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Wilhelmine Heimburg: Alte Liebe und anderes - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
booktitleAlte Liebe und anderes
authorW. Heimburg
year1906
firstpub1906
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
addressStuttgart
titleAlte Liebe und anderes
pages300
created20080807
sendergerd.bouillon@t-online.de
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127 Originale.

Im Jahre des Heils 1900!

Wie komisch diese Neun! Die Acht, die liebe alte Acht, wir schreiben sie nie wieder hinter die Eins. Dieser heimgegangenen Acht möchte ich nachweinen. Sie war meine Jugend; was die Neun nun bringt, das ist Herbst und Winter, für mich und die mir Gleichaltrigen.

Ob ich tauschen möchte mit denen, für welche die Neun »Jugend« bedeutet? Ich weiß nicht recht. Mir kommt es so vor, als müsse in der achtzehn die Jugend jünger, das heißt harmloser, rosiger gewesen sein, als habe es in der Achtzehn mehr Gemütlichkeit gegeben, mehr Originelles, wenn ich urteilen soll nach dem, wozu sich die brave Achtzehn als fin de siècle zugespitzt hat.

Wo findet man denn heute noch ein richtiges Original, wie sie früher zu Dutzenden umherliefen zum Beispiel in meiner guten braven Vaterstadt – – – burg? Ich meine nicht die gelehrten Originale, die zerstreuten Professoren und dergleichen, ich meine die aus dem Volke, denen wir als Schulgören nachliefen, die wir bewunderten oder verlachten, je nachdem.

So was gibt's nicht mehr. Die neue Zeit ist so nivellierend, so schablonierend; – einer ist wie der andere, und wollte sich eine ungewöhnliche Erscheinung aus der Menge heben – eins, zwei, drei hätte sie der Mann der Polizei beim Wickel und führte sie auf Nummer Sicher.

Ich möchte ihnen ein paar Worte widmen, diesen Originalen meiner Jugendzeit; es wäre doch schade, wenn sie vergessen würden!

Da taucht zuerst einer auf, den wir Kinder geradezu mit Staunen 130 und Ehrfurcht betrachteten. Das war »Trollpapa«. Woher er kam der Fahrt, und wie sein Nam' und Art? – das vermochte niemand zu ergründen. Im Frühjahr erschien er plötzlich und zog durch die Gassen, einen wunderlichen Anblick gewährend. Er trug auf dem Kopfe einen Reifen, an dem eine Menge abgestimmter Schellen befestigt war; auf dem Rücken eine große Trommel, die Schläger hatte er vermittelst einer Schnur mit seinen Füßen in Verbindung gesetzt. In den Händen hielt er eine Ziehharmonika, von der ein Triangel herabhing, und all diese Instrumente setzte er kopfschüttelnd, mit den Füßen tretend und mit den Händen spielend und den Triangel schlagend in Bewegung, so daß ein gewisser Rhythmus herauskam. Die Krönung erhielt das Konzert noch durch den krächzenden Gesang dieses kleinen vermückerten Männchens, das sich seit ungefähr dreißig Jahren nicht rasiert zu haben schien.

Am begehrtesten war ein Lied, mit dem er die Städte des Harzes auf seine Art besang. Mir sind noch einige Strophen in Erinnerung:

»Ein Amboß und ein Mühlenstein,
Die schwammen bei Thale über den Rhein,
Sie schwammen ganz sanft und leise.
Ein Frosch verschlang sie alle beid'
Zu Pfingsten aus dem Eise.

In Blankenburg war ein gewaltig Getümmel,
Dort flogen vier gebratene Ochsen gen Himmel,
Die Leute sahen's von ferne.
Sie glaubten ganz fest, sie glaubten ganz fest,
Es wären Kometen und Sterne.

Auf der Lauenburg stand ein großer Turm,
Der trotzte Wind, Wetter und großem Sturm;
Des Morgens da lag er im Grase.
Den hatte der Kuhhirt in dasigem Ort
Mit seinem Horn umgeblasen.

In Halberstadt war ein großer Hahn,
Der hatte schon vielen Schaden getan, 131
Der zertrat eine eiserne Brücke.
Eine Mücke flog im Schilderhaus um,
War das nicht ein großes Unglücke?

In Quedlinburg war ein großes Haus,
Da flog eine Fledermaus heraus,
Die flog in zehntausend Stücken.
Da kamen zehntausend Schneider daher,
Die wollten sie wieder flicken.«

132 Oder das Lied von dem Lahmen, Tauben und Blinden:

»Es wollten 'mal vier einen Hasen fangen,
Die kamen auf Krücken und Stelzen gegangen.
Der eine, der konnte nicht gehen,
Der andre war taub, der dritte war stumm,
Der vierte, der konnte nicht sehen.
Nun weiß ich gar nicht wie es geschah,
Daß der Blinde zuerst den Hasen sah
In weiter Entfernung grasen.
Der Stumme, der sagt' es dem Tauben laut an,
Der Lahme, der haschte den Hasen.«

Alles dies ward geleistet für einen Dreier; aber auch mit einem Pfennig war »Trollpapa« zufrieden. Für jedes Haus eine neue Vorstellung unter diesen doch gewiß kulanten Bedingungen. Natürlich zogen wir immer mit, schon um die Selbstgespräche des Alten zu belauschen, der, die ihm folgende Schar gar nicht beachtend, unaufhörlich vor sich hin redete.

Die hochlöbliche Polizei grüßte er sehr respektvoll durch Neigen seines schellengeschmückten Hauptes, und der dicke Polizeiwachtweister nickte ihm freundlich zu, faltete die Hände über dem Bauch und lachte. »Trollpapa« war die Sanftmut, die Friedfertigkeit selbst; er ertrug es, wenn die Jungen ihn an seinen langen mürben Rockschößen zogen oder hinterlistig auf die Trommel schlugen; er sprach dann ein bißchen eifriger vor sich hin, aber er duldete es. Nur in einem Falle wurde er wütend, wenn ihn nämlich jemand »Trollpapa« anredete. Sofort flog es ihm rot um die Ohren, er hielt inne im Gesang und schimpfte wie ein Rohrspatz, sich immer noch steigernd in seinem Zorn, dabei furioso die Schellen schüttelnd, die Trommel schlagend und die Harmonika ziehend.

»Lausejungens seid ihr! L–Lausejungens!«

Es war ein Anblick, der die Menschen lachen machte bis zur Fassungslosigkeit. Ich habe es auch einmal mit angesehen, aber mir stockte das Lachen, denn aus den kleinen vertrockneten Augen liefen ein paar Tränen in den struppigen Bart. Ich schämte mich und ging nach Hause.

133 Armer Trollpapa! Wenn man nur gewußt hätte, wie er eigentlich heißt, ich würde ihn gewiß »Herr« so und so angeredet haben bei Überreichung meines Dreiers.

Einmal blieb »Trollpapa« aus. Bei dem Spielen mit den Nachbarskindern wurde eifrig davon gesprochen: merkwürdig, daß er nicht da war um die Zeit, wo der Osterhase legte und die Stare schrien. Wir beschlossen eines Tages, den dicken Polizeiwachtmeister zu fragen: »Kommt denn Trollpapa nicht in diesem Jahre?«

»Nee, der kommt nich, der is ja vergangenen heiligen Abend zwischen Gersdorf und Stickelsberge verfroren, grad auf der Feldscheide hat er gesessen, den Rücken an dem Grenzstein. Keiner hat ihn begraben wollen, aber die Stickelsberger haben ihn nehmen müssen, weil daß die Trommel auf ihre Seite lag und sein Ranzen auch.«

Armer Trollpapa!

Original Nummer zwei! Das war erst einer! Von dem kannten wir wenigstens den Namen. Mechau hieß er, und seines Zeichens war er ein Töpfergeselle. Niemals in meinem Leben habe ich wieder einen so skelettartig mageren Menschen erblickt, und dabei so lang, so himmellang.

Seine Kleidung war ganz wunderbar, und unbegreiflich ist es mir stets geblieben, wie er in die unbeschreiblich engen Ärmel seines Rockes mit den großen Händen hineingelangte. Ebenso eng war der auf Taille gearbeitete fettglänzende Tuchrock und das Beinkleid: er glich einer der Karikaturen in den »Fliegenden Blättern«, die aus lauter Strichen bestehen. Den Bart trug er, wie die alten Maler ihn dem Heiland malten, die Haare lang herabwallend, eine Art Barett auf dem Haupte. Ein Paar milde dunkle Augen, die freilich mitunter fanatisch erglühen konnten, begegneten dem Blick des Beschauers.

Jeden Sonntag, Vor- und Nachmittag, erschien Mechau in der Kirche, die Worte des Predigers förmlich von den Lippen lesend. In der Gemeinde zu knien, war dort nicht Sitte, der lange Geselle aber warf sich mit einer Inbrunst auf die Knie, daß es mir rätselhaft blieb, wie seine Beinkleider diese 134 leidenschaftliche Andachtsbezeigung aushielten. Uns Kindern war er unheimlich, der lange Mensch, wir liefen vor ihm wie die Hasen vor dem Hunde.

