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Johanna Zürcher-Siebel: Das Freudengärtlein - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenarrative
authorJohanna Zürcher-Siebel
titleDas Freudengärtlein
publisherArt. Institut Orell Füssli, Zürich, Verlag
year
firstpub1925
correctorreuters@abc.de
sendercontact@robinschwab.ch
created20100728
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1. Der Herr Gehorsam

Es war vor Weihnachten; aber deshalb blieb der kleine Bubi Emil doch unartig. Er wollte einfach nicht folgen. Er war nun schon über drei Jahre und hätte wirklich ein bisschen besser wissen können, dass man nicht so böse sein darf. Manchmal legte er sich auf den Boden, stampfte und strampelte und schrie aus Leibeskräften, kein Mensch wusste eigentlich warum, und er selber wusste es auch nicht.

Meistens wollte er sich nicht an- und ausziehen lassen, und wenn man mit dem Schwamme kam, so schrie er am allerärgsten: «Es ist so nass, das Wasser muss nicht so nass sein!» Man konnte ihm lange sagen, dass es kein trockenes Wasser gäbe auf der Welt, er wollte es einfach nicht glauben und wehrte sich gegen das Waschen mit Armen und Beinen. Auf der Strasse wollte er auch nicht folgen, und wenn ein Tram kam, so war seine Mutter immer in Todesängsten. Einmal musste sogar ein Tram halten, weil der Bubi Emil über den Randstein gesprungen, und der Tramwagenführer läutete und schimpfte schrecklich, und ein vorübergehender Mann sagte: «Wenn du mir gehörtest, Junge, so bekämst du jetzt eine gehörige Tracht Prügel. Weisst du, so eine, die du nicht so leicht wieder vergessen würdest. Was ist das für ein Betragen für ein so kleines Bürschchen! Schäme dich auch, so zu tuen!» Der kleine Bubi Emil brüllte nämlich, dass die Leute stehen blieben, und seine gute Mutter sah ganz verzweifelt aus. Ja, die Mutter von Bubi Emil war oft sehr traurig und hatte wirklich allen Grund dazu. Sie hatte doch ihren Bubi so lieb und tat alles, um ihn bräver zu machen; sie hatte eine Engelsgeduld, aber es wollte dennoch nicht recht gelingen damit. So sass sie

auch einmal vor Weihnachten bekümmert am Wiegenbettchen von Bubis Brüderchen. Bubi Emil hatte alle Stühle und Tische im Kinderzimmer umgeworfen, und alle Spielsachen lagen zerstreut auf dem Boden. «Ich kann nicht aufräumen», sagte Bubi Emil, «es ist gar nicht schön und viel zu schwierig». Als seine Mutter ihm helfen wollte, legte er sich auf den Boden und schrie, und seine Mutter sagte leise und bedrückt: «Ich hätte doch nie gedacht, dass ich ein so unartiges Kind haben würde! Ach! wenn mir doch wer helfen möchte, dieses Kind lieb und gut zu machen!»

Wie der Bubi Emil noch so schrie, kam ein schwerer Schritt die Treppe herauf, und durch die Türe des Kinderzimmers trat ein Mann. Er hatte einen grauen Bart und sah recht gut und freundlich aus, freilich war in seinem Gesicht ein ganz besonderer Ausdruck. «Ist das der Bubi Emil, den man so viel und so bös schreien hört?», fragte der Mann. «Ja», nickte die Mutter; sie wagte gar nicht, den Mann anzuschauen, so schämte sie sich für ihren Jungen, und ihre Brust zitterte von einem Seufzer. Bubi Emil aber blickte aus seinen grossen Augen ein wenig ungehalten auf den Eingetretenen. «Ich bin der Herr Gehorsam», sagte dieser, und dann fragte er die Mutter: «Wollen Sie, dass ich Ihnen helfe, den kleinen Bubi Emil brav und folgsam zu machen?» «Ach ja, sehr», nickte die Mutter, und sie schämte sich wieder, dass ihr dies trotz aller grossen Liebe selber nicht gelungen sei.

