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Paul Scheerbart: Na prost! - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleNa prost!
authorPaul Scheerbart
year1987
publisherVerlag Affholderbach & Strohmann
addressSiegen
isbn3-922524-38-9
titleNa prost!
pages3-18
created20010906
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1898
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Paul Scheerbart

Na prost!

Phantastischer Königsroman

O Polizeistaat, Deinem Genie
Verdankt die Welt die Graphologie
Und die köstliche Physiognomik.

Lichtenberg


Meinem verhaßten Richard Dehmel


«Die Erde ist längst entzwei!»

Diesen großen Satz ruft wehmütig der kühne Brüllmeyer in die achtkantige Flasche hinein.

Mit einem unvergleichlichen Aufschrei, in dem Wut und Freude und Schreck und Beklemmung miteinander tanzen, springen Passko und Kusander in die Höhe.

«Ist sie wirklich entzwei?»

«Wir haben ja Nichts gehört!»

«Das ist eine Gemeinheit!»

«Das ist ja großartig!»

So und so ähnlich schreien sich die Drei an; die Wände der achtkantigen Flasche dröhnen.

Und dann wird getrunken! Meerblauer Narrenwein wird getrunken!

«Na prost!»

«Es lebe die Erde, die längst entzwei ist!»

*           *
*

«Kinder!»bemerkt bedächtig der alte Kusander, «ich weiß gar nicht, wo mir mein Kopf steht. Ich weiß nur, daß ich mich an Verschiedenes nicht mehr erinnere; wir waren zuletzt sehr stark bezecht.»

«Natürlich!» erwidert lebhaft der Passko. «Jetzt nimm dich aber ein bißchen zusammen. Du weißt doch, daß wir auf Sumatra aufgestiegen sind.»

«Mir ist ganz dösig!» sagt darauf der alte Kusander. «Wie sind wir denn bloß nach Sumatra gekommen?»

«Nanu?» donnert nun der kühne Brüllmeyer los, «du hast doch nicht deinen Verstand verloren? Mensch, was machst du für Sachen? Weißt du, daß wir vor acht Tagen noch im alten Deutschland herumkrabbelten?»

«Jawohl», flüstert Kusander, «wir waren im alten Berlin und sahen uns dort die Ergebnisse der letzten Ausgrabungen an. Die Gegend war sehr lehmig, und die ausgegrabenen Häuser waren noch lehmiger.»

«Siehst du!» stößt nun freudestrahlend der kühne Brüllmeyer heraus, «wir haben uns dann plötzlich Hals über Kopf von Berlin durch die Alpen nach Venedig begeben, setzten uns in unser Motorboot und fuhren durchs rote Meer schnurstracks nach Sumatra. Wir schossen nur so durchs Wasser! Das war eine wilde Fahrt! Und was machten wir nun in Sumatra?»

«Nu hör schon auf!» gibt jetzt schmunzelnd der Kusander zurück. «Jetzt weiß ich schon Alles! Wir tranken furchtbar, kletterten in die achtkantige Flasche und ließen uns von den sieben großen Riesenballons in die Wolken heben.»

«Stimmt!» fällt da der Passko ein, «wir sind nicht weniger als dreizehntausend Meter gestiegen. Und oben sind wir von der Schleudermaschine regelrecht abgeschleudert worden – ganz kurz vor dem Augenblick, in dem der Zusammenstoß stattfand. Die Schleudermaschine hat leider ihre Schuldigkeit so heftig getan, daß wir beim Abreißen der Drähte sofort Hören und Sehen verloren. Und so ist es gekommen, daß wir vom Zusammenprall des eisernen Kometen mit unsrer alten Erde Nichts gehört und Nichts gesehen haben.»

«Daher ist mir auch», spricht nun tief aufatmend der alte Kusander, «so dösig zu Mute! Die Polsterwände sind also doch noch nicht weich genug gewesen! Das hab ich ja gleich gesagt! Na prost!»

«Na prost!» brüllen alle Drei.

Und sie trinken ihren meerblauen Narrenwein, und sie schütteln dabei immer wieder ihren gelehrten Kopf, denn sie könnens noch immer gar nicht begreifen, daß sie gerettet sind und noch leben.