Eine Zeitlang blieb Mechau aus unserer Kirche fort und wurde dafür in der St. Nikolaikirche bemerkt bei jedem Gottesdienst. Der dortige Prediger war einer der liebenswürdigsten Menschen, wahrhaft christlich gesinnt, mitleidig, freigebig, und daher besonders vergöttert von den armen Leuten. Er besaß eine Reihe blühender Kinder, darunter zwei Töchter, wirklich reizende Mädchen. Eines Tages predigte der Herr Pastor gar beweglich über das Thema, daß wir alle vor Gottes Throne gleich seien, ob arm oder reich, ob vornehm oder gering: daß wir alle Brüder und Schwestern wären, daß es unsere heiligste Pflicht sei, allen Stolz abzutun und die Armen und Kleinen gleich zu achten den Großen dieser Welt. –

Was geschah nun?

Das holdselige Pastorstöchterlein hatte wie ein Madonnenbild im Pfarrstuhle gesessen, die großen schönen Augen auf den Vater gerichtet. In irgend einem Winkel der Kirche aber hatte Mechau gekniet, die Tochter gesehen und den Vater gehört, und beides verknüpfte sich in seiner gläubigen Seele zu einer himmlischen Offenbarung, die eitel Gnade und Glanz war. –

Der Herr Pastor hatte in seiner Studierstube kaum Talar und Beffchen abgelegt und saß eben im Lehnstuhl am Fenster und schaute auf den alten Friedhof hinab, der gleich einem Garten sein Haus umgab. Der Duft des sonntäglichen Gänsebratens stieg bereits verführerisch in seine Nase, es war so unsäglich friedlich um ihn her, da stolperte das kichernde Mädchen über die Schwelle: »Herr Pastor, der verrückte Mechau will Sie sprechen!«

»Lasse ihn eintreten, Kind,« befahl der geistliche Herr in der Meinung, Mechau wolle ein Almosen erbitten.

Im Rahmen der Tür erschien gleich darauf der unheimliche Geselle und begann alsbald sein Begehren vorzutragen, das in weiter nichts bestand, als in einem Heiratsantrag seinerseits für das schöne Töchterlein des Herrn Pfarrers.

135 »Mechau! Mechau!« warnte dieser mit erhobenem Finger, »du fällst in Hochmut und Dünkel – wie kannst du so etwas verlangen? Geh heim, mein Sohn, und schlage dir die Dummheit aus dem Kopfe, meine Tochter ist kein Weib für deinesgleichen.«

Da ward der arme Mensch irre an Gottes- und Menschenwort. »Sie haben gesagt: wir sind alle gleich vor unserem Schöpfer!« schrie er, »und unser Herr Jesus hat solches auch gesagt, und nun wollen Sie ihn und sich Lügen strafen in derselben Stunde, wo Sie davon gepredigt haben?«

»Mechau! Das habt Ihr falsch verstanden,« begann der Pfarrer sanft. Aber Mechau ließ sich nicht besänftigen: er wurde geradezu rasend, schimpfte, schalt und verfluchte die Stätte, auf der er stand.

Der entsetzte Pfarrer mußte zum Fenster hinaus den Küster rufen zu seiner Hilfe, und dieser schaffte im Verein mit einigen anderen Männern den armen abgewiesenen Freier in das städtische Krankenhaus, wo er in der gepolsterten Zelle untergebracht wurde und zwei Tage lang die Zwangsjacke trug.

Dann wurde er wieder ruhig und man ließ ihn laufen. Jahrelang noch durchschritt er würdevoll, mit schwärmerischem Augenaufschlag, die Straßen der Stadt.

136 Dann blieb auch er plötzlich unsichtbar, verschwand für immer in die Landesirrenanstalt. Die Polizei fand eines Karfreitags, durch Kinder aufmerksam gemacht auf ein Stöhnen, das aus Mechaus Häuschen kam – er bewohnte dasselbe mit seiner Mutter, einer armen Näherin, die ihn so fanatisch liebte, daß sie ihn gänzlich ernährte, so gut und schlecht es von ihren paar Groschen möglich war – also, die Polizei fand Mechau am Boden seines Stübchens gekreuzigt vor, das heißt, er lag mit Stricken festgebunden auf einem großen plumpen Holzkreuz, und seine Mutter hockte weinend neben ihm, beide glaubten, Mechau sei der Erlöser und sie die schmerzensreiche Mutter. Der dicke Polizeiwachtmeister wurde als Kriegsknecht von ihr angesprochen. Mechau selbst hatte vor Schwäche und Mattigkeit die Besinnung verloren: er lag schon seit gestern so da. Man hatte Mühe, ihn wieder so weit zu kräftigen, um mit ihm die Reise nach Halle antreten zu können.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich diese Kunde durch die Stadt, und wir Kinder redeten noch lange von der grauenvollen Tat Mechaus mit leiser Stimme und furchtsamen Augen.

Original Nummer drei gehörte dem weiblichen Geschlechte an; sie hieß schlechtweg Fräulein von Thadten. Eine einäugige große Person war sie mit glattem Madonnenscheitel, schlampigem dunklenWollkleid, einem bräunlichen dreizipfligen Umschlagetuch und einer Gitarre am verblichenen grünen Seidenband, die sie à la Troubadour handhabte. Die Ärmste trug über dem rechten Auge eine schwarze Lederbinde, und wenn diese sich verschob, sah man, daß das Auge ausgelaufen war. Jeden Monat mindestens einmal erschien sie in meinem elterlichen Hause; das einleitende Geklimper ihrer Gitarre lockte uns Kinder natürlich schnell in den Flur, und wir waren auch kaum die Treppe hinuntergestürzt, da sang sie schon ohrenzerreißend:

»Fordre niemand mein Schicksal zu hören,
          zim zim zim zim zerim,
Dem das Leben noch wonnevoll winkt,
          zim zim zim zerim – –«

139 Sie hatte auch allen Grund, über ihr Schicksal zu schweigen, das arme Geschöpf. Tatsächlich war ihr von dem Leben weiter nichts geblieben als die Ehr' und das alternde Haupt.

Wirklich, sie war eine kreuzbrave Person trotz ihres Umhervagabundierens, und sie hätte, falls sie doch ihr Schicksal beschreiben gewollt, mit den Anfangsstrophen von Tiedges »Urania« beginnen können:

»Mir auch war ein Leben aufgegangen,
Welches reichbekränzte Tage bot.« –

Röschen von Thadten hatte in einer wappengeschmückten Wiege gelegen und ihre erste Jugend war eine wohlbehütete gewesen. Dann aber hatte sie, der sorgfältigsten Erziehung ein Schnippchen schlagend, das Verlangen gepackt, Künstlerin zu werden. Von der Familie abgewiesen, war sie einfach desertiert mit einer Wandertruppe unterster Ordnung. Der alte Herr von Thadten, ihr Vater, ließ sie laufen, und doch war es sein einzigster Sprößling! Die fassungslose Gattin rang sich die Hände wund um Erbarmen für ihr Töchterlein; er blieb bei seinem: »Lieber gar kein Kind als solches!«

Röschen ließ nichts wieder von sich hören; die Mutter starb vor Gram, der Alte aber lebte noch jahrelang weiter, verlassen, hart, menschenscheu. Als er die Augen schloß in hohen Jahren, war kein Vermögen mehr da, er hatte es verschenkt bei Lebzeiten; nur ein paar Möbel und ein paar hundert Taler, die sich in seinem Schreibtisch fanden, blieben der verschollenen Tochter als Erbe. In den Zeitungen erschien ein Aufruf seitens der Gerichte an sie. Niemand glaubte an ihr Wiederkommen, aber siehe da, eines Tages stand auf dem Rathause vor dem erstaunten Bürgermeister unser Röschen, genau in dem Aufputz wie eben beschrieben, und erhob die Erbschaft. Sie erzählte, wie sie ihr Auge verloren habe bei Gelegenheit einer Feuersbrunst in irgend einer kleinen Stadt, wo die Gesellschaft ihre Bühne in einer leeren Scheuer etabliert hatte. Ein brennender, stürzender Balken habe sie getroffen, darauf sei sie untauglich geworden für die dramatische 140 Kunst und müsse nun leider auf diese Weise ihr Brot erwerben, das heißt, hausieren gehen und singen.

Weshalb sie denn nicht bei Lebzeiten des Vaters gekommen sei, um seine Verzeihung zu erbitten? Dazu fühle sie sich zu stolz, hatte sie gesagt, denn sie habe nie etwas Unehrenhaftes getan.

Schließlich bat sie die hohe Obrigkeit um das Armenrecht in der Stadt, das man ihr weder bestreiten wollte, noch konnte, denn der alte Herr war in aller Stille manches Stadtarmen Wohltäter gewesen, und so mietete sich Fräukein Rosa von Thadten ein Stübchen in irgend einer winkligen Gasse und unternahm jeden Tag, den Gott werden ließ, ihre Konzerttouren.

