ihn trotzdem durchschaut und gewußt, daß er sie nur aus Mitleid hinters Licht führen wollte.

Am schlimmsten waren die langen Winterabende. Schweigend saßen die drei Mitglieder der Familie um die Lampe, Erling mit einem Buch beschäftigt, Brite mit ihrer Handarbeit. Das Klavier war geschlossen, und statt der Musik, nach der sie sich sehnte, sah sie ihren Mann stundenlang über die Karten gebeugt sitzen und Patience legen.

Brite tat an solchen Abenden Erling immer besonders leid. Und einmal, als der Knabe gegangen war, um sich zur Ruhe zu legen, wandte sie sich an ihren Mann und sagte:

»Wieviel glaubst du, daß Erling eigentlich weiß?«

»Meinst du von meinem Zustand oder deinem?« entgegnete rasch der Major.

»Von meinem, meine ich,« sagte Brite leise.

Der Major schob mit einer ungeduldigen Gebärde die Karten zusammen. Die Worte, die er gesprochen hatte, reuten ihn. Um sich gleichsam zu verteidigen, äußerte er heftig:

»Was mir geschehen ist, berührt ja auch ihn. Einmal muß er es ja doch erfahren, daß er einer Familie angehört, die entzweit ist.«

Brite wußte nur zu gut, daß die Gedanken ihres Mannes sich in der letzten Zeit ausschließlich hiermit beschäftigt hatten. Die Furcht vor den tausend Zungen des Klatsches war es, die ihn marterte, die Qual, zu wissen, daß sein und seiner Familie Geschick den Blicken Unbefugter preisgegeben war. Fremde Augen würden sich mit den Angelegenheiten beschäftigen, die ehedem eine heilige Unantastbarkeit umgeben hatte, wie nur feste Familienbande sie geben. Offen und klar sollte die ganze Welt es sehen, daß die Brüder Mörk nicht mehr wie ehedem zusammenhielten. Und so schmutzig war alles geworden, daß die Leute das Recht haben würden, zu sagen, eine lumpige Erbschaftsfrage habe sie auseinandergebracht.

Alles das wußte Brite wohl. Mehr um ihres Mannes Gedanken zu zerstreuen, als weil die Frage selbst sie eigentlich noch länger interessierte, wiederholte Brite dieselbe aber doch noch einmal.

»Was weiß ich?« entgegnete der Major. »Vermutlich versteht er ziemlich das Ganze, wenn ich den Jungen recht kenne.«

»Glaubst du nicht, es wäre trotzdem gut, wenn du ihm ein Wort sagtest?« fuhr Brite fort. »Ich habe es schon einmal gedacht – er ist jetzt bald dreizehn Jahr.«

Der Major schnitt eine Grimasse.

»Es widerstrebt mir, mit meinem Jungen über derartiges zu reden,« war seine Antwort.

»Aber wenn du dich täuschest und er nichts weiß?«

Der Major zögerte eine Weile, eh' er erwiderte.

»Wenn die Notwendigkeit sich einstellt, so findet er sich schon auf eigene Faust aus dem Labyrinth,« sagte er schließlich. »So gut wie ich.«

Aber Brite gab nicht nach.

»Muß man nicht einen Leitfaden haben, wenn man sich aus einem Labyrinth herausfinden soll?« wandte sie ein.

»Den Leitfaden findet man schon selber, wenn man ihn braucht,« schnitt der Major ab.

Brite beschäftigte sich nicht weiter mit der Antwort, die sie erhalten, auch nicht mit der Frage, die die Antwort ursprünglich hervorgerufen hatte. Sie trug etwas weit Schlimmeres mit sich herum, etwas, das sie Tag und Nacht peinigte. Und sie wußte nur zu wohl – hatte der Major seine Hölle, so hatte sie die ihre, und oft genug vermeinte sie, ihre sei die schlimmere. Es ging ihr wie der Jungfrau, die im Berg gefangen saß: Die Zeit ward ihr so lang.

So verlassen fühlte sich Brite, daß sie auch jetzt wieder und wieder ihren Mann betrachtete, als wolle sie seine heimlichen Gedanken erforschen, ergründen, ob er sie denn gar nicht mehr zu hören vermochte, nur wenigstens ein einziges Mal noch, wie er es früher immer gekonnt. Um ihn nicht von vornherein abzuschrecken, machte sie ihre Stimme möglichst ruhig und fragte, als handle es sich um die alltäglichste Sache von der Welt:

»Ist es wahr, Karl Henrik, daß, wenn eine Frau in meinem Zustand flammendes Feuer sieht und gleichzeitig einen großen Schrecken hat, eine wirkliche Todesangst – wenn sie da ... ohne es zu wissen ... ohne etwas dabei zu denken ... ihren eigenen Körper berührt ... irgendwo ... ist es wahr, daß eine Mutter auf diese Weise selber ihr Kind entstellen kann ... daß das Kind ein häßliches ... brandrotes Mal bekommen kann ... für sein ganzes Leben ... z. B. auf der einen Seite des Gesichtes ... oder um das eine Auge herum ... als Erinnerung an die Mutter?«

Brite hatte ruhig gesprochen. Aber während sie sprach, packte sie die Angst. Heißer und heißer fielen ihre Worte, und als sie schloß, bebte ihre Stimme von unterdrücktem Weinen.