Aber – freuen tun sie sich – Donner-Wetter! Kein Dieb kann sich so freuen – wie die drei Gelehrten in der achtkantigen Flasche sich freuen!

«Na prost! Na prost!»

Mehr hört man schließlich nicht mehr.

*           *
*

Nachdem sie sich ihre meterlangen Zigarren angezündet haben, freuen sie sich über die Unmenge Proviant. Der ist ja für sechs Männer berechnet gewesen. Sie haben also grade noch einmal so viel, als sie brauchen!

Das ist gar nicht so übel!

Ural-Kaviar in präparierten Kalbslederschläuchen – ausgenommene Schaltiere – eingepökelte Gebirgsschnecken – gedörrte Lachsforellen – Räucherfische – Hühner in Eiweiß – Semmel aus Celebes – Austern in Steinröhren – Känguruh-Schinken – hundert Schnapssorten – Narrenwein – meterlange Zigarren – und viele andre schöne Sachen – in Kruken, Blechbüchsen und Flaschen – – – Alles ist in Hülle und Fülle da!

«Nicht übel!» rufen sie lachend und qualmen dazu abenteuerliche Rauchwolken gegen die seidenen Polsterwände. Die einzelnen Räume sind im Innern der Flasche ganz und gar von oben bis unten gepolstert – köstliche bunte seidene Webereien mit unglaublichen Fabeltieren und Märchenblumen!

Auch die Küche, die Provianträume und die Badestuben sind von oben bis unten gepolstert.

Die Räume haben alle möglichen Formen, doch die Röhrenform herrscht vor.

Elektrisches Licht leuchtet weiß und bunt – wie mans grade haben will.

Die Drei sind sehr lang und schlank – zwei und einhalb Meter groß – ihre Kleider umschließen den Leib fest und bequem – die langen Beine sehen beinah wie Schlangen aus.

Alle Kleider – auch die Mützen – bestehen aus schwarzer Seide mit üppiger Goldstickerei.

Die schief geschlitzten Augen der drei Gelehrten leuchten wie schwarze Diamanten.

In den Polstern ticken prächtige bunte Email-Uhren. Und das kommt den Gelehrten sehr komisch vor – denn was brauchen die jetzt noch zu wissen, was die Uhr ist.

*           *
*

«Es ist tatsächlich», ruft der kluge Passko, «gradezu berauschend, daß wir hier ganz gemütlich im Weltall herumfliegen. Es ist also wirklich gekommen, wie wir dachten. Durch den Zusammenstoß der beiden Weltkörper hat sich sofort eine so fürchterliche Gasmasse entwickelt, daß wir von dieser Gasmasse einfach fortgeschleudert wurden. Die Schleudermaschine war also eigentlich überflüssig. Aber man konnte ja nicht annehmen, daß die Ballons volle dreizehntausend Meter steigen würden. Es ist zum Verrücktwerden schön, daß wir gerettet sind! Jetzt sind wir nicht mehr Erdbewohner – wir sind die Geister der achtkantigen Flasche! Na prost, Brüder!»

Hell klingen die hohen spitzen Gläser zusammen. Bald liegt man sich gerührt in den Armen.

«Wir sind von der Erde endlich losgekommen!» brüllt Brüllmeyer in der höchsten Raserei.

«Kinder», bemerkt der alte Kusander ernst, «wir wollen aber trotzdem nicht vergessen, daß wir Germanisten sind und darum unser altes Leib- und Magenlied singen. Hier in der achtkantigen Flasche muß es ganz merkwürdig klingen.»

Und sie singen:

Deutschland, du Wunder aller Zeiten,
Du bist der Traum – die Seligkeit!
Deutschland, du bist die Perlenblüte
Auf unsrer Erde grünem Kleid!
Wir wollen nur für dich erglühen,
Denn du bist dumm und doch gescheit!
Deutschland, du bist das Land der Tollheit!
Du bist der Traum – die Seligkeit!

Und sie weinen.

*           *
*

Brüllmeyer steht draußen am großen Fenster und starrt in die große Weltenglut.