Nie sah man sie mit jemand reden, sie war zu stolz dazu. Sie steckte ihre Kupferpfennige mit einer wahrhaft großartigen Gebärde in die Tasche, schlug den Zipfel ihres Umschlagtuches über die Schultern, machte eine Verbeugung, wo sie niemand eines Blickes würdigte, und ging ins nächste Haus.

Trotz des fehlenden Auges war sie, anfänglich noch, kein übles Frauenzimmer, und manch einer mag gedacht haben, mit der armen Bettelsängerin einen Scherz wagen zu dürfen; aber dem Dreisten ward heimgeleuchtet. Dazumal sang noch die Kurrende auf den Straßen, und der Vorsänger war ein bildhübscher baumlanger Primaner. Dem hat das Fräulein von Thadten einmal eine Ohrfeige geschlagen, die er gewiß nie vergessen und die ihm den Glauben an die Ehrenhaftigkeit schutzloser Weibsleute, auch wenn sie bettelnd vor den Türen singen, hoffentlich recht eingebläut hat.

Unsere alte Waschfrau kannte Röschen ein wenig und erzählte uns Kindern, es sei gar fein bei ihr, und über ihrem Bette hingen ein paar welke Lorbeerkränze, die einzigen, die sie pflückte während ihrer bescheidenen Bühnenlaufbahn. Auf der verblichenen Schleife des einen stehe: »Der unvergleichlichen Amalia«.

Als sie in ihrem fünfzigsten Jahre an der Cholera starb, just an dem Tage, da die siegreichen Truppen von Sadowa und Königgrätz einzogen, begrub man sie ihrem letzten Willen gemäß neben dem Vater. Sie hatte das kleine von ihm ererbte Kapital hierzu 141 bestimmt, und die Lorbeerkränze legte man in den eilig beschafften, rasch geschlossenen Sarg. Auf ihrem Grabstein, der genau dem des alten Herrn gleicht, steht in leuchtender Goldschrift: »Rosa von Thadten«, und unter derselben hat der empfindsame Künstler eine Lyra eingegraben, einen Schmetterling und die Worte:

»Mein Fuß hat gestrauchelt; aber deine Gnade, Herr, hielt mich.
                                                              Psalm 94. 18.«

Und nun zu Schinders Karlinchen! Wie eine Figur des düstersten Mittelalters steht sie vor uns da, dieses hübsche wilde Mädchen mit den schwarzen funkelnden Augen unter der rötlichen üppigen Haarmähne. Eine weißere Haut als Schinders Karline besaß, wird's schwerlich je gegeben haben, einen reizenderen Wuchs ebenfalls nicht.

Ihr Vater war der Abdecker; er wohnte weit draußen vor der Stadt. Man erzählt, er sei in seiner Jugend Scharfrichter gewesen und habe bei einer Exekution so große Ungeschicklichkeit gezeigt, daß er sein schreckliches Amt niederlegen mußte. Die Verachtung, die von alters her dem Gewerbe des Henkers anhing, hatte sich in unserer Stadt noch nicht verflüchtigt; die Leute waren gemieden und galten für verdächtig, allerlei lichtscheue Dinge zu treiben, obwohl jenem Manne in seinem einsamen, stillen Gehöft etwas Nachteiliges durchaus nicht zu beweisen war. Das bildschöne Mädchen aber kam des öfteren durch die Straßen. Sie schritt einher wie eine Königin, das bleiche Gesicht von den roten Haaren umrahmt, einen verblichenen blauen Kattunmantel lose umgehängt. Ihre Augen forschten beständig nach rechts und links, ihr schöner Kopf drehte sich blitzgeschwind auf dem weißen Hals, sobald sie witterte, daß die Straßenkinder hinter ihr her waren.

Ich habe so düstere leidenschaftlich unglückliche Augen selten gesehen, aber auch nie so aufleuchtende heiße Blicke. Letztere sah ich einmal, als sie mit in die Hüften gestemmten Armen einem jungen Reiteroffizier nachschaute, der gleichgültig und ohne sie eines Blickes zu würdigen an ihr vorüberschritt, sporenklirrend 142 und Reitpeitsche schwenkend. Wirklich verzehrend heiß waren Karlinchens Blicke.

Nach einem Weilchen hörte man, sie sei seine Liebste. Er war ein unglücklicher Mensch, ein Spieler und Verschwender. Mit seinem Vater überworfen, von den Gläubigern hart bedrängt, griff er zur Pistole; man fand ihn eines Morgens tot in seinem Schaukelstuhl.

Bei dieser Gelegenheit durchbrach das Temperament von Schinders Karline alle konventionellen Grenzen. Sie stürzte nach dem Sterbehause und war von der Leiche, über die sie sich geworfen hatte, nicht zu entfernen. Als man es schließlich mit Gewalt tat, hockte sie die ganze Nacht auf der Straße vor dem offenen Fenster. Bei dem Begräbnis fehlte sie, aber Abends, als der Kirchhof geschlossen werden sollte, fand der Totengräber sie neben dem Hügel, bitterlich schluchzend.

Der einzige Mensch, der sie gut behandelte, sei er gewesen, nicht ein einziges Mal habe er sie geschlagen, hörte sie nicht auf zu beteuern, mit einer Betonung, als wollte sie dem alten Manne Bewunderung dafür abnötigen, daß es wirklich einmal einen Menschen gegeben habe, der nicht prügelt.

Seit dem Abend war sie übrigens aus der Stadt verschwunden, wenigstens eine lange Zeit hindurch; niemand hörte von ihr.

Dann kam sie plötzlich wieder, schreckhafter Erinnerung. Zu jener Zeit wurde auf dem Lande, in einsamen Gehöften, in Forsthäusern, dann aber auch in der Stadt erst recht, wiederholt eingebrochen, und zwar in größtem Maßstabe und mit verblüffender Frechheit. Man konnte erst nicht dahinter kommen, ob es ein Dieb oder eine ganze Bande war; die Türen und Fenster, die Truhen und Schränke schienen sich dem Räuber wie von selbst zu öffnen, die Hunde bellten nicht in solchen Nächten, die Hausbewohner schienen doppelt fest zu schlafen.

Die Aufregung in der ganzen Umgegend war groß. In merkwürdigem Zickzack, wie auf dem Schachbrett, wurde heute hier, morgen an einer ganz anderen Ecke des Kreises gestohlen, und damit nicht genug: es bekamen auch diejenigen, die der freche Räuber für reich genug hielt zu einem Aderlaß, in 143 höflichster Weise die Nachricht: dann und dann werde ihnen der Gefürchtete einen Besuch machen. Die gesamte Polizei war natürlich auf den Beinen in solchen Nächten, aber, siehe da, trotz aller Vorsicht seitens der Behörden wurde in den meisten Fällen der Einbruch doch ausgeführt.

Mit Recht vermutete man, daß der Verbrecher sein Versteck in den Harzwäldern habe, und man stellte durch Soldaten ein richtiges Kesseltreiben an. Aber es blieb resultatlos, nichts weiter brachte es ein als einen höhnischen Brief an die hochlöbliche 144 Behörde, in welchem derselben das Bedauern ob der vergeblichen Mühe ausgesprochen wurde, unterzeichnet: Hochachtungsvoll Karl Breidling.

Breidling kannte man ja, er war, des Raubmordes verdächtig, aus der Untersuchungshaft durchgebrannt und jahrelang verschollen gewesen.

Also der!

Natürlich wurde umso eifriger auf ihn gefahndet, denn einen so schlimmen Gesellen, dem es auf ein Menschenleben nicht ankam, wollte man möglichst bald hinter Schloß und Riegel wissen. Wenn damals ein paar Frauen auf der Straße zusammenstanden, so redeten sie gewiß von Breidling; an den Stammtischen unterhielten sich die Männer von dem kecken Räuber, in den Kaffeegesellschaften machten sich die Damen grauen, und daß damals kein Kind der Stadt allein in ein dunkles Zimmer ging, das war so gewiß wie das Amen in der Kirche.

Eines schönen Tages verbreitete sich die Kunde, daß auf der Münckenburg, einem einsam gelegenen Rittergut, abermals ein Einbruch ausgeführt sei, der alles Dagewesene an Frechheit übertreffe. Unter anderem waren außer Wertsachen und barem Gelde auch die Brillanten der Frau Gräfin Müncken gestohlen, alter kostbarer Familienschmuck.

Der Graf setzte eine Belohnung auf auf die Wiedererlangung des Geschmeides – bare fünfhundert Taler.