»Man sagt es,« antwortete der Major. »Warum fragst du so etwas? Und warum bist du so aufgeregt?«

Brite sah, daß sie sich verraten hatte. Aber das Bedürfnis, zu reden, irgend jemand zu finden, dem sie sich anvertrauen, der den grüblerischen Gedanken, die sie Tag und Nacht marterten, Ruhe geben konnte – alles das wurde übermächtig in ihr. In die Sofaecke zurücksinkend, flüsterte sie ihrem Mann zu:

»Ich fürchte, es ist so mit mir.«

Der Major schüttelte den Kopf. Er nahm, was Brite sagte, für eine durch ihren überreizten Zustand hervorgerufene Einbildung. Zweifelnd betrachtete er das verstörte Gesicht seiner Frau.

»Du bist überreizt und nervös,« sagte er. »Du brauchst Ruhe.«

Brites Mut sank vor diesen Worten. Daß sie noch eben Hilfe erhofft hatte, kam ihr jetzt selber kindisch, unmöglich, überspannt vor. Aber mit einem letzten Versuch, sich verständlich zu machen, sagte sie:

»Weißt du nicht mehr – beim Brand? Ich stand hinter dir und sah alles – die Hände hielt ich ..., das heißt, ich glaube, ich hielt sie ... so recht weiß man so etwas ja nicht mehr später ...«

Sie verstummte. Mit aufgerissenen Augen blickte sie auf den Mann, bei dem sie Hilfe suchte.

Der Major schüttelte wieder den Kopf. Er hatte ja von solchen Geschichten hier und da gehört; aber wie die meisten betrachtete er sie als Ammenmärchen, zu denen sie vielleicht auch gerechterweise gerechnet werden müssen. In diesem Fall jedoch kam es wenig oder gar nicht darauf an, ob zu der Unruhe, die Brite ihrem Mann soeben eingestanden hatte, ein Grund vorhanden war oder nicht. Für sie war die Hauptsache, ob sie ihre Angst los werden konnte, oder ob sie sie weiter mit sich herumschleppen mußte. Sie war so ganz weiblich, diese Angst. Und darum war sie auch dem Major so fremd. Es war nicht bloß seine eigene gedrückte Gemütsverfassung, die ihn am Verstehen hinderte. Es war auch etwas von jenem Unüberwindlichen, Unaussprechlichen, das seit uralter Zeit Mann und Weib scheidet und sie zu Fremdlingen für einander macht. In einem Ton, durch den deutlich eine Art Antipathie klang, antwortete der Major:

»Versuch um Gottes willen, von solchem Zeug loszukommen. Sonst kannst du noch im Ernst krank werden.«

Mit diesen Worten war Brite zum Schweigen geschreckt. Eine Stunde später stand sie allein im Schlafzimmer. Und ehe sie die Rollgardine niederließ, lehnte sie die Stirn gegen die kalte Fensterscheibe und weinte still.

Manch eine Nacht hatte sie so gestanden. Mitten aus dem Schlaf geweckt, war sie aufgestanden und auf weichen Pantoffeln durchs Zimmer geschlichen voll Angst, daß ein Geräusch sie denen, die da schlafen durften, verraten könnte. Draußen wölbte sich kalt der Sternenhimmel über dem gefrorenen Lommen, und zwischen den nackten Ästen der Bäume durch konnte sie weit, weit über den schweren, weißen Schnee hin blicken. Dann kamen die Gedanken zurück, dann wühlte der Schmerz mit seinem Dolch in all den Wunden, an denen die einsame Frau innerlich blutete. Was Brite ihrem Mann gesagt hatte, war noch nicht alles. Immer mehr wurden es der Qualen, die sie beherrschten. Was sie gesagt hatte, war noch nicht einmal das schlimmste.