Da nahm der Herr Gehorsam aus seiner Manteltasche ein grobes graues Mäntelchen und Mützchen hervor und zog die Sachen dem kleinen Emil an. «Ich will mein Mäntelchen mit dem Matrosenkragen und mein Matrosenmützchen», sagte der Bubi Emil, «der Mantel ist ganz hässlich, darin sehe ich aus wie ein Mädchen».

«Wer so unartig ist wie du, muss diese grauen Sachen anziehen», sagte der Herr Gehorsam, «dann sehen es alle die andern Kinder», und er nahm den Bubi Emil bei der Hand. Er umschloss die Hand so fest, dass der Bubi Emil nicht fortschlüpfen konnte, obgleich er grosse Lust dazu hatte.

Sie verliessen das Haus. «Gehst du jetzt mit mir durch die dunkeln Gassen von Amerika?», fragte der Bubi Emil und schaute erwartungsvoll den Herrn Gehorsam an, «meine Maria hat mir davon erzählt. Meine Marie ist mein Kindermädchen; ich habe sie gern, sie macht mir Kränze aus bunten Blumen; im Winter nimmt sie Papier dazu. Sie will ganz bestimmt mit mir durch die dunklen Gassen von Amerika gehen. Oder willst du das jetzt tun?»

«Nein», sagte der Herr Gehorsam, «wir bleiben hier in der Stadt, wir gehen in das Haus vom Herrn Gehorsam».

«Ist auch ein Badezimmer dort?», fragte der Bubi Emil, «Badezimmer habe ich nicht gerne, man muss sie alle zerstören, dann kann man nicht darin eingesperrt werden.» Es zuckte ein wenig um die Mundwinkel vom Herrn Gehorsam: «Du wirst es bald sehen, wie es bei mir ist», sagte er.

Nachdem sie ein wenig gegangen waren, kamen sie an einem Bahnhofe vorbei, es hielt gerade ein grosser Zug mit Küche und Speisewagen vor dem Gebäude. Man konnte die gedeckten Tische sehen, und Bubi Emil wäre gerne still gestanden und hätte sich alles angeschaut. «Das darf ich immer, wenn ich mit Mutter und Vater gehe, und Vater zeigt und erklärt mir auch die Lokomotive, das interessiert mich sehr», sagte er zum Herrn Gehorsam und wollte sich losmachen von seiner Hand. Aber der Herr Gehorsam sagte: «Wer so unfolgsam ist wie du, darf das nicht», und Bubi Emil musste mit ihm weitergehen; ganz verdutzt sah er aus. Das war ihm nämlich etwas ganz neues, auf's Wort zu folgen; er wusste wirklich gar nicht mehr recht, wie ihm geschah.

So gelangten sie an das Vogelhaus in den Anlagen am See. Weil es ein schöner klarer Wintertag war, zwitscherten und flatterten die vielen bunten glänzenden Vögel hinter dem Drahtgeflecht heiter auf und nieder. «Ich will die Vögel anschauen», sagte Bubi Emil, «meine Mutter bleibt immer mit mir bei diesen Vögeln stehen und erzählt mir von ihnen». Doch der Herr Gehorsam sagte: «Wer so unfolgsam ist wie du, darf die Vögel nicht anschauen». Da seufzte der Bubi Emil; aber er hatte es mittlerweile gemerkt, dass da nichts zu machen war.