Nach etwa drei Wochen vergeblicher Bemühungen erschien eines Morgens sehr früh eine Frauensperson in der Privatwohnung des Polizeikommissars und verlangte den Herrn allein zu sprechen, um ihm eine wichtige Mitteilung im Vertrauen zu machen. Der Beamte, der in seinem Morgenschlaf gestört war, betrachtete verwundert das sonderbare Wesen, das ihn mit funkelnden schwarzen Augen ansah, indem ihm zugleich ein breiter blutiger Striemen auffiel, der sich vom linken Ohre bis zur Unterlippe herabzog. Die üppigen roten Haare bauschten sich um ein Gesicht, in dem alles bebte und zuckte, die Wangen, die roten, schön geschweiften Lippen. Der Anzug war sonderbar, halb Dame, halb Bauerndirne – ein blaues Samtkleid, und 145 darüber der Kattunmantel, den die Frauen des Volkes tragen, beides naß, mit Kot bespritzt, als ob die Trägerin die Nacht im Freien, im Regen verbracht habe.

»Ich weiß, wo Breidling sticht, Herr Polizeikommissar.«

»Wer sind Sie?« fragte der Beamte, der erst vor einiger Zeit aus Magdeburg herversetzt war und noch nicht Gelegenheit gehabt hatte, diese populäre Persönlichkeit kennen zu lernen.

»Das kann Sie ja gleich sein, Herr Kommissar – ich weiß, wo er die nächste Nacht zu fangen ist. Ich komme übrigens nicht wegen die Belohnung, auf die pfeife ich – ich will den Kerl nur hereinlegen, weil er mich gestern abend beinah totgeschlagen hat.« Sie deutete auf ihr Gesicht. »Wollen Sie nu wissen, wo er sticht?«

»Allerdings möchte ich es wissen.«

»Da schreiben Sie's uff, aber rasch. Ich muß heut abend noch ins Braunschweigische 'nüber, denn wenn Sie Malhör haben und ihn nicht fangen, schlägt mir der Kerl tot – wenn er mir erwischt. Also, weit zu gehen haben Sie nich, er will heut nacht die Lippertsche Tuchfabrik einen Besuch machen, so um Zwei 'rum. – Adje, Herr Kommissar – ich –«

146 »Nee! Nee, Karlinchen,« erscholl da hinter ihr eine wohlbekannte fette Stimme, und der dicke Polizeiwachtmeister legte ihr die Hand zärtlich auf die Schulter. »Nee, Karlinchen, so 'ner einsamen Reise ins Braunschweigische setzen wir dein kostbares Leben nicht aus; komm man mit ins Kittchen, da bist du sicher vor all und jedes.«

Sofort änderte Schinders Karline ihre Taktik, sagte, sie hätte sich man einen Spaß erlauben wollen, und wo Breidling sei, wisse sie gar nicht, hätte auch ihr Leben lang mit ihm nie nichts zu schaffen gehabt. Da diese Angaben aber keinen Glauben fanden, so schritt sie bald darauf mit höhnischem Gesichtsausdruck zwischen zwei Beamten der Numero Sicher entgegen durch die von Weibern und Kindern wimmelnden Straßen, und ihre Kopfhaltung war stolzer denn je, als der Titel »Räuberbraut« und der Name Rosa, womit auf Rinaldos Geliebte, die dem Liede nach Rosa hieß, angespielt wurde, an ihr Ohr schlug und die Kecksten das Lied anstimmten:

»In des Waldes tiefsten Gründen«. –

Wer natürlich an diesem Abend in der Lippertschen Tuchfabrik nicht gefangen wurde, das war Breidling. Am anderen Morgen erhielt der verehrliche Polizeikommissar ein Schreiben, und zwar durch die Post, in dem der achtungsvoll Unterzeichnete die Genialität der Detektivbeamten in höhnischer Weise pries. »Mit größter Hochachtung verbleibe einstweilen noch als Freiherr Karl Breidling,« war der Brief unterzeichnet.

147 Der freche Gesell hat sich nämlich, wie man später erfuhr, bereits seit dem Morgengrauen in der Stadt aufgehalten, in der Kleidung eines Försters, hatte, mitten unter dem Volke stehend, sein Karlinchen abführen gesehen, hatte die Prügel, die er ihr verabfolgt, mit ihrem Temperament verrechnet und war sich sofort klar, daß sie geputscht hatte. Er blieb also lieber seinem Vorhaben diesmal fern.

In einem Postskriptum war dem Schreiben noch hinzugefügt, man möge die Kanaille ja fest verwahren, denn sobald sie frei käme, drehe er ihr das Genick um.

Eines Tages aber hatte auch die verhängnisvolle Stunde für diesen Rinaldo geschlagen: man erwischte ihn im Kontor einer Mühle, als er im Begriff war, den Kassenschrank zu öffnen. Diesem Arnheim neuester Konstruktion war er aber nicht gewachsen und die Hilfe seiner Karline fehlte ihm obenein, kurz, man überraschte ihn. Leider erschoß er bei dieser Gelegenheit den jungen Mühlenknappen.

Durch endlose Zeugenverhandlungen schleppte sich der Prozeß monatelang hin. Karline, die mit ihm konfrontiert wurde, leugnete jede Beziehung zu ihm und blieb dabei, sie habe damals nur die Polizei necken wollen. Man konnte ihr nichts beweisen, sie wurde auf freien Fuß gesetzt, Breidling aber zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt.

Karlinchen konnte man, als heimatberechtigt, nicht aus der Stadt verweisen. Sie etablierte sich also als Wahrsagerin und hatte bald großen Zulauf. Sie wußte, wo gestohlene Sachen sich befanden, sie konnte behextes Vieh kurieren, sie besaß Wünschelruten und Diebesfinger, und vor allem in Liebesangelegenheiten war ihr Rat und ihre Prophezeiung unfehlbar; es kam fast immer so, wie sie verkündet hatte. Wenn Abends die Fledermäuse flogen, dann schlichen die jungen Mäochen zu ihr. Sie wohnte dort, wo die letzten Häuser stehen, am Wege nach dem großen Kirchhof, und trieb ihr Gewerbe jahrelang voll ungeschwächter Anziehungskraft.

Uns Kindern schwand sie allmählich aus dem Gedächtnis, bis eines Winternachmittags, zwischen Weihnachten und Neujahr, 148 als draußen die Schneeflocken stiebten und der Sturm heulte, in unserem Mädchenkränzchen die Rede auf die Zukunft kam und wir mit einbrechender Dunkelheit beim Scheine einer Schiebelampe und zweier Stearinkerzen begannen, das Schicksal auf hergebrachte Art zu befragen – Wie? Was? Wen? Es wurden Apfelschalen geworfen und Buchstaben aus ihnen entziffert, wir ließen Schiffchen schwimmen und gossen Blei. Dann kamen die Karten dran. Das alte Stubenmädchen des Hauses – wir befanden uns bei Klärchen –, die eine Art Vertrauensposten innehatte (sie war bereits bei der Mutter des jetzigen Besitzers bedienstet gewesen), brachte uns grad die obligate Apfeltorte mit Schlagsahne, als wir uns um die Bedeutung eines krausen Stückchens Blei stritten, das die eine für einen Brautkranz, die zweite für einen Großvaterstuhl und die dritte gar für einen Reiter zu Pferde hielt.

»Das is ja alles man Unsinn,« meinte die alte Lisette, »wenn Sie was Ordentliches wissen wollen, müssen Sie Schinders Karlinchen fragen, es ist geradezu großartig, was die kann. Mich hat sie neulich wahrgesagt, alles, was mich passiert is im Leben, die Haare sind mich zu Berge gestiegen, so graulte ich mir. Aber dann hat sie gesagt, das Schlechteste läge hinter mich, das letzte Enne wär gut und freundlich – was kann man mehr verlangen? Ich bin ordentlich ruhig seitdem, denn was die sagt, is wahr, und der alten Wollmer hat sie ja vorigtes Jahr auch den Tod prophezeit.«

»Das war auch 'ne Kunst,« nahm eine von uns das Wort, »wenn die seit zwei Jahren an der Wassersucht lag!«

»Nee! nee, Frailainchen,« meinte Lisette überlegen im Hinausgehen, »so is's nich! Den Tod prophezeien, das is freilich keine Kunst, sterben müssen wir alle; aber Tag und Stunde, so daß die Wollmer den ollen Keßler hat kommen lassen und zu ihm gesagt: ›Meister, morgen über vierzehn Tage muß mein Sarg fertig sein, und nehmen Sie man gleich Maß, und ein Zollner fünf können Sie zugeben aufs Strecken.‹ Und dann auch richtig so sterben, Punkt Schlag neun Uhr Abends, wie Schinders Karline vorkündigt hat, das is doch eine Kunst, das macht sie keiner nach.«

151 Wir saßen da, sahen uns an und fürchteten uns ein bißchen. Es brannten dazumal noch keine elektrischen Lampen, und unheimlich schwarze Schatten lagen hinter jedem alten Möbel; es gab noch unbeleuchtete Korridore und dunkle knarrende Treppen und alte Öfen, in denen der Sturm das Buchenholz zur knatternden Glut blies, und unsere Großmütter und Mütter waren alle noch ein bißchen abergläubisch und glaubten an Ahnungen und Vorbedeutungen und manche gar an leibhaftige Gespenster. Die weiße Frau im königlichen Schlosse zu Berlin hatte noch niemand anzuzweifeln gewagt, und – na, kurz, es war noch höchst romantisch dazumal, romantischer als heute, wo man ganz einfach jedes Gespenst mit Röntgenstrahlen durchleuchten würde, um es auf seine Wesentlichkeit zu prüfen.