Es war zuviel gewesen für Brite, alles was da geschehen war. Keinen Augenblick mehr wurde sie ihre Gedanken los. Fortwährend beschäftigten sie sie. Weshalb war wie ein Unglücksvorbote der Brand gekommen? Weshalb hatte man ihn angelegt? Am Tag, an dem Axt-Lars fortgeführt wurde, kam Brite in das Zimmer, in dem er in Gewahrsam gehalten wurde, und sah ihn. Er saß auf der Bank in der Knechtstube, mit ausdruckslosen Blicken die Eintretende anstarrend, während sich die Lippen unter dem struppigen Bart regten, als versuche er zu reden und könne nicht.

Vergeblich sagte ihr der Major, der Mann sei ein Verrückter, und das ganze habe überhaupt nichts zu bedeuten. Brite konnte den Anblick nicht mehr vergessen. Unaufhörlich kehrte er wieder in ihrer Einsamkeit und immer in Verbindung mit der Szene zwischen den Brüdern, und der Ausdruck unversöhnlichen Hasses, den Brite in Nils Görans Blick gesehen hatte, als sie die Unterredung zwischen den beiden Brüdern abbrach, vermischte sich in ihrer Einbildung mit der Erinnerung an den Narren. Und im übrigen – was ging es sie an, daß Axt-Lars ein Verrückter war? Warum hatte er ihr Haus niederbrennen wollen? Was hatten sie und ihr Mann den Menschen allen getan, daß diese sich zusammenrotteten und Unglück über sie brachten?

Brite wurde argwöhnisch. Sie ertappte sich selbst dabei, daß sie vor den Türen stehen blieb und horchte, ehe sie öffnete. Es war, als lauere alles Böse auf sie in diesem alten Haus, das ein Sonderling in einer Laune erbaut und aus irgend einem geheimnisvollen Anlaß, den kein Mensch kannte, weggeschenkt hatte. Von Zimmer zu Zimmer jagte sie manchmal der Schreck, nirgends fand sie Ruhe und niemand konnte sie sagen, was sie empfand.

In letzter Zeit hatte der Major angefangen, seiner Frau viel mehr Freundlichkeit zu erweisen, als seither. So oft er frei war, leistete er ihr Gesellschaft. Abends wählte er Bücher aus, von denen er dachte, sie müßten sie interessieren, und las ihr stundenlang vor. Manchmal öffnete er sogar den Flügel und spielte ihr ihre Lieblingsstücke von Mozart, Haydn und Bach.

Aber alles das tat der Major rein mechanisch. Es war ja seine Pflicht, in dieser Zeit gut gegen seine Frau zu sein. Aber seine Gedanken waren weit von ihr. Und Brite wußte das auch. Sie sah, wie gebeugt er ging, wenn er allein über den Hof wandelte. Wenn er das Klavier zugemacht oder das Buch weggelegt hatte, sah sie, wie seine Augen erloschen, als habe er vergessen, daß er nicht allein war. Und darum ward seine Freundlichkeit ihr nur zur neuen Last. Hilflos wie ein Kind ging sie in die Nacht hinein.

Lange, schlaflose Nächte durch wankte Brite friedlos in ihrem geschlossenen Zimmer umher. In ihr flüsterte eine verräterische Stimme, die mehr und mehr den klaren Verstand übertönte: »Geh hinunter, den breiten Sandweg hinunter, zur Brücke, wo das Wasser tief ist!« Und schaudernd weinte Brite über sich selber, daß eine solche Versuchung an sie herantreten konnte; und wirrer und wirrer ward es in ihr, als sie merkte, daß sie im Grunde gar nicht sterben wollte. Sie wollte weder Erling, noch ihren Mann, noch ihr Heim verlassen. Erdgefesselt war sie; und ihre Sehnsucht stand nicht zu Gott.

In solchen Nächten griff Brite zur Bibel. Und manche Stunde saß sie über das alte Buch gebeugt auf dem schemelförmigen Toilettestuhl mit dem Überzug aus Stramin, den sie selber genäht hatte. Auf der Kommode brannte die Nachtlampe. Die Gardinen waren aufgezogen. Sie las die Worte der Evangelien und versuchte, mit ihnen ihre Angst zu beschwichtigen. Manchmal gelang ihr das auch. Und an solchen Abenden ging sie dankbar zu Bett, fest entschlossen, ihren Sinn vom Irdischen abzuwenden und ihre Freude allein in Gott zu suchen.

Nach ihrem Gespräch mit dem Major verbarg Brite die Angst, die mehr und mehr in ihr wuchs, nur noch sorgfältiger als zuvor. Aber die überanstrengte Verschwiegenheit brach schließlich ihre Kraft; und eines Tages im Februar zwang der Doktor sie, sich zu Bett zu legen.