Sie schritten weiter zum See. Die kleinen Wellen tanzten und flirrten in der goldenen Wintersonne. «Ich will sehen, wie die kleinen Wellen über die Ufersteinchen streicheln», sagte der kleine Bubi Emil bittend nach einiger Zeit, und er sah den Herrn Gehorsam recht freundlich an, «was die Wellen erzählen, das ist immer so lustig, und die Möven auf der langen Stange, die möchte ich auch gerne anschauen». Aber der Herr Gehorsam liess ihn kein Augenblickchen stehen, er zog ihn immer vorwärts und bei allem, was der Bubi Emil sehen wollte, erhielt er stets die gleiche Antwort. In den grossen Spielwarenläden in der Stadt waren die verlockendsten Sachen ausgestellt; in einem Schaufenster hatte man eine ganze Schlacht aufgebaut mit feldgrauen und blauen Soldaten, Kanonen, Schützengräben, zerschossenen Häusern und Verbandplätzen, und die kleinen und grossen Mädchen und Buben drängten sich förmlich, um alles genau zu betrachten. Aber der Bubi Emil durfte überhaupt nicht stehen bleiben. Nicht eine Minute! Auch nicht vor dem andern Spielwarenfenster, wo ein ganzer, grossmächtiger Zirkus mit Affen und Kamelen, Elefanten und Akrobaten, Negern und Indianern ausgestellt war. Immer, wenn der Bubi Emil mit einem heftigen Ruck sein Händchen loszerren wollte und zornig und weinerlich zugleich sagte: «Lass mich los, lass mich doch endlich einmal los, ich habe es nicht gern, so fest gehalten zu werden!», so bekümmerte das den Herrn Gehorsam gar nicht, er hielt das Händchen nur umso fester und sagte immer in demselben gleichmütig bestimmten Tone: «Wer so unfolgsam ist wie du, darf das nicht».

Sie kamen aus den grossen belebten Strassen in enge winkelige hinein. «Da bin ich noch gar nicht gewesen», sagte Bubi Emil ein wenig beklommen, «in dieser Gasse hat meine Mutter noch nie Besorgungen gemacht!» Der Herr Gehorsam lächelte ein wenig, und dann stand er still vor einem hohen dunklen Hause, schloss die Haustüre auf und ging mit Emil hinein.

Bubi Emil fing furchtbar an zu schreien: «Ich will nicht, ich will nicht, da ist es sehr hässlich», und dann stampfte er und sagte zum Herrn Gehorsam: «Man muss dich ins Badezimmer sperren oder in den Kohlenkeller». Der Herr Gehorsam führte ihn statt aller Antwort gleichmütig in ein Zimmer und zog ihm den grauen Mantel und die graue Mütze aus.

«Hier wirst du bleiben, bis du gelernt hast zu folgen; nur Kinder, die folgen können, sind in Wahrheit ganz froh und werden, wenn sie gross sind, glückliche Menschen».

Bubi Emil hörte kaum, was der Herr Gehorsam sagte; er war schrecklich zornig; er wollte den Tisch umwerfen, aber es war kein Tisch da; er wollte mit dem Stuhl an die Türe ballern, aber es war kein Stuhl da; er wollte auf den Spielsachen herumtrampeln, aber es war keine Spur von Spielsachen zu sehen. Nichts, als ein kleines Bettchen stand in dem Raum. «Wenn du brav bist, bekommst du morgen ein paar Bausteine», sagte der Herr Gehorsam, «immer nur soviel, wie du selber gut aufräumen kannst». Dann brachte er ein Krüglein mit warmer Milch und ein Stück Brot und setzte es auf den Boden, und dann kam die Frau Gehorsam und zog den kleinen Bubi Emil aus. «Wer sich nicht waschen lassen will und stampft und schlägt, bekommt kein Nachtessen», sagte sie. Sie war ebenso bestimmt und streng und freundlich wie der Herr Gehorsam und tat immer durchaus das, was sie einmal gesagt hatte, da gab es nicht das allerkleinste Nachgeben. So kam es denn, dass der Bubi Emil an diesem Tage kein Nachtessen erhielt. Auch am andern Tage schrie und stampfte er, und als der Herr Gehorsam erschien, streckte er sich ganz hoch, hob sein Fingerchen und sagte zornig: «Pst, pst, du bist sehr bös, pfui, pfui!» Der Herr Gehorsam tat, als höre er nicht die unartigen Worte des kleinen Jungen, setzte ihm sein Krüglein mit Milch hin, legte das Stück Brot dazu und sagte im Hinausgehen: «Ich hätte dir gerne die Bausteine da gelassen, aber wenn du so unartig bist, kann ich es natürlich nicht!» Ruhig schloss er die Türe hinter sich, und der Bubi Emil konnte für sich allein weiter stampfen und schreien, es hörte ihn niemand, und er störte niemand. Als am andern Tage der Herr Gehorsam wieder kam, war er noch immer nicht bräver geworden, und auch am dritten Tage schrie und stampfte er. Aber als am vierten Tage der Herr Gehorsam die Türe aufschloss, schaute Bubi Emil ihn aus klaren Augen an und sagte: «Ich will brav sein, bitte, ich möchte zu meiner Mutter, ich warte so auf sie; jetzt ist mein Böse fortgegangen.» Er sah dabei so lieb und freundlich aus, dass der Herr Gehorsam ganz glücklich wurde und ihm die blonden Haare streichelte.