»Glaubt ihr daran?« fragte eine schüchterne Stimme.

»Nein!« sagten wir anderen sämtlich, denn die sogenannte Aufklärung war uns in der höheren Töchterschule eingetrichtert worden. Aber das »Nein!« war zögernd und kleinlaut.

Das Haustöchterchen fand endlich den Mut, zu sagen: »Man soll ja nicht daran glauben, aber manches ist doch so sonderbar. – Meine Großmutter behauptet, es gibt so etwas zwischen Himmel und Erde, sie hat's selbst erlebt, wie einmal« –

»Bei meiner Mutter ist auch 'mal eingetroffen,« unterbrach eine zweite, »sie hat's, was eine Wahrsagerin ihr prophezeite. Ganz genau hat sie meinen Vater beschrieben, und der lebte damals noch in Magdeburg und war mit keinem Fuß in hiesiger Gegend gewesen; und über den ›langen Weg‹ ist er zu Mutter gekommen, nämlich über England, wo er in einer Shoddyfabrik lernte, bevor er in Großvaters Fabrik kam.«

»Ich möcht's auch wissen,« meinte eine andere. »Wenn eine von euch bloß Courage hätte, ich ginge gleich mit zu Schinders Karlinchen.«

»Aber, wenn das unsere Eltern erfahren?«

»Ach was, wir tun doch nichts Schlechtes!«

»Lisette könnte ja mitgehen,« wisperte das schwarzlockige Haustöchterchen.

Drei oder vier von uns streikten entschieden, zuletzt blieben 152 nur noch zwei übrig, Klärchen und ich. Sie schlich in die Küche und verhandelte mit der alten Lisette. Klärchens Eltern waren ausgebeten, die meinigen ebenfalls, es stand gar nichts im Wege als das böse Wetter, das Lisette noch als letztes Bedenken hinstellte; aber dieses wurde mit dem Hinweis auf Gummischuhe und Regenschirm aus dem Felde geschlagen. Und richtig, in gruseliger Stimmung und mit lautem Herzklopfen, vermummt bis an die Nasenspitze, arbeiteten wir uns in dem Schneesturm durch die Gassen, über den Schloßplatz und zum Tore hinaus.

Der Weg führte am Wasser entlang, auf dem vereinzelte Eisschollen, wie wir beim Schneelicht deutlich erkennen konnten, langsam dahin schwammen; am jenseitigen Ufer auf der Wiese standen verkrüppelte Weiden, die sich in unheimlichen Gestalten von der Schneefläche abhoben. Die kleinen Häuser zur Rechten sahen wahrhaft tröstend aus mit ihren hellen Fensterchen, obgleich man wußte, daß dort Gesindel wohnt von der allerschlimmsten Sorte. Weiter vor uns hob sich terrassenförmig der Kirchhof empor, den Weg gleichsam sperrend; die Zedern und Zypressen lugten über die Mauer wie schwarze klumpige Gestalten, die ein weißes Tuch übergehängt hatten zum Schutz gegen die anstürmenden feinen Flocken. Ganz von fern klang das Bellen eines Hundes, sonst alles totenstill.

Das Häuschen von Schinders Karlinchen lag dicht an eine alte unbenutzte Kirche geschmiegt; ehemals hatte der Totengräber in ihm gewohnt, jetzt war ihm besseres Asyl geworden nahe der Grabkapelle, dicht an der Friedhofsmauer. In dieser verfallenden Kirche bewahrte man allerhand Gerümpel auf, alte Kreuze und Grabsteine, auf denen die Inschriften unleserlich geworden waren, Knochen und Schädel und wer weiß, was noch Grausiges. Als 153 wir noch Kinder waren, hatten wir zuweilen durch die schadhafte Pforte geblinzelt bei Spaziergängen, aber nie ohne das gehörige Gruseln. –

Hinter Karlinchens Fensterläden schimmerte Licht, das sah ordentlich anheimelnd aus. Der Weg vom Fußsteig bis zu ihrem Hause war sorgsam vom Schnee gereinigt, als erwartete sie Gäste.

»Lisette, wenn nun schon jemand bei ihr ist?« flüsterte Klärchen ängstlich.

»Leicht möglich! Na, wartet nur, ich werd' erst 'mal zugucken.« Lisette schob in ihrem weiten Mantel der Haustür zu und klopfte mächtig.

Sofort erlosch das Licht im Hause: alles blieb muckstill.

Nun nahm Lisette einen Stein, der, vermutlich zu diesem Zweck, auf der Türschwelle lag, und ballerte furchtbar an die Haustür. Darauf tat eine volltönende Frauenstimme die in meiner guten Stadt herkömmliche geistreiche Frage, sobald die Schelle der Haustür klingt: »Ist da wer?«

»Jawohl! Machen Sie man 'mal auf!« antwortete Lisette, »man verklamt ja hier draußen.«

»Was wollen Sie denn?«

»Na, dhun Sie man nich so! Wir wollen wat wahrsagt hebben.«

»Ach so! Na, ick komm glick.«

Es dauerte nicht lange, da schob sich der Riegel der Türe zurück und wir konnten eintreten in den kleinen Flur, der zugleich Küche war und Stall, denn im Hintergrunde lag auf sauberer Streu eine Ziege und in einem abgegitterten Raume hockten einige Hühner auf Stangen. Rechts führte eine Treppe, die wie eine etwas verbesserte Leiter aussah, in das Giebelgeschoß. Auf dem Herd brodelte ein Wasserkessel, und der Duft von Zichorienkaffee, vermischt mit dem Geruch getrockneter Kräuter und des Ziegenstalles, schwebte über dem Ganzen, das notdürftig beleuchtet wurde von einer grün lackierten Öllampe. Schinders Karlinchen aber hielt diese Lampe und sah aus ihrem funkelnden Sehwerkzeug halb mißtrauisch, halb neugierig auf uns herab.

Sie war eine volle mächtige Gestalt. Das rote Haar, unter 154 einem Kopftuch lose aufgesteckt, umrahmte ein blasses Gesicht, dessen rote Lippen über zwei Reihen blendender Zähne lächelten. Sie war sehr sauber und mit einer gewissen Koketterie angezogen, wenigstens erinnere ich mich, eine blitzende Kette über dem dunkeln Spenzer, sowie eine riesige Brosche, in die Korallen eingelegt waren, gesehen zu haben. Sie trug eine buntgestreifte Schürze, den Zipfel halb zurückgeschlagen, und darunter noch eine feinere, ganz helle über dem kurzen Beiderwandrock. Die Füße steckten in zierlichen Pantoffeln.

»Ach so,« sagte sie zu Lisette, »das sind Sie? Sind lange nich hier gewesen.«

»Ich mag nich genau wissen, wann ich sterbe, un das andere haben Sie mich doch all gesagt!« antwortete diese.

»Nu, nu,« meinte Karline begütigend, »zum Sterben hat's jawoll noch gute Wege bei Ihnen. Bitte, meine Fräuleins, treten Sie man näher.« Sie öffnete die Tür zu einem Stübchen, in dem ihr Bett stand, ein Tisch zwischen den Fenstern, ein paar Stühle und ein Schrank. Ein altes Umschlagetuch 155 war über beide Fenster gehangen, im Bauer plusterte ein erschreckter kleiner Vogel, eine Wanduhr tickte. Karline stellte die Lampe auf den Tisch, zog den Tischkasten auf und holte zwei Spiele schmutziger Karten hervor. Dann jagte sie eine Katze aus dem schäbigen Großvaterstuhl am Ofen und bot mir den Platz an, während Klärchen an den Tisch geführt wurde, auf dem Karline die Karten auszulegen begann.

Ich weiß nicht mehr, was für großartige Dinge sie gesagt hat, einiges ist ja wohl eingetroffen, weil es Dinge waren, die das allgemeine Menschenlos mit sich bringt. Es gibt Briefe und Ärger, Krankheiten, Veränderungen und kleine Reisen; daß Klärchen sich verheiraten würde und fortziehen aus der Heimat, das war am Ende auch nichts Unwahrscheinliches.

Mitten im Prophezeien meiner Lebensschicksale wurde die Prophetin gestört, ich erfuhr also nichts Bemerkenswertes. Während sie nämlich im halblauten Gemurmel war, ertönte draußen vor dem Hause das klägliche Miauen einer Katze, das Karlinchen, wie mir schien, in alle Glieder fuhr. Sie hielt lauschend inne, eine graue Blässe überzog ihr Gesicht, und als sich gleich darauf der Katzenschrei wiederholte, sagte sie, sich offenbar zusammenraffend, zu mir: »Dat verdammte Viecher is 'mal wedder uthüsig west! Warten Se man einen Augenblick, ick will 'mal rutergucken.«

Sie verließ das Zimmer: wir hörten sie die Haustür öffnen, und es war uns, als vernähmen wir leises, hastiges Geflüster. Lisette saß wie ein Wachsbild auf ihrem Stuhl, dem Gesichtsausdrucke nach fürchtete sie sich.