Doktor Roeler war ein Witwer, der mit einer unverheirateten Schwester im Doktorhaus an der Straße nach Binga hauste. Man erzählte sich von ihm, der Gram über eine mißglückte Operation habe ihn dereinst von der Hauptstadt vertrieben, in der er sich als junger Arzt niedergelassen hatte, über seinem ganzen Wesen lag etwas Gedämpftes, und seine Augen waren schwermütig von all dem Jammer, den er gesehen hatte, ohne helfen zu können. Aber wenn seine stattliche Gestalt in der Tür eines Krankenzimmers erschien, ging von ihr stets die beruhigende Wirkung aus, die des Arztes beste Gabe ist; und er behandelte seine Patienten mit einer gutmütigen Herzlichkeit, als habe er es mit Kindern zu tun.

Als er Brite wohlaufgehoben in ihrem Bett wußte, ging der Doktor ins Schlafzimmer, setzte sich auf einen Stuhl ans Bett, betrachtete die Kranke freundlich und äußerte:

»Ich glaube gar, man hat Ringe um die Augen, und die Backen sind ganz abgefallen! Das geht nicht. Man jagt sich doch nicht etwa selber Angst ein? Das macht die Sache nur schlimmer!«

Er rückte die Brille zurecht und wischte sich mit einem großen rotseidenen Taschentuch den Bart. Brites Augen füllten sich mit Tränen. Aber sie vermochte nichts zu antworten.

Jetzt gewahrte der Doktor die Bibel, die voller Buchzeichen und Bänder, die zwischen den Blättern herausstanden, auf dem Nachttisch lag. Der Doktor hustete und sah einen Augenblick unschlüssig aus.

»Folgen Sie meinem Rat, liebe Gnädige,« sagte er, »lesen Sie nicht allzu viel in diesem Buch jetzt gerade. Und denken Sie überhaupt nicht so oft an den Himmel, sondern an die Erde. Das regt bloß auf. Auf dieser sündigen Erde bleiben dürfen – das ist's ja doch, was wir im Grunde alle wollen.«

Damit verabschiedete sich der Doktor und ließ Brite allein.

Die guten Ratschläge halfen Brite jedoch nichts. Und daß jemand ihr davon abraten wollte, in der Bibel zu lesen, fand sie sündhaft. Sie wurde schwächer und schwächer, und zuletzt fing sogar der Major an, sich von der Angst seiner Frau angesteckt zu fühlen.

Als er dann endlich eines Morgens früh von der allgemeinen Unruhe geweckt wurde, die die Geburt eines Kindes zu begleiten pflegt, konnte er es daheim nicht mehr aushalten. In seinen hohen Stiefeln, die Büchse über der Schulter, wanderte er in den frühen Wintermorgen hinaus, den Waldweg entlang, der zum Rabenwasser führte. Der Weg war tief verschneit; es war noch kaum so dämmrig, daß der Major sah, wo er ging. Dicht und dunkel drängte sich das Buschwerk um ihn zusammen. Wohin er blickte, lag weiß und dicht der Schnee auf Wegen und Bäumen.

Als er etwa eine Stunde gegangen war, fing die Helle langsam an, den Sieg über das nächtige Dunkel davonzutragen. Auf einem Bauernhof in der Nähe krähte ein Hahn. Der Major schlug einen ausgetretenen Steig ein, der nach dieser Richtung führte, und stand bald vor einem Häuschen, aus dessen Schornstein der Rauch gegen den kaltblauen Himmel aufstieg. Wie es seine Gewohnheit war bei derartigen Gängen, trat der Major ein, um sich mit einem Glas Milch und ein paar rohen Eiern zu erfrischen.

Sein Eintreten weckte große Bestürzung in der niederen Hütte. Eine einsame Frau saß drinnen halb angekleidet auf dem Bett. Auf dem Herd brannte ein Feuer. Ruhig schloß der Major die Tür hinter sich und sah sich um.

»Wo ist dein Mann?« fragte er.

»Er ist vor einer Weile fortgegangen,« erwiderte die Frau. »Es pressiert mit den Kohlen um diese Zeit.«

Darauf stellte sie ein Talglicht auf den Tisch und zündete es an. Sie brauchte lange, ehe sie mit Stein und Stahl und Zunder Feuer zuwege gebracht hatte.

Der Major lächelte.

»Hast du keine Schwefelhölzer?« fragte er. »Oder bist du vielleicht eine von denen, die geschworen haben, nur mit Stein und Stahl Feuer anzuzünden?«

»Nein,« antwortete die Frau. »Es ist wohl hauptsächlich Anders. Er will es so.«

»Er ist ja auch so viel älter als ich,« fügte sie gleichsam entschuldigend hinzu.