Die beiden Andern schlafen bereits. Sie wissen nicht, wo sie mit ihrem Kopf hin sollen und legen sich zuletzt in die Hängematten, da die Anziehungskraft andrer Weltkörper immer wieder auf einer anderen Seite spürbar ist.

Die an den acht Seiten der achtkantigen Flasche liegenden Räume sind ganz aus Glas – kostbare Emailwände und dicke teils farbige teils nichtfarbige Fenster mit großen Aussichtsscheiben!

An der größten Aussichtsscheibe steht nun Brüllmeyer und starrt in die Glut. Das Thermometer zeigt draußen 40° Wärme, trotzdem in dem großen Netzwerk, in das die Achtkantige eingesponnen ist, um den Zusammenstoß mit anderen Weltkörpern gefahrlos zu machen, nicht weniger als fünfzig Kühlapparate stecken.

Alles ist draußen ganz feuerrot – eine Welt verbrennt! Brüllmeyer läßt wehmütig den Kopf sinken, als er all der vielen Millionen Menschen gedenkt, die mit einem Schlage getötet wurden.

«Die Erde ist», murmelt er, «ohne Frage in Stücke geschlagen. Der eiserne Komet hat wie ein großes Beil gewirkt. Die Erde wird sich allmählich in ein paar Hundert glühender Meteore verwandeln. Und der eiserne Komet? Ach ja! Man wollte anfänglich gar nicht daran glauben, daß es auch eiserne Kometen geben könnte.»

Es ist warm am Fenster.

Eine Welt brennt.

*           *
*

Und als sich nun die Drei nach längerer Zeit endlich genug gefreut haben, gehen sie so nach und nach daran, ihre Koffer auszupacken.

Da kommen denn viele viele Bücher und viele viele Handschriften heraus – Alles ist in jener großen deutschen Sprache gedruckt und geschrieben, die einst vor mehr als zehntausend Jahren ganz Europa beherrschte.

Es ist eine große Königin – die deutsche Sprache! Die Drei wissen's, denn sie sind die bedeutendsten Germanisten ihrer Zeit.

Auch viele Landkarten vom ehemaligen Deutschen Reiche haben die Geister der achtkantigen Flasche mitgenommen – auch deutsche Münzen und deutsche Töpfe – und viele drollige Altertümer – eine Kaffeemühle, eine Öllampe, ein altes Fernrohr, ein Paar gut erhaltene Pelzhandschuhe – und ähnliche Sachen. Der Trödelkram wird natürlich mit lächerlicher Ehrfurcht behandelt und in feinsten Ebenholzkisten aufbewahrt.

Brüllmeyer aber hat ganz was Neues in Berlin gefunden – neunzehn Stückchen deutscher Literatur aus der Blütezeit der deutschen Dichtkunst – alte vergilbte Blättchen, die mit verschnörkelten, nicht leicht lesbaren Lettern bedruckt sind!

Den Schatz will Brüllmeyer seinen beiden Freunden ganz allmählich verzapfen – in jedem Monat bloß ein Stückchen.

Passko und Kusander machen große Augen und sind sehr neugierig.

«Du lieber Himmel!» sagt der alte Kusander, «schon zehntausend Jahre sind die Papierchen alt. Wie rasch doch die Zeit vergeht!»

*           *
*

Das Thermometer fällt auf 20° Wärme, und der Himmel ist anders.

Die rote Glut ist ganz weg, dafür ist der Himmel mit goldenen, grünen, blauen und roten Streifen, die alle parallel zueinander laufen, durchzogen.

Sterne sieht man nicht.

Aber der herrlich gestreifte Himmel ist prächtiger als alle Sterne.

Die Erde hat sich in leuchtende Sternschnuppen verwandelt – lauter Meteore, die ohn' Unterlaß einen Glanzstreifen hinter sich lassen!

Die achtkantige Flasche ist wohl das einzige Meteor, das keinen Glanzschwanz besitzt.

Die Drei sind furchtbar begeistert.

Und Brüllmeyer holt vor lauter Begeisterung das erste Stück seines Schatzes hervor.

Mit starker, aber kalter Stimme liest er:

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