»Woll'n wir doch man lieber gehen, Fräulein?« sagte sie halblaut, fast heiser.

Uns war es auch nicht geheuer. Wir hatten uns an der Hand gefaßt und schlichen hinter Lisette her der Stubentür zu, aber wie der alte brave Hausdrache öffnen wollte, war die Türe verschlossen. Oben, über unseren Köpfen, hörten wir geheimnisvolles Rascheln, in das sich das Pfeifen und Brausen des Sturmes mischte, der mit verstärkter Gewalt losgebrochen war. Ganz entsetzt sahen wir uns an. Endlich erfaßte Lisette grimmig abermals 156 die Türklinke, um daran zu rütteln, da gab diese nach und Karlinchen stand vor uns. Noch lag die Blässe auf Wangen und Lippen, aber sie lächelte, und zwar so, daß sie unheimlich aussah, das Gesicht verzerrt.

»Die oll Katz,« sagte sie zu Lisette, »lett kein Ruh, bis man upmakt. Wat hedd so 'n Vieh in Snee herum to ramenten. – So, darf ich bitten, Fräuleins?«

Aber wir erklärten einstimmig, wir müßten nun gehen, kämen ein andermal wieder. Karlinchen redete zwar zu, aber vergeblich, wir opferten, unter Lisettens Versicherung, daß die Herren Papas keinen Spaß verständen, unsere zwei Gutegroschen und stapften in den Schnee hinaus, eng aneinander geschmiegt, den leise schimpfenden weiblichen Cerberus zur Seite.

Vor der Schwelle zeigte der Schnee die Stapfen eines großen Männerfußes, aber so, als wäre hier jemand mit bloßen Füßen gegangen. Auch den ganzen Weg zurück kamen diese Spuren uns entgegen, aber unregelmäßig, als wäre der Mensch gesprungen, und als habe jemand mit den Füßen gescharrt, um die Spuren unkenntlich zu machen.

»Hängen lass' ich mich,« erklärte Lisette, »wenn das eine Katze gewesen is, die da geschrieen hat! Herr Gott, Fräuleins, erzählen Sie doch man nichts, daß wir bei Schinders Karline gewesen sind! Der Papa wirft mich sonst morgen aus dem Hause.«

Wir fühlten uns wie erlöst, als wir wieder in den Straßen der Stadt waren und helle Fenster sahen und freundliche Menschenstimmen hörten in unseren Stuben.

Am folgenden Tage aber kam der größte Schrecken nach: in der Stadt verbreitete sich nämlich die Kunde, Breidling sei Abends zuvor ausgebrochen aus dem Gefängnis, auf schier verwunderliche Art, und daß er zunächst seinem alten Schatz einen Besuch gemacht habe, wie dies auch von Karlinchen bei der alsbald nach Entdeckung der Flucht unternommenen Haussuchung unverhohlen zugestanden sei.

Man hatte sie selbstverständlich verhaftet, aber sie beharrte bei ihrer Aussage, daß sie dem Lumpen nur gerad so viel Rast bei sich gegönnt habe, um Strümpfe und Schuhe anzuziehen und 157 sich durch einen Schluck Kaffee zu stärken; nachher sei er in die Schneenacht hinausgewandert, und irgendwo werde man den Unglücksmenschen schon finden, verklamt oder erfroren, denn bei solchem Wetter bleibe ja nicht einmal ein Vieh lebendig.

Man fand aber Breidling nicht, niemals hörte man wieder von ihm. Einige wollten wissen, er habe irgendwo in den Harzwäldern Geld versteckt gehabt und sei damit nach Amerika entkommen, aber verbürgt ist nichts darüber.

Uns aber wurde es klar, daß der Katzenschrei das Zeichen des gefürchteten Räubers gewesen war, und wir standen am nächsten Nachmittag bei der alten zitternden Lisette in der Küche von Klärchens Mutter und klapperten nachträglich vor Angst mit den Zähnen. »Hätte uns der Kerl ja totschlagen können wie die Mäuse,« stöhnte die Alte. »O Gott! o Gott! Sagt doch man nichts, liebe Fräuleinchens!«

In den Annalen unserer Stadt bildete die Flucht Breidlings ein berühmtes Ereignis. Er hatte sich mit nackten Füßen durch die Esse emporgearbeitet, zu einer Zeit, als noch alles auf den Beinen war im Gefangenenhause. Der rasende Schneesturm ward ihm zum Verbündeten bei seinem halsbrecherischen Wege über Dächer und Mauern.

Wären wir etwas früher aus Karlinchens Hause fortgegangen, wir hätten dem schaurigen Helden unzähliger Einbrüche und einiger Mordtaten auf dem einsamen Wege begegnen müssen, ja vielleicht auf Karlinchens Schwelle – ein Gedanke, der noch lange nachher 158 unsere Nerven schüttelte. Erst viel später haben wir uns dieses Streiches gerühmt; Lisette lag schon im Altweiberstift auf dem Friedhof und konnte keine Schelte mehr bekommen.

Schinders Karlinchens wurde nach gebührender Frist aus der Haft entlassen und bezog ihr Häuschen wieder. Sie »sagte wahr« und lebte still vor sich hin, die hochlöbliche Polizei fand keinen Anlaß, sich einzumischen. Da kam der Krieg 1870.

Unser Regiment zog eines Morgens mit klingendem Spiel ins Feld. Die ganze Stadt war auf den Beinen, ein jeder wollte den braven Jungen seinen Abschiedsgruß gönnen. Man hörte nichts als den munteren Marsch der Regimentsmusik und das taktmäßige Schreiten der Soldaten; es war ein leicht verschleierter Morgen und die Leute auf den Gassen winkten mit stummen Grüßen. Keiner hatte das Herz, »Auf Wiedersehen« zu rufen.

Da auf einmal ein lautes »Hurra!« von der Straßenecke her, wo das Ende der Kolonne soeben eingebogen ist, das Schreien und Rufen übertönt die schon ziemlich ferne Musik. Die ganze Straßenjugend kommt wie die wilde Jagd daher auf klappernden Holzpantoffeln: »Hurra! Schinners Karline! Nu hebben wi all wunnen, nu kann dat Vaderland ruhig sin, nu riten de Franzosen ut – Hurra – Schinners Karline!«

Hinter dem letzten Wagen der Truppe fuhr der Kantinenwirt, der sein Regiment nicht verlassen wollte, in einem Planwägelchen; zwei muntere Pferdchen, die keine Ahnung haben von den Gefahren, denen sie entgegengehen, zügelt er vom Bocke aus, und neben Herrn August Neumann thront im drallen Kattunspenzer, das rote Haar sittsam unter einem blauen Kopftuch versteckt, das ihre Stirn beschattet, Schinders Karlinchen als Marketenderin. Ohne mit der Wimper zu zucken, sitzt sie neben August um »mitzumachen« und achtet des Spottens nicht.

»Adjes, Karlinchen!« scholl es, »lat di nich dodtscheiten!«

»Ach, wat hängen sall, versupt nich!« So tönte es ihr nach.

Sie ist nicht wiedergekommen. Bei Sedan traf eine französische Kugel sie, als sie einen unserer Braven, einen Schwerverwundeten, aus dem Bereiche der Geschosse tragen wollte. Es fand sich ein Testament von ihr vor. Sie vermachte bare 161 dreihundert Taler und ihr Häuschen der uralten Mutter des Breidling, die im Armenhause lebte und die letzten drei Jahre ihres Lebens dazu benutzt hatte, Schinders Karlinchen täglich zu verfluchen als Ursache von ihres Sohnes Verderbnis.

Hiernach wurde sie still und verzehrte einen Taler nach dem andern von ihrer Erbschaft, und als noch zehn davon übrig waren, starb sie.

Schinders Karlinchen erwarb sich mit ihrem Heldentode noch die gute Meinung der Leute. »Courage hatt se doch,« sagten sie –

Ein ungleich friedlicheres Original war Blandine. Ein dürres, kleines altes Weibchen mit einem Gesicht, das aus lauter Lächeln gemacht war und Hunderte von Fältchen um die gutmütigen Augen hatte. Sie trug gewöhnlich ein Kleid von blau und braun geblümtem Wollstoff, nach Großmutterart mit kurzer Taille und mächtigen Puffärmeln: auf dem Haupte eine braune Perücke mit glattem Scheitel, die über den Ohren in breite viersträhnige Flechten überging, welche am Hinterkopf mit einem riesigen Schildpattkamm zu kunstvollem Kauz aufgesteckt waren. Die Stirn schmückte ein schmales seidenes Band, das gerade über der Nase ein goldenes Schildchen hielt, auf dem das Wort »Mutterliebe« eingraviert stand. Eine Haube, wie sie sonst ältere Personen tragen, verschmähte dieses wunderliche sechsundsiebzigjährige Frauenzimmer. Dafür aber trug sie ein schwarzes Taffetschürzchen, weiße Strümpfe, kleine schwarze Schuhe mit kreuzweise gebundenen Bändern und auf der Straße einen Hut aus grüner Seide und ein altmodisches faltiges Mäntelchen, das im Sommer einem Umschlagetuch wich.