Es war dies eine der brennenden Fragen in dieser abgelegenen Gegend. Gar viele behielten den alten Stahl bei, weil man wußte, er half gegen Zauberei, eine Eigenschaft, die den neuen Schwefelhölzern ganz und gar abging. Dem Major war das wohl bekannt. Er wußte auch, wollte er versuchen, diesen Gegenstand zu berühren, so würde die Frau einfach verstummen. Darum wich er den Schwefelhölzern aus und sagte, nachdem er seine Wünsche ausgesprochen hatte:

»Na, Sara, wie lang ist es jetzt her, daß du auf dem Herrenhof gedient hast?«

»Vier Jahre sind's,« war die Antwort.

»Du warst im Stall, nicht?«

»Ja.«

Die Antwort klang ziemlich kurz.

Während der Major sich an den Speisen erfrischte, die ihm auf dem gestrichenen Holztisch vorgesetzt wurden, sah er sich in der niederen Stube um. Ärmlich genug sah es aus. Und in einer Ecke entdeckte er etwas, das er zuerst nicht gesehen hatte, nämlich einen baufälligen Gegenstand, der aussah wie eine Wiege. Fast im gleichen Augenblick begann ein Kind zu schreien. Der Laut kam so unerwartet schrill und scharf und kreuzte so seltsam seinen eigenen Gedankengang, der bei allem, was er zum Schein unternahm, in höchster Erregung war, daß der Major zur Wiege hin ging. Er hatte sonst wenig Sinn für kleine Kinder. Aber diesmal sah er das Kleine doch aufmerksam an und fragte dann, sich zur Mutter wendend:

»Wie alt ist er?«

»Es ist ein Mädchen,« antwortete die Frau. »Vorige Woche ist es geboren.«

»Heut' ist Dienstag,« dachte der Major. Und als möchte er irgendwelchen unbekannten Mächten für seine eigene Ruhe opfern, legte er eine Banknote auf den Tisch und wandte sich zum Gehen.

Sara's Stimme hielt ihn auf.

»Das ist viel zu viel,« sagte sie. »Das darf ich nicht nehmen – um Anders willen. Er gibt mir kein gutes Wort mehr, wenn er denkt, ich hätte so viel verlangt.«

»Auch nicht, wenn er hört, daß du es von mir bekommen hast?« wandte der Major ein.

Die Frau schüttelte den Kopf und sah noch immer unschlüssig aus.

»Er sagt, es sei eine Schande für die Armen, etwas anzunehmen,« erwiderte sie.

Der Major zögerte einen Augenblick. Dann fragte er plötzlich:

»Anders ist aber doch gut zu dir?«

»Ach ja,« antwortete mit abgewandtem Blick die Frau. »Aber er ist eben so viel älter.«

Der Major betrachtete die Frau eine Weile schweigend. Sie sah noch jung aus, und nichts verriet, daß sie erst vor wenigen Tagen ein Kind geboren hatte.

»Du bist eine tüchtige Frau,« sagte er dann. »Und warst es immer. Du weißt, daß ich dich seinerzeit vor Anders gewarnt habe. Ich habe dir's schon damals gesagt: Er ist zu alt für dich. Aber du hast ihn einmal genommen. Jetzt heißt's ausharren. Grüß' ihn von mir und sag' ihm, ich schenke ihm das Geld von Herzen gern als Beitrag zur Taufe.«

Damit bückte sich der Major unter der niederen Türöffnung und wanderte wieder zwischen den Kiefern hin, deren Zweige schwer von Schnee herabhingen. Er ging an frischen Hasenspuren vorüber, ohne ihnen zu folgen, er hörte über sich den schweren Flügelschlag des Auerhahns; aber er sah nicht auf. Von dem Steig gelangte er auf die schmale Waldfahrstraße, die zum Hammer führte. Der Schnee war schwarz gefärbt von Kohlengestübbe, hinter ihm klangen Schlittenglocken durch den Wald. Es waren Kohlenfuhren, die kamen. In einer langen Reihe tauchten jetzt Pferde und Fuhrwerke auf, große, unförmliche Schlitten, die kleinen auf Kufen gestellten Häusern glichen, kleine, zottige Pferde, die in sachtem Trott daherstapften, die Fuhrleute gebückte, ruhige Männer in hohen Stiefeln und Schafpelzen, die im Takt mit den prustenden Pferden schwer den Schnee stampften.

Der Major trat zur Seite in den Schnee und ließ den Zug an sich vorüber. Neben jeder Kohlenfuhre ging ein Fronbauer, der beim Anblick des Herrn die Mütze lüftete. Der Major kannte sie alle und grüßte sie, indem er jeden einzelnen bei Namen nannte. Als der letzte Schlitten an ihm vorüberfuhr, trat der Major auf den Weg zurück und ging neben dem Fuhrmann her. Es war ein kleiner, graubärtiger Alter in Pelzrock und Pelzmütze, der sich durch die Gesellschaft des Herrn augenscheinlich geniert fühlte.