Rasch nahm er alsdann aus seiner grossen Tasche das Mäntelchen mit dem Matrosenkragen und auch das Matrosenmützchen von Bubi Emil und zog ihm die Sachen an. «Gehen wir nun zu meiner Mutter?», fragte der kleine Emil, «und ist sie dann nie, nie mehr traurig, und sind wir dann immer ganz froh?» Der Herr Gehorsam nickte. Darauf sagten sie noch schnell der guten Frau Gehorsam Ade, die dem kleinen Jungen liebevoll die Wange tätschelte und gutmütig sagte: «Manche müssen wir noch viel länger da behalten, ich lasse deine Mutter grüssen.» Und dann schritten sie durch die klare Winterluft nach Hause. Der kleine Emil hatte es so eilig, zu seiner lieben Mutter zu kommen, dass er kaum vor den Spielwarenläden stehen blieb, obgleich er es jetzt gedurft hätte. Er hatte es vorher gar nicht gewusst, dass man soviel Sehnsucht nach der Mutter und nach Hause haben könnte. Auch die lärmenden Möven am See und die goldenen, flirrenden Wellen besah er nur flüchtig. Ganz schnell und ernsthaft schritt er weiter an der Hand des Herrn Gehorsam. Er zerrte sich nicht los und sprang nicht davon, und dabei sah er so freudig und doch so ruhig aus, als sei er von etwas Schwerem und Hässlichem befreit worden. Bald kamen sie zu dem Hause, wo Bubis Eltern wohnten. Glücklich schritt Bubi durch den Garten, und als er den kleinen Hund bellen und das Brüderchen schon auf der Treppe jauchzen hörte, wurde er ganz rot vor Freude. Leise machte der Herr Gehorsam die Türe auf, und dann stürzte der kleine Bubi Emil auf seine Mutter los und schlang die Ärmchen um ihren Hals. «Nun will ich immer folgen», sagte er, «immer, wenn mein Böse kommt, will ich sagen: ›Ich will brav sein‹, dass ich nie, nie wieder von dir fort muss; es ist gar nicht schön, wenn einer nicht bei seiner Mutter ist. Wir wollen ein grosses Pflaster auf dein Herz legen, dass es dir nicht mehr weh tut».

Die Mutter schloss ihren kleinen Jungen in die Arme: «Mein Herzensjunge!», sagte sie, und ihre Augen schimmerten. Am Abend war Weihnachten, und es war wirklich wunderschön, und alle waren über die Massen glücklich, dass nun der kleine Bubi Emil wieder bei ihnen war und so gut folgen konnte.

Auch später, als Weihnachten schon lange vorbei war, blieben sie so glücklich. Immer, wenn der Bubi Emil böse werden wollte, dachte er an den Herrn Gehorsam und an das, was er seiner Mutter bei der Rückkehr versprochen. Immer sagte er: «Ich will brav sein, ich will!» Er erzählte auch den andern Kindern, die er kannte, von seinem Erlebnis. Und als er einmal auf der Strasse einen ganz fremden kleinen Jungen sah, der sich von der Hand seiner Mutter losriss, als ein Tram kam, und der dadurch fast auf die Tramschienen gefallen wäre, da lief der Bubi Emil rasch zu dem fremden kleinen Jungen hin und erzählte auch ihm von dem Herrn Gehorsam und wie es ihm dort ergangen sei. Ja, wirklich, das tat er; und am Schlusse fügte er hinzu, es könne sich jedes Kind sicher und bestimmt darauf verlassen, dass es viel, ach unausdenkbar viel schöner und herrlicher auf der Welt sei, wenn man seiner Mutter folge.

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