In einer abgelegenen Straße, dicht an der Stadtmauer, lag das »Weingartenspittel«, eine Heimstätte für alte Frauen, die im Kampfe des Lebens müde und mürbe geworden. Über dem Eingang des großen zweistöckigen Gebäudes war eine Weintraube in Stein gemeißelt. Im ehemaligen Wallgraben hinter dem Hause befand sich der wunderhübsche Garten mit köstlichen Johannis- und Stachelbeerbüschen und weißblühendem Flieder. Die alten Weiblein zogen ihre Küchenkräuter dort und saßen in altmodischen grün 162 umlaubten Gartenhäuschen während der heißen Sommernachmittage, strickend und nickend. Er hatte etwas Wehmütiges, dieser Garten, in dem die Zentifolien so üppig blühten und die Greisinnen durch ihren Anblick sinnen machten im Andenken an ihre Tage der Rosen, die so weit, weit lagen. Eine Stimmung schwebte über dem ganzen Anwesen wie Abendrot, dem die Schatten der Nacht bereits folgen, Feierabendstimmung, müder, wohliger Friede.

Im Hause war es kühl zur Sommerszeit und warm im Winter. Die alten Frauen hatten es gar gemütlich in ihren kleinen Zimmerchen, deren jede zwei besaß, einen Wohn- und einen Schlafraum. Eine jede hatte ferner einen erhöhten Fensterplatz, auf dem sie strickend oder spinnend saß und zwischen den Asklepiablättern hindurch auf die Straße sehen konnte. Eine jede hatte ein paar verblichene Bilder an der Wand und im Schrank ein Kästchen mit 163 Erinnerungen, aber so viele Raritäten wie Blandine besaß keine.

In meinen Backfischjahren war ich wie toll darauf, Mutter Schumann zu besuchen. Möglich, daß ich ihr lästig gefallen bin mit meiner Neugier, gezeigt hat sie es mir nie. Sie herzte und streichelte mich mit den welken Händen und war stets bereit, mir Auskunft zu geben, wenn ich, im Zimmer umhergehend, alles betrachtend, sie um etwas fragte, das mir just auffiel.

Blandine, so romantisch hieß sie wirklich, trug den gewählten Namen mit Recht. Sie war die Tochter des Schloßkastellans von S., der Residenz eines unweit meiner Vaterstadt gelegenen kleinen Fürstenhauses, und in dem alten spukhaften Bergschloß, in welchem noch aller Überschwang, die ganze Sentimentalität der Sturm- und Drangperiode webte, wuchs sie auf. Die schöngeistige alte Fürstin, die ebenso schöngeistigen Hofdamen hatte Blandine zwar immer nur von fern erblickt, aber sie hatte, gleich ihnen, an den Liebestempeln und Freundschaftsurnen im Park geseufzt und sich mit hinsterbender Romantik förmlich vollgesogen. Als dann der Leihbibliothekar Schumann aus O–burg ihren Vater besuchte, der ein Vetter von diesem war, lernte er Blandine kennen und war angenehm überrascht, eine Demoiselle in ihr zu finden, welche die ganze Literatur jener Zeit kannte und eventuell auch zitieren konnte. Rasch entschlossen hielt er bei dem Vater um das junge Mädchen an, obgleich er zwanzig Jahre mehr zählte als sie und obenein Witwer war.

Blandine hatte einen andern vom Schicksal erwartet. Ihre Fassungslosigkeit bewies wenigstens, daß er ihrem Ideal nicht entsprach, aber da das Schicksal ihr bis jetzt nicht einmal von ferne einen andern gezeigt hatte, dachte sie an die vielen schönen Bücher, in deren Mitte sie künftig leben sollte, schlug die Augen nieder und lispelte ein verschämtes »Ja!«, wie es dazumal comme il faut war.

Glücklich war die Ehe nicht geworden. Der »selige Schumann«, trotzdem er mitten in der schönen Literatur saß, war entsetzlich materiell und geradezu gewesen und hatte absolut kein Verständnis für den himmelblauen Idealismus seiner jungen Frau. Blandine 164 litt klaglos, wie sie allen versicherte, stopfte seine zerrissenen Socken und ertrug schweigend die Zornausbrüche über angebrannte Saubohnen mit Speck, die, entsetzlich genug! sein Lieblingsgericht ausmachten. Die Nachbarn liefen mitunter zusammen, so blitzte und donnerte es bei Bibliothekars, und oftmals fanden sie die junge Frau vor der Haustüre stehend, die sie nicht wieder zu öffnen wagte, nachdem sie geflüchtet war, und lachten sich heimlich schief ob deren poetischer Klage über den »rauhen Gatten, der die Harmonie ihrer Seele trübe«, denn so sprach sie ungefähr.

Es wurde erst friedlicher, als ein Sohn geboren ward. Gelegentlich der Taufe kam der letzte große Krach. Blandine wollte ihn Leontes nennen und der Vater bestand auf Christian, ausgesprochen: »Krischan«. Auch hier mußte sie der rohen Gewalt weichen.

Der »selige Schumann« aber fand schließlich zum allgemeinen Besten und weil er es satt hatte, angebrannte Saubohnen zu essen, einen Ausweg: er nahm seine alte Schwester wieder ins Haus, welche die Wirtschaft führen mußte, und Blandine wurde lediglich für das Geschäft verwandt, allwo sie stets mit dem kleinen Krischan zu finden war, der Ehegemahl höchstselbst ergab sich dem Studium der heimischen Bierbrauereien.

Hier im Laden pries sie mit gewählten Worten ihre Bücher an, und Fremdwörter waren ihre schwache Seite. Ihre Sentimentalität wirkte hochkomisch, so daß es an Lesekunden nicht fehlte. Zahllose Histörchen gab es von ihr: so hatte sie eines Sommerabends in den Flitterwochen mit ihrem Gatten vor der Haustür gesessen, als hinter den Giebeln des alten Schlosses der Mond aufstieg. und sollte sich an ihn lehnend schwärmerisch gehaucht haben: »Geliebter, sieh wie Luna droben lächelt!« Und er hatte gegähnt und die schnöden Worte gesprochen: »Ach, lat em lachen!« Sie sprach auch von »Joethens Ephijenige« und Scotts »Quentchen Dhorwart«. Die »Beinkleider« des Herrn von Bredow gab sie nur unter holdem Erröten, selbst noch als sie bereits eine ältere Frau war. Keine Macht der Erde hätte sie dahin gebracht, dieses Buch zu lesen; sie war überzeugt, es sei »uneßtheetisch«. Dagegen schwärmte sie für Werther, für die schwülstige Erzählungsart eines Miller, dessen »Siegwart« ihr 165 Tränen erpreßte, und diesen verwandte Erzeugnisse, besonders aber für Ritter- und Räubergeschichten. Je herzbrechender die Titel waren, desto dringender empfahl sie die Bücher dem Lesepublikum.

Der Junge wuchs zwischen diesem Vater und dieser Mutter zu einem sonderbaren Kräutlein auf. Vollgepfropft von Empfindsamkeit einerseits und anderseits von Speck und Saubohnen, von dem einen »Leontes« angehaucht, von dem andern »Krischan« angebrüllt, wußte er bald selbst nicht mehr, was er vorstellte. Die Mutter wollte ihn mit wallendem blonden Haupthaar sehen, der Vater ließ ihn heimlich »ratzekahl« scheren. Auf dem Gymnasium rief man ihm die Bonmots seiner Mutter nach, über die er mit Fäusten quittierte, und schließlich kam ein Tag, wo man ihn vergeblich suchte. Erst nach einem Vierteljahr erfuhr man, daß er sich in Hamburg als Schiffsjunge auf einen Ostindienfahrer hatte anwerben lassen, was ja damals noch möglich war, jedenfalls um der Vielseitigkeit seiner elterlichen Erziehung zu entgehen. Er war fort, und ob er je wiederkehren würde, das konnte Gott allein wissen.

Vater Schumann alterierte sich so, daß dieser Ärger, im Verein mit seinen Bierstudien, einen Schlagfluß zuwege brachte an demselben Tage, wo er erfuhr, welchen Weg sein Sohn eingeschlagen hatte. Blandine beklagte und beweinte ihr doppeltes Unglück und erzählte ihren Kunden in wohlgesetzten Worten von ihrer Verlassenheit und sagte, sie fühle, wie es im Gedichte heiße: 166

»O bitteres Los! Wohl hab' ich nie beim Scheiden
So tiefes Weh, so harten Zwang gewußt,
Als selbst den Trost des letzten Worts zu meiden. –«

Und anderen gegenüber nannte sie sich Noibe, womit sie wohl Niobe meinen mochte.