»Du hast ein Kleines daheim, wie ich vorhin gesehen habe,« begann der Major, neben der Kohlenfuhre einherstampfend, die über ihm schlingerte und knirschte.

»Ja,« antwortete der Angeredete. »Es sieht fast so aus.«

»Was soll das heißen?« rief der Major.

»Daß ich ein Kleines hab', ist sicher genug,« lautete die Erwiderung, »aber ob es just meines ist, kann keiner wissen – wenn ein junges Weib allein daheim ist.«

»Schämst du dich nicht, von deiner eigenen Frau so zu reden? fuhr der Major auf.

»Doch,« antwortete Anders düster. »Ich schäme mich schon. Aber vor der Wahrheit läuft keiner davon – sie nicht und ich nicht.«

Der Major machte dem Mann ein Zeichen, die Fuhre anzuhalten.

»Komm in der nächsten Woche mit deiner Frau zu mir hinüber,« sagte er, »daß ich einmal mit euch beiden reden kann.«

Damit nickte er zum Abschied und schlug einen Seitenweg ein, der ihn über die Felder heimführte. Das Vorgefallene beschäftigte ihn nicht weiter. Als Gutsherr war er daran gewöhnt, in den Angelegenheiten seiner Untergebenen den Schiedsrichter zu spielen. Er behandelte sie – im Guten und Bösen – wie Kinder und hegte etwas von den Herrschergefühlen eines barschen und wohlmeinenden Vaters für die Leute der Ortschaft, deren anerkannter Herr er war.

Die Sonne war aufgegangen; ringsum färbten sich die Tannen rot. Die blauen Schatten des Waldes fielen lang über das weiße Feld. Jenseits der Schattengrenze funkelte das Schneefeld in der Morgensonne. Es war tüchtig kalt. Trotzdem wurden des Majors Schritte immer langsamer, je mehr er sich dem Hause näherte. Er kam noch immer zeitig genug – däuchte ihm.

Das Kind kam erst am andern Tag zur Welt. Droben herrschte noch immer dieselbe Todesstille wie seither. Als der Major gegen Abend ins Krankenzimmer trat, glitt die Wärterin ihm entgegen und bat ihn, leise zu sein.

Da erst begriff er, daß alles vorüber war. Aber etwas an den schweigenden Menschen da drinnen erschreckte ihn.

Bleich, mit geschlossenen Augen, lag Brite im Bett. Ihr schwarzes Haar war feucht. Ihre Hände lagen mager und weiß auf der Decke.

»Wie steht's?« flüsterte der Major.

Die Hebamme sagte etwas von dem Kind, das er nicht verstand. Er unterbrach den flüsternden Redeschwall, indem er kurz und leise sagte:

»Brite – wie steht's mit Brite?«

Die Gefragte verstummte jäh. Und ohne auf ihre Einwendungen zu achten, trat er an das Bett. Im selben Augenblick schlug Brite die Augen auf. Aber der Major erkannte ihren Blick nicht. Es war, als suchte sie nach etwas im ganzen Zimmer. Und als der Major sich über sie beugte, flüsterte sie ihm ins Ohr:

»Das Brandmal, das Brandmal!«

Schaudernd wandte er sich ab. Ein eisiger Schreck ergriff ihn.

»Was meint sie?« flüsterte er der Hebamme zu.

Die Alte winkte ihm, an allen Gliedern zitternd, nach dem Waschtisch hinüber, wo im Schatten die Wiege stand. Der Major beugte sich vor und sah ... das war nicht das Gesicht eines Kindes, das ihm da entgegenschaute ... das war eine formlose weiße Masse, aus der ein paar leere, weiße Augen hervorschauten ...

»Es ist gleich zu Ende,« flüsterte die Hebamme.

Der Major faßte so nach und nach das Unglück, das ihn betroffen hatte. Aber er faßte es noch nicht in seiner ganzen Tragweite. Vom Bett her hörte man Brites Stimme tonlos wiederholen:

»Das Brandmal, – das Brandmal!«

»Was meint sie?« sagte der Major. »Ist da ... ein Brandmal?«

»Nein,« erwiderte die Alte. »Aber es wird gut sein, wenn der Doktor kommt.«

Und wieder wiederholte die Kranke dieselben tonlosen Worte. Eine Gebärde nach der Wiege hin machend, faßte der Major sein ganzes Entsetzen in die Worte zusammen:

»Hat sie ... das Kind gesehen?«

Die Hebamme kroch vor dieser Frage gleichsam erschrocken zusammen. Leise, so daß bloß der Major sie hören konnte, antwortete sie:

»Die Gnädige hat uns befohlen ... und wir mußten gehorchen ...«

Der Major tat einen tiefen Atemzug. Dann trat er, seine Erregung beherrschend, wieder zu Brite und versuchte, ihr gut zuzureden.

Sie lag jetzt ganz still, mit geschlossenen Augen, und ihr Gesicht trug den Ausdruck vollkommenster Gleichgültigkeit. Nichts, was ihr dereinst teuer gewesen, nicht einmal die Liebe ihres Mannes vermochte mehr die große Angst zu durchdringen, die ihr Ich mehr und mehr auflöste. Und unter den bebenden Lidern hervor rannen jetzt vor aller Augen die Tränen, die Brite oft, viel zu oft, geweint hatte – einst, als niemand ihr Leid sehen wollte ...

Die Stunden gingen, leer, einförmig. Immer unfaßlicher wurde dem Major der Zustand seiner Frau. Das Kindchen starb schon am Morgen nach der Geburt. Brite hatte gar nicht mehr danach verlangt. Es war, als existiere das wirkliche, lebendige Kind gar nicht für sie. Ein andres Kind war es, das ihre Phantasie erfüllte. Den ganzen Tag lag sie im Halbschlummer, mit hohem Fieber. Wenn sie erwachte, phantasierte sie von einem Kind, das sie geboren hatte und das gleich nach der Geburt schon gehen konnte. Über sein ganzes Gesicht flammte ein roter, in die Haut eingebrannter Schein. Und Brite richtete sich in ihrem Bett auf und rief alle Menschen zu Zeugen dessen auf, was sie da sah ... Dazwischendurch schwatzte sie von einem Verrückten, der in Gängen und Korridoren umherschlich und Kolsäter anzünden wollte ...

»Die Gnädige redet irre,« sagte der Doktor. »Wir müssen abwarten ...«

Am Morgen des vierten Tages saß der Major an Brites Bett und freute sich, daß sie ihm ruhiger erschien. Sie redete klarer als bisher über das Vorgefallene. Und zum erstenmal während ihrer Krankheit besuchte auch Erling die Mutter.

Als er das Zimmer wieder verlassen hatte, verdüsterte sich plötzlich Brites Gesicht. Sie richtete sich heftig auf.

»Gib mir meine Kleider,« murmelte sie, »ich will aufstehen.« Und als der Major Einwendungen machte, schrie sie:

»Ich seh' ihn wieder. Du kannst ihn nicht sehen. Er steht vor der Tür. Aber er ist da ...«

Sie saß aufrecht im Bett, mit funkelnden Augen. Der Major mußte seine ganze Kraft anwenden, um seine Frau davon zurückzuhalten, daß sie heraussprang. Eine ganze Weile kämpfte er förmlich mit ihr. Als sie dann endlich schwer atmend wieder in den Kissen lag, war es plötzlich, als sehe sie einen Augenblick lang klarer als alle anderen, wie es mit ihr stand. Sie faßte die Hand des Majors und zog ihn zu sich.

»Verzeih' mir,« flüsterte sie. »Verzeih'! Ich weiß ja nicht was ich tue.«

Dann schlang sie mit einem unaussprechlich schmerzvollen Ausdruck in dem wachsbleichen Gesicht ihre Arme um den Hals des Mannes und flüsterte ihm ins Ohr:

»Versprich mir eins, Karl Henrik! Schick' mich nicht fort! Nie! Versprich mir das!«

Der Major machte sich sachte aus der Umarmung seiner Frau los und versuchte, ihren Blick zu fangen. »Wie kannst du glauben, ich würde dich wegschicken?« stammelte er. »Was meinst du?«

Brites Augen glänzten fieberhaft. Auf ihren Wangen kam und ging die Farbe.

»Versprich mir, um was ich dich bitte,« bat sie krampfhaft. »Es ist, als ob alles in mir zerbräche. Versprich mir, um was ich dich bitte! Auch wenn der Doktor sagt, ich müsse fort, so gehorch' ihm nicht. Laß mich bei dir bleiben!«

Der Major war sich vollkommen klar, was seine Frau meinte. Aber er gab das Versprechen, das sie verlangte; und einen Augenblick darauf schloß Brite die Augen und sank ermattet in die Kissen zurück.

Gegen Abend kam der Anfall mit verstärkter Heftigkeit wieder.

Und als Doktor Roeler nach einem Besuch bei der Patientin in des Majors Zimmer trat, war sein Gesicht bewölkt und streng. Sich vor den Major hinstellend, sagte er scharf:

»Mach dich auf das Schlimmste gefaßt.«

»Stirbt sie?« fragte der Major.