Sie verlieh ihre Bücher weiter, begann eine Lebensgeschichte von sich zu schreiben, die leider der Nachwelt verloren gegangen ist, und bedauerte nur immer und immer wieder, daß ihr Leontes sich durch diese Flucht eine klassische Bildung verscherzt habe, da er ja doch so große Talente besaß und schließlich auch namhafte »Stupendien« für die »Uneversität« gehabt haben würde, denn ein einziger Fußfall bei Serenissima würde genügt haben, ihm besagte »Stupendien« zu verschaffen.

Blandine Schumann begann nun mit allerhand schönen Künsten ihr leeres Dasein zu schmücken; sie zeichnete, dichtete und sang, und nach abgelaufener Trauerzeit spielte sie in dem Dilettantenverein »Thalia« Theater. Diese Zeit lag allerdings weit zurück; als ich Blandine kennen lernte, war sie eine alte Frau, wie ich sie oben beschrieb.

Sie zeigte mir einmal ein Blatt, eine Bleistiftstudie, ein ganz wunderliches Krickel-Krackel, darunter hatte sie geschrieben: »Felsreformation aus dem Erlental«. Erst als sie die nähere Erklärung dazu gab, erfuhr man, daß sie »Formation« gemeint hatte.

Blandine, die mit dem Alter immer redseliger geworden war, verkaufte, als beharrlich keine Kunde von dem Sohne zu ihr drang, schließlich die Bibliothek – der Geschmack des Publikums war ohnehin »volgär« geworden, und bezog ihre Stiftsstelle im Weingarten. Hier war es auch, wo ich sie näher kennen lernte und mich zu dem seltsamen Wesen hingezogen fühlte; vielleicht ihrer wunderbar kindlichen Augen, vielleicht auch des nimmermüden Quells ihrer Erzählungen halber. So manchen Nachmittag habe ich in dem Spittelstübchen der Alten gesessen und ihrem zittrigen Gesang zugehört, den sie auf dem Spinettchen begleitete, das so wunderlich dünne, klirrende Töne hatte: 167

»Guter Mond, du gehst so stille
Durch die Abendwolken hin,
Gehst so ruhig, und ich fühle,
Daß ich schrecklich einsam bin. –«

Das sang sie am liebsten. Schrecklich einsam! Ja, das war sie, aber sie schmückte ihre Einsamkeit aus.

Sie hatte sich in der Erinnerung ihren Seligen zurechtgestutzt zu einem Charakter, der dem Helden ihres Lieblingsromanes glich, augenrollend, wutschnaubend, aber unendlich ritterlich, gerecht, zartfühlend. Ihr Leontes wurde zu einem begeisterten Forscher fremder Weltteile, dessen frühes Grab sie sich in einem Urwald vorstellte, malerisch umrankt von Lianen und sonstigen Schlinggewächsen. Eine indische Fürstentochter in golddurchwirkten Musselingewändern naht bei Lunas keuschem Lichte und begießt diese Stätte mit ihren Tränen, sie hat ihn natürlich geliebt!

Nein, diese Phantasie! Dazu duftete es aus der Porzellanvase, die sie ihren »Postpurry« nannte, so wunderlich süß nach welken Blättern, und zur Erfrischung gab es Holundermilch, die so mild und blumig schmeckte, alles ganz passend zueinander. Ich hätte mir Blandinens Bewirtung auch gar nicht anders vorstellen können, als aus so ungewöhnlichen Sachen. Sie buk kleine Kuchen, die sie »Seladons« nannte, und machte einen Likör aus Rosenblättern, der »Doppelte Liebe« hieß. Noch höre ich, wie sie ihren Sohn zu beschreiben pflegte, und jedesmal fügte sie hinzu: »Ich brauche ja nur den Leontes des Dichters zubeschreiben – so war er auch.« Und dann deklamierte sie: 168

»Er blühte hold in seinen jungen Tagen,
Sein Haar war blond, die Lippe sanft geschwellt.
Ein kühnes Herz schien diese Brust zu tragen,
Und Mild' und Kraft auf dieser Stirn gesellt.
Wohl mochte man beim ersten Anblick fragen.
Ist dies Apoll, der Hirt; ist's Mars, der Held?
Doch sah man bald, daß solch ein lichtes Auge
Zum Leuchten wohl, doch auch zum Blitzen tauge.«

Natürlich mit ganz falschem Pathos. Aber wie staunte ich sie an, wie bedauerte ich, daß diese Blüte der Menschheit mir verloren gegangen war, obgleich meine Großmutter versicherte, Leontes-Christian sei ein dicker untersetzter Bengel mit Stülpnase und strohblond gewesen.

»Er wäre so alt wie Ihr Herr Vater,« schloß Blandine seufzend, »ach – es stirbt als Knabe, wen die Götter lieben.«

So malte, sang und seufzte sie ihr einsames Alter hin; das kleine Gesichtchen schrumpfte immer mehr zusammen, ihr Kleid saß lose und schlotterig und war abgenutzt, aber noch immer blitzte hell das goldene Schildchen mit der »Mutterliebe« auf ihrer Stirn; sie hatte es von ihrer Mutter zur Feier der Konfirmation erhalten.

Eines Tages besuchte uns ein Jugendfreund meines Vaters, ein Maler; beim Spazierengehen trafen wir Blandine, die, ein Gießkännchen in der Hand und in ihrer ganzen verschollenen Pracht, dem Kirchhofe zuwanderte, gefolgt und verhöhnt von so und so viel Straßenjungen. Wir nahmen uns ihrer an, wofür sie mit einem altmodischen Knicks tief untertauchte und »oblischiert« war. Der Maler aber ward ganz begeistert und schwur, uns nicht eher zu verlassen, als bis er das »kostbare alte Stück« gezeichnet habe.

Ich führte ihn ein bei ihr. Sie saß ihm mit größtem Vergnügen, und er war so hingerissen von der »Echtheit dieses Modells«, daß er ihre ganzen Sonderbarkeiten, selbst die Holundermilch in Kauf nahm und die »Bezauberte Rose« von A bis Z anhörte, die sie aus dem Gedächtnis deklamierte.

»Echt! echt! großartig!« murmelte er, und nicht gar lange 171 dauerte es, da prangte Blandine in einer weit verbreiteten illustrierten Zeitschrift.

Es stand nur darunter: »Blandine«. Das Bild aber war wirklich köstlich. Der Künstler hatte das gute, wunderliche, runzelvolle Antlitz unter der braunen Perücke vollendet wiedergegeben, auch das Stirnband mit der »Mutterliebe« fehlte nicht.

Der Zufall wehte diese Zeitung über das große wogende Meer in ein fernes Land und in das Haus eines Deutschen, der seine Heimat und Mutter heimlich verlassen hatte vor länger als vierzig Jahren, Krischan Schumann hieß der Deutsche. Da packte ihn ein wunderliches Gefühl: er nahm seines Sohnes zehnjähriges Töchterlein und reiste mit ihm in die alte Heimat. Ein in harter Arbeit erstarrter, schweigsamer Mensch war er drüben geworden im Kampfe ums Dasein. Die ganze Knorrigkeit des alten Bibliothekars hatte er geerbt, auch dessen Äußeres, aber das zierliche Enkelkind mit dem langen kastanienbraunen Haar und den blauen Augen, das mochte wohl an Blandine erinnern.

So standen diese zwei Fremdlinge eines Tages vor dem Altweiberspittel in der stillen Straße, und Blandine Schumann lugte hinter den Asklepiablättern hervor und wunderte sich, wer das wohl sei. Niewand war da, der die alte Frau hätte vorbereiten können, und so trat plötzlich der breite knorrige Mann unvermittelt vor sie hin, sah die kleine wunderliche Gestalt an und sagte mit leiser Stimme und zuckenden Lippen: »Mutter!«

Sie schüttelte den Kopf, sie kannte ihn nicht, verstand ihn nicht.

Da schob er die Kleine vor: »Das ist deine Großmutter, Kind!«

Mit angstvollen Augen starrte die alte Frau auf das zierliche Geschöpf, dann richtete sie sich auf in ihrem Stuhl und rief wie jammernd: »Zu spät! Zu spät!«

Es waren ihre letzten Worte – Leontes-Krischan konnte seine alte Mutter nur noch begraben.

Er kam vor seiner Abreise zu uns und brachte mir im Auftrage der Verewigten ein abgegriffenes Büchelchen. Es war »Die bezauberte Rose«.


172 Das sind Gestalten aus der Zeit, da die Acht neben der Eins stand: kleine unscheinbare Tröpflein in der Flutwelle des Jahrhunderts.

Nun ist die Neun neben die Eins getreten und nimmt uns auf in ihre heranrauschende Flut, in der wir vergehen werden. Noch aber leben wir und sehen staunend, was Menschengeist ersonnen und erreicht hat, und harren ehrfurchtsvoll erschauernd noch größerer Offenbarungen, die uns das neue Jahrhundert bringen wird.

Eines aber bringt es nicht, solche eigenartig harmlose Menschen wie die, die ich eben geschildert habe, die es verstanden, auf ihre Art da zu sein.

Die Originale, die sterben aus.

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