»Willst du die Wahrheit hören, oder soll ich dich schonen?« Der Major winkte ihm, Platz zu nehmen; aber kein Wort kam über seine Lippen. Er schüttelte nur leise den Kopf und lächelte ...

»Sie erholt sich schon wieder,« sagte der Doktor mit Anstrengung. »Körperlich kann sie wieder gesund werden...«

»Du meinst, Brite könnte den Verstand verlieren?«

»Sie hat ihn schon verloren,« sagte leise der Doktor. Der Major machte eine Bewegung. Aufrecht stand er auf demselben Fleck, keine Veränderung zeigte sich auf seinem Gesicht. Nur die Augenlider zogen sich eng zusammen.

»Meinst du, sie müßte in eine Anstalt gebracht werden?« sagte er endlich.

»Es wäre das beste,« entgegnete der Doktor.

»Niemals,« antwortete der Major. »Hörst du? Ich sage dir: Niemals!«

Er stand noch immer in derselben Stellung; aber sein Gesicht erblaßte langsam.

»Niemals mach' ich mich auf so billige Art von ihr und meinem Kummer frei!«

Der Doktor versuchte keinerlei Überredung. Schärfer als er es für möglich gehalten hätte, funkelten ihn des Majors Augen an. Dann fuhr dieser plötzlich, wie aus einer Betäubung erwacht, auf, ging quer durchs Zimmer, schenkte sich ein Glas Wasser ein und trank. Darauf setzte er sich dem Doktor gegenüber und sagte:

»Wie kann das gekommen sein?«

Der Doktor zog sein rotseidenes Taschentuch heraus und schneuzte sich heftig. Darauf nahm er eine Prise aus der alten silbernen Dose und antwortete:

»Irgend etwas ist vorgefallen, etwas was sie in ihrem Zustand nicht ertragen konnte. Weißt du etwas?«

»Gibt es keine andre Erklärung?« fragte der Major.

»Kaum,« entgegnete der Doktor. »Sie war eine gesunde, frische Frau. Es muß irgend etwas geschehen sein, was sie nicht zu tragen vermochte.«

Langsam faßte der Major die Tragweite, die in den Worten des Arztes lag. Sie gruben sich in seine Seele ein, diese Worte, sie brannten sich in sie ein, als würden sie mit glühenden Eisen in Holz gesengt. Sie brannten schwarz in ihm, und er verstand! Verstand, daß der Bruderzwist ihm mehr geraubt hatte als nur einen Bruder. Zwischen sich, zwischen ihrem Haß und Streit, hatten sie Brites Seele zermalmt. Und in diesem Augenblick brannte sein ganzes Innere, verkohlte und ward zu Staub. Leise sank die heiße Asche und begrub unter ihrem niederfallenden Staub, was er an Teuerstem besessen – Weib, Glück, Kind.

Und noch viel mehr begriff der Major. Aber daß nach all dem ein neuer Tag heraufdämmern konnte – das begriff er noch nicht. Dazu war ihm das Leiden noch zu neu.

Da wiederholte der Doktor seine Frage:

»Weißt du eine Ursache?«

Der Major zitterte am ganzen Körper wie Espenlaub. Aber er hielt dem Blick des andern stand und antwortete nur:

»Ich glaube, ich weiß.«

Eine Weile saß er zusammengesunken unter dem Schlag, der ihn betroffen hatte. Als er wieder aufsah, glühten seine Augen wie Phosphor im Dunkeln; man merkte deutlich, welche Anstrengung die Worte ihn kosteten, die jetzt langsam über seine Lippen kamen.

»Du mußt mich nicht weiter fragen, Doktor,« sagte er. »Das, was ich selber jetzt sehe und verstehe, taugt kaum für die Ohren eines Menschen. Soviel will ich dir jedoch sagen: Es ist nicht eine Sache, die vorgefallen ist, es sind viele. Vielleicht ist es immer so, wenn böse Geister Menschenleben zerstören. Böse Geister haben hier die Hände im Spiel gehabt. Das seh' ich jetzt. Die Kette von Ursachen ist sehr verwickelt. So heißt das ja wohl in der Sprache der Gelehrten. Jedenfalls ist in mir selber alles so verwirrt, daß ich einstweilen nichts weiter zu erklären vermag. Nur das weiß ich: Ich selber bin leider nicht ohne Schuld.«

Während er die letzten Worte sagte, zitterten die Hände des Majors wie bei einem Trinker oder Fieberkranken.

»Es ist für mich das beruhigendste, wenn du wieder zu der Kranken hinaufgehst,« sagte er dann.

Der Doktor ging